Die Guillaume-AffĂ€re ist der politisch bedeutsamste Spionagefall der deutsch-deutschen Geschichte. Am 24. April 1974 wurde mit GĂŒnter Guillaume einer der engsten Mitarbeiter des Bundeskanzlers Willy Brandt als DDR-Agent enttarnt. Brandt ĂŒbernahm die politische Verantwortung und trat am 7. Mai 1974 von seinem Amt als Bundeskanzler zurĂŒck. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Guillaume-AffĂ€re nicht der alleinige Grund fĂŒr den RĂŒcktritt war, zumal die von Guillaume in die DDR ĂŒbermittelten Informationen offenbar nicht allzu sicherheitsrelevant waren.[1] Mit GĂŒnter Guillaume wurde auch seine mit ihm nachrichtendienstlich zusammenarbeitende Ehefrau Christel Guillaume als Agentin enttarnt.
SpionagetÀtigkeit
Im Auftrag der Hauptverwaltung AufklĂ€rung (HVA) des Ministeriums fĂŒr Staatssicherheit der DDR (MfS, auch: Stasi) reiste Guillaume als âOffizier im besonderen Einsatzâ (OibE) 1956 in die Bundesrepublik ein. Der Mitarbeiter des MfS und Offizier der Nationalen Volksarmee (NVA) gab dabei vor, FlĂŒchtling zu sein. Von Beginn an war er auf die Parteiarbeit in der SPD angesetzt und profilierte sich dabei im eher konservativen FlĂŒgel in Frankfurt am Main. 1970 gelangte Guillaume als Mitarbeiter ins Bundeskanzleramt und wurde im Oktober 1972 persönlicher Referent des Bundeskanzlers in Parteiangelegenheiten. In dieser Funktion hatte er unter anderem die Parteitermine Brandts, der neben der Kanzlerschaft auch den Parteivorsitz der SPD innehatte, zu organisieren sowie den Schriftverkehr mit Parteigliederungen und Mitgliedern zu fĂŒhren. Guillaume gehörte damit zum engsten Mitarbeiterkreis Brandts und war einer der wenigen, die den Kanzler auch privat und im Urlaub begleiteten.
Enttarnung
Guillaume mit Willy Brandt auf einer Wahlkampfreise in Niedersachsen 1974
Zur Enttarnung Guillaumes kam es auf Grund von GlĂŒckwĂŒnschen, die die HVA dem Ehepaar Guillaume in den fĂŒnfziger Jahren gesandt hatte. Am 1. Februar 1956 waren ĂŒber Kurzwelle GeburtstagsgrĂŒĂe an âGeorgâ, am 6. Oktober 1956 GeburtstagsgrĂŒĂe an âChr.â und Mitte April 1957 die Nachricht: âGlĂŒckwunsch zum zweiten Mann!â (damit war sein neu geborener Sohn Pierre gemeint) gesendet worden. Der BND konnte diese FunksprĂŒche dechiffrieren und archivierte sie. Aufgrund dieser Aufzeichnungen wurde spĂ€ter die IdentitĂ€t Guillaumes zweifelsfrei festgestellt und damit auch seine frĂŒhere TĂ€tigkeit fĂŒr die HVA. Im Februar 1973 war Oberamtsrat Heinrich Schroegge vom Kölner Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz mit drei SpionagefĂ€llen beschĂ€ftigt, in denen jeweils Guillaume irgendwie auftauchte. Ein Kollege berichtete ihm von den 17 Jahre alten FunksprĂŒchen, er ĂŒberprĂŒfte die Daten und konnte sie dem Ehepaar Guillaume zuordnen. Schroegge erstattete Meldung, woraufhin ihm die âvorsichtige Observation der Eheleute [âŠ] geratenâ wurde.
Am 29. Mai 1973 sprach der PrĂ€sident des Verfassungsschutzes GĂŒnther Nollau gegenĂŒber dem damaligen Innenminister Genscher erstmals den Spionageverdacht gegen Guillaume an. Genscher unterrichtete daraufhin den Kanzler. Nollau bat, Guillaume vorerst in seiner Position zu belassen, um ihn zu observieren, sich ein Bild ĂŒber das AusmaĂ seines Verrats zu machen und weiteres Material zu sammeln. Brandt stimmte diesem Vorgehen zu und informierte nur seinen BĂŒroleiter Reinhard Wilke und den Chef des Kanzleramts, Horst Grabert. Weder Egon Bahr als Brandts engster Berater noch Horst Ehmke, der als Graberts VorgĂ€nger Guillaume eingestellt hatte, wurden ĂŒber den Verdacht unterrichtet. Wegen der sich lange hinziehenden Ermittlungen blieb Guillaume noch relativ lange in der unmittelbaren NĂ€he Brandts und begleitete den Kanzler sogar noch im Juli 1973 wĂ€hrend dessen Norwegen-Urlaubs.
