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Der Gangsterfilm ist ein Filmgenre, das dem Kriminalfilm untergeordnet wird. Kennzeichnend fĂŒr das Genre ist die Schilderung von illegalen AktivitĂ€ten, wobei der soziale und/oder psychische Werdegang der Verbrecher, oft im Zusammenhang mit ganzen Verbrecherorganisationen, im Mittelpunkt steht. Der Gangsterfilm hatte seine BlĂŒtezeit in den 1930er-Jahren in den USA und entwickelte sich seitdem in verschiedene Richtungen.
Inhaltsverzeichnis |
Das Genre des Gangsterfilms ist ein weites Feld, in dem der so genannte classic circle, der die Filme Der kleine Caesar, Der öffentliche Feind und Scarface beinhaltet, jedoch als Kernelement verstanden wird. Darin wurden eine Reihe von thematischen, ikonographischen und ideologischen Standards gesetzt, die fĂŒr sich bereits als âGenremerkmaleâ verstanden werden könnten. Um die ĂŒber 75-jĂ€hrige Geschichte des Gangsterfilms aber voll erfassen zu können, dĂŒrfen diese Standards nur noch als Referenzpunkt gesehen werden, von dem aus zahlreiche Variationen entstanden sind.[1]
Als Untergenres des Gangsterfilms werden hÀufig der Heist-Movie und der Serienkillerfilm angesehen.
Nach dem Zerfall des Studiosystems in den 1970er-Jahren erscheinen diese Klassifizierungen mehr als kĂŒnstlich. Vielfach wurden seitdem frĂŒhere Themen aufgegriffen und in nostalgischer Weise verfilmt (etwa Jagd auf Dillinger, 1973) oder neu erfunden. Mit Der Pate (1972) entstand erstmals ein Gangsterfilm epischen AusmaĂes. Auch in die Blaxploitation-Filme floss viel vom Gangsterfilm ein.
Eine besondere Vorliebe fĂŒr Gangstergeschichten hatten die Regisseure des Neuen Deutschen Films:
Zwar fanden die frĂŒhesten Gangstergeschichten noch im Wilden Westen statt (Der groĂe Eisenbahnraub), doch schon bald fokussierte das Geschehen auf die GroĂstadt. Dieser Ort ist nicht nur gekennzeichnet durch Industrie und Massenwaren, sondern auch durch AnonymitĂ€t verbunden mit individueller Freiheit â beste Voraussetzung fĂŒr das Treiben verbrecherischer Banden.
Die frĂŒheren Gangsterfilme waren ein Abbild der Zeit, zu der sie gedreht wurden, meist eng verwoben mit der Alkoholprohibition und der Weltwirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten. Beliebte SchauplĂ€tze waren neben der offenen StraĂe vor allem hinterhofartige Spelunken, in denen illegal GetrĂ€nke abgefĂŒllt und PlĂ€ne geschmiedet wurden, Ă€hnlich den damaligen Speakeasys. Ab den spĂ€ten 1930er-Jahren jedoch, also quasi ab Kriegsanfang, bot die Gegenwart weniger Anreize zu Gangstergeschichten, sodass vermehrt die Ikonographie der klassischen Ăra aufgegriffen wurde, beispielsweise in Bonnie und Clyde (1967).
