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Der Genitiv, seltener Genetiv (von lateinisch casus genitivus: die Herkunft bezeichnender Fall), im Deutschen auch Wesfall oder Wessenfall, ist in der deutschen Grammatik der 2. Fall.
Inhaltsverzeichnis |
Im Genitiv stehen u. a. Wortgruppen, die ein Eigentums- oder BesitzverhĂ€ltnis ausdrĂŒcken. In der Wortgruppe das Haus des Nachbarn steht des Nachbarn im Genitiv. Mit der Frage âWessen Haus ist das?â kann man das Genitivattribut bestimmen. Dieser Gebrauch des Genitivs wird in der lateinischen Grammatik als genetivus possessivus bezeichnet. In der Funktion als Bezeichner von Attributen in dieser possessiven Bedeutung (Possessivgenitiv) kommt der Genitiv im Deutschen am hĂ€ufigsten vor. In der Universalienforschung wird er deshalb auch als Possessivmarkierung bezeichnet.
Daneben werden in der lateinischen Grammatik folgende weitere Funktionen des Genitivs unterschieden, die auch in der deutschen Sprache vorkommen:
In verschiedenen Sprachen gibt es unterschiedliche Anwendungen des Genitivs. So erfordern beispielsweise in der russischen Sprache die Zahlwörter ĐŽĐČа, ŃŃĐž und ŃĐ”ŃŃŃĐ” (zwei, drei und vier) den Genitiv. ĐĐœĐ” ĐŽĐČа ĐłĐŸĐŽĐ°. â Ich bin zwei Jahre alt. Zahlen von fĂŒnf bis zwanzig fordern den Genitiv Mehrzahl, einundzwanzig den Nominativ, weil die Zahl auf eins endet, zweiundzwanzig bis vierundzwanzig wieder den Genitiv Einzahl (ĐĐœĐ” ĐŽĐČаЎŃаŃŃ ĐŽĐČа ĐłĐŸĐŽĐ°. â Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt.) Dann folgt wieder Genitiv Mehrzahl bis 30, dann wiederholt sich alles bei jeder weiteren Dekade bis hundert, der Nominativ bei hunderteins und so weiter. Im Litauischen drĂŒckt der Genitiv im Passiv das Agens aus (possessive Satzkonstruktion, z. B. tÄvo sergama - âder Vater ist krankâ). In mehreren slawischen Sprachen, z. B. Slowenischen, wird Genitiv statt des Akkusativs (aber nicht anderer FĂ€lle) in negierten SĂ€tzen benutzt.
In der deutschen Sprache wird der Genitiv in seiner Funktion als Genitiv des Objekts von zahlreichen Verben regiert. Beispiele fĂŒr solche Verben sind: bedĂŒrfen, ermangeln, gedenken, harren, pflegen (nur poetisch: der Ruhe pflegen), spotten, sich bedienen, sich besinnen, sich erfreuen (auch: sich freuen), sich erinnern, sich rĂŒhmen.
Satzbeispiele: Sie gedenken der Freunde. Sie erinnert sich ihres letzten Urlaubs. Er erfreut sich bester Gesundheit. Ich bediene mich des Genitivs.
Bei einigen dieser Verben ist es auch möglich, eine PrĂ€position statt der Genitivkonstruktion zu verwenden: Sie erinnert sich an ihren letzten Urlaub. Er spottet ĂŒber die Anwesenden. Sie erfreuen sich an den Blumen.
Bei vielen Verben aus der Rechts- und Gerichtssprache handelt es sich um Verben, deren Satzbauplan neben dem Genitiv den Akkusativ fordert. Beispiele: jemanden einer Sache verdĂ€chtigen, anklagen, beschuldigen, bezichtigen, ĂŒberfĂŒhren; aber auch jemanden einer Sache berauben, entheben, verweisen.
Bei gĂ€ngigen PrĂ€positionen wie wegen oder wĂ€hrend wird der Genitiv in der Umgangssprache immer wieder durch den Dativ ersetzt. Vereinzelt ist auch eine umgekehrte Entwicklung zu beobachten: Im BemĂŒhen um einen besonders gehoben und offiziell erscheinenden Sprachstil in Rundfunk und Presse werden gelegentlich PrĂ€positionen, die in der Standardsprache den Dativ verlangen (entsprechend, entgegen, gemĂ€Ă, nahe), mit dem Genitiv verbunden. Auch entwachsen in der Kanzleisprache aus einigen Hauptwörtern neu gebildete PrĂ€positionen, etwa âseitensâ.