Am 1. MĂ€rz 1974 suchten Nollau und Genscher den Kanzler auf und Nollau berichtete ĂŒber die Ermittlungen gegen Guillaume. Nollau kĂŒndigte eine Verhaftung Guillaumes fĂŒr die nĂ€chsten zwei bis drei Wochen an. Da gerichtsverwertbare Beweise immer noch nicht vorlagen, schlug Nollau vor, das gesammelte Material dem Generalbundesanwalt zu ĂŒbergeben, damit dieser ĂŒber eine förmliche Verfahrenseröffnung entscheide. Brandt unterschĂ€tzte die Brisanz der AffĂ€re, von der er glaubte, sie werde sich verlaufen, und widmete ihr weiterhin wenig Aufmerksamkeit.[2]
Am 24. April 1974 wurden Guillaume und seine Frau wegen Spionage festgenommen. Bei seiner Verhaftung sagte Guillaume: âIch bin Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR und Mitarbeiter des Ministeriums fĂŒr Staatssicherheit. Ich bitte, meine Offiziersehre zu respektierenâ,[3] schwieg aber wĂ€hrend des restlichen Verfahrens, weil ihm die gewĂŒnschte persönliche Aussprache mit dem menschlich schwer getroffenen Bundeskanzler Brandt nicht zugebilligt wurde. Wegen schweren Landesverrats wurden 1975 Guillaume zu 13 und seine Frau zu 8 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, die sie auf Grund eines Agentenaustausches zwischen DDR und BRD im Jahr 1981 nicht vollstĂ€ndig verbĂŒĂten.
RĂŒcktritt des Bundeskanzlers
Am 1. Mai 1974 erhielt Brandt von Klaus Kinkel, dem persönlichen Referenten des Innenministers Genscher, ein Dossier des Chefs des Bundeskriminalamtes, Horst Herold. In diesem Dokument waren die im Zuge der Ermittlungen gegen Guillaume protokollierten Aussagen der Sicherheitsbeamten zu Brandts Privatleben zusammengestellt.[4] Dies beinhaltete auch Aussagen zu Brandts Alkoholkonsum und sexuellen AffĂ€ren. Guillaume soll angeblich sogar derjenige gewesen sein, der Brandt âFrauen zugefĂŒhrtâ habe. Brandts Umfeld fĂŒrchtete, dass diese Details, von denen die ersten offenbar bereits an die Medien weitergegeben worden waren, im kommenden Wahlkampf vom politischen Gegner fĂŒr eine Medienkampagne genutzt wĂŒrden. Herold und Nollau sahen zudem das Risiko einer Erpressbarkeit der Bundesregierung mittels gezielter Indiskretion und Preisgabe pikanter Details durch die DDR. In einem persönlichen GesprĂ€ch riet Nollau daraufhin Herbert Wehner, Brandt zum RĂŒcktritt zu bewegen.[4]
Am Abend des 4. Mai 1974 kam es in Bad MĂŒnstereifel am Rande der turnusmĂ€Ăigen Beratungen zwischen SPD und Gewerkschaften im "Haus MĂŒnstereifel" zu einem einstĂŒndigen GesprĂ€ch zwischen Brandt und Wehner. Vermutlich weil Wehner nicht ausdrĂŒcklich vom RĂŒcktritt abriet, entschloss sich Brandt zur Demission.[4] Möglicherweise kam aber auch der innere FĂŒhrungszirkel der SPD â und hier vor allem Wehner â zu dem Schluss, dass dem durch Depressionen,[5] Krankheit und Alkoholprobleme[6] geschwĂ€chten Brandt die Kraft fehlte, die zu erwartende Medienkampagne durchzustehen. Wahrscheinlich haben dabei auch die vermeintlich besseren Erfolgsaussichten der SPD im bevorstehenden Wahlkampf mit einem neuen, unbelasteten Kanzler eine Rolle gespielt. Wehner behauptete spĂ€ter, er habe Brandt versichert, er werde sich im Zweifelsfalle fĂŒr ihn âzerreiĂenâ lassen, wenn Brandt entscheide, die Sache durchzustehen. Brandt hingegen stellte es so dar, dass ihm die entscheidende UnterstĂŒtzung Wehners, Helmut Schmidts und anderer versagt geblieben sei. Den letzten Ausschlag habe am Morgen die ĂuĂerung seiner Frau, einer mĂŒsse schlieĂlich die Verantwortung ĂŒbernehmen, gegeben.
