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HĂ€mostase

Die HĂ€mostase (von griechisch αጷΌα HĂ€ma „Blut“ und ÏƒÏ„ÎŹÏƒÎčς Stasis „Stauung, Stockung, Stillstand“) ist ein lebenswichtiger Prozess, der die bei Verletzungen der BlutgefĂ€ĂŸe entstehenden Blutungen zum Stehen bringt. Dadurch wird der ĂŒbermĂ€ĂŸige Austritt von Blut aus dem Blutkreislauf verhindert und die Voraussetzung fĂŒr eine Wundheilung geschaffen. Die HĂ€mostase muss im Fall einer Verletzung hinreichend schnell einsetzen, um grĂ¶ĂŸeren Blutverlust zu vermeiden. Sie muss auf den Bereich der Verletzung beschrĂ€nkt bleiben und darf nicht fĂ€lschlicherweise durch andere Ereignisse wie EntzĂŒndungen oder Infektionen ausgelöst werden.

Die HĂ€mostase lĂ€sst sich in zwei TeilvorgĂ€nge aufteilen, die jedoch miteinander in Wechselwirkung stehen. Bei der primĂ€ren (auch: zellulĂ€ren) HĂ€mostase, der Blutstillung, sind die BlutplĂ€ttchen (Thrombozyten), die Wandzellen des betroffenen BlutgefĂ€ĂŸes (Endothel und glatte Muskelzellen), sowie Gewebe außerhalb des GefĂ€ĂŸes beteiligt. Vereinfacht dargestellt verengt sich das GefĂ€ĂŸ zunĂ€chst, dann heften sich BlutplĂ€ttchen an das Leck, verkleben untereinander und stellen so den ersten Wundverschluss her.

Bei der sekundĂ€ren (auch: plasmatischen) HĂ€mostase, der Blutgerinnung, wird dieser noch lose Verschluss durch die Bildung von Fibrin-FĂ€den verstĂ€rkt. Hierbei spielt die Aktivierung von etwa einem Dutzend im Blutplasma enthaltenen Gerinnungsfaktoren eine wichtige Rolle. Ein genetischer Defekt von Gerinnungsfaktoren kann zu Krankheiten wie der HĂ€mophilie (Bluterkrankheit) fĂŒhren.

Die einsetzende Wundheilung wird durch Wachstumsfaktoren initiiert, die von Thrombozyten und Endothelzellen abgegeben werden. Am Ende der Wundheilung wird das Fibrin durch das fibrinolytische System des Blutplasmas aufgelöst.

Dieser Artikel beschreibt die HĂ€mostase beim Menschen. Die Aussagen treffen ĂŒberwiegend auch auf andere SĂ€uger zu, aber nur eingeschrĂ€nkt auf andere Tierklassen.

Inhaltsverzeichnis

Physiologische VorgĂ€nge nach einer GefĂ€ĂŸverletzung

Laufendes Blut an einem frischen Schnitt

Nach Verletzung kleinerer GefĂ€ĂŸe kommt eine Blutung ĂŒblicherweise zĂŒgig zum Stehen. Die dafĂŒr verantwortliche HĂ€mostase kann als Abfolge der folgenden Prozesse betrachtet werden. Diese Unterteilung dient in erster Linie dem einfacheren VerstĂ€ndnis. Zwischen den Prozessen bestehