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Gertrud Fussenegger (* 8. Mai 1912 in Pilsen, Böhmen, Österreich-Ungarn; † 19. März 2009 in Linz), (auch Gertrud Dietz bzw. Dorn,[1]) war eine österreichische Schriftstellerin.
Inhaltsverzeichnis |
Fussenegger wurde als Tochter des k.u.k. Offiziers Emil Fussenegger geboren und wuchs in Neu Sandez (Galizien), Dornbirn und Telfs auf, ehe sie wieder nach Pilsen (zu dieser Zeit Tschechoslowakei) zog, wo sie 1930 ihre Matura ablegte. Anschließend studierte sie zunächst in Innsbruck und dann in München Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie und wurde 1934 zum Dr. phil. promoviert. Bereits im Mai 1933 trat sie der österreichischen NSDAP bei.[2] Nachdem sie bei einer Demonstration im Mai 1934 in Innsbruck das Horst-Wessel-Lied gesungen und den Hitlergruß dargeboten hatte, wurde sie zu einer Geldstrafe verurteilt.[2] Im Februar 1935 gehörte sie noch einer österreichischen NS-Studentinnengruppe an, wechselte aber im November desselben Jahres ins Deutsche Reich.[2] 1938, nach dem „Anschluss Österreichs“, trat sie erneut der NSDAP (Mitgliedsnummer 6.229.747[3]) bei und huldigte Hitler mit einem Hymnus.[2] Später lebte sie in München, von wo sie 1943 wegen der Bombardierungen mit den Kindern nach Hall in Tirol übersiedelte. 1961 zog sie nach Leonding bei Linz.
In erster Ehe war sie von 1935 bis zur Scheidung 1947 mit dem Bildhauer Elmar Dietz verheiratet, in zweiter Ehe (seit 1950) mit dem Bildhauer Alois Dorn.„Da meine zweite Ehe nur standesamtlich geschlossen war, war ich sehr lange von den Sakramenten ausgeschlossen. Das habe ich als tief schmerzlich empfunden, doch es war ein Schmerz, der auch sehr fruchtbar für mich geworden ist. Nur so ist mir die ganze Kostbarkeit der Eucharistie bewusst geworden. Ich kann es nicht bedauern, dass ich in jener Zeit oft bittere Tränen vergossen habe. Genau genommen war ich beschenkt durch das Verbot.“[4]Sie hatte vier Kinder – Ricarda, Traudi, Dorothea und Raimund – aus erster Ehe, einen zweiten Sohn, Lukas, aus der zweiten Ehe.
Gertrud Fussenegger war Mitglied des Österreichischen P.E.N. Clubs, der Humboldt-Gesellschaft, der Sudetendeutschen Akademie und Ehrenmitglied des österreichischen Schriftstellerverbandes. In den Jahren 1977 bis 1979 und 1984 bis 1985 war sie Jury-Mitglied beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. 1991 war sie Jury-Mitglied beim Franz-Grillparzer-Preis der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., was zu heftigen Kontroversen wegen ihrer und des Stifters Vergangenheit führte. 1978 erhielt sie die Humboldt-Plakette als Ehrengabe verliehen.
Der Nachlass ihrer Werke befindet sich im Oberösterreichischen Literaturarchiv im Stifterhaus in Linz.[5]
Fussenegger begann mit historischen Romanen, die in unterschiedlichen Epochen spielen. Beeinflusst wurden ihre Erzählungen durch ihre katholische Herkunft. Die Autorin war sich ihrer Abhängigkeit vom Renouveau catholique bewusst, was auch in ihrem Roman Zeit des Raben, Zeit der Taube zum Ausdruck gelangt.[6]
Gertrud Fussenegger verfasste ein mehr als 60 Bücher umfassendes Werk, das in 25 Verlagen veröffentlicht und in elf Sprachen übersetzt wurde.[7]
Für die Anfänge ihres Schreibens und die späteren Kontroversen um ihre Person war ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus prägend. Bereits im Jahr 1933 wurde Fussenegger Mitglied der österreichischen NSDAP. Trotz ihres Einsatzes für das NS-Regime äußerte das Amt Schrifttumspflege unter der Leitung von Hans Hagemeyer im Amt Rosenberg literarische Einwände gegen ihre Werke.[2] Die Mohrenlegende, eines ihrer ersten Bücher, wurde von den NS-Gutachtern als Kritik an der Rassenideologie und „katholisches Machwerk“ verfemt. Einwände gab es auch gegen ihre anderen Bücher.
