|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Die Geschichte der Biologie untersucht alle BemĂŒhungen um das VerstĂ€ndnis der Welt des Lebendigen von der Antike bis in die moderne Zeit. Obwohl das Konzept einer Wissenschaft mit dem Namen Biologie als eine einheitliche Disziplin erst im 19. Jahrhundert entstanden ist, reichen die Wurzeln der Wissenschaft vom Lebendigen ĂŒber medizinische Traditionen und Naturgeschichte zurĂŒck bis zum indischen Ayurveda, zur Medizin im Alten Ăgypten und den Werken von Aristoteles und Galen in der griechisch-römischen Welt. Die antiken Kenntnisse wurden im Mittelalter von der Arabischen Medizin und von Gelehrten wie Avicenna weiterentwickelt. WĂ€hrend der europĂ€ischen Renaissance und der frĂŒhen Neuzeit wurde das Interesse am biologischen Denken in Europa durch die Entwicklung des Empirismus und die Entdeckung vieler neuer Arten revolutioniert. Hier sind einerseits Andreas Vesalius und William Harvey zu nennen, die durch sorgfĂ€ltige Beobachtung und Experimente die Physiologie weiterentwickelten, andererseits sind Naturforscher wie Linnaeus und Buffon zu erwĂ€hnen, die die wissenschaftliche Klassifikation von Organismen und Fossilien erfanden und sich mit der Entwicklung und dem Verhalten von Organismen beschĂ€ftigten. Die Erfindung des Mikroskops enthĂŒllte eine bis dahin unbekannte Welt von Mikroorganismen und ermöglichte die Formulierung der Zelltheorie. Die wachsende Bedeutung der natĂŒrlichen Theologie, zum Teil als Reaktion auf das mechanistische Weltbild, verstĂ€rkte das Interesse von Gelehrten an naturgeschichtlichen Fragestellungen, wiewohl dadurch auch teleologische Vorstellungen befördert wurden.
WĂ€hrend des 18. und 19. Jahrhunderts wurden Botanik und Zoologie eigenstĂ€ndige wissenschaftliche Disziplinen. Lavoisier und andere Naturwissenschaftler begannen die lebendigen und unbelebten Naturdinge mittels chemischer und physikalischer Untersuchungsmethoden zu studieren. Entdecker wie Alexander von Humboldt untersuchten die Beziehungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt. Indem sie bemerkten, dass diese Beziehungen von geographischen Bedingungen abhĂ€ngig sind, schufen sie die Grundlagen fĂŒr die Wissenschaften der Biogeographie, der Ăkologie und der Verhaltensforschung.
Vertreter naturalistischer Theorien begannen, den Essentialismus abzulehnen. Sie betonten stattdessen, dass biologische Arten aussterben können und entdeckten die Variation der Arten. Die Zelltheorie lieferte neue Einblicke in das VerstĂ€ndnis von Organismen. Diese Einsichten wurden zusammen mit Erkenntnissen aus Embryologie und PalĂ€ontologie durch Darwins Theorie der Evolution durch NatĂŒrliche Selektion zusammengefĂŒhrt. Am Ende des 19. Jahrhunderts konnte so die Vorstellung von der Urzeugung als falsch erkannt und durch die Theorie der Keimbahn ersetzt werden, obwohl die fĂŒr ein tieferes VerstĂ€ndnis notwendigen Kenntnisse der Genetik noch fehlten.
Im frĂŒhen 20. Jahrhundert wurden die Mendelschen Regeln wiederentdeckt. Dies beförderte das rasche Anwachsen genetischer Kenntnisse durch Thomas Hunt Morgan und seine SchĂŒler. Durch die Vereinigung von Prinzipien der Populationsgenetik mit der natĂŒrlichen Selektion schufen Wissenschaftler die neodarwinistische Synthese. Neue wissenschaftliche Disziplinen entwickelten sich rasch, nachdem James D. Watson und Francis Crick die Struktur der DNA vorgeschlagen hatten. Nach der Etablierung des âzentralen Dogmasâ der Molekularbiologie und der EntschlĂŒsselung des genetischen Codes erfolgte eine Aufspaltung der Biologie in die âBiologie der Organismenâ, welche sich mit Lebewesen beschĂ€ftigt, und das Forschungsfeld der Zellbiologie und der Molekularbiologie. Im spĂ€ten 20. Jahrhundert entstanden mit der Genomforschung und der Proteomik Disziplinen, die den Trend der Aufspaltung der Biologie umkehrten. In diesen Forschungsbereichen benutzen Lebewesenwissenschaftler molekularbiologische Methoden, wĂ€hrend Molekular- und Zellbiologen das Zusammenspiel von Genen und Umwelt genauso studieren wie die Genetik natĂŒrlicher Populationen von Organismen.
Das Wort Biologie besteht einerseits aus dem griechischen Begriff ÎČÎŻÎżÏ (bios = âLebenâ) und andererseits dem Suffix '-logie', das âWissenschaft vonâ oder âKenntnis vonâ bedeutet und aus dem griechischen Verb λÎγΔÎčΜ, legein = âauswĂ€hlenâ, âzusammenfassenâ (vgl. auch das Nomen λÏγοÏ, logos = âWortâ) hergeleitet ist. Der Begriff Biologie in seiner modernen Bedeutung wurde von verschiedenen Autoren eingefĂŒhrt, die ihn unabhĂ€ngig voneinander erstmals benutzten. Im Titel des Band 3 von Michael Christoph Hanows Philosophiae naturalis sive physicae dogmaticae: Geologia, biologia, phytologia generalis et dendrologia, veröffentlicht im Jahr 1766 erscheint der Begriff zum ersten mal. Thomas Beddoes hat das Wort im Jahr 1799 erstmals im modernen Sinne verwendet.[1][2] Karl Friedrich Burdach benutzt es im Jahr 1800, Gottfried Reinhold Treviranus (Biologie oder Philosophie der lebenden Natur, 1802) und Jean-Baptiste Lamarck (HydrogĂ©ologie, 1802)[3][4] zeitgleich im Anfang des 19. Jahrhunderts.
Bevor der Begriff Biologie verbreitet verwendet wurde, erfolgte das Studium von Tieren und Pflanzen im Rahmen ganz unterschiedlicher Fachgebiete. Mit dem Begriff Naturgeschichte wird eine Disziplin bezeichnet, die sich mit den deskriptiven Aspekten der Biologie befasst. Dies schlieĂt die Mineralogie und andere nichtbiologische Themen ein. Vom Mittelalter bis zur Renaissance war das Konzept der scala naturae oder der Great Chain of Being (dt. âDie groĂe Kette der Wesenâ) der einheitliche Bezugsrahmen der Naturgeschichte. DemgegenĂŒber wurden unter den Stichworten der Naturphilosophie und der natĂŒrlichen Theologie die konzeptionellen und metaphysischen Grundlagen des Studiums von Organismen abgehandelt. Dabei beschĂ€ftigten sich Gelehrte mit dem Problem, wieso Lebewesen existieren und sich gerade so und nicht anders verhalten. Diese Fragen wurden allerdings auch in den Bereichen der Geologie, Physik, Chemie und Astronomie gestellt. Physiologie und botanische Pharmakologie gehören zum Gebiet der Medizin. Bevor sich die Biologie als Wissenschaft etablierte, ersetzen im 18. und 19. Jahrhundert âBotanikâ und âZoologieâ und â im Falle der Fossilien â die Geologie schlieĂlich zunehmend die Naturgeschichte und die Naturphilosophie.[5][6] Heutzutage werden die Begriffe âBotanikâ und âZoologieâ hĂ€ufig gebraucht, obwohl ihnen andere Subdisziplinen wie Mykologie und Molekularbiologie zugeordnet wurden.