Ein zentraler Aspekt aller Gangsterfilme ist das jeweils beschriebene soziale GefĂŒge, von dem sich weitergehende Deutungen ableiten lassen. Die Bande, in die sich der Gangster einfĂŒgt, ist dabei oft Spiegel oder Modell der Gesellschaft. So können Gangsterbanden bestimmte ethnische Gruppen, Jugendcliquen, oder Familien darstellen, doch auch Liebespaare und EinzelgĂ€nger treten als Verbrecher in Erscheinung. Die Gang in Der öffentliche Feind (1931) fungiert als streng gefĂŒhrte Arbeitsgemeinschaft, in der sich jeder einbringen kann und im Gegenzug von den anderen Mitgliedern geschĂŒtzt wird â etwas, das die rechtschaffene Gesellschaft der Prohibition nicht bieten konnte.[3]
Gangsterfilme fragen fast immer nach den GrĂŒnden, warum ein Mensch zum Verbrecher wird. Neben wirtschaftlichem Abstieg zĂ€hlen zu den wichtigsten AnsĂ€tzen etwa falsche Moral, EinflĂŒsse in der Kindheitsentwicklung, auslĂ€ndische Herkunft der Gangster (die Hauptfiguren der drei Klassiker Der kleine Caesar, Der öffentliche Feind und Scarface stammen allesamt aus katholischen Einwandererfamilien) oder einfach unglĂŒcklicher Zufall. Allen gemeinsam ist eine Abweichung von sozialer Norm, und somit fordert der Gangsterfilm indirekt eine Einhaltung dieser Norm, damit man selber nicht zum Verbrecher werde. Urtypisch ist die Aussage des klassischen Hollywood-Gangsterfilms: Verbrechen zahlt sich nicht aus.[4]
Diese Aussage wurde zu den Zeiten des Production Code krĂ€ftig gestĂŒtzt: Oft gingen den Filmen warnende Texttafeln voran, die eine Glorifizierung der Verbrecher von der Hand zu weisen versuchten, so zum Beispiel in Scarface (1932), der kurzfristig sogar den Untertitel Shame of the Nation (Schande der Nation) verpasst bekam.
âThis picture is an indictment of gang rule in America and the callous indifference of the government to this constantly increasing menace to our safety and our liberty. Every incident in this picture is a reproduction of an actual occurrence, and the purpose of this picture is to demand of the government: âWhat are you going to do about it?â The government is your government. What are YOU going to do about it?â
âDieser Film klagt die Macht der Banden in Amerika an, und die gleichgĂŒltige Haltung der Regierung gegenĂŒber dieser wachsenden Bedrohung unserer Freiheit und Sicherheit. Alle Ereignisse in diesem Film beruhen auf wahren Begebenheiten. Der Film fordert die Regierung auf, endlich etwas zu unternehmen. Die Regierung habt ihr gewĂ€hlt! Was gedenkt IHR zu tun?â
Nimmt man die bloĂe Darstellung eines Verbrechens als Kriterium, ist Der groĂe Eisenbahnraub (1903), bekannt als erster Western der Filmgeschichte, der erste Gangsterfilm. Doch die Verbrecherbanden der GroĂstĂ€dte, die ein essenzieller Bestandteil der kommenden Filme sind, stehen vermutlich erstmals in D. W. Griffiths The Musketeers of Pig Alley aus dem Jahre 1912 im Mittelpunkt. Im europĂ€ischen Film waren die Serienhelden des Franzosen Louis Feuillade â FantĂŽmas (1913/14) und mehr noch die Verbrecherbande Les Vampires (1915) â die ersten Vertreter des Genres. Viele stilistische Merkmale des spĂ€teren Gangsterfilms wurden dann auch in Fritz Langs Dr. Mabuse, der Spieler (1922) vorweggenommen â neben SchieĂereien und Verfolgungsjagden beispielsweise die dĂŒstere Bildgestaltung.
Einen weiteren Schritt machte Josef von Sternberg im Jahre 1927, als er seinen Film Unterwelt prÀsentierte. In ihm werden erstmals deutliche Akzente auf die wÀhrend der Alkoholprohibition in den USA herrschende RealitÀt gesetzt, allerdings bleibt der Film im Wesentlichen doch ein Liebesdrama. Auch The Racket von 1928 oder Alibi von 1929 setzen sich mit dem Gangster-Thema auseinander, doch erst der Tonfilm sollte den Durchbruch bringen.
Der ab 1927 aufkommende Tonfilm war in den USA Wegbereiter fĂŒr eine Reihe neuer Filmgenres, darunter fĂŒr den Horrorfilm oder den Musicalfilm. Auch fĂŒr den Gangsterfilm war der Ton maĂgebend, da zum Einen GerĂ€usche wie das Quietschen von Reifen, das Klingeln der Telefone oder das MG-Feuer eine realistische Kulisse schufen und zum Anderen die SynchronitĂ€t der Dialoge eine genauere Charakterisierung erlaubte.
