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Gottfried Benn (* 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; †7. Juli 1956 in Berlin) war ein deutscher Arzt, Dichter und Essayist.
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Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 als zweitältestes Kind der acht Nachkommen[1] des protestantischen Pastors Gustav Benn und dessen Frau Caroline Benn (geb. Jequier; aus dem schweizerischen Jura gebürtig) in dem Dorf Mansfeld bei Putlitz im Kreis Westprignitz geboren. Zu seinen Geschwistern zählte unter anderem Theodor Benn, der in den 1920er Jahren aufgrund seiner Beteiligung an einem Fememord bekannt wurde. Als Benn ein halbes Jahr alt war, zog die Familie nach Sellin in die Neumark. Aufgrund des Einkommens als Landpfarrer waren die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie knapp bemessen und mussten durch eine eigene kleine Landwirtschaft aufgebessert werden. Seine Kindheit thematisierte Benn z.B. in der Prosaschrift Lebensweg eines Intellektualisten (1934) und in Gedichten mitunter in sehnsuchtsvollem Ton als unbewusst-glückliche Zeit.
Bestimmend für Benns Sozialisation war eine gewisse soziale Schieflage. Er wuchs gleichermaßen mit Landarbeiterkindern wie mit Söhnen des ostelbischen Adels auf. Er gehörte trotz der privilegierten Stellung aufgrund Amt und Bildung des Vaters und aufgrund dessen relativer Besitzlosigkeit und des Standesunterschiedes eben doch nicht zur Schicht der Junkersöhne.[3] Der Bennbiograph Thilo Koch folgerte daraus eine nicht vollendete Sozialisation und Entwurzelung Benns und ein bedrückendes Gefühl wegen seiner Armut, welches einen auch im späteren Leben nachzuweisenden Minderwertigkeitskomplex zur Folge gehabt habe.[4]
Benns Verhältnis zu seinem Vater war über weite Strecken sehr gespannt und von gegenseitiger Fremdheit geprägt. Dieser blieb für ihn mit seiner patriarchalischen, pietistischen, aber auch sozialdemokratischen Prägung immer ein Reibungspunkt und noch in Benns eigenen Worten von 1954 wird er als großer Zelot und Fanatiker[5] beschrieben. Später stieß Benn – ähnlich wie den Pastorensohn Nietzsche – zunehmend der permanente religiöse Bezug ab, der in Benns Worten alles nur mit Gott oder dem Tod, aber nicht der Irdischkeit verknüpfte.[6]
Zu seiner Mutter hatte er ein innigeres, emotionales Verhältnis. Dies zeigt auch sein Gedicht Mutter angesichts deren Tod im Jahr 1912:
Als Benns Mutter dann an Brustkrebs litt, verbot sein Vater dem schon approbierten Sohn aus religiösen Gründen – da der Schmerz gottgewollt sei – die Behandlung der Mutter mit schmerzlindernden Morphinen. Dies führte zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Benn und seinem Vater, und Benn unterbrach den Kontakt für die nächsten Jahre.[8] Dieser Gesamtkomplex eines Vater-Sohn-Konfliktes ist exemplarisch in Benns zwischen 1912 und 1917 geschriebenen und 1922 veröffentlichtem Gedicht Pastorensohn zu beobachten, in dem er – bis zur Kastration des Vaters gehend – mit diesem radikal abrechnet:
