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Gregor Strasser

Gregor Strasser (1928), Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Gregor Strasser, andere Schreibweise auch Straßer (* 31. Mai 1892 in Geisenfeld; † 30. Juni 1934 in Berlin), war ein deutscher Politiker der NSDAP. Als nationalistisch gesinnter Kriegsveteran und ParamilitĂ€r trat er 1921 in die Partei ein, beteiligte sich aktiv am missglĂŒckten Hitlerputsch und stieg bei der NeugrĂŒndung der Partei 1925 zu einem fĂŒhrenden Politiker der Bewegung auf. Trotz sich frĂŒh abzeichnender ideologischer und realpolitischer Differenzen mit Adolf Hitler wurde er von diesem erst zum Reichspropagandaleiter und 1928 zum Reichsorganisationsleiter ernannt. In dieser Position, die der TĂ€tigkeit eines GeneralsekretĂ€rs gleichkam, erlangte er eine fĂŒr Hitler bedrohliche Machtposition, die 1932 in der Strasser-Krise mĂŒndete. Trotz Strassers freiwilligem RĂŒckzug und der Versicherung, sich politisch nicht mehr betĂ€tigen zu wollen, fiel er 1934 im Rahmen des „Röhm-Putsches“ der Ausschaltung vermeintlicher oder tatsĂ€chlicher Gegenspieler Hitlers zum Opfer.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft, Ausbildung und MilitÀr

Gregor Strasser wurde 1892 als Ă€ltestes von fĂŒnf Kindern des bayerischen Juristen und Staatsbeamten Peter Strasser (1855-1928) und seiner Ehefrau Pauline Strobel (1873-1943) geboren. Zu Gregors Geschwistern zĂ€hlten der Benediktinermönch Bernhard Strasser (1895–1981) und Otto Strasser (1897–1974), der die politische Laufbahn seines Bruders einige Jahre lang begleitete. Strassers Schwester Olga und der jĂŒngste Bruder Anton „Toni“ (1906–1943), der Anwalt wurde und im Zweiten Weltkrieg umkam, spielten dagegen politisch keine Rolle.

Seine Kindheit verbrachte Strasser in der oberbayerischen Marktgemeinde Geisenfeld und im mittelfrĂ€nkischen Windsheim. Nach seinem Abitur machte er von 1910 bis 1914 in der Marien-Apotheke in Frontenhausen eine Lehre zum Drogisten. 1914 begann er an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen ein Studium der Pharmazie, das er noch im selben Jahr aussetzte, um als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Er kĂ€mpfte mit dem 1. Fußartillerie-Regiment „vakant Bothmer“ der Bayerischen Armee an der Westfront. 1918 wurde er im Rang eines Oberleutnants, ausgezeichnet mit dem MilitĂ€rverdienstordens sowie beiden Klassen des Eisernen Kreuzes, aus der Armee entlassen.

Nach seiner RĂŒckkehr in die Heimat zum Jahresende 1918 nahm Strasser sein kriegsbedingt unterbrochenes Studium an der Friedrich-Alexander-UniversitĂ€t Erlangen wieder auf. Im Mai 1919 schloss er sich zusammen mit seinem Bruder Otto dem Freikorps Epp an, mit dem er sich an der Zerschlagung der MĂŒnchner RĂ€terepublik beteiligte. Im selben Jahre legte Strasser sein Staatsexamen ab, das er mit der Note „sehr gut“ bestand. Nach einer kurzen VolontĂ€rzeit in Traunstein ließ Strasser sich 1920 in Landshut nieder, wo er eine Medizinaldrogerie ĂŒbernahm. Im selben Jahr heiratete er Else Vollmuth (1893–1982), die Tochter des wohlhabenden Holzwarenfabrikanten Lorenz Vollmuth. Aus der Ehe gingen die am 7. Dezember 1920 geborenen Zwillinge GĂŒnter und Helmut hervor, die am 30. Juli 1941 bzw. am 27. Mai 1942 in Russland starben.

1919 beteiligte Strasser sich an der GrĂŒndung des Nationalverbandes deutscher Soldaten. Aus diesem Verband, der andernorts kaum Bedeutung erlangte, entstand in Landshut das von Strasser gefĂŒhrte „Sturmbataillon Niederbayern“. Dem Sturmbataillon gehörten zeitweise bis zu 2.000 Mann an, darunter auch der junge Heinrich Himmler, der zeitweise als Adjutant Strassers fungierte. Mitte MĂ€rz 1920 stand Strassers Freikorps zur Teilnahme am gescheiterten Kapp-Putsch bereit. Zum selben Zeitpunkt kommandierte sein Bruder Otto auf der Gegenseite eine „Rote Hundertschaft“, um den Staatsstreich zu bekĂ€mpfen.

