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Georg Friedrich HĂ€ndel (laut Taufregister Georg Friederich HĂ€ndel, anglisiert: George Frideric Handel; * 23. Februarjul./ 5. MĂ€rz 1685greg.[1] in Halle a. d. Saale; â 14. April 1759 in London) war ein deutsch-britischer Komponist in der Epoche des Barocks. Sein Hauptwerk umfasst 42 Opern und 25 Oratorien â darunter Messiah mit dem weltbekannten Chor âHallelujaâ, Kirchenmusik fĂŒr den englischen Hof, Kantaten sowie zahlreiche Werke fĂŒr Orchester, Kammer- und Claviermusik. HĂ€ndel, dessen kĂŒnstlerisches Schaffen sich auf alle musikalischen Genres seiner Zeit erstreckte, war gleichzeitig als Opernunternehmer tĂ€tig. Er gilt als einer der fruchtbarsten und einflussreichsten Musiker der letzten 250 Jahre.
Inhaltsverzeichnis |
Die einzige Quelle zu HĂ€ndels Jugend ist die von dem Theologen John Mainwaring (1735â1807) 1760 in London veröffentlichte Biografie Memoirs of the life of the Late George Frederic Handel.[2] Die Angaben zu den frĂŒhen Jahren des Komponisten scheint Mainwaring in direkten GesprĂ€chen mit diesem selbst gewonnen zu haben. Neuere Biografen konnten allerdings nachweisen, dass die Chronologie der von ihm geschilderten Ereignisse nicht korrekt sein kann. Da HĂ€ndel selbst sich nur spĂ€rlich ĂŒber seine Jugend geĂ€uĂert hat, bleibt das Wissen um diesen Lebensabschnitt bruchstĂŒckhaft.
Seinem Biografen Mainwaring zufolge strebte HĂ€ndels Vater Georg (1622â1697), der von Beruf Leibchirurgus und geheimer Kammerdiener war, fĂŒr seinen Sohn eine juristische Karriere an und stand dessen musikalischen Interessen Ă€uĂerst ablehnend gegenĂŒber. Dies habe sich erst anlĂ€sslich eines Besuchs beim Herzog von Sachsen-WeiĂenfels auf Schloss Neu-Augustusburg geĂ€ndert, wo der Hofstaat des Herzogs seit 1680 residierte. HĂ€ndel, damals noch keine 8 Jahre alt, habe dort in Anwesenheit des Herzogs auf der Orgel gespielt. Dieser habe das Talent des Jungen sofort erkannt und den Vater ĂŒberzeugt, Georg Friedrich als Musiker ausbilden zu lassen.
Nach der RĂŒckkehr nach Halle wurde HĂ€ndel SchĂŒler von Friedrich Wilhelm Zachow (1663â1712), dem Komponisten und Musikdirektor der Marktkirche Unser Lieben Frauen. Zachows Kompositionsstil zeichnet sich einerseits durch weitgespannte GroĂrĂ€umigkeit und andererseits durch (besonders in den Chören seiner Kantaten) atemberaubende kontrapunktische Verdichtungen aus. Nicht nur HĂ€ndel hat spĂ€ter thematische Materialien von Zachow aufgegriffen und kunstvoll verarbeitet, sondern auch Johann Sebastian Bach, der sich nach Zachows Tod auch um dessen Nachfolge bewarb. HĂ€ndel erhielt nun bei Zachow eine grundlegende Kompositions- und Instrumentalausbildung. Ab seinem neunten Lebensjahr, heiĂt es bei Mainwaring, begann HĂ€ndel âKirchenstĂŒcke [Kantaten] mit [Gesangs-]Stimmen und Instrumenten zu setzen [komponieren]â. WĂ€hrend seiner Lehrzeit verfasste HĂ€ndel auch zusĂ€tzlich eine Harfenstimme zu Zachows Kantate âHerr, wenn ich nur dich habeâ.
Laut Mainwaring reiste HĂ€ndel 1698 mit seinem Vater an den brandenburgischen Hof in Berlin. Dies kann aber spĂ€testens Anfang 1697 gewesen sein, da Georg HĂ€ndel im Februar d.J. starb. Andererseits kann das beschriebene Zusammentreffen mit den Komponisten Giovanni Battista Bononcini und Attilio Ariosti erst spĂ€ter stattgefunden haben, da diese Berlin erst 1702 bzw. im spĂ€ten 1697 erreichten. Möglicherweise war der junge HĂ€ndel mehrmals am Berliner Hof. KurfĂŒrst Friedrich III. (1657â1713), als Herzog von Magdeburg sein Landesherr, war vom Können des ZwölfjĂ€hrigen so beeindruckt, dass er HĂ€ndels Vater anbot, dem Sohn eine Musikausbildung in Italien zu finanzieren und ihm nach erfolgreicher Absolvierung eine Anstellung am Berliner Hof zu verschaffen. HĂ€ndels Vater nahm jedoch, so Mainwaring, das kurfĂŒrstliche Angebot nicht an. Der preuĂische König Friedrich Wilhelm I. (1688â1740), der als âSoldatenkönigâ in die Geschichte einging, war spĂ€ter ein auĂerordentlicher Bewunderer der Kompositionen HĂ€ndels. Sein Nachfolger und Sohn Friedrich II. (1712â1786), selbst Komponist und darĂŒber hinaus ein exzellenter Flötist, bemĂŒhte sich nach HĂ€ndels Tod vergeblich, dessen Autographe zu erwerben.
1701 machte Georg Philipp Telemann (1681â1767) auf seiner Reise von Magdeburg nach Leipzig in Halle Station, um den âdamahls schon wichtigen Hrn. Georg Fr. HĂ€ndelâ kennenzulernen[3]. Wie Telemann berichtet, ergab sich daraus eine lebenslange konstruktive und produktive Zusammenarbeit zwischen beiden Komponisten: â[âŠ] in melodischen SĂ€tzen [âŠ] und deren Untersuchung, hatten HĂ€ndel und ich, bey öfftern Besuchen auf beiden Seiten, wie auch schrifftlich, eine stete BeschĂ€fftigung.â 1702 immatrikuliert sich HĂ€ndel an der neugegrĂŒndeten UniversitĂ€t in der Ratswaage in Halle, um bei Christian Thomasius (1655â1728) Rechtswissenschaft zu studieren, der als erster seine Vorlesungen in deutscher Sprache hielt und zur Beendigung der Hexenverfolgung beitrug. Am 13. MĂ€rz 1702 ĂŒbernahm HĂ€ndel auch den Organistenposten am Hallenser Dom fĂŒr ein Probejahr, da der dortige Kantor Leporin kurzfristig entlassen worden war. Es sollte die einzige traditionelle Musikeranstellung in seinem Leben bleiben.
Wie der englische Musikgelehrte und Weltreisende Charles Burney (1726â1814) ĂŒberliefert, sagte HĂ€ndel spĂ€ter selbst ĂŒber diese Zeit: âIch schrieb damals wie der Teufel, am meisten fĂŒr die Hoboe, die mein Lieblingsinstrument warâ.[4]
Im Sommer 1703 begab sich HĂ€ndel nach Hamburg. Dort blĂŒhte, unter der Leitung des Komponisten Reinhard Keiser (1674â1739), das 1678 am GĂ€nsemarkt als Opern-Theatrum eröffnete erste bĂŒrgerliche deutsche Opernhaus. In jenem Opernorchester spielte HĂ€ndel anfangs Violine, spĂ€ter Cembalo. Er befreundete sich mit dem Komponisten, Dirigenten und SĂ€nger Johann Mattheson (1681â1764), der spĂ€ter einflussreiche musiktheoretische Schriften wie Das Neu-Eröffnete Orchestre (1713), Der vollkommene Kapellmeister (1739) und ein Musikerlexikon Grundlage einer Ehren-Pforte (1740) schrieb. Als an der LĂŒbecker Marienkirche der Posten des berĂŒhmten Komponisten und Organisten Dietrich Buxtehude (1637â1707) vakant wurde, weil dieser wegen seines hohen Alters in den Ruhestand gehen wollte, reisten HĂ€ndel und Mattheson im August 1703 zusammen nach LĂŒbeck. Aber keiner von beiden bewarb sich um die Stelle, denn der erfolgreiche Kandidat hĂ€tte gemÀà der Tradition die Tochter Buxtehudes heiraten mĂŒssen.
Am 5. Dezember 1704 kam es mitten in der Vorstellung von Matthesons Oper Cleopatra zu einer Auseinandersetzung zwischen HĂ€ndel und Mattheson. Ersterer weigerte sich, dem Komponisten den Dirigentenplatz zu ĂŒberlassen, als dieser, nachdem er sich in seiner Rolle als Antonius auf der BĂŒhne entleibt hatte, wie ĂŒblich wieder seinen Platz am Cembalo einnehmen wollte. Der Streit fĂŒhrte zu einem Degenduell vor der Oper am GĂ€nsemarkt, âwelcher fĂŒr uns beide sehr unglĂŒcklich hĂ€tte ablaufen können, wenn es Gottes FĂŒhrung nicht so gnĂ€dig gefĂŒget, daĂ mir die Klinge im StoĂen auf einen breiten, metallenen Rockknopf des Gegners zersprungen wĂ€reâ (Mattheson). Seit diesem Ereignis bestand zwischen beiden ein gespanntes und reserviertes VerhĂ€ltnis. So bekam Mattheson spĂ€ter von HĂ€ndel trotz Bitten keinerlei biografische Daten fĂŒr seine Grundlage einer Ehren-Pforte geliefert. Mattheson wiederum schaltete sich in seiner deutschen Ăbersetzung von John Mainwarings HĂ€ndel-Biografie unentwegt mit gehĂ€ssigen und abwertenden Kommentaren gegenĂŒber HĂ€ndel ein.
Am 8. Januar 1705 wurde HĂ€ndels erste Oper Almira in Hamburg uraufgefĂŒhrt. HĂ€ndel war damit fĂŒr den nach WeiĂenfels vor seinen GlĂ€ubigern geflohenen Operndirektor Keiser in die Bresche gesprungen, welcher seine schon fertige gleichnamige Oper nun hier nicht herausbringen konnte, weil HĂ€ndel in seiner Abwesenheit den Kompositionsauftrag erhielt. Zur Premiere allerdings war Keiser wieder in Hamburg und ergĂ€nzte HĂ€ndels Oper mit einem eigenen Epilog. Die Begegnung mit Reinhard Keiser war fĂŒr HĂ€ndels Entwicklung als Komponist von entscheidender Bedeutung. Zeitlebens begleiteten ihn Keisers Melodien und EinfĂ€lle und tauchen in zahlreichen seiner eigenen Werke wieder auf. Er entnahm vielen Opern Anleihen, besonders der Octavia (1705), und vermutlich befanden sich viele Keiserâsche Partituren in seinem ReisegepĂ€ck nach Italien.
