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Georges Pompidou

Georges Pompidou

Georges Jean Raymond Pompidou [ʒɔʀʒ pɔ̃piˈdu] (* 5. Juli 1911 in Montboudif, Cantal; † 2. April 1974 in Paris) war ein französischer Politiker der gaullistischen Strömung. Nach Charles de Gaulle war Pompidou der zweite PrĂ€sident der FĂŒnften Republik. Er regierte vom 20. Juni 1969 bis zu seinem Tod am 2. April 1974.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft, Ausbildung und Familie

Georges Jean Raymond Pompidou war Sohn einer Lehrerfamilie und Enkelkind von Bauern, welche im französischen Zentralmassiv unter Ă€ußerst einfachen UmstĂ€nden lebten. Die Familie verstand es, die Rahmenbedingungen unter der Dritten Republik zu nutzen: Der Großvater war noch einfacher Bauer, der Vater bereits Grundschullehrer und der Sohn schließlich sowohl FunktionĂ€r als auch Spitzenpolitiker.

Georges trat im sĂŒdfranzösischen Albi, wo auch sein Vater lehrte, in die Schule ein. Er war ein brillanter Gymnasiast und gewann 1927 den jĂ€hrlich stattfindenden concours gĂ©nĂ©ral im Fach Altgriechisch.[1] Nachdem er das BaccalaurĂ©at (Abitur) im Gymnasium LapĂ©rouse d'Albi bestanden hatte, widmete er sich dem Vorbereitungsunterricht (→ Classe prĂ©paratoire) fĂŒr die Aufnahme in einer der Grandes Écoles von Frankreich. Dabei machte er am Pariser LycĂ©e Louis-le-Grand die Bekanntschaft mit LĂ©opold SĂ©dar Senghor und AimĂ© CĂ©saire. 1931 wurde er in die École normale supĂ©rieure aufgenommen und promovierte 1934 als Bester seines Jahrganges in Altphilologie (→ agrĂ©gation de lettres classiques). Darauf trat Pompidou in den Gymnasial-Schuldienst ein und unterrichtete zunĂ€chst im LycĂ©e Saint-Charles von Marseille und spĂ€ter im LycĂ©e Henri IV von Paris.

Am 29. Oktober 1935 heiratete er die Jurastudentin Claude Cahour (1912–2007). Das Ehepaar adoptierte einen Sohn (Alain Pompidou, * 1942).

Georges Pompidou absolvierte die Unteroffiziersschule in Saint-Maixent-l’École. Im Zweiten Weltkrieg wurde Pompidou 1940 in das 141. (alpine) Infanterieregiment eingeteilt und nach der Niederlage vom Juni 1940 wieder demobilisiert.

Politische Laufbahn

Nachkriegsjahre (1946–1958)

Georges Pompidou, der am Ende des Zweiten Weltkrieges immer noch Studienrat am lycĂ©e Henri IV war, machte nie ein Geheimnis daraus, dass er sich nicht fĂŒr die RĂ©sistance engagiert hatte. Über den Umweg von Freunden, welche General Charles de Gaulle – inzwischen PrĂ€sident der provisorischen Regierung – nahestanden, wurde er in den Staatsdienst berufen. Dabei kam Pompidou zugute, dass er als Verbindungsmann zu den UniversitĂ€ten dienen konnte. WĂ€hrend der kĂŒnftigen Jahre der Vierten Republik bekleidete er folgende öffentlichen und privatwirtschaftlichen Funktionen:

  • Projektleiter fĂŒr das Bildungsministerium
  • Nach dem vorlĂ€ufigen Abgang de Gaulles verblieb er im engen Beratungskreis des Generals und engagierte sich insbesondere fĂŒr die Stiftung Anne de Gaulle
  • Direktor des Kommissariats fĂŒr Tourismus (1946–1949)

Algerienkrise (1958–1962)

Als General de Gaulle 1958 aus seinem freiwillig gewĂ€hlten „Exil“ in Colombey-les-Deux-Églises an die Macht zurĂŒckkehrte und bald darauf die FĂŒnfte Republik ausrief, wurde Georges Pompidou unter ihm Kabinettschef und sein engster Vertrauter. 1959 wurde er in den Verfassungsrat nominiert, wo er bis 1962 wirkte. Er nahm mit der algerischen UnabhĂ€ngigkeitsbewegung Front de LibĂ©ration Nationale (FLN) Kontakt auf und bereitete auch im Rahmen der geheimen Vorverhandlungen in NeuchĂątel und Luzern die VertrĂ€ge von Évian vor, welche den Algerienkrieg schließlich beendeten, die UnabhĂ€ngigkeit Algeriens zur Folge hatten und Frankreich vor einem drohenden BĂŒrgerkrieg bewahrten.