Karriere in der frĂŒhen NSDAP

1921 stieß Strasser mit seinem „völkischen Wehrverband“ – wie sich nationalistische paramilitĂ€rische Gruppen in den 1920er Jahren nannten – zur ein Jahr zuvor in MĂŒnchen gegrĂŒndeten NSDAP. Im November 1923 beteiligte er sich aktiv am missglĂŒckten Hitlerputsch. Nachdem er zunĂ€chst unbehelligt geblieben war, wurde er im Februar 1924 aufgrund seiner anhaltenden BetĂ€tigung fĂŒr die verbotene NSDAP in Haft genommen. In einem Sonderverfahren zum Hochverratsprozess gegen Adolf Hitler wurde er daraufhin vom Volksgericht MĂŒnchen I im April 1924 zu eineinhalb Jahren Festungshaft in der Justizvollzugsanstalt Landsberg verurteilt. Bereits nach wenigen Wochen wurde Strasser wieder aus der Haft entlassen, da er am 4. Mai 1924 fĂŒr den NS-nahen „Völkischen Block“ in den bayerischen Landtag gewĂ€hlt wurde. Am 7. Dezember 1924 errang er ein Mandat zum dritten Reichstag fĂŒr die Listenverbindung Deutschvölkische Freiheitspartei/Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, die als Ersatzorganisation der verbotenen NSDAP diente. Strasser behielt diesen Abgeordnetensitz bis Dezember 1932.

Nach der WiedergrĂŒndung der NSDAP durch Hitler am 26. Februar 1925 im MĂŒnchner BĂŒrgerbrĂ€ukeller wurde Strasser eines der ersten Mitglieder der neuen NSDAP (Mitgliedsnr. 9) und erster Gauleiter von Niederbayern/Oberpfalz und nach der Teilung des Gaus vom 1. Oktober 1928 bis 1929 von Niederbayern. Gemeinsam mit seinem Bruder Otto entwickelte er ein eigenstĂ€ndiges ideologisches Profil gegenĂŒber dem völkisch-nationalen ParteiflĂŒgel. Die BrĂŒder verfochten – zunĂ€chst gemeinsam mit Joseph Goebbels – einen „linken“, d. h. antikapitalistischen, sozialrevolutionĂ€ren Kurs der NSDAP, mit dem die Arbeiterschaft fĂŒr die Partei gewonnen werden sollte. Strasser unterstĂŒtzte daher teilweise Streiks der sozialdemokratischen Gewerkschaften, forderte die Verstaatlichung von Industrie und Banken und trat bei allem Festhalten an einem radikalen Antikommunismus fĂŒr eine Zusammenarbeit Deutschlands mit der Sowjetunion ein. Mit der im September 1925 gegrĂŒndeten „Arbeitsgemeinschaft Nordwest“, einem Zusammenschluss der nord- und westdeutschen Gauleiter der NSDAP unter seiner Leitung (GeschĂ€ftsfĂŒhrer war Goebbels), hatte Strasser zunĂ€chst ein Instrument zur Durchsetzung der sozial- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen des linken NSDAP-FlĂŒgels geschaffen. Auf einer FĂŒhrertagung in Bamberg am 14. Februar 1926 setzte sich Hitler erfolgreich gegen die „nationalbolschewistische“ Fraktion durch und beanspruchte die uneingeschrĂ€nkte FĂŒhrerschaft innerhalb der NSDAP fĂŒr sich. Die Auflösung der „Arbeitsgemeinschaft Nordwest“ wurde am 1. Juli 1926 per Richtlinie aus MĂŒnchen angeordnet, der Richtungsstreit mit eher bĂŒrgerlichen Nationalsozialisten wie z. B. Alfred Rosenberg ging aber weiter. Gemeinsam mit seinem Bruder grĂŒndete Strasser im MĂ€rz 1926 den Berliner „Kampfverlag“, der u. a. von 1926 bis 1930 das programmatische Wochenblatt Der Nationale Sozialist herausgab. Um den Gegensatz nicht zu groß erscheinen zu lassen, betonte Strasser in einem Artikel fĂŒr den Völkischen Beobachter vom 15. Februar 1927, Antisemitismus und Sozialismus seien im Grunde zwei Seiten derselben Medaille:

„Beide, ich halte das fĂŒr notwendig nochmals zu betonen, sind unter sich weder gegensĂ€tzlich noch decken sie einzeln den Begriff des Nationalsozialismus, den ich im Gegenteil als den alle diese Komplexe umfassenden und einschließenden empfinde. Wir sind deshalb, genau gesprochen, nicht nur ‚nationale Sozialisten‘, sondern auch ‚Antisemiten‘, mit einem Wort: ‚Nationalsozialisten‘!“[1]

Strassers Organisationsreformen

Trotz des in Bamberg erstmals offen ausgebrochenen Konflikts setzte Hitler den von ihm weiterhin hoch geschĂ€tzten Strasser am 30. Juni 1926 als Reichspropagandaleiter der NSDAP ein, ein Amt, das er bis Anfang 1928 bekleidete. Im Anschluss daran ĂŒbernahm Strasser den Posten des Reichsorganisationsleiters der NSDAP, den er bis zum Dezember 1932 innehaben sollte.

Strasser reorganisierte in den folgenden Jahren die gesamte Struktur der Partei. Änderungen nahm er dabei sowohl in Hinsicht auf ihre regionale Gliederung, als auch hinsichtlich ihres vertikalen Aufbaus vor: Die NSDAP wurde schrittweise zu einer straff zentralistischen Organisation mit parteieigenem Kontrollapparat und hohem Propagandapotential ausgebaut. Durch sein Organisationsgeschick gelang der NSDAP der Schritt von einer randstĂ€ndigen sĂŒddeutschen Splitterpartei zu einer „großdeutschen“ Massenpartei. Die Zahl der Parteimitglieder wuchs von ca. 27.000 (1925) auf ĂŒber 800.000 im Jahr 1931. Strasser gelang es insbesondere, die NSDAP in Nord- und Westdeutschland zu einer starken politischen Vereinigung zu entwickeln, die schließlich sogar ĂŒber eine grĂ¶ĂŸere Mitgliederbasis verfĂŒgte als Hitlers Parteisektion im SĂŒden.

Den Höhepunkt seiner Laufbahn erreichte Strasser 1932: Nachdem bereits 1930 auf Strassers DrĂ€ngen hin eine weitreichende Reform der Organisationsstruktur der NSDAP durchgefĂŒhrt worden war, wurde die Reichsorganisationsleitung – also der FĂŒhrungsapparat der Partei – mit der Dienstvorschrift der „Politischen Organisation (P.O.)“ der NSDAP vom 15. Juli 1932 endgĂŒltig zur wichtigsten Schaltstelle innerhalb der Masse der NSDAP-Gliederungen ausgebaut. Der Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser galt zu diesem Zeitpunkt lĂ€ngst als der nach Hitler mĂ€chtigste Mann in der Partei: Als Einzelperson galt er als der beliebteste und fĂ€higste Mann im FĂŒhrungszirkel der NSDAP und als Reichsorganisationsleiter verfĂŒgte er nun de facto ĂŒber die Machtstellung eines GeneralsekretĂ€rs der NSDAP, ohne diesen Titel zu fĂŒhren. Bis zur ReichsprĂ€sidentenwahl des Jahres 1932 galt Strasser fĂŒr den Fall einer Regierungsbildung unter FĂŒhrung der NSDAP allgemein als der aussichtsreichste AnwĂ€rter auf den Posten des Reichskanzlers. Hitler selbst wurde bis zu diesem Zeitpunkt öffentlich kaum mit diesem Amt in Verbindung gebracht, hatte es auch nie fĂŒr sich gefordert. Stattdessen wurde weithin angenommen, dass der „BohĂšmien“ Hitler, dem selbst Mitglieder der NS-FĂŒhrung attestierten, dass er „eine regelmĂ€ĂŸige, disziplinierte Gedankenarbeit gar nicht zu leisten“ vermöge[2] nach seiner Wahl zum ReichsprĂ€sidenten, Strasser mit dem Amt des Reichskanzlers betrauen wĂŒrde: „Gregor Straßer erschien [
] als der Mann der praktischen Politik, der die harte Tagesarbeit verrichtete, wĂ€hrend der legendĂ€re FĂŒhrer Adolf Hitler die großen Ziele und Wege der deutschen völkischen Erneuerung aufzeigte.“[3] Den Forschungen des Strasser-Biografen Udo Kissenkötter zufolge „scheint die Möglichkeit einer Kanzlerschaft Hitlers innerhalb der FĂŒhrungsgremien der NSDAP ernsthaft [
] erst in den Tagen nach der [erfolglosen] Wahl [
] erwogen worden zu sein.“[4]