Im Gedichtzyklus Söhne von 1913 scheint die Kritik am Vater dann in einem im Expressionismus durchaus üblichen Gesamtzusammenhang eines historischen und überindividuellen Generationenkonflikts[10] erneut auf (Gedicht Schnellzug):
Von September 1897 bis September 1903 besuchte er das Friedrichs-Gymnasium in Frankfurt (Oder), in dem er auch das Reifezeugnis erwarb. Er wohnte vier Jahre in einer Pensionsstube zusammen mit dem gleichaltrigen Grafen Heinrich Finck von Finckenstein, den er schon seit dem Hauslehrerunterricht seines Vaters bei der Familie kannte. Benn hatte allgemein eher mittelmäßige Noten. In Latein und Altgriechisch war er dagegen gut. Dies spiegelt sich später auch in der engen Beziehung seiner Dichtung zur griechischen Antike und ihrer Mythologie und Götterwelt wider.[12]
Nach seinem Abitur im September 1903 wollte Benn sofort Medizin studieren. Dies widersprach aber den Vorstellungen seines Vaters, da es ein langes und teures Studium darstellte und dieser Benn gerne als Nachfolger in seinem Pfarramt gesehen hätte. Zum Wintersemester 1903/1904 nahm Benn also das Studium der Evangelischen Theologie und der Philosophie in Marburg auf. Er wohnte zunächst billig im Korporationshaus der dort ansässigen Turnerschaft, der schon sein Vater angehört hatte.[13] Er wechselte im Wintersemester 1904/1905 zum Philologiestudium an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Benn scheint für beide Studiengänge wenig Interesse aufgebracht zu haben und wurde im Sommer 1905 wegen „Unfleißes“ aus der Universitätsmatrikel gestrichen.
Nun stellte der Vater sich einem Medizinstudium des Sohnes nicht mehr in den Weg. Aus Kostengründen kam aber nur ein Studium an der Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen in Frage. Diese ermöglichte eine nahezu kostenfreie Ausbildung unter der Auflage, für jedes Studiensemester später ein Jahr als Militärarzt zu dienen. Benn hat die Bedeutung dieser qualitativ hochstehenden, strengen, aber auch vielseitigen Ausbildung für seine Entwicklung später positiv hervorgehoben:[14]
Durch seine sechsjährige Studienzeit nahm Benn einen lebenslangen von Zeitzeugen häufig angemerkten – durch das preußische Militär als Lebensform geprägten geistigen wie auch gesellschaftlichen Habitus an.[16] Ab Oktober 1910 war Benn Unterarzt im Infanterie-Regiment 64 in Prenzlau und hospitierte gleichzeitig von Oktober 1910 bis November 1911 als Unterarzt in der Charité, vermutlich in der Psychiatrie. In dieser Zeit verfasste Benn mehrere medizinische Studien zu psychiatrischen Fragestellungen, von denen eine (Die Ätiologie der Pubertätsepilepsie) den ersten Preis der Berliner Medizinischen Fakultät von 1910 errang. Im Oktober 1911 legte er sein medizinisches Staatsexamen ab, erhielt die Approbation, und promovierte 1912 mit Über die Häufigkeit von Diabetes mellitus im Heer zum Doktor der Medizin.[17]
