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Gerhard Vinnai (* 1940 in Stuttgart) ist ein deutscher Sozialpsychologe. Er war bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor an der UniversitÀt Bremen.
Inhaltsverzeichnis |
Vinnai ist durch eine Reihe wichtiger Arbeiten zur Kritik des Sports, der MĂ€nnlichkeit sowie der akademischen Psychologie hervorgetreten. Er ist stark von der kritischen Theorie beeinflusst.
Vinnai gehört zur Schule der neomarxistischen Sportsoziologie.[1] Vor allem in den frĂŒhen 1970er Jahren deutete er in der Spur Theodor W. Adornos[2] den Sport als Verdoppelung der kapitalistischen Arbeitswelt. Das Geschehen auf dem FuĂballplatz funktioniere nach der Logik âkapitalistischer Arbeitsorganisationâ.[3] FuĂball besitze auĂerdem eine starke ideologische Funktion:
âDer FuĂballsport [âŠ] wird von Vereinen organisiert, die als Unternehmen der Unterhaltungsindustrie die Darbietungen ihrer Athleten als Ware [âŠ] verkaufen. Trainer und Aktive im kommerziellen FuĂball verĂ€uĂern ihre FĂ€higkeiten an die Unternehmen, die ihnen die gröĂten ökonomischen Vorteile versprechen. Bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes spielt fĂŒr die Aktiven die Bindung an eine Stadt, eine Region oder ein Land ĂŒblicherweise kaum eine Rolle. [âŠ] Eine besondere Bindung an die dort lebenden Bevölkerungen ist ĂŒblicherweise nicht vorhanden [âŠ]. Obwohl sie keine besondere Beziehung zu ihnen und ihrer Heimat zu haben brauchen, erleben ihre AnhĂ€nger sie paradoxerweise als ihre sehr stark emotional besetzen ReprĂ€sentanten. [âŠ] Das kommerzielle FuĂballunternehmen, an das die meist von auĂerhalb kommenden Aktiven ihre FĂ€higkeiten fĂŒr einige Zeit verkaufen, gilt den Fans als âihrâ Verein, dem sie sich mit heimatlich-familiĂ€ren GefĂŒhlen verbunden fĂŒhlen. [âŠ] Die enorme sozialpsychologische Bedeutung des FuĂballsports ist also auf ein illusionĂ€res Wir-GefĂŒhl angewiesen, von dessen psychischer Aufladung die FuĂballbegeisterung lebt.â
â Gerhard Vinnai[4]
Aufsehen erregte auch Vinnais These: âDer FuĂball als Sport unter MĂ€nnern lebt von einer ausgeprĂ€gten latenten HomosexualitĂ€t.â[4]
Vinnai ist auch als Kritiker des Christentums bekannt. So schrieb er 1984:
âDie ĂŒberfordernde christliche Moral und die ungeheure DestruktivitĂ€t der europĂ€ischen Kultur sind zwei Seiten einer Medaille. [âŠ] Eine Moral, die man, um psychisch zu ĂŒberleben, stĂ€ndig ĂŒbertreten muĂ, erzeugt eher Zynismus als NĂ€chstenliebe.â
â Gerhard Vinnai[5]
Im Zusammenhang mit Forschungen zur Entstehung von Gewaltpotential publizierte Vinnai mehrere Arbeiten zu Adolf Hitler und zur âGenese des faschistischen TĂ€tersâ.[6] Er wies darauf hin, dass Hitlers âBestreben, die Juden zu vernichten, entscheidend von traumatischen Kriegserfahrungen mitbestimmt sein dĂŒrfte.â[7] Denn Hitler sei vor dem Ersten Weltkrieg ânie durch besondere Gewaltsamkeit oder RĂŒcksichtslosigkeit aufgefallen [âŠ], er war eher pazifistisch eingestellt, und er war bis zum Kriegsende 1918 [âŠ] sehr wahrscheinlich kein fanatischer Antisemit.â[7]
âHitler hat sicherlich sogar in diesem Krieg nicht nur Schrecken erfahren, er verschaffte ihm auch etwas von dem, was er suchte: ein Regiment, das dem Entwurzelten Heimat wurde, die Erfahrung mĂ€nnlicher NĂ€he durch die Frontkameradschaft, die seiner latenten HomosexualitĂ€t entgegenkam, das gemeinsame rauschhafte Ausleben sadistischer Gewalt. Aber Hitlers Betonung seiner Kriegsbegeisterung dient wohl nicht zuletzt der Verleugnung dessen, was ihm der Krieg angetan hat.â
â Gerhard Vinnai[7]
Der bedeutende Hitler-Biograph Ian Kershaw lobte âVinnais Betonung der Bedeutung der traumatischen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges fĂŒr Hitlers Psychologie, ganz besonders fĂŒr die Entwicklung seines Vernichtungswillens und, zentral dazu, seines nun pathologischen, schon im Kern völkermörderischen, Antisemitismus,â als âdas Beste, was ich zu diesem Thema gelesen habe.â[8]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Vinnai, Gerhard |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Sozialpsychologe |
| GEBURTSDATUM | 1940 |
| GEBURTSORT | Stuttgart |