Premierminister (1962–1968)

Georges Pompidou, links, mit Bundeskanzler Ludwig Erhard, 1965

Vom 15. April 1962 bis 13. Juli 1968 war Georges Pompidou Premierminister unter Charles de Gaulle. Er befĂŒrwortete den RĂŒckzug Frankreichs aus der militĂ€rischen Integration der NATO ebenso wie de Gaulles „Nein“ zum EWG-Beitritt Großbritanniens.

Nachdem das französische Volk die VertrĂ€ge von Évian in einem Referendum bestĂ€tigt hatte, wurde Georges Pompidou, der in der breiten Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt noch kaum bekannt war, am 14. April 1962 als Nachfolger von Michel DebrĂ© zum Premierminister ernannt. Seine Karriere wĂ€re beinahe unterbrochen worden, als er seine Demission androhte, um von de Gaulle die Begnadigung eines zum Tode durch Erschießen verurteilen Putschisten aus Algier zu erwirken.

Pompidou wirkte wĂ€hrend der sogenannten „Trente Glorieuses“ von 1945 bis 1974, einer durch lange Boom-Phasen charakterisierten Ära, die Frankreich im Zeichen der Technokratie in ein fortschrittliches, wirtschaftlich prosperierendes Land der westlichen Wohlstandsgesellschaft verwandelte. Trotz einiger ErschĂŒtterungen (Dekolonisation, Probleme im VerhĂ€ltnis von politischer FĂŒhrung und MilitĂ€r, Streiks, Mai 1968) verkörperte Pompidou in den 1960er Jahren die Aufbruchstimmung innerhalb der neuen gaullistischen Bewegung wie kaum ein anderer.

1967 wurde Pompidou im ersten Wahlgang zum Abgeordneten fĂŒr den 2. Bezirk des DĂ©partements Cantal gewĂ€hlt.

WĂ€hrend den Studentenunruhen vom Mai 1968 verhandelte Pompidou zĂ€h und geduldig mit den GewerkschaftsfĂŒhrern und dem Arbeitgeberverband, wobei er vom damaligen StaatssekretĂ€r fĂŒr Arbeit Jacques Chirac wertvolle SchĂŒtzenhilfe erhielt. Diese GesprĂ€che fĂŒhrten zum Abkommen von Grenelle, das aber von der Basis abgelehnt wurde und deshalb nie in Kraft trat. In dieser zugespitzten Lage riet Pompidou zur Auflösung der Nationalversammlung und setzte sich mit dieser tiefgreifende Maßnahme schließlich auch durch. Viele im Umfeld General de Gaulles hielten das wegen der nun erforderlichen Neuwahlen, angesichts der radikalen linken KrĂ€fte, die die Straßen dominierten und auch Sympathien bei der Bevölkerung genossen, fĂŒr politischen Selbstmord. Sie erachteten die DurchfĂŒhrung eines Referendums als den weniger riskanten Weg aus der Sackgasse. Verdrossen und nur widerwillig schloss sich de Gaulle letztendlich dennoch dem Ansinnen seines Premierministers an. Und siehe da: Die Neuwahlen wurden zum Triumph fĂŒr die Gaullisten. Deren Partei, die Union pour la dĂ©fense de la RĂ©publique (UDR), errang die absolute Mehrheit, Pompidou wurde in seinem Wahlkreis bestĂ€tigt, die Linke war geschlagen und einige ihrer Protagonisten (unter ihnen auch der ehemalige und einst populĂ€re MinisterprĂ€sident Pierre MendĂšs-France) wurden abgewĂ€hlt. Aber de Gaulle, verĂ€rgert ĂŒber den geglĂŒckten Coup seines SchĂŒtzlings und in seiner AutoritĂ€t verunsichert, zwang Pompidou dazu, das Premierministeramt abzulegen. Dieser wurde am 10. Juli 1968 durch Maurice Couve de Murville ersetzt und der General kommandierte ihn in die zweite Reihe ab, wo ihm keine konkrete Funktion zugewiesen wurde (original: en rĂ©serve de la Republique).

