|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Als Germanisches Neuheidentum (auch Germanisches Heidentum, neugermanisches Heidentum oder einfach Heidentum im engeren Sinne) bezeichnet man zeitgenössische Bestrebungen zur Wiederbelebung einer vorchristlichen einheimischen Naturreligion unter Berufung auf Kultur, Mythologie und Glaubenswelt der Germanen.[1] Wegbereitende Bewegungen gab es bereits Ende des 19.-/Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Österreich. Eine zweite Wiederbelebungswelle begann in den frühen 1970er Jahren. Die Glaubensvorstellungen und Schwerpunkte der einzelnen Anhänger können sehr unterschiedlich sein. Sie reichen vom streng-historisch-polytheistischen Rekonstruktionismus und romantisch-folkloristischen Ansätzen (Folktro), über synkretisch-eklektischen und pragmatisch-psychologischen (Jungianische Archetypen), bis hin zu mystizistischen Herangehensweisen. Es gibt weltweit ein weites Spektrum germanisch-neuheidnischer Organisationen.
Es existieren viele verschiedene Begriffe für die unterschiedlichen Strömungen des germanischen Neuheidentums. Einige Bezeichnungen stehen in einem spezifischen Bezug zu einer Gruppe, während andere Bezeichnungen eine übergreifende Verwendung finden. 1997 wurde in einem Artikel der Zeitschrift Pagan Dawn,[2] eine ganze Reihe von Begriffen aufgelistet die mehr oder minder Synonyme sind. Einige dieser Begriffe sind Nordische Tradition, Nordische Sitte, Ásatrú, Odinismus, Germanischer Paganismus und Teutonische Religion.
Allgemein (sowohl von Laien als auch in der Fachliteratur) wird der Begriff Germanisches (Neu-) Heidentum als Überbegriff für alle Strömungen des germanischen Neuheidentums verwendet, während andere Termini geprägt wurden um spezifische kulturelle Strömungen oder Glaubensschwerpunkte zu benennen. So wurden z.B. Forn Siðr und seine moderne skandinavische Form Forn Sed zu verbreiteten religiösen Eigenbezeichnungen im skandinavischen neuheidnischem Mileu, wohingegen Urglaawe das Neuheidentum der Pennsylvania Deitchen bezeichnet.
Das Adjektiv heidnisch (althochdeutsch heidan, altenglisch hæðen, altnordisch heiðinn) findet historisch seine erste Verwendung in der gotischen Form *haiþi bzw. haiþno in der Gotischen Bibel des Wulfila als Übersetzung von gunē Hellēnis ("Griechische (id est gentile) Frau) im Markus Evangelium 7:26, d.h. als Übersetzung von Griechischer Ethnie gentile. Es ist demnach nicht, wie weitläufig angenommen, von der Heide-Landschaft abgeleitet, sondern geht auf ein Armenisches Lehnwort hethanos zurück, das selbst eine Entlehnung des Griechischen Begriffs ethnos ist. Heutzutage bezeichnet Heidentum allgemein eine Nicht-abrahamitischer Religion. In den Isländersagas bilden Heiðinn siðr und Kristinn siðr ein Gegensatzpaar, das die heidnische und Christliche Religion gegenüberstellt.
Eine Bezeichnung für die alte heidnische Religion, die oftmals synonym für Ásatrú benutzt wird, ist „Forn Siðr“. Forn Siðr ist ein altnordischer Begriff, der so viel wie „alte Sitte“ bedeutet. Er setzt sich zusammen aus altnordisch forn „alt“ und an. siðr „Sitte“. Den Terminus Forn Siðr oder Variationen wie forn landsiður „alte Landsitte“ oder fornri siðvenju „alter Sittenbrauch“ finden sich in einer Reihe von Sagas, wie z.B. der Færeyinga saga, der Saga Magnús konungs Erlingssonar, der Saga Ólafs hins helga oder der Skjöldunga saga.[3]
Im Gegensatz zum neu geprägten Begriff Ásatrú ist inn forni siðr ein Terminus der bereits im Altnordischen Schrifttum zu finden ist, und hier zusammen mit Heiðinn siðr „heidnische Sitte“ den Termini inn nýi siðr „die neue Sitte“ und Kristinn siðr „christliche Sitte“ gegenüber gestellt wird.
Im engeren Sinne bezeichnen Forn Siðr und die modernen skandinavische Form Forn Sed die Rekonstruktion des nordischen wikingerzeitlichen Heidentums anhand der altisländischen Sagen und Mythen. So ist Forn Siðr u.a. Namensbestandteil und präferierte Religionseigenbezeichnung der größten neuheidnischen Religionsgemeinschaft Dänemarks: Forn Siðr - Asa- og Vanetrosamfundet i Danmark („Forn Siðr - Asen- und Vanenglaubensgemeinschaft in Dänemark“).
Der angelsächsische Fyrn Sidu ist das altenglische Äquivalent zum altnordischen Forn Siðr und wird weitläufig als Bezeichnung für angelsächsisches Neuheidentum verwendet, das sich somit von dem hauptsächlich nordisch-skandinavischen Neuheidentum, das im Englischen landläufig als Odinism bezeichnet wird, unterscheidet. Der Begriff Fyrn Sidu wird hauptsächlich von der US-amerikanischen Vereinigung Geferræden Fyrnsida als Religionsbezeichnung verwendet.