Nach dem groĂen Erfolg seiner Almira lieĂ er schon am 25. Februar 1705 seine zweite Oper mit dem Titel Die durch Blut und Mord erlangte Liebe, oder: Nero folgen. Diese Oper hatte, wohl wegen des schwachen Librettos, nur drei Vorstellungen und wurde dann abgesetzt. WĂ€hrend die Partitur dieses Werkes verschollen ist, bietet die erhaltene Almira mit ihrer Mischung aus deutscher und italienischer Form sowie Sprache ein lehrreiches Beispiel fĂŒr die damals am Theater am GĂ€nsemarkt vorherrschende Opernform. Viele Themen und Kontrapunkte aus seiner ersten Oper verarbeitete HĂ€ndel in spĂ€teren Werken. So baute er mit dem Thema âLebet beglĂŒcket, höchst seeliges Paarâ, das Almira im Rezitativ (3. Akt, Szene XVIII) intoniert, wenig spĂ€ter in Italien den grandiosen Schlusschor Gloria Patri vom Dixit Dominus.
In Hamburg komponierte HĂ€ndel 1706 noch eine weitere Oper: Florindo und Daphne, die aber solchen Umfang annahm, dass sie in zwei Werke aufgeteilt werden musste. Zur UrauffĂŒhrung dieser Doppeloper Anfang 1708 war HĂ€ndel aber lĂ€ngst in sĂŒdlichen Gefilden. Auch die Musik dieser Opern gilt gröĂtenteils als verschollen. Nachdem HĂ€ndel schon mehrmals Angebote von adligen MĂ€zenen fĂŒr eine Italienreise abgelehnt hatte, darunter wahrscheinlich eines von Ferdinando deâ Medici (1663â1713), reiste er im Sommer oder Herbst 1706 auf eigene Kosten nach Italien. Er lieĂ zwei Kisten mit Kompositionen zurĂŒck, die allerdings heute verloren sind.
Ausgestattet mit den kontrapunktischen Lektionen von F.W. Zachow und der Melodien-Erfindungsgabe von R. Keiser machte er sich also auf den Weg, die italienische Schreibweise und den Schmelz des SĂŒdens kennen zu lernen.
HĂ€ndels Studienreise durch Italien wĂ€hrte vier Jahre. Er machte Station u.a. in Florenz, Rom, Neapel und Venedig. Die genauen Daten seiner Aufenthalte in diesen StĂ€dten sind nur teilweise bekannt: zunĂ€chst Florenz, dann ab 14. Januar 1707 Rom, ab Herbst 1707 Florenz, seit Februar 1708 wieder Rom, Ende April 1708 Neapel, Juli 1708 Rom und irgendwann in 1709 Venedig, Florenz und wieder Venedig. Im FrĂŒhjahr 1710 reiste er in Richtung Heimat ab. Aus jener Zeit sind viele Anekdoten ĂŒberliefert, so von Treffen mit Arcangelo Corelli und Antonio Lotti sowie Alessandro und Domenico Scarlatti. HĂ€ndel wurde hier als Il Sassone (der Sachse) berĂŒhmt. Als Domenico Scarlatti auf dem Karneval in Venedig den maskierten HĂ€ndel inkognito auf einem Cembalo spielen hörte, soll er ausgerufen haben: âDas ist entweder der berĂŒhmte Sachse oder der Teufel!â. Mainwaring berichtet, dass es zwischen Corelli und HĂ€ndel zu Meinungsverschiedenheiten ĂŒber die AusfĂŒhrung der doppelten Punktierung in den langsamen EcksĂ€tzen der (ursprĂŒnglichen) französischen Ouverture zu Il Trionfo del Tempo e del Disinganno kam. Ungeduldig soll HĂ€ndel Corelli die Geige aus der Hand gerissen haben, um zu demonstrieren, wie er sich die AusfĂŒhrung dieser Punktierung wĂŒnschte. Corelli, ein liebenswĂŒrdiger Mann, sagte daraufhin: âMa, caro Sassone, questa Musica Ăš nel Stylo Francese, di châio non mâintendo â Aber mein lieber Sachse, diese eure Musik ist nach dem französischen Stil eingerichtet, darauf ich mich gar nicht verstehe.â[5] Corelli zum Gefallen komponierte HĂ€ndel eine neue Ouverture im italienischen Stil.
In Italien brachte HĂ€ndel zwei Opern auf die BĂŒhne, den Rodrigo (November 1707) in Florenz und die Agrippina (26. Dezember 1709) in Venedig. Das Libretto zur Agrippina verfasste Vincenzo Grimani, Kardinal und Vizekönig von Neapel (1652â1710). Diese Oper gilt allgemein als der eigentliche Durchbruch in HĂ€ndels Opernstil. Die Ouverture zu Agrippina, mit dem erregt tremolierenden Fugenthema ĂŒber ein kleines Hexachord, zĂ€hlt zu HĂ€ndels herausragendsten Opern-Ouverturen. FĂŒr Rom, wo auf Grund kriegerischer Ereignisse und eines Erdbebens OpernauffĂŒhrungen durch Papst Clemens XI. (1649â1721) verboten waren, schuf er zwei Oratorien, das geistliche La Resurrezione (FrĂŒhjahr 1708) und das allegorische Il Trionfo del Tempo e del Disinganno (FrĂŒhjahr 1707). Den Text zu Il Trionfo verfasste Kardinal Benedetto Panfili (1652â1730). Dieser war neben Kardinal Pietro Ottoboni (1667â1740) ein bedeutsamer Gönner und Förderer HĂ€ndels. Den Stoff Il Trionfo bearbeitete HĂ€ndel in London noch zweimal: 1737 und zuletzt 1757 als The Triumph of Time and Truth (Der Triumph der Zeit und der Wahrheit).
Des Weiteren komponierte HĂ€ndel in Italien das berĂŒhmte Dixit Dominus (Psalm 110), die Serenata Aci, Galatea e Polifemo (Neapel 1708) sowie zahlreiche Chor- und Solokantaten. HĂ€ndel begrĂŒndete damit in Italien seinen spĂ€teren Weltruhm.
1709 erhielt er als Reaktion auf die sensationelle Premiere der Agrippina in Venedig eine Einladung an den Hof des KurfĂŒrsten Georg Ludwig von Hannover. Gleichzeitig sprach Charles Montagu, Earl of Manchester eine Einladung an den englischen Hof aus. HĂ€ndel, auch noch mit einem Empfehlungsschreiben fĂŒr Prinz Karl von Neuburg in Innsbruck ausgestattet, wandte sich zunĂ€chst Innsbruck zu, welches er aber am 9. MĂ€rz 1710 wieder verlieĂ. Am 4. Juni 1710 erreichte er (und hat sicherlich Station in Halle gemacht) Herrenhausen/Hannover und schon wenige Tage spĂ€ter wurde ihm dort der Posten des Kapellmeisters fĂŒr jĂ€hrlich 1500 Reichsthaler angeboten. Er nahm das Angebot an, lieĂ sich aber zusichern, hin und wieder fĂŒr lĂ€ngere ZeitrĂ€ume vom Hof abwesend sein zu dĂŒrfen. Diese Option nutzte er schon bald aus: schon gegen Ende des Jahres reiste er nach London.
Wie lange HĂ€ndel in England bleiben wollte, wissen wir nicht, jedenfalls schreibt Mainwaring: âSeine Begierde war noch nicht gesĂ€ttiget und so weit davon entfernet, solange noch ein musikalischer Hof zu finden war, den er nicht gesehen hatteâ. Er blieb zunĂ€chst ein Jahr in London und reizte damit sein Urlaubsmaximum schon aus. Hier war gerade fĂŒnf Jahre zuvor das Königliche Theater am Haymarket (âQueenâs Theatreâ) mit einer Oper des Deutschen Greber eröffnet worden. Das war alles, was London an italienischer Oper bislang zu bieten hatte, eine englische Oper gab es nicht. An diesem Theater erntete HĂ€ndel am 24. Februar 1711 seinen ersten groĂen Erfolg in England mit der UrauffĂŒhrung seiner Oper Rinaldo. So erfolgreich die Musik war, so umstritten waren die eingesetzten BĂŒhneneffekte, deren es viele gab und die von Kritikern als kindisch und absurd verurteilt wurden. So lieĂ man wĂ€hrend einer Gleichnis-Arie, in der die Vögel das Vergleichsobjekt waren, Spatzen auf die BĂŒhne fliegen. Aus dieser Oper stammt die bekannte Sarabanden-Arie âLascia châio piangaâ mit einem Thema, das HĂ€ndel zuvor schon in Almira und Il Trionfo verwandt hatte. Sie gehört, neben Cleopatras âV`adoro, pupille, saette d`Amoreâ aus Julius CĂ€sar und dem âLargoâ (eigentlich ein Larghetto) aus der Oper Xerxes, seit fast drei Jahrhunderten zum Standardrepertoire berĂŒhmter SĂ€nger und SĂ€ngerinnen. Nach dem Ende der Opernsaison kehrte HĂ€ndel Anfang Juni 1712 nach Hannover zurĂŒck, nicht ohne zwischendurch eine Einladung an den DĂŒsseldorfer Hof des Pfalzgrafen Johann Wilhelm angenommen zu haben. Dieser stattete ihn mit einem Entschuldigungsschreiben fĂŒr Hannover aus, in dem er bedauerte, dass er HĂ€ndel aufgehalten habe. Dort angekommen, schrieb HĂ€ndel fĂŒr die Kurprinzessin und spĂ€tere britische Königin Caroline von Brandenburg-Ansbach u. a. eine Reihe von Vokalduetten und âeine Menge von Sachen fĂŒr Stimmen und Instrumenteâ (Mainwaring).