Die frĂŒhesten Menschen haben möglicherweise Kenntnisse ĂŒber Pflanzen und Tiere gehabt, die ihre Ăberlebenschancen verbessert haben. Dazu könnten Kenntnisse der menschlichen und tierischen Anatomie und Aspekte des Verhaltens von Tieren (etwa ĂŒber Wanderungen) gehört haben. Mit der neolithischen Revolution vor ca. 10.000 Jahren begann ein Wendepunkt in der Geschichte der frĂŒhmenschlichen Naturkenntnis. Zu dieser Zeit wurden die ersten Pflanzen fĂŒr den Ackerbau verwendet und das erste Herdenvieh in den entstehenden sesshaften Kulturen gezĂŒchtet.[7]
In den antiken Kulturen Mesopotamiens, Ăgyptens, des indischen Subkontinentes und Chinas gab es unter anderem erfahrene Chirurgen und naturkundliche Gelehrte wie Sushruta und Zhang Zhongjing, die ausgeklĂŒgelte naturphilosophische Systeme entwickelten. Die Wurzeln der modernen Biologie werden allerdings ĂŒblicherweise in der sĂ€kularen Tradition der antiken griechischen Philosophie gesucht.[8] Eines der Ă€ltesten ausgearbeiteten medizinischen Wissenssysteme ist auf dem indischen Subkontinent unter dem Namen Ayurveda entstanden. Es wurde um 1500 v. Chr. aus der Weisheitslehre des Atharvaveda entwickelt. Weitere antike medizinische Texte entstammen der Ă€gyptischen Tradition, wie das Papyrus Edwin Smith. Auch fĂŒr die Einbalsamierung, die fĂŒr eine Mumifizierung notwendig ist, um die inneren Organe vor Verwesung zu schĂŒtzen, benötigt man medizinische Kenntnisse.[9]
Im antiken China kann man biologische Kenntnisse in unterschiedlichsten Disziplinen finden, unter anderem in der chinesischen KrĂ€uterkunde, bei Ărzten, Alchemisten und in der chinesischen Philosophie. Die taoistische Tradition der chinesischen Alchemie kann als Teil der chinesischen âLebenswissenschaftenâ angesehen werden, deren Ziel neben der Herstellung von Gesundheit es war, den Stein der Weisen zu finden. Das System der klassischen chinesischen Medizin dreht sich ĂŒblicherweise um die Theorie von Yin und Yang und die FĂŒnf-Elemente-Lehre.[10] Taoistische Philosophen wie Zhuangzi haben im 4. Jahrhundert v. Chr. evolutionĂ€re Ideen formuliert, indem sie die UnverĂ€nderlichkeit der biologischen Spezies verneint und vermutet haben, dass die Arten unterschiedliche Eigenschaften als Antwort auf ihre Umgebung entwickelt haben.[11]
In der alten indischen Ayurveda-Tradition wurde unabhĂ€ngig eine Drei-SĂ€fte-Lehre entwickelt, die der Humoralpathologie der altgriechischen Medizin Ă€hnelt, obwohl das ayurvedische System zusĂ€tzliche Annahmen macht, wie etwa die Vorstellung, dass der Körper aus fĂŒnf Elementen und sieben Geweben besteht. Ayurvedische Autoren teilten die lebenden Naturdinge in vier Kategorien, basierend auf der Vorstellung von der Natur der Geburt (Leib, Eier, Hitze und Feuchtigkeit und Samen). Sie erklĂ€rten die EmpfĂ€ngnis eines Fetus im Detail. Sie hatten auch beachtliche Erfolge im Bereich der Chirurgie, oft ohne die Dissektion von Menschen oder Vivisektion von Tieren zu nutzen.[12] Eine der ersten ayurvedischen Abhandlungen war das Sushruta Samhita, das Sushruta zugeschrieben wird, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte. Es war auch eine der ersten Materia medica und enthielt die Beschreibung von 700 medizinisch verwendbaren Pflanzen, 64 mineralischen PrĂ€parationen und 57 PrĂ€parationen auf der Basis von tierischen Materialien.[13]
Die Vorsokratiker stellten zwar viele Fragen ĂŒber das Leben, ihre Lehren lieferten aber nur wenige systematische Kenntnisse zu speziellen biologischen Problemen. DemgegenĂŒber wurde der Versuch der Atomisten, das Leben allein aufgrund physikalischer Prinzipien zu verstehen, im Laufe der Geschichte der Biologie immer wieder neu aufgegriffen. Die medizinischen Theorien des Hippokrates und seiner Nachfolger, insbesondere die Vertreter der Humoralpathologie, hatten ebenfalls einen lange anhaltenden Einfluss auf das biologische Denken.[14]
Der Philosoph Aristoteles war der einflussreichste Gelehrte der klassischen Antike. Obwohl seine frĂŒhen BeitrĂ€ge zur Naturphilosophie vorwiegend spekulativen Charakter hatten, verfasste Aristoteles spĂ€ter eher empirisch orientierte Studien mit einem besonderen Augenmerk auf biologische Prozesse und die Vielfalt der Lebensformen. Er machte zahllose Naturbeobachtungen, insbesondere zu den EigentĂŒmlichkeiten und Attributen von Pflanzen und Tieren in der ihn umgebenden Natur, und beschrieb diese, wenn er der Meinung war, dass eine Kategorisierung sich lohnte. Aristoteles beschrieb 540 Tierarten und machte von mindestens 50 Arten eine Vivisektion. Er glaubte, dass alle NaturvorgĂ€nge von Zwecken bestimmt seien.[15]
Aristoteles und in seiner Nachfolge die meisten Gelehrten der westlichen Welt waren bis ins 18. Jahrhundert von der Vorstellung ĂŒberzeugt, dass alle Lebewesen in einer aufsteigenden hierarchischen Ordnung angeordnet wĂ€ren, die eine zunehmende Perfektion von Pflanzen ĂŒber Tiere bis hin zum Menschen darstellten.[16] Aristoteles Nachfolger im Lykeion, Theophrast, schrieb eine Reihe von BĂŒchern ĂŒber Pflanzen. So unter anderem seine Historia Plantarum (Theophrastus), welche bis ins Mittelalter als die bedeutendste antike Abhandlung zur Botanik angesehen wurde. Viele der von Theophrastus eingefĂŒhrten Namen sind bis in die Gegenwart in Gebrauch, wie carpos fĂŒr Frucht und pericarpion fĂŒr Samenkapsel. Plinius der Ăltere war ebenfalls fĂŒr seine Kenntnisse der Botanik und Naturlehre bekannt. Sein Werk Naturalis historia gilt zugleich als bedeutende Sammlung zoologischer Beschreibungen.[17]
Einige hellenistische Gelehrte zur Zeit der PtolemĂ€er, insbesondere Herophilos und Erasistratos, verbesserten die physiologischen Arbeiten von Aristoteles und fĂŒhrten anatomische PrĂ€parationen von Tieren durch.[18] Claudius Galen war die bedeutendste antike AutoritĂ€t im Bereich von Medizin und Anatomie. Obwohl einige antike Atomisten wie Lukrez die teleologisch geprĂ€gten Schöpfungsvorstellungen von Aristoteles infrage stellten, hat die Teleologie (und nach der Entstehung des Christentums die NatĂŒrliche Theologie) bis ins 18. und 19. Jahrhundert eine zentrale Stellung im biologischen Denken eingenommen. Ernst Mayr erklĂ€rte dazu, dass ânach Lukretz und Galen bis zur Renaissance nichts Bedeutsames mehr geschah.â[19] TatsĂ€chlich wurden die griechischen Ideen zur Naturgeschichte und Medizin bis ins Mittelalter nicht hinterfragt.[20]
Der Untergang des römischen Reiches fĂŒhrte zu einem erheblichen Verlust von Kenntnissen und Fertigkeiten. Dennoch bewahrten Ărzte durch Ăberlieferung und Ausbildung die griechischen Traditionen medizinischen Wissens. In Byzantion und in der islamischen Welt wurden viele Werke der griechischen Antike ins Arabische ĂŒbersetzt und die Schriften des Aristoteles aufbewahrt.[21]
Zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert, im sogenannten âgoldenen Zeitalter des Islamâ, das auch als die Zeit der agrikulturellen Revolution im Vorderen Orient angesehen wird, leisteten mittelalterliche arabische Ărzte, Wissenschaftler und Philosophen bedeutende BeitrĂ€ge zum VerstĂ€ndnis biologischer Fragestellungen. In der Zoologie hat al-Dschahiz (781â869) frĂŒhe evolutionĂ€re Vorstellungen entwickelt,[22][23] wie etwa das Konzept vom âKampf ums Daseinâ.[24] Er kannte das Konzept einer Nahrungskette[25] und war ein frĂŒher Vertreter des Geodeterminismus.[26]
Der persische Gelehrte Ad-DÄ«nawarÄ« (828â896) wird mit seiner Schrift Buch der Pflanzen als der BegrĂŒnder der Botanik angesehen. Er beschrieb mindestens 637 Spezies, diskutierte die Entwicklung der Pflanzen, beschrieb die Phasen des Pflanzenwachstums und die Herausbildung von BlĂŒten und FrĂŒchten.[27] Al-Biruni kannte das Konzept der ZĂŒchtung und vermutete, dass die Natur in Ă€hnlicher Weise verfĂ€hrt â eine Vorstellung, die mit Darwins natĂŒrlichen Selektion verglichen wurde.[28]