Die Theodische Gemeinschaft ist ursprünglich, d.h. im engeren Sinne, eine neotribalistische heidnische Bewegung, welche, seit den 1970er Jahren, die rituelle Praxis und den Glauben der angelsächsischen Stämme, die ursprünglich in England siedelten, rekonstruieren möchte. Grundlage hierfür sind größtenteils die überlieferten germanischen Rechtstexte. Das Adjektiv þéodisc (ins neuhochdeutsche adaptiert: „theodisch") leitet sich von dem Substantiv þéod ab, welches soviel wie Stamm bzw. Thinggemeinschaft bedeutet. Es ist etymologisch verwandt mit dem Begriff Deutsch bzw. dem gemeingermanischen *þeudō. Aus der ursprünglichen angel-sächsisch-theodischen Gemeinschaft entwickelten sich später tribalistische Strömungen, die sich auch auf andere „Stammestraditionen“ berufen. So gibt es nunmehr auch frisisch-, normannisch-, gothisch-, jütländisch-, dänisch- und schwedisch-theodische Gruppen. Die meisten davon sind in den USA beheimatet.
Der Firno Situ ist die Alt-Alamannische Lehnübersetzung des altnordischen Begriffs Forn Siðr, und ist dementsprechend eine Form des germanischen Neuheidentums mit einem Schwerpunkt in bzw. auf den historischen suebisch-alamannischen Regionen, Überlieferungen und archäologischen Funden sowie dem dortigen rezenten regionalen Volksbrauchtum. Der althochdeutsche Begriff der Firni Situ mit einem allg. Fokus auf den elbgermanischen Regionen ist als eng verwandt anzusehen. Die Gottheiten, wie Wodan, Ziu, Donar, Volla und Frija Hulda, werden unter den althochdeutschen/alamannischen Namen verehrt. Die wichtigsten Rituale sind Pluoz, Sumbal und Chuofa.
Urglaawe („Urglaube“ im Pennsylvania-Deutsch) ist ein Zweig des germanischen Neuheidentums, der sich besonders stark an kontinentalgermanischen Überlieferungen und süddeutschem Brauchtum orientiert. Er weist damit starke Parallelen zum Firno Situ auf. Der Urglaawe ist im Prinzip ausschließlich in US-amerikanischen Gegenden mit deutschstämmiger Bevölkerung anzutreffen. Seine Kernvorstellungen stammen aus der deitschen Folklore und Braucherei (Brauchtum der Deutschamerikaner) sowie aus tradierten Heilpraktiken, zu geringeren Anteilen jedoch auch aus anderweitigen germanischen insbesondere skandinavischen Quellen. Kultsprachen des Urglaawens sind sowohl Englisch als auch Pennsylvania Deitsch. Wie auch bei den anderen Zweigen des germanischen Neuheidentums besitzen die Anhänger des Urglaawens ein weites Spektrum von Glaubensvorstellungen vom polytheistischen Rekonstruktionismus, über synkretistisch-eklektischen Ansichten bis hin zu psychologistisch-mystizistischen Ansätzen.
Der Begriff Asatro taucht erstmalig zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Schriften der skandinavischen Nationalromantiker auf. Die skandinavischen Nationalromantiker prägten damals eine ganze Reihe von Bezeichnungen für die alte Religion der Wikinger wie z.B. Asalære, Asareligion, Asadyrkan, Asakult und eben Asatro.[4]. Dabei ist es dem dänischen Dichter und Pastor Nikolai Frederik Severin Grundtvig zuzuschreiben diese Entwicklung mit seinem Werk Om asalæren[5] eingeleitet zu haben. Im Schwedischen wird der Begriff dem Svenska Akademiens Ordbok zufolge erstmalig von Carl Gustaf af Leopold verwendet[6]. Bei Asatro handelt es sich um einen dänisch-schwedischen Neologismus bestehend aus Asa, dem Genitiv Plural von dänisch æser bzw. schwedisch äser „Ase“ und tro „Glaube“. Das nordische Wort tro ist etymologisch verwandt mit dem deutschen Wort Treue sowie dem englischen Wort truth „Wahrheit“, jedoch nicht bedeutungsgleich. So bezeichnet Asatro den Glauben an die heidnischen germanischen Götter, die Asen, sollte jedoch nicht als Asentreue oder Götterwahrheit übersetzt werden. Der Begriff Asatro taucht im Norwegischen erstmals 1870 bei Bjørnstjerne Bjørnson in seiner unvollendeten Oper Olaf Tryggvason als Bezeichnung für den heidnischen Glauben der Nordländer auf (Die Musik zu dieser Oper wurde von dem norwegischen Komponisten Edvard Grieg komponiert)[7],[8]. Die isländische, und international weit verbreitete Schreibweise - Ásatrú - wurde erstmals 1945 von Ólafur Briem in seinem Werk Heiðinn siður á Íslandi („Heidnische Sitten auf Island“) verwendet[9]. Die Ásatrú-Anhänger werden im Isländischen als Ásatrúarmenn bezeichnet. Heutzutage wird der Begriff Asatro/Ásatrú hauptsächlich von nordisch-skandinavisch bzw. wikingerzeitlich-rekonstruktionistischen Gruppen für ihren Glauben verwandt.
