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Gerhard Schröder (* 11. September 1910 in Saarbrücken; †31. Dezember 1989 in Kampen auf Sylt) war ein deutscher Politiker (CDU). Der studierte Jurist war von 1953 bis 1961 Bundesminister des Innern, von 1961 bis 1966 Bundesminister des Auswärtigen und von 1966 bis 1969 Bundesminister der Verteidigung.
Schröder galt als dynamisch und höchst kompetent, aber etwas distanziert. Als Außenminister prägte er insbesondere die Ostpolitik und die Partnerschaft der Bundesrepublik Deutschland zu den USA und Großbritannien (Westintegration). Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1969 unterlag er mit dem bisher knappsten Ergebnis einer Bundesversammlung dem SPD-Kandidaten Gustav Heinemann.
Gerhard Schröder war der erstgeborene Sohn des Eisenbahnbeamten Jan Schröder aus Ostfriesland, der beruflich bedingt zur Zeit der Geburt des Sohnes im Saargebiet lebte. Gerhard Schröder hatte noch eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder. Seine Schulzeit verbrachte er am Ludwigsgymnasium Saarbrücken, in Friedberg, dem Landgraf-Ludwigs-Gymnasium Gießen und absolvierte das Abitur in Trier im Jahr 1929. Seine Begabungen lagen im geisteswissenschaftlichen Bereich, Mathematik und Physik waren nur genügend benotet worden. Schröder beherrschte aus der Schulzeit folgende Fremdsprachen: Latein, Alt-Griechisch, Englisch, Französisch und freiwillig noch dazu Spanisch.[* 1]
Ein früh prägendes Erlebnis der Jugend Gerhard Schröders war der verlorene Erste Weltkrieg, den er in Saarbrücken auch durch französische Luftangriffe als Kind miterlebt hatte. Die Besetzung des Saargebietes durch die französische Siegermacht musste er ebenso miterleben. Sein Vater war im Kriege an der Ostfront im Feldbahnwesen eingesetzt. Als Kriegsheimkehrer wurde er von Saarbrücken nach Trier versetzt.[* 2]
Daraufhin begann er das Studium der Rechtswissenschaft in Königsberg. Er entschied sich für Königsberg, da es der am weitesten entfernte Studienort von Trier innerhalb des damaligen Deutschen Reiches war.[* 3] Er hatte in den zwei Semestern in Königsberg auch viel Kontakt zu Studentenverbindungen, trat jedoch keiner bei.[* 4]
Später studierte er weiter zwei Semester in Edinburgh. Dort gewann er Freude an der britischen Lebensart, mit der er sich sein weiteres Leben immer gern verbunden gefühlt hatte. Gerade auch der Austausch mit den vielen ausländischen Studenten war für Schröder von vitalem Interesse.[* 5]
Im Sommersemester 1931 schrieb er sich dann in Berlin ein. In der damaligen Zeit der politischen Unruhe der Weimarer Republik wurde er Zeuge der teilweise blutigen Auseinandersetzungen der radikalen Gruppierungen.[* 6]
Bald darauf wechselte er an die Universität Bonn,[1] wo er das Jurastudium 1932 mit dem ersten und 1936 mit dem zweiten juristischen Staatsexamen mit jeweils magna cum laude[* 7] abschloss. In dieser Zeit engagierte er sich hochschulpolitisch und war Mitglied der Hochschulgruppe der DVP. Für diese zog er auch in den AStA der Universität ein.[* 8]
1933 promovierte er zum Dr. jur. über das Thema Die außerordentliche Auflösung von Tarifverträgen. Die Universität befreite ihn von der Verpflichtung, seine Doktorarbeit drucken zu lassen, da die damalige Gesetzgebung die Doktorarbeit überholt hatte und sie nur noch Makulatur war.[2]
Ab 1933 war er zunächst Assistent an der Juristischen Fakultät an der Universität Bonn. Von Oktober 1934 bis 1936 war er Referent am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Berlin.[* 9] 1935 musste er das Referendarlager Hanns Kerrl bei Berlin für drei Monate besuchen. Nach eigenem Bekunden gefiel ihm dort nur der Sport, den er beim Abschluss mit dem SA-Sportabezichen krönte, nicht aber die politische Indoktrinierung.[* 10] 1936 dann wurde er Anwaltsassessor in einer großen Kanzlei, die jüdisch dominiert war. Sein Kanzleichef und späterer Partner, Walter Schmidt, bescheinigte ihm im Entnazifizierungsverfahren, dass er damals verfolgten und jüdischen Mandanten hilfreich zu Seite gestanden habe, so dass er des öfteren mit dem Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund Probleme gehabt habe.[* 11] Dort war er unter Mitgliedsnummer 013115 geführt worden.[2] 1939 wurde er fertiger Rechtsanwalt mit der Spezialisierung auf Steuerrecht.[* 12][2]
Im September 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und in der Nähe von Berlin zum Funker ausgebildet.[* 13] Von September 1940 bis Mai 1941 erhielt er eine Freistellung von der Wehrmacht und war während dieser Zeit in seiner Kanzlei in Berlin tätig.[* 14] Daraufhin wurde er ins besetzte Dänemark nach Silkeborg und auf die Insel Fanø kommandiert.[* 15] Im Russlandfeldzug wurde er im Kessel von Cholm stationiert und dort durch einen Granatsplitter im rechten Unterschenkel verletzt, so dass er bis 1943 kriegsuntauglich war.[* 16] Daraufhin war er Funklehrer in der Nähe von Berlin und ergab sich den US-amerikanischen Truppen 1945 bei Calbe. Er wurde in ein britisches Kriegsgefangenenlager bei Bad Segeberg verlegt und war dort Übersetzer. Bereits im Juni 1945 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen.[* 17]
Seinem Antrag auf Ferntrauung wurde im Mai 1941 stattgegeben. Seine Ehefrau Brigitte Schröder, deren Bruder ein Freund und Studienkollege Schröders war, galt nach den Nürnberger Gesetzen als „Mischling I. Grades“, da ihr Vater „Halbjude“ war. Die Hochzeit war daher nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Wehrmacht möglich. Schröder musste schriftlich auf eine militärische Karriere verzichten, so dass er in der Wehrmacht lediglich den Rang eines Obergefreiten bekleiden durfte.[* 18][2]
Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft traf er seine Frau, die aus Schlesien vom Rittergut ihrer Eltern vor der Roten Armee mit den gemeinsamen Kindern geflohen war, in Hamburg wieder. Dort lebten sie erst einmal bei seinen Eltern. Sein Vater Jan starb dort am 24. November 1945.[* 19]
Über einen ehemaligen Kommilitonen bewarb er sich erfolgreich beim Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Hans Fuchs, in Düsseldorf. Er erhielt eine Anstellung als Oberregierungsrat. Diese behielt er auch, nachdem die britische Besatzungsmacht Fuchs durch Robert Lehr ersetzt hatte. In dieser Zeit knüpfte er auch Kontakte zu Konrad Adenauer und Kurt Schumacher.[* 20]
Zum Jahreswechsel 1945 auf 1946 wurde er Leiter des deutschen Wahlrechtsausschusses in der britischen Besatzungszone. Dieser Ausschuss hatte die Aufgabe, der britischen Besatzungsmacht Vorschläge zum Ablauf der ersten Kommunalwahlen zu unterbreiten. Dabei lernte er auch persönlich General Robertson kennen, den späteren Hohen Kommissar, der sich danach sehr anerkennend über Schröders Arbeit geäußert hatte.[* 21]
Mit der Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde er ins Innenministerium versetzt und war dort auch für Wahlfragen auf Landesebene zuständig. Mit dem damaligen SPD-Minister Walter Menzel kam es zu keiner konstruktiven Zusammenarbeit, was maßgeblich an dessen Festhalten am Verhältniswahlrecht lag.[* 22] Schröder äußerte sich mehrmals in Zeitungsartikeln enttäuscht über die deutschen Politiker der damaligen Zeit.[* 23] Als ein ehemaliges Mitglied der SS namens Zech-Nenntwich, der unter seinem neuen Namen Nansen als britischer Agent tätig war, Berater des Innenministers wurde, sorgte Schröder für dessen Entlassung, quittierte aber selbst daraufhin den Dienst, da das Vertrauensverhältnis zu seinem Dienstherren nicht mehr gegeben war. Zech-Nenntwich wurde später wegen Kriegsverbrechen rechtskräftig verurteilt.[* 24]
Ab 1947 arbeitete er bis 1953[1] als Rechtsanwalt und als Abteilungsleiter bei der „North German Iron and Steel Control“. Er war der Berater von Heinrich Dinkelbach, dem Chef der NGISC. Er war in dieser Zeit auch Mitglied der Aufsichtsräte zweier Stahlunternehmen geworden, des Hüttenwerkes Haspe AG in Hagen und der Duisburger Ruhrort-Meiderich AG. Aus dieser Zeit stammte auch seine Ablehnung gegenüber der KPD, die in beiden Aufsichtsräten stark vertreten war.[* 25]
1948 wurde Elisabeth Nuphans seine engste Mitarbeiterin, die bei ihm bis 1980 tätig gewesen ist.[* 26]
Am 1. April 1933 trat Schröder unter der Mitgliedsnummer 2177050[2] in Bonn in die NSDAP ein. Gedrängt vom Präsidenten des Oberlandesgerichts, wurde er gemeinsam mit allen anderen Referendaren auch Mitglied der SA.[* 27]Beim Wechsel nach Berlin 1934 erneuerte er seine Mitgliedschaft jedoch nicht.[* 28] Am 1. Mai 1941 trat Schröder nach Begegnungen mit Mitgliedern der Bekennenden Kirche und aufgrund der erlebten Kriegsgräuel samt Rassenwahns aus der NSDAP aus.[* 29]
Sein Vater war als Staatsbeamter 1937 der NSDAP beigetreten.[* 30]
1945 gehörte Schröder zu den Mitbegründern der CDU. In der Zeit bis 1949 galt er als der Wahlrechtsexperte der Partei, so dass er den Arithmetischen Ausschuss 1948 leitete, der der CDU das Eintreten für ein Mehrheitswahlrecht empfahl.[* 31]
Von 1950 bis 1979 gehörte er dem geschäftsführenden Vorstand der Rheinischen CDU an.[* 32]
Von 1967 bis 1973 war er Stellvertretender Bundesvorsitzender seiner Partei. Er wurde auf dem Bundesparteitag in Braunschweig mit 405 von 562 Stimmen gewählt, es war das beste Ergebnis der 5 gewählten Stellvertreter Kiesingers.[* 33] Im November 1970 wurde er auf dem Bundesparteitag erneut in diesem Amt bestätigt, aber mit dem schlechtesten Ergebnis der gewählten Kandidaten.[* 34]
Auf dem Bundesparteitag in Saarbrücken hatte er mit Helmut Kohl abgesprochen, dass er dessen Kandidatur zum Parteivorsitz aktiv unterstützen wolle und im Gegenzug der Kanzlerkandidat der Union bei der nächsten Bundestagswahl zu werden. Hauptkonkurrent war Rainer Barzel, der gleich nach beiden Posten strebte, um diese mit seinem Fraktionsvorsitz zu vereinigen. Im entscheidenden Augenblick zögerte Schröder mit seiner Unterstützung für Kohl und wurde in der Folge auch nicht der nächste Kanzlerkandidat.[* 35]
Zur Bundestagswahl 1972 gehörte Schröder neben Franz Josef Strauß und Hans Katzer zur Kernmannschaft des CDU-Kanzlerkandidaten Rainer Barzel, der auf ein Schattenkabinett verzichtet hatte. Sein Part war in dieser Gruppe die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik. Er verhielt sich während des Wahlkampfes und danach loyal zu Rainer Barzel.[* 36]
Im Mai 1952 wurde in Siegen der Evangelischen Arbeitskreis von CDU und CSU gegründet, um die katholisch dominierte Union interkonfessionell zu öffnen. Nachdem die beiden ersten Sprecher des EAK, Hermann Ehlers und Robert Tillmanns, 1954 respektive 1955 im Amt verstorben waren, wählten am 2. Dezember 1955 die Delegierten einstimmig Gerhard Schröder in Abwesenheit zu ihrem neuen Sprecher. Er nahm das Amt nach einigem Zögern am 6. Dezember 1955 an. Schröder besaß innerhalb der CDU zuvor keine eigene Hausmacht, so dass er sich durch diese Amtsübernahme weiter im innersten Zirkel der Parteispitze festsetzen konnte. Seit dieser Zeit fiel sein Name auch öfters spekulativ in den Medien als ein möglicher Kanzlerkandidat der Union.[* 37] Schröder war einer der wichtigsten Repräsentanten des protestantischen Teils der Union und von 1955 bis 1978 durchgehend Sprecher des EAK.[1][* 38] Sein Nachfolger wurde der spätere Bundespräsident Roman Herzog.[* 39]
Nachdem Konrad Adenauer Theodor Heuss nicht zu einer dritten Amtszeit und die SPD zu einer Verfassungsänderung für drei mögliche Amtszeiten des Bundespräsidenten überreden konnte, musste von der Union ein neuer Kandidat gefunden werden. Schröder wurde im Januar 1959 zu sondierenden Gesprächen zu Ludwig Erhard geschickt, ob dieser nicht für das höchste Staatsamt bereit stehen würde. Erhard winkte aber ab.