Zwischen 1910 und 1912 trat Benn in Verbindung mit dem Umfeld des Expressionismus zuzuordnenden Dichtern und Publizisten wie Carl Einstein, Alfred Lichtenstein, Franz Pfemfert, Herwarth Walden, und Paul Zech.[18] Noch während seiner Ausbildungszeit werden erste literarische Werke Benns veröffentlicht. Dies sind vier Gedichte im Jahr 1910, ein im selben Jahr in der Zeitschrift Der Grenzbote erschienener Text mit dem Titel Gespräch und der Prosatext Unter der Großhirnrinde. Briefe vom Meer im Jahr 1911. In beiden Texten werden in fiktiven Gesprächen zweier Protagonisten die Gegensatzpaare von Intellekt und Seele, Bewusstem und Unbewusstem sowie darauf aufbauende Modelle für die Dichtung diskutiert. Benn wird damit ein bald auch in literarischen Zirkeln bekannter und Aufsehen erregender Autor.[19]
Ab dem Sommer 1912 diente er als Arzt bei einem Pionierbataillon in Berlin-Spandau. Doch schon im März 1913 schied er aus gesundheitlichen Gründen („Wanderniere“) aus dem Militär aus. Benn nahm dann eine Assistentenstellung in der Pathologie der „Westend-Klinik am Spandauer Damm“ in Berlin-Charlottenburg an. Dort entwickelt er bei der Durchführung von nachweislich 197 Obduktionen seinen präzisen Beschreibungsstil, wie seine Sektionsprotokolle belegen. Ende 1913 wechselte er auf die Leiterstelle der Pathologie des Gynäkologischen Krankenhauses Charlottenburg. Aber auch bei dieser Stelle schied er Anfang 1914 auf „eigenen Wunsch“ wieder aus.[20] Erfahrungen des Arztes finden ihren unmittelbaren Niederschlag in den Gedichten des Morgue-Zyklus. Dieser erste Gedichtband Benns erschien 1912 unter dem Titel Morgue und andere Gedichte (1912). Die Veröffentlichung war ein Skandal und begründete Benns frühen Ruhm. Im Sommer 1912 begegnete er der Dichterin Else Lasker-Schüler, mit der sich darauf auch eine Liebesbeziehung entwickelte.[21]
1914 reiste er kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Schiffsarzt in die USA (auf diese Reise spielt Benn in seinen späteren Werken des Öfteren an: „[…] fuhr nach Amerika, impfte das Zwischendeck“) und vertrat danach für kurze Zeit den Chefarzt einer Lungenheilstätte im Fichtelgebirge. Im selben Jahr ging er die Ehe mit Edith Brosin, geb. Osterloh, ein. Die Tochter Nele wurde am 8. September 1915 geboren.
Benn hatte schon vor 1914 genügend Gelegenheit, den nicht selten arroganten und menschenverachtenden Habitus des deutschen Offizierskorps persönlich kennenzulernen. Diesen beschrieb er in einer Montage von Gesprächsfetzen in seinem 1912 erschienenen Gedicht Kasino. So beteiligte sich Benn auch nicht an der damals auch unter Intellektuellen aller politischen Richtungen 1914 weit verbreiteten nationalen Kriegsbegeisterung. Allerdings war er auch kein erklärter Kriegsgegner. Vielmehr stand er den ganzen Ereignissen eher in einer Mischung aus kühler Distanz und pflichtgemäßer, doch unengagierter Akzeptanz gegenüber.[22][23]
Gleich zu Beginn des Krieges wurde er eingezogen und zuerst an der Westfront in Feldlazaretten eingesetzt. Danach war er an der Erstürmung Antwerpens beteiligt und wurde dafür als einer der ersten Sanitätsoffiziere mit dem Eisernen Kreuz zweiter Klasse ausgezeichnet.[24][25] Anschließend wurde er im besetzten Belgien in der Etappe als Arzt in einem Krankenhaus für Prostituierte eingesetzt. In Brüssel wurde er von Thea Sternheim, der Frau des Dichters Carl Sternheim, empfangen und schrieb die meisten der unter dem Titel „Gehirne“ veröffentlichten „Rönne-Novellen“ nieder.