Viele von Fusseneggers weiteren, meist religiös konzipierten Romanen, Gedichten und Rezensionen fanden allerdings in wichtigen NSDAP-Organen Verbreitung. Ihr Gedicht „Stimme der Ostmark“ wurde 1938 im „Völkischen Beobachter“ abgedruckt. Dieses Gedicht brachte ihr 1945 massive Kritik ein, weil es als Bejubelung des „Anschlusses“ Österreichs und als Verherrlichung Hitlers gesehen wurde. Rund 50 Jahre später erklärte Fussenegger, es täte ihr Leid, „viele gute Gedanken verschwendet“ zu haben „auf eine Sache, die dann ein Gräuel war“.[7]
Weiterhin heftig umstritten blieb ihr Verhalten während der Zeit des Nationalsozialismus, als sie Texte im Völkischen Beobachter veröffentlichte, Adolf Hitler als Heilsfigur verherrlichte[8] und unter dem Titel „Aus Reiseaufzeichnungen“ ihre Eindrücke aus Prag niederschrieb:„Einst waren hier unter zehn Menschen fünf Juden zu treffen, die Strumpfbänder und Fahrpläne feilboten, die in kostbaren Pelzen oder geckenhaften Anzügen zum Geschäft und Vergnügen flanierten; und neben ihnen war die Straße von Bettlern bevölkert [...] Derlei Unfug ist heute in Prag längst verschwunden[9] […]. [Im Gegensatz zu] früher, da die zwar willig geduldete Überfremdung durch Artandere und Entartete Prag ein zuweilen bis zur Verzerrtheit groteskes Aussehen verlieh.“
Und ein paar Sätze weiter schilderte sie den Alten Jüdischen Friedhof in Prag in antisemitischer Weise mit folgenden Worten:
„Friedhof nennt man diese Stätte? Wir finden uns in einen wüsten Irrgarten versetzt, in ein finsteres und häßliches Labyrinth unzähliger übereinandergetürmter Leichensteine, die in regellosen Massen, schief und gerade, aufrecht und umgestürzt, wie es eben kommt, den schwarzen unbegrünten Grund gleich einer Drachensaat besetzen. Siebenmal – heißt es – liegen hier die Toten übereinander, siebenmal hat man den engen Fleck mit Leichen vollgepfercht. Vergiftet von dem fürchterlichen Gedränge, scheint die Erde hier ihre Gabe verloren zu haben, die ihr übergebenen Leiber zur eigenen reinen Urform aufzulösen und so das Verfallene mit sich selbst zu versöhnen. [...] Hier aber berührt uns der Atem einer fremden, einer feindlichen Welt, einer heimlich noch lauernden Macht, und schaudernd verlassen wir den unseligen Ort.“[10]
In der Sowjetischen Besatzungszone wurden ihre Schriften Der Brautraub (1939) und Böhmische Verzauberungen (1944) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[11][12]Auch in Wien wurden 1946 einige ihrer Werke auf die „Liste der gesperrten Autoren und Bücher“ gesetzt.[13]
In der Nachkriegszeit setzte sich Fussenegger immer wieder mit der deutschen Schuldfrage auseinander.[14] Der Literaturwissenschaftler Klaus Amann bezeichnete ihre Autobiographie von 1979 Ein Spiegelbild mit Feuersäule als „insgesamt ein peinliches Dokument der Verdrängung und der Verstocktheit“.[15]
Ihre Mohrenlegende, einerseits von Nationalsozialisten als „katholisches Machwerk“ und als „Mitleidwerbung für Andersrassige“ verunglimpft, die „unvereinbar mit unseren Auffassungen von den Rassegesetzen“ sei[16], andererseits im Zuge der Vergangenheitsbewältigung in Österreich später als „rassistisch“ verurteilt,[17]wurde in der BRD unverändert neu aufgelegt und 1988 von Gernot Friedel verfilmt. Fussenegger veröffentlichte in den folgenden Jahren außerdem Gedichte, Erzählungen und Theaterstücke. Pilatus, ein Oratorium mit Musik von Cesar Bresgen, wurde 1979 beim Carinthischen Sommer in Ossiach uraufgeführt. 1996 fand am Landestheater Linz die Uraufführung der Oper Kojiki – Tage der Götter von Mayuzumi Toshirō statt, für die Fussenegger das Libretto bearbeitete.[18]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Fussenegger, Gertrud |
| ALTERNATIVNAMEN | Dorn, Gertrud; Dietz, Gertrud; Fusseneggerová, Gertrud |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichische Schriftstellerin |
| GEBURTSDATUM | 8. Mai 1912 |
| GEBURTSORT | Pilsen, Österreich-Ungarn |
| STERBEDATUM | 19. März 2009 |
| STERBEORT | Linz |