Mit Der kleine Caesar von Regisseur Mervyn LeRoy, der im Januar 1931 erschien, begann der Zyklus der klassischen Gangsterfilme (classic circle). Der Film, der die Geschichte des Bandenmitglieds Rico Bandello erzĂ€hlt, lebt vor allem von der psychologisch differenzierten Auseinandersetzung Edward G. Robinsons mit seinem Charakter: Er ist ein geborener Kleinkrimineller, der eine schnörkellose Fassade um sich aufbaut, darunter aber impulsiv, betrĂŒgerisch und dumm bleibt.[5] Robinsons Darstellung des âkleinen Caesarâ, dessen Ăhnlichkeit mit Al Capone unverkennbar ist, machte ihn zum etablierten Verbrecher-Darsteller.
Nur wenige Monate spĂ€ter premierte William A. Wellmans Der öffentliche Feind, nach Der kleine Caesar ein weiterer Film, der den Aufstieg und Fall eines Bandenmitglieds schildert. Er fokussiert stark auf die gesellschaftlichen Ursachen des Verbrechertums in Zeiten der Depression. Der Anfang des Films ist mehreren Szenen aus der Kindheit von Tom Powers gewidmet. Daraufhin entwickelt er sich rasch zum skrupellosen Gangster, der seine neu gewonnene Freiheit brutal ausnutzt um sich gegen das wirtschaftliche Elend zu verteidigen. Die berĂŒhmte Szene, in der er seiner Freundin eine Grapefruit ins Gesicht drĂŒckt, zeigt sein krasses MissverhĂ€ltnis zum anderen Geschlecht.
Ein weiterer wichtiger Film ist Howard Hawksâ Meisterwerk Scarface aus dem Jahre 1932. Dessen mystifizierende Darstellung des Tony Camonte, der einen Bandenkrieg losbricht, setzte neue MaĂstĂ€be fĂŒr Gewalt im Film. Die Zahl der Morde ist rekordverdĂ€chtig, und eine Actionszene folgt auf die andere â dabei war das Drehbuch von Ben Hecht ursprĂŒnglich als halbdokumentarisches Werk gedacht. Scarface spielt viel mehr als seine zwei VorgĂ€nger mit Schatten und Symbolen, stellt Journalisten und Polizisten als rĂŒcksichtslose Fanaten dar und problematisiert Tonys Liebe zu seiner Schwester. Die Kamera, die immer auf Distanz bleibt, verleiht dem Film eine bestimmte NĂŒchternheit.[7]
Bemerkenswert ist, welchen Einfluss die Filmzensur, namentlich der Hays Code, auf die Ăsthetik der Filme hatte. Laut Code war es untersagt, Morde und ĂberfĂ€lle explizit zu zeigen. Somit mussten die Filmemacher andere, subtilere Wege der Gewaltdarstellung finden â das Spiel mit Schatten, SchĂŒssen im Off und anderen Andeutungen wurde so angeregt und festigte sich als Stilmittel noch ĂŒber die Zeit des Hays Code hinaus.
Im Jahre 1935 erschien Der FBI-Agent, welcher eine Trendwende im Gangsterfilm bedeutete: Es stehen nicht die Gangster selbst, sondern die Polizisten, die sie verfolgen, im Mittelpunkt. Stilistisch erinnert der Film so sehr an die typischen Gangsterfilme, dass man fast von âGangstern in Polizeiuniformâ sprechen könnte. Ausschlaggebend fĂŒr diese Art von Film war unter anderem der Hays Code, der die Darstellung von legaler Gewalt eher billigte als die von illegaler Gewalt.
Gegen Ende des Jahrzehnts zelebrierte man dann noch einmal die Klassiker, indem diese in neuen Filmen mehr oder weniger aufgegriffen wurden. Als die bekanntesten Filme der SpÀtphase des klassischen Gangsterfilms gelten Chicago (1938) von Michael Curtiz und Die wilden Zwanziger (1939) von Raoul Walsh, in dem zwei Ikonen des Gangsterfilms, James Cagney und Humphrey Bogart, aufeinandertreffen.