Benn schilderte diese Phase seines Lebens später in fast wehmütiger Erinnerung als eine Zeit des von sozialen und beruflichen Verpflichtungen freien Lebens, aber auch der Depersonalisierung innerhalb von Ausnahmezuständen:
In dieser Zeit hat Benn sich anscheinend auch kurzfristig durch die Einnahme von Kokain künstlerisch stimulieren lassen (in seinen eigenen Worten „Trance-Zustände innerer Konzentration, ein Anregen geheimer Sphären“).[28][29] Dies lassen auch Ausschnitte aus Benns Schriften beispielsweise in Der Garten von Arles, II, 84 und in seinen Gedichten Kokain und O Nacht („O Nacht! ich nahm schon Kokain, und Blutverteilung ist im Gange, …“) vermuten. An Ernst Jünger schrieb er 1951:
Dienstlich war er zur Anwesenheit bei Exekutionen verpflichtet; so war er auch bei der Hinrichtung der als Spionin verurteilten britischen Krankenschwester Edith Cavell zugegen und stellte als offizieller Arzt der deutschen Armee deren Tod fest. Nach den Erinnerungen von Thea Sternheim bewertete Benn die Exekution Cavells damals mit der „erschreckenden Sachlichkeit eines Arztes“ als kriegsbedingte Notwendigkeit und Normalität. Als der Fall Cavell 1928 durch einen englischen Film erneut propagandistisch in der Presse behandelt wurde, sah sich Benn zu einer Stellungnahme genötigt. In einer Berliner Abendzeitung beschrieb er als Zeitzeuge den Hergang des Prozesses und der Exekution. Obwohl er Cavell hier durchaus mit Empathie beschreibt, wertet Benn den damaligen Vorgang dennoch als unabdingbare und historisch folgerichtige Konsequenz der damaligen Zeit.
Im Spätsommer wird Benn mehr als ein Jahr vor Kriegsende demobilisiert. Die Gründe dafür sind nicht feststellbar. In Berlin arbeitete er dann für einige Wochen als Assistenzarzt für Dermatologie an der Charite, bevor er am 10. November 1917 seine eigene Praxis als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in der Belle-Alliance-Straße 12 (heute Mehringdamm 38), in der er auch eine Wohnung hatte, eröffnete. Benns Frau und Tochter wohnten allerdings in einer Familienwohnung in der Passauer Straße 20 im Bayerischen Viertel. Benns Tochter erinnerte sich später, dass der Vater ab und an, aber wohl nicht oft dort anwesend war.[31] Benn brauchte diese Trennung für seine Unabhängigkeit, seine literarische Produktion, aber auch für seine erotischen Abenteuer. So hatte Benn ab 1921 ein Verhältnis mit der zwölf Jahre jüngeren Bibliothekarin Gertrud Zenzes und in den zwanziger Jahren wurde ihm eine Liaison mit der Gesellschaftsfotografin Frieda Riess nachgesagt, der er auch ein Gedicht widmete.[32] Die von Benn erhaltenen Briefe aus dieser Zeit deuten an, dass er sich damals seelisch und auch körperlich nicht sehr wohl fühlte. Dazu mögen die wenig glückliche Ehe, sein Gelangweiltsein durch die alltäglichen beruflichen Aufgaben, aber auch eine allgemeine Depressivität beigetragen haben. Auch läuft seine Arztpraxis wirtschaftlich nicht sonderlich gut.[33] So schreibt er 1921:
Zu einem wichtigen Förderer und Freund wurde der jüdische Verleger Erich Reiss, der 1922 erstmals Gesammelte Schriften [35] Benns herausbrachte. Schon 1922 starb Edith Benn, seine erste Frau; die gemeinsame Tochter Nele wuchs daraufhin bei der dänischen Opernsängerin Ellen Overgaard auf.
In den 20er Jahren entstehen etliche neue Gedichte, sowie die Essays Das moderne Ich (1920) und der Prosatext Das letzte Ich. Das radikal-avantgardistische Vokabular seiner frühen Dichtung weicht gegen Ende der 20er Jahre zunehmend einem sanfteren und traditionellerem Ton.[36] Den massiven politisch-gesellschaftlichen Wirren und Veränderungen der Zeit steht Benn distanziert gegenüber und hält sich von den damit verbundenen erregten öffentlichen Auseinandersetzungen bewusst fern.[37]
1928 hielt Benn in Crossen an der Oder die Grabrede fĂĽr seinen Freund Klabund, im selben Jahr wurde er in den Berliner PEN-Club aufgenommen.