Arno Schickedanz warnte 1932 im Zusammenhang mit der damals von vielen in der NS-FĂŒhrung befĂŒrworteten Verstoßung des Stabschefs der SA Ernst Röhm vor der gewaltigen MachtfĂŒlle Strassers, indem er Hitler als den FĂŒhrer, Strasser aber als den eigentlichen „Beherrscher“ der Partei identifizierte, dem im Falle einer Ausschaltung Röhms gar kein Gegengewicht mehr im Wege stĂŒnde:

„Und doch wird mit der Beseitigung Röhms zugleich der Schicksalsweg der Partei fĂŒr die Zukunft entschieden, so unglaublich das klingen mag. Verschwindet er, ist niemand mehr da, der auch nur mit der geringsten Aussicht auf Erfolg dieser Gegenseite Paroli bieten kann! Er war es alleine noch, solange er die SA hatte! [
] WĂ€hrend alle ĂŒbrigen entweder ihren Ämtern nachgingen oder sich sonnten [,], froh[,] einmal zu einer ihnen nicht gebĂŒhrenden Rolle gekommen zu sein, hat einer von langer Hand seine Stellung ausgebaut – Gregor Strasser. In einem Satz: Adolf Hitler ist wohl der FĂŒhrer der Partei, aber beherrscht wird sie heute schon von Gregor Strasser. Wie die Parallele Moskau zeigt: Schon zu Lebezeiten Lenins [
] brachte Stalin die Partei in seine HĂ€nde. Auch Gregor Strasser hat die NSDAP. Und wie diese in die Machtstellung im heutigen Staate hineinwĂ€chst, so wĂ€chst die Stellung Strassers in die Erbfolge herein. Ganz natĂŒrlich! Und es wĂ€re die Höhe, wenn Gregor [
] je einmal ĂŒber die Sicherheit im nationalsozialistischen Staate zu entscheiden hĂ€tte. Auch ĂŒber diejenige des FĂŒhrers! Das einzige Hindernis war noch Röhm – und die SA! Es wird beseitigt werden! Der kleine Doktor spielt gar keine Rolle. Der befindet sich schon lĂ€ngst im Netz. Er mag nach außen krĂ€hen so viel er will, gegebenenfalls kann ihm Gregor ĂŒber Schulz [-
] die Kehle abschnĂŒren! Und Göring – dass ich nicht lache! Und wer sonst noch? Sie werden sich alle beugen, sie tun es ja jetzt schon, wenn sie auch den Drahtzieher im Hintergrunde noch nicht kennen.“[5]

Zu den wichtigsten Mitarbeitern Strassers in der Reichsorganisationsleitung zĂ€hlten die Reichsinspekteure I und II Paul Schulz (Strassers Stellvertreter) und Robert Ley sowie der Reichsorganisationsleiter II und spĂ€tere ReichsarbeitsfĂŒhrer Konstantin Hierl, mit dem er seit 1925 ĂŒber den Tannenbergbund Kontakt hatte. Des Weiteren der Schlesier Kurt Daluege, der auf Strassers Veranlassung im MĂ€rz 1926 die GrĂŒndung der Sturmabteilung Berlin organisiert hatte. Hinzu kamen der Zahnarzt Hellmuth Elbrechter und der ehemalige GeneralstĂ€bler Cordemann, die als Strassers MittelsmĂ€nner zu wichtigen Regierungspolitikern wie Heinrich BrĂŒning und Kurt von Schleicher dienten.

