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Geschichte Osttirols

Isolierte Lage des Bezirks Lienz (Osttirol) nach der Abtrennung S√ľdtirols (dunkelgrau) 1918

Der Name Osttirol ist zwar bereits ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bezeugt, gebr√§uchlich wurde diese Bezeichnung f√ľr den √∂sterreichischen politischen Bezirk Lienz (Osttirol) aber erst, nachdem S√ľdtirol 1919 Italien zugeschlagen wurde. Osttirol liegt dadurch abgetrennt von Nordtirol zwischen Salzburg im Norden, S√ľdtirol im Westen, der italienischen Region Venetien im S√ľden und K√§rnten im Osten.

Inhaltsverzeichnis

Urgeschichte

Feuerstein

Der √§lteste Beweis f√ľr die Anwesenheit von Menschen in Osttirol wurde im Jahre 1987 am sogenannten Hirschbichl im Defereggental auf 2143 Metern Seeh√∂he entdeckt. Unter den Artefakten fanden sich eine Geschossspitze aus Bergkristall und kleine Klingen aus Feuerstein, die auf einen saisonalen J√§gerrastplatz mesolithischer J√§ger aus dem 7. bis 6. Jahrtausend v. Chr. hindeuten. Mit der Jungsteinzeit (Neolithikum, 6. bis 3. Jahrtausend v. Chr.) setzten sich auch in Osttirol Ackerbau und Viehzucht sowie T√∂pferei und Hausbau durch. Der wichtigste Fund dieser Zeit, ein Steinbeil aus Serpentin, stammt aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. und wurde am Schlossberg von Lienz gefunden, sp√§ter jedoch aus dem Schloss Bruck gestohlen. Weitere Funde (Keramiken) auf dem Breitegg (Nu√üdorf-Debant), Burg (Obermauern) und am Lavanter Kirchenbichl weisen auf neolithische Siedler hin. Von besonderer Bedeutung ist auch das Abri Gradonna bei Kals am Gro√üglockner, das vermutlich als Kult- und Opferplatz diente. Hier wurden die √§ltesten Keramiken Osttirols (Gef√§√üe mit quadratischen √Ėffnungen) sowie Feuersteine gefunden.

Bronzezeit

Artefakte aus der Bronzezeit

Nach einer kurzen Kupfer-√úbergangszeit l√∂ste mit der fr√ľhen und mittleren Bronzezeit (ca. 22. bis 13. Jahrhundert v. Chr.) die Bronze den Stein als bestimmenden Werkstoff ab. Das in Osttirol verwendete Erz d√ľrfte dabei insbesondere aus dem oberen Iseltal stammen. Es wurde zun√§chst im Tagebau, sp√§ter auch im Untertagebau abgebaut. Gegossen in Barren und als √Ėsenhalsringe wurde das Metall danach in den Handel gebracht oder diente als pr√§monet√§res Zahlungsmittel. Metallene Einzelfunde dieser Periode stammen vor allem aus der Umgebung von Virgen. Zahlreicher sind Keramiken, die unter anderem am Lienzer Schlossberg, in Matrei (Klaunzerberg), Heinfels (Burgh√ľgel), Strassen (Jakobibichl) und Lavant (Kirchbichl) gefunden wurden. Planm√§√üige Siedlungsgrabungen und Gr√§berfunde aus dieser Zeit fehlen jedoch. In der sp√§ten Bronzezeit war der Osttiroler Raum von einer weitgehend einheitlichen Kultur gepr√§gt, die ihre Toten in Urnen beisetzte (Urnenfelderkultur). Die Verbreitung der sogenannten Melauner- oder Laugner Kultur erstreckte sich dabei vom Alpenrheintal √ľber Tirol bis ins K√§rntner Drautal. In Osttirol konnte man Siedlungsschwerpunkte insbesondere durch Keramikfunde im bereits w√§hrend der Steinzeit besiedelten Gebiet nachweisen. Prunkst√ľcke sind eine steinerne Mehrfachgussform f√ľr Sicheln und Beile aus Virgen und ein Dreiwulstschwert aus Assling. Gr√§berfunde fehlen jedoch auch aus dieser Periode.

Eisenzeit

Mit der zweiten H√§lfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. begann auch in Osttirol die √§ltere Eisenzeit, die auf Grund des Hauptfundortes auch Hallstattzeit genannt wird. Diese Periode war vor allem von der verst√§rkten Verwendung des Eisens gepr√§gt, das zuvor kaum verwendet worden war. Sind aus der √§lteren Hallstattzeit nur wenige Streufunde aus dem oberen Iseltal bekannt, so wurde in Welzelach bei Virgen ein ganzes Gr√§berfeld aus der j√ľngeren Hallstattzeit entdeckt. Zwischen 1889 und 1891 legte Alexander Schernthanner hier 56 Steinkistengr√§ber frei, die auch Waffen, Schmuck, Bernsteinperlen und einen figural verzierten Bronzeblecheimer enthielten. Weitere Siedlungs-, Grab- und Streufunde wurden im gesamten Bezirk gemacht, haben jedoch ihren Schwerpunkt im Virgental. W√§hrend der folgenden, j√ľngeren Eisenzeit (La-T√®ne-Zeit) war Osttirol von der Fritzens-Sanzeno-Kultur der R√§ter gepr√§gt, die sich im Raume Alttirols um 500 v. Chr. auf gro√üteils heimischer Grundlage entwickelte. Kennzeichen sind unter anderem die typische Hausform (eingetiefte H√§user mit winkeligen Zug√§ngen) und die typische Keramik mit seicht eingestrichenen oder gestempelten Mustern. Etwa um 100 v. Chr. fiel der Osttiroler Raum an die Kelten (Laianken). Diese Periode dauerte jedoch nur kurz, da dieses Gebiet bereits ca. 15 v. Chr. friedlich an das R√∂mische Reich fiel.