Als Pompidou vom Westschweizer Fernsehen in einem Interview 1969 gefragt wurde, ob er fĂŒr sich eine politische Zukunft sehe, antwortete er: „Ich habe vermutlich keine politische Zukunft; ich habe eine politische Vergangenheit, und ich werde möglicherweise eines Tages – so Gott will – eine nationale Berufung haben.“ (original: «Je ne pense pas avoir d'avenir politique; j'ai un passĂ© politique; j'aurai peut-ĂȘtre un jour, si Dieu le veut, un destin national»).[2] Diese ErklĂ€rung brachte ihm eine offizielle RĂŒge des ÉlysĂ©es ein und wurde als voreilig abgetan.

In der Nach-68-Ära geriet Georges Pompidou im Zusammenhang mit der so genannten Markovic-AffĂ€re in den Verdacht, er unterhalte Kontakte zur Unterwelt. (Markovic war ein ehemaliger Bodyguard des beliebten Schauspielers Alain Delon und wurde ermordet auf einer MĂŒllhalde aufgefunden). Im Verlaufe der Ermittlungen versuchte man Pompidous Gattin Claude zu kompromittieren, indem von der Polizei Befragte das GerĂŒcht verbreiteten, es existierten Fotos, die sie bei Gruppensexorgien zeigten. Bis ins Innerste verletzt durch diese entehrenden Nachreden, wandte sich Pompidou an das ÉlysĂ©e und beklagte sich, dass man ihn nicht vorgewarnt hatte und auch keinerlei Dementi verlauten ließ. Allerdings stieß seine Klage dort auf wenig VerstĂ€ndnis. Dies war das Moment, der zur endgĂŒltigen ZerrĂŒttung der Beziehung zwischen Pompidou und seinem politischen Ziehvater de Gaulle fĂŒhrte. Hingebungsvoll widmete er sich nun seinen Ämtern in der Provinz: Gemeinderat von Cajarc (1965-1969) und Abgeordneter des DĂ©partements Cantal (1968-1969). Letzteres brachte ihm auch einen Sitz in der Nationalversammlung, inmitten der gaullistischen Fraktion Union pour la dĂ©fense de la RĂ©publique, ein.

StaatsprĂ€sident (1969–1974)

Zusammenfassung

Am 29. April 1969 trat Charles de Gaulle zurĂŒck. Bei den darauf folgenden PrĂ€sidentschaftswahlen setze sich Georges Pompidou am 15. Juni 1969 im zweiten Wahlgang gegen Alain Poher mit 55,2 % der Stimmen durch und wurde französischer StaatsprĂ€sident. Er behielt das Amt bis zu seinem Tode 1974.

Ein erster Schwerpunkt seiner Außenpolitik war es, Frankreich aus der diplomatischen Isolation, in welcher sich das Land befand, herauszufĂŒhren. Wenn die Interessen Frankreichs gebĂŒhrend garantiert wurden, gab er sich durchaus europĂ€isch. Er gab auch grĂŒnes Licht zur Erweiterung der EWG von sechs auf neun Mitgliedsstaaten. Somit konnte nun auch Großbritannien der Gemeinschaft beitreten, was sein VorgĂ€nger de Gaulle noch blockiert hatte. Trotzdem versuchte er den wachsenden Einfluss der angelsĂ€chsischen Achse (und damit insbesondere der Vereinigten Staaten) abzuwehren und zwar nicht nur auf der Ebene Politik und MilitĂ€r, sondern auch was die Auswirkung auf die französische Sprache und Kultur betraf. Dem Zeitgeist, die UdSSR in die Isolation abzudrĂ€ngen, stand er skeptisch gegenĂŒber. Eine rein bipolare Welt, in welcher MĂ€chte wie Frankreich keine wesentliche Rolle mehr spielten, konnte nicht in seinem Sinne sein. Mit den Deutschen wusste Pompidou ebenso wenig anzufangen wie Ludwig Erhard mit den Franzosen.[3]