Das Verhältnis Benns zum Nationalsozialismus wird häufig klischeehaft in zwei scharf voneinander getrennten Phasen von Zustimmung und Ablehnung beschrieben. In Wirklichkeit war sein Verhalten gegenüber dem Nationalsozialismus weitaus vielschichtiger.[38] Die Dialektik im Wesen und Denken Benns schwankte zwischen leidenschaftlichem Engagement und resigniert, beleidigter Abkehr von der Politik in rein ästhetische Bereiche, was aber den künstlerischen Rang seines Werkes nicht berührte.[39] Benn war niemals – wie so viele andere – in einem der damals beliebten literarisch-weltanschaulichen Kreise (George-Kreis) bzw. in einer der vielen reaktionären politischen Gruppierungen der Zeit nach 1918 aktiv.
In den 1920er-Jahren zog Benn zunächst der italienische Faschismus an, wie er z.B durch die Kunstprogrammatik des Futuristen Marinetti verkörpert wurde. Auch ist eine gewisse geistige Nähe Benns zu Themen und Vorstellungen von Denkern der Konservativen Revolution evident. Nach Veröffentlichung der Gesammelten Gedichte 1927 trat die lyrische Produktion Benns stark hinter weltanschauliche Aufsätze und die publizistische Auseinandersetzung mit Intellektuellen des politisch linken Spektrum zurück. Doch noch in der Kontroverse mit Johannes R. Becher lehnt Benn 1930 jedes politische Engagement und die Beschäftigung mit sozialreformerischen Fragestellungen als eines wahren Dichters unwürdig ab. 1932 rückte Benn durch die Wahl in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste stärker in den Fokus des öffentlichen kulturpolitischen Interesses.
Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde er als Nachfolger Heinrich Manns zum kommissarischen Vorsitzenden der Sektion. Benn ließ eine Loyalitätsbekundung erscheinen, in der öffentliche politische Betätigung gegen die Regierung als unvereinbar mit der Akademie-Mitgliedschaft erklärt wurde. Doch schon im Aufsatz Expressionismus von 1933 sieht sich Benn zu einer Verteidigung dieser Kunstbewegung gegen nationalsozialistische Angriffe und zu einer Rechtfertigung seiner eigenen Position als einer ihrer literarischen Begründer genötigt.[40] Von 1933 bis zum sogenannten Röhm-Putsch (1934) setzte Benn sich vorübergehend durch essayistische Schriften für den Nationalsozialismus ein. Benn hatte sich in seinen frühen Aufsätzen von 1933 zwar deutlich für den neuen Staat, jedoch nicht explizit für dessen Führung durch eine Partei wie die NSDAP ausgesprochen. Schon damals war ihm klar, dass er falsche Hoffnungen auf die politische Praxis der neuen Regierung gesetzt hatte.[38] Dennoch trug er am 29. April 1933 die Akademie-Rede vor und unterschrieb das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler, das am 26. Oktober 1933 gedruckt wurde.
Die Willkür und Rechtslosigkeit des Judenboykotts – speziell auch in Bezug auf fünf in seinem Haus praktizierende ärztliche Kollegen – ließen in ihm schon 1933 Zweifel am neuen Staat aufkommen. Er stellte seine Bemühungen ein, sich einen staatlich sanktionierten Platz im nationalsozialistischen Literaturbetrieb zu sichern. Benns Publikationen nach 1934 sind dann verstärkt distanziert bis kritisch gegenüber dem NS-Regime.