Daraufhin gehörte Schröder, neben Franz Josef Strauß und Theo Blank einziges Regierungsmitglied, dem 16-köpfigen Auswahlgremium der beiden Unionsparteien an, das am 24. Februar 1959 Ludwig Erhard als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten vorschlug, nachdem Schröder wieder den Kandidaten Erhard gegen dessen Wunsch ins Spiel gebracht hatte. Erhard lehnte jedoch erneut ab.[* 40]
Ludwig Erhard schrieb Schröder während dieser Zeit einen Brief, in dem er ihm weiterhin die Freundschaft hielt und Schröders Interventionen im Auswahlgremium nicht als persönlich negativ wertete. Gleichzeitig deute sich aber der aufziehende Kampf zwischen Erhard und Adenauer um Adenauers Nachfolge an, da Adenauer mit absolut allen zur Verfügung stehenden Mittel, dabei wenig freundliche, Ludwig Erhard als Bundeskanzler verhindern wollte.[* 41]
Von 1949 bis 1980 war Schröder Mitglied des Deutschen Bundestages. Seine erste Rede im Bundestag hielt er am 15. November 1949.[* 42] In der ersten Legislaturperiode setzte er sich sehr erfolgreich für die Ernennung von Gustav Heinemann als Bundesinnenminister ein, da er ebenso Protestant wie Schröder war..[* 43] Weniger erfolgreich war sein Einsatz gegen die Wahl von Theodor Heuss zum ersten Bundespräsidenten, denn anfangs hielt Schröder ihn für zu alt und gleichzeitig für einen Vertreter des gescheiterten Weimarer Systems. Diese Meinung revidierte er jedoch bald.[* 44]
Hier war er vom 29. März bis zum 27. September 1950 Vorsitzender des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Überprüfung der Verhältnisse auf dem Gebiete des Kraftstoffvertriebs.
Durch seine vorherige Arbeit bei der Stahltreuhandverwaltung geprägt, setzte sich Schröder innerhalb der CDU-Bundestagsfraktion sehr für das Betriebsverfassungsgesetz ein, das am 14. November 1952 beschlossen wurde. Ihm lag sehr viel daran, dass die Arbeiter und Angestellten in großen Betrieben im Aufsichtsrat mitbestimmen sollten.[* 45]
1952 gehörte Schröder zu einer Gruppe von 34 Abgeordneten der CDU/CSU-Fraktion, die einen Gesetzentwurf zur Einführung des relativen Mehrheitswahlrechts in den Bundestag einbrachten und damit auch die Stabilität der Koalition gefährdeten. Schröder brachte zur Rettung der Koalition schlussendlich einen Antrag ein, der eine Sperrklausel bei Bundestagswahlen vorsah, da die Kleinparteien ein Mehrheitswahlrecht nicht unterstützen wollten, für das sich Schröder vehement eingesetzt hatte. Das heute gültige Wahlrecht zum Bundestag basiert auf seinem Antrag.[* 46][* 47][# 1]
Vom 24. Juni 1952 bis zum 20. Oktober 1953 war stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Dieses Amt gab er auf, da er Bundesinnenminister wurde.[* 48]
Im der Zeit von März bis Mitte April 1953 folgte er mit einigen jungen Politikern der Regierungskoalition einer Einladung des State Departments in die USA. Es war seine erste Auslandsreise als Abgeordneter. Diverse Besuche bei dortigen Regierungsbehörden und auch militärischer Einrichtungen folgte als Höhepunkt eine kurze Audienz beim damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, General of the Army Dwight D. Eisenhower.[* 49]
Von 1969 bis 1980 war er Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.[* 50] In dieser Eigenschaft war er der erste bundesdeutsche Spitzenpolitiker, der eine Einladung in die Volksrepublik China erhielt. Dort verhandelte er vom 13. bis 29. Juli 1972 mit dem chinesischen Premierminister Zhou Enlai über die später erfolgte Aufnahme von diplomatischen Beziehungen.[3][* 51]
Ebenso reiste er in dieser Eigenschaft im Januar 1971 das erste Mal in die UdSSR nach Moskau. Trotz des Besuches dort sah er sich gezwungen dennoch scharf gegen die Ostverträge im Bundestag vorzugehen.[* 52]
Ebenso traf er 1971 mit dem neuen US-Präsidenten Richard Nixon zusammen, um über die Entspannungspolitik zu diskutieren. Nixon und Schröder kannten sich noch aus der Zeit in der Nixon noch US-Vizepräsident war und Schröder noch Bundesinnenminister.[* 53]
Ein umstrittenes Treffen hatte er Ende 1974 als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses mit Jassir Arafat, das innerparteilich aber erst Recht in der sozial-liberalen Regierungskoalition umstritten war.[* 54]
Schröder zeichnete sich bei den dann anstehenden Debatten um die Ostverträge dadurch aus, dass er als pragmatischer Kritiker der sozialdemokratischen Regierungsexekutive die Möglichkeit gab zu handeln und aus der oppositionellen Rolle kritisch zu hinterfragen. Im Gegensatz zu Strauß und Barzel vermied er direkte Angriffe auf die Regierung. Das nötigte Barzel ihn zu bitten mehr bei den aussenpolitishcen Debatten sich einzubringen, da er in Schröder immer noch die aussenpolitische Speerspitze der Union sah.[* 55] Ebenso war er ein Warner vor zu großer Euphorie in der Entspannungspolitik, obwohl er diese Politik befürwortete, sah er darin nicht den Schlüssel zu Deutschen Einheit.[* 56]
Nachdem Rainer Barzel den Fraktions- und Parteivorsitz am 9. Mai 1973 niedergelegt hatte, was Schröder sehr bedauerte, kandidierte Schröder am 17. Mai 1973 gegen seinen ehemaligen Staatssekretär Karl Carstens um dieses Amt und wieder gegen Richard von Weizsäcker. Er unterlag aber deutlich mit 28 Stimmen bei 58 Stimmen für Weizsäcker und 131 für Carstens, den Helmut Kohl favorisierte. Diese Niederlage war das Ende seines Spitzenpolitikerdaseins, denn er wurde nie mehr für wichtige Ämter in Erwägung gezogen und rutschte ab in den Status des Elder statesman.[1][* 57][* 58]
Schröder gehörte neben Ludwig Erhard Hermann Götz (beide CDU), Richard Jaeger, Franz Josef Strauß, Richard Stücklen (alle CSU), Erich Mende (FDP, später CDU), Erwin Lange, R. Martin Schmidt und Herbert Wehner (alle SPD) zu den zehn Abgeordneten, die seit der Bundestagswahl 1949 dem Parlament 25 Jahre ununterbrochen angehörten.
Schröder ist der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, der mit 11 Jahren die längste Amtszeit inne hatte, sein Nachfolger wurde sein ehemaliger Weggefährte Rainer Barzel.
Gerhard Schröder ist zuletzt über die Landesliste Nordrhein-Westfalen (1969, 1972 und 1976) und davor stets als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Düsseldorf-Mettmann bzw. Düsseldorf-Mettmann II (1965) in den Bundestag eingezogen. Diesen Wahlkreis sollte ursprünglich der ehemalige Zentrumspolitiker Richard Muckermann erhalten, aber die Delegierten wählten fast einstimmig Schröder, da der katholische Muckermann in dem stark evangelisch geprägten Wahlkreis chancenlos gewesen wäre. Bei der ersten Wahl (1949) hatte Schröder noch keine Listenabsicherung.[* 59][* 60]
In seinem ersten Bundestagswahlkampf 1949 als Wahlkreiskandidat hatte er im Wahlkreis die heftigsten Kämpfe mit der DKP-DRP auszutragen. Schröder hob in diesem Wahlkampf seinen Einsatz für das Mehrheitswahlrecht hervor und natürlich, dass er kein alter Parlamentarier war.[* 61] Sein Wahlkampfslogan 1949 war Für Gesundheit-Arbeit-Frieden.[* 62] Er gewann durch sein jugendliches und frisches Auftreten den sozialdemokratisch dominierten Wahlkreis mit einer stabilen Stimmenmehrheit von 34,1 Prozent.[* 63] Sein erstes Abgeordnetenbüro im Bundeshaus, Südflügel, Zimmer 20 hatte gerade einmal 5,04 Quadratmeter.[* 64]
Bei der zweiten Wahl zum Deutschen Bundestag erhielt er als Wahlkreiskandidat 52 Prozent der Erststimmen und somit rund vier Prozentpunkte mehr als die CDU an Zweitstimmen.[* 65]
Bei der dritten Wahl zum Deutschen Bundestag erreichte er sein bestes Ergebnis an Erstimmen mit 54,2 Prozent und damit auch das beste Ergebnis, was je ein Kandidat in diesem Wahlkreis bis heute erzielen konnte.