Der persische Arzt Avicenna (980â1037) fĂŒhrte klinische Studien durch und beschrieb in dem Werk Qanun at-Tibb (Kanon der Medizin) die Prinzipien der klinischen Pharmakologie.[29] Dieses Werk blieb in der europĂ€ischen Medizin bis ins 17. Jahrhundert ein anerkanntes Lehrbuch.[30][31] Der spanisch-arabische Arzt Avenzoar (1091â1161) war ein frĂŒher Vertreter der experimentellen Tieranatomie. Ihm gelang der Nachweis, dass die Scabies durch Parasiten verursacht wird, womit er die gĂ€ngige Humoralpathologie infrage stellte.[32] Er fĂŒhrte auch chirurgische Experimente an Tieren durch,[33] bevor er die Operationstechniken am Menschen anwandte.[34] WĂ€hrend einer Hungersnot in Ăgypten um 1200 untersuchte Abd-el-latif eine groĂe Anzahl von Skeletten und fand so heraus, dass Galen sich in Bezug auf die Ausbildung der Knochen des Unterkiefers und des Kreuzbeins geirrt hatte.[35] Im frĂŒhen 13. Jahrhundert entwickelte der spanisch-arabische Gelehrte Abu al-Abbas al-Nabati eine frĂŒhe Form der wissenschaftlichen Methode fĂŒr botanische Studien. Er benutzte empirische Methoden und experimentelle Techniken zur ĂberprĂŒfung, Beschreibung und Identifikation zahlreicher Materiae medicae und unterschied unbestĂ€tigte Berichte von solchen, die durch Erfahrung und ĂberprĂŒfung bestĂ€tigt waren.[36] Sein SchĂŒler Abu Muhammad ibn al-Baitar (ca. 1190â1248) schrieb eine pharmazeutische EnzyklopĂ€die, in der er 1400 Pflanzen, Lebensmittel und Arzneimittel beschrieb. 300 Beschreibungen waren seine eigene Entdeckung. Eine lateinische Ăbersetzung seines Werkes wurde von europĂ€ischen Gelehrten und Apothekern bis ins 18. und 19. Jahrhundert verwendet.[37]
Der arabische Arzt Ibn an-Nafis (1213â1288) war ebenfalls ein Vertreter experimenteller Untersuchungsmethoden.[38][39] Er entdeckte im Jahre 1242 den Lungenkreislauf[40] und die KoronargefĂ€Ăe[41][42] und damit die Grundlagen des Blutkreislaufes.[43] Auch beschrieb er ein Modell des Stoffwechsels[44] und kritisierte die falschen Vorstellungen von Galen und Avicenna ĂŒber Humoralpathologie, Puls,[45] Knochen, Muskeln, Eingeweide, Sinnesorgane, GallengĂ€nge, Speiseröhre und Magen.[38]
WÀhrend des Hochmittelalters vertieften einige europÀische Gelehrte wie Hildegard von Bingen, Albertus Magnus und Friedrich II. den Kanon des naturkundlichen Wissens. Die Entwicklung der mittelalterlichen europÀischen UniversitÀten hatte aber im Gegensatz zur Situation in den Bereichen Physik und Philosophie wenig Einfluss auf den Fortschritt der Gelehrsamkeit im Bereich der Biologie.[46]
Infolge der europĂ€ischen Renaissance stieg bei europĂ€ischen Gelehrten das Interesse an der empirischen Naturgeschichte und der Physiologie. Im Jahre 1543 veröffentlichte Andreas Vesalius seine berĂŒhmte anatomische Schrift De humani corporis fabrica, die auf der Untersuchung menschlicher Leichen beruhte und die moderne Ăra der europĂ€ischen Medizin einleitete. Vesalius war der Erste einer Reihe von Anatomen, die nach und nach die Scholastik durch den Empirismus im Bereich der Physiologie und Medizin ersetzten und damit Erfahrung aus erster Hand an die Stelle von antiker AutoritĂ€t und abstraktem Denken setzten. Die von empirisch orientierten Ărzten betriebene Pflanzenheilkunde wurde so im Falle der Untersuchung von Pflanzen eine Quelle fĂŒr einen erneuerten Empirismus. Otto Brunfels, Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs verfassten ausfĂŒhrliche Schriften ĂŒber Wildpflanzen und schufen so die neuzeitlichen Grundlagen fĂŒr eine an der Naturbeobachtung orientierten Zugang zur Botanik.[47] Mittelalterliche Tierdichtungen sind ein literarisches Genre, dass das naturkundliche und bildliche Wissen der Zeit verbindet und mit den Werken von William Turner, Pierre Belon, Guillaume Rondelet, Conrad Gessner, und Ulisse Aldrovandi ausfĂŒhrlicher und umfassender wird.[48]
KĂŒnstler wie Albrecht DĂŒrer und Leonardo da Vinci arbeiteten nicht selten mit Naturforschern zusammen und waren, um ihre Werke zu verbessern, stark an Studien zur Anatomie von Menschen und Tieren interessiert. Sie studierten auch im Detail physiologische Prozesse und trugen so zum Wachstum des anatomischen Wissens ihrer Zeit bei.[49] In den Ăberlieferungen der Alchemie und der Naturmagie, insbesondere aber im Werk von Paracelsus wurden zeitgenössische biologische Kenntnisse rezipiert. So unternahmen die Alchemisten chemische Analysen an organischen Materialien und experimentierten mit biologischen und mineralischen Heilmitteln.[50] Dieser Prozess stellt einen Ausschnitt einer gröĂeren Entwicklung dar, in deren Zusammenhang die Metapher von der âNatur als Organismusâ durch das Konzept der âNatur als Maschineâ ersetzt wurde. Die Entstehung eines Mechanistisches Weltbildes im Lauf des 17. Jahrhunderts begleitete diesen Vorgang.[51]
Im 17. und 18. Jahrhundert waren Wissenschaftler mit der Klassifikation, Benennung und Ordnung biologischer Objekte beschĂ€ftigt. Carolus Linnaeus veröffentlichte im Jahre 1735 eine grundlegende Taxonomie der natĂŒrlichen Welt. Ăhnliche Versuche waren schon frĂŒher unternommen worden. In den 1750er Jahren entwarf er eine wissenschaftliche Namensgebung fĂŒr alle Spezies.[52] WĂ€hrend Linnaeus die biologischen Arten fĂŒr unverĂ€nderliche Teile einer Schöpfungsordnung hielt, betrachtete der andere groĂe Naturforscher des 18. Jahrhunderts, Buffon, die Arten als Konstrukte. Er sah Lebensformen als verĂ€nderlich an und zog sogar die Möglichkeit einer Abstammungstheorie in Betracht. Obwohl Buffon die Evolution ablehnte, ist er eine SchlĂŒsselfigur in der Geschichte der Evolutionstheorie und beeinflusste die evolutionĂ€ren Theorien von Jean-Baptiste de Lamarck und Darwin.[53]
Das Barockzeitalter war die Zeit der Entdeckungsreisen. Mit ihnen wurden die Beschreibung von neuen Arten und die Sammlung von Artefakten zu einer Leidenschaft wissenschaftlicher Laien und zu einem gewinntrĂ€chtigen Unternehmen fĂŒr aufstrebende BĂŒrger. Viele Naturforscher umrundeten den Erdball auf der Suche nach Abenteuern und wissenschaftlichen Erkenntnissen.[54]
William Harvey und andere Naturphilosophen untersuchten die Funktion von Blut und BlutgefĂ€Ăen, indem sie die Arbeiten von Vesalius durch Experimente an lebenden Organismen (Tieren und Menschen) ausdehnten. Harveys De motu cordis aus dem Jahr 1628 markiert das Ende fĂŒr die Theorien Galens. Zusammen mit Santorio Santorios Arbeiten zum Metabolismus wurden sie zu einem einflussreichen Vorbild fĂŒr quantitative physiologische Untersuchungen.[55]
Im frĂŒhen 17. Jahrhundert wurde der Mikrokosmos der Biologie fĂŒr Untersuchungen zugĂ€nglich. Im spĂ€ten 16. Jahrhundert wurden die ersten einfachen Lichtmikroskope gebaut und Robert Hooke veröffentlichte sein bahnbrechendes Werk Micrographia aus dem Jahr 1665, das auf Untersuchungen mit einem von ihm entworfenen Auflichtmikroskop beruht. Mit der Verbesserung der Linsenherstellung durch Leeuwenhoeks in den 1670er Jahren wurden einlinsige Mikroskope mit einer VergröĂerung ĂŒber 200-mal und einer guten DarstellungsqualitĂ€t möglich. Gelehrte entdeckten damit Spermien, Bakterien, Infusorien und konnten so die ganze Vielfalt der mikroskopischen Welt erschlieĂen. Ăhnliche Untersuchungen durch Jan Swammerdam fĂŒhrten zu einem vertieften Interesse an der Insektenkunde. Er verbesserte die grundlegenden Techniken fĂŒr mikroskopische PrĂ€parationen und GewebefĂ€rbungen.[56]
So wie die mikroskopische Welt wuchs, so schrumpfte die makroskopische. Botaniker wie John Ray versuchten die Flut der aus aller Welt herbeigeschafften und neu entdeckten Organismen zu klassifizieren und mit der natĂŒrlichen Theologie in Ăbereinkunft zu bringen.[57] Diskussionen ĂŒber die Sintflut verstĂ€rkten die Entwicklung der PalĂ€ontologie. Im Jahre 1669 veröffentlichte Nicolaus Steno einen Aufsatz, in dem er beschrieb, wie sich die Ăberreste von Organismen in Sedimenten ablagern und zu Fossilien mineralisieren. Obwohl Stenos Ideen ĂŒber die Entstehung von Fossilien weithin bekannt wurden und vielfach unter Naturforschern diskutiert wurden, bezweifelten viele Gelehrte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Annahme eines organischen Ursprungs von Fossilien aufgrund von philosophischen und theologischen Vorannahmen ĂŒber das Alter der Erde und den Prozess des Aussterbens von biologischen Arten.[58]
WĂ€hrend des gesamten 19. Jahrhunderts war das BetĂ€tigungsfeld der neu entstehenden biologischen Wissenschaft einerseits durch die Medizin begrenzt, die sich mit den Problemen der Physiologie beschĂ€ftigte. Auf der anderen Seite besetzte die Naturgeschichte das Feld der Erforschung der Vielfalt des Lebendigen und die Interaktionen von Lebewesen untereinander und zwischen Lebewesen und der unbelebten Natur. Um 1900 ĂŒberschnitten sich diese beiden Forschungsgebiete und aus der Naturgeschichte und ihrem Gegenspieler, der Naturphilosophie, entstanden spezialisierte biologische Disziplinen: Zellbiologie, Bakteriologie, Morphologie (Biologie), Embryologie, Geographie und Geologie.