Im Inland trieb Pompidou die Modernisierung Frankreichs entschieden voran. Wiederholt rief er seine Landsleute auf, nicht in SentimentalitĂ€t zu verharren. Unter seiner Regentschaft wurden die ökonomischen Rahmenbedingungen an die neuen BedĂŒrfnisse angepasst und gestĂ€rkt. Frankreich war in den 1970er Jahren ĂŒber weite Teile immer noch ein bĂ€uerlich geprĂ€gtes Land. Mit der fortschreitenden Industrialisierung verlagerten sich nun aber viele ArbeitsplĂ€tze weg von der Landwirtschaft in die Industrie. Pompidou fördert insbesondere die Autoindustrie und den privaten Verkehr. In diesem Sinne wurden in vielen StĂ€dten ganze Stadtviertel geopfert, um Platz fĂŒr Schnellstraßen zu schaffen.[4] Dagegen wurden beim Schienenverkehr zahlreiche Nebenstrecken endgĂŒltig stillgelegt, sodass heutzutage viele lĂ€ndliche Ortschaften nur noch mit dem PKW und LKW zu erreichen sind. Die Landwirtschaft wurde durch den Einsatz von DĂŒnger und Pestiziden bei gleichzeitiger Intensivierung rationalisiert. Was die Energieversorgung betrifft, wurden die Weichen in Richtung Atomkraft gestellt. Bei den Leistungen im kulturellen Bereich ist vor allem das Centre Georges Pompidou in Paris, welches auch bei Touristen eine hohe Beachtung findet, zu nennen. Schließlich reformierte er auch die Strukturen der staatlichen Fernsehanstalten, welche bis anhin als langweilig, servil und unkritisch galten und rief die Fernsehjournalisten zu mehr Engagement auf.

Das PrÀsidentenamt

Nach zahlreichen Regierungswechseln und Parlamentsauflösungen in Frankreichs Vergangenheit hatte de Gaulle mit der FĂŒnften Republik eine Staatsform geschaffen, welche dem PrĂ€sidenten der Republik ein so hohes Maß an AutoritĂ€t und Verantwortung ĂŒbertrug, wie es wohl nur in wenigen demokratischen Systemen zu finden ist. Auch wird der PrĂ€sident fĂŒr sieben Jahre gewĂ€hlt (seit dem Jahr 2000 nur noch fĂŒr fĂŒnf Jahre), was im internationalen Vergleich sehr lange ist. Als Charles de Gaulle im April 1969 mit seinem Referendum ĂŒber die Neuausrichtung und Aufwertung des Senats, welches er ohne Ă€ußeren Druck zur Vertrauensfrage hochstilisiert hatte, durchfiel, trat er wie angekĂŒndigt, unverzĂŒglich zurĂŒck, um den Weg fĂŒr Neuwahlen frei zu machen. Als InterimsprĂ€sident fungierte ordnungsgemĂ€ĂŸ der PrĂ€sident des Senats, Alain Poher. FĂŒr die Wahl des StaatsprĂ€sidenten (auch PrĂ€sident der Republik genannte) sind faktisch zwei WahlgĂ€nge nötig, wobei sich fĂŒr den finalen zweiten Wahlgang nur die beiden Bestplatzierten des ersten Wahlgangs qualifizieren.

Die Wahl von 1969

Georges Pompidou meldete am 29. April seine Kandidatur an und erhielt noch am selben Tag grĂŒnes Licht von seiner gaullistischen Partei. Nur der linke FlĂŒgel der Union pour la dĂ©fense de la RĂ©publique (UDR) hinter RenĂ© Capitant, welcher fĂŒr einen Augenblick ebenfalls eine Kandidatur erwog, und Louis Vallon unterstĂŒtzten ihn nicht. ValĂ©ry Giscard d’Estaing taktierte mit einem Zick-Zack-Kurs: zuerst versuchte er Antoine Pinay zu lancieren (der allerdings ablehnte), dann nĂ€herte er sich Alain Poher, bevor er sich dann doch der Kandidatur Pompidous anschloss. Mit einer Offensive in Richtung der Zentralisten versuchte Pompidou, die alte Mehrheit wieder herzustellen und es gelang ihm dabei RenĂ© Pleven, Joseph Fontanet und Jacques Duhamel fĂŒr sich zu gewinnen. Anders als noch bei den Wahlen 1965 konnte sich die Linke nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen.