Jörmundur Ingi Hansen definierte 1992 Ásatrú in folgender Weise: Meiner Ansicht nach, wird die Welt durch zwei wesensverschiedene Urkräfte geprägt, die erbauenden Kräfte der Æsir, und die zerstörerischen Kräfte, die wir als Riesen bezeichnen. ... Ásatrú oder Heidentum besteht im Grunde nur darin, diese Zweiteilung zu erkennen und sich für die Seite der Æsir zu entscheiden.
Der Begriff Ásatrú wird zum Teil, insbesondere jedoch von schwedischen Gruppen, als Eigenbezeichnung für die germanisch-heidnische Religion wegen seiner Wurzeln in der Nationalromantik[10] [11] [4], der semantischen Implikation einer Glaubenslehre (tro)[4] und seiner Assoziation mit der Theorie der Metagenetik[12] bei amerikanischen Organisationen wie dem Asatru Folk Assembly, kritisch betrachtet und sogar explizit abgelehnt.
Im englischsprachigen Raum wird für das germanische Neuheidentum, teilweise synonym zu der Bezeichnung Ásatrú auch gerne der Begriff Odinism (Odinismus) gebraucht. Der Begriff taucht zunächst beim US-amerikanischen Philosophen Orestes Brownson 1848 in seinen Letters to Protestants auf[13], und wurde in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts in Australien von Alexander Rud Mills und seiner First Anglecyn Church of Odin sowie in seinem Werk The Call of Our Ancient Nordic Religion[14] wiederbelebt. Die Bezeichnung wurde seit den 1960er-Jahren auch in Nordamerika von Else Christensen zuerst im Namen ihrer Odinist Study Group und später der ebenfalls von ihr begründeten Odinist Fellowship, sowie ab 1973 in Großbritannien vom Odinic Rite (ursprünglich und bis 1980: Committee for the Restoration of the Odinic Rite/Odinist Committee) verwendet. Letzterer verwehrt sich dezidiert Bezeichnungen wie z.B. Ásatrú unter dem Vorwand, das Wikingerzeitalter sei nur eine kleine Epoche der germanischen (Glaubens-)Geschichte.[15]
Der oft missverstandenen Auffassung, es handle sich hierbei um eine tendenziell monotheistische Variante des Glaubens entgegnet der Odinic Rite in seinem Flugblatt Odinism - A European Folk Religion indem er den Begriff als Synonym zu anderen verbreiteten Glaubensbezeichnungen wie z.B. Ásatrú erklärt.[16] Auch die von 1997 bis 2001 existierende Zusammenarbeit des selbigen mit den zwei als führend angesehenen nordamerikanischen Ásatrú-Organisation Asatru Alliance bzw. Asatru Folk Assembly in der International Ásatrú and Odinist Alliance lassen berechtigte Rückschlüsse auf eine vorhandene Synonymität des Begriffes schließen.
Die Folketro (Volksglaube oder folkloristischer Glaube) ist eine Richtung innerhalb des germanischen Neuheidentums, die ihre Grundlage in erster Linie in dem jeweiligen regionalen Volksbrauchtum sieht. Mythologische Grundlagen bilden regional überlieferte Sagen. Brauchtumselemente wie Volkstänze und Volkslieder mit z. T. angenommenen vorchristlich-heidnischen Wurzeln werden aufgegriffen und in einem neuen bzw. alten Kontext betrachtet.
In Teilen distanziert man sich sogar von der eigentlichen Ásatrú-Bewegung, da hier Ásatrú im engeren Sinne als die Rekonstruktion der wikingerzeitlichen Religion und in Teilen als nationalromantische Verklärung dieser Zeit aufgefasst wird. Im Folketro versteht man die damalige Religion vielmehr als Ausdruck des damaligen Volksglaubens. Vertreter der Folketro sind insbesondere die beiden Vereinigungen Foreningen Forn Sed in Norwegen und Samfäldigheten för Nordisk Sed in Schweden.
Stringent werden von den Vertretern der Folketro Einflüsse aus New Age, Wicca und den thelemischen Lehren Aleister Crowleys abgelehnt. Die Folketro wird aufgrund dieser Haltung von ihren Kritikern herabsetzende auch als „Funtrad“, was eine Abkürzung für „Fundamentalistisk Traditionalisme“ (Fundamentalistische Traditionalisten) ist, bezeichnet.[17]
Analog zu dem Begriff Ásatrú wurde der Begriff Vanatrú (Vanenglaube) geprägt um den Glaubensfokus auf dem Göttergeschlecht der Vanen zu verdeutlichen[18]. Vanatrú kann demnach, wie auch Ásatrú, als Zweig innerhalb des nordischen Heidentums (Forn Siðr) verstanden werden. Im Gegensatz zu den Vanatrú-Anhängern, die neben Ihrem Vanenfokus auch die Asen in ihrem Glauben einbeziehen, verehren die Waincraft-Anhänger ausschließlich die Vanengötter, die diese als Vor-Indoeuropäische Gottheiten auffassen, die bereits vor der Ankunft der Asen in Europa verehrt wurden[19][20].
Rökkatrú[21][22][23] ist eine Richtung innerhalb des germanischen Neuheidentums deren Anhänger vornehmlich die Jötunn, d.h. die Riesen der Urzeit verehren, wie z.B. die Unterweltgottheit Hel, die Midgardschlange Jörmungandr, den Fenriswolf und den von den Göttern "adoptierten" Riesen Loki. Innerhalb der weiteren germanisch-neuheidnischen Bewegung wird Rökkatrú weitläufig nicht als Teil der Religion angesehen, da die hier im Fokus stehenden Wesenheiten in ihrem Wirken den anderen Gottheiten zumeist entgegengestellt sind.