In der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts brachten weitgereiste Naturforscher eine FĂŒlle von neuen Kenntnissen ĂŒber die Vielfalt und die Verbreitung von Lebewesen nach Europa. Besondere Beachtung fand das Werk von Alexander von Humboldt, der die Beziehungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt erforschte â was traditionell das Thema der Naturgeschichte war â, indem er die quantitativen Methoden von Physik und Chemie benutzte, die bislang die DomĂ€ne der Naturphilosophie war. Dadurch begrĂŒndete Humboldt die Biogeographie.[59]
Die neu entstehende Geologie trug dazu bei, dass sich die traditionellen Disziplinen der Naturgeschichte und Naturphilosophie annĂ€herten. Durch die Stratigraphie konnte aus der rĂ€umlichen Verteilung von Funden auf ihr zeitliches Vorkommen geschlossen werden. Dies wurde zu einem SchlĂŒsselkonzept der entstehenden Evolutionslehre. Georges Cuvier und seine Zeitgenossen machten an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert groĂe Fortschritte in der vergleichenden Anatomie und PalĂ€ontologie. In einer Reihe von Vorlesungen und Veröffentlichungen hat Cuvier durch den Vergleich von rezenten SĂ€ugetieren und Fossilien dargelegt, dass Fossilien die Ăberreste von ausgestorbenen Spezies sind und nicht Ăberreste von heute noch lebenden Organismen, was die damals verbreitete Annahme war.[60] Die von Gideon Mantell, William Buckland, Mary Anning und Richard Owen entdeckten und beschriebenen Fossilien stĂŒtzen den Befund, dass es ein âZeitalter der Reptilienâ gab, das dem der prĂ€historischen SĂ€ugetiere vorangegangen war. Diese Entdeckungen fesselten die Ăffentlichkeit und lenkten die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf die Frage nach der Geschichte des Lebens auf der Erde.[61] Die meisten Geologen hielten die Annahmen des Katastrophismus dennoch weiterhin fĂŒr plausibel. Erst mit Charles Lyells einflussreichem Werk Principles of Geology (1830) wurde der Katastrophismus ĂŒberwunden und Huttons Theorie des Aktualismus populĂ€r.[62]
Die bedeutendste Evolutionstheorie vor Darwin war die des französischen Gelehrten Jean-Baptiste Lamarck. Das Konzept einer Vererbung erworbener Eigenschaften â ein Vererbungsmechanismus der bis ins 20. Jahrhundert von vielen Wissenschaftlern fĂŒr plausibel gehalten wurde â sah eine Entwicklung der Lebewesen von den einfachsten Einzellern bis zum Menschen vor.[63]
Indem er den biogeographischen Ansatz von Humboldts, die Geologie Lyells, Thomas Malthus' Erkenntnisse zum Wachstum von Populationen und seine eigenen morphologischen Kenntnisse kombinierte, entwickelte der britische Naturforscher Charles Darwin eine Evolutionstheorie mit der zentralen Annahme der natĂŒrlichen Selektion. Einen Ă€hnlichen Ansatz verfolgte Alfred Russel Wallace, der unabhĂ€ngig von Darwin zu denselben SchlĂŒssen kam.[64] Die Veröffentlichung von Darwins Theorie in seinem Buch On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life aus dem Jahr 1859 wird oft als zentrales Ereignis in der Geschichte der modernen Biologie angesehen.
Darwins Anerkennung als Naturforscher, der sachliche Ton seiner Darstellung und die Ăberzeugungskraft seine Argumente fĂŒhrten dazu, dass sein Werk erfolgreich war, wo andere evolutionĂ€re Arbeiten, wie das anonym verfasste Vestiges of the Natural History of Creation, gescheitert waren. Die meisten Wissenschaftler waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts von den Konzepten der Evolution und der Abstammungstheorie ĂŒberzeugt. Die natĂŒrliche Selektion als Motor der Evolution wurde aber bis ins 20. Jahrhundert von vielen bezweifelt, da die meisten zeitgenössischen Vorstellungen zur Genetik nicht mit einer Vererbung zufĂ€lliger Variationen vereinbar erschienen.[65]
Wallace hat, aufbauend auf dem Werk von de Candolle, Humboldt und Darwin, wichtige BeitrĂ€ge zur Geozoologie geleistet. Da er sich fĂŒr die Transmutationshypothese interessierte, legte er bei seinen Forschungsreisen nach SĂŒdamerika und in den malaiischen Archipel groĂen Wert auf die Beschreibung des geographischen Vorkommens nahe verwandter Arten. WĂ€hrend seines Aufenthaltes auf dem Archipel entdeckte er die Wallace-Linie, die durch die Spice Islands verlĂ€uft und die Fauna des Archipels zwischen einer asischen und einer australisch-neuguineischen Zone aufteilt. Nach seiner Meinung konnte die Frage nach den Ursachen dafĂŒr, dass die Fauna von klimatisch so Ă€hnlichen Inseln so unterschiedlich ist, nur beantwortet werden, indem man die UrsprĂŒnge der Besiedelung der Inseln aufklĂ€rt. 1876 schrieb er das Buch The Geographical Distribution of Animals, das fĂŒr ĂŒber ein halbes Jahrhundert das Standardlehrbuch der Biogeographie wurde. In der Erweiterung Island Life von 1880 beschĂ€ftigte er sich ausfĂŒhrlich mit den biogeographischen VerhĂ€ltnissen auf Inseln. Er erweiterte das Sechs-Zonen-System von Philip Lutley Sclater, das die geographische Verbreitung von Vogelarten beschrieb, auf alle Tierarten. Indem er ihre geographische Verbreitung quantitativ auflistete, konnte er die ungleichmĂ€Ăige Verteilung von Tierarten hervorheben. Die Evolution lieferte fĂŒr seine Beobachtungen eine rationale ErklĂ€rung, was in dieser Weise vor ihm kein Forscher geleistet hat.[66][67]
Die wissenschaftliche Erforschung der VererbungsvorgĂ€nge erfuhr nach der Veröffentlichung von Darwins Origin of Species ein schnelles Wachstum durch die Arbeiten von Francis Galton und der Biometrie. Die UrsprĂŒnge der Genetik werden ĂŒblicherweise auf die Arbeiten des Mönchs Gregor Mendel zurĂŒckgefĂŒhrt, nach dem die Mendelsche Regeln benannt sind. Allerdings gerieten seine BeitrĂ€ge fĂŒr 35 Jahre in Vergessenheit. In der Zwischenzeit wurden verschiedene Theorien zur Vererbung auf der Grundlage von Vorstellungen zur Pangenesis oder der Orthogenese diskutiert und untersucht.[68] Embryologie und Ăkologie wurden ebenfalls zu zentralen biologischen Disziplinen, die in Verbindung zur Evolution stehen und vor allem von Ernst Haeckel popularisiert wurden. Der gröĂte Teil der Forschungen zur Vererbung im 19. Jahrhundert entstanden allerdings nicht im Zusammenhang mit der Naturgeschichte, sondern mit der experimentellen Physiologie.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erweiterte sich der Gegenstandsbereich der Physiologie erheblich. Aus einem vorwiegend medizinischen Fachgebiet wurde ein weitgestecktes Forschungsfeld, in dem physikalische und chemische Prozesse der Lebenserscheinungen untersucht wurden. Die Metapher âLebewesen sind Maschinenâ wurde so zum Paradigma im biologischen â und sozialwissenschaftlichen â Denken.[69]
Fortschritte in der Mikroskopie hatten einen groĂen Einfluss auf das biologische Denken. Im frĂŒhen 19. Jahrhundert widmete sich eine Reihe von Gelehrten der Erforschung von Zellen. Ab den Jahren 1838/39 veröffentlichten Schleiden und Schwann ihre Vorstellungen von der Bedeutung der Zelle: Zellen sind die Grundeinheit von Organismen und sie tragen alle Charakteristika von Leben. Beide hielten allerdings die Vorstellung fĂŒr falsch, dass Zellen durch Teilung aus anderen Zellen entstehen. Erst durch die Arbeiten von Robert Remak und Rudolf Virchow waren ab 1860 alle Biologen von den drei Grundannahmen der Zelltheorie ĂŒberzeugt.[70]