Kontakte zu Industriellen

Trotz seiner Reputation als Vertreter der Linken innerhalb der NSDAP verfĂŒgte Strasser seit Anfang der dreißiger Jahre ĂŒber gute Kontakte zu Unternehmerkreisen, deren Vorstellungen von einer ZĂ€hmung der NSDAP durch Einbindung in die Regierungsverantwortung er entgegenkam. Die Deutschen FĂŒhrerbriefe, eine unter dem Einfluss des Industriellen Paul Silverberg stehende Privatkorrespondenz, lobten Strasser im Mai 1932, weil er fĂŒr einen „Übergang der N.S.D.A.P. von der Opposition zur gouvernementalen Position“ stehe. Um die RegierungsfĂ€higkeit seiner Partei zu beweisen, verkĂŒndete Strasser am 20. Oktober 1932 im Berliner Sportpalast das neue „Wirtschaftliche Aufbauprogramm“ der NSDAP. Darin wurden die schrillen antikapitalistischen Töne und die Forderungen nach einer Autarkie Deutschlands deutlich zurĂŒckgenommen, wie sie etwa in seinem eigenen „Wirtschaftlichen Sofortprogramm“ noch vom Juli 1932 laut geworden waren. Statt Steuererhöhungen fĂŒr Reiche forderte er jetzt Steuersenkungen, statt mit Preiskontrollen wollte er die Deflation nun mit einer Freigabe der Preise bekĂ€mpfen. Zwar redete er weiterhin einem Agrarprotektionismus und einem Vorrang fĂŒr deutsche Produkte das Wort, betonte aber gleichzeitig, dass dadurch die Exporte nicht behindert werden dĂŒrften. Zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit schlug er vor, die Bindung der Reichsmark an das Gold aufzugeben, die Banken zu verstaatlichen und durch eine massive Kreditaufnahme der öffentlichen Hand öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu ermöglichen.[6] Im selben Jahr Ă€ußerte er sich in einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Hubert Renfro Knickerbocker ausgesprochen wirtschaftsfreundlich:

„Wir erkennen das Privateigentum an. Wir erkennen die private Initiative an. Wir erkennen unsere Schulden an und unsere Verpflichtung, sie zu zahlen. Wir sind gegen die Verstaatlichung der Industrie. Wir sind gegen die Verstaatlichung des Handels. Wir sind gegen Planwirtschaft im Sowjetsinne.“[7]

Strasser erhielt von verschiedenen Industriellen finanzielle Zuwendungen. Der Lobbyist August Heinrichsbauer organisierte im FrĂŒhjahr 1931 eine monatliche Zahlung von Unternehmern des Ruhrbergbaus an ihn in Höhe von 10.000 Reichsmark.[8] Auch von dem Kölner Eisenindustriellen Otto Wolff, der den Nationalsozialisten an sich ablehnend gegenĂŒberstand, soll Strasser auf Bitten des Reichskanzlers Kurt von Schleicher Spenden erhalten haben. Aus diesen Zuwendungen speist sich die verbreitete These, die Großindustrie hĂ€tte durch ihre Spenden zum Aufstieg der NSDAP beigetragen.[9] Der britische Historiker Peter Stachura vertritt die These, dass es Strasser nicht um die Durchsetzung linker Programmanteile innerhalb der NSDAP gegangen sei, vielmehr sei er ein realpolitisch denkender Opportunist gewesen, der der NSDAP möglichst breite neue Rekrutierungsfelder erschließen und damit sich selbst eine Hausmacht sichern wollte.[10]

Konflikt mit Hitler und Ausscheiden aus der ParteifĂŒhrung

Siehe auch: Strasser-Krise

Die programmatische und persönliche RivalitĂ€t mit Adolf Hitler verschĂ€rfte sich dramatisch, als Hitler sich durch sein bedingungsloses Beharren auf einer Kanzlerschaft vorĂŒbergehend in eine politische Sackgasse manövriert hatte und Reichskanzler Kurt von Schleicher Gregor Strasser im Dezember 1932 die Vizekanzlerschaft und das Amt des preußischen MinisterprĂ€sidenten anbot. Er hoffte, mit Strasser die NSDAP zu spalten und ihren linken FlĂŒgel auf seine Seite ziehen zu können. SpĂ€tere SchĂ€tzungen von Zeitgenossen Strassers gingen davon aus, dass von 196 nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten 60 bis 100 bei einem offenen Bruch zwischen Strasser und Hitler mit Strasser gegangen wĂ€ren.[11]