Bei der vierten Wahl zum Deutschen Bundestag konnte er mit 44,9 Prozent den Wahlkreis zwar gewinnen, musste aber dem bundespolitischen Negativtrend seiner Partei im Vergleich zur vorherigen Bundestagswahl ebenso Tribut zollen.
Bei der fünften Wahl zum Deutschen Bundestag gelang es Schröder ein letztes Mal seinen Wahlkreis mit 48,6 Prozent der Erststimmen klar zu behaupten. In diesem Wahlkampf war im Wahlkreis nur temporär anwesend, da er als protestantischer CDU-Politiker den nördlichen Teil der Republik bereiste und Wahlkampf machte.[* 66]
Bei der sechsten Wahl zum Deutschen Bundestag gelang es Schröder das erste Mal nicht mehr seinen Wahlkreis zu gewinnen. Der Grund lag daran, dass in Nordrhein-Westfalen ein schon lange absehbarer Prozess zur Hinwendung der Wählerschaft von der CDU zur SPD sich bemerkbar machte, der mit der wirtschaftlichen Umstrukturierung des montan geprägten Bundeslandes und den damit verbundenen Schwierigkeiten einherging. Schröder zog trotzdem in den Bundestag ein, da er nach langen Kinnerparteilichen Kämpfe mit Kanzler Kiesinger und Fraktionschef Barzel auf der Landesliste Nordrhein-Westfalens den ersten Platz erhielt.[* 67]
Schröder erzielt in seinem Wahlkreis bis zur Bundestagswahl 1969 immer ein besseres Ergebnis als die CDU auf Landes- und Bundesebene.
Bei den Bundestagswahlen 1972 und 1976 war er nur noch auf der Landesliste Nordrhein-Westfalens vertreten und nicht mehr in seinem Wahlkreis. 1972 erhielt er den zweiten Listenplatz hinter Kanzlerkandidat Barzel und 1976 lediglich den sechsten Platz.[* 68]
1980 wollte ebenfalls wieder auf der Landesliste in den Bundestag einziehen, wurde aber aus drei wichtigen Gründen nicht nominiert: Erstens war durch die verlorene Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ein Kandidatenüberschuss bei der Union vorhanden. Zweitens wolte der Kanzlerkandidat der Union, Franz-Josef Strauß, seinen unionsinternen Intimfeind nicht im Parlament mehr sehen. Drittens war Helmut Kohl als Parteivorsitzender nur noch mäßig an Schröder im Parlament interessiert. So wurde Schröder mit relativ ruppigen Mitteln von der Landesliste getilgt und mit Ablauf der vorherigen Legislaturperiode endete seine Zeit im Bundestag.[* 69]
Am 20. Oktober 1953 wurde Schröder von Bundeskanzler Konrad Adenauer in das Amt der Bundesministers des Innern berufen. Gründe dafür waren sein erfolgreiches Ergebnis in seinem Wahlkreis zur zweiten Bundestagswahl, die zunehmenden Alterserscheinungen seines Vorgängers, seine relative Jugend und seine juristische Ausbildung. Zudem war Schröder Protestant und in den ersten Jahren wurde die Position des Bundesinnenministers ausschließlich an protestantische Politiker vergeben, um eine gewisse Parität zwischen den Konfessionen im Kabinett zu wahren.[* 70] Damit wurde er Nachfolger seines ehemaligen Vorgesetzten Robert Lehr.[# 2]
Am 17. Juli 1954 trat die zweite Bundesversammlung in Berlin zusammen zur Wiederwahl von Bundespräsident Theodor Heuss. Am 20. Juli gab es zum 10. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler eine Gedenkstunde in Berlin. Schröder war aus terminlichen Gründen schon vorab nach Bonn gereist, um die siegreiche Deutsche Fußballnationalmannschaft nach dem Wunder von Bern als zuständiger Bundesminister für den Sport zu empfangen. Der Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz Otto John war als ehemaliger Widerstandskämpfer anwesend und floh in der Nacht in die DDR.[* 71] Schröder hielt an der Treue Johns lange fest und vertrat den Standpunkt, dass er entführt sein müsse, so dass er folgerichtig eine Belohnung in Höhe von 500.000 Deutschen Mark für Hinweise dazu auslobte. Die meisten Bonner Politiker folgten jedoch schon früh der Theorie, dass John freiwillig in die damalige SBZ gereist sei.[* 72] Der Bundestagsausschuss zum Schutz der Verfassung, der von Schröders ehemaligen Vorgesetzten Walter Menzel geleitet wurde, mit dem Schröder eine enge Feindschaft verband, stellt mit der SPD-Bundestagsfraktion einen Missbilligungsantrag gegen Schröder und forderte einen Untersuchungsausschuss. Die FDP war sich zu dieser Zeit nicht sicher, ob Sie Schröder stützen wollte. Das zeitgleiche Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nötigte sie jedoch dazu, die Koalition zu halten und folglich Schröder zu unterstützen, so dass der Missbilligungsantrag keine Mehrheit fand und der Untersuchungsausschuss zwei Jahre später kein Fehlverhalten Schröder attestieren konnte.[* 73] Nach Johns Rückkehr in die Bundesrepublik im Dezember 1955 und seiner Verurteilung wegen Landesverrats setzte sich Schröder später bei verschiedenen Bundespräsidenten für seine Begnadigung ein. Erst Richard von Weizsäcker begnadigte John Mitte der achtziger Jahre.[* 74] Durch dieses Ereignis sensibilisiert, war Sicherheit seine oberste Prämisse.[1] Er erwarb sich bald den Ruf eines Law-and-Order-Politikers.
Zu Beginn von Schröders Amtszeit bestand als einzige bewaffnete Kraft im Staat, die der Bundesregierung unterstand, nur der Bundesgrenzschutz. Durch die Ereignisse des Aufstandes in der DDR wurde der Bundesgrenzschutz von 10.000 Mann auf das Doppelte aufgestockt. Mit Gründung der Bundeswehr wurde der personelle Bestand dieser Truppe von großen Teilen des BGS freiwillig gestellt. Schröder erreichte in den Verhandlungen dazu, dass der BGS nicht vollständig in der Bundeswehr aufging und die Sollstärke der Truppe bald wieder erreicht wurde.[* 75]
Unter anderem setzte er den Verbotsantrag gegen die KPD durch. Sein Amtsvorgänger hatte schon das Verbotsverfahren gegen die Sozialistische Reichspartei erfolgreich durchgesetzt und damals zeitgleich einen Antrag zum Verbot der KPD eingebracht, der jedoch erst unter Schröder Ägide positiv entschieden wurde. Ein Amnestiegesetz für KPD-Funktionäre wurde von Schröder erfolgreich parlamentarisch bekämpft, obwohl SPD und FDP diesen Gesetzesentwurf stützten, da Herbert Wehner in der Debatte Schröder mit Andrei Wyschinski, dem sowjetischen Ankläger der stalinistischen Schauprozesse, verglich. Dieser Vorgang wurde von der CDU im Bundestagswahlkampf 1957 erfolgreich ausgeschlachtet.[* 76]
Schröder legte besonderen Wert auf den Zivil-, Luft- und Bevölkerungsschutz. In der damaligen Zeit des Kalten Krieges mussten Einrichtungen für die Zivilbevölkerung geschaffen werden, um sie im Kriegsfalle möglichst abzusichern. Schröder unternahm deshalb 1957 eine ausgedehnte USA-Reise, um sich mit den dortigen Sicherheitsmaßnahmen vertraut zu machen. So wurden Katastrophenkrankenhäuser gebaut und in Materiallagern von BGS und Bund sich verschiedene Katastrophenzustände vorbereitet, um die Leiden der Zivilbevölkerung möglichst rasch zu lindern.[* 77]
Als Ende der 50er Jahre der Bundestag durch die absolute Mehrheit der CDU- und CSU-Fraktion eine mögliche Bewaffnung der Bundeswehr mit Atomwaffen im Kriegsfall beschloss, formierte sich eine breite Front von SPD, GVP, DGB und FDP, um gegen dieses Gesetz unter dem Motto Kampf dem Atomtod mit einer Volksbefragung vorzugehen. Schröder war ein notorische Gegner von plebeszitären Elementen in der Bundesrepublik, da er sie aus der Weimarer Zeit kannte und wusste, wie extreme Parteien, wie die NSDAP und KPD, dieses verfassungsmäßige Mittel zum Kampf gegen die demokratische Republik genutzt hatten. Am 30. Juli 1958 gab das Bundesverfassungsgericht der Regierung Recht und erkannte damit Volksbefragungen als nicht verfassungsmäßig an. Später entschied der NATO-Rat, dass nur die USA über solch eine Maßnahme in der Krise zu entscheiden hätten, so dass das Gesetz damit wertlos war.[* 78]
Der Deutschlandvertrag zwischen der Bundesrepublik und den drei westalliierten Mächten sah ein Vorbehaltsrecht in Artikel 5 Absatz 2 vor, dass den Alliierten die Möglichkeit gab im Notfall die Kommandogewalt in Deutschland zu übernehmen.[* 79][* 80] Schröders Ministerium erarbeitete auf Weisung von Bundeskanzler Adenauer schon 1958 erste Gesetzentwürfe, die der SPD frühzeitig bekannt gegeben wurden, da man zu dieser Grundgesetzänderung die Stimmen der SPD-Fraktion des Bundestages und die der SPD-geführten Bundesländer brauchte.[* 81] Durch die Berlin-Krise bedingt wurde die Gesetzesinitiative gehemmt.[* 82] Schlussendlich kam es nicht zur Abstimmung über die Notstandsgesetze, da die SPD nicht dafür stimmen wollte. Aus einem vertraulichen Brief eines SPD-Funktionärs erfuhr er, dass die Führung der SPD nie ernsthaft vorhatte, seinen Gesetzentwurf zu unterstützen und deswegen hinhaltend verhandelt hatte, um das Ergebnis der Bundestagswahl 1961 mit ihrem frischen und verhältnismäßig jungen Kanzlerkandidaten Willy Brandt abzuwarten.[* 83]
Bundeskanzler Adenauer fühlte sich und seine CDU bei der Kontrolle der ARD ins Hintertreffen geraten. Die Kontrolle übten nur die Bundesländer über ihre eigenen Rundfunkanstalten durch. Die Exekutive des Bundes hatte fast keine Eingriffsmöglichkeiten. Adenauer ließ daher per Gesetz über das Innenministerium das Deutschland-Fernsehen gründen. Als Betreiber war der Bundesverband der Deutschen Industrie vorgesehen, der damit das erste Privatfernsehen gegründet hätte. Die SPD-geführten Bundesländer Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Hessen riefen das Bundesverfassungsgericht an, das mit dem 1. Rundfunk-Urteil vom 28. Februar 1961 Adenauers Pläne blockierte. In der Folge wurde dann das ZDF 1962 gegründet. Schröder galt als Verfechter des Adenauer-Fernsehens, da er als "Zentralist" die Macht der Bundesländer gerne beschnitten hätte.[* 84]
Allerdings scheiterte Gerhard Schröder vor Gericht bei dem Versuch, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes zu verbieten. Ebenso scheiterte sein Versuch eine Bündelung der Landtagswahlen festzusetzen am Widerstand der Landesregierungen.[* 85]
Schröders Versuch ein Ein- und Ausreisegesetz gegenüber der DDR im Bundestag durchzubringen gelang nicht, wobei die DDR 1961 mit dem Mauerbau dafür sorgte, dass der Gesetzentwurf obsolet wurde.[* 86]
Gerhard Schröder ist bis heute immer noch der Bundesinnenminister mit der längsten Amtszeit, sowohl in direkter Folge als auch insgesamt.