Die Erkenntnisse der Zelltheorie fĂŒhrten Biologen dazu, Organismen als aus individuellen Zellen zusammengesetzt anzusehen. Durch die Fortschritte in der Entwicklung immer besserer Mikroskope (vor allem durch Ernst Abbe) und neue FĂ€rbemethoden wurde fĂŒr Wissenschaftler auf dem Gebiet der Zellbiologie bald klar, dass auch die Zellen selbst mehr sind, als flĂŒssigkeitsgefĂŒllte Kammern. Im Jahre 1831 beschrieb Robert Brown zum ersten Mal den Zellkern und zum Ende des 19. Jahrhunderts kannten die Zytologen bereits viele SchlĂŒsselkomponenten der Zelle, wie Chromosomen, Zentrosomen Mitochondrien, Chloroplasten und andere Strukturen, die durch FĂ€rbung sichtbar gemacht werden konnten. Zwischen 1874 und 1884 beschrieb Walther Flemming die verschiedenen Stadien der Mitose und zeigte, dass sie keine durch FĂ€rbemethoden hervorgerufene Artefakte waren, sondern auch in lebenden Zellen vorkommen. Er konnte auch zeigen, dass, kurz bevor sich die Zelle teilt, sich die Anzahl der Chromosomen verdoppelt. August Weismann kombinierte die Untersuchungen zur Zellvermehrung mit seinen Erkenntnissen der Vererbung. Er beschrieb den Zellkern â und dort vor allem die Chromosomen â als den TrĂ€ger des Erbmaterials, unterschied somatische Zelle und Urkeimzelle, forderte, dass die Anzahl der Chromosomen in einer Keimzelle halbiert sein mĂŒsse und formulierte so das Konzept der Meiose. Er widerlegte auf diese Weise die von Darwin vertretene Pangenesistheorie. Weismanns Konzept der Keimbahn war vor allem auf dem Gebiet der Embryologie sehr einflussreich.[71]
In der Mitte der 1850er Jahre wurde die Miasmatheorie der Krankheitsentstehung weitgehend durch die Keimtheorie der Krankheitsentstehung ersetzt. Dadurch erwachte unter Wissenschaftlern ein groĂes Interesse an Mikroorganismen und ihrer Beziehung zu anderen Lebensformen. Vor allem durch die Arbeiten von Robert Koch, der die Methoden zur Anzucht von Bakterien in Petrischalen mit agarhaltigem NĂ€hrmedium entwickelte, wurde die Bakteriologie um 1880 eine eigenstĂ€ndige Disziplin. Die seit langem bestehende und vor allem auf Aristoteles zurĂŒckgehende Vorstellung, dass Organismen einfach durch Spontanzeugung aus toter Materie entstehen könnten, wurde von Louis Pasteur durch eine Serie von Experimenten widerlegt. Dennoch ging die seit Aristoteles bestehende Debatte um die Frage von Vitalismus und mechanistischen Vorstellungen weiter.[72]
FĂŒr Chemiker wurde im 19. Jahrhundert die Unterscheidung von organischen und anorganischen Substanzen zu einer zentralen Fragestellung. Sie betraf vor allem Prozesse der organischen Transformation bei der Fermentation und FĂ€ulnis. Diese wurden seit Aristoteles als biologische oder vitale VorgĂ€nge angesehen. Friedrich Wöhler, Justus von Liebig und andere Pioniere in diesem Forschungsgebiet zeigten, aufbauend auf dem Werk von Lavoisier, dass organische Prozesse mit gewöhnlichen physikalischen und chemischen Methoden untersucht werden konnten. Im Jahre 1829 gelang Wöhler die anorganische Harnstoffsynthese. Er stellte so die Vorannahmen des Vitalismus infrage. Mit der Herstellung von Zellextrakten, wie 1833 der Diastase, wurde es möglich, chemische Prozesse zu beschleunigen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Konzept des Enzyms begrĂŒndet, gleichwohl waren bis ins frĂŒhe 20. Jahrhundert die Prozesse der Enzymkinetik nicht verstanden.[73] Physiologen wie Claude Bernard untersuchten mittels Vivisektion und anderer experimenteller Verfahren die chemischen und physikalischen Funktionen von Lebewesen in einem bis dahin nicht gekannten AusmaĂ. Sie schufen so die Grundlagen fĂŒr ein vertieftes VerstĂ€ndnis von Biomechanik, ErnĂ€hrung und Verdauung und die Voraussetzungen fĂŒr die Entwicklung der Endokrinologie, einem Fachgebiet, dass durch die Entdeckung der Hormone und des Sekretins im Jahre 1902 schnell wuchs. Die Bedeutung und Vielfalt der experimentellen physiologischen Methoden in Biologie und Medizin nahm im 19. Jahrhundert stetig zu, die Kontrolle von Lebensprozessen wurde in diesen Disziplinen als eine zentrale Aufgabe erkannt und Experimente spielten in der biologischen Ausbildung bald eine entscheidende Rolle.[74]
Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde biologische Forschung zunehmend das Ergebnis professioneller BemĂŒhungen. Bis dahin wurde die meiste Arbeit noch immer im Bereich der Naturgeschichte geleistet, wo die morphologische und phylogenetische Untersuchung Vorrang vor der experimentellen Ursachenerforschung hat. Allerdings wurden die Studien von anti-vitalistisch orientierten Physiologen und Embryologen immer einflussreicher. Der groĂe Erfolg von experimentellen Zugangsweisen in den Bereichen Entwicklung, Vererbung und Stoffwechsel zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte die ErklĂ€rungskraft biologischer Experimente. Dies trug dazu bei, dass in den folgenden Jahrzehnten die experimentelle Arbeit die Naturgeschichte als vorherrschende Forschungsmethode ersetzte.[75]
Im frĂŒhen 20. Jahrhundert sahen sich Naturforscher zunehmend der Erwartung ausgesetzt, hĂ€ufiger experimentelle Methoden einzusetzen. So entstand die Ăkologie als eine Kombination von Biogeographie einerseits und dem Konzept des von Chemikern begrĂŒndeten biogeochemischen Zyklus. Die im Feld arbeitenden Biologen entwickelten ebenfalls quantitative Methoden wie das Quadrat und lernten Laborinstrumente und Kameras zu benutzen, um so ihre Arbeit stĂ€rker von der traditionellen Naturgeschichte abzugrenzen. Zoologen und Botaniker taten alles, was sie konnten, um die unvorhersehbaren Aspekte der lebenden Welt zu mildern, indem sie Laborexperimente durchfĂŒhrten und halb kontrollierte Naturumgebungen wie etwa GĂ€rten studierten. Neue Institutionen wie das Carnegie Station for Experimental Evolution und das Marine Biological Laboratory ermöglichten es den Wissenschaftlern, stĂ€rker kontrollierte Umgebungen fĂŒr das Studium von Organismen und ihres gesamten Lebenszyklus zu benutzen.[76]
Das Konzept der ökologischen Sukzession wurde in der Zeit von 1900 bis 1910 von Henry Chandler Cowles und Frederic Edward Clements erfunden und war fĂŒr die frĂŒhe Pflanzenökologie bedeutsam. Die von Alfred Lotka entwickelten Lotka-Volterra-Regeln und die von ihm entdeckte RĂ€uber-Beute-Beziehung sowie die Arbeiten George Evelyn Hutchinsons zur Biogeographie und biogeochemischen Struktur von Seen und FlĂŒssen (Limnologie) und Charles Sutherland Eltons Arbeiten zur Nahrungskette von Tieren waren im Bereich der ökologischen Subdisziplinen Vorreiter bei der EinfĂŒhrung von quantitativen Methoden. Die Ăkologie wurde in den Jahren von 1940 bis 1950 zu einer unabhĂ€ngigen Disziplin nachdem Eugene P. Odum viele Konzepte der Ăkosystemökologie entwickelt hat und so die Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen von Organismen (insbesondere Materie- und EnergieflĂŒsse) in das Blickfeld der Forschung rĂŒckte.[77]