Das Vorhaben misslang, weil Strasser sich nicht zu einem solchen Bruch mit dem angeschlagenen Hitler durchringen, und dieser fĂŒhrende Köpfe der Partei bei einer FĂŒhrertagung im Dezember 1932 noch einmal auf sich einschwören konnte. Am 8. Dezember 1932 trat Strasser ĂŒberraschend von allen ParteiĂ€mtern zurĂŒck, blieb jedoch Parteimitglied. Aus Angst vor einer Spaltung war Hitler peinlich darauf bedacht, den Eindruck eines offenen Machtkampfes zu vermeiden und bedauerte öffentlich Strassers RĂŒckzug. Sein Reichstagsmandat behielt Strasser vorerst ebenfalls, weil seine parlamentarische ImmunitĂ€t die Vollstreckung mehrerer Gerichtsurteile im Zusammenhang mit Beleidigungsprozessen verhinderte. Eine Erholungsreise nach Italien in der kritischen Phase des Dezember 1932, die fĂŒr den Historiker Hans-Ulrich Wehler den „durchschlagenden Beweis seiner politischen MediokritĂ€t“ darstellt,[12] schwĂ€chte Strassers Position in der Partei weiter. Trotzdem wurde Strasser noch im Januar 1933 von Schleicher heimlich bei ReichsprĂ€sident von Hindenburg als potenzieller Vizekanzler vorgestellt, wobei das Staatsoberhaupt einen gĂŒnstigen Eindruck von Strasser gewann. Nach der Landtagswahl in Lippe am 15. Januar, die einen Wahlerfolg fĂŒr die NSDAP brachte und den Hitler-Kurs zu bestĂ€tigen schien, wurde er jedoch endgĂŒltig an den Rand gedrĂ€ngt. Nach dem 30. Januar 1933 zog Strasser sich aus der Politik ins Privatleben zurĂŒck: Mit Hitlers Genehmigung ĂŒbernahm er eine Direktionsstelle bei der Firma Schering Kahlbaum in Berlin. Außerdem ĂŒbernahm er das Amt des ersten Vorsitzenden Reichsfachschaft der Pharmazeutischen Industrie.[13]

Ermordung

Nachdem er noch am 23. Juni 1934 das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP erhalten hatte,[14] wurde Strasser am 30. Juni 1934 von Beamten der Geheimen Staatspolizei verhaftet und in das Gestapo-Hauptquartier in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße verschleppt. Die Verhaftung erfolgte im Rahmen des sogenannten Röhm-Putsches, einer politischen SĂ€uberungsaktion, in deren Verlauf Hitler und andere nationalsozialistische FĂŒhrer ihre tatsĂ€chlichen oder angeblichen Rivalen in den eigenen Reihen sowie weitere unliebsame Personen verhaften und zum Teil ermorden ließen. FĂŒr Strasser war die Verhaftung eine Überraschung – im ersten Augenblick glaubte er, Hitler lasse ihn holen, um ihn in die ParteifĂŒhrung zurĂŒckzurufen. Im Gegensatz dazu steht allerdings eine ErklĂ€rung von Strassers ehemaligem Mitarbeiter Paul Schulz aus dem Jahr 1951, in der dieser angibt, Strasser habe ihm nach dem Januar 1933 hĂ€ufig gesagt „Hitler wird uns umbringen lassen, wir werden keines natĂŒrlichen Todes sterben.“[15]

Fritz GĂŒnther von Tschirschky, ein Mitarbeiter von Hitlers Vize-Kanzler Franz von Papen, der ebenfalls in die Prinz-Albrecht-Straße verschleppt wurde, gibt in seinen Memoiren an, er sei Zeuge der Ermordung Strassers gewesen. Tschirschky zufolge wurde Strasser von mehreren SS-Leuten in einen schmalen Gang im Keller des Gestapo-Hauptquartiers gefĂŒhrt, der an die provisorische „Massenzelle“, in der er untergebracht gewesen sei, gegrenzt haben soll, und dort durch drei SchĂŒsse in SchlĂ€fe und zwei in den Hinterkopf exekutiert.[16] (Tschirschky gibt an, die Erschießung selbst nicht gesehen zu haben, da die Beamten die TĂŒre zwischen Zelle und Gang geschlossen hĂ€tten. Stattdessen hĂ€tte ihm aber der Aufsicht fĂŒhrende SS-Mann einige Minuten spĂ€ter erklĂ€rt „das Schwein wĂ€re erledigt“ und die DurchfĂŒhrung der Hinrichtung in lebhafter Weise, „mit den Fingern illustrierend“, nachgespielt.[16]). Wenige Minuten spĂ€ter seien einige blutige SĂ€cke an den HĂ€ftlingen vorbeigetragen worden und im Gang nur noch eine Blutlache und einige Einschusslöcher zu sehen gewesen. Tschirschky folgerte daraus, dass „der Ermordete [
] offenbar sofort nach der Tat an Ort und Stelle zerstĂŒckelt und die Leichenteile in den SĂ€cken [
] herausgebracht“ worden seien.[16]