Römerzeit

Ausbreitung der römischen Herrschaft

Claudius

Angelockt von den zahlreichen Metallen der Tauern wie Gold, Bleiglanz, Antimon und Kupfer traten die R√∂mer bereits fr√ľh in Osttirol auf. Um sich den Zugriff auf diese Bodensch√§tze zu sichern und das oberitalienische Gebiet vor Einf√§llen anderer St√§mme zu sch√ľtzen, schlossen die R√∂mer in der ersten H√§lfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. einen staatlichen Freundschaftsvertrag (hospitium publicum) mit dem K√∂nigreich Noricum. Dieses keltische K√∂nigreich war zu dieser Zeit ein lockerer Stammesbund unter mehreren Kleink√∂nigen. Nachdem Drusus und Tiberius 16/15 v. Chr. den Alpenraum in meist blutigen Feldz√ľgen erobert hatten, d√ľrfte Noricum davon nur wenig ber√ľhrt worden sein. Vielmehr ging es unter Kaiser Claudius um 50 n. Chr. friedlich in der r√∂mischen Provinz Noricum auf. Das Interesse der R√∂mer an den reichen Metalllagerst√§tten brachte auch der einheimischen Bev√∂lkerung Wohlstand, gleichzeitig wurde sie jedoch einer straff organisierten Romanisierung unterzogen. Nahe legen dies die zwar nicht schlagartig, jedoch rapide abnehmenden Ausgrabungsfunde der keltischen Kultur nach der Macht√ľbernahme der R√∂mer. Dominierendes Zentrum Osttirols w√§hrend der R√∂merzeit wurde die Stadt Aguntum mit ihrem Hinterland. Dieses Hinterland entsprach dabei in etwa dem heutigen Osttirol und dem Pustertal mit seinen Nebent√§lern. Das Einflussgebiet der Stadt reichte dabei im Norden bis zum Felber Tauern, im Osten bis zum K√§rntner Tor, im Westen bis M√ľhlbachl (Pustertal) und im S√ľden bis zu den √úberg√§ngen zum Gailtal, Kreuzbergsattel und Enneberg.

Aguntum

Durch das Auftreten der R√∂mer verloren die zuvor angelegten H√∂hensiedlungen wie etwa der Lavanter Kirchbichl oder der Matreier Klaunzerberg an Bedeutung. Aguntum entstand vielmehr am hochwassergef√§hrdeten Talgrund eines Beckens insbesondere aus verkehrsgeographischen Gesichtspunkten. Durch die Lage am Kreuzungspunkt der Drautalstra√üe mit der Stra√üe √ľber den Iselberg profitierte Aguntum vom Metallhandel aus dem Tauern- und Glocknergebiet sowie vom Kupferhandel aus dem inneren Iseltal und seinen Nebent√§lern, dem Virgen- und Defereggental. Dennoch sprechen Gegebenheiten wie ein unregelm√§√üiges, nicht rechtwinkeliges Stra√üensystem f√ľr eine Vorg√§ngersiedlung auf dem Stadtgebiet Aguntums. Die Bl√ľtezeit der Stadt d√ľrfte w√§hrend des 1. und 2. Jahrhunderts gewesen sein. Sie erhielt das claudische Stadtrecht. Zahlreiche Ausgrabungen wie die Stadtmauer, ein Atriumhaus und ein Prunkbau zeugen noch heute vom Reichtum der Stadt. Obwohl durch die Stadt im 3. Jahrhundert mehrfach germanische Scharen gezogen waren, erholte sich die Stadt wieder von den Zerst√∂rungen. Dennoch zog sich die Bev√∂lkerung ab dem 3. Jahrhundert und insbesondere im fr√ľhen 4. Jahrhundert immer mehr aus den T√§lern in die H√∂hensiedlungen zur√ľck und verlieh ihnen damit einen Entwicklungsschub. Vor allem die Bergsiedlung in Lavant bl√ľhte nach einer 200-j√§hrigen Pause im 3. Jahrhundert n. Chr. auf. 400/406 wurde Aguntum jedoch schlie√ülich schwerst besch√§digt und 610 bei einer gro√üen Schlacht zwischen den Baiern und den Slawen von Grund auf zerst√∂rt.

Sonstige Siedlungsschwerpunkte

Römische Ausgrabungen in Lavant

Neben dem r√∂mischen Zentrum von Aguntum waren w√§hrend der R√∂merzeit auch zahlreiche andere Siedlungen im Lienzer Becken besiedelt. So waren besonders die gegen S√ľden geneigten H√§nge wie in Grafendorf, Oberdrum, Thurn und Oberlienz von Villae rusticae und vornehmen Wohnh√§usern besiedelt. Weitere Siedlungsschwerpunkte finden sich in Matrei und Umgebung, das als Ausgangspunkt f√ľr das kupferreiche Virgental galt und als Kreuzungspunkt mit dem Saumweg √ľber den Felber Tauern eine Rolle spielte. Auch in Kals lassen sich r√∂mische Funde nachweisen, wobei hier ebenfalls Tauern√ľberg√§nge geografisch wichtig waren. Weitere Funde sind vom Mortbichl in der Gemeinde Bannberg und Tristach bekannt, wogegen von Lienz ostw√§rts bis zum K√§rntner Tor arch√§ologische Fundst√§tten aus der R√∂merzeit rar sind. Durch den Niedergang Aguntums erlangte ab dem 3. Jahrhundert auch die Siedlung am Lavanter Kirchbichl wieder steigende Bedeutung. Sie war nur durch ihre Lage am schwer zug√§nglichen H√ľgel gesch√ľtzt und war ein Zentrum der Eisen- und Metallverarbeitung. Auch zwei fr√ľhchristliche Kirchen befanden sich hier. Die dortige, meist b√§uerliche Bev√∂lkerung lebte vor allem von der Viehzucht und erg√§nzte ihren Speiseplan durch Fischfang und Jagd. Der Wohlstand der Bev√∂lkerung spiegelt sich insbesondere in den zahlreichen Funden von importierten Gl√§sern, Glasperlen sowie Schmuck und Ger√§tschaften wider. Um 610 wurde auch diese Siedlung im Krieg zwischen den Baiern und Slawen gro√üfl√§chig zerst√∂rt, verlor aber nicht ganz ihre Bedeutung.