Als in den 1960er Jahren Evolutionsbiologen die Möglichkeit unterschiedlicher Selektionsziele untersuchten, wandten sich auch Ăkologen der Evolutionstheorie zu. In der Populationsökologie wurde die Frage diskutiert, ob es eine Gruppenselektion geben könne. Allerdings waren nach 1970 die meisten Biologen der Ansicht, dass die natĂŒrliche Selektion nur selten oberhalb der Ebene von individuellen Organismen wirksam ist. Die Evolution von Ăkosystemen wurde schlieĂlich zu einem bestĂ€ndigen Forschungsgegenstand. Die Ăkologie wuchs schnell mit dem Aufkommen von Umweltbewegungen. Im Rahmen des International Biological Program wurde schlieĂlich versucht, die Methoden der GroĂforschung, die in der Physik so erfolgreich waren, auch im Bereich der Ăkosystemökologie einzufĂŒhren und so Umweltprobleme in den Fokus der Ăffentlichkeit zu rĂŒcken. Gleichzeitig halfen kleinere Unternehmen wie die Inselbiogeographie oder das Hubbard Brook Experimental Forest im White Mountain National Forest dabei, die Vielfalt der Ăkologie hervorzuheben.[78]
Im Jahr 1900 wurde Mendel wiederentdeckt: Hugo de Vries, Carl Correns und Erich Tschermak-Seysenegg entdeckten unabhĂ€ngig voneinander die mendelschen Regeln, die sich allerdings so nicht in Mendels Werk finden.[79] Bald danach erklĂ€rten die Zellforscher Walter Sutton und Theodor Boveri, dass die Chromosomen das Erbmaterial enthielten. Zwischen 1910 und 1915 wurden von Thomas Hunt Morgan und seinen SchĂŒlern in ihrem âFliegen-Laborâ die kontroversen Ideen zur âmendelschen Chromosomentheorie der Vererbungâ miteinander verbunden.[80] Sie schufen ein MaĂ fĂŒr die StĂ€rke einer genetischen Verbindung und schlossen daraus, dass die Gene auf den Chromosomen aufgereiht sind wie âPerlen auf einer Schnurâ. Sie behaupteten, dass Crossing-over diese Verbindung erklĂ€re und fĂŒhrten den Begriff der Genkopplung im Falle der Fruchtfliege Drosophila melanogaster ein, die so ein weithin benutzter Modellorganismus wurde.[81]
Hugo de Vries versuchte die neue Genetik mit der Evolutionstheorie zu verbinden. Seine Studien zur Hybridisierung erweiterte er so zu einer Theorie des Mutationismus, die im frĂŒhen 20. Jahrhundert eine breite Anerkennung fand. Der Lamarckismus hatte ebenso zahlreiche AnhĂ€nger. DemgegenĂŒber erschien der Darwinismus unvereinbar mit den ĂŒbergangslos variablen Merkmalen (wie etwa der KörpergröĂe), die von den Biometrikern erforscht wurden. Diese Merkmale wurden nur teilweise fĂŒr erblich gehalten. Nachdem sich in den Jahren zwischen 1920 und 1930 die Morgansche Chromosomentheorie der Vererbung durchgesetzt hatte, wurde die Populationsgenetik auf der Grundlage der Arbeiten von Ronald Aylmer Fisher, J. B. S. Haldane und Sewall Wright entwickelt und zusammen mit den Konzepten der natĂŒrliche Selektion und der mendelschen Regeln zur synthetischen Evolutionstheorie vereinigt. Die Vorstellung einer Vererbung erworbener Eigenschaften wurde von den meisten Wissenschaftlern verworfen und der Mutationismus durch die neue Genetik ersetzt.[82]
In der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts wurde das Konzept der Populationsgenetik auf die neuen Disziplinen der Verhaltensforschung, der Soziobiologie und der evolutionĂ€ren Psychologie angewandt. In den 1960er Jahren entwickelte William D. Hamilton spieltheoretische ZugĂ€nge, um aus evolutionstheoretischer Sicht mittels Verwandtenselektion den Altruismus zu erklĂ€ren. Kontroverse Debatten um den vermuteten Ursprung höherer Organismen durch Endosymbiose und die entgegengesetzten Konzepte zur molekularen Evolution insbesondere ĂŒber âegoistische Geneâ, die die Selektion fĂŒr den Hauptmotor der Evolution halten, einerseits und die neutrale Theorie, die den Gendrift zu einem SchlĂŒsselmechanismus gemacht haben, andererseits haben eine bestĂ€ndige Debatte ĂŒber die angemessene Ausgewogenheit von Adaptationismus und Zufall in der Evolutionstheorie ausgelöst.[83]
In den 1970er Jahren haben Stephen Jay Gould und Niles Eldredge ihre Theorie des âpunctuated equilibriumâ entwickelt. Ihr zufolge trĂ€gt die sogenannte Stasis â Zeiten, in denen keine evolutionĂ€re VerĂ€nderung geschieht â zum Hauptanteil der fossilen Befunde bei, so dass sich die meisten evolutionĂ€ren VerĂ€nderungen schnell und in zeitlich kurzen Abschnitten ereignen mĂŒssen.[84] Um 1980 haben Luis Alvarez und Walter Alvarez vorgeschlagen, dass ein Impakt fĂŒr die Kreide-TertiĂ€r-Grenze verantwortlich sei.[85] Etwa zur gleichen Zeit haben Jack Sepkoski und David M. Raup eine statistische Analyse mariner Fossilien veröffentlicht und damit die Bedeutung von Massenaussterben fĂŒr die Geschichte des Lebens auf der Erde hervorgehoben.[86]
Zum Ende des 19. Jahrhunderts waren alle wichtigen Mechanismen des Arzneistoff-Metabolismus erforscht und die GrundzĂŒge der Proteinsynthese, des FettsĂ€uremetabolismus und der Harnstoffsynthese bekannt.[87] In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurden Vitamine isoliert und synthetisiert. Verbesserte Labormethoden wie Chromatographie und Elektrophorese fĂŒhrten zu schnellen Fortschritten in der physiologischen Chemie, einer Disziplin, die sich als Biochemie von ihren medizinischen UrsprĂŒngen emanzipierte. Zwischen 1920 und 1930 begannen Biochemiker wie Hans Krebs, Carl und Gerty Cori die zentralen Stoffwechselwege aller Organismen zu erforschen: Citratzyklus, Glykogensynthese, Glykolyse und die Synthese von Steroiden und Porphyrinen. Zwischen 1930 und 1950 haben Fritz Lipmann und andere Wissenschaftler die Rolle des Adenosintriphosphats als universalen EnergietrĂ€ger und Mitochondrien als die Kraftwerke der Zelle entdeckt. Diese traditionelle Form biochemischer Forschung wurde wĂ€hrend des ganzen 20. Jahrhunderts sehr erfolgreich fortgesetzt.[88]
Aufgrund der Erfolge der klassischen Genetik wandten sich viele Biologen und eine ganze Reihe bekannter Physiker der Frage nach der Natur der Gene zu. Der Leiter der Forschungsabteilung der Rockefeller Foundation, Warren Weaver, unterstĂŒtze dieses Interesse, indem er Forschungsgelder zur VerfĂŒgung stellte, die dazu dienen sollten physikalische und chemische Untersuchungsmethoden fĂŒr fundamentale biologische Probleme zu entwickeln. Er schuf dafĂŒr 1938 den Begriff Molekularbiologie. Weaver war mit diesem Ansatz sehr erfolgreich, in den 30er und 40er Jahren wurden viele bedeutende Forschungserfolge von der Rockefeller Foundation finanziert. [90]
Ăhnlich wie die Biochemie erlebten auch die im Spannungsfeld von Biologie und Medizin angesiedelten Teildisziplinen Bakteriologie und Virologie (spĂ€ter zur Mikrobiologie zusammengefasst) im frĂŒhen 20. Jahrhundert rasche Fortschritte. FĂ©lix Hubert dâHĂ©relle's Isolierung der Bakteriophagen wĂ€hrend des Ersten Weltkrieges ermöglichte viele Einsichten in die Genetik von Phagen und Bakterien.[91]