Einige Indizien sprechen dafĂŒr, dass Theodor Eicke, der Kommandeur des Konzentrationslagers Dachau, der am 30. Juni 1934 vom KZ Lichtenburg ĂŒber Berlin nach Dachau reiste, Strasser wĂ€hrend seines Aufenthaltes in Berlin persönlich erschoss: So rĂŒhmte sich Eicke unter anderen gegenĂŒber dem KZ-HĂ€ftling Elfterwalde nach dessen Bericht im Juli 1934 damit, er habe Strasser – den er wie der von Tschirschky beschriebene SS-FĂŒhrer als „Schwein“ bezeichnete – selbst erschossen.[17]

Der Tod Strassers wurde zunĂ€chst offiziell als „Selbstmord“ deklariert.[18] Tschirschky zufolge soll Hitler, den er im August 1934 in Berchtesgaden besuchte und mit dem er sich ĂŒber die Ereignisse des 30. Juni unterhielt, den „Wissensstand“ gehabt haben, Strasser habe sich in der Haft selbst getötet. Als Hitler durch Tschirschkys Bericht die tatsĂ€chlichen UmstĂ€nde von Strassers Tod erfahren habe, sei er zutiefst erschĂŒttert gewesen.[19] Hitlers Halbschwester Angela Raubal bestĂ€tigte im Februar 1935 in einem GesprĂ€ch mit Eduard Pant die starke Wirkung, die der Bericht ĂŒber den Tod seines langjĂ€hrigen KampfgefĂ€hrten auf Hitler ausĂŒbte: „Man hatte doch meinem Bruder gesagt, Gregor Strasser hĂ€tte Selbstmord verĂŒbt. Mein Bruder war im Anschluss an diesen Abend und an den folgenden beiden Tagen so außer sich, dass er in den NĂ€chten schrie und tobte. Wir konnten ihn gar nicht beruhigen.“[20] In diesem Sinne stellte Rudolf Augstein spĂ€ter die These auf, Himmler und Göring hĂ€tten Strasser aus Angst davor, dass er wieder zu Gunst und Macht kommen könnte, umbringen lassen.[21]

Im Juli 1934 erhielt Strassers Witwe eine Urne mit der Aufschrift „Gregor Strasser geboren 31.5.[18]92 zu Greisenfeld, ist am 30.6.[19]34 um 17.20 gestorben. Geheime Staatspolizei Berlin“ in ihre Wohnung gebracht. Die Auszahlung von Strassers Lebensversicherung – die die Versicherungsgesellschaft erst mit der BegrĂŒndung verweigerte, dass Strasser ja nach offiziellen Angaben durch Selbstmord gestorben sei – erfolgte erst durch Intervention von Innenminister Wilhelm Frick. Ab dem 1. Mai 1936 erhielt Strassers Witwe zudem, auf Veranlassung Himmlers, eine monatliche Rente von 500 RM.

Die „nationalrevolutionĂ€ren“ politischen Thesen der GebrĂŒder Strasser ĂŒben auf das Gedankengut des zeitgenössischen Neonazismus erheblichen Einfluss aus.[22]

Archivalien

Schriften

  • Das Hitler-BĂŒchlein. Ein Abriß vom Leben und Wirken des FĂŒhrers der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Adolf Hitler, Berlin 1928.
  • Freiheit und Brot, Berlin 1928.
  • Hammer und Schwert, Berlin 1928.
  • 58 Jahre Young-Plan! Eine quellenmĂ€ĂŸige Betrachtung ĂŒber Inhalt, Wesen und Folgen des Young-Planes, 1929.
  • Reden im Reichstag Oktober 1930 nach dem amtlichen Stenogramm , Berlin 1930, (zusammen mit Gottfried Feder).
  • Kampf um die Freiheit. Reichstagsrede vom 17. Oktober 1930, MĂŒnchen 1931.
  • Der letzte Abwehrkampf des Systems. 3 aktuelle AufsĂ€tze, MĂŒnchen 1931.
  • Arbeit und Brot! Reichstagsrede am 10. Mai 1932, MĂŒnchen 1932.
  • Die Staatsidee des Nationalsozialismus, MĂŒnchen 1932.
  • Das wirtschaftliche Aufbauprogramm der NSDAP, Berlin 1932.
  • Kampf um Deutschland. Reden und AufsĂ€tze eines Nationalsozialisten , MĂŒnchen 1932.