Anders als z.B das Christentum ist das germanische Heidentum (Forn Siðr/Ásatrú) keine Buch- oder Offenbarungsreligion, weshalb all deren typische Merkmale wie Monotheismus, Sünden-, Paradies- und Höllenvorstellung völlig, oder je nach Auslebung größtenteils fehlen. Es gibt in diesem Sinne auch keinen Glauben beim Ásatrú/Forn Siðr, da dieser die Vorstellung einer Existenz einer Gegebenheit, die über das direkt Erfahrbare hinausgeht, implizieren würde, wobei, wie der Name bereits sagt, es vielmehr um das Treue-Halten für wahr genommener Traditionen, Vorstellungen und Bräuche geht. Der Autor Fritz Steinbock schrieb in seinem Buch Das heilige Fest, Rituale des traditionellen germanischen Heidentums in heutiger Zeit in diesem Zusammenhang dazu: (sinngemäß) „Man fragte früher (in der germanischen Religion) nicht, an welche Götter glaubst du, sondern welchen Göttern opferst du?“
Der Schweizer Religionswissenschaftler Hans-Peter Hasenfratz ordnete Forn Siðr/Ásatrú als Kultreligion mit einem eidetisch-taktilen religiösen Symbolsystem ein. Sie spricht also vor allem das Seh- und Tastvermögen an, und wird durch diese vermittelt. So gibt es Götterbilder und -darstellungen, wie die Statuen im Tempel von Uppsala oder diverse Pfahlgötter, aber keine heilige Schrift. Bei Forn Siðr/Ásatrú handelt es sich zudem nicht um einen „individuellen Heilsweg“, da es um das Heil aller an der Gemeinschaft beteiligten Sippen geht, da diesen große Bedeutung zukommt, begründet durch die einstige Manifestation der Götter in ihnen.
Neben der Verehrung der Ahnen weist die Forn Siðr/Ásatrú auch Elemente einer mystischen Religion auf, da z.B. in Form der Utiseta (meditativer Aufenthalt in der Natur) oder dem Blót der Einklang mit der Natur und/oder den Göttern versucht wird.
Ásatrú/Forn Siðr ist eine polytheistische Religion. Die Hauptgottheiten der Ásatrúarmenn gehören im Allgemeinen zu den beiden Geschlechtern der Asen und Wanen. Entsprechend der germanischen Mythologie werden jedoch am Ende des sogenannten Wanenkrieges alle uns namentlich bekannten Wanengötter in die Reihen der Asen aufgenommen. So ist der Glaube an die Wanen, die Vanatrú, als integrierter Bestandteil der Ásatrú zu sehen und nicht als separater Glaube zu verstehen. Bedeutsame Gottheiten sind:
Neben den Hauptgottheiten werden etliche örtliche Gottheiten wie Jecha, Ostara, Tanfana, Hludana oder Nehalennia gewürdigt. Die Anhänger des Ásatrú verstehen sich als die Kinder der Götter.
Wie auch in anderen neuheidnischen Strömungen üblich, dient Anhängern der Ásatrú/Forn Siðr gelegentlich der religionswissenschaftlich nicht abgesicherte Begriff der Naturreligion zur Selbstbeschreibung. Darunter wird zum einen eine „natürlich“ gewachsene Religion – im Unterschied zu Offenbarungsreligionen – verstanden, zum anderen auf die zentrale Rolle der Natur als Quelle der religiös-spirituellen Erfahrung verwiesen.
Die ursprüngliche nordgermanische Religion hatte eine starke Neigung zum Animismus. Dies ist erkennbar anhand diverser Sagas, wie zum Beispiel derjenigen von einem Zauberer, der in Walgestalt nach Island schwimmt um feststellen zu können, ob man dort einfallen könne. Er wurde laut der Saga von den Landgeistern Islands angegriffen und vertrieben.[24][25]
Das germanische Neuheidentum adaptierte diese Vorstellungen teilweise, was sich in Form der Verehrung und dem Glauben an die Existenz von fabelhaften Wesen der niederen Mythologie (z.B. Elben), verschiedenen Wesen der Folklore (Kobold, Wichtel) ausdrückt. Die Natur wird von einem Teil der Ásatrú-Anhänger als beseelt empfunden, wobei die Natur und ihre Erscheinungen nicht als heilig verehrt werden, da sie nicht als übernatürlich gilt, sondern von den Göttern geschaffen. Bei heiligen Hainen und Bergen handelt es sich daher auch nur um „Bindeglieder“ der Menschen zu den Göttern, die Objekte selbst sind hingegen nicht göttlich. Das Betreten von Regionen, die von Fabelwesen beherrscht werden, kann für den Betreter nützlich oder schädlich sein.[26]
Auch Gegenstände werden von einigen Asentreuen als beseelt empfunden und können ein eigenes Schicksal haben. Diesen Gegenständen, meistens Waffen, werden Namen gegeben. Ein bekanntes Beispiel ist Sigurds Schwert Gram. Diese Gegenstände werden nicht vor dem Gebrauch „geweiht“, sondern tragen ihre Macht und Kraft in sich.