Am Morgen des 5. Mai 1974 verkĂŒndete Brandt den in Bad MĂŒnstereifel anwesenden Spitzenpolitikern der SPD seine Entscheidung, zurĂŒckzutreten. Er schrieb handschriftlich ein auf den 6. Mai 1974 datiertes RĂŒcktrittsschreiben[7] und ĂŒbergab dies um 23:35 Uhr dem Chef des Kanzleramtes, der es dem in Hamburg weilenden BundesprĂ€sidenten Gustav Heinemann ĂŒberbrachte. Brandt ĂŒbernahm damit auch die politische Verantwortung fĂŒr die nachtrĂ€glich als FahrlĂ€ssigkeit beurteilte Entscheidung, Guillaume nicht gleich zu verhaften. In seinem nicht fĂŒr die Ăffentlichkeit bestimmten Begleitschreiben zur RĂŒcktrittserklĂ€rung schrieb Brandt: âIch bleibe in der Politik, aber die jetzige Last muss ich loswerden.â[8]
Am 7. Mai 1974 wurde der RĂŒcktritt Brandts um 0 Uhr vom NDR bekannt gegeben. Die Nachrichtensendungen des Fernsehens zeigten am folgenden Tag eine Szene, die sich nachhaltig im kollektiven GedĂ€chtnis etablieren sollte:[9] In der Fraktionssitzung legt Wehner einen groĂen BlumenstrauĂ auf den Platz Brandts, der weinende Egon Bahr vergrĂ€bt sein Gesicht in den HĂ€nden.
Helmut Schmidt sagte spĂ€ter (im Interview bei Reinhold Beckmann), Brandts Depressionen seien der Hauptgrund fĂŒr den RĂŒcktritt gewesen. Er (Schmidt) habe âSchissâ gehabt (wörtlich), das Amt des Bundeskanzlers zu bekleiden; er habe Brandt angeschrien, ihm gesagt, dass diese AffĂ€re ĂŒberhaupt kein Grund zum RĂŒcktritt sei.
Politische Folgen
Die Guillaume-AffĂ€re fiel in die Zeit kurz nach Unterzeichnung des Grundlagenvertrages, Brandts RĂŒcktritt erfolgte fĂŒnf Tage nach Eröffnung der StĂ€ndigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR. Auch wenn die offizielle Stellungnahme der DDR-Regierung, man habe Guillaume im Zuge der Entspannungspolitik bereits âabgeschaltetâ, bezweifelt werden muss, lag der Sturz Brandts nicht im Interesse der DDR, die Brandts Ost-Politik unterstĂŒtzte. Laut Darstellung von Markus Wolf,[10] dem ehemaligen Chef der AuslandsaufklĂ€rung der DDR, war der Sturz Brandts auch zu keinem frĂŒheren Zeitpunkt beabsichtigt gewesen und wurde von der Stasi als eine groĂe Panne betrachtet.
Im Nachgang von Brandts RĂŒcktritt kam es zu intensiven inoffiziellen Kontakten zwischen den Regierungen der Bundesrepublik und der DDR mit dem Ziel der Schadensbegrenzung. TatsĂ€chlich signalisierte die westdeutsche Regierung dabei der ostdeutschen, man sei zur Fortsetzung der Normalisierungspolitik bereit, sofern âkĂŒnftig von den Nachrichtendiensten gewisse Grenzen eingehalten wĂŒrdenâ, und warnte vor den âschwerwiegenden Belastungen fĂŒr die zwischenstaatlichen Beziehungenâ, falls nicht dafĂŒr Sorge getragen wĂŒrde, dass derartiges kĂŒnftig unterbliebe.[11]
Wehner soll Schmidt mit dem Satz âHelmut, Du musst das jetzt machenâ zur Kanzlerschaft aufgefordert haben. Schmidt will von dem Ansinnen, ihn zum Kanzler zu machen, ĂŒberrascht gewesen sein und sich nur widerstrebend und aus PflichtgefĂŒhl der Aufgabe gestellt haben. Nach seiner Nominierung durch die SPD wurde Schmidt am 16. Mai 1974 zum Bundeskanzler gewĂ€hlt. Brandt blieb noch bis 1987 Parteivorsitzender der SPD. 1994 erschienen posthum Brandts âNotizen zum Fall Gâ,[12] in denen er unter anderem mit Wehner abrechnet.