Nach der Bundestagswahl 1961 war die Union nicht mehr in der Lage, die Regierung alleine stellen zu können, und musste sich einen Koalitionspartner suchen. Mit der FDP wurde Bundeskanzler Adenauer schnell einig, wobei der neue Koalitionspartner unbedingten Wert darauf legte, dass Heinrich von Brentano als Bundesaußenminister abzulösen sei. Die FDP favorisierte für dieses Amt den damaligen Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Kiesinger, Adenauer hingegen seinen langjährigen Innenminister Schröder. Gleichzeitig mobilisierte die Berliner CDU alle Kräfte, um Schröder zu verhindern, da dieser in der Berlin-Krise und beim Mauerbau die schlechte strategische Position Berlins gerügt und sich für eine Totalaufgabe der Stadt ausgesprochen hatte, um einen eventuell aufziehenden Krieg zu verhindern, so dass von Berliner Seite wenig bis kein Vertrauen zu Schröder als Person und erst Recht im Amt des Bundesaußenministers bestand. Ebenso war Bundespräsident Lübke nicht bereit, Schröder zum Außenminister zu ernennen. Erst der Einwand des damaligen Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, Karl Carstens, dass es dem Bundespräsidenten nicht zustehe, einzelne Minister abzulehnen, sorgte für die Aufgabe von Lübkes Widerstand.
Nichtsdestotrotz versuchte eine kleine katholische Gruppe in der Unionsfraktion um Karl Theodor zu Guttenberg, Bruno Heck und Heinrich Krone Heinrich von Brentano an seinem Rückzug vom Amt zu hindern, den Kanzler umzustimmen und gleichfalls eine große Koalition mit der Sozialdemokratie den Weg zu ebnen. Adenauer blieb bei seinen Entschlüssen und Schröder wurde am 14. November 1961 neuer Bundesaußenminister, wobei Bundespräsident Lübke Schröders Ernennungsurkunde demonstrativ als letzte unterzeichnete.[* 87]
Schröder hatte mit Karl Carstens und Rolf Lahr zwei Staatssekretäre im Amt, mit denen er schnell harmonierte und deren Meinungen bei ihm großes Gewicht hatten. Dass es zu dieser schnellen Harmonie kam, war auch der Tatsache geschuldet, dass alle drei norddeutsche Protestanten waren.[* 88]
Überhaupt änderte sich mit Schröders Amtsübernahme der Führungsstil des Ministerium erheblich. So wurden in die Entscheidungen auch untere Fachkräfte mit Amtsrang eingebunden und die aussenpolitischen Entscheidungen von Schröders engstem Stab mitunter auch seinen Sekretärinnen mitgeteilt, damit diese bei Nachfragen anderen Ministerien kompetent antworten konnten. Zudem wurde jeden Tag eine Morgensitzung der Referatsleiter, meist unter dem Vorsitz der Staatssekretäre, abgehalten, um die aktuellen aussenpolitischen Ereignisse zu bewerten.[* 89]
Gleichzeitig betrieb Schröder eine offene Personalpolitik, die sich an Leistung und Kompetenz orientierte und nicht am Parteibuch des Bewerbers. So konnten untere Ränge auch kritische Denkschriften an ihn richten und mussten nicht damit rechnen ihrer Amtskarriere einen negativen Knick zugefügt zu haben, wenn diese Denkschriften inhaltlich logisch aufgebaut waren. Auf der anderen Seite schreckte Schröders kühle Unnahbarkeit viele Beamte ab, die sie oft fälschlicherweise für Arroganz hielten und viele Diskussionen mit ihm endeten bei der Durchsetzung Schröders Meinung, da er die Sachthemen oft besser beherrschte als die Fachbeamten. Um die Flexibilität der Entscheidungen des Auswärtigen Amts zu verbessern führte er auch als erster Minister einen Planungsstab dort ein.[* 90]
Im Zuge der Berlin-Krise und des Mauerbaus führte Schröders erste Dienstreise als Aussenminister ihn als Begleiter Adenauers nach Washington. Anders als Adenauer schenkte er der US-amerikanischen Taktik des Verhandelns mit der Sowjetunion und deren Satellitenstaaten mehr Vertrauen als der Bundeskanzler. Mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Dean Rusk verband ihn sehr schnell eine gute Freundschaft, die auf gegenseitigem Respekt beruhte.
Diese Tatsache, verbunden mit ersten Verhandlungsangeboten der USA an Moskau, veranlassten den greisen Bundeskanzler Adenauer Gerhard Schröder samt seinen beiden Staatssekretären und Adenauers Intimus Hans Globke nach Cadenabbia zu zitieren, wo der Bundeskanzler auf seinem Sommerurlaub traditionell verweilte. Dort musste Schröder seine erstes diplomatisches Entgegenkommen zur amerikanischen Seite zurücknehmen und sich der Richtlinienkompetenz des damals 85 jährigen Bundeskanzlers beugen.[* 91]
Nichtsdestotrotz erhoffte sich Schröder weiter im Laufe der damaligen Zeit mehr Mitbestimmung der Bundesrepublik auf die Verteidigungspolitik der NATO, gerade im Hinblick auf die europäischen Alliierten und deren damalige Zwistigkeiten mir den USA. Vor allem hoffte er, dass die Bundesrepublik auch Einfluss auf nukleare Verteidigungsmaßnahmen des Bündnisses bekam, denn Westdeutschland verfügte zwar über keine nuklearen Waffen, war aber das stärkste NATO-Mitglied in Europa von der Sollstärke seines Heeres.[* 92]
Bei den Verhandlungen zum Teststoppabkommen schloss sich Schröder wieder der Meinung der Kennedy-Administration an und setzte auf den Verhandlungsweg. Adenauer brachte fast das ganze Bundeskabinett hinter sich, versuchte eine Ratifizierung des Abkommens auch durch die DDR zu verhindern, lehnte sich eng an Frankreich an, das dieses Abkommen bis heute nicht ratifiziert hat. Am Ende war der Riss zwischen Bundeskanzler und Aussenminister kaum noch zu kitten und der Gegensatz zwischen den Atlantikern und Gaullisten in der CDU nahm besorgniserregende Formen an. Schröder setzte sich auch mit Unterstützung der SPD und FDP daraufhin erfolgreich für den deutschen Abkommensbeitritt ein.[* 93]
Mit seinem französischen Amtskollegen Maurice Couve de Murville verband ihn keine Freundschaft und auch zum französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle kam es nie zu einem freundschaftlichen Ton. Schröder hielt die damalige französische Politik für die Bundesrepublik und die EWG für negativ, da er keine Integrationselemente in ihr fand. Schröder verstand die europäische Einigung und auch die deutsch-französische Aussöhnung als eine komplementäre Politik zur Bündnispolitik im Rahmen der NATO und Führung der USA. Aus diesem Grunde plädierte er auch im Bundeskabinett für die Aufnahme Großbritanniens in die EWG, um auch ein Gegengewicht zu Frankreich bereit zu halten.[* 94] Diese Politik rief bei Adenauer Protest hervor und er ließ ihm über Globke einen Brief zukommen, der Schröder an die Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers fesseln sollte. Der indirekte Versuch Schröder damit zu einem Rücktritt zu provozieren schlug jedoch fehl.[* 95]
Als sich Großbritannien zu dieser Zeit wieder näher auf die USA zubewegte, da man auf US-amerikanische Hilfe für Trägersysteme atomarer Sprengköpfe angewiesen war, nachdem die USA die Herstellung der zugesicherten AGM-48 Skybolt ohne Konsultation Londons eingestellt hatten. Diese Hinwendung Großbritanniens provozierte de Gaulle so sehr, dass er Adenauer einen bilateralen Vertrag vorschlug. Adenauer ergriff diese Möglichkeit, die am 23. Januar 1963 in den Élysée-Vertrag gipfelte, den Schröder auch mit unterzeichnen musste. Nach erfolgter Unterzeichnung erhielt Adenauer einen Umarmung mit Kuss von de Gaulle, beides wurde dem Bundesaußenminister durch den französischen Staatspräsidenten, zwar freundlich, aber verweigert.[* 96]
Die daraus resultierende französische Ablehnung eines Beitritts Großbritanniens zur EWG und damit auch Deutschlands Votum im Sinne Frankreichs, bestürzte die US-amerikanische Administration, die fest mit einem baldigen Beitritts Großbritanniens gerechnet hatte, um zur NATO ebenso durch die EWG ein festes politisches und wirtschaftliches Bündnis in Westeuropa mit Großbritannien zu schaffen und somit der Sowjetunion einen zweiten Machtblock an deren Westgrenze zu präsentieren. Staatssekretär Carstens wurde daraufhin von Schröder als Troubleshooter nach Washington geschickt, um die dortigen Gemüter zu beruhigen.[* 97]
1955 hatte die junge Bundesrepublik diplomatische Beziehungen zur UdSSR aufgenommen. In Genf im Jahre 1966 lernte Schröder auch den sowjetischen Außenminister Andrei Andrejewitsch Gromyko kennen, mit dem ihm wenig menschliches verband, jedoch gelang es ihm schon hier beim ersten Treffen Gromyko seine Idee für bessere Handelsbeziehungen aufzuzeigen, obwohl die UdSSR sich gerade zu dieser Zeit durch eine mögliche nukleare Bestückung der Bundeswehr bedroht fühlte. Er betonte dabei aber auch die bundesdeutsche Leitlinie der Außenpolitik, dass das erste Ziel die Verwirklichung der deutschen Einheit in Frieden sei.[* 98]
Kurze Zeit darauf wurde das Außenministerium durch Indiskretionen des deutschen Botschafters in Moskau, Hans Kroll, der den Globke-Plan gegenüber der Presse ausplauderte. Schröder musste bei Adenauer mit seinem eigenen Rücktritt drohen, bis dieser schließlich zustimmte, da Kroll in Bonn über hochrangige Freunde verfügt, wie Heinrich Krone, Franz-Josef Strauß, Erich Mende oder Erich Ollenhauer.