Wahlbeobachtern zufolge hatte Pompidous gefĂ€hrlichster Kontrahent Alain Poher fĂŒr den zweiten und entschiedenen Wahlgang anfĂ€nglich die etwas besseren Karten, doch gelang es Pompidou diese Tendenz zu drehen, in dem er vor allem in der Provinz einen sehr aktiven Wahlgang fĂŒhrte und seine Allianz mit den erwĂ€hnten Zentralisten hervorhob.[5][6]

Der erst Wahlgang fand am 1. Juni statt und ergab folgendes Ergebnis:

WĂ€hleranteile des 1. Wahlgangs zum französischen StaatsprĂ€sidenten 1969 (aufgeschlĂŒsselt nach Kandidaten)
  Kandidat Partei Bemerkung  %
  Georges Pompidou Union des dĂ©mocrates pour la RĂ©publique unterstĂŒtzt von den RĂ©publicains indĂ©pendants Gaullisten unterstĂŒtzt von den freien Republikanern 44,5
  Alain Poher Centre dĂ©mocrate Demokratisches Zentrum 23,3
  Jacques Duclos Parti communiste français Kommunistische Partei Frankreichs 21,3
  Gaston Defferre Section française de l’Internationale ouvriĂšre Französische Sektion der Arbeiter-Internationale 5,0
  Michel Rocard Parti socialiste unifiĂ© Sozialistische Einheitspartei 3,6
  Louis Ducatel Radical-Socialiste IndĂ©pendant UnabhĂ€ngiger, radikaler Sozialist 1,3
  Alain Krivine Ligue Communiste Trotzkist 1,1

Basierend auf diesem Ergebnis schafften Georges Pompidou und Alain Poher die HĂŒrde fĂŒr den zweiten Wahlgang. Da kein linker Kandidat mehr im Rennen war, forderte die Kommunistische Partei ihre WĂ€hler zum Boykott auf und so wurde der zweite Urnengang zur reinen Formsache. Pompidou gewann ihn am 15. Juni mit 58,2 Prozent der gĂŒltigen Stimmen. Er trat sein Amt am 19. Juni an und nominierte am folgenden Tag Jacques Chaban-Delmas zu seinem ersten Premierminister.

Stationen seiner PrÀsidentschaft

Regierung Jacques Chaban-Delmas (20. Juni 1969–5. Juli 1972)