Entscheidend fĂŒr die Entwicklung der Molekulargenetik war die Verwendung von Modellorganismen. Durch sie wurden reproduzierbare Experimente vereinfacht und standardisierte Ergebnisse waren so leichter zu erhalten. Nach den erfolgreichen Arbeiten mit Drosophila und Mais wurde mit der Entdeckung von einfachen Modellorganismen, wie dem Schleimpilz Neurospora crassa, das Studium der Beziehungen zwischen Genetik und Biochemie sehr viel einfacher. Dies erlaubte es Tatum und Beadle im Jahr 1941 die bekannte âEin Gen-ein Enzym-Hypotheseâ aufzustellen. Die Experimente an Tabakmosaikviren und Bacteriophagen, die zu dieser Zeit erstmals mithilfe von Elektronenmikroskop und Ultrazentrifuge durchgefĂŒhrt wurden, zwangen die Wissenschaftler, den Begriff des Lebens neu zu ĂŒberdenken. Die Tatsache, dass es sich im Falle der Bakterienviren um selbststĂ€ndig ohne Hilfe eines Zellkerns vermehrende Nukleoproteine handelte, stellte die weithin akzeptierte mendelsche Chromosomentheorie der Vererbung in Frage.[92]
Oswald Avery zeigte im Jahr 1943, dass eher DNA und nicht Protein das in Chromosomen enthaltene genetische Material war, ein Sachverhalt, der 1952 im Hershey-Chase-Experiment bestĂ€tigt wurde, einer Arbeit der sogenannten Phagengruppe um Max DelbrĂŒck (Biophysiker). 1953 schlugen James D. Watson und Francis Crick unter Kenntnis der Arbeiten von Rosalind Franklin das Doppelhelix-Modell der DNA vor. In ihrer berĂŒhmten Arbeit âMolecular structure of Nucleic Acidsâ bemerkten Watson und Crick umstĂ€ndlich: âIt has not escaped our notice that the specific pairing we have postulated immediately suggests a possible copying mechanism for the genetic material.â[93]
Nachdem der Meselson-Stahl-Versuch von 1958 das Konzept der semikonservativen Replikation der DNA bestĂ€tigt hatte, war klar, dass die Abfolge der Basen in einem DNA-Strang in irgendeiner Weise die AminosĂ€uresequenz von Proteinen determiniert. Daher schlug der Physiker George Gamow einen feststehenden genetischen Code vor, der Protein- und DNA-Sequenz verbinden mĂŒsste. Zwischen 1953 und 1961 waren nur wenige DNA- oder AminosĂ€uren-Sequenzen bekannt, dafĂŒr gab es umso mehr VorschlĂ€ge fĂŒr ein Code-System. Die Situation wurde noch dadurch kompliziert, dass die Kenntnisse ĂŒber die vermittelnde Rolle der RNA zunahmen. TatsĂ€chlich war eine groĂe Anzahl an Experimenten notwendig, um den gegentischen Code schlieĂlich zu entziffern, was Nirenberg und Khorana in den Jahren 1961â1966 gelang.[94]
Zum Ende der 1950er Jahre entwickelte sich neben dem Biologiedepartment am Caltech, dem Laboratory of Molecular Biology (und seinen VorlĂ€ufern) an der Cambridge University das Institut Pasteur zu einem Schwerpunkt der molekularbiologischen Forschung. [95] Die Wissenschaftler in Cambridge, allen voran Max Perutz und John Kendrew, konzentrierten sich dabei auf die Strukturbiologie, indem sie Kristallstrukturanalysen und Molekulare Modellierung kombinierten und rechnergestĂŒtzte Analysen der gewonnenen Daten nutzten. Sie profitierten dabei mittelbar und unmittelbar von der militĂ€rischen Forschungsförderung. Einige Biochemiker um Frederick Sanger kamen an das âLaboratory of Molecular Biologyâ und begannen damit, funktionelle und strukturelle Aspekte in der Untersuchung von biologischen MakromolekĂŒlen zu verbinden.[96] Am Institut Pasteur haben François Jacob und Jacques Monod (Biologe) in der Folge des sog. PaJaMo Experimentes[97] das Konzept der Genregulation bei Bakterien entwickelt. Ihre Untersuchungen zum lac-Operon fĂŒhrten zur AufklĂ€rung der Rolle der messenger RNA bei der Genexpression.[98] Damit war Mitte der 1960er Jahre der konzeptionelle Kern der Molekularbiologie als ein Modell der molekularen Grundlagen von Stoffwechsel und Reproduktion im Wesentlichen vollstĂ€ndig.[99]
Obwohl die Molekularbiologie ein Forschungsgebiet ist, das erst wenige Jahre zuvor eine konzeptionelle Festigung erfuhr, ermöglichten in den spĂ€ten 50er und frĂŒhen 70er Jahre des 20. Jahrhunderts erhebliche Mittelzuwendungen ein intensives Wachstum von Forschung und Institutionalisierung der Molekularbiologie. Weil sich die Methoden der Molekularbiologie genauso wie deren Anwender rasch verbreiteten und so mit der Zeit Institutionen und ganze Teildisziplinen dominierten, was zu erheblichen Konflikten mit anderen Wissenschaftlern fĂŒhrte, prĂ€gte der Biologe Edward Osborne Wilson den Begriff âThe Molecular Warsâ.[100] Die âMolekularisierungâ der Biologie fĂŒhrte in den Bereichen der Genetik, Immunologie und Neurobiologie zu bedeutenden Fortschritten. Gleichzeitig wurde die Idee, dass das Leben von einem âgenetischen Programmâ determiniert wird â ein Konzept, das Jacob und Monod aus dem aufstrebenden Forschungsfeld er Kybernetik und Computerwissenschaft ĂŒbernahmen â zu einem einflussreichen Paradigma in der gesamten Biologie.[101] Insbesondere die Immunologie wurde in der Folge stark durch die Molekularbiologie beeinflusst und wirkte in diese zurĂŒck: die Klon-Selektionstheorie, die von Niels Kaj Jerne und Frank Macfarlane Burnet in der Mitte der 1950er Jahre entwickelt wurde, half dabei, das VerstĂ€ndnis fĂŒr die Mechanismen der Proteinsynthese zu verbessern.[102]
Der Widerstand gegen den wachsenden Einfluss der Molekularbiologie war besonders groĂ in der Evolutionsbiologie. Die AufklĂ€rung von Proteinsequenzen hat aufgrund der Molecular-Clock-Hypothese fĂŒr quantitative Untersuchungen in der Evolution eine groĂe Bedeutung. Dennoch stellten fĂŒhrende Evolutionsbiologen die Bedeutung der Molekularbiologie in Frage, wenn es etwa darum geht, die Ursachen der Evolution zu verstehen. Institute und Fachgebiete zerbrachen, als die organismisch orientierten Biologen ihren Einfluss und ihre UnabhĂ€ngigkeit durchsetzten. 1973 prĂ€gte Theodosius Dobzhansky mit dem Satz âNothing in biology makes sense except in the light of evolution.â die Haltung der Evolutionsbiologen gegen die drohende Dominanz der Molekularbiologie. Mit Motoo Kimura's Veröffentlichung seiner Arbeiten zur neutralen Theorie der molekularen Evolution im Jahre 1968 verschĂ€rfte sich die Situation. Kimura schlug vor, dass die natĂŒrliche Selektion nicht die in allen evolutionĂ€ren Prozessen allein wirkende Kraft sei. Zumindest auf der Ebene der MolekĂŒle sollte die Molekulare Evolution ein fundamental anderer Prozess sein, als die morphologische Evolution der Organismen. Das sogenannte MolekĂŒl-Morphologie-Dilemma steht seit den 1960er Jahren im Mittelpunkt der Forschungen zur Molekularen Evolution.[103]
Die Biotechnologie im engeren Sinne ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein bedeutender Teil der Biologie. Im Zuge der Industrialisierung von Brauerei und Landwirtschaft wurde Biologen und Chemikern bewusst, welche auĂergewöhnlichen Möglichkeiten sich bieten, wenn biologische VorgĂ€nge von Menschen kontrolliert werden. Insbesondere der Fortschritt im Bereich der industriellen Fermentation bereitete der chemischen Industrie geradezu ein FĂŒllhorn neuer Möglichkeiten. Seit den 1970er Jahren wurden zahlreiche neue biotechnologische Fertigungsprozesse entwickelt. Diese ermöglichten die Herstellung so verschiedener Produkte wie Medikamente von Penicillin bis zu Steroiden, Nahrungsmitteln wie Chlorella, Treibstoffen wie Ethanol-Kraftstoff und eine Vielzahl hybrider Hochertragssorten und neuer landwirtschaftlicher Technologien im Rahmen der grĂŒnen Revolution. [104]