Osttirol im Mittelalter

Osttirol während der Völkerwanderung

Ab dem 5. Jahrhundert drangen germanische und slawische Völker auf breiter Front in die römischen Provinzen ein (siehe vor allem Spätantike). Im 6. Jahrhundert drangen von Norden her auch die Baiern in Tirol ein und stießen bis ins Pustertal vor. Als jedoch die Slawen von den Awaren bedroht wurden, stießen diese immer weiter nach Westen vor und besiedelten das Drau- und Iseltal. Den Baiern wurde somit der weitere Weg nach Osten versperrt. Im 8. Jahrhundert geriet jedoch das slawische Karantanien, das eine wesentlich größere Ausdehnung als das heutige Kärnten hatte, an das Herzogtum Bayern und wurde von bairischen Kolonisten besiedelt. Auch das Christentum wurde nun in diesen Gebieten verbreitet. Die Romanen im Pustertal sowie die Slawen und Romanen im Drau- und Iseltal assimilierten sich kulturell allmählich, ihre Sprachen starben vermutlich im Hochmittelalter aus.

Christianisierung

Baiernherzog Tassilo III. schenkte 769 dem Abt von Scharnitz einen Gebietsstreifen im mittleren Pustertal mit dem Auftrag, die Slawen zu missionieren. Dieser gr√ľndete daraufhin das Kloster Innichen, das jedoch bald dem Hochstift Freising √ľberlassen wurde. Daneben versuchten zwei weitere Bist√ľmer ihren Einfluss in Karantanien zu vermehren, das Erzbistum Salzburg und das Patriarchat von Aquileia. Kaiser Karl der Gro√üe legte 811 die Di√∂zesengrenze schlie√ülich mit der Drau fest, die bis ins 19. Jahrhundert hielt. Die Erzdi√∂zese Salzburg behielt die Kontrolle √ľber die Iselregion sowie √ľber das Gebiet links der Drau und besa√ü mit der Pfarre Assling auch einen Au√üenposten im Pustertal. W√§hrend das Bistum Aquileia in Osttirol mit der Pfarre Lavant-Tristach vertreten war, wurde das Pustertal von der Di√∂zese Brixen kontrolliert.

Osttirol im Fr√ľh- und Hochmittelalter

St. Nikolauskirche (Matrei) aus dem späten 12. Jahrhundert

Langsamer als das kirchliche entwickelte sich das weltliche Machtgef√ľge in der Region. Oftmals wurde die formelle Macht von reichen adeligen oder kirchlichen Grund- und Leibherren untergraben. Erstes Ziel der r√∂misch-deutschen K√∂nige und Kaiser war die Schw√§chung der einflussreichen Bayern, die 976 durch die Errichtung des selbstst√§ndigen Herzogtums K√§rnten entkr√§ftet wurden. Das neue Herzogtum reichte dabei im Westen bis in die Tauernregion und umfasste das Lienzer Becken. Im Pustertal erstreckte sich das Gebiet bis zur Lienzer Klause. Der s√ľdwestliche Machtbereich der Bayern wurde zus√§tzlich durch die √úbertragung der Grafenrechte der Grafschaft Pustertal an den Brixener Bischof ausged√ľnnt. W√§hrend sich im Westen die Grafen von Tirol durchsetzten, entwickelte sich zwischen Tirol und K√§rnten ein neues Machtzentrum, die Grafschaft G√∂rz, deren Einfluss auf Kosten des Bistums Aquileia und des Hochstifts Freising wuchs. Die Grafen von G√∂rz entstammten dabei dem bayrischen Hochadel und tauchten im 11. Jahrhundert am historischen Horizont auf. Ihre Machtbasis baute auf das Grafengeschlecht von Lienz auf, das das Verwaltungszentrum des Lienzer Gaues in der k√§rntnerischen Grafschaft Lurngau war. Als die Grafen im Lurngau 1100 die Vogtei Aquileia erwarben, vereinigten sie ihre Besitzungen mit den neuen L√§ndereien und benannten sich 1120 durch den verschobenen Machtschwerpunkt in von G√∂rz um. Paroli wurde den G√∂rzern in Osttirol insbesondere vom Erzbistum Salzburg geboten, das um 1200 den Raum Matrei, das Defereggental und um Nikolsdorf die L√§ndereien der Grafen von Lechsgem√ľnd erwarb. Die Strategie der G√∂rzer, Salzburg und die K√§rntner Spanheimer im B√ľndnis mit den Grafen von Tirol milit√§risch zur√ľckzudr√§ngen, scheiterte 1252 jedoch.