Die Frage, warum Gottfried Benn öffentlich Partei für den nationalsozialistischen Staat ergriff, wird bis heute von einigen mit einem „Missverständnis“ (vgl. schon DER SPIEGEL 14/1950) erklärt. Diese Sichtweise legt auch Benn selbst in seiner Nachkriegs-Autobiographie Doppelleben nahe, wenn er dem „jungen Klaus Mann“ fast schon hellseherische Fähigkeiten attestiert, die er selbst zu diesem Zeitpunkt naturgemäß nicht habe besitzen können:
„[…] Die Lage im verworrenen Frühjahr 1933 war nun so, daß nach dem Fortgang der berühmtesten Träger der Abteilung hier ein knappes Dutzend Mitglieder zurückblieb, die sich dem Ansturm gewisser völkischer und volkhaft ausgerichteter Autoren gegenübersahen, die die alte Gruppe eliminieren und alle kulturellen Positionen besetzen wollten. Uns hielten sie alle mehr oder weniger für Kulturbolschewisten. Die Vorgänge spielten sich für uns im Dunkeln ab, niemand wußte, woran er war, und es standen nicht nur ideelle Frage zur Debatte, sondern auch materielle. Nicht für mich, ich habe nie einen Pfennig aus irgendeinem dieser Fonds bezogen oder irgendwelche anderen Vorteile gehabt […]“
In seiner Antwort an die literarischen Emigranten reagierte er auf private Vorhaltungen Klaus Manns öffentlich in den Massenmedien (Zeitungen und Rundfunk) und rechtfertigte seinen Verbleib im nationalsozialistischen Deutschland von 1933. Er befand sich, wie er im Vorwort zu Zwei Rundfunkreden. Der neue Staat und die Intellektuellen. Antwort an die literarischen Emigranten 1933 feststellt, am Ende „einer fünfzehnjährigen Entwicklung“ und mithin auf der Höhe des Zeitgeistes.
In diesen Rundfunkreden erblickte Benn eine „neue historische Lage“ mit dem „Sieg neuer autoritärer Staaten“ welche den „Sieg der nationalen Idee“ vorantrieben. „Werdendes Gesetz des neuen Jahrhunderts“ sei nach Benn ein „totaler Staat“ in Einklang mit dem „Erscheinen einer neuen revolutionären Bewegung“ und eines „neuen menschlichen Typs“.[46]
In der Erwiderung auf Klaus Mann und auch in anderen Äußerungen finden sich (wie z.B. im darauf gehaltenen kurzen Aufsatz Züchtung) explizit dem Nationalsozialismus sehr nahestehende Gedanken Benns zur Züchtung von Menschen und zur Eugenik:
Eine Durchsetzung seiner Kunstvorstellungen und seines Werkes gelang dem individualistischen und (ehemaligen) Expressionisten Benn im nationalsozialistischen Deutschland nicht. Nachdem schon seit September 1933 keine Gedichte von ihm mehr gesendet werden durften und seine Zulassung als Arzt gefährdet war, wurde Benn ab Mai 1934 verboten, Vorträge im Radio zu halten. Zwar wurde Benn noch im Frühjahr 1934 Vizepräsident der „Union nationaler Schriftsteller“. Er wurde jedoch schon bald (seit 1934) von verschiedenen Organen der Nationalsozialisten, wie z. B. im „Schwarzen Korps“ von Börries von Münchhausen (u.a.) angegriffen, der ihn wegen seines Namens, den er mit dem jüdischen "Ben" assoziierte, als "Juden" zu diffamieren suchte, und schließlich 1936 vom Völkischen Beobachter als "Schwein" bezeichnet. Auf die Unterstellungen Münchhausens reagierte Benn, indem er in Lebensweg eines Intellektualisten seine Abstammung aus einem deutschen Pfarrhaus betonte. Diese genealogischen Ausführungen nutzten Benn letztlich nichts.
Nach Aufgabe seiner Berliner Arztpraxis bemühte sich Benn 1935 erfolgreich um den Eintritt in die Wehrmacht; diese militärische Reaktivierung bezeichnete er als „aristokratische Form der Emigration“. In der Folgezeit wurde er Oberstabsarzt in der Wehrersatz-Inspektion Hannover. Heimisch ist er hier jedoch nie geworden, die Erzählungen „Weinhaus Wolf“ und „Doppelleben“ sowie die sogenannten „Stadthallen-Elegien“ – darunter das bekannte Gedicht „Astern“[47] – bieten einige Impressionen seines Hannover-Aufenthaltes. 1937 wurde er als militärischer Versorgungsarzt nach Berlin versetzt und nahm seine Wohnung in der Bozener Straße im Bayerischen Viertel von Berlin-Schöneberg. 1938 ging Benn die Ehe mit seiner Sekretärin Herta von Wedemeyer (Hannover) ein.