Zitate
- Willy Brandt:[13] âWas immer mir an RatschlĂ€gen gegeben worden war, ich hĂ€tte nicht zulassen dĂŒrfen, dass wĂ€hrend meines Urlaubs in Norwegen im Sommer vergangenen Jahres auch geheime Papiere durch die HĂ€nde des Agenten gegangen sind. Es ist und bleibt grotesk, einen deutschen Bundeskanzler fĂŒr erpressbar zu halten. Ich bin es jedenfalls nicht.â
- Willy Brandt[14] zu einem spĂ€teren Zeitpunkt vor laufender Fernsehkamera: âIn Wahrheit war ich kaputt, aus GrĂŒnden, die gar nichts mit dem Vorgang zu tun hatten, um den es damals ging.â
- Herbert Wehner[15] auf die Frage, ob er den RĂŒcktritt fĂŒr notwendig gehalten habe: âIch habe nichts fĂŒr notwendig gehalten. Ich habe Willy Brandt am 6. Mai 1974 frĂŒh, als er in einem engen Kreis der Koalition gesagt hat, daĂ er sich entschlossen habe zurĂŒckzutreten, wegen des Vorgangs mit diesem Guillaume wegen FahrlĂ€ssigkeiten, die vorgekommen seien, habe ich zu denen gehört â ĂŒbrigens keiner der anderen war einverstanden, auch weder die drei von der FDP noch der zweite von der SPD â auĂer mir â von Brandt rede ich, der war einer von uns dreien. Ich habe damals erklĂ€rt, es gibt keinen Grund fĂŒr seinen RĂŒcktritt, aber â und dann habe ich gesagt: Es gibt Grund, daĂ der Soundso aufgrund der Verantwortung, die er wĂ€hrend der fraglichen Wochen gehabt hat, geht. Kein Minister, sondern ein StaatssekretĂ€r, nicht weil ich dachte, lieber ein StaatssekretĂ€r, sondern wer die Verantwortung dafĂŒr hatte, die Verantwortung dafĂŒr, daĂ Texte verschlĂŒsselt und entschlĂŒsselt durch die HĂ€nde von einem Menschen gingen, der sonst nie damit zu tun gehabt hĂ€tte. Und das andere sage ich, das muĂ man, muĂ wieder ein anderer entscheiden, es sind alles nicht Kanzlerentscheidungen. Wie das war mit den Oberservationen und der Auswertung der Observationen, die von einem bestimmten Zeitpunkt an gewesen sind. Das war meine ErklĂ€rung. Ich habe erklĂ€rt, es gibt keine Notwendigkeit dafĂŒr, daĂ der Bundeskanzler Willy Brandt dafĂŒr, was als FahrlĂ€ssigkeiten bezeichnet worden ist, zurĂŒcktritt. Es gab eine Bedenk- und Besprechzeit bis zum Abend dieses Tages, und am Abend hat er dann erklĂ€rt, er bleibt doch bei diesem EntschluĂ.â
- Reinhard Wilke:[16] âHorst Ehmke hatte, als Guillaume ins KanzlerbĂŒro versetzt werden sollte, sowohl Willy Brandt als auch mir gesagt, es habe Berichte ĂŒber VorgĂ€nge aus den 50er(!)-Jahren gegeben, die mit ungeklĂ€rten FunksprĂŒchen zusammenhingen. Er hatte uns aber ausdrĂŒcklich versichert, diese Dinge seien geklĂ€rt. Wir hatten uns daher seiner Ansicht angeschlossen, man dĂŒrfe jemanden, der vor vielen Jahren aus der DDR gekommen sei, nicht benachteiligen. Als nun Genscher dem Bundeskanzler im FrĂŒhjahr 1973 die Bitte GĂŒnter Nollaus (Verfassungsschutz-Chef, Red.) ĂŒbermittelte, Guillaume zu observieren und dabei keine neuen, aktuellen Erkenntnisse vortrug, waren