Zur stetigen Erneuerung und Bindung der Ásatrú-Anhänger an die Götter werden verschiedene Bräuche und Rituale abgehalten sowie Praktiken vollführt, wobei die Hauptritualformen das Blót und das Sumbel sind.
Als Bloz oder Blót (ahd. bluoz, an. blót, aeng. blôt) wird das germanische Opferfest bezeichnet. Etymologisch leitet sich das Wort von dem indogermanischen *bhlâd (“geschwollen“) ab. Eine Gottheit zu blozen oder bloten (ahd. blôzan, an. blóta, aeng. blôtan) bedeutet demnach so viel wie „eine Gottheit stärken“. (Eine unmittelbare Verwandtschaft zu „Blut“, wie immer wieder behauptet wird, besteht nach derzeitigen sprachwissenschaftlichen Kenntnissen nicht.) Das dargebrachte Opfer (ahd. bluostar), mit dem die Ásatrúar ihre Beziehungen zu den jeweiligen Gottheiten intensivieren wollen bzw. mit dem sie die entsprechenden Gottheiten stärken wollen, steht in einer bestimmten Beziehung zu den jeweiligen Göttern und wird u. a. in Form von Nahrungsmitteln, Kunstgegenständen und Gebildegebäck dargebracht. Häuser oder Tempel, in denen die Götter geblozt wurden, nannte man im Althochdeutschen plôzhûs („Blozhaus“), wobei heute, in Ermangelung von bestehenden Tempeln, oftmals im Freien geblozt wird. Volksetymologisch leicht abgewandelt findet man in dem Namen „Blocksberg“ (Blozberg) das Bloz wieder.
Das Sumbel (an. sumbl, aeng. symbel, as. sumbal) ist vereinfacht gesprochen ein ritueller Umtrunk bzw. ein rituelles Trinkgelage.
Grob umrissen läuft ein Sumbel wie folgt ab: Es wird im allgemeinem von einem Sumbelgeber (as. symbelgifa) eröffnet, geleitet und beendet. In der Mitte der Teilnehmer befindet sich ein Kessel, welcher mit Met oder Äl gefüllt ist. Nach der Weihe des Kessels wird ein Trinkhorn mit dem Trank aus diesem Kessel gefüllt. Anschließend kreist dieses Trinkhorn unter den Teilnehmern des Sumbels, wobei es von einer Schankmaid weitergereicht und bei Bedarf aufgefüllt wird.
In der ersten Runde erfolgt durch das Äußern von Trinksprüchen ein Minnetrinken auf die Götter. In der zweiten Runde gedenkt man der verstorbenen Angehörigen. Während der dritten und den folgenden Runden werden von den Teilnehmern Eide geschworen, Gelübde abgelegt und Lieder oder Gedichte zum Besten gegeben.
Das Gebet ist, wie der Name sagt, eine Bitte, die an die Götter gerichtet ist (vgl. das Prinzip do ut des). Gebetet wird im Allgemeinen in aufrecht stehender Haltung mit erhobenen, zu den Seiten ausgebreiteten Armen. Die allgemeine Gebetsrichtung ist Norden, falls man sich nicht unmittelbar an die jeweilige Gottheit wendet. In der Regel werden innerhalb eines Blóts die Götter in ihrer Gesamtheit angerufen, innerhalb eines Gebets kann der einzelne natürlich die besondere Gewichtung auf einen bestimmten Gott oder eine Göttin setzen, ohne dass die anderen Götter damit gering geschätzt würden.
Galster (ahd. galstar, aeng. gealdor, an. galdr) ist eine Art des rituellen Gesanges oder Dichtens unter Verwendung des Stabreimes bei stark parallelistischem Versaufbau.
Seiðr ist der Oberbegriff für magische Praktiken, die aber weniger verbreitet sind als beispielsweise Blót und Sumbel.
Der Begriff Ansleich (ahd. Ansleicus, as. Ôslâc) setzt sich aus den Wörtern Ans (ahd. ans: „Gott“) und Leich (ahd. leih, mhd. leichen: „hüpfen, spielen“) zusammen. Es handelt sich hierbei um eine Aufführung oder ein Spiel im Sinne eines Hymnus auf und für die Götter. So werden entsprechend dem Anlass bestimmte mythische Göttergeschichten aufgeführt. Besonders beliebt ist zum Beispiel im Frühjahr die Aufführung der „Heimholung des Hammers“ durch den Gott Donar, wie es die Þrymskviða beschreibt.
Asentreue bestatten ihre Verstorbenen üblicherweise in oder bei sog. Schiffssetzungen. Bislang gibt es drei offizielle Begräbnisstätten für Ásatrú-Anhänger: der Grafreitur Ásatrúarfélagsins auf dem Gufuneskirkjugarði bei Reykjavík, der Assistens Kirkegård in Odense und der Voksen kirkegård in Oslo.
In Island gibt es bereits mehrere Ásatrú-Tempelanlagen, in welchen man in der Gruppe den Glauben ausleben kann.[27] Auch in der Hauptstadt Reykjavik soll in den nächsten Jahren ein Tempel gebaut werden.[28]. Darüber hinaus gibt es in der geografischen Mitte Islands eine Säule vergleichbar der historischen Irminsul.