Schröder war einer der wenigen westdeutschen Politiker, der den Mauerbau emotionslos sah und darin nur den Ausdruck der Hilflosigkeit der DDR-Führung ihre Bevölkerung im eigenen Land zu behalten.[* 99]
Schröder versammelte Ende Mai 1962 einen kleinen Kreis von Mitarbeitern zu einer Strategietagung in der Abtei Maria Laach, um mit ihnen neuen Wege in der Ostpolitik zu besprechen. Ohne die DDR anzuerkennen, so war man sich einig, sollten Handelsbeziehungen zu den Staaten des Warschauer Pakts aufgenommen werden. Der Handel sollte zu einer Annäherung und größeren Verständigung führen. Im Juni 1962 stellte er seine Thesen dem 11. Bundesparteitag der CDU in Dortmund vor. In der CDU war sein Programm sehr umstritten, gerade bei seinen stärksten Kritikern um von Guttenberg und Krone; FDP und SPD hingegen begrüßten diese neuen Akzente der bundesdeutschen Außenpolitik. So wurde Schröder, der von der Opposition und dem Koalitionspartner als Innenminister immer gemieden wurde, im Amt des Außenministers vertrauensvoller Kooperationspartner.[* 100] Die erste Handelsniederlassung wurde in Warschau am 7. März 1963 nach erfolgreichem Vertragsabschluß eröffnet.[* 101] Ende 1964 hatte man schon in fast allen Ostblockstaaten mit Ausnahme der DDR Handelsvertretungen eröffnen können.[* 102]
Auf Druck der FDP musste Adenauer den Bundeskanzlerposten im Laufe der Legislaturperiode von 1961 bis 1965 an einen Nachfolger aus den Reihen der Union abgeben. Im Ringen um seine Nachfolge bemühte sich der alternde Bundeskanzler seinen Stellvertreter Ludwig Erhard mit allen Mittel zu verhindern. Aus diesem Grunde kristallisierten sich Anfang der Legislaturperiode mehrere potentielle Gegenkandidaten zu Erhard heraus, darunter Franz-Josef Strauß, Eugen Gerstenmeier, Heinrich von Brentano, Heinrich Krone und Gerhard Schröder. Im Verlauf des internen Machtkampfes erklärten Krone und Brentano sich einer Kandidatur gegenüber Erhard nicht mehr bereit, Gerstenmeier war nur als Kanzler einer großen Koalition zu haben, so dass nur noch Strauß und Schröder übrig blieben. Der Gegensatz der beiden Unionspolitiker zueinander verschärfte sich zusehends bis hin zur Spiegel-Affäre, die Strauß Anwartschaft auf eine etwaige Kanzlerkandidatur brutal stoppte. Schröder, der mit der Spiegel-Affäre fast nichts zu tun hatte, distanzierte sich schnell von damaligen Verteidigungsminister und war somit der einige wirkliche Gegner einer Kanzlerkandidatur Erhards.
Der CDU-Abgeordnete Will Rasner versuchte alsbald Schröder in den Reihen der Unionsfraktion als Gegenkandidaten zu Erhard aufzubauen. Am 22. März 1963 tagte die Fraktion und Heinrich von Brentano eröffnete die Sitzung mit einem Referat, dass die Partei an Ludwig Erhard nicht vorbeikommen konnte. Adenauer, der Erhard verhindern wollte, nutze die Gelegenheit nicht um Schröder als Kandidaten ins Spiel zu bringen. Vielleicht lag das auch daran, dass Schröder nicht offensiv gegen den Vizekanzler vorgegangen war, so dass Adenauer zu wenig Vertrauen in Schröder hatte. Daher ist Erhard unspektakulär ohne Gegenkandidaten zum neuen Kanzlerkandidaten der Unionsfraktion gekürt worden.
Schröder aber auch Strauß sahen in Erhard zu diesem Zeitpunkt nur einen Übergangskanzler, der die Bundestagswahl 1965 als Wahlkampflokomotive der Union gewinnen sollte und dessen Nachfolger baldmöglichst darauf zu küren sei, so dass beide ihre Ambitionen auf das Bundeskanzleramt vorerst zurück steckten.[* 103][* 104]
Schröder vermied es ebenso wie etwa Heinrich Krone oder Ernst Lemmer über den Nachfolgestreit und die teilweise unschönen und appetitlosen Szenen dieser innerparteilichen Auseinandersetzung schriftlich der Nachwelt seine Sicht der Dinge zu hinterlassen.[# 3]
Adenauer und Schröder gingen in den letzten Monaten Adenauers im Amt stärker den je getrennte Wege. Die Teststoppdebatte war der Höhepunkt der Entzweiung, denn Schröder nahm es Adenauer übel, dass dieser sich nicht für ihn bei der Kanzlernachfolgedebatte eingesetzt hatte und Adenauer nahm es Schröder übel, dass dieser weiterhin einen erfolgreichen pro-amerikanischen Kurs verfolgte und des Kanzlers Lieblingsbündnis mit Frankreich nicht mit dem Leben erfüllte, wie es sich der alte Mann gewünscht hatte. Schriftliche Ermahnungen Adenauers wurden von Schröder in den letzten Kanzlertagen kurz und teilweise lapidar abgewiesen.
Dass sein Verhalten später auch ihm von Schaden sei, konnte Schröder nicht ahnen, denn Adenauer blieb Parteivorsitzender und bis zu seinem Tode die graue Eminenz der Union.[* 105]
Mit der Amtsübernahme Ludwig Erhards als Bundeskanzler änderte sich für Schröder erst einmal wenig, da Erhard ihm in keiner Weise böse war, dass er zwischendrin ebenso als Kanzlerkandidat gehandelt worden war. Politisch war Erhard ebenso wie Schröder ein Atlantiker und unterstützte die aussenpolitischen Bemühungen seines Aussenministers in dieser Richtung nach Kräften. Einzig Konrad Adenauer versuchte Heinrich von Brentano wieder als Außenminister zu installieren, fand jedoch in Partei, Fraktion, Koalitionspartner und beim neuen Bundeskanzler kein Gehör. Das Bundeskabinett wurde von Erhard nun fast vollständig übernommen bis auf Rainer Barzel als Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, der seinen Ministersessel für den FDP-Parteivorsitzenden und Vizekanzler Erich Mende hat räumen müssen und dafür in die Unionsfraktionsführung wechselte.[* 106]
Kurz nach dem Kanzlerwechsel wurde der US-amerikanische Präsident Kennedy bei einem Attentat in Dallas getötet. Sein Nachfolger wurde der Texaner Lyndon B. Johnson, der bei Kennedy Vizepräsident war. Nach Abschluss der Trauerfeierlichkeiten Kennedys lud Johnson Bundeskanzler Erhard und Außenminister Schröder auf seine Ranch nach Texas ein. Menschlich standen sich die Partner Johnson/Rusk und Erhard/Schröder sofort nahe und beide Seiten bekräftigten, dass sie wieder enger in den politischen Fragen zusammenrücken würden, jedenfalls mehr als es unter Adenauer der Fall war.[* 107]
Nachdem sich aber zeigte, dass der deutscherseits geförderte Plan zu Aufstellung einer Multilateral Force (zu deutsch: Multilaterale Atomstreitmacht) durch den Wahlsieg der britischen Labour Party 1964 mit ihrem Premierminister Harold Wilson nicht durchzusetzen sei, mussten Außenminister Schröder und Kanzler Erhard sich gegen erhöhten Druck in der eigenen Fraktion wappnen, denn gerade die Gaullisten in der CDU-Fraktion warfen ihnen außenpolitisches Versagen vor. Versagt hatte aber vor allem der US-amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson, der die eigentlich treibende Kraft hinter der der MLF war und der die Interessen seiner NATO-Partner nicht hatte bündeln können, denn sein Rückzieher vor dem Hintergrund innenpolitischer Probleme ließ die Bemühungen Gerhard Schröders im Sande verlaufen. Es war zu diesem Zeitpunkt nur der kommenden Bundestagswahl 1965 geschuldet und dem Einsatz des Unionsfraktionschefs Rainer Barzel zu verdanken, dass die Fraktion sich hinter der Regierung in dieser Frage sammelte, obwohl die Meinungen stark auseinander dividierten.[* 108]
Der Devisenausgleich für die Stationierung US-amerikanischer Truppen in Deutschland lief vertraglich 1967 aus, die Kosten hatten den Bundeshaushalt in Schieflage gebracht, da zwei Milliarde Mark zur Bezahlung fehlten. Bundeskanzler Erhard unternahm daher im September 1966 eine Reise in die USA, um ein Zahlungsmoratorium zu erreichen, begleitet wurde er vom Außen- und Verteidigungsminister. Die Verhandlungen mit US-Präsident Johnson verliefen sehr negativ, da dieser selbst unter innenpolitischem Druck stand, da das US-amerikanische Engagement in Vietnam nicht den gewünschten Erfolg brachte. Johnson verhandelte extrem hart und ließ der deutsche Regierungsdelegation kein Entgegenkommen zu.[* 109]