wir beide der Auffassung, es handele sich um die âalten Geschichtenâ. Und wir waren der Meinung, man solle und könne den Verfassungsschutz nicht daran hindern, ihnen noch einmal nachzugehen, auch wenn wahrscheinlich dasselbe herauskommen werde wie damals: nĂ€mlich nichts. Wir hielten den âtypischen kleinkarierten ParteifunktionĂ€râ, wie Willy Brandt Guillaume mehrfach bezeichnete, nicht fĂŒr einen raffinierten Spion, der Staatsgeheimnisse ausspionieren könnte. Wir wurden in unserer Auffassung dadurch bestĂ€rkt, dass wir monatelang nichts mehr von Genscher oder Nollau hörten.â
- Wibke Bruhns[17] ĂŒber einen Abend mit dem Kanzler vier Tage vor dem RĂŒcktritt: âDer Triumph der gewonnenen Wahl wurde zerschlissen in innenpolitischen Turbulenzen â Ălkrise, Fluglotsenstreik, hĂ€rteste Auseinandersetzungen um ĂŒberhöhte Lohnforderungen der ĂTV. Der Kanzler war gesundheitlich angeschlagen, eine Stimmbandoperation und allgemeine Erschöpfung setzten ihn lĂ€ngere Zeit auĂer Gefecht. Seine fehlende Durchsetzungskraft wurde immer öfter Gegenstand öffentlicher Kritik. Sie gipfelte in Herbert Wehners AusfĂ€llen gegen Brandt wĂ€hrend einer Moskaureise im Herbst 1973: âDer Herr badet gern lauâ und âder Regierung fehlt ein Kopfâ. ⊠Am 1. Mai 1974, eine Woche nach der Verhaftung des DDR-Spions, war Willy Brandt auf seiner letzten Reise als Kanzler unterwegs, ein lang geplanter Ausflug nach Helgoland. Kurz zuvor hatte er durch Innenminister Genschers BĂŒroleiter Klaus Kinkel in Hamburg eine Liste prĂ€sentiert bekommen, in der die Aussagen seiner LeibwĂ€chter ĂŒber angebliche Treffen mit Damen verzeichnet waren, die ihm Guillaume âzugefĂŒhrtâ haben soll. Brandt ahnte wohl, dass er dies nicht durchstehen könne, dass nach den jahrzehntelangen Diffamierungskampagnen der rechten MassenblĂ€tter ihn jetzt die Kombination von Sex und Spionagethriller zur Strecke bringen werde. Wir, die mitreisenden Journalisten, ahnten von dieser Liste nichts. Es war trostloses Wetter, Willy Brandt verschanzt hinter seinem steinernen Gesicht. Wir trauten uns nicht, ihn anzusprechen, schon gar nicht auf Guillaume. Am Anleger war auĂer ein paar Genossen und dem BĂŒrgermeister niemand zum Empfang erschienen. Die Insel schien zu dieser spĂ€ten Nachmittagsstunde wie ausgestorben. Die TagesgĂ€ste waren abgereist, die HelgolĂ€nder hockten in ihren warmen Stuben und sahen FuĂball. âMit GĂŒnter wĂ€re das nicht passiertâ, wurde flĂŒsternd unter den Kollegen herumgereicht â Guillaume hĂ€tte den Kanzler mitten ins GewĂŒhl der Butterschiffe geschickt und die FuĂballzeiten im Kopf gehabt. Es wurde ein Schunkelabend mit viel Alkohol und âHerrn Pastor sin Kau-jau-jauâ. Die tapferen Genossen hauten dem groĂen Vorsitzenden aufmunternd auf die Schulter â âwi mok dat schon!â Brandt, der solche Abende ohnehin schwer aushielt, griff zum bewĂ€hrten Abwehrmittel: Er erzĂ€hlte Witze. Mitten im trunkenen Trubel starrte er plötzlich auf seine HĂ€nde. âScheiĂleben!â, murmelte er. Am nĂ€chsten Morgen hatte Brandt einen Kater und erschien mit einer Anzugjacke, die nicht zur Hose gehörte. Der Ersatzreferent, ein unerfahrenes Kerlchen, lieĂ den Kanzler und alle anderen warten, weil er nicht rechtzeitig aus dem Bett gekommen war. Es wurde eine ungemĂŒtliche RĂŒckfahrt ĂŒber raue See.â