Nach nur wenigen Monaten ersuchte HĂ€ndel den KurfĂŒrsten, nach London zurĂŒckkehren zu dĂŒrfen, was ihm erlaubt wurde âmit dem Bedinge, sich nach Verlauf einer geziemenden Zeit wieder einzustellenâ (Mainwaring). Im Oktober 1712 begab er sich also wieder nach London, wo er â von Reisen abgesehen â den Rest seines Lebens verbrachte. HĂ€ndel wohnte zunĂ€chst ein Jahr bei einem reichen Musikliebhaber namens Andrews in Barn Elms, Surrey (dem heutigen Barnes). Drei weitere Jahre lebte er beim Earl of Burlington in der NĂ€he von London (Piccadilly). Die Hauptwerke dieser Periode sind vier italienische Opern und das Utrechter Te Deum und Jubilate im Auftrag von Königin Anne, nach dessen AuffĂŒhrung sie ihm eine lebenslange Pension von 200 Pfund jĂ€hrlich gewĂ€hrte.
Obwohl HĂ€ndel seine Abwesenheit vom Hof in Hannover weit ĂŒberdehnte, ist kein Versuch des KurfĂŒrsten Georg dokumentiert, ihn an seine Verpflichtung in Hannover zu erinnern. Im Oktober 1714 wurde der KurfĂŒrst in der Londoner Westminster Abbey als Georg I. zum König von GroĂbritannien und Irland gekrönt. In seinem Auftrag komponierte HĂ€ndel spĂ€ter die Wassermusik, die bei einem Fest auf der Themse wahrscheinlich erstmals 1717 gespielt wurde. Der König verdoppelte HĂ€ndels Gehalt. SpĂ€ter wurde HĂ€ndel auch der Musiklehrer der Töchter des Königs. (HĂ€ndel gab spĂ€ter an, nur Prinzessin Anne (1707â1759) unterrichtet zu haben.) 1716 folgte er dem König kurzzeitig zurĂŒck auf deutschen Boden, wo er auch seine Verwandten in Halle besuchte und einen Abstecher nach Ansbach machte. Hier traf HĂ€ndel auch seinen Kommilitonen Johann Christoph Schmidt aus der Hallenser Studienzeit wieder. Dieser ging mit ihm fortan nach London und wurde bis zu seinem Tod dessen SekretĂ€r, Buchhalter und musikalischer Assistent. Schmidts Sohn gleichen Namens (engl. John Christopher Smith) ĂŒbernahm dann diese Funktion und tat sich darĂŒber hinaus als Komponist und Bearbeiter HĂ€ndelscher Werke hervor, besonders nach dessen Tod.
In dieser Zeit komponierte HĂ€ndel die Passion âDer fĂŒr die SĂŒnde der Welt gemarterte und sterbende JESUSâ, nach einer damals beliebten Dichtung des Hamburgers Barthold Heinrich Brockes (1680â1747). Diese wurde aber erst 1719 ebenda aufgefĂŒhrt. Dieser Text wurde auch von Reinhard Keiser, Johann Mattheson und Georg Philipp Telemann vertont und selbst Johann Sebastian Bach benutzte daraus manche Arientexte fĂŒr seine Johannes-Passion.
Nach seiner RĂŒckkehr nach GroĂbritannien trat er im Sommer 1717 als Hauskomponist in die Dienste des Earl of Carnarvon, des spĂ€teren Duke of Chandos. Hier versammelte sich auch ein progressiver Literatenkreis, dem u. a. John Gay (1685â1732) und Alexander Pope (1688â1744) angehörten. HĂ€ndels Werke, die er fĂŒr die Herzogsresidenz Cannons in Edgware komponierte, umfassen die zwölf Chandos Anthems sowie die erste Fassung von Esther und die völlig neue englische Fassung von Acis and Galatea (Text: John Gay). In Cannons vollendete HĂ€ndel wahrscheinlich auch die 1720 im Selbstverlag veröffentlichten Suites de PiĂšces pour le Clavecin (1. Sammlung), die unter anderem die bekannten Variationen enthalten, denen man spĂ€ter den Namen The Harmonious Blacksmith (Der harmonische Grobschmied) gab.
Der Name des Ortes âCannonsâ (auch âCanonsâ) war zugleich Programm: der Duke of Chandos und sein Kreis brachten auf diese Weise zum Ausdruck, dass es um die Errichtung von musikalischen MaĂstĂ€ben ging (lat. canon/griech. kanĂłn; Kanon = MaĂstab, Richtschnur, Regel, Anweisung).
HĂ€ndels Aufenthalt in Cannons endete etwa im FrĂŒhjahr 1719, als die Vorbereitungen fĂŒr ein neues Opernunternehmen auf Subskriptionsbasis am Kingâs Theatre begannen, die Royal Academy of Music mit HĂ€ndel als musikalischem und dem Schweizer Johann Jacob Heidegger (1659â1749) als Verwaltungsdirektor. FĂŒr die Anwerbung einer SĂ€ngertruppe, insonderheit des Starkastraten Senesino reiste HĂ€ndel nach Dresden, war aber nur teilweise erfolgreich: er konnte fĂŒr die anstehende Saison nur die Sopranistin Margherita Durastanti gewinnen, die er schon aus Italien kannte (Agrippina). Senesino kam erst ein Jahr spĂ€ter und blieb bis zum Zusammenbruch der Akademie (1728) fĂŒr eine Gage von letztlich 2000 Pfund p.a.. HĂ€ndels erste und sehr erfolgreiche Oper fĂŒr diese Opernakademie, Radamisto, wurde erstmals am 27. April 1720 aufgefĂŒhrt. Neben HĂ€ndel beschĂ€ftigte die Akademie zeitweise noch die Komponisten Giovanni Bononcini und Attilio Ariosti. Das Publikum spaltete sich in Parteien, die sich entweder hinter HĂ€ndel oder Bononcini stellten. Insbesondere in der Anfangszeit waren Bononcinis AuffĂŒhrungen erfolgreicher als HĂ€ndels. HĂ€ndels Dominanz wurde erst etwa ab der dritten Saison spĂŒrbar, und in den folgenden Jahren schrieb er einige seiner bedeutendsten und heute populĂ€rsten Opern wie Giulio Cesare, Tamerlano und Rodelinda.
Nach heutigen Erkenntnissen war die Opernakademie von Anfang an unterfinanziert und nur in den besten Zeiten wirtschaftlich tragfĂ€hig. Das Management versuchte dadurch zum Erfolg zu kommen, dass es noch mehr StarsĂ€nger einkaufte. Ab Januar 1723 wurde Francesca Cuzzoni (1700â1770) fĂŒr zunĂ€chst 1500 Pfund pro Saison und ab Mai 1726 Faustina Bordoni (1700â1781), die spĂ€tere Ehefrau des Dresdner Hofkomponisten Johann Adolf Hasse (1699â1783) fĂŒr unglaubliche 2500 Pfund fĂŒr die Spielzeit engagiert. Beide Primadonnen waren miteinander verfeindet. Am 6. Juni 1727 beschimpften und schlugen sie sich, lautstark angefeuert von ihren jeweiligen AnhĂ€ngern, wĂ€hrend der Vorstellung auf offener BĂŒhne. Durch die hohen Gagen, die beide SĂ€ngerinnen und Senesino erhielten, wurde das Opernunternehmen nicht nur finanziell sehr stark belastet, sondern man fragt sich heute, wie es ĂŒberhaupt zeitweise funktionieren konnte, denn das Gesamtbudget einer Opernspielzeit wurde von der Ipswich Gazette fĂŒr die Spielzeit 1732/33 mit zwischen 9000 und 12000 Pfund angegeben. Selbst wenn der Etat fĂŒr HĂ€ndels erste Opernakademie etwas höher gewesen sein mochte, mussten doch die 8000 Pfund fĂŒr die drei SĂ€nger und HĂ€ndel erst mal aufgebracht werden stehen: dabei waren Impresario, die anderen SĂ€nger, Theatermiete, Orchester, BĂŒhnenbild, KostĂŒme noch nicht bezahlt. (HĂ€ndel bekam fĂŒr das Komponieren und Kopieren einer Oper 1000 Pfund. Pro Spielzeit schrieb er meist zwei Opern.) Hinzu kam, dass sich der Publikumsgeschmack zunehmend leichteren und politisch-satirischen englischsprachigen Musikdarbietungen zuneigte, wofĂŒr 1728 der rauschende Erfolg von John Gays und Johann Christoph Pepuschs The Beggarâs Opera symptomatisch war. Höhepunkt der Bettleroper soll eine Parodie auf HĂ€ndels populĂ€ren âKreuzrittermarschâ aus dessen Rinaldo gewesen sein â gesungen von âBettlernâ, âDiebenâ und âGaunernâ. (Die Oper stand Modell fĂŒr Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill.) Nach der Saison 1727/28 wurde die Opernakademie aufgelöst. Persönlich nahm HĂ€ndel, der seit 1727 englischer StaatsbĂŒrger[6] war, an dem Scheitern der Akademie jedoch keinen Schaden.
Auch finanziell erging es HĂ€ndel zu dieser Zeit gut, das GeschĂ€ft mit seiner eigenen Musik blĂŒhte. So war er etwa am Verkauf von Eintrittskarten und Noten beteiligt, die Pension, die er vom englischen Königshaus erhielt, machte nur etwa ein Viertel seines Einkommens aus. Abgesehen von der SĂŒdseeblase, durch die auch HĂ€ndel im Jahre 1721 viel Geld verlor, ging er mit seinem Vermögen geschickt und vorsichtig um, indem er etwa in Staatsanleihen der Bank von England investierte, und verdiente so zeitweise umgerechnet bis zu einer Million Euro im Jahr.[7] In dieser Zeit kaufte HĂ€ndel auch das Haus in der Lower Brook Street (NĂ€he Hanover Square), in dem er bis zu seinem Tode wohnte.
Nach der Auflösung der Opernakademie startete HĂ€ndel gemeinsam mit Johann Jacob Heidegger (diesmal Impresario) ein neues Unternehmen, das in der Literatur auch als âdie zweite Opernakademieâ bezeichnet wird. Sie ĂŒbernahmen den Fundus der Akademie, mieteten das Kingâs Theatre fĂŒr fĂŒnf Jahre und HĂ€ndel reiste im Februar 1729 nach Italien, um neue SĂ€nger anzuwerben. Nach den schlechten Erfahrungen mit dem extravaganten Konzept der ersten Opernakademie war das neue Ensemble durchweg bescheidener angelegt, u. a. mit dem Altkastraten Antonio Bernacchi als neuem Star, der Sopranistin Anna Strada del PĂł und HĂ€ndels altem Schulfreund aus Halle, dem Bassisten Johann Gottfried Riemschneider. Auf der RĂŒckreise im FrĂŒhsommer 1729 besuchte HĂ€ndel vermutlich seine Mutter in Halle und machte in Hannover (Anfang Juni) und Hamburg Halt.