  • 1969
  • 20. Juni: Jacques Chaban-Delmas wird zum Premierminister ernannt.
  • 26. Juni: Unter dem Motto Die neue Gesellschaft prĂ€sentiert Chaban-Delmas sein Regierungsprogramm, welches von folgenden vier SĂ€ulen getragen werden soll: Erweiterung der Grundrechte (libertĂ©s publiques), Mitbestimmung in den Unternehmen, StĂ€rkung der regionalen Behörden und Förderung der SolidaritĂ€t.
  • 16. September: In einer politischen Grundsatzdebatte drĂŒckt Chaban-Delmas den Willen aus, dafĂŒr zur sorgen, dass zwischen den beiden staatlichen Fernsehketten ORTF eine echter Wettbewerb eingefĂŒhrt wird. Zwei autonome NachrichtenkanĂ€le unter separater Leitung sollen das kĂŒnftig sicherstellen.
  • Dezember: Das Gesetz ĂŒber den Aktienbesitz fĂŒr die Arbeiter bei Renault wird verabschiedet.
  • 15. Dezember: Der kulturbegeisterte Georges Pompidou kĂŒndigt fĂŒr Paris die Errichtung eines Zentrums fĂŒr zeitgenössische Kunst, welches heute den Namen Centre Georges Pompidou trĂ€gt, an.
  • 1970
  • 7. Januar: Die Berechnung des gesetzlich festgelegte Mindestlohn erhĂ€lt eine neue Basis. Dabei wird der sogenannte SMIG durch den SMIC ersetzt.
  • 28. Februar: Pompidou hĂ€lt in Chicago eine Rede ĂŒber die Umweltprobleme in den StĂ€dten.[7]
  • 4. Juni: Das Vandalismusgesetz (loi anticasseurs) wird verabschiedet.
  • 2. Juli: ErklĂ€rung von Pompidou betreffs der staatlichen Fernsehketten (ORTF) wonach die Berichterstattung frei, unabhĂ€ngig und unparteiisch sein muss. Er erinnert die Journalisten des ORTF daran, dass ihr Wort bei den Franzosen und Französinnen Gewicht hat.
  • 9. November: General Charles de Gaulle stirbt auf seinem Landsitz in Colombey-les-Deux-Églises. Pompidou richtet sich an das französische Volk und beginnt seine Ansprache mit den Worten: Le gĂ©nĂ©ral de Gaulle est mort. La France est veuve
 (General de Gaulle ist tot. Frankreich ist nun verwitwet
).
  • 12. November: Unter dem Beisein zahlreicher auslĂ€ndischer Staatschefs findet in der Kathedrale Notre Dame von Paris das Abschiedszeremoniell fĂŒr Charles de Gaulle statt.
  • 1971
  • Januar: Kabinettsumbildung
  • 23. November: Georges Pompidou macht von seinem Gnadenrecht Gebrauch und amnestiert Paul Touvier. Die Öffentlichkeit ist darob entrĂŒstet.
Bundeskanzler Willy Brandt gibt fĂŒr Georges Pompidou ein Abendessen auf Schloss Gymnich, 1972
  • 1972
  • 19. Januar: Die Satirezeitung Le Canard enchaĂźnĂ© veröffentlicht eine Abschrift der SteuererklĂ€rung des Premierministers Chaban-Delmas.
  • 23. April: Über die Frage ob DĂ€nemark, Norwegen, Irland und das Vereinigte Königreich der EWG beitreten können, lĂ€sst Pompidou eine Volksbefragung durchfĂŒhren. Das französische Volk stimmt dem Referendum mit 68,3 % deutlich zu. Allerdings bleiben rund 40 % der Wahlberechtigten den Urnen fern.
  • 3. Juli: In Bonn findet das 18. Deutsch-Französische Gipfeltreffen statt.[8]
  • 5. Juli: Chaban-Delmas muss auf Verlangen des StaatsprĂ€sidenten Georges Pompidou demissionieren und wird durch Pierre Messmer ersetzt.

Regierung Pierre Messmer (7. Juli 1972 – 27. Mai 1974)