Osttirol im Spätmittelalter

Maximilian I. erbte die Gebiete der Görzer

Trotz der Niederlage von 1252 (Frieden von Lieserhofen) profitierten die G√∂rzer von ihrem B√ľndnis mit Tirol. Meinhard III. von G√∂rz (sp√§ter Meinhard I. von Tirol) hatte um 1237 Adelheid, eine der beiden T√∂chter des Grafen Albert von Tirol, geheiratet und erbte nach dessen Tod 1253 die Kernzonen des sp√§teren Tirol n√∂rdlich und s√ľdlich des Brennerpasses. Nach Meinhards Tod 1258 wurden 1271 die umfangreichen Besitzungen schlie√ülich unter seinen S√∂hnen aufgeteilt. Meinhard IV. von G√∂rz erhielt als Meinhard II. die Grafschaft Tirol, Albert von G√∂rz hingegen das g√∂rzische Erbe, vermehrt um die tirolerischen Herrschaftsrechte im Pustertal. Die meinhardinische Linie konnte sich jedoch nicht lange behaupten, bereits Meinhards Enkelin Margarete von Tirol √ľberantwortete 1363 die Grafschaft Tirol den Habsburgern, nachdem die m√§nnliche Linie ihrer Familie 1335 erloschen war. Im Gegensatz dazu gelang es den albertinischen G√∂rzern ihr Erbe zu konsolidieren und schlie√ülich zu vermehren. Um 1300 erreichten aber auch sie bereits ihren Zenit. Hauptgegner der G√∂rzer waren die Habsburger, die bereits 1335 den Tiroler G√∂rzern das Herzogtum K√§rnten abgenommen hatten und 1363 auch die Grafschaft Tirol √ľbernahmen. Dadurch gerieten die G√∂rzer zwischen das Herrschaftsgebiet der Habsburger, die nun versuchten, die territoriale L√ľcke zwischen ihren Gebieten zu schlie√üen. Auch im S√ľden war das Reich der G√∂rzer bedroht. Hier versuchte sich vor allem die Republik Venedig als Landmacht zu etablieren und auch die Habsburger bedrohten mit ihrem Zugang zur oberen Adria die Interessen der G√∂rzer. Die beiden voneinander getrennten H√§lften der G√∂rzer Besitzungen (sp√§ter Vordere und Hintere Grafschaft G√∂rz) gerieten so immer mehr in Gefahr. Da der Einfluss im S√ľden durch Venedig immer st√§rker eingeschr√§nkt wurde, r√ľckte Lienz zur Hauptresidenz der G√∂rzer auf. Als 1460 die Br√ľder Johann und Leonhard von G√∂rz an der milit√§rischen Eroberung des Erbes der Grafen von Cilli scheiterten, entriss ihnen Kaiser Friedrich III. die Herrschaft Lienz und alle Gerichte √∂stlich des K√§rntner Tors im Drautal sowie weitere Besitzungen im Gailtal und Mittelk√§rnten. Obwohl es Leonhard zwei Jahre sp√§ter noch gelang die Herrschaft Lienz durch einen von S√∂ldnern vorget√§uschten Volksaufstand zur√ľckzuerobern, arbeitete die Zeit f√ľr die Habsburger. Nachdem die Ehe Leonhards kinderlos geblieben war, fiel das Tiroler Gebiet der G√∂rzer nach seinem Tod 1500 an Maximilian I.

Osttirol in der Neuzeit

Einverleibung Osttirols in die Grafschaft Tirol

Burg Heinfels in Panzendorf

Maximilian I. konnte das neue Gebiet rasch gegen Venedig verteidigen und schickte einen Beamtenstab aus Innsbruck zur Verwaltung nach Osttirol. Der Anschluss an Tirol, zunächst nur ein Provisorium, war wenig später jedoch bereits eine Tatsache, an der auch die Kärntner nichts mehr ändern konnten.

Das der Grafschaft Tirol zugeschlagene Gebiet umfasste dabei die Herrschaft Lienz mit seinen f√ľnf Gerichten (Stadt Lienz, Landgericht Lienz, Virgen, Kals und Lienzer Klause), (im heutigen S√ľdtirol) das Pustertal von der M√ľhlbacher Klause Richtung Osten, die Gerichte Sch√∂neck mit Burgfrieden, Ehrenburg, Uttenheim oder Neuhaus, Sankt Michelsburg, Altrasen, Welsberg sowie (gro√üteils bereits in Osttirol gelegen) Heinfels.

Trotz dieses umfangreichen Gebietes befanden sich noch wesentliche Teile des sp√§teren Osttirols in der Hand anderer M√§chte. So behauptete das Hochstift Brixen das Gericht Anras, das zwischen den Gerichten Heinfels und Lienzer Klause sowie der K√§rntner Grenze lag und das Gebiet der heutigen Gemeinden Anras, (gro√üteils) Assling, Obertilliach und Untertilliach umfasste; es erstreckte sich von Osttirols S√ľdgrenze bis zum Kamm des Defereggengebirges, wo es an das Salzburgische Pfleggericht Windisch-Matrei grenzte, das auch Teile des Defereggentals umfasste. Durch diese geistlichen Territorien war der Ostteil Osttirols mit Lienz vom √ľbrigen Tiroler Gebiet getrennt. Die Ostspitze des heutigen Osttirols bildete die kleine Herrschaft Lengberg, ebenfalls salzburgisches Territorium.

Die Integration der g√∂rzischen Herrschaft in die Grafschaft Tirol verlief ohne Probleme. So war etwa Tirol nicht nur wohlhabender, sondern auch wesentlich fortschrittlicher in Verfassung, Verwaltung und Recht. Weiters hatten die Landst√§nde in Tirol im Gegensatz zu G√∂rz ein wichtiges Wort mitzureden. Durch die Einf√ľhrung der hierarchischen Tiroler Verwaltung wuchs jedoch auch der herrschaftliche Zugriff. Osttirol wurde in die Landmiliz eingegliedert. Dar√ľber hinaus mussten alle Grundbesitzer im Gegensatz zu fr√ľher Grundsteuer zahlen und wirtschaftlich b√ľ√üte Lienz seine Stellung ein, da es die herrschaftliche Residenz verlor. Im Gegenzug gelang es der B√ľrgerschaft jedoch, die zuvor niedergehaltene Autonomie auf den Status anderer Tiroler St√§dte anzuheben.

Osttirol vom 16. bis zum 18. Jahrhundert

Reformer Kaiser Joseph II.