- Matthias Brandt,[18] Willy Brandts Sohn, der in dem ARD-Dokudrama Im Schatten der Macht die Rolle von Guillaume spielte: âIch fand es interessant, dass man ĂŒber Guillaume eigentlich nicht so viel weiĂ. ⊠Mich hat die DoppelloyalitĂ€t Guillaumes zu meinem Vater auf der einen und zur DDR auf der anderen Seite fasziniert.â
- GĂŒnter Gaus,[19] der stĂ€ndige Vertreter Bonns in Ostberlin: âAls Guillaume enttarnt und festgenommen worden war, habe ich auf Weisung des Bundeskanzlers meine nĂ€chste Verhandlungsrunde mit Kurt Nier abgesagt. Wir wollten deutlich machen, dass dies nicht die Art ist, wie die Bundesrepublik mit sich umgehen lassen will. Aber es bestand EinmĂŒtigkeit in der Koalition darĂŒber, dass diese Enttarnung eines Spions im Kanzleramt die sachliche Richtigkeit der Politik nicht verĂ€nderte.â
Filme
- ARD-Spielfilm Im Schatten der Macht von Regisseur Oliver Storz mit Michael Mendl als Willy Brandt, JĂŒrgen Hentsch als Herbert Wehner, Dieter Pfaff als Hans-Dietrich Genscher sowie Matthias Brandt als GĂŒnter Guillaume. Gezeigt werden vor allem die letzten 14 Tage von Brandts Kanzlerschaft, also der Höhepunkt der Guillaume-AffĂ€re. Das Dokudrama ist teilweise fiktiv. Da bestimmte Details nicht zu rekonstruieren gewesen seien, habe man â so der ARD-Infotext â zeigen wollen, wie es (etwa im persönlichen GesprĂ€ch Brandt-Wehner) gewesen sein könnte.
Verweise
Quellenlage
Was oder wer Brandt letztlich zum RĂŒcktritt bewog, gilt bis heute als nicht endgĂŒltig geklĂ€rt. Entscheidende Informationen dazu werden im so genannten âUnkeler Bestandâ aus Brandts Nachlass vermutet. Diesen konnte bislang allerdings noch kein Autor oder Journalist auswerten, da er noch von Brandt selbst gesperrt wurde.
Literatur
- Arnulf Baring: Machtwechsel. Deutsche Verlags Anstalt, 1982, ISBN 3-421-06095-9
Gilt als Standardwerk. Brandt hat sich lange Zeit nicht öffentlich zu seinem Entschluss geĂ€uĂert, aber statt dessen dem Journalisten Baring umfangreich Auskunft erteilt.[20]
- Hermann Schreiber: Kanzlersturz â Warum Willy Brandt zurĂŒcktrat. Econ, MĂŒnchen 2003, ISBN 3-430-18054-6
Eher ein Portrait Guillaumes; greift Verschwörungstheorien auf, ohne sie zu belegen. Siehe Buchbesprechung in Die Zeit und im Tagesspiegel
- Willy Brandt: Erinnerungen. Mit den âNotizen zum Fall Gâ. Erweiterte Ausgabe. UTB, Berlin-Frankfurt a. M. 1994, ISBN 3-548-36497-7
In den âNotizen zum Fall Gâ erhebt Brandt schwere VorwĂŒrfe gegen Wehner, den er fĂŒr seine Demission verantwortlich macht.