Literatur

  • Heinrich Egner: „Else Straßer, die Frau des NS-Reichsorganisationsleiters„“, in: Landshuter Zeitung vom 28. August 2004 bis 3. MĂ€rz 2006, (vierzigteilige biographische Artikelserie zu Strasser und seiner Frau).
  • Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP , (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte, Bd. 37)Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1978.
  • Hans-GĂŒnter Richardi: Hitler und seine HintermĂ€nner. Neue Fakten zur FrĂŒhgeschichte der NSDAP, SĂŒddeutscher Verlag, MĂŒnchen 1991.
  • Peter D. Stachura: „Der Fall Strasser. Gregor Strasser, Hitler and National Socialism. 1930–1932“, in: The shaping of the Nazi state, Croom Helm, London 1978, S. 88–130.
  • Ders.: Gregor Strasser and the Rise of Nazism, Allen & Unwin, London 1983.

Einzelnachweise

  1. ↑ Albrecht Tyrell (Hg.): FĂŒhrer befiehl 
 Selbstzeugnisse aus der ‚Kampfzeit‘ der NSDAP. Droste Verlag, DĂŒsseldorf 1969, S. 281.
  2. ↑ Schulz-Memorandum, S. 9: Kurzorientierung des Ministeramtes, 3. August 1932, IfZ, F41.
  3. ↑ Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. S. 149.
  4. ↑ Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. S. 142.
  5. ↑ Andreas Dornheim: Röhms Mann fĂŒrs Ausland: Politik und Ermordung des SA-Agenten Georg Bell. S. 137.
  6. ↑ Avraham Barkai: Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Ideologie, Theorie, Politik. 1933–1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1988, S. 41 ff.
  7. ↑ Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981 (als pdf)
  8. ↑ August Heinrichsbauer: Schwerindustrie und Politik. Essen 1948, S. 40
  9. ↑ Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler Verlag, Berlin 1985, S. 316 f.
  10. ↑ Peter D. Stachura: »Der Fall Strasser«. Gregor Strasser, Hitler, and national socialism 1930–1932. In: Peter D. Stachura (Hrsg.): The Shaping of the Nazi State. Croom Helm, London 1978, S. 89, 99, 105 ff.
  11. ↑ Udo Kissenkötter: Gregor Strasser. S. 174. In Anlehnung an SchĂ€tzungen in Memoirenwerken von Otto Strasser: Exil. MĂŒnchen 1958, S. 65 und Franz von Papen: Der Wahrheit eine Gasse. MĂŒnchen 1952, S. 244. Nach einer Mitteilung des Gauleiters Kaufmann an Kissenkoetter war am 7./8. Dezember 1932 zudem die Mehrheit der Gauleiter bereit, eine Namensliste zugunsten Strassers zu unterzeichnen, um dessen Stellung gegenĂŒber Hitler zu stĂ€rken.
  12. ↑ Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur GrĂŒndung der beiden deutschen Staaten 1914–1949 C.H. Beck Verlag, MĂŒnchen 2003, S. 534
  13. ↑ Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser. S. 193.
  14. ↑ Der Spiegel 12/1993, S. 105.
  15. ↑ Eidesstattliche ErklĂ€rung Paul Schulz vom 21. Juli 1951, abgedruckt bei Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. S. 204.
  16. ↑ a b c Fritz GĂŒnther von Tschirschky: Erinnerungen eines HochverrĂ€ters. 1972, S. 195.
  17. ↑ Rainer Ort: Der Fall Gregor Strasser, in: Ders.: Der SD-Mann Johannes Schmidt, S. 95ff.
  18. ↑ Heinz Höhne: Orden unter dem Totenkopf. In: Der Spiegel. 45/1966, S. 93.
  19. ↑ Fritz GĂŒnther von Tschirschky: Erinnerungen. 1972, S. 228: „Hitler hörte, immer blasser werdend, ohne ein Wort zu sagen, meinen Bericht an.“
  20. ↑ Fritz GĂŒnther von Tschirschky: Erinnerungen. 1972, S. 229.
  21. ↑ Der Spiegel. 12/1993, S. 105.
  22. ↑ Verfassungsschutzbericht 2003 des Freistaates ThĂŒringen, II. Rechtsextremismus

Weblinks

 Commons: Gregor Strasser â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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