  • 1972
  • 14. Juli: Am französischen Nationalfeiertag tritt das neue Statut fĂŒr die staatlichen Fernsehketten ORTF in Kraft. PrĂ€sident wird Arthur Conte.
  • 31. Dezember: Der dritte Kanal des ORTF geht erstmals auf Sendung.
  • 1973
  • Januar: Die EWG wird zur Neunergemeinschaft.
  • 4. und 11. MĂ€rz: Die Legislativwahlen enden mit einem Sieg der gaullistischen UDR und ihren VerbĂŒndeten den unabhĂ€ngigen Republikanern. Pompidou kann sich somit weiterhin auf eine komfortable Mehrheit im Parlament stĂŒtzen.
  • 3. April: Pompidou schlĂ€gt eine VerfassungsĂ€nderung vor, welche die Amtsdauer des StaatsprĂ€sidenten von sieben auf fĂŒnf Jahre verkĂŒrzen soll. (Dieses Postulat wurde dann aber erst im Jahre 2000 unter PrĂ€sident Jacques Chirac umgesetzt).
  • 5. April: Kabinettsumbildung
Georges Pompidou mit dem PrÀsidenten der Vereinigten Staaten Richard Nixon, 1973, in Reykjavík (Island).
  • 12. Juni: Die Uhrenfabrik Lip deponiert ihre Bilanz. Das Werk in Besançon wird besetzt und eine Zeitlang von den Arbeitern autonom weitergefĂŒhrt. Schließlich kommt es aber dennoch zur Stilllegung.
  • 21. und 22. Juni: Pompidou trifft Bundeskanzler Willy Brandt in Bonn.[9]
  • 25. August: Lokale Landwirte, UmweltschĂŒtzer und Antimilitaristen demonstrieren gegen die Erweiterung des Waffenplatzes auf der sĂŒdfranzösischen Hochebene Larzac.
  • 17. Oktober: Der Entscheid der OPEC, den Ölpreis stark zu erhöhen und das Ölembargo gegen die israelischen Alliierten im Jom-Kippur-Krieg lösen die Erste Ölkrise aus. Obwohl Frankreich vom Embargo nicht direkt tangiert ist, wĂ€chst im Lande die Sorge um die AbhĂ€ngigkeit im Energiesektor.
  • 24. Oktober: Die VerfassungsĂ€nderung, die Amtsdauer des StaatsprĂ€sidenten von sieben auf fĂŒnf Jahre zu verkĂŒrzen, wird auf unbestimmte Zeit vertagt.
  • 22. Dezember: Die willentliche Drosselung der Rohölexporte einiger arabischer LĂ€nder um 25 %, lĂ€sst den Ölpreis weiter in die Höhe schnellen. Dies belastet die Handelsbilanz Frankreichs ernsthaft.
  • 27. Dezember: EinfĂŒhrung des loi Royer. Dieses Gesetz soll den Kleinhandel in den InnenstĂ€dten schĂŒtzen indem es die Öffnungszeiten der großen Einkaufszentren, die sich in den VorstĂ€dten stark ausbreiten, einschrĂ€nkt.
  • Ende Dezember: Frankreich zĂ€hlt 421.000 Arbeitslose; das sind 2,7 % der werktĂ€tigen Bevölkerung.
  • 1974
  • 19. Januar: Frankreich tritt aus der EuropĂ€ischen WĂ€hrungsschlange aus.
  • 1. MĂ€rz: Erneute Kabinettsumbildung.
  • 3. MĂ€rz: Um den Verbrauch von Erdöl signifikant zu senken und um energiepolitisch möglichst unabhĂ€ngig zu sein, kĂŒndigt Premierminister Pierre Messmer ein umfangreiches Atomprogramm an.
  • 11. bis 13. MĂ€rz: Die letzte Auslandsreise Georges Pompidous fĂŒhrt in die UdSSR, wo er sich mit Leonid Breschnew trifft. Die Pressefotos zeigen den französischen StaatsprĂ€sidenten als sichtlich gealterten Mann mit einem kranken, aufgedunsenen Gesicht. Dies heizt die Spekulationen um den Gesundheitszustand des Staatschefs weiter an.
  • 2. April: Georges Pompidou verstirbt im Amt. Erneut ĂŒbernimmt der SenatsprĂ€sident Alain Poher die StaatsgeschĂ€fte ad interim.
  • 6. April: Der Tag der Beisetzung wird zum nationalen Trauertag erklĂ€rt.

Pompidous Tod

Georges Pompidous GrabstÀtte in Orvilliers, Département Yvelines

Als der an Morbus Waldenström erkrankte Pompidou seine Termine absagen musste, sprachen offizielle Stellen von einer „ErkĂ€ltung“ des StaatsprĂ€sidenten. Noch eine Woche vor seinem Tod beschrieb der ÉlysĂ©e-Palast seinen Zustand mit einem „leichten, aber schmerzhaften GefĂ€ĂŸleiden.“ Am 2. April 1974 verstarb er in seinem Studio auf der Ăźle Saint-Louis in Paris an einer akuten Blutvergiftung.

Nach seinem Tode entstand in der Öffentlichkeit eine Polemik ĂŒber die Frage, ob der StaatsprĂ€sident ein Recht habe, seinen Gesundheitszustand zu verschleiern. Man einigte sich schließlich darauf, dass kommende Staatschefs periodisch ein offizielles Gesundheitsbulletin veröffentlichen mĂŒssen. So geschah es dann auch – allerdings nur bis zum nĂ€chsten kritischen Zeitpunkt: Auch François Mitterrand spielte am Ende seiner Regierungszeit die Ernsthaftigkeit seiner Krankheit herunter.

Pompidous Nachfolger wurde ValĂ©ry Giscard d’Estaing.

Orden

Gerichtsverfahren wÀhrend seiner PrÀsidialzeit

In einem gerichtlichen Eilverfahren vor dem Tribunal de Grande Instance in Paris erwirkte der bekannte Advokat RenĂ© Floriot im Auftrag des StaatsprĂ€sidenten das Verbot zur Veröffentlichung einer Reklame, welche von der Firma Mercury in Auftrag geben wurde und im Nachrichtenmagazin L’Express veröffentlicht werden sollte. Die strittige Werbung enthielt ein Foto, welches Pompidou im Urlaub in der Bretagne auf einem Boot zeigte, welches mit einem Außenbordmotor von der genannten Firma ausgestattet war.