Das neue Opernunternehmen eröffnete am 2. Dezember 1729 mit Lotario, hatte aber nur moderaten Erfolg, so dass fĂŒr die nĂ€chste Saison wieder Senesino als Zugnummer engagiert wurde. Eher zufĂ€llig wurde HĂ€ndels Interesse auf das Oratorium gelenkt. 1732 wurden seine beiden englischsprachigen Masques Esther und Acis and Galatea aus der Cannons-Zeit unautorisiert gespielt. HĂ€ndel antwortete jeweils schnell darauf, indem er eigene neue Fassungen erstellte und mit Erfolg auffĂŒhrte.
Die nĂ€chste Saison 1732/33 bestritt er weitgehend mit der AuffĂŒhrung von Oratorien. Darunter war auch das weitgehend aus altem Material bestehende Oratorium Deborah. Im Sommer reiste HĂ€ndel mit seinem Ensemble nach Oxford. Dort brachte er in der groĂen Festhalle der UniversitĂ€t (âTheaterâ genannt) sein Oratorium Athalia erfolgreich zur UrauffĂŒhrung. Das d-moll-âHallelujaâ, das den ersten Akt beschlieĂt, ist eine Doppelfuge ĂŒber die sechs geteilten Solmisationssilben UT-FA RE-SOL MI-LA: HĂ€ndels Hommage an Guido von Arezzos (~992â1050) Hexachord-System. Als Gegenthema (Kontrasubjekt) zu Arezzos geteilten Silben (Syllaben) erwĂ€hlte HĂ€ndel, leicht figuriert, das Hauptthema (Subjekt) der Fuge aus seiner achten f-moll-Claviersuite, HWV 433. Einem Pressebericht zufolge sollte ihm von der UniversitĂ€t die EhrendoktorwĂŒrde verliehen werden, die er jedoch aus unbekannten GrĂŒnden ablehnte. Der Erfolg seiner Athalia in Oxford veranlasste HĂ€ndel jedoch keineswegs, die niedergehende italienische Oper aufzugeben.
Im Dezember 1733 wurde von einer rivalisierenden Operngesellschaft, die Opera of the Nobility (die sogenannte Adelsoper), im Lincolnâs Inn Fields Theatre eröffnet, mit Nicola Antonio Porpora (1686â1768) als Komponisten. Zuvor hatte diese Gesellschaft fast HĂ€ndels gesamtes SĂ€ngerensemble einschlieĂlich Senesino abgeworben. Da es in London keinen Markt fĂŒr zwei konkurrierende OpernhĂ€user gab, kam es zu einem ruinösen Wettbewerb. Die Situation verschĂ€rfte sich noch dadurch, dass zum Ende der Saison HĂ€ndels Mietvertrag auslief und Heidegger das Kingâs Theatre an die Adelsoper vermietete. Dazu gelang es der Adelsoper noch, den berĂŒhmten italienischen Kastraten Farinelli (1705â1782) zu engagieren.
Beide Opernunternehmen spalteten nicht nur das Londoner Opernpublikum in zwei Lager, sondern auch die königliche Familie. So protegierte der Prince of Wales Friedrich Ludwig von Hannover (1707â1751) die Adelsoper. HĂ€ndels MeisterschĂŒlerin Prinzessin Anne ergriff dagegen leidenschaftlich Partei fĂŒr HĂ€ndel. Noch viele Jahre spĂ€ter, 1770 in Bologna, erzĂ€hlte Farinelli Charles Burney, wie er nach seiner Ankunft in London âzum ersten Male bei Hofeâ dem König Georg II. (1683â1760) vorsang. Dabei habe âihm die königliche Prinzessin, die nachmalige Prinzessin von Oranien, mit dem FlĂŒgel begleitet, welche verlangte, dass er zwei von HĂ€ndels Arien vom Blatt [prima vista] wegsingen sollte, die in einem SchlĂŒssel und einer Schreibart gesetzt waren, welche er gar nicht gewohnt war.â Ihre Kunst im Generalbassspiel wurde noch 1763 von Friedrich Wilhelm Marpurg (1718â1795) in seinen Kritischen Briefen ĂŒber die Tonkunst erwĂ€hnt. HĂ€ndel selbst vertraute einmal dem aus Hamburg stammenden Groninger Organisten Jacob Wilhelm Lustig an, dass sie fĂŒr ihn âdie BlĂŒte aller Prinzessinnenâ sei.
HĂ€ndel zog nun in das neuerbaute Covent Garden Theatre um und fĂŒhrte das Opernunternehmen (also dieâdritte Opernakademieâ) in eigener Regie und auf eigene finanzielle Verantwortung.[7] Trotz des Dahinsiechens des Unternehmens komponierte er in dieser Zeit Werke wie Ariodante und Alcina, die zusammen mit Orlando zu den bedeutendsten nach dem Zusammenbruch der ersten Akademie zĂ€hlen. 1737 kam es zum Bankrott, aber auch die Adelsoper ging pleite und musste aufgelöst werden. Bezeichnenderweise war wieder ein Werk der populĂ€reren âleichten Museâ der âSargnagelâ des Unternehmens: die Opernparodie The Dragon of Wantley (Libretto: John Rich) des deutschen Komponisten Johann Friedrich Lampe (1703â1751). Diese hatte insgesamt mehr Vorstellungen als seinerzeit die Bettleroper. HĂ€ndel erlitt einen Schlaganfall mit LĂ€hmungserscheinungen, erholte sich bei einem Kuraufenthalt in den Aachener Thermalquellen in Burtscheid jedoch schnell wieder und komponierte mit der alten ProduktivitĂ€t.
Wenngleich HĂ€ndel bis zu seiner letzten Oper Deidamia 1741 noch zahlreiche Versuche unternahm, die Oper fortzufĂŒhren, trat jedoch allmĂ€hlich mit Saul und Israel in Egypt von 1739 und der Wiederaufnahmen seiner frĂŒheren Werke, darunter auch das 1736 komponierte Alexanderâs Feast or The Power of Music das Oratorium in den Vordergrund. Den Text, eine Ode zu Ehren der hl. âCĂ€cilia von Româ, verfasste John Dryden (1631â1700). Drydens Ode gilt als Meisterwerk englischer Dichtkunst. Bald darauf, 1740, vertonte HĂ€ndel Verse eines weiteren groĂen englischen Dichters: LâAllegro, il Penseroso ed il Moderato von John Milton (1608â1674). Der dritte Teil Il Moderato war allerdings nicht aus der Feder von Milton, sondern von Charles Jennens (1700â1773), dem Librettisten von HĂ€ndels Saul, Messiah und Belshazzar. Eine Reise HĂ€ndels 1740 nach Deutschland ist kaum dokumentiert, möglicherweise hatte er noch Absichten, ein neues Opernunternehmen zu grĂŒnden und war auf der Suche nach SĂ€ngern oder er war am Berliner Hof, wie es der Hamburger Relations-Courier meldete, um seine beruflichen Chancen in Deutschland zu prĂŒfen.
1742 weilte HĂ€ndel in Dublin und brachte dort sein Oratorium Messiah zugunsten von Schuldgefangenen und ArmenkrankenhĂ€usern zur UrauffĂŒhrung. Die Alt-Partie sang Susanna Maria Cibber (1714â1766), eine Schwester des Komponisten Thomas Augustin Arne (1710â1778), die bald danach in London erste Schauspielerin am Theater des berĂŒhmten Shakespeare-Darstellers David Garrick (1717â1779) wurde. Auch spĂ€ter in London ĂŒberlieĂ HĂ€ndel die Erlöse seiner Messiah-AuffĂŒhrungen Armen und Entrechteten. Hinter der Themenskizzierung fĂŒr die Amen-Fuge notierte HĂ€ndel eine irische Tanzmelodie, die er (in deutscher Sprache) als âBalletâ âD[e]r arme Irische Jungeâ bezeichnete. Einmal jĂ€hrlich fĂŒhrte er Messiah zugunsten des Londoner Foundling-Hospital auf, dessen ehrenamtlicher Co-Direktor er neben dem sozialkritischen Maler, Grafiker und Verfasser der âAnalysis of Beautyâ William Hogarth (1697â1764) war. Kurz vor seiner RĂŒckreise nach London begegnete HĂ€ndel noch dem schon geistig verwirrten Autor von âGullivers Reisenâ, Jonathan Swift (1667â1745).
Nach dieser Zeit komponierte HĂ€ndel keine Opern mehr. Stattdessen gab es von 1743 bis 1752 eine durchgehende Reihe von ein bis zwei neuen Oratorien pro Saison, die meisten davon zu Themen aus dem Alten Testament, aber auch die weltlichen Musikdramen Hercules und Semele. Obwohl von HĂ€ndel so nicht gedacht und auch nicht szenisch aufgefĂŒhrt, könnte man beide fast als englische Opern bezeichnen, zumal der Text zu Semele ein reines Opernlibretto war.
Noch etliche Zeit versuchten Adelskreise HĂ€ndel, der sich nun ganz dem Oratorium zugewandt hatte, zu Fall zu bringen. âDie ganze Operngesellschaft ist in Rage ĂŒber HĂ€ndelâ notierte eine Zeitgenossin. Anders als zu Zeiten der Adelsoper hatte er zwar als Oratorienkomponist keine Konkurrenz, aber seine Gegner konnten an den Abenden seiner AuffĂŒhrungen BĂ€lle und Bankette geben, um ihm zu schaden. Breite Bevölkerungsschichten erreichte er bald mit seinen âSiegesoratorienâ nach dem Jakobitenaufstand von 1745, von denen Judas Maccabaeus neben Messiah das zu seinen Lebzeiten populĂ€rste Oratorium wurde. Zur Arie des Judas Maccabaeus âWith honour let desert be crownâdâ im dritten Akt komponierte HĂ€ndel ein auĂergewöhnliches Solo fĂŒr Trompete, denn ausnahmsweise band HĂ€ndel fĂŒr sein Trompetensolo den (bis heute) als âunnatĂŒrlichâ geltenden siebenten Oberton auf der Naturtrompete mit ein und brachte mit diesem Kunstgriff die âDoppelnatur des Trompetenklangsâ zur Geltung. HĂ€ndel bildete mit dem siebten Oberton die Mollterz, wodurch sein âTrompetenklangâ permanent zwischen elegischem a-moll und kriegerischem (teils auch festlichem) D-Dur wechselt. In das Oratorium fĂŒgte HĂ€ndel spĂ€ter zudem den Chor der JĂŒnglinge âSee, the conquâring Hero comesâ aus dem Oratorium Joshua ein, dessen Melodie spĂ€ter in Deutschland das Adventslied Tochter Zion, freue dich (EG 13) wurde.