Von den sozialen Unruhen im 16. Jahrhundert blieb Osttirol gro√üteils verschont. W√§hrend die Bauernkriege 1525 im zentraleurop√§ischen Bereich w√ľteten, kam es in Osttirol kaum zu Unruhen. Windisch-Matrei wurde jedoch kurzfristig von Tirol besetzt um einen √úbergriff der revolution√§ren Tendenzen zu verhindern. Auch die Reformation stie√ü in Osttirol auf wenig Widerhall, protestantische Bewegungen konnten hier kaum Fu√ü fassen. Nur im damals salzburgischen Defereggental fielen die von Salzburger Saison- und Wanderh√§ndlern mitgebrachten Ideen auf fruchtbaren Boden. Der Salzburger Erzbischof griff jedoch hart durch und zwang 1684 900 Deferegger, die auf ihrem Glauben beharrten, zur Auswanderung.

Wirtschaftlich bedeutete diese Zeit eine schwere Belastung f√ľr das Gebiet. Zwar blieb man von kriegerischen Zerst√∂rungen verschont, Bergbau, Handel und Verkehr waren jedoch r√ľckl√§ufig. Zus√§tzlich lie√ü die Kleine Eiszeit die landwirtschaftlichen Ertr√§ge zur√ľckgehen. Erst im 18. Jahrhundert erholte sich die Wirtschaft mit anziehender Konjunktur. Zudem geb√§rdete sich der Staat unter Maria Theresia wesentlich investitionsfreudiger. Immer mehr r√ľckten die Untertanen als Wirtschaftssubjekte in den Vordergrund und wurden als Steuerzahler oder Soldaten ben√∂tigt. Die Reformen trafen aber auch die Kirche. Unter Kaiser Joseph II. wurde nicht nur das Pfarrwesen neu organisiert, auch zahlreiche Orden, die keinen √∂ffentlichen Nutzen hatten, wurden aufgel√∂st. So wurde etwa das Haller Damenstift 1783 geschlossen, seine Gerichte kamen unter staatliche Verwaltung. Weiters traf es das Karmelitenkloster in Lienz, in das sp√§ter die Franziskaner einzogen. Auch auf die staatliche Organisation wirkten sich die Reformen aus. Die traditionellen Rechte der L√§nder, St√§dte und Z√ľnfte wurden abgeschafft und an deren Stelle trat eine straffe und zentralistische Organisation. Einheitliche Rechtsgrundlagen folgten.

Osttirol im 19. Jahrhundert

Der Staatsumbau setzte sich auch im 19. Jahrhundert fort. 1803 wurden die geistlichen Reichsf√ľrstent√ľmer aufgel√∂st und der Territorialbesitz der Hochstifte s√§kularisiert. Die Gebiete der F√ľrstent√ľmer Brixen und Trient wurden der Grafschaft Tirol angegliedert, die Hofmark Innichen und das Gericht Anras wurden ebenfalls tirolerisch und den Landgerichten Sillian (Heinfels) bzw. Lienz zugeschlagen.

Osttirol unter den Franzosen

Tirol unter bayerischer Herrschaft 1808

Kurzfristig wurde die Reformarbeit jedoch durch die napoleonischen Kriege unterbrochen. Infolge der Niederlage √Ėsterreichs im dritten Koalitionskrieg und des folgenden Pressburger Friedens in den Jahren 1805/1806 wurde Tirol auf drei neue bayerische Provinzen aufgeteilt, wobei das s√ľdliche Tirol an den Eisackkreis fiel. Danach begann Bayern in den neuen bayerischen Provinz Reformen durchzuf√ľhren, wobei die Missachtung der alten Tiroler Wehrverfassung (Landlibell) und die Wiedereinf√ľhrung der josephinischen Kirchenreform f√ľr Unmut sorgten. Die massiven Eingriffe f√ľhrten zum so genannten Kirchenkampf des Klerus und der einfachen Bev√∂lkerung. Die Zwangsrekrutierungen f√ľhrten schlie√ülich 1809 zum Aufstand unter Andreas Hofer. Dem Aufruf Hofers folgten auch die Osttiroler Sch√ľtzen aus dem Isel-, Drau- und Pustertal. Sie sammelten sich an der Lienzer Klause und blockten erfolgreich den Vorsto√ü der franz√∂sischen Truppen im Pustertal ab. Aus Rache steckte der franz√∂sische General Rusca einige D√∂rfer in der Umgebung von Lienz in Brand. Im Dezember folgte der letzte Aufstand der Osttiroler, als ein Aufgebot aus dem Iseltal die Franzosen aus seinem Tal bis vor Lienz jagte. Als Folge des Aufstandes wurde Tirol 1810 auf drei Staaten aufgeteilt. Das Tirol √∂stlich von Toblach (Osttirol) wurde n√§mlich den Illyrischen Provinzen zugeschlagen und 1811 um das bisher salzburgische Windisch-Matrei erweitert.

Neuorganisation Osttirols

Nachdem √Ėsterreich den S√ľdosten Tirols 1813 zur√ľckerobert hatte, wurde das Gebiet neu organisiert. Ab 1816 wurden drei Verwaltungs- und Justizsprengel eingef√ľhrt. Dies waren die Landgerichte Windisch-Matrei (mit Virgen und Kals), Lienz (inklusive Anras und dem 1816 an Tirol gewanderten Lengberg) sowie Sillian (inklusive Innichen und Tilliach). Damit zeichnete sich erstmals auch der sp√§tere Bezirk Lienz ab. Gleichzeitig passte sich die katholische Kirche den neuen Gegebenheiten an. Nach dem R√ľckzug von Salzburg und G√∂rz geh√∂rte Osttirol ab 1814 einheitlich zur Di√∂zese Brixen. 1817 schuf das Gemeindegesetz in Tirol auch erstmals einen einheitlichen Ordnungsrahmen und beseitigte die rechtliche Bevorzugung von M√§rkten und St√§dten. Die Gemeindeordnung von 1866 hob schlie√ülich auch die heutige, politische Gemeinde aus der Taufe. Als 1868 in der √Ėsterreichischen Reichsh√§lfte Justiz und Verwaltung auf lokaler Ebene getrennt wurden, konstituierten sich die Bezirksgerichte Lienz, Windisch-Matrei und Sillian als Instanzen der Justiz und die Bezirkshauptmannschaft Lienz als umfassende Verwaltungsinstanz.