Das Verhältnis zu Frankreich erhielt mit dem neuen Kanzler keinen neuen Schwung, wie etwa das zu den USA. Eher im Gegenteil trafen nun französische Interessen auf einen anglophilen Kanzler, der durch seinen Außenminister darin bestärkt wurde. Erhard und Schröder hatten Angst davor, dass Frankreich durch die wirtschaftliche Macht Deutschlands im Hintergrund nach einer politischen Hegemonie in Europa strebte. Das zeigte sich recht schnell bei den Verhandlungen zum EWG-Agrarmarkt und beim GATT-Abkommen, in denen die französische Regierung die deutsche Agrarpreispolitik vollständig zu ihren Gunsten brechen wollte. Als Schröder darin nicht nachgeben wollte, verweigerte Frankreich seinen Beitritt beim wirtschaftlich für Deutschland wichtigen GATT-Vertrag. Beides konnte zwar durch Nachverhandlungen geregelt werden, hinterließ aber bei beiden Regierungen einen üblen Beigeschmack.[* 110]
Zu weiteren Verstimmung im beiderseitigen Verhältnis führt die Entführung von Antoine Argoud aus München nach Paris. Das Mitglied der OAS wurde höchstwahrscheinlich im Auftrage der französischen Regierung entführt ohne dabei die Bundesrepublik zu konsultieren oder auch nur zu informieren. Schröder als ehemaligen Bundesinnenminister ging dieser Eingriff in die Souveränität der Bundesrepublik zu weit und schrieb eine Protestnote an Frankreich. Gleichzeitig war Frankreich dabei die Volksrepublik China anzuerkennen ohne ebenso die Bundesrepublik zu konsultieren, wie es der Deutsch-Französische-Vertrag eigentlich gefordert hatte.[* 111]
Schröders harte Haltung in diesen Punkten wurde ihm von der Unionsfraktion negativ beschieden. Gerade der Kreis der Gaullisten um Adenauer, Guttenberg, Brentano und Krone formierte sich in dieser Zeit und versuchte Schröder in der Fraktion in Misskredit zu bringen.[* 112] Ebenso Elemente in der CSU, die Franz-Josef Strauß nahe standen.[* 113] Einzig die französische Blockadehaltung der Politik des leeren Stuhles bei den EWG-Agrargverhandlungen brachte Schröder und seiner politischen Grundhaltung innerhalb der CDU wieder Auftrieb, denn auch Gaullisten waren über diese Art der fast erpresserischen Politik enttäuscht.[* 114]
Persönlich erschwerend kam für Schröder hinzu, dass die pariser Administration ihn auf seiner Visite am 9. Dezember 1964 überaus herablassend behandelte. Offiziell musste sein Flugzeug eine Parkposition abseits des Empfangshauses auf dem Flughafen Orly einnehmen, da der Luftverkehr zu diesem Zeitpunkt es nicht zuließ dort zu parken, so daß man vor einem Acker halt macht. Schröders spontane Reaktion darauf war: "Wir sind doch nicht hierhergekommen, um Kartoffeln auszubuddeln." Daraufhin erschien ein klappriger Air France-Bus woraufhin sich Schröder weigerte den Flieger zu verlassen, erst das Eintreffen einer Limousine und das Zureden der Stewardessen überzeugte ihn das Fahrzeug zu besteigen. Für den Besuch des Außenministers einer eng befreundeten Nation war dieser Vorfall im schlimmsten Grade peinlich.[2]
Ein weiterer folgenschwerer Dämpfer erhielt das deutsch-französische Verhältnis durch die einseitige Ankündigung de Gaulles am 21. Februar 1966 einen Teilaustritt aus der NATO vorzunehmen. Frankreich wollte seine Streitkräfte im Ernstfall nicht mehr dem Befehl des Oberbefehlshabers der NATO für Westeuropa unterstellen. Hintergrund hierfür war hauptsächlich die französische Angst in den Zweiten Indochinakrieg durch die USA mit hineingezogen zu werden. Diese einseitige Aktion wog umso schwerer, da wenige Wochen vorher Kanzler Erhard mit Schröder eine ausgedehnte Visite in Paris wahrgenommen hatten. Trotz ausführlicher Gespräche mit den französischen Amtskollegen wurde die Bundesrepublik ebenso wieder einmal vertragswidrig nicht vor dem politischen Schritt konsultiert noch informiert. Schröder nahm daraufhin eine aggressive Verhandlungshaltung an und stritt mit den Franzosen und dem eigenen Kabinett um den Verbleib der französischen Truppen in Deutschland, da diese rechtlich durch den Teilaustritt aus dem Verteidigungsbündnis seines Erachtens nun mindere Rechte gegenüber den anderen NATO-Truppen auf deutschen Boden besaßen. Schröder blieb unter dem Druck der eigenen Partei und des Kabinetts nicht lange hart und scherte in eine versönlichere Verhandlungsphase ein.[* 115]
Schon früh unter der Kanzlerschaft Erhards nahm der damals regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, über seinen Intimus Egon Bahr Kontakt zur ostdeutschen Führung auf, um ein Passierscheinabkommen für die Weihnachtszeit 1963 für die West-Berliner Bevölkerung auszuhandeln. Solche außenpolitischen Eigenmächtigkeiten, die an eine Anerkennung der DDR grenzten, führten zu ersten Zerwürfnissen mit dem alten und zukünftigen Kanzlerkandidaten der SPD, denn der Wandel durch Annäherung wurde von Schröder nicht vertreten, er hoffte durch den Handel langsam die östlichen Diktaturen aufzuweichen.[* 116]
Eine weitere Annäherung zum Ostblock bahnte sich 1964 an, als Alexei Iwanowitsch Adschubei, der Schwiegersohn und engste Berater Nikita Chruschtschows, in der Bundesrepublik zu Besuch war. Offiziell war es kein Staatsbesuch, aber das große Medieninteresse ließ es zu einem inoffiziellen werden. Dabei wurde auch zwischen Erhard, Schröder und Adschubei vereinbart, dass Chruschtschow im selben Jahr die Bundesrepublik offiziell mit Visite bei Bundeskanzler Erhard besuchen sollte. Chruschtschows politischer Fall im selben Jahr vereitelten diesen wichtigen Staatsbesuch. Ironischerweise ist sein politischer Niedergang mit der Annäherungspolitik an die Bundesrepublik verknüpft, die er ohne Rücksprache mit seinem Politbüro eigenmächtig eingeleitet hatte.[* 117]
Diese politische Ausrichtung Schröders auf eine Annäherung mit Entspannung, wie sie der US-amerikanischen Linie entsprach, verschärfte den innerparteilichen Gegensatz zwischen Gaullisten und Atlantikern erheblich. Verschärft wurde diese Tatsache erheblich durch die Unterstützung dieser Politik durch die FDP und erst recht durch die SPD. Daher hofften viele CDU-Gaullisten Schröder nach der Bundestagswahl 1965 durch einen der ihren ersetzen zu können.[* 118]
Nach der gewonnenen Bundestagswahl 1965 konnte Schröder im Amt des Außenministers verbleiben. Er ließ bei den bundesdeutschen Diplomaten eine Umfrage zur Ost- und Entspannungspolitik durchführen. Einheitlicher Tenor der Diplomaten war, dass eine Entspannungspolitik zum Osten nur möglich sei durch Aufgabe der Hallstein-Doktrin, denn gerade Länder der Dritten Welt waren mehr als nur bereit, den zweiten deutschen Staat diplomatisch anzuerkennen. Gerade Wilhelm Grewe, der die Hallstein-Doktrin mit entwickelt hatte, setzte sich für eine Lockerung seines eigenen Werks ein. 1966 war es dann soweit, dass die Bundesregierung eine Friedensnote an alle Länder der Welt versendete mit Ausnahme der DDR. Das erste Mal wurde Adenauers „Politik der Stärke“ fallengelassen um den Ostblock-Staaten ein Gesprächsangebot und Friedenssignal zu senden. Diese Annäherung war zwar aus heutiger Sicht zaghaft, im damaligen politischen Geschehen der Bundesrepublik eine Sensation.[* 119]
Sein Amtsnachfolger Brandt ging in seinen Bemühungen der Entspannungspolitik weiter als Schröder, nutzte aber die von Schröder eingeleiteten Maßnahmen als Fundament seiner Ostpolitik. Schröder verfolgte diesen Weg mit erheblicher Verbitterung, da diese Schritte ihm von der eigenen Partei noch verwehrt wurden, jedoch in der großen Koalition sein Nachfolger die Erlaubnis dazu erhielt und Schröders Bemühungen mit der Zeit an Glanz verloren.[* 120]
Unter Adenauer begann die bundesdeutsche Diplomatie mit zarten Schritten auf den Staat Israel zuzugehen. Erster Punkt, der aus moralischer Notwendigkeit geboren wurde, war die Wiedergutmachung, die auch dem israelischen Staat pekuniäre Zuwendungen zukommen ließ. Mit weiterer Eingliederung der Bundesrepublik in die NATO und damit über die USA in strategischer Partnerschaft mit Israel wurden deutsche Rüstungsgüter zum Teil unter Herstellungspreis an Israel geliefert. Darunter die vom US-Verteidigungsminister Robert McNamara geforderten 150 Kampfpanzer (statt vorher 15, wie ursprünglich vereinbart) des Typs M48 aus bundesdeutscher Lizenzproduktion. Der Rüstungsdeal sollte unter allen Umständen geheim gehalten werden, um die arabischen Staaten, darunter gerade Ägypten nicht abzuschrecken oder gar zu provozieren. Trotz Schröders Veto, der dem israelischem Rüstungsgeschäft von vorn herein sehr kritisch gegenüber stand, wurde das Panzergeschäft abgewickelt und kam über Indiskretionen an die Presse und damit an die Öffentlichkeit.