Seit 1938 schrieb Benn sehr offene private Briefe, welche ihn nach Peter J. Brenner leicht ins Konzentrationslager hätten bringen können.[48] 1938 wurde Benn aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Schreibverbot. Die Wehrdienststelle, in der er tätig war, wurde nach Landsberg an der Warthe verlegt; in der dortigen Kaserne verfasste er analysierende Essays zu seiner Lage und den Erscheinungsformen des Nationalsozialismus (nach der ersten Abrechnung Kunst und Drittes Reich von 1941 hier Block II, Zimmer 66 (1944, der Titel verweist wiederum auf sein Lebensthema "Doppelleben) u. a.).
Sein Gedicht Monolog von 1941 stellte eine unmissverständliche Verurteilung der nationalsozialistischen Barbarei dar.[49]
1945 kehrte Benn nach Berlin zurück und nahm die ärztliche Tätigkeit in seiner alten Praxis wieder auf. Seine Frau Herta hatte sich am 2. Juli aus Angst vor Vergewaltigung und Ermordung durch Soldaten der Roten Armee mit Morphium das Leben genommen.
Die literaturwissenschaftlichen Forschung nach 1945 konnte bislang nicht klären, aus welchen Gründen Benn mit dem nationalsozialistischen Regime kurz zusammenarbeitete. Es könnten eine prinzipiell antiegalitäre Haltung, eine Zustimmung für Gedanken der Konservativen Revolution oder eine damals nicht unübliche Ablehnung der Weimarer Republik und des Pluralismus sein. Nicht auszuschließen sind auch ein wirklicher Glaube an nationalsozialistisches Gedankengut oder ein reiner Opportunismus zwecks Förderung der eigenen literarischen Karriere im NS-Regime. Hinzu treten könnten eine teilweise konfuse und widersprüchliche gesellschaftlich-politische Haltung oder eine apolitische primär künstlerisch-ästhetische Haltung.
Seit dem Herbst 1948 durfte Benn wieder in Deutschland veröffentlichen; zuerst erschien jedoch im Schweizer Arche-Verlag der Band „Statische Gedichte“; der Verleger Max Niedermayer hatte die Druckerlaubnis in Westdeutschland erwirken können.
Im Gegensatz zu vielen anderen im Dritten Reich teilweise schuldig gewordenen Personen und Schriftstellern verdrängte Benn seine Beteiligung an der damaligen Zeit nach 1945 allerdings nicht. So beschrieb er seine frühere Haltung ohne sie damit zu entschuldigen als damals historisch und aus der persönlichen Biographie bedingt in folgenden Worten:
In den Jahren der frühen Bundesrepublik erlebte Benn einen rasanten Aufstieg. 1949 erschienen vier Bücher von Benn. Mit der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1951 fand seine Karriere ihren vorläufigen Höhepunkt. 1953, zu seinem 67. Geburtstag, wurde Benn durch Bundespräsident Theodor Heuss das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Diese Verleihung stieß u.a. beim Schutzverband Deutscher Autoren Nordwest e.V. auf Kritik. Benn sprach von einem "Amoklauf", der gegen ihn stattfinde.[53]
Im September 1950 nahm Dieter Wellershoff, damals Germanistikstudent in Bonn, Kontakt zu Benn auf. Er schrieb in jener Zeit seine Dissertation über Benn, die dieser sehr lobte.[54] Wellershoff wurde später Herausgeber von Benns Gesammelten Werken. 1951 schloss Benn Bekanntschaft mit der Schriftstellerin Astrid Claes und 1954 mit der fünfunddreißig Jahre jüngeren Studentin Ursula Ziebarth. Mit Ursula Ziebarth beendete er nach einem Jahr die Beziehung. Er pflegte Kontakte unter anderem zu Karl Schwedhelm.