- Klaus Eichner, Gotthold Schramm (Hrsg.): Kundschafter im Westen. Spitzenquellen der DDR-AufklÀrung erinnern sich. Edition Ost, Berlin 2003, ISBN 3-360-01049-3
- GĂŒnter Guillaume: Die Aussage â Wie es wirklich war. Universitas, TĂŒbingen 1990, ISBN 3-8004-1229-2
- Pierre Boom, Gerhard Haase-Hindenberg: Der fremde Vater. Aufbau, Berlin 2005, ISBN 3-7466-2146-1
Weblinks
Einzelnachweise
- â Hermann Schreiber: Kanzlersturz â Warum Willy Brandt zurĂŒcktrat. Econ, MĂŒnchen 2003, ISBN 3-430-18054-6. (Nach Schreiber soll Guillaume in der Beurteilung der HVA kein wirklich erfolgreicher Agent gewesen sein. Keine seiner rund 25 Meldungen aus dem Kanzleramt sei in Ost-Berlin mit dem höchsten GĂŒtesiegel, der Note 1, ausgezeichnet worden)
- â So Wilke (siehe auch Zitat in diesem Artikel) in vorwĂ€rts-online anlĂ€sslich des 90. Geburtstags von Brandt
- â Dokumentation. Der Fall Guillaume. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1974 (online).</span>
- â a b c Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung: im Internet veröffentlichte Biografie
- â Rede von Hans-Jochen Vogel vom 21. Oktober 2002 anlĂ€sslich der PrĂ€sentation des fĂŒnften Bandes der Berliner Ausgabe im Literaturhaus der Landeshauptstadt MĂŒnchen
- â Gregor Schöllgen: Willy Brandt. Die Biographie. PropylĂ€en, Berlin 2001, ISBN 3-549-07142-6. (Schöllgen schildert sachlich distanziert Brandts âNeigung zu Nikotin und Alkoholâ, seine âamourösen AffĂ€renâ und seine âDepressionenâ ausfĂŒhrlich, die ihm allerdings nicht geschadet hĂ€tten.)
- â Das RĂŒcktrittsschreiben Deutsches Historisches Museum, EB-Nr.: 1996/01/0045 im
- â Arnulf Baring: Machtwechsel. Deutsche Verlags Anstalt, 1982, ISBN 3-421-06095-9 (Unter anderem aus diesem Schreiben schloss Baring, wie âerschöpft und mĂŒdeâ Brandt persönlich gewesen sein muss.)
- â Martin Rupps: Wider die Legendenbildung â Der Kanzlersturz im Kraftfeld der Troika. In: Frankfurter Hefte. unter Das Thema: Politik und Emotion.
- â Markus Wolf: Spionagechef im geheimen Krieg. Erinnerungen. Econ & List, MĂŒnchen 1998, ISBN 3-612-26482-6.
- â StaatssekretĂ€r GĂŒnter Gaus: Protokoll ĂŒber Vier-Augen-GesprĂ€ch mit dem DDR-ViezeauĂenminister Kurt Nier am 23. Mai 1974 im DDR-AuĂenministerium in Ostberlin (PDF). Quelle: Bundeskanzleramt, VS-Registratur, Verhandlungen mit der DDR, Bd. 8
- â Willy Brandt: Erinnerungen. Mit den âNotizen zum Fall Gâ. Erweiterte Ausgabe. UTB, Berlin/Frankfurt a. M. 1994, ISBN 3-548-36497-7.
- â O-Ton am 8. Mai 1974 bei der BegrĂŒndung seines RĂŒcktritts im Fernsehen
- â zitiert nach: Gregor Schöllgen: Der Kanzler und sein Spion. In: Die Zeit, Nr. 40/2003
- â in einem NDR-Interview vom 29. Oktober 1979
- â in vorwĂ€rts â online anlĂ€sslich des 90. Geburtstags von Brandt
- â Wibke Bruhns: Willy Brandt â Demontage einer Lichtgestalt. In: stern.de EXTRA: Willy Brandt
- â nach EXTRA: Willy Brandt auf stern.de
- â Es war die wichtigste Zeit meines Lebens. GĂŒnter Gaus zur ersten StĂ€ndigen Vertretung der BRD in der DDR Berliner GesprĂ€che. In: Berlinische Monatsschrift 6/2001 beim LuisenstĂ€dtischen Bildungsverein, Seite 87/88, Reihe: Berliner GesprĂ€che.
- â Gregor Schöllgen: Der Kanzler und sein Spion. In: Die Zeit, Nr. 40/2003. âDabei ist der Bericht lĂ€ngst geschrieben, wissen wir seit Arnulf Barings Machtwechsel, also seit 1982, genau, wie sich alles zugetragen hat, wie der DDR-Spion im Persönlichen BĂŒro des Kanzlers landen konnte, wie die Verantwortlichen und Betroffenen, Brandt eingeschlossen, ein Jahr lang mit dem Verdacht gegen GĂŒnther Guillaume umgingen, wie sich Brandts Umfeld in den entscheidenden Tagen und Stunden vor dem RĂŒcktritt verhielt, in welchem körperlichen und seelischen Zustand der Kanzler sich befand, als er von der Verhaftung des Spions, aber auch davon erfuhr, dass unter anderem durch Beamte seines Begleitkommandos Informationen ĂŒber sein Liebesleben zusammengetragen worden waren.â