Im Jahre 1745 verlieh die 1738 vom Arzt, Mathematiker und Musikwissenschaftler Lorenz Christoph Mizler (1711â1778) gegrĂŒndete Leipziger Correspondierende SocietĂ€t der musicalischen Wissenschaften HĂ€ndel die Ehrenmitgliedschaft. Zu den Mitgliedern zĂ€hlten unter anderem auch G. Ph. Telemann und J. S. Bach. (Letztes Mitglied sollte um 1755 Leopold Mozart (1719â1787) werden. Doch die SocietĂ€t löste sich um diese Zeit auf.)
Im Sommer 1750 unternahm er nochmals eine Reise nach Deutschland aus unbekanntem Grund, nicht ohne vorher sein Testament verfasst zu haben. Auf dieser Reise hatte seine Kutsche einen Unfall in Holland und HĂ€ndel verletzte sich nach Angaben des General Adviser schwer.
1751 begann HĂ€ndel mit der Komposition des Oratoriums Jephta. WĂ€hrend der Niederschrift zeigten sich erste Symptome der beginnenden Erblindung â im Schlusschor des zweiten Aktes heiĂt es: âHow dark, O Lord, are thy decreesâ. Genau an dieser Stelle muss HĂ€ndel seine Arbeit unterbrechen und notiert in die Partitur in deutscher Sprache: âBiĂ hierher komen den 13. Februar 1751, verhindert worden wegen relaxation des Gesichts meines linken Auges. so relaxâtâ Im weiteren Verlauf schlieĂt dieser Chor mit Alexander Popes Maxime aus dem Essay on Man (1734): âWhatever is, is right.â Diese wurde bald in Deutschland Gegenstand heftiger weltanschaulicher Auseinandersetzungen, an denen sich auch Moses Mendelssohn (1729â1781) und Gotthold Ephraim Lessing (1729â1781) beteiligten. SpĂ€ter ĂŒbernahm Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770â1831) Popes Maxime und kleidete sie in die Worte: âAlles was ist, ist vernĂŒnftigâ â vom Hegel-SchĂŒler Heinrich Heine (1797â1856) in âAlles, was vernĂŒnftig ist, muss seinâ umgedeutet.
Mit vielen Unterbrechungen sowie unter höchsten Anstrengungen vermochte HÀndel sein Werk Monate spÀter zu vollenden.
1754 konnte sich HĂ€ndel endlich bei seinem lebenslangen Freund und Blumenliebhaber Telemann mit einer Kiste exotischer Pflanzenzwiebeln bedanken (wenn auch verspĂ€tet: ihm war irrtĂŒmlich der Tod seines Hamburger Kollegen mitgeteilt worden). HĂ€ndel dankte fĂŒr die ihm von Telemann 1750 vorab ĂŒbersandte Intervall-Lehre Neues musikalisches System, die 1752 in Mizlers Musikalischer Bibliothek erschien. Hierin unterteilt Telemann jeden Ton, jedes Intervall vierfach in: Minimum, Minor, Major und Maximum. Sein Neues musikalisches System stieĂ allerdings bei den Zeitgenossen auf scharfe Ablehnung, weil mit dem Aufkommen des Hammerklaviers die temperierte Stimmung favorisiert wurde. Diese vierfache Unterteilung hatte HĂ€ndel ĂŒbrigens punktuell in seinen 1706â1709 entstandenen italienischen Kantaten, sowie im Il Trionfo (in der Arie âIo speraiâ) angewandt.
HĂ€ndel unterzog sich mehreren erfolglosen Augenoperationen, eine davon durch den umstrittenen Okulisten (Starstecher) John Taylor (1703â1772), der auch Johann Sebastian Bachs Augen operiert hatte. In Taylors 1761 in London erschienen History of the Travels and Adventures findet sich auch ein Abschnitt ĂŒber seine medizinischen Begegnungen mit Bach und HĂ€ndel. Darin vermerkte Taylor, dass beide Komponisten âanfangs zusammen erzogen wurdenâ. Diese Aussage Taylors stieĂ bei den Bach- und HĂ€ndel-Biografen seit Jahrhunderten auf heftigen Widerspruch.
Es gibt Hinweise, dass HĂ€ndel wĂ€hrend seiner letzten Jahre zeitweise wieder etwas sehen konnte, aber nach Mai 1752 gewann er sein Augenlicht praktisch nicht mehr zurĂŒck. Trotzdem wirkte er weiterhin bei den AuffĂŒhrungen seiner Oratorien mit und spielte zwischen den Akten seine Orgelkonzerte, die er teilweise improvisierte. Weiterhin komponierte er neue Arien oder ĂŒberarbeitete Ă€ltere. Bei der Niederschrift half ihm sein getreuer John Christopher Smith (der JĂŒngere). FĂŒr den Judas Maccabaeus komponierte er den Duett- und Chorsatz: âSion now her head shall raiseâ. Noch eine Woche vor seinem Tod saĂ HĂ€ndel an der Orgel bei einer AuffĂŒhrung seines Messiah.
Im April des Jahres 1759 hatte HĂ€ndel einen Kuraufenthalt in Bath geplant, wozu es jedoch nicht mehr kam, denn am Morgen des 14. April 1759, an einem Karsamstag, verstarb HĂ€ndel â im Alter von 74 Jahren â in seiner Wohnung Brook Street Nr. 57 (heute Nr. 25). Er hinterlieĂ â je nach Umrechnung â zwei bis sechs Millionen Euro, angelegt in Wertpapieren.[7] Am 20. April wurde er in der Londoner Westminster Abbey beigesetzt. Seinem Wunsch nach einem stillen BegrĂ€bnis wurde nicht entsprochen: es sollen 3000 Trauernde anwesend gewesen sein.
HĂ€ndels 42 Opern folgen ab der fĂŒnften Oper Rodrigo dem Typus der Opera seria, oder, wie von ihm selbst bezeichnet Dramma per musica, die aus einer Folge von Secco-Rezitativen und Da-capo-Arien besteht. Im Laufe der Zeit entwickelte er die Oper weiter, ohne jedoch mit der etablierten Form zu brechen. Um besonders intensive GefĂŒhlszustĂ€nde einer Figur darzustellen, setzt HĂ€ndel mehr und mehr das Accompagnato (vom Orchester begleitete)-Rezitativ ein. So z. B. zur groĂen Sterbeszene des Bajazet im Tamerlano oder bei der berĂŒhmten Wahnsinnsszene im Orlando.
Neben Arien gibt es Duette, seltener Terzette oder Quartette. Chöre schrieb HĂ€ndel anfangs nur fĂŒr die Finali, wo sie von den Protagonisten gesungen werden. Erst ab 1735 scheint er ĂŒber einen eigenstĂ€ndigen Opernchor verfĂŒgt zu haben. Im selben Jahr schrieb er fĂŒr die in Covent Garden gespielten Opern Alcina und Ariodante Ballettnummern, weil ihm dort die Ballett-Compagnie mit Marie SallĂ© (1707â1756) als Primaballerina und Choreographin zur VerfĂŒgung stand. (Voltaire zĂ€hlte zu ihren Verehrern). Eigens fĂŒr sie komponierte HĂ€ndel die Terpsichore als Prolog zur Zweitfassung von seinem Il Pastor fido. Marie SallĂ©, die bereits vor Jean-Georges Noverre (1727â1810) den damaligen BĂŒhnentanz revolutionierte, löste mit ihrem Auftritt in HĂ€ndels Zauberoper Alcina einen Skandal aus: Sie tanzte darin die mĂ€nnliche Rolle des Cupido nur leicht bekleidet und wurde dafĂŒr auf offener BĂŒhne ausgepfiffen.
HĂ€ndels Opern-OuvertĂŒren folgen dem von Lully geprĂ€gten französischen Typus: langsam-schnell (eine Fuge)-langsam. Die Libretti sind oftmals aus venezianischen Vorlagen abgeleitet; entgegen der allgemeinen PopularitĂ€t der Metastasio-Texte benutzte HĂ€ndel nur dreimal Libretti dieses Dichters!
Datei:Handel - messiah - 03 ev'ry valley.ogg Schon wÀhrend seiner Zeit als Komponist italienischer Opern entwickelt HÀndel eine neue Kunstform: Das englische Oratorium.
In England war das Oratorium bis dahin unbekannt, und auf dem Kontinent orientierte es sich am starren Schema der Opera seria mit ihrer einförmigen Folge von rezitativisch vorgetragener Handlung und oft zu langen Da-capo-Arien; Ensembles und Chöre kommen kaum vor. Aus Elementen der englischen Plays, Masques und Anthems, des klassischen französischen Dramas, der deutschen Kirchenkantate sowie der charakteristischen Musikform der italienischen Oper (Rezitativ und Arie, Ouverture, Einteilung in drei Akte) schafft HĂ€ndel durch die groĂformale Gestaltung eine neue Form des musikalischen Dramas, die von der BĂŒhne losgelöst ist. Das Theater stellt zwar weiter den Ă€uĂeren Rahmen, doch szenisches Spiel, KostĂŒme, Masken usw. entfallen. Dies ermöglicht plötzliche Szenen- und Affektwechsel. Der Handlungsablauf wird nun ausschlieĂlich in die Fantasie des Zuhörers verlagert, dementsprechend wird der ideelle und sinnliche Gehalt eines Werkes intensiviert. Der Chor ist jetzt nicht nur integriert, sondern er wird zum wesentlichen Glied und TrĂ€ger der Handlung. Das Oratorium hat dadurch, ohne das Dramatische zu verlieren, episch-lyrischen Charakter. Librettist und Komponist teilen dem Chor zwei Rollen zu: Die Rolle des unmittelbar an der Handlung Beteiligten und, nach antikem Vorbild, des sie Betrachtenden und Kommentierenden. Schicksal und Taten der handelnden Personen wickeln sich vor dem Hintergrund des Volkslebens ab. Ganze Völker werden personifiziert. In Belshazzar werden gar drei Völker einander gegenĂŒbergestellt. Der Heldenkastrat wird (so gut wie) verbannt, dafĂŒr ĂŒbernimmt der in der Oper bisher vorwiegend als Schurke agierende Tenor die Rolle des Helden. HĂ€ndel fĂŒhrt seine Oratorien in eigener Regie auf und öffnet einem neuen Publikum, dem bĂŒrgerlichen, die Pforten.