Die Biotechnologie im modernen Sinne des Genetic Engineering entstand in den 1970er Jahren mit der Erfindung der rekombinanten DNA-Technologien. Die Entdeckung und Charakterisierung von Restriktionsenzymen durch Werner Arber folgte der Isolierung und Synthese viraler Gene. Herbert Boyer isolierte das Restriktionsenzym EcoRI und Arthur Kornberg die DNA-Ligasen. Auf diesen Vorarbeiten aufbauend, gelang Paul Berg 1972 die Herstellung der ersten transgenen Organismen. Die Verwendung von Plasmid-Vektoren erlaubte es dann, Gene fĂŒr Antibiotika-Resistenzen in Bakterien einzubauen, was die Effizienz von Kloningexperimenten erheblich verbesserte.[105][106]
Im Bewusstsein potentieller Gefahren (insbesondere der befĂŒrchteten Verbreitung krebsverursachender Gene durch rekombinante Bakterien) reagierten Wissenschaftler und eine groĂe Anzahl von Kritikern nicht nur mit Begeisterung ĂŒber die neuen Möglichkeiten sondern auch mit Ăngsten und der Forderung nach Restriktionen. Daher unterstĂŒtzten fĂŒhrende Molekularbiologen um Paul Berg ein Forschungsmoratorium, das von den meisten Wissenschaftlern mitgetragen wurde, bis 1975 auf der Konferenz von Asilomar Richtlinien fĂŒr den sicheren Umgang mit genetisch verĂ€nderten Organismen vereinbart wurden.[107] Nach Asilomar wurden die neuen genetischen Methoden sehr schnell weiter verbessert. Frederick Sanger und Walter Gilbert entwickelten unabhĂ€ngig voneinander zwei verschiedene DNA-Sequenzierungsverfahren. Methoden zur Oligonukleotid-Synthese und Verfahren zum Einbau von DNA in Zellen waren ebenso in kurzer Zeit verfĂŒgbar.[108]
Ebenso lernte man bald (an UniversitĂ€ten wie in der Industrie) wirkungsvolle Verfahren zur Genexpression transgener Organismen und setzte diese ein, um menschliche Hormone in Bakterien herzustellen. Allerdings musste man bald feststellen, dass die damit verbundenen Schwierigkeiten gröĂer waren, als man zunĂ€chst vermutet hatte. Ab 1977 wurde klar, dass eukaryotische Gene Introns enthalten, also gestĂŒckelt sein können und daher nach der Transkription ein Splicing notwendig ist, damit die Zelle aus der messenger RNA ein Protein herstellen kann. Die dafĂŒr notwendigen Enzymsysteme gibt es in Bakterien nicht, weshalb man fĂŒr die Genexpression menschlicher Gene in Bakterien keine genomische DNA verwenden kann sondern cDNA-Bibliotheken herstellen muss.[109] Der Wettlauf, um die Herstellung menschlichen Insulins in Bakterien wurde von der Firma Genentech gewonnen. Mit diesem Erfolg begann der sogenannte Biotech-Boom und mit ihm einerseits die Ăra von Gen-Patenten und einer vorher nicht fĂŒr möglich gehaltenen Verquickung von biologischer Forschung, industrieller Fertigung und Gesetzgebung.[110]
Mit dem Beginn der 1980er Jahre hatte die Proteinsequenzierung bereits die Methoden wissenschaftlicher Klassifikation von Organismen revolutioniert (insbesondere die Kladistik). Bald begannen Biologen auch damit, RNA- und DNA-Sequenzen als phĂ€notypische Merkmale zu betrachten. Dies erweiterte die Bedeutung des Forschungsfeldes der molekularen Evolution in der Evolutionsbiologie, da man nun die Ergebnisse der molekularen Systematik mit den Befunden der traditionellen evolutionĂ€ren StammbĂ€ume auf der Grundlage der Morphologie vergleichen konnte. Im Zuge der Ideen von Lynn Margulis zur Endosymbiontentheorie (der Annahme, dass die Organellen eukaryotischer Zellen von frei lebenden porkaryotischen Organismen durch Symbiose abstammen) bahnte den Weg zu einer neuen Einteilung des Stammbaums der Organismen. In den 1990er Jahren wurde die Annahme von fĂŒnf Reichen von Lebewesen (Tiere, Pflanzen, Pilze, Protisten und Moneren) durch das Konzept dreier Reiche ( Archaeen, Bakterien und Eukaryoten) ersetzt. Die Dreiteilung beruht dabei auf einem Vorschlag von Carl Woeses Pionierarbeiten der molekularen Systematik auf der Grundlage der Sequenzierung von 16S ribosomaler RNA.[111] Die Entwicklung und weite Verbreitung der Polymerase-Kettenreaktion (PCR) in der Mitte der 1980er Jahre durch Kary Mullis und andere von der Firma Cetus Corp. stellte einen weiteren Wendepunkt in der Geschichte der modernen Biotechnologie dar. Durch sie wurden DNA-Analysen erheblich vereinfacht. Zusammen mit der Anwendung von Expressed Sequence Tags fĂŒhrten PCR-Untersuchungen zur Entdeckung von viel mehr Genen, als mithilfe traditioneller Methoden möglich gewesen wĂ€re und eröffnete die Möglichkeit der Sequenzierung kompletter Genome.[112]
Mit der Entdeckung der homeobox-Gene, zuerst im Falle der Fruchtfliege und dann bei anderen Tieren, einschlieĂlich des Menschen wurde deutlich, in welch groĂem AusmaĂ die Morphogenese der Organismen Ă€hnlichen Regeln und Gesetzen folgt. Diese Entdeckung fĂŒhrte zu einer FĂŒlle neuer Erkenntnisse im Bereich der Entwicklungsbiologie und zu einem vertieften verstĂ€ndnis dafĂŒr, wie sich KörperbauplĂ€ne im Tierreich entwickelt haben.[113]
Das Human Genome Project - das gröĂte und teuerste je unternommene biologische Forschungsprojekt - startete im Jahre 1988 unter der FĂŒhrung von James D. Watson, nachdem vorbereitende Projekte an einfachen Organismen wie E. coli, S. cerevisiae und C. elegans erfolgreich waren. Mithilfe der Methode der Schrotschuss-Sequenzierung und Genisolierungsverfahren, die von Craig Venter entwickelt wurden, startete das Unternehmen Celera Genomics ein privat finanziertes Konkurrenzprojekt zum staatlich geförderten Human Genome Projekt. Der Wettstreit endete im Jahre 2000 mit einem Kompromiss, bei dem beide Teams ihre Ergebnisse der Sequenzierung des kompletten menschlichen Genoms gleichzeitig vorstellten.[114]
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam es zu einer Vereinigung der biologischen Disziplinen mit der Biophysik, einer zuvor eigenstĂ€ndigen Abspaltungen aus der Physik und Biologie. Hier wurden Fortschritte im Bereich der Entwicklung neuartiger Methoden gemacht aus dem Beriech der analytischen Chemie und Physik gemacht, die nun in der Biologie angewendet wurden. Dazu zĂ€hlen verbesserte Sensoren, optische Methoden, Biomarker, Signalprozessoren, Roboter, Messinstrumente und erhebliche Verbesserungen im Bereich der computer gestĂŒtzen Analyse und Speicherung von digitalisierten Daten, der Visualisierung von spektrokopischen- und Sequenzdaten und Simulation von Prozessen im Computer. Davon profitierten experimentelle Verfahren genauso wie theoretische Untersuchungen, Datensammlungen und Veröffentlichungen im Internet vor allem in den Bereichen der molekularen Biochemie und Ăkosystemforschung. Dadurch wurde es fĂŒr Forscher in der ganzen Welt möglich, gemeinsam an theoretischen Modellen, kompexen Computersimulationen, rechnergestĂŒtzten Vorhersagen fĂŒr experimentelle Verfahren und weltweiten Datensammlungen zu arbeiten und die Ergebnisse in offenen Peer-Review-Verfahren zu ĂŒberprĂŒfen und gemeinsam zu veröffentlichen. Neue Forschungsfelder entstanden durch den Zusammenschluss bisher getrennter Disziplinen, wie im Falle der Bioinformatik, Theoretische Biologie, Computer-Genomik, Astrobiologie und der synthetischen Biologie.
| |
Dieser Artikel befindet sich derzeit im Review-Prozess. Sag dort deine Meinung zum Artikel und hilf mit, ihn zu verbessern! |