Wirtschaftlicher Wandel

Die beginnende Industrialisierung zog an Osttirol fast spurlos vor√ľber. Trotzdem verschob sich das wirtschaftliche und soziale Gef√ľge innerhalb der Region. Die wachsende Bev√∂lkerung konnte nicht mehr in der Landwirtschaft unterkommen und musste in das Gewerbe oder den Dienstleistungssektor abwandern. Die bevorzugten Gebiete waren dabei Lienz oder auch au√üerhalb des Bezirkes. Kleinere Handwerksbetriebe siedelten sich zwar in den Landgemeinden an, die Bev√∂lkerungszahl stagnierte hier jedoch. Einen Investitionsschub bewirkte der Bau der Pustertalbahn im Jahr 1871. Sie brachte die Eisenbahner ins Land und √∂ffnete die Region f√ľr den Tourismus. Von den Sommerfrischlern profitierte insbesondere Lienz, das seine Gr√∂√üe zwischen 1868 und 1910 von 2111 auf 6045 Einwohner steigern konnte, w√§hrend die Bev√∂lkerung des Bezirks nur von 30.000 auf 33.000 Einwohner stieg. Dennoch blieb die Landwirtschaft der wichtigste Erwerbszweig, um 1900 lebten rund zwei Drittel der Osttiroler von ihr. Im kleinstrukturierten Gewerbe spielte vor allem das Gast- und das Baugewerbe eine wichtige Rolle.

Zeitgeschichte

Osttirol bis zum Zweiten Weltkrieg

Erst durch den Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 wurde das Hinterland Tirol von den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs direkt getroffen. Tirol wurde zum Operationsgebiet, die Osttiroler Gemeinden im Westen und S√ľden (Sexten bis Untertilliach) lagen direkt an der Front zu Italien. Nach der Einnahme des Porze-Gipfels am Kamm der Karnischen Alpen im Juni 1915 gerieten insbesondere Obertilliach und Kartitsch ins Schussfeld der italienischen Artillerie. Weitere Artillerieangriffe konzentrierten sich vor allem auf die Eisenbahnlinie im Pustertal und somit auf Sillian und Innichen. Ein Luftangriff auf den Lienzer Bahnhof am 7. September 1918 forderte weiters ein Todesopfer und vier Verletzte. Nach dem Ende der Kampfhandlungen versuchte ein rasch gebildeter Lienzer Nationalrat die Nachkriegswirren in geordnete Bahnen zu lenken. Der Einmarsch der Italiener im November 1918 bei Sillian und Tassenbach brachte Osttirol wie auch den √ľbrigen Teil Tirols unter italienische Besatzung. Durch den Vertrag von Saint-Germain, der am 10. September 1919 geschlossen wurde und 1920 in Kraft trat, folgte die Abtrennung S√ľdtirols an Italien. Der Bezirk Lienz, in der Folge immer √∂fter auch als Osttirol bezeichnet, erhielt dadurch seine endg√ľltigen Grenzen. Durch die Abtrennung S√ľdtirols wurde die Randlage des Gebietes noch zus√§tzlich verst√§rkt, weshalb man sich nun mehr nach Osten, d. h. nach K√§rnten umorientieren musste. Kurzfristig kam es 1920 sogar zur Ausrufung des Anschlusses an Deutschland als Deutscher Gau Osttirol.

Dominante politische Macht w√§hrend der Zwischenkriegszeit wurde die Tiroler Volkspartei. Erst weit dahinter folgten Sozialisten und Kommunisten. Auf Grund der katholisch-konservativen Pr√§gung Osttirols erfuhr hier die Errichtung des autorit√§ren austrofaschistischen St√§ndestaates eine breite Zustimmung. Die Weltwirtschaftskrise hatte √§hnlich wie im √ľbrigen √Ėsterreich zu einer hohen Arbeitslosigkeit gef√ľhrt, der man mit Gro√üprojekten entgegenwirkte. Projekte wie die zwischen 1930 und 1935 errichtete Gro√üglockner-Hochalpenstra√üe zwischen K√§rnten und Salzburg wurden im Zuge der Krise aus dem Boden gestampft. Der Bau der Felbertauernstra√üe, der die dringende Verbindung zwischen Osttirol und Salzburg herstellen sollte, unterblieb jedoch zun√§chst.