HĂ€ndels Kirchenmusik teilt sich auf in einige Psalmvertonungen in lateinischer Sprache, die er in Italien schrieb, und die englischsprachigen StĂŒcke. Zu den lateinischen Werken zĂ€hlen die Vesperpsalmen Dixit Dominus, Laudate pueri und Nisi Dominus. Die in der frĂŒhen Londoner Zeit entstandenen Chandos Anthems sind entsprechend dem kleinen zur VerfĂŒgung stehenden Ensemble von eher intimem Charakter. Die anderen kirchenmusikalischen Werke der Londoner Zeit entstanden meist fĂŒr die Chapel Royal fĂŒr besondere, teils staatspolitische AnlĂ€sse. Das Utrechter Te Deum und Jubilate zur Feier des Friedens von Utrecht ist vom Einfluss Purcells geprĂ€gt. Von den vier Coronation Anthems, komponiert zur Krönung von Georg II. und Königin Caroline 1727 in der Westminster Abbey, wird Zadok the Priest seither bei jeder britischen Krönungszeremonie gespielt, zuletzt am 2. Juni 1953 anlĂ€sslich der Krönung von Elisabeth II.. Das StĂŒck ist ferner als Erkennungsmelodie der UEFA Champions League bekannt. Das Funeral Anthem â The ways of Zion do mourn, komponierte HĂ€ndel 1737 fĂŒr das StaatsbegrĂ€bnis von Königin Caroline und das Dettinger Te Deum mit dem Dettingen Anthem 1743 zur Feier des Sieges bei Dettingen.
Ein wichtiger Teil von HĂ€ndels Orchestermusiken entstand fĂŒr seine Opern und Oratorien. Und zwar als OuvertĂŒren, Zwischenakt- und Ballettmusiken. Zu den eigenstĂ€ndig herausgegebenen Konzerten gehören die sechs Concerti grossi op. 3, die 1734 veröffentlicht, aber wesentlich frĂŒher zu verschiedenen Gelegenheiten geschrieben wurden, sowie die zwölf Concerti grossi op. 6 von 1739. HĂ€ndels Concerti grossi op. 6 sind Orchesterwerke mit einem Wechselspiel zwischen vollem Streichorchester (Ripieno) und einer Streicher-Solistengruppe (Concertino). Richtungsweisend fĂŒr diese aus Italien stammende Form war Corelli. HĂ€ndel verbindet in seinen Konzerten italienische Tradition mit der neuen sinfonischen Entwicklung des 18. Jahrhunderts. Zu etlichen Concerti grossi fĂŒgte HĂ€ndel im nachherein noch Oboenparte hinzu.
HĂ€ndels Orgelkonzerte sind seine eigene Erfindung und stehen neben Bachs Cembalokonzerten am Anfang der Entwicklung des Konzerts fĂŒr Tasteninstrument und Orchester. HĂ€ndel spielte seine Orgelkonzerte in der Regel wĂ€hrend der Pausen groĂer Oratorien-AuffĂŒhrungen auf einem eigens fĂŒr ihn gebautem Orgelpositiv. In der gedruckten Ausgabe von 1738 wurde auch das Cembalo sowie die Harfe (op. 4, Nr. 6) als mögliches Soloinstrument angegeben. GegenĂŒber den sechs Konzerten op. 4 (veröffentlicht 1738) zeichnen sich die beiden aus der âSecond Seriesâ (veröffentlicht 1740, das erste mit dem Beinamen âThe Cuckoo and the Nightingaleâ) und die sechs posthum veröffentlichten Konzerte op. 7 dadurch aus, dass viele Stellen und ganze SĂ€tze als âad libitumâ gekennzeichnet wurden, die HĂ€ndel also wĂ€hrend der AuffĂŒhrungen ex tempore spielte. FĂŒr das Konzert op. 7 Nr. 1, mit einem mĂ€chtigen Ostinato-Satz, schreibt HĂ€ndel eine zweimanualige Orgel mit Pedal (âOrgano a. 2 Clav. e Pedaleâ) vor!
In den Jahren 1747 und 1748 schrieb HĂ€ndel drei Concerti a due cori, in denen er das Orchester eigentlich dreiteilt: NĂ€mlich in zwei BlĂ€serchöre und einem Streicherchor mit Basso continuo. Diese Konzerte sind gröĂtenteils keine eigenstĂ€ndigen Kompositionen, sondern wurden von HĂ€ndel aus Chören der Oratorien Esther, Belshazzar, Semele und Messiah arrangiert und als Zwischenaktmusiken in seinen OratorienauffĂŒhrungen gespielt.
Als Freiluftmusiken sind die drei Suiten der Water Music (Wassermusik) fĂŒr Bootsfahrten auf der Themse, sowie die Music for the Royal Fireworks (Feuerwerksmusik) von 1749 konzipiert. Letztere wurde anlĂ€sslich des am 7. Oktober 1748 geschlossenen Aachener Friedens von König Georg II. in Auftrag gegeben und am 27. April 1749 in Londoner Green Park uraufgefĂŒhrt. Im Vorfeld kam es wegen der Orchesterbesetzung zu Auseinandersetzungen zwischen dem König und HĂ€ndel. Denn der König wollte ausschlieĂlich âMilitĂ€rinstrumenteâ (Oboen, Fagotte, Hörner, Trompeten und Pauken) verwendet wissen. HĂ€ndel dagegen bestand auf Mitwirkung von Streichinstrumenten. Wer sich von beiden letztendlich durchsetzte, lĂ€sst sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen: Tatsache bleibt, dass HĂ€ndel seine Partitur ausschlieĂlich fĂŒr Blasinstrumente und Pauken konzipierte, jedoch spĂ€ter vermerkte, dass zusĂ€tzlich Streicher die Oboen- und Fagottstimmen zu verdoppeln hĂ€tten. Die öffentliche Probe der Feuerwerksmusik mit 100 Musikern vor 12 000 Zuhörern am 21. April in Vauxhall Gardens wurde ein groĂer Erfolg. Das eigentliche Ereignis dagegen, die offizielle Feierlichkeit am 27. April im Green Park, endete mit einem Desaster. Durch technisches Versagen des Feuerwerks fingen die eigens fĂŒr das Feuerwerk zur Feier des Aachener Friedens errichteten Bauten und Dekorationen Feuer und brannten nieder. Einzig HĂ€ndels Musik soll die Ehre dieses Tages gerettet haben.
Die sechs Triosonaten op. 2, fĂŒr zwei Violinen und Basso continuo, wurden zuerst von Roger in Amsterdam um 1722 verlegt. Sie entsprechen durchgĂ€ngig der viersĂ€tzigen italienischen Kirchensonatenform. Weitere sieben Triosonaten op. 5, fĂŒr zwei Violinen und Basso continuo, wurden 1739 in London veröffentlicht. Diese haben fĂŒnf bis sieben SĂ€tze, darunter TanzsĂ€tze wie Passacaille, Sarabande Gavotte etc., so dass sie der Suitenform nahekommen. Drei weitere Triosonaten sind nur durch Handschriften ĂŒberliefert. Der Kirchensonatenform entsprechen auch die 15 Solosonaten op. 1, die ebenfalls um 1722 von Roger in Amsterdam erstmals publiziert wurden. Sie unterteilen sich in 3 Sonaten fĂŒr Traversflöte, 4 Sonaten fĂŒr Blockflöte, 2 Sonaten fĂŒr Oboe und 6 Sonaten fĂŒr Violine, jeweils mit Generalbass-Begleitung. In der Hallischen HĂ€ndel-Ausgabe stehen noch sechs Triosonaten fĂŒr zwei Oboen und Basso continuo von Anfang 1700. Es gilt inzwischen als sicher, dass HĂ€ndel nicht der Urheber dieser Sonaten ist.
HĂ€ndels Veröffentlichungen fĂŒr das Cembalo gehen auf in Umlauf gebrachte Kopien einiger seiner StĂŒcke, welche er möglicherweise im Rahmen seiner LehrtĂ€tigkeit benutzte, zurĂŒck. Weil er die Verbreitung der ungenauen und verfĂ€lschten Abschriften eindĂ€mmen wollte, gab er 1720 die acht Suites de PiĂšces pour le Clavecin heraus. 1733 folgte eine zweite Sammlung mit neun Suiten unter dem gleichen Titel und ferner 6 Fugen (1735). Weitere Gelegenheitswerke sind in Hand- oder Abschrift ĂŒberliefert. Die zweite Suitensammlung enthĂ€lt eine bemerkenswerte Chaconne (G-Dur) ĂŒber einen achttaktigen Basso ostinato, der auf Henry Purcell zurĂŒckgeht. Diesen verwendete auch Gottlieb Muffat in seinen Componimenti musicali und Bach fĂŒr seine Goldberg-Variationen sowie fĂŒr den Canon triplex a. 6 Voc., einen RĂ€tselkanon, den er auf dem bekannten PortrĂ€t von Elias Gottlob HauĂmann in der Hand hĂ€lt.
In seiner Schrift Der vollkommene Kapellmeister, die 1739 in Hamburg erschien, hat Johann Mattheson knapp 1 1/4 Takte (Takt 3â4) aus dem vierten Satz â der Schlussfuge â von HĂ€ndels Claviersuite Nr. 2 F-dur (aus Suites de PiĂšces von 1720) abgedruckt. Neben seinem Notenzitat richtet Mattheson, der sicherlich noch tieferen Einblick in HĂ€ndels Kompositionsprinzipien hatte, folgende Frage an seine Leserschaft: âWer sollte wol dencken, daĂ in diesen wenig Noten, als einem dicken kurtzen Golddrat, ein Faden verborgen wĂ€re, der sich hundertmahl so lang ziehen lĂ€Ăt?â Mit âGolddratâ (Golddraht) meint Mattheson HĂ€ndels Fugenthema (Subjekt) mit seinem Gegenthema (Kontrasubjekt).