Die meisten der 30er-Jahre-Gangsterfilme wurden von Warner Bros. produziert, der Produktionsgesellschaft, die auch ĂŒber die bekanntesten Schauspieler des Genres (Robinson, Cagney und Bogart) verfĂŒgte. Daneben gab es auch noch die kleine Monogram Pictures, die sich halbwegs auf Gangsterfilme spezialisiert hatte.
Der Gangsterfilm war ein guter NĂ€hrboden fĂŒr den Film noir, dem eine Reihe von US-amerikanischen Filmen der 40er- und 50er-Jahre zugerechnet werden. Die typischen Charaktere des Film noir sind schwach, unsicher und desillusioniert, was gut auf eine Gangsterfigur ĂŒbertragen werden konnte. Entscheidung in der Sierra (1941), der Film, der Humphrey Bogart zum Star machte, ist der Startpunkt des Gangster-Noir (wobei der französische PĂ©pĂ© le Moko â Im Dunkel von Algier, 1937, als Wegbereiter gesehen werden kann). Er erzĂ€hlt nicht wie die Klassiker vom ganzen Werdegang eines Verbrechers, sondern setzt gleich kurz vor seinem letzten Coup ein. Der Tod des Gangsters Roy Earle ist durch die Stimmung des Films vorhersehbar und wird auf einer Bergspitze bedeutungsvoll inszeniert. Der Gangster im Film noir hat sich vom tragischen AuĂenseiter zum romantischen Antihelden[9] gewandelt.
Der Noir-Gangsterfilm festigte sich dann unter anderem mit Werken wie Narbenhand (1942), der einen Auftragskiller, der auĂer Katzen niemanden mag und fĂŒr den es am Ende keinen Ausweg als den Tod mehr gibt, portrĂ€tiert, RĂ€cher der Unterwelt (1946) oder GefĂ€hrliche Leidenschaft (1949). Anders, als es in den frĂŒheren Gangsterfilmen je vorstellbar gewesen wĂ€re, gehen die Protagonisten der Films noirs oft eine enge Bindung mit anziehenden, aber schwer durchschaubaren Femmes fatales ein, die ihnen spĂ€ter zum VerhĂ€ngnis wird. In Sprung in den Tod (1949), einem Film von Raoul Walsh, der den Amoklauf eines manisch VerrĂŒckten erzĂ€hlt, wird dessen psychische Entwicklung besonders hervorgehoben. Der von James Cagney gespielte GefĂ€ngnisflĂŒchtling, der den Tod seiner Mutter rĂ€chen will, endet auf einem explodierenden Gastank, wĂ€hrend er triumphierend sagt: âMade it, Ma! Top of the world!â
In der Ăbergangszeit von der Ăra des Film noir zum Fall des Studiosystems in den USA (markiert durch den Beginn des New Hollywood) entstanden eine Reihe von Filmen, die die alten Helden der frĂŒhen DreiĂigerjahre wieder aufleben lieĂen. Gangsterbiografien wie Al Capone (1959), The Bonnie Parker Story (1958) oder Baby Face Nelson (1957) â mit dem vorausdeutenden deutschen Titel So enden sie alle â sind hier die besten Beispiele. Weitere bekannte Werke dieser Zeit sind J.D., der Killer und Unterwelt (beide 1960).
â Hauptartikel: Yakuza-Film
Der japanische Gangsterfilm, der in den 60er-Jahren den gröĂten Output hatte, widmete sich hauptsĂ€chlich der japanischen Mafia, der Yakuza. Die Yakuza-Filme waren oft blutig-brutal und romantisierten das Verbrechertum. Bedeutende Yakuza-Regisseure sind Seijun Suzuki und Kosaku Yamashita.
Ebenfalls hervorgetan hat sich in diesem Genre Takeshi Kitano (Brother, 2000).