Osttirol und der Nationalsozialismus

Der Zulauf zur NSDAP erfolgte in Osttirol erst etwas sp√§ter als im restlichen √Ėsterreich. Zuwachs war hier erst nach der Machtergreifung Hitlers 1933 zu sp√ľren. Auch das Verbot der NSDAP im Juni 1933 konnte diesen Zuwachs nicht bremsen. W√§hrend des Juliputsches der Nationalsozialisten blieb es in Osttirol jedoch vergleichsweise ruhig, Angeh√∂rige des Bundesheeres und der Heimwehr wurden jedoch bei der Niederschlagung des Putsches im benachbarten Oberk√§rnten bis Spittal an der Drau eingesetzt. Daraufhin gewann immer mehr eine monarchistische Str√∂mung an Einfluss, w√§hrend die illegalen Nationalsozialisten allenfalls durch Appelle der SA in Oberlienz auf sich aufmerksam machen konnten. Der Anschluss selbst war in Osttirol zun√§chst kaum von reichsdeutschen Einfl√ľssen gepr√§gt. Bereits am 11. M√§rz 1938 zog ein Fackelzug der Nationalsozialisten durch Lienz, w√§hrend die ersten Postenbesetzungen befehlsm√§√üig nach Vorgaben aus Innsbruck durchgef√ľhrt wurden. Die Wehrmacht erreichte Osttirol hingegen erst mit einigen Tagen Versp√§tung. Erste Verhaftungen von Juden sowie Verantwortlichen des St√§ndestaates oder der Heimwehr begannen augenblicklich. Die am 10. April durchgef√ľhrte ‚ÄěVolksabstimmung‚Äú √ľber den ‚ÄěAnschluss‚Äú wies f√ľr Osttirol ein au√üergew√∂hnliches Ergebnis aus. Mit 98,68 % Ja-Stimmen erreichte der Bezirk Lienz die geringste Zustimmung aller Tiroler Bezirke, die Gemeinde Innervillgraten hatte mit 73,7 % Zustimmung gar den niedrigsten Wert in √Ėsterreich. Bereits im Juli/Oktober 1938 folgte eine Verwaltungs√§nderung, die auf heftige Ablehnung in der Osttiroler Bev√∂lkerung traf. Der Kreis Lienz wurde dem Gau K√§rnten zugeteilt, und die Bezeichnung Osttirol verschwand f√ľr mehrere Jahre. Die kirchliche Organisation des Gebietes blieb hingegen auch w√§hrend der Zeit des Nationalsozialismus bei der Di√∂zese Innsbruck-Feldkirch. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs ver√§nderte Osttirol in mehrfacher Hinsicht. Zahlreiche M√§nner wurden zum Milit√§rdienst einberufen, 1300 bis 1400 kehrten davon nicht zur√ľck. Zudem verst√§rkte sich der Zugriff auf die ‚ÄěHeimatfront‚Äú, der sich insbesondere gegen die Kirche richtete und das Brauchtum instrumentalisierte. Das massive Vorgehen gegen die Kirche und Religion l√∂ste im konservativen Osttirol jedoch auch ein gewisses Resistenzverhalten aus, etwa 70 bis 80 Zivilpersonen aller Gesellschaftsschichten, insbesondere Widerstandsk√§mpfer fielen den Nationalsozialisten zum Opfer. Mit dem Heranr√ľcken der Alliierten wurde Osttirol, insbesondere 1945, auch von Bombenangriffen betroffen. Im April 1945 wurden der Lienzer Hauptplatz sowie der Bahnhof fast v√∂llig zerst√∂rt. Insgesamt starben 18 Menschen in Osttirol durch Luftangriffe. Der Einmarsch britischer Truppen am 8. Mai 1945 bedeutete schlie√ülich das Ende der Nazi-Herrschaft in Osttirol.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts

Osttirol in den ersten Nachkriegsjahren

Eingang zum Felbertauerntunnel auf Tiroler Seite

Zur gr√∂√üten Trag√∂die in Osttirol kam es kurz nach dem Ende des Krieges. Anfang Mai 1945 fl√ľchteten rund 25.000 Kosaken, die auf der Seite Hitlerdeutschlands gek√§mpft und im Zuge der Partisanenbek√§mpfung am Balkan und Norditalien in Kriegsverbrechen verwickelt waren, vor den Alliierten und Partisanenverb√§nden √ľber den Pl√∂ckenpass nach Oberk√§rnten und Osttirol, wobei sie in Lienz ihr Hauptquartier aufschlugen. Entgegen anderer Zusage verfrachteten die Briten die Kosaken in Eisenbahnwaggons, um sie an die Sowjetunion auszuliefern. In den Lagern um Lienz und Oberdrauburg begingen aus diesem Grund zahlreiche Kosaken Selbstmord, andere wehrten sich und wurden erschlagen. Der Gro√üteil der Kosaken wurde jedoch in Judenburg den sowjetischen Truppen √ľbergeben, wobei viele schon den Transport nicht √ľberlebten bzw. durch Selbstmord oder Hinrichtungen starben. In Lienz erinnert heute noch der Kosakenfriedhof an diese Geschehnisse.

F√ľr die Osttiroler Bev√∂lkerung spielte neben der Nahrungsmittelsicherung und der Behebung der Bombensch√§den auch die L√∂sung der Verwaltungsfrage eine wichtige Rolle. Im Gegensatz zum franz√∂sisch besetzten Nordtirol geh√∂rte Osttirol zur Besatzungszone der Briten, die jedoch hier schon im Oktober 1953 und nicht wie allgemein erst 1955 das Besatzungsgebiet verlie√üen. Durch die vor√ľbergehende L√∂sung der S√ľdtirol-Frage (Gruber-De-Gasperi-Abkommen) und das Einlenken der Briten kam es jedoch bereits im September/Oktober 1947 zur R√ľckgliederung Osttirols an Tirol. 1948/49 erleichterte zudem ein Abkommen mit Italien den Eisenbahn- und Stra√üenverkehr √ľber S√ľdtirol. Die Entnazifizierung war in Osttirol hingegen weniger erfolgreich. Im Vergleich mit anderen Regionen √Ėsterreichs wurden hier nur wenige ehemalige Nationalsozialisten verurteilt.

Tourismus, Großprojekte und Kraftwerksstreit

War der Tourismus, der Ende des 19. Jahrhunderts eingesetzt hatte, schon in der Zwischenkriegszeit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region gewesen, so erlangte er nach 1945 bald eine noch gr√∂√üere √∂konomische Bedeutung. Matrei in Osttirol konnte beispielsweise 1948 seine N√§chtigungszahlen gegen√ľber der Zwischenkriegszeit verdoppeln. Probleme bereitete hingegen die Anbindung des Bezirks Lienz an das Umland. In dieser Hinsicht spielte der Bau der Felbertauernstra√üe 1962 bis 1967 eine herausragende Rolle, da Osttirol eine bessere Verbindung nach Salzburg und Innsbruck bekam und die Felbertauernstra√üe eine wichtige Anbindung f√ľr den Tourismus bedeutete. Parallel zur Stra√üe wurde auch die Transalpine-√Ėlleitung (TAL) Triest‚ÄďIngolstadt gebaut. Der Bau der Felbertauernstra√üe und das Wirtschaftswunder sorgten f√ľr eine weitere Steigerung der N√§chtigungszahlen, die zwischen 1965 und den 90er Jahren fast verdoppelt werden konnten, jedoch stark auf den Wintertourismus fokussiert blieben.