Die Regelungen bezüglich der begangenen Festtage, die auch als Hátíðir (an. wörtl. Hoch-Zeiten; vgl. ahd. diu hôha gezît) bezeichnet werden, sind innerhalb der verschiedenen Asentreuegemeinschaften z. T. recht verschieden. Je nach Sichtweise gibt es vier große Feste und vier kleinere, wobei die kleineren gelegentlich auch nicht gefeiert werden. In vielen Gemeinschaften werden die acht großen Feste gefeiert, die gleichzeitig das Jahr unterteilen. Man spricht vom "achtspeichigen Jahresrad". Übernommen wurde dieses System vom Wicca-Jahreskreis, der wiederum starke Ähnlichkeiten zum keltischen Jahreskreis aufweist. Bei dieser Unterteilung des Jahres nach wichtigen Festen handelt es sich um eine künstliche Rekonstruktion der historischen Gegebenheiten, da es als unwahrscheinlich gilt, dass von allen Anhängern der urgermanischen Religion jährlich alle acht Feste gefeiert wurden, zumal es sich bei einigen auch nur um Brauchtümer handeln könnte.
Oftmals werden nur vier größere Feste gefeiert, die jeweils an den Sonnwenden (Julfest & Mittsommer) und den Tag-und-Nacht-Gleichen stattfinden (Ostara & Herbstfest/Mabon). Der Frankfurter Yggdrasil-Kreis sieht diese vier Feste als (germanische) Sonnenfeste und die anderen vier Feste (Imbolc (Disting/Lichtfest), Beltane (Wonnemond/Walpurgisnacht), Lughnasadh (Schnitterfest), Samhain (Winternächte)) als (keltische) Mondfeste an. Die Sonnenfeste werden nach dem Kalender, die Mondfeste nach Vollmonden, die den Sonnenfesten folgen, bestimmt.
Die Feste werden meist in Form eines Blót begangen und dauern mehrere Tage bis zu einer Woche, im Falle des Julfestes sogar 12 Tage. Gelegentlich wird auch zu weiteren Festlichkeiten gefeiert, wie Kindesweihe, Jugendleite, Eheleite und Totenleite.
Die folgende Tabelle gibt Auskunft über die acht großen Feste im Jahreskreis:
| Fest | Art des Festes | Datum |
|---|---|---|
| Imbolc | Mondfest | Vollmond, der dem 1. Neumond nach Julende (1. Januar) folgt |
| Ostara | Sonnenfest | 20./21. März |
| Beltane | Mondfest | 2. Vollmond nach Ostara |
| Mittsommer | Sonnenfest | 21./22. Juni |
| Lughnasadh | Mondfest | 2. Vollmond nach Mittsommer |
| Mabon | Sonnenfest | 22./23. September |
| Samhain | Mondfest | 2. Vollmond nach Mabon |
| Julfest | Sonnenfest | 21./22. Dezember |
Dass es davon teilweise auch größere Abweichungen geben kann, zeigen die Feiertage der isländischen Asentreuegemeinschaft (Ásatrúarfélagið):[29]
Die Edda, oder genauer gesagt die beiden Bücher der Lieder-Edda und der Prosa-Edda, sind für die meisten Ásatrúar die wichtigsten Quellen in Bezug auf die germanische Mythologie.
Die Lieder-Edda erzählt in stabreimenden Liedern von Göttern und Helden. Die Helden werden hierbei oftmals als Hypostase der Götter verstanden.
Die Snorra-Edda ist eigentlich ein Lehrbuch für Skalden, beschreibt aber insbesondere im Abschnitt der Gylfaginning („König Gylfes Erscheinung“) ausführlich die Begebenheiten der germanischen Götterwelt.
Unter den Eddaliedern nehmen „Die Lieder des Hohen“ (an. Hávamál) eine besondere Stellung ein. Während die meisten Eddalieder rein mythologische Themen wiedergeben, enthalten „Die Lieder des Hohen“ („Der Hohe“ ist eine Bezeichnung für den Gott Wodan) neben mythologischen Inhalten vor allem Spruchweisheiten, die vielfach der ethischen Orientierung dienen.
Abgesehen von der Edda werden auch andere literarische Quellen, u. a. die Germania des Tacitus, die nordische Sagaliteratur und Volkssagen konsultiert. Die Gesta Danorum des Saxo Grammaticus ist eine weitere wichtige Quelle, die oft außer Acht gelassen wird. Die Götter werden als Menschen, die in der Vorzeit lebten, dargestellt und verlieren somit ihren mythologischen Charakter. Er behandelt zum Teil die gleichen Mythen wie die Edda, zum Beispiel Baldurs Tod, aber die Erzählungen weichen deutlich von der Edda ab. Obwohl einige Wissenschaftler Saxos Version der Mythen für ursprünglicher halten als die der Edda, finden seine Mythen unter Asatru weniger Beachtung, da Saxo Grammaticus dem mythologischen Stoff nicht wohlgesinnt war.
1972 wurde die Ásatrú in Island, unter dem Namen „Ásatrúarfélagið“, durch die Bestrebungen des Dichters Sveinbjörn Beinteinsson als offizielle Religion anerkannt.[31] Dies erreichte er nicht zuletzt aufgrund seiner persönlichen Beziehungen zum damaligen isländischen Justizminister, und entgegen der Intervention eines christlichen Bischofs. Beinteinssons Ansicht nach war Ásatrú die auf Island immer noch am tiefsten kulturell verwurzelte Religion, die der Landesnatur am besten entsprach. Seine Bestrebungen, Ásatrú als eine dem Christentum gleichberechtigte Religion auf Island anerkennen zu lassen, sind zum Teil auch als eine Reaktion auf die Anfang der 70er Jahre wachsende Mitgliederzahl der „Kinder Jesu“ (einer christlichen Sekte) zu verstehen. [32]
Der heutige Allsherjargoði der 1402 (0,44%) Anhänger starken[33] „Ásatrúarfélagið“ (Stand 2010) ist Hilmar Örn Hilmarsson, der auch als Komponist einen guten Ruf genießt und unter anderem Filmmusik komponiert.