Zur Kammermusik zĂ€hlten zu HĂ€ndels Zeit sowohl Vokal- als auch InstrumentalstĂŒcke. Zahlreich sind seine weltlichen Kantaten: 72 fĂŒr Solostimme und Basso continuo, die aus einer Abfolge von Arien und Rezitativen bestehen, bei denen er sich mit an Alessandro Scarlatti orientierte. Hinzu kommen die Kantaten con stromenti, also mit selbstĂ€ndigen Instrumentalstimmen. (Dazu gehört die kleine spanische Kantate Cantata Spagnuola a voce sola e Chitarra, von HĂ€ndel mit Noten im alten Stil aufgezeichnet). Die meisten der weltlichen Kantaten werden der Zeit in Rom zugeordnet, als HĂ€ndel an der Accademia degli Arcadi mit den Scarlattis, Corelli und Pasquini zusammentraf.
Auf etwa 1724â26 datieren die Neun Deutschen Arien fĂŒr Solostimme, Melodieinstrument und Basso continuo aus B. H. Brockesâ naturlyrischer Gedichtssammlung: Irdisches VergnĂŒgen in Gott. Brockes, der mit âpoetischer VerklĂ€rungâ fĂŒr die Ausbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse sorgte, beeinflusste nachhaltig Christoph Martin Wieland (1733â1813) und Johann Wolfgang Goethe (1749â1832). âMeine Seele hört im Sehenâ â so lautet eine der von HĂ€ndel vertonten Deutschen Arien. Mit diesen Arien vertont er zum letzten Mal einen deutschsprachigen Text.
Duette und Terzette fĂŒr Singstimmen und Generalbass entstanden in Italien oder Hannover sowie zwischen 1741 und 1745 in London. Sie folgen dem Vorbild der als Modell der Gattung angesehenen Werke von Agostino Steffani, den HĂ€ndel in Hannover noch kennengelernt hatte. Einige von ihnen erweiterte HĂ€ndel fĂŒr seine Oratorien zu vierstimmigen Chören.
FĂŒr den Interpreten HĂ€ndelscher Opern und Oratorien in heutiger Zeit sind die ĂŒberlieferten Angaben ĂŒber die GröĂe der Instrumentengruppen des Orchesters unter HĂ€ndels Leitung und die Art, wie zu spielen ist, von groĂer Bedeutung. Von Italien, wo HĂ€ndel keinen Einfluss auf die Struktur des Orchesters im Hause Ruspoli hatte, wissen wir die Besetzung fĂŒr die AuffĂŒhrung der La Resurrezione: 2 Trompeten, 4 Oboen, 23 Violinen (angefĂŒhrt vom Konzertmeister Corelli), 4 Violen, 6 Violoncelli und 6 KontrabĂ€sse. Die weiteren Angaben sind rĂ€tselhaft, da noch 1 kleine Bassgeige erwĂ€hnt ist (möglicherweise ist die in der Partitur geforderte Viola da gamba gemeint) und eine Posaune. Flöten sind nicht erwĂ€hnt, wurden aber wohl, wie ĂŒblich, von den Oboisten gespielt.
Die Zusammenstellung des Londoner Opernorchesters lag nun aber ganz in HĂ€ndels Hand. Ein Protokoll des Herzogs von Portland von 1720 zĂ€hlt folgende 34 Musiker auf: 1 Trompete, 4 Oboen, 3 Fagotte, 17 Geigen, 2 Bratschen, 4 Violoncelli, 2 KontrabĂ€sse, 1 Theorbe. 1727 erwĂ€hnt der in London weilende Komponist vom Berliner Hof Johann Joachim Quantz, daĂ das Orchester âgrösstentheils aus Deutschen, aus einigen Italienern, und ein paar EngellĂ€ndernâ bestand. âCastrucci, ein italienischer Violinist, war der AnfĂŒhrerâ. (Burney) Im Jahre 1728 hat der Franzose Fourgeroux in seinem englischen Reisebericht die Besetzung einer OpernauffĂŒhrung im Kingâs Theatre notiert: 24 Violinen und Violen (angefĂŒhrt von den BrĂŒdern Castrucci), 3 Celli, 2 KontrabĂ€sse, 1 Laute, 2 Cembali. Was die BlĂ€ser betrifft, hat er nur erwĂ€hnt, daĂ gelegentlich Flöten und Trompeten gespielt hĂ€tten. Oboen und Fagotte hat er ganz vergessen. Er mokierte sich darĂŒber, dass in den Rezitativen die Akkorde nur âabgesetztâ gespielt worden wĂ€ren, was er aus seiner Heimat sicher nicht kannte. AuĂerdem berichtet er, dort hĂ€tte nur ein Violoncello, die beiden Cembali und die Laute gespielt. Von der Premiere des Orlando 1733 berichtet Sir John Clark of Penicuick, daĂ ihn die Zahl der Instrumentalvirtuosen ĂŒberrascht habe und zĂ€hlt 2 Oboen, 4 Fagotte, mehr als 24 Geigen, 4 Celli, 2 groĂe Gamben (KontrabĂ€sse) , 2 Cembali und eine Theorbe auf. Er wiederum beschwert sich darĂŒber, dass das Orchester zu laut gewesen sei und die Stimmen teilweise ĂŒbertönt hĂ€tte. Etwa 1735â1743 ist Andrea Caporale Solocellist in HĂ€ndels Orchester. Er spielte ein Violoncello mit 5 Saiten und viele der HĂ€ndelschen Soli fĂŒr Violoncello in diesem Zeitraum sind auf dieses Instrument zugeschnitten.
Die letzten Hinweise haben wir von 1750 mit dem erhaltenen Notenmaterial fĂŒr die AuffĂŒhrungen des Messias in dieser Zeit: 4 Oboen, 4 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, 14 Violinen (8 âErsteâ und 6 âZweiteâ), 6 Violen, 3 Violoncelli und 2 KontrabĂ€sse.
Schon zu Lebzeiten genoss HĂ€ndel in England den Rang eines Klassikers. 1738 war ihm zu Ehren in Vauxhall Gardens ein durch Roubiliac geschaffenes lebensgroĂes Denkmal errichtet worden.[8] Am 15. Juli 1762 wurde das von Roubiliac gestalteten Grabdenkmal HĂ€ndels in der Westminster Abbey enthĂŒllt.[9] Mainwarings 1760 erschienene Memoirs of the Life of the Late George Frederic Handel (von Mattheson ins Deutsche ĂŒbersetzt) gelten als erste Musikerbiographie ĂŒberhaupt. Im Gegensatz zu vielen Komponisten seiner Epoche, wie etwa in Deutschland Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann, geriet HĂ€ndel nach seinem Tod in England nicht in Vergessenheit. Allerdings grĂŒndete sich seine dauerhafte PrĂ€senz im englischen Musikleben vorwiegend auf seine Oratorien, insbesondere denMessiah.
Neben regelmĂ€Ăigen auszugsweisen AuffĂŒhrungen seiner Oratorien wurden mehrere aus HĂ€ndels Musik zusammengestellte Pasticci gespielt. Zur Feier von HĂ€ndels hundertstem Geburtstag wurde 1784 (man hatte sich um ein Jahr vertan, weil im Geburtsjahr HĂ€ndels in England noch der Julianische Kalender galt, nach dem das Jahr erst am 25. MĂ€rz begann, wĂ€hrend in Deutschland der Gregorianische Kalender galt) mit ĂŒber 500 Musikern eine dreitĂ€gige GedĂ€chtnisfeier in Westminster Abbey und im Pantheon gehalten, mit AuffĂŒhrungen des Messiah, StĂŒcken aus den anderen Oratorien und Orchestermusik. Wegen des Erfolgs wurde die Messias-AuffĂŒhrung noch zweimal wiederholt. Diese GedĂ€chtnisfeier begrĂŒndete eine Tradition, die bis 1791 fortgefĂŒhrt wurde und immer gigantischere AusmaĂe annahm: Im letzten Jahr wurden ĂŒber 1000 Musiker engagiert.
Die Begeisterung fĂŒr den Messias erreichte auch bald Deutschland. 1772 wurde dieser erstmals von Michael Arne auf einem Gastspiel in Hamburg dirigiert. Drei Jahre spĂ€ter dann von Carl Philipp Emanuel Bach (1714â1788), dem zweitĂ€ltesten Sohn von J. S. Bach. Nachdem Friedrich Gottlieb Klopstock (1724â1803) im Jahre 1773 sein Vers-Epos Der Messias abgeschlossen hatte, erschien nun 1775 seine deutsche Ăbersetzung von HĂ€ndels Werk. Johann Adam Hiller (1728â1804) war dann der erste, der fĂŒr Berlin 1786 das StĂŒck völlig neu instrumentierte und Ă€nderte.
In Wien erweiterte und verĂ€nderte Wolfgang Amadeus Mozart (1756â1791) fĂŒr die Konzerte des Barons Gottfried van Swieten zwischen 1788 und 1790 die Instrumentation von vier oratorischen Werken, darunter die des Messiah, um sie dem Zeitgeschmack anzupassen. Dabei ging er aber mit dem HĂ€ndelschen Original wesentlich respektvoller um als zuvor Hiller. DarĂŒber hinaus verarbeitete Mozart 1791 in seinem (unvollendeten) Requiem Themen sowie kontrapunktische Verdichtungen aus HĂ€ndels Funeral Anthem, Dettingen Anthem und seinem Messias (âAnd with his stripesâ).
Als Haydn wĂ€hrend seines London-Aufenthalts Oratorien HĂ€ndels hörte, war er tief berĂŒhrt: Ihm war, âals sei er an den Beginn seiner Studien zurĂŒckversetzt worden und habe bis dahin nichts gewusst.â (nach Giuseppe Carpani). Er brachte ein Libretto nach Wien mit, das möglicherweise fĂŒr HĂ€ndel verfasst worden war, und komponierte danach Die Schöpfung, ein Oratorium, das in seiner Struktur und seinen Chorfugen deutlich unter dem Einfluss HĂ€ndels steht. GleichermaĂen lieĂ sich Beethoven von HĂ€ndel inspirieren. Auf See, the conquâring Hero comes schrieb er Variationen fĂŒr Cello und Klavier (1796). Die OuvertĂŒre Die Weihe des Hauses mit ihrer groĂen Mittelfuge ist bewusst nach HĂ€ndels Stil modelliert.