Ein Ereignis pr√§gte Osttirol in den 60er Jahren wie kein anderes: Die Hochwasserkatastrophe von 1965/66, die im August und November 1966 ihren H√∂hepunkt erreichte. Warme S√ľdwinde, die Schnee und Gletscher zum Schmelzen brachten, sorgten in Verbindung mit starken Niederschl√§gen in ganz Osttirol f√ľr Abg√§nge von Muren und lie√üen Fl√ľsse und B√§che √ľber die Ufer treten. Insgesamt forderte die Naturkatastrophe 23 Todesopfer und zerst√∂rte zahlreiche Br√ľcken und H√§user.

Die Gro√üprojekte und die Beseitigung der Folgen der Hochwasserkatastrophe hatten in Osttirol zu einer √ľberhitzten Baukonjunktur gef√ľhrt. Der Ruf nach weiteren Gro√üprojekten wurde daher laut. In diesem Zusammenhang tauchte daher Anfang der 70er Jahre ein jahrzehntealtes Megaprojekt auf, das die Entw√§sserung von 20 B√§chen und den Bau des gr√∂√üten Staudamms √Ėsterreichs (220 Meter) im Kalser Dorfertal vorsah. Hatten in den 50er und 60er Jahren das Fehlen von Ersatzweidegr√ľnden sowie Finanzierungsprobleme und der Bau der Felbertauernstra√üe das Projekt verhindert, so erwuchs dem Projekt nun in der vermehrt Zulauf findenden Umweltbewegung ein ernsthafter Gegner. Auch die ersten Politiker der Gr√ľnen sowie Bundesvertreter von √ĖVP und SP√Ė traten gegen das Projekt auf, w√§hrend sich √ĖVP-Landes- und Bezirkspolitiker, der √ĖGB, die Energiewirtschaft sowie auch lange Zeit die betroffenen Gemeinden f√ľr die Verwirklichung einsetzten. Der Streit um das Dorfertal l√§hmte Osttirol lange Zeit, bis sich die Kalser Bev√∂lkerung 1987 schlie√ülich mit 63,49 % gegen das Projekt stellte. Wirtschafts- und Energieminister Robert Graf verk√ľndete 1989 schlie√ülich das endg√ľltige Ende des Dorfertalkraftwerks.

Nationalpark und erneuter Kraftwerksstreit

Tauernbach unterhalb der Proßeggklamm

Durch die Neuorientierung hin zum Naturschutz war auch eine Neupositionierung Osttirols m√∂glich geworden. Der 1984 gegr√ľndete Nationalpark Hohe Tauern wurde zu einem Bestandteil Osttiroler Identit√§t und auch ein wichtiges Element der Tourismuswerbung. Gleichzeitig wurde in den 90er Jahren ein vermehrter Ausbau von Qualit√§tsbetten betrieben, w√§hrend die Anzahl der N√§chtigungen bei Privatzimmervermietern durch Eigenbedarf, wachsenden Wohlstand und den Strukturwandel zur√ľckgingen. Der r√ľckl√§ufige Sommertourismus konnte durch den Wintertourismus teilweise aufgefangen werden. Der Beitritt zur EU erleichterte schlie√ülich auch das Zusammenwachsen der Region mit S√ľdtirol. Die Grenzkontrollen wurden abgeschafft und erste Niederlassungen S√ľdtiroler Firmen entstanden. 2005 keimte der Streit um die Nutzung der Osttiroler Berge wieder auf. Nach der Ver√∂ffentlichung ihres Optionenberichts 2004 gelangten vier Kraftwerksprojekte der TIWAG 2005 in die engere Auswahl. Osttirol ist hierbei durch die geplante Errichtung des Pumpspeicherkraftwerks Matrei-Raneburg betroffen. Gegen die Errichtung des Kraftwerks, das von Gr√ľnen, FP√Ė und SP√Ė geschlossen abgelehnt wird, bildete sich rasch auch ein Netzwerk der lokalen Bev√∂lkerung, die den Kraftwerksbau am Rande des Nationalparks ablehnt. Das geplante Pumpspeicherkraftwerk w√ľrde nicht nur den Tauernbach aufstauen, sondern auch den Bau eines Kraftwerks an der Isel vorbereiten, die nach der Meinung zahlreicher Wissenschaftler und Umweltsch√ľtzer l√§ngst als Natura-2000-Gebiet gemeldet h√§tte werden m√ľssen.

Literatur

  • Harald Stadler, Martin Kofler und Karl C. Berger: Flucht in die Hoffnungslosigkeit. Die Kosaken in Osttirol. Studien Verlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2005, ISBN 3-7065-4152-1.
  • Martin Kofler: Osttirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Studien Verlag, Innsbruck 2005, ISBN 3-7065-1876-7.
  • Michael Forcher (Red.): Matrei in Osttirol. Ein Gemeindebuch zum 700-Jahr-Jubil√§um der ersten Erw√§hnung als Markt 1280‚Äď1980. Matrei 1980, 1996.
  • Katholischer Tiroler Lehrerverein (Hrsg.): Bezirkskunde Osttirol. Innsbruck 2001, ISBN 3-7066-2267-X.
  • Martin Kofler: Osttirol im Dritten Reich 1938‚Äď1945. Studien Verlag, Innsbruck/Wien 1996, ISBN 3-7065-1135-5.
  • Franz Miltner: Lavant und Aguntum. Die fr√ľhgeschichtlichen Ruinen bei Lienz in Osttirol. Lienz 1950.
  • Josef Thonhauser: Osttirol im Jahre 1809. Wagner, Innsbruck 1968.

Weblinks


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