Am 3. April 2006 wurde mit dem Reykjavíkurgoðorð eine weitere Asenglaubensgemeinschaft vom isländischem Staat anerkannt.[34] Das Reykjavíkurgoðorð wurde von Jörmundur Ingi Hansen, einem ehemaligen Allsherjargoði der Ásatrúarfélagið, gegründet.
Zu Beginn der 1990er Jahre wurde durch den Zusammenschluss der Wikingergruppe „Tor Hjälpe“, der Seið-Gruppe Yggdrasill und anderer Gruppierungen die heutzutage größte schwedische Ásatrú-Verbindung, Sveriges Asatrosamfund, gegründet. Diese hatte 1998 rund 300 Mitglieder. Zur offiziellen Anerkennung als Religion benötigt eine religiöse Organisation in Schweden aber 3000 Anhänger. Aufgrund der stark angewachsenen Mitgliederzahl wird die Sveriges Asatrosamfund seit 2007 von der SST („Statens stöd till trossamfunden“ = Staatliche Unterstützung für Glaubensgemeinschaften) gefördert. Im Jahre 2010 benannte sich Sveriges Asatrosamfund in Samfundet Forn Sed Sverige (Gemeinschaft für Firne Sitte in Schweden) um.
Nahezu parallel zum Sveriges Asatrosamfund gründete sich die Samfäldigheten för Nordisk Sed als Dachverein für fünf Lokalgruppen (sog. Gäll), die sich aus hier nicht weiter aufgeführten Gründen nicht im Sveriges Asatrosamfund organisieren wollten. Im Jahre 1999 begann unter Keeron Ögren eine Umorganisation im Sinne einer verstärkten Zentralisierung des anfänglichen Dachvereins entsprechend den neuen gesetzlichen Richtlinien der schwedischen Regierung für Glaubensgemeinschaften. Infolge dieser Umstrukturierungen trennte sich das sogenannte Torsåker Gäll aus der Samfäldigheten för Nordisk Sed und löste sich später ganz auf.[17]
In Norwegen gründete sich Anfang der 1980er Jahre auf Initiative von Egil Haraldson Stenseth die Åsatrosamfundet Bifrost, welche sich allerdings bis zum Ende der 1980er Jahre wieder auflöste. 1993 gelang es Egil Haraldson Stenseth in Zusammenarbeit mit Katrine Åstorp, die auf Island den damaligen Allsherjagoden und Stifter der Ásatrúarfélagið, Sveinbjörn Beinteinsson, kennengelernt hatte, die Åsatrosamfundet Bifrost wiederzubeleben. 1996 wurde die Åsatrosamfundet Bifrost offiziell von der norwegischen Regierung als Glaubensgemeinschaft anerkannt, wodurch seitdem rechtlich wirksame Zeremonien wie Eheschließungen abgehalten werden können.
1997 wurde der von Island nach Norwegen umgezogene Jón Júlíus Fillippusson Mitglied in der Åsatrosamfundet Bifrost. Aufgrund interner Divergenzen verließ er sie jedoch nach nur einem Jahr und gründete mit fünf weiteren ehemaligen Bifrost-Mitgliedern die Foreningen Forn Sed. 1999 wurde die Foreningen Forn Sed gleichfalls von der norwegischen Regierung als Glaubensgemeinschaft offiziell anerkannt.[17]
Auch in Dänemark schlossen sich zunächst 12 Personen insbesondere aus verschiedenen Wikingergruppen im Namen der Ásatrú zusammen, was zur Gründung der Forn Siðr - Asa- og Vanetrosamfundet i Danmark am 15. November 1997 führte. Nach längerem Rechtsstreit wurde Forn Siðr am 6. November 2003 vom dänischen Kirchenministerium offiziell als Glaubensgemeinschaft anerkannt.[36] Ursprünglich wurde eine Anerkennung seitens des Ministeriums abgelehnt, da dieses Zweifel hatte, ob die Forn Siðr überhaupt eine „richtige Glaubensgemeinschaft“ sei. Begründet lagen diese Zweifel laut dem Ministerium im Fehlen von dogmatischen Glaubensvorgaben auf Seiten der Forn Siðr.