Fast zeitgleich empfing der ägyptische Staatschef Nasser den DDR-Staatschef Walter Ulbricht wie einen Staatsgast in Kairo und Alexandria, was einer faktischen Anerkennung der DDR gleichkam sowie somit einem Bruch der Hallstein-Doktrin. Obwohl Israel im Vergleich zu seinen arabischen Nachbarn wenig wirtschaftlichen Kontakt zur Bundesrepublik unterhielt, entschied Bundeskanzler Erhard sich für Aufnahme von diplomatischen Beziehung zu Israel entgegen dem Ratschlag Schröders und seines Ministeriums. Schröder hatte die Befürchtung, dass dieser Schritt zum Abbruch vieler diplomatischer Beziehungen mit der arabischen Welt zu Folge haben würde und somit diese Staaten sich der DDR als deutsche Alternative zuwenden würden; das hätte bedeutet, dass die DDR unweigerlich international an Reputation und Einfluss gewonnen hätte. Schröder hielt daher weiterhin an einer Nichtanerkennung der DDR fest, denn er erwartete von diesem Schritt der Anerkennung das Fallenlassen einer möglichen Wiedervereinigung Deutschlands.[* 121]
Gerhard Schröders Gesundheit war in den Jahren zuvor nie ernstlich bedroht gewesen, jedoch stellte schon seine Schwester Marie-Renate, eine Humanmedizinerin, Anfang der sechziger Jahre eine sich verschlechternde, erhebliche und nicht beeinflussbare Herzarrythmie bei ihrem Bruder fest. Anfang Oktober 1964 unterzog sich Schröder daher einer Operation zur Einpflanzung eines Herzschrittmachers. Er fiel durch den Genesungsprozess bedingt 5 Wochen aus, ließ sich jedoch weiter über den politischen Verlauf informieren. Diese Zeit verbracht er zum grössten Teil auf der Bühlerhöhe.[* 122]
Im April 1965 musste Schröder sich wieder einer Kur zwecks seiner Herzprobleme unterziehen, er wählte hierfür die Idylle am Tegernsee in Bayern. Die Zeit nutzte er ebenso, um die mit Bundeskanzler Erhard entstandenen Differenzen über die Israelpolitik der Regierung in privaten Gesprächen zu bereinigen, denn Erhard lebte privat am Tegernsee.[* 123]
Trotz des überragenden Sieges der Union, die knapp die absolute Parlamentsmehrheit verfehlte, war die Regierungsbildung sehr zäh, denn die FDP hatte bei der Wahl spürbare Verluste hinnehmen müssen, die CSU und ihre Politik war mit über 55 Prozent der bayrischen Wählerstimmen enorm bestätigt worden und gerade das Tauziehen um die Besetzung des Außenministeriums lähmte die Verhandlungen. Schröder wollte unbedingt weiterhin Außenminister der Bundesrepublik bleiben und setzte sich schon im frühen Verhandlungsstadium offensiv in Szene. Nachdem der Bundeskanzler an ihm festhalten wollte, setzten die gaullistischen Kreise um Adenauer, Krone,von Guttenberg und Strauß alles daran Schröder in Mißkredit zu bringen. Man scheute sich nicht davor den Bundespräsidenten Lübcke mit Fingerzeig auf Schröders Privatleben und seine Affäre in Paris als ungeeignet für die eigene Sache einzuspannen. Letztendlich waren alle diese Versuche vergeblich, da Schröder durch den EAK, das Vertrauen des Bundeskanzlers und sein Erststimmenergebnis im Wahlkreis zu gut abgesichert war. Wiederum musste der Bundespräsident widerwillig einen Außenminister Schröder ernennen.[* 124]
Durch den Verhandlungsmißerfolg über die Stationierungskosten der US-amerikanischen Truppen war Bundeskanzler Erhard gezwungen den Bundeshaushalt über Steuererhöhungen zu sanieren. Die Bundesminister der FDP reichten daraufhin ihren Rücktritt ein, so dass Erhard keine Mehrheit mehr im Bundestag hatte. Das rechtlich nicht bindende Vertrauensfrage-Ersuchen der SPD-Fraktion vom 8. November 1966, das mit den Stimmen der FDP beschlossen worden war, nötigte den Parteivorstand auf seiner Sitzung am selben Tag Erhard den Rücktritt nahe zu legen. Schröder verhielt sich gegenüber anderen CDU-Kabinettskollegen bis zum Schluss loyal gegenüber Ludwig Erhard.[* 125]
Auf der Parteivorstandssitzung vom 8. November 1966 schlug der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz Helmut Kohl mehrere Mitglieder dieses Gremiums zu Kandidaten der fraktionsinternen Abstimmung über den Kanzlerkandidaten vor. Es waren Eugen Gerstenmeier, Kurt Georg Kiesinger, Rainer Barzel und Gerhard Schröder. Alle bis auf Gerstenmeier erklärten ihre Bereitschaft sich der Abstimmung zu stellen, Gerstenmeier wollte nicht gegen Kiesinger kandidieren und empfahl diesen zu wählen.
Schröder war in der internen Abstimmung der CDU/CSU-Fraktion über ihren Kanzlerkandidaten im dritten Wahlgang Kiesinger mit 81 zu 137 Stimmen (bei 26 Stimmen für Rainer Barzel) unterlegen. Der Atlantiker-Gaullisten-Streit hatte in der Union starke Spannungen ergeben, die für seine Niederlage in der Kanzlerkandidatenabstimmung der Unionsfraktion mitverantwortlich waren.[1] Franz-Josef Strauss versagte dem Protestanten Schröder gegenüber die Unterstützung der entscheidenden Stimmen der CSU in der gemeinsamen Fraktion.[4] Ebenso negativ für ihn war, dass Rainer Barzel auch aus dem nordrhein-westfälischen Landesverband kam und so Schröder auch Stimmen entzog. Trotzdem war Schröder ohne die CSU-Stimmen intern in der CDU-Fraktion der Kandidat mit den meisten Stimmen, so dass Kiesinger bei der Regierungsbildung Schröder einen Ministerposten anbieten musste. Schröder war im Kabinett nun der dienstälteste Minister der amtierenden Bundesregierung.[* 126]
Als bei der Bildung der Großen Koalition die SPD das Amt des Außenministers für ihren Vorsitzenden Willy Brandt beanspruchte, wurde Schröder am 1. Dezember 1966 im Kabinett von Kurt Georg Kiesinger Bundesminister der Verteidigung. Kiesinger hätte gerne auf Schröder am Kabinettstisch verzichtet, musste ihn aber mit einem weiteren Amt bedenken, da Schröders Stellung in der CDU immer noch sehr stark war.[* 127]
Schröder nahm ins Bundesverteidigungsministerium ein paar loyale Mitarbeiter mit, allen voran seine Sekretärin Frau Naphus und ebenso seinen Staatssekretär Carstens, den er vor der sicheren Absetzung durch seinen Nachfolger gerettet hatte. Den Generalinspekteur der Bundeswehr Ulrich de Maizière ließ er im Amt und harmonierte sehr schnell mit ihm. [* 128]
Schwerer wog für ihn der relativ schnelle Abgang von Carstens zu Kiesinger als dessen Kanzleramtschef. Carstens Nachfolger wurde der ehemalige Bundespressesprecher der drei ersten Kanzler und aktive Reserveoffizier Karl-Günther von Hase, mit dem Schröder aber ebenso gut arbeitstechnisch harmonierte und der sich in die Strukturen des Bundesverteidigungsministeriums schnell einfügen konnte.[* 129]
Schröder betrachtete sich in der damaligen Situation persönlich als Reserverkanzler der CDU bei einem Scheitern der großen Koalition, der er wenig Chancen auf Erfolg und Halt gab. Er hatte sich bis zum Schluss für eine Neuauflage einer Koalition mit der FDP eingesetzt, scheiterte aber am Kanzler, der die große Koalition favorisierte. Kiesingers Abwehrhaltung gegenüber Schröder zeigte sich auch daran, dass der Kanzler in seinen Urlaubsort Kressbronn am Bodensee sehr oft die Matadore seiner Koalition einlud, um zwischen den Gruppierungen besser vermitteln zu können, dem sogenannten „Kressbronner Kreis“, bei dem Schröder nur einmal eingeladen war und damit weniger als jeder andere Bundesminister.[* 130]
Die erste Bewährungsprobe kam mit dem Haushaltsentwurf des neuen Finanzministers Strauß auf Gerhard Schröder zu, da die Bundeswehr die größten pekuniären Einschnitte hätte ertragen sollen. Schröder wehrte sich offen gegen diese Beschneidungen, die sein Ressort so hart treffen sollten durch seinen Erzrivalen von der CSU. Kiesinger reagierte durch die Konsultationen mit den pensionierten Generälen Speidel und Heusinger, die sowohl an Schröder und seinem Generalinspekteur ihre Kritik übten und die Kürzungen des Finanzministeriums absgneten.
Zum großen Eklat kam es dann, als von Guttenberg als Kanzleramtschef den Inspekteur des Heeres Josef Moll zum Vortrag beim Kanzler lud ohne Schröder als Minister zu informieren. Im weiteren Verlauf des Streits drohte Schröder sogar mit seinem Rücktritt, dieser konnte aber abgewendet werden, da Fraktionschef Rainer Barzel einen Modus vivendi fand, der solche Konsultationen des Regierungschefs erlaubte aber nur unter Hinzuziehung des Ministers. Am Ende einigte man sich auch auf eine kleinere Truppenreduzierung und eine geringe Kürzung des Etats des Verteidigungsministeriums.[* 131]
Die Versöhnung mit seinem Dauerrivalen von Guttenberg erfolgte erst nach der Ministerzeit am Sterbebett von Guttenbergs 1972.[* 132]
Bei der Einführung der Notstandsgesetze war Schröder das einzige Kabinettsmitglied, dass dagegen votierte, denn die Regierungsentwürfe gingen ihm nicht weit genug, er hielt an seinen Entwürfen als Bundesinnenminister fest.[* 133]
Am 29. August 1967 stürzte er auf der Treppe seines Ferienhauses Atterdag auf Sylt und wurde per Rettungshubschrauber ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf geflogen. Herzrhythmusstörungen und Bewußtseinstrübung diagnostizierten die Ärzte damals. Schuld daran soll der Streit mit dem Bundeskanzler Kiesinger über den Wehretat gewesen sein,[5] Schröder erholte sich nie ganz davon, sein Gedächtnis verließ ihn des öfteren, seine Stimme blieb seit dem schleppend. Ferner wurde sein Gesundheitszustand zusehends zu einem Politikum, wenn er einmal wieder für höhere Ämter vorgeschlagen wurde und seine Gegner auf seine schwache Gesundheit verwiesen.[6][7][8][* 134]
Unter Gerhard Schröder wurden einige wichtige Entscheidungen getroffen, so unter anderem konnte die immense Absturzquote der Starfighterflotte drastisch herabgesetz werden, was vor allem Johannes Steinhoff als Inspekteur der Luftwaffe zu verdanken ist.[* 135]
Ferner wurde in Absprache mit dem britischen Amtskollegen Denis Healy von Schröder der Grundstein für ein europäisches Kampfflugzeugprojekt gelegt aus dem später der Tornado hervorgehen sollte.[* 136]
Ebenso war Schröder als Verteidigungsminister darauf bedacht, dass das Projekt einer gemeinsamen Koordinierung der Atomwaffen des NATO-Bündnisses wieder aufgenommen wurde, nachdem die Multilateral Force gescheitert war. Daher war er einer der Gründerväter und großer Unterstützer der Nuklearen Planungsgruppe, die dann auch verwirklicht werden konnte.[* 137]
Diese wichtigen Entscheidungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Schröder im Verteidigungsministerium nie wirklich heimisch gefühlt hatte, denn er sah es als einen Abstieg an gegenüber dem Außenministerium. Das zeigte sich exemplarisch an zwei Sachverhalten: Zum einen waren ihm Waffenparaden zuwider und er unterschied sich damit erheblich von seinem Vorgänger von Hassel, zum anderen legte er auf Truppenbesuche keinen gesteigerten Wert und wenn er welche unternehmen musste, dann war er der einzige Bundesverteidigungsminister, der sich strickt weigerte einen Parka bei der Truppe zu tragen.[* 138]
1968 besuchte Helmut Kohl Gerhard Schröder auf Sylt und schlug ihm vor Bundespräsidentschaftskandidat der Union zu werden. Zur gleichen Zeit war die SPD auch auf der Suche nach einem Kandidaten, hier waren es Georg Leber und Gustav Heinemann, die in die engere Wahl kamen.