Ungeachtet solcher Tendenzen wird der Genitiv bei PrĂ€positionen immer dann durch den Dativ ersetzt, wenn ein Nomen im Plural weder durch einen Artikel noch ein Adjektiv mit Fallendungen begleitet wird und somit am Nomen allein nicht zu erkennen ist, dass es im Genitiv steht, weil die Form des Genitiv Plural mit der Form des Nominativ Plural ĂŒbereinstimmt. So ist im Ausdruck âwegen Hagelsâ der Genitiv möglich (das -s in Hagels lĂ€sst den Genitiv deutlich werden), im Ausdruck âwegen Hagelschauernâ muss der Dativ stehen, da der Genitiv im Plural (âHagelschauerâ) allein am Nomen nicht erkannt werden kann.
In frĂŒherer Zeit verwendete man auch bei nachgestelltem ohne den Genitiv, so noch erhalten in zweifelsohne.
Viele deutsche PrĂ€positionen, darunter manche, die heute als veraltet empfunden werden oder die einen geschraubten Kanzleistil reprĂ€sentieren, fordern ebenfalls den Genitiv. Beispiele fĂŒr PrĂ€positionen mit Genitiv sind: abseits, abzĂŒglich, anfangs, angesichts, anhand, anlĂ€sslich, anstatt, anstelle, aufgrund, ausgangs, ausschlieĂlich, auĂerhalb, auswĂ€rts, ausweislich, bar, begierig, behufs, beiderseitig, beiderseits, beidseits, bergseits, betreffs, bezĂŒglich, binnen (auch mit Dativ), dank (auch mit Dativ), diesseits, eingangs, eingedenk, einschlieĂlich, einwĂ€rts, ende, exklusive, fĂ€hig, im Falle, fernab, frei, froh, fĂŒndig, geachtet, gedenk, gelegentlich, gewahr, gewĂ€rtig, gewiss, gewohnt, habhaft, halber, hinsichtlich, hinsichts, infolge, inklusive, inmitten, innerhalb, innert, inwĂ€rts, jenseits, kraft, kundig, lĂ€ngs, lĂ€ngsseits, laut (auch mit Dativ), ledig, linkerhand, linkerseits, links, linksseitig, mĂ€chtig, mangels, mithilfe, mittels, mĂŒde, namens, nördlich, nordöstlich, nordwestlich, ob (also: ob des erlittenen Verlustes), oberhalb, östlich, im Rahmen, rechterhand, rechts, rechtsseitig, satt, seitab, seitwĂ€rts, schuldig, seitens, seitlich, sicher, statt, an ⊠statt, sĂŒdlich, sĂŒdöstlich, sĂŒdwestlich, teilhaft, teilhaftig, trotz (auch mit Dativ), ĂŒberdrĂŒssig, um ⊠willen, unbenommen, unbeschadet, ungeachtet, ungedenk, unkund, unkundig, unteilhaft, unterhalb, unweit, unwert, unwĂŒrdig, aus Ursachen, verdĂ€chtig, verlustig, vermittels, vermöge, voll, voller, vonseiten, vorbehaltlich, wĂ€hrend, wegen, weitab, wert, westlich, wĂŒrdig, zeit, zufolge, zugunsten, zulasten, zuseiten, zuungunsten, zuzĂŒglich, zwecks. Einige dieser Adpositionen fordern den Dativ, wenn sie nachgestellt stehen (Postpositionen): dem KlĂ€ger zufolge, zugunsten. Nur wenn die genannten Worte als PrĂ€position verwendet werden, verlangen sie immer den Genitiv: Er betrat den Garten anstatt des Hofes. Beispielsweise kann anstatt auch als Konjunktion verwendet werden und regiert dann keinen Kasus, der darauf folgende Kasus hĂ€ngt dann vom Verb ab: Er betrat den Garten anstatt den Hof.
Ein Genitiv kann auch ein Attribut markieren. Es hÀngt dann syntaktisch vom Bezugswort ab.
Der Genitiv wird im Deutschen in der Regel nachgestellt:
Der Genitiv kann im Deutschen auch vorangestellt werden. Dies wird aber heute nur noch bei Personen und insbesondere bei Personennamen getan. In diesem Fall entfÀllt der Artikel des Bezugswortes:
FrĂŒher war der vorangestellte Genitiv verbreiteter. Handelt es sich um keine Personen, wird er aber heute als veraltet empfunden:
Dativ und Akkusativ gibt es nicht in dieser Form als Attribute. Aber auch sie können allein stehen, etwa der Dativ auf BriefumschlĂ€gen (Herrn Meier) oder als Akkusativ der Zeit (Wie lange bleibst du? â Den ganzen Tag.).