Als eines seiner populärsten Gedichte, das vielfach auch als Benns persönliche Lebensbilanz verstanden wurde, entstand 1953 das Gedicht Nur zwei Dinge mit dem Fazit:
Gottfried Benn litt seit Beginn des Jahres 1956 unter heftigen Schmerzen, deren Ursache, Knochenkrebs, jedoch erst kurz vor seinem Tod eindeutig festgestellt wurde. Ein Kuraufenthalt in Schlangenbad im Juni 1956 erwies sich als sinnlos und verfehlt, weil die Schmerzen balneologische Anwendungen unmöglich machten. Benn starb nur wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag am 7. Juli 1956 in Berlin und wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem beigesetzt.
Gottfried Benn gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dichter der literarischen Moderne. Ein erstes Mal betrat er die literarische Szene als Expressionist mit seinen Morgue-Gedichten, die mit herkömmlichen poetischen Traditionen radikal brachen und in denen vor allem Eindrücke aus seiner Tätigkeit als Arzt starken Niederschlag fanden. Sektionen und Krebs- und Geburtsstationen werden scheinbar emotionslos beschrieben, und romantische Titel wie „Kleine Aster“ wecken Erwartungen, die dann krass enttäuscht werden. Nach dem oben genannten Gedichtband erschienen in der Folgezeit nur noch wenige mit äußerst geringer Auflage; während der Nazizeit unterlag Benn einem Schreibverbot.
Vom Nationalsozialismus, mit dem er zuerst sympathisiert hatte, wandte sich Benn wohl vor allem ab, weil er ihn schließlich als ähnlich antikulturell einschätzte wie den Kommunismus und Sozialismus. Nach Kriegsende wurde er zunächst wegen seiner anfänglichen Unterstützung des Hitlerregimes angefeindet, doch spätestens mit seinen Statischen Gedichten, die sich weit vom wild-zynischen Ton der Morgue-Gedichte entfernt hatten, fand er in der jungen Bundesrepublik ein neues, stetig wachsendes Publikum. So wurde der Autor zum Ende hin ein weitberühmter, mit dem Büchner-Preis ausgezeichneter und stilbildender Dichter.
Die Rechte am Werk liegen heute beim Klett-Cotta Verlag.
Max Rychner hat einen Versuch unternommen, von Benn häufig verwandte Substantive verschiedenen Wortfeldern und Bedeutungszusammenhängen zuzuordnen.[56]
Der wachbewussten, spaltenden, seelenfeindlichen, geschichtlichen und zahlenhaft-wissenschaftlichen Seite ordnet er folgende Begriffe zu:
Den Gegensatz, also die glĂĽckselige Ichvergessenheit und Hingabe an den bewusstlosen Lebensstrom, identifiziert er mit Begriffen wie:
Auf einen zeitenthobenen Bereich verweisen:
Benns Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar.[57]
Eine erste Werkausgabe in 4 Bänden gab Dieter Wellershoff heraus; inzwischen liegen vor:
Zahlreiche Briefe sind überliefert und zu großen Teilen veröffentlicht. Die Briefe werden zunehmend als Teil des Werks anerkannt. Hervorzuheben ist etwa der Briefwechsel mit Friedrich Wilhelm Oelze.
Benn hat oft aus seinen Werken vorgelesen. Rundfunklesungen sind seit 1928 ĂĽberliefert.
SFB/WDR 1998, 45 min
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Benn, Gottfried |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Arzt, Dichter und Essayist |
| GEBURTSDATUM | 2. Mai 1886 |
| GEBURTSORT | Mansfeld |
| STERBEDATUM | 7. Juli 1956 |
| STERBEORT | Berlin |