Der französische Gangsterfilm stand im Zeichen von Regisseur Jean-Pierre Melville. Seine Werke Der Teufel mit der weiĂen Weste (1962), Der eiskalte Engel (1967) sowie Vier im roten Kreis (1970) bilden die Essenz eines besonderen Gangster-Stils. Die Neuerungen der Nouvelle Vague aufgreifend, aber auch Elemente des amerikanischen Gangsterfilms verarbeitend, setzten diese Filme alles auf die pure Ăsthetik der Bilder und die ProfessionalitĂ€t des dargestellten Verbrechertums. Jean-Luc Godards AuĂer Atem (1960) kann als VorlĂ€ufer dieser Filme angesehen werden. Weitere wichtige französische Regisseure, die in diesem Genre maĂgeblich arbeiteten, waren JosĂ© Giovanni â auch als Drehbuchautor â (Der Mann aus Marseille, 1972), Henri Verneuil (Der Clan der Sizilianer, 1969) sowie Jacques Deray (Flic Story, 1975). Als wesentliche Darsteller des französischen Gangsterfilms konnten sich Alain Delon, Jean Gabin und Lino Ventura positionieren.
Das Kino des New Hollywood markierte das Ende des althergebrachten Studiosystems, das den US-amerikanischen Film bis in die 60er-Jahre hinein bestimmt hatte. Es brach mit den alten ErzĂ€hlstrukturen, Charakterzeichnungen und Themen, beispielsweise den eskapistisch wirkenden Monumental- oder Musicalfilmen. Zudem waren die Geschichten von den groĂen Gangstern der Wirtschaftskrise lange Zeit zu abgedroschen gewesen um neu verfilmt zu werden.
Das Ă€nderte sich spĂ€testens mit Bonnie und Clyde (1967), dem Film, der zusammen mit Die ReifeprĂŒfung als Startpunkt des neuen Hollywood gesehen wird. Es geht um die Karriere eines Gangsterpaares im Texas der 30er-Jahre. In dem Film sind deutliche Anzeichen fĂŒr eine Trendwende im Gangsterfilm zu erkennen: Die Protagonisten werden mit dem LebensgefĂŒhl und der Aufbruchstimmung der 60er-Jahre versehen, was sie zu SympathietrĂ€gern des Publikums macht. Ihr Rennen ins Verderben wird mit der sie verfolgenden staatlichen Gewalt begrĂŒndet, und die Inszenierung ihrer Ermordung fĂŒgt der klassischen Moral (âVerbrechen zahlt sich nicht ausâ) eine emotionale Ebene hinzu.[12]
Den Trend der Sechzigerjahre, alte Geschichten mit neuer Frische wieder zu verfilmen, fasst der Film Chikago-Massaker aus dem Jahre 1967 gut zusammen. Er greift die urbanen Gangs, die Syndikate der 30er-Jahre wieder auf, um sie ganz unparteiisch, ironisch und zum Teil spöttisch unter die Lupe zu nehmen.[14]
Filmisches Neuland betraten unter anderem auch die Filme Point Blank (1967) von Regisseur John Boorman, eine Parabel auf die âschöne neue Welt des High-Tech-Gangstertums, verbunden mit Ehrbarkeit und AnonymitĂ€tâ[15], und Bloody Mama (1970) von Roger Corman, der mit der Darstellung einer raubenden Gangsterfamilie im Mittleren Westen der USA an Bonnie und Clyde erinnert.
Einen Höhepunkt des Genres stellt schlieĂlich Francis Ford Coppolas Pate-Saga nach dem Roman von Mario Puzo dar. In Der Pate (1972) sowie der Fortsetzung Der Pate â Teil II (1974) wird der Mythos eines mĂ€chtigen italo-amerikanischen Verbrecher-Imperiums aufgebaut. Im Gegensatz zum tragischen Schicksal von EinzelgĂ€ngern wie Al Capone wird hier das MachtgefĂŒge nicht durch den Tod oder das Versagen Einzelner gestĂŒrzt, denn fĂŒr jedes âFamilienmitgliedâ steht ein Nachfolger bereit. Die Titelfigur des Paten, verkörpert durch Marlon Brando, ist der Drahtzieher in einem riesigen Netzwerk, das eigene Gesetze und Gebote jenseits aller staatlichen Gewalt hat. Der Film stellt somit die genretypische, moralbehaftete Polarisierung von Gut und Böse (im Normalfall ja Staatsgewalt und Verbrecher) gĂ€nzlich in Frage.