Zitate

  • 1966, zitiert von Thierry Desjardins gerichtet an Jacques Chirac, der ihm Gesetze zur Unterzeichnung vorlegte: Mais arrĂȘtez donc d’emmerder les Français! (Hören Sie doch endlich auf, den Franzosen auf den Wecker zu gehen!)
  • 1969, am 13. Februar in einem Interview am Westschweizer Fernsehen TĂ©lĂ©vision Suisse Romande als Pompidou gefragt wurde, ob er fĂŒr sich noch eine politische Zukunft sehe: Je ne pense pas avoir d’avenir politique; j’ai un passĂ© politique; j’aurai peut-ĂȘtre un jour, si Dieu le veut, un destin national. (Ich habe vermutlich keine politische Zukunft; ich habe eine politische Vergangenheit und ich werde möglicherweise, eines Tages – so Gott will – eine nationale Berufung haben.)
  • 1970, erschienen am 8. Juli im Canard enchaĂźnĂ© illustriert vom Karikaturisten Leffel: La puissance Ă©conomique allemande doit ĂȘtre pour nous un aiguillon, et non pas une terreur. (Die StĂ€rke der deutschen Wirtschaft soll uns anstacheln, nicht aber in Schrecken versetzen.)
  • 1970, anlĂ€sslich der Fernsehansprache nach dem Tode von de Gaulle: Français, Françaises, le gĂ©nĂ©ral de Gaulle est mort, la France est veuve
 (Liebe Franzosen und Französinnen, General de Gaulle ist tot. Frankreich ist nun verwitwet
)
  • 1971: Il faut adapter la ville Ă  l’automobile. (Man muss die Stadt an das Automobil anpassen.)
  • 1972, an der Pressekonferenz vom 15. November: ChĂšre vieille France! La bonne cuisine! Les Folies-BergĂšre! Le Gai-Paris! La Haute-Couture [
]! C’est terminĂ©! La France a commencĂ© et largement entamĂ© une rĂ©volution industrielle. (Das geliebte, alte Frankreich! Die gute KĂŒche! Die Folies BergĂšre! Der Gai-Paris! Die Haute Couture! [
] Das ist vorbei! In Frankreich hat eine industrielle Revolution begonnen, die bereits weit fortgeschritten ist!)
  • 1973, als Journalisten die frisch eingeweihte Pariser Ringautobahn kritisch hinterfragten: Les Français aiment la bagnole! (Die Franzosen lieben nun mal ihre Kiste!)
  • In seinen Aufzeichnungen: Pour rĂ©tablir une vĂ©ritĂ©, erschienen 1982 als Buch: L’annĂ©e 1968 a eu un goĂ»t de cendre. (Das Jahr 1968 hatte einen Geschmack von Verbranntem.)

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Georges Pompidou â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Georges Pompidou sur le site de la mairie d'Albi
  2. ↑ Exklusives Interview von Georges Pompidou fĂŒr TĂ©lĂ©vision Suisse Romande vom 13. Februar 1969.
  3. ↑ Zwischen den Fronten: Erlebte Weltgeschichte, Peter Scholl-Latour, Ullstein-Verlag. ISBN 978-3-548-37234-1
  4. ↑ Niklaus Meienberg, Das Schmettern des gallischen Hahns: Reportagen aus Frankreich, Limmat-Verlag, ZĂŒrich 1987, ISBN 978-3-85791-123-1 (vergriffen)
  5. ↑ Poher contra Pompidou, Ernst Weisenfeld auf Zeit-Online, 16. Mai 1969
  6. ↑ Pompidou prĂ©sident! – Kandidat Pompidou fĂŒhrt einen amerikanischen Wahlkampf vom 30. Mai 1969 auf TĂ©lĂ©vision Suisse Romande
  7. ↑ Le discours du PrĂ©sident Pompidou Ă  Chicago auf www.assemblee-nationale.fr
  8. ↑ Allocution prononcĂ©e par le prĂ©sident Pompidou au dĂźner offert par le chancelier Brandt au chĂąteau de Gymnich
  9. ↑ Aufzeichnung des GesprĂ€chs zwischen Willy Brandt und Georges Pompidou (21. Juni 1973)
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