In den 1770er Jahren kam der Messiah nun auch in die USA und wurde, der englischen Tradition folgend, vorwiegend zu Benefizzwecken aufgefĂŒhrt. In der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich dann dort die Tradition, ihn in der Vorweihnachtszeit aufzufĂŒhren.
Ab 1842 machte Vincent Novello in England eine enge Auswahl an Oratorien in preiswerten KlavierauszĂŒgen zugĂ€nglich. War die bis dahin einzige Gesamtausgabe von Samuel Arnold unhandlich; so konnten die Noten (deren Preis den leerer NotenblĂ€tter nicht ĂŒberstieg) sich nun auch in den Chorvereinigungen der Provinzen ausbreiten.
In monumentalem MaĂstabe wurden in London (nach einer Probe 1857) von 1859 bis 1926 im dreijĂ€hrigen Abstande im Crystal Palace HĂ€ndelfestspiele gehalten. Auf ihrem Höhepunkt wirkten etwa 4000 ChorsĂ€nger und etwa 500 Orchestermusiker mit. In dieser Form entwickelte sich die Veranstaltung geradezu zu einer Demonstration des englischen Nationalstolzes.
In Deutschland errichtete man anlĂ€sslich des hundertsten Todestags HĂ€ndels in groĂer Inszenierung ein HĂ€ndel-Denkmal gegenĂŒber seiner Taufkirche auf dem Marktplatz seiner Geburtsstadt Halle; an den Feierlichkeiten nahm unter anderem Franz Liszt teil.
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809â1847) entriss nicht nur mit seiner denkwĂŒrdigen WiederauffĂŒhrung der MatthĂ€uspassion im Jahre 1829 das Werk Johann Sebastian Bachs der Vergessenheit, sondern er sorgte auch dafĂŒr, dass HĂ€ndels Oratorien in Deutschland aufgefĂŒhrt wurden. Einige Oratorien HĂ€ndels richtete Mendelssohn eigenhĂ€ndig fĂŒr den praktischen Gebrauch ein. Georg Gottfried Gervinus (1805â1871) ĂŒbersetzte die englischen Texte von sĂ€mtlichen Oratorien HĂ€ndels, die so ĂŒberhaupt zum Standardrepertoire der deutschen Chorvereinigungen werden konnten. Und Johannes Brahms (1833â1897) verfasste fĂŒr die erste deutsche HĂ€ndel-Gesamtausgabe Klavierstimmen (Generalbass-Aussetzungen) fĂŒr die von Chrysander unter dem Titel Duetti e Terzetti zusammengefaĂten losen Vokalduette und âterzette.
Seit 1914 ĂŒberzog der Antisemitismus in Deutschland das Werk HĂ€ndels, indem seine Oratorien arisiert wurden: Israel in Egypt wurde in Mongolensturm umbenannt und Judas Maccabaeus, zunĂ€chst in Der Feldherr umfirmiert, kam von 1933 bis 1945 nur noch unter dem Titel Wilhelm von Nassau zur AuffĂŒhrung.
Andererseits war es Deutschland vorbehalten, HĂ€ndels völlig vergessene Opern wiederzubeleben. Ab 1920 brachte der Kunsthistoriker Oskar Hagen mehrere davon in Göttingen auf die BĂŒhne. Seine deutschen Fassungen verbreiteten sich schnell an den Theatern des ganzen Landes.
GegenwĂ€rtig wird HĂ€ndels Tonschaffen in Deutschland neben Konzerten und TheaterauffĂŒhrungen bei drei Festspielen gepflegt: die Internationalen HĂ€ndel-Festspiele Göttingen, (die aus Oskar Hagens OpernauffĂŒhrungen der 1920er entstanden), dann die 1952 in HĂ€ndels Geburtsstadt vom GMD Horst-Tanu Margraf initiierten HĂ€ndel-Festspiele Halle (Es gab schon vier VorlĂ€ufer fĂŒr das dann jĂ€hrlich stattfindende Festival: 1922, 1929, 1935 und 1948.) und die Karlsruher HĂ€ndel-Festspiele, die seit 1985 vom Badischen Staatstheater in enger Zusammenarbeit mit der HĂ€ndel-Gesellschaft und der Internationalen HĂ€ndel-Akademie veranstaltet werden.
Inzwischen gibt es auf der ganzen Welt AuffĂŒhrungen von HĂ€ndels Opern und szenische Realisationen seiner Oratorien (die HĂ€ndel immer, von der UrauffĂŒhrung des Messias abgesehen, auf einer TheaterbĂŒhne auffĂŒhrte â wenn auch nicht szenisch), welche die Relevanz seiner Werke fĂŒrs heutige Musiktheater eindrucksvoll belegen,[10] wie auch in zeitgenössischen Reflexionen, z.B. einer Hommage zum 250. Todestag des Komponisten, der Tanzoper Rituale von Heike Hennig und ihrem Ensemble im Februar 2009 in Leipzig.[11]
HĂ€ndel stellt jeden Herausgeber vor besondere Schwierigkeiten. Seine Ănderungen, ErgĂ€nzungen und Anpassungen an verĂ€nderte AuffĂŒhrungsbedingungen fĂŒhren dazu, dass es fĂŒr fast jedes Werk eine Vielzahl von möglichen Varianten gibt. Die Hallische HĂ€ndel-Ausgabe hat sich zum Ziel gesetzt, alle Fassungen eines Werkes zu rekonstruieren. Eine Fassung letzter Hand gibt es nicht. So besteht fĂŒr den Interpreten die Möglichkeit, zwischen den verschiedenen Fassungen zu wĂ€hlen. FĂŒr die Kammermusik gibt es das Problem, dass mehrere Veröffentlichungen nicht von HĂ€ndel autorisiert waren und teilweise vom Verleger selbst zusammengestellt und um unechte Werke ergĂ€nzt wurden. Inzwischen sind die unechten Werke jedoch identifiziert und der Befund in modernen Ausgaben erklĂ€rt.
Der erste Versuch einer Gesamtausgabe von HĂ€ndels Werken erfolgte zwischen 1787 und 1797 durch Samuel Arnold in London. Es erschienen 36 BĂ€nde, aber dann wurde wegen abspringender und verstorbener Subskribenten vorzeitig abgebrochen, so dass fast alle Opern und ein GroĂteil der vokalen Kammermusik fehlen. Eine von der English Handel Society zwischen 1843 und 1858 betriebene Ausgabe auf der Basis von Autographen wurde nach kaum mehr als zwölf gröĂeren Chorwerken eingestellt.
Als Pionierleistung muss die Gesamtausgabe in 94 BĂ€nden gelten, die Friedrich Chrysander â anfangs unter dem Dach der von ihm mitgegrĂŒndeten Deutschen HĂ€ndel-Gesellschaft in Leipzig â ab 1858 herausgab. Chrysander griff dafĂŒr auf HĂ€ndels Dirigierpartituren (die sog. âDirektionspartiturenâ), jedoch nur teilweise auf die Autographe zurĂŒck. Dazu kamen sechs ErgĂ€nzungsbĂ€nde mit Kompositionen anderer Komponisten, deren Materialien HĂ€ndel verwendete. Nur ein Band der Gesamtausgabe und zwei ErgĂ€nzungsbĂ€nde wurden 1902 von Max Seiffert hinzugefĂŒgt, ein weiterer (Nr. 49) erschien nie.
1955 begann die Georg-Friedrich-HĂ€ndel-Gesellschaft in Halle mit einer Ausgabe fĂŒr den praktischen Gebrauch, die die Chrysander-Ausgabe ergĂ€nzen sollte. Man stellte bald fest, dass diese den modernen musikwissenschaftlichen AnsprĂŒchen nicht mehr genĂŒgte, da Varianten und BegrĂŒndungen der Editionsentscheidungen fehlten; so dass man 1958 beschloss, eine neue Gesamtausgabe mit kritischem Bericht zu erarbeiten â die Hallische HĂ€ndel-Ausgabe (HHA). Die Arbeit soll bis 2023 abgeschlossen sein. Im Rahmen der HHA erschien 1978 im HĂ€ndel-Handbuch das von Bernd Baselt erarbeitete HĂ€ndel-Werke-Verzeichnis (HWV).
| HWV | Titel | UrauffĂŒhrung | Ort |
|---|---|---|---|
| 49a/b | Acis and Galatea | Sommer 1718 | Residenz Cannons bei London |
| 74 | Ode for the Birthday of Queen Anne | 6. Februar 1713 | Königshof in London |
| 75 | Alexanderâs Feast or The Power of Musick | 19. Februar 1736 | Kingâs Theatre, Haymarket, London |
| 76 | Ode for St. Ceciliaâs Day | 22. November 1739 | Theatre Royal, Lincolnâs Inn Fields, London |
| HWV | Titel | UrauffĂŒhrung | Ort |
|---|---|---|---|
| 278 | Utrechter Te Deum | 7. Juli 1713 | St Paulâs Cathedral in London |
| 279 | Utrechter Jubilate | 7. Juli 1713 | St Paulâs Cathedral in London |
| 280 | Caroline Te Deum | vermutlich 26. September 1714 | Königskapelle, St. Jamesâs Palace in London |
| 281 | Chandos Te Deum | 1717/1718 | St. Lawrenceâs Church, Cannons |
| 282 | Te Deum in A-Dur | vermutlich 16. Januar 1726 | Königskapelle, St. Jamesâs Palace in London |
| 283 | Dettinger Te Deum | 27. November 1743 | Königskapelle, St. Jamesâs Palace in London |
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Dieser Artikel wurde am 14. Juli 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | HĂ€ndel, Georg Friedrich |
| ALTERNATIVNAMEN | Handel, George Frideric |
| KURZBESCHREIBUNG | Komponist des Barock |
| GEBURTSDATUM | 5. MĂ€rz 1685 |
| GEBURTSORT | Halle (Saale), Deutschland |
| STERBEDATUM | 14. April 1759 |
| STERBEORT | London, England |