Je weiter man in der Filmgeschichte voranschreitet, desto schwieriger wird es, klar umrissene Untergenres oder typische Stile auszumachen. Den Gangsterfilm gibt es in seiner ursprĂŒnglichen Form kaum noch, aber zahlreiche neuere Filme sind mit Verweisen auf zurĂŒckliegendes Gangsterkino gespickt.
In den 80er-Jahren haben sich die europĂ€ischen EinflĂŒsse auf den US-amerikanischen Film gemehrt â so brachten die Regisseure Louis Malle mit Atlantic City, USA (1980) und Sergio Leone mit Es war einmal in Amerika (1984) weitere Vertreter des Genres hervor, die durch eine recht unamerikanische Sichtweise hervorstechen.
Weiters entstand 1983 das bekannte Remake Scarface, das sein Vorbild in puncto exzessive Gewaltdarstellung noch ĂŒbertraf. GenreĂŒbergriffe beispielsweise zum Actionfilm (Stirb langsam, 1988) oder zur Komödie (Die nackte Kanone, 1988) haben sich an den Kinokassen als sehr erfolgreich erwiesen.
Die vielleicht wichtigste Neuerung im Gangsterfilm der 80er-Jahre war das plötzliche Auftreten mehrerer Hongkong-Filme wie z. B. Police Story (1985) oder City Wolf (1986). Hier schweift das Genre von der ĂŒblichen RealitĂ€tsnĂ€he teilweise ins Fantastische und MĂ€rchenhafte ab.[16]
In den 90er-Jahren ist einerseits ein Trend hin zum Actionfilm auszumachen. Besonders Heat (1995), ein brutales, fatalistisches Bild einer Bande von Verbrechern, die jeden erschieĂen der sich ihnen in den Weg stellt, sticht hervor. Auch Im Körper des Feindes (1997) ist ein actionreicher Vertreter des Genres, der viele Elemente des Hongkong-Gangsterfilms enthĂ€lt.
Andererseits entwickelten viele Gangsterfilme einen Hang zu biographischen Dramen. So zum Beispiel Bugsy (1991), der die Lebensgeschichte des vergnĂŒgungssĂŒchtigen Gangsters Bugsy Siegel nacherzĂ€hlt. In demselben Las-Vegas-Milieu spielt Casino (1995), eine Schilderung der Machenschaften der Chicagoer Mafia. Vergleichbare Filme sind Millerâs Crossing (1990), ein neo-klassisches Bild einer DreiĂigerjahre-Gang, sowie Good Fellas â Drei Jahrzehnte in der Mafia (1990), in dem gleich eine ganze Mafiaorganisation, fĂŒr die Verbrechen nur business bedeutet, portrĂ€tiert wird. Diese Filme haben gemein, dass die Hauptpersonen, also die Verbrecher, verherrlicht und als âTrĂ€umerâ[17] dargestellt werden.
Frischen Wind in das Genre brachte Quentin Tarantino mit seinen beiden Filmen Reservoir Dogs (1992) und Pulp Fiction (1994). Seine komplexen und referenzierenden Werke demontieren sĂ€mtliche Genrekonventionen: So mustert Butch in Pulp Fiction nach seiner Misshandlung nacheinander einen Hammer, einen BaseballschlĂ€ger und eine MotorsĂ€ge â fĂŒr das Horror- und Actiongenre ĂŒbliche Waffen â, bevor er schlieĂlich zum âSamuraischwert der Kurosawa-Filmeâ[18] greift.
Wichtige Gangsterfilme der jĂŒngsten Zeit sind unter anderem Fargo (1996), Donnie Brasco (1997), L.A. Confidential (1997), Heist â Der letzte Coup (2001), Road to Perdition (2002) Gangs of New York (2002) und Love Ranch (2010).
Einen groĂen Ă€sthetischen Einfluss gewann zumal in den letzten Jahren die Gangsterfilme aus Hongkong. Besonders Infernal Affairs von Andrew Lau und Alan Mak war ein groĂer, internationaler Erfolg beschieden, der so eindeutig ausfiel, dass sich Scorsese fĂŒr ein US-Remake Departed â Unter Feinden (2006) entschloss.