Ein Wiederaufleben des „alten Glaubens“ war in Deutschland schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu beobachten, als mehrere germanisch-heidnische Gemeinschaften entstanden; 1913 schlossen sich auf Initiative des Malers und Dichters Ludwig Fahrenkrog mehrere dieser Gemeinschaften zur Germanischen Glaubens-Gemeinschaft (GGG) zusammen. Sie bestand bis 1964. Die 1991 als Verein in Berlin neu eingetragene Germanische Glaubens-Gemeinschaft[37] sieht sich in ungebrochener Tradition mit der früheren Organisation.[37]
Die heutigen Vereine sehen sich allerdings nicht in der Tradition des 19. Jahrhunderts, sondern in der Definition Asatrus wie sie 1973 Sveinbjörn Beinteinsson auf Island als „alte Sitte“ definierte. Im März 1995 wurde in Köln der Verein für Germanisches Heidentum e.V. (VfGH e.V.) zunächst als Schwesterorganisation des britischen Odinic Rites unter dem Namen „Odinic Rite Deutschland e.V.“ (ORD) gegründet.[38] Im April 2006 erhielt der Verein auf einstimmigen Mitgliederbeschluss seinen heutigen Namen.[39]
Im allgemein heidnisch orientierten Rabenclan e.V.[40] organisierte sich 1997 die seither unabhängige Ásatrú-Gruppe Nornirs Ætt.[41] Die Nornirs Ætt ist überregional organisiert, unterhält aber auch mehrere Untergruppen, die als regionale Thinggemeinschaften „Fylki“ genannt werden. Sie besitzt keine gültige Rechtsform, sondern ist ein basisdemokratischer Zusammenschluss von Freunden.[41] Diese Ásatrú-Organisation ist vor allem für ihre langjährige Aufklärungsarbeit gegen rechtsextreme oder rassistische Einflussnahme auf die Ásatrú-Szene bekannt.[42]
Im August des Jahres 2000 gründete sich mit dem Eldaring e.V.[43] ein weiterer Verein mit dem Ziel, Ásatrú zu leben.[41] 2002 erfolgte beim Amtsgericht Trier die Eintragung als eingetragener Verein.[41] Der Eldaring hält gute Beziehungen zum dänischen Forn Siðr – Asa- og Vanetrosamfundet, zur norwegischen Åsatrosamfundet Bifrost sowie zum niederländischen Het Rad und ist heutzutage der wohl mitgliederstärkste Verein mit ca. 200 Mitglieder (Stand September 2009) dieser Art in Deutschland.
Mit der zunehmenden Verbreitung von Asatru in Deutschland wurde das Thema für rechtsextreme Propaganda attraktiv. Der NPD-Politiker Jürgen Rieger hielt die Domain asatru.de, über die auch die Nordische Zeitung verbreitet wird. Die Asatru-Bewegung distanziert sich in großen Teilen davon.[44]
Anfang der 1970er Jahre begann der ehemalige Angehörige der U. S. Army Rangers Stephen McNallen die Zeitschrift The Runestone zu publizieren. Zur gleichen Zeit gründete er auch die Organisation Ásatrú Free Assembly, deren Nachfolgeorganisation Ásatrú Folk Assembly noch heute existiert. Ebenfalls Anfang der 70er Jahre begründete Else Christensen die Odinismusbewegung Odinist Fellowship in der USA.[45]
Der Streit um die Orientierung zwischen völkischem Asatru (kann nur von Personen gelebt werden, die germanisch/europäischen Ursprungs sind) und dem universalen Asatru sowie der Konflikt, ob beim Asatru eine „weiße Vormachtstellung“ von Bedeutung sei, führte 1986 zur Auflösung der Asatru Free Assembly.[46] Die Universalen Anhänger formierten sich unter dem Namen The Troth neu, die völkisch, teilweise rassistisch Gesinnten als Ásatrú Alliance (AA). McNallen gründete die Ásatrú Folk Assembly (AFA) 1994, als völkisch orientierte Asatru Organisation, neu.
1997 gründete der englische Odinic Rite (OR) eine amerikanische Zweigorganisation, die ebenfalls völkisch geprägt ist. Im selben Jahr schlossen sich daraufhin die drei völkisch geprägten Organisationen (AA, AFA und OR) zur International Asatru-Odinic Alliance zusammen, die jedoch 2001/2002 aufgrund interner Unstimmigkeiten auseinanderbrach.
Insbesondere im angloamerikanischen Sprachraum unterscheidet man zwischen universalist- und folkish-Ásatrú.
Anhänger des Universalismus sind der Überzeugung, dass das Ausleben des Ásatrú eine Willensentscheidung sei und somit unabhängig von nationaler und ethnischer Zugehörigkeit jede oder jeder diesen Glauben annehmen könne.
Anhänger des ethnischen bzw. völkischen Zweiges (engl. „folkish“) hingegen vertreten die Ansicht, dass Ásatrú die ethnische Religion der Germanen ist. Religion ist ihrer Meinung nach eine Frage der Vererbung und des Blutes. Hier bestehen mögliche Anknüpfungspunkte des Rechtsextremismus. Dies wird von vielen Anhängern jedoch zurückgewiesen, da es ihnen fern läge, andere Ethnien zu diskriminieren, die dementsprechend ihre überlieferte Religion ausleben sollten. Einige Gruppen betreiben diesbezüglich auch eigene, als Aufklärung verstandene Projekte, die in der Szene kontrovers diskutiert werden, so zum Beispiel das Ariosophie-Projekt der Nornirs Ætt oder die Schriften des Rabenclans.
Die Einteilung in die universalistische oder ethnische/völkische Ausrichtung ist definitorisch problematisch und auch unter den Anhängern der Ásatrú stark umstritten. So wurde zum Beispiel eine dritte Strömung definiert: Das tribalist-Ásatrú, welches sich auf die kulturelle Komponente der germanischen Überlieferung bezieht und sich von ethnischen Merkmalen einerseits und weltweiten Anspruch andererseits abgrenzt. Von vielen Praktizierenden des Ásatrú wird jegliche Unterteilung als nicht anwendbar zurückgewiesen.