Frage: âWessen BlĂ€tter liegen auf dem Boden?â
Antwort: âDie BlĂ€tter des Baumes liegen auf dem Boden!â
Frage: âWessen GerĂ€usche sind zu hören?â
Antwort: âDie GerĂ€usche des Autos sind zu hören!â
Frage: âWessen Mobiltelefon klingelt?â
Antwort: âMarias Mobiltelefon klingelt!â
Die Abtrennung des s durch Apostroph beim Genitiv ist im Deutschen nicht mehr ĂŒblich. Sie war bis ins 19. Jahrhundert auch in der geschriebenen und gedruckten deutschen Hochsprache noch verbreitet, von der PreuĂischen Akademie der Wissenschaften wurden die Werke Kants sogar im 20. Jahrhundert noch unter dem Titel âKant's Gesammelte Schriftenâ herausgegeben. Mit der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1901 galt dies aber als Fehler. Mit dem vermehrten Eindringen von Anglizismen und Pseudo-Anglizismen in die deutsche Werbe- und Umgangssprache hat der sĂ€chsische Genitiv seit einigen Jahren wieder zunehmend Verbreitung gefunden (âPeterâs Pilsbarâ statt âPeters Pilsbarâ). Nach neuer Rechtschreibung ist er wieder zulĂ€ssig, wenn damit die Grundform eines Personennamens verdeutlicht werden soll.
Mittlerweile wird der Apostroph aus Unkenntnis zunehmend auch vor andere s am Wortende gesetzt, vor allem beim Plural (âApartmentâsâ, âWCâsâ), oder bei der Adverbbildung (âmittwochâs frische Austernâ), was auch nach neuer Rechtschreibung falsch ist. Die Nichtunterscheidung der geschriebenen Genitiv- und Pluralformen ist auch im englischen Sprachraum verbreitet und Gegenstand der Kritik. Solcher ĂŒbermĂ€Ăiger Gebrauch des Apostrophs wird zuweilen polemisch als Apostrophitis bezeichnet, man spricht auch vom Deppenapostroph oder Idiotenapostroph und im Englischen vom âgreengrocers' apostropheâ (âGemĂŒsehĂ€ndler-Apostrophâ).
Ein ausgelassener Buchstabe, wie ein ausgefallenes Genitiv-s, wird aber richtigerweise durch einen Apostroph dargestellt. Das ausgefallene (flĂŒchtige) e bei der ursprĂŒnglichen Genitivendung es wird dagegen nicht durch einen Apostroph gekennzeichnet, Beispiel: des Baumes/des Baums; - auĂer optional bei Namen.
Frage: âWessen Uhr ist defekt?â
Antwort: âHansâ Uhr ist defekt.â oder auch: âHansens Uhr ist defekt.â
Frage: âVon wessen Wunderland wird erzĂ€hlt?â
Antwort: âVon Aliceâ Wunderland wird erzĂ€hlt.â
Der Possessivgenitiv kann im Deutschen durch prĂ€positionale FĂŒgungen mit von ersetzt werden (also die Werke von Goethe). Dies geschieht vor allem in der Umgangssprache. AuĂerdem kann man mit der Konstruktion mit von die Unbestimmtheit von PluralausdrĂŒcken betonen (eine Mutter von drei Kindern anstatt eine Mutter dreier Kinder). Stehen mehrere Attribute nebeneinander, werden die Genitiv- und die von-Konstruktionen zur stilistischen Variation benutzt (am Tag von Marias Hochzeit anstatt am Tag der Hochzeit Marias). Die Von-Konstruktion bietet auch einen Ausweg, wenn kein Wort die Genitiv-Endung tragen kann (das Geschrei von GĂ€nsen; das Geschrei der GĂ€nse dagegen beinhaltet nicht die Unbestimmtheit).
Eine weitere Form zur Anzeige des BesitzverhĂ€ltnisses, die aber nur in der Umgangssprache und in Dialekten genutzt wird, ist eine Form mit nachgestelltem besitzanzeigenden Pronomen im Dativ: unsrer Oma ihr kleinâ HĂ€uschen, dem Vater sein Auto, Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion (Johannes Rau) oder der Doris ihrem Mann seine Partei (Wahlkampfslogan der SPD 2002). Sie wird heute oft als unfein empfunden (âDer Dativ ist dem Genitiv sein Tod.â) und in der Standardsprache vermieden. Diese Form war in mehreren germanischen Sprachen verbreitet, beispielsweise in Englisch als âHis-Genitivâ. In der altenglischen Sprache starb diese Genitiv-Form zunĂ€chst aus, entwickelte sich aber spĂ€ter neu und wurde dann durch den Genitiv mit Apostrophe ersetzt âfather's houseâ. Volksetymologisch wurde diese Form als Kontraktion des âHis-Genitivsâ aufgefasst und dadurch stabilisiert.
Kasus: Nominativ | Genitiv | Dativ | Akkusativ
Numerus: Singular | Plural | Singularetantum | Pluraletantum