Auch in der CDU regte sich Widerstand von Seiten Kiesingers und notorischer Schröder-Gegner, die auch über Helmut Kohl den damals recht unbekannten Richard von Weizsäcker als innerparteilichen Kandidaten gegen Gerhard Schröder aufbauten. Ebenso wurde von einigen CDU-Politikern Ludwig Erhard ins Spiel gebracht, der jedoch ablehnte und ein Votum für Schröder abgab. In der entscheidenden parteiinternen Abstimmung setzte sich Schröder erwartungsgemäß klar gegen seinen Konkurenten mit 65 zu 20 Stimmen durch, obwohl wieder aus den eigenen Reihen seine Gesundheit in Spiel gebracht worden war.
In den nun folgenden Monaten vor der Wahl versuchten sowohl Heinemann als auch Schröder die FDP, die als Zünglein an der Waage galt, auf ihre Seite zu ziehen. Schröders Argumentation basierte hauptsächlich darauf, dass er ein innerer Gegner der großen Koalition war und das er sich gegen seine Überzeugung nun offen gegen das Mehrheitswahlrecht stellte, dass die große Koalition eigentlich im Koalitionsvertrag vereinbart hatte. Am Morgen des Wahltages erschien der FDP-Vorsitzende Walter Scheel bei Schröder und unterbreitete ihm, dass die FDP mehrheitlich Heinemann wählen würde. Diese offene Geste würde von Schröder dem ehemaligen Ministerkollegen nicht übel genommen.[* 139]
Bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 1969 trat Schröder als Kandidat von CDU und CSU gegen den SPD-Kandidaten Gustav Heinemann in der Berliner Ostpreußenhalle.[9] an, unterlag jedoch im dritten Wahlgang mit 506 zu 512 Stimmen. Im Vorfeld der Bundespräsidentenwahl wurde von einigen Medien seine Vergangenheit während der NS-Diktatur und seine Mitgliedschaft in der NSDAP sowie der SA wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.[2]
Im zweiten Wahlgang erhielt Schröder mit 507 Stimmen sein bestes Ergebnis, gewählt wurde er wohl auch von 22 Mitgliedern der NPD. Für viele CDU-Parlamentarier war im Vorfeld die Wahl ihres Bundespräsidentschaftskandidaten mit den Stimmen der NPD untragbar, Schröder sah das pragmatischer: „Die sind ja schließlich auch demokratisch gewählt.“[10]
Schröder hatte 1959 als Bundesinnenminister im Vorfeld der damaligen Bundesversammlung mit Gerstenmeier gestritten, ob die Berliner Abgeordneten überhaupt bei der Wahl des Bundespräsidenten mitstimmen dürften. Gersenmeier setzte sich damals über Schröders Bedenken hinweg. Ironie der Geschichte ist nun, dass dadurch die Berliner Abgeordneten mitstimmen durften, ein Präzedenzfall war 1959 nicht geschaffen worden, und gerade die Berliner Abgeordneten, die mehrheitlich von der SPD kamen, verhinderten damit Schröders Bundespräsidentschaft.[* 140]
Diese Niederlage bedeutete für die auf Bundesebene erfolgsverwöhnte CDU der Anfang vom Ende an der Macht. Mit dem Ende der Großen Koalition schied Schröder am 21. Oktober 1969 auch aus der Bundesregierung aus.
Schröder beschäftigte sich in der Zeit nach der Politik sehr mit der Familie, die lange unter seinem politischen Engagement gelitten hatte. Vor allem seine Enkel bereiteten ihm viel Freude.[* 141]
Er unterhielt privat einen Diskussionskreis von ehemaligen Politikern, Diplomaten und Wirtschaftsfunktionären, die über die globalen Probleme der neuen Zeit philosophierten, jedoch politisch nicht mehr ins Tagesgeschäft eingriffen.[* 142] Er hielt in diesem Kreis die Politik der Reagan-Administration für gut, dass wieder im Westen Stärke bewiesen wurde und befürwortete das SDI-Programm.[* 143]
Ein letztes Mal trat er im Bundestag am 17. Juni 1984 auf. Der damalige Bundestagspräsident Barzel lud ihn als Festredner ein. Durch Verkürzung der Veranstaltung war die Festrede nur 20 Minuten lang und wurde von den Grünen extrem kritisch wahrgenommen, denn Schröders Rede galt ihnen als typisch für die Ewig-Gestrigen.[* 144]
Schröder war Präsident der Deutschen Gesellschaft für Photographie.[3]
Schröder verfügte über eine preußische Erziehung und hielt zu den meisten Menschen einen unterkühlten Abstand. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1980 duzte er sich mit keinem Mitglied der CDU-Bundestagsfraktion, nicht einmal mit Paul Lücke, mit dem er sich in Bonn eine Zeit lang ein Appartement in Wohngemeinschaft geteilt hatte.[* 145] Er galt als kühler, politischer Praktiker mit festem Kern weltanschaulicher Grundüberzeugung.[* 146] Nichtsdestotrotz bescheinigten viele Zeitgenossen ihm auch aufgeschlossenes, herzliches und charmantes Verhalten anderen Menschen gegenüber.[* 147]
Heinrich Krone charakterisierte Schröder in seinem Tagebuch im Lauf der Teststoppdebatte als einen Pragmatiker. Der heute Politik positiv besetzte Begriff, nicht zuletzt durch Helmut Schmidt, war damals eher negativ besetzt gewesen, denn Krone verstand unter einem Pragmatiker einen Politiker ohne Grundsätze und weltanschaulichem Fundament. Sicherlich war Schröder ein Pragmatiker, aber einer mit einem festen ideologischem Grundgerüst, Krones Charakterisierung beruhte zur damaligen Zeit auf dem schon lange schwelenden Gegensatz der beiden Politiker und auf seiner Enttäuschung über den Verlauf der Teststoppdebatte zu Schröders Gunsten.[* 148]
Als Duell der Pragmatiker Schmidt und Schröder sind mehrere Folgen der Diskussionssendung des ZDF Journalisten fragen - Politiker antworten berühmt geworden, in denen die beiden schlagfertigen Politiker aufeinander trafen, um zu aktuellen Problemen Stellung zu beziehen. Die Fernsehzuschauer erfreute gerade diese politische Paarung, da neben Schlagfertigkeit und Realitätssinn in teilweise kontroversen Themen auch ein Schuss Ironie mit Humor gepaart eine anregende Sendung hervorbrachte.[* 149]
1960 baute er sich auf der Nordseeinsel Sylt im Ort Kampen in der Südwestheide[* 150] ein Ferienhaus, das er Atterdag nannte. Atterdag ist Dänisch und bedeutet neuer Tag, war aber auch der Beiname des dänischen Königs Waldemar IV.[11] Hier unterhielt er zu damals einflussreichen Personen der Gesellschaft und Wirtschaft enge und gute Beziehungen, wie etwa Berthold Beitz. Das anfangs gute Verhältnis zum Verleger Rudolf Augstein wurde jedoch durch einen negativen Artikel im Spiegel über Schröder als Innenminister hoffnungslos zerrüttet.[* 151] Zum Chef des Springer-Verlages Axel Springer hatte er jedoch nie ein gutes Verhältnis entwickeln können, zeitweise wurde er in dessen Bild-Zeitung hart angegriffen, wie etwa am 23. März 1965 mit der Schlagzeile Minister Schröder - der Versager des Jahres. Man geht heute davon aus, dass Springer ein Gegner von Schröders Berlin-Politik war, den gaullistischen Kräften in der CDU/CSU näher stand und ebenso mit Schröders Israelpolitik nicht einverstanden war, denn die Freundschaft zu Israel gehörte zum Kern der Ausrichtung des Springer-Verlages.[* 152]
Auf seiner Urlaubsinsel Sylt lernte Schröder auch den Maler Albert Aereboe kennen, der dort lebte und arbeitete. Dadurch wurde sein Interesse an moderner Kunst geweckt. Von Aereboe ließ er sich dann auch portraitieren. Er erwarb über die Jahre mehrere Bilder von Aereboe und anderer Künstler. Er legte immer Wert darauf, Bilder von lebenden Künstlern zu erwerben.[* 153]
Schröder ging ab den 50er Jahren einem neuen Hobby nach, denn er interessierte sich ab dieser Zeit verstärkt für Pferde und Pferderennen.[* 154]
Schröder starb am 31. Dezember 1989 in seinem Haus auf Sylt. Nach seinem Tode ehrte ihn der Deutsche Bundestag am 12. Januar 1990 mit einem Staatsakt im Plenarsaal. Dabei sprach der damalige Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Helmut Kohl. Gerhard Schröder wurde auf dem Friedhof der Inselkirche St. Severin in Keitum auf Sylt beigesetzt.[* 155]
Mit seiner Frau Brigitte hatte er drei Kinder:
Als Außenminister soll Schröder um 1964 eine kurze Affäre mit einer deutschen Botschaftsangehörigen in Paris unterhalten haben.[* 157]
Am 10. Oktober 1987 sollte es im WDR II ein Interview mit dem damaligen SPD-Oppositionsführer des niedersächsischen Landtages Gerhard Schröder über die geplatzte Rot-Grüne Koalition in Hessen geben. Durch einen Fehler hatten die Moderatoren nicht den SPD-Politiker per Telefon zugeschaltet bekommen, sondern Gerhard Schröder von der CDU, der aber ebenso irritiert war, wie die Moderatoren. Die Sendung konnte trotzdem gerettet werden, da Gerhard Schröder auch zu diesem Thema seine Sicht der Dinge vortragen konnte.[* 166]
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</div>
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schröder, Gerhard |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politiker (CDU), MdB |
| GEBURTSDATUM | 11. September 1910 |
| GEBURTSORT | SaarbrĂĽcken |
| STERBEDATUM | 31. Dezember 1989 |
| STERBEORT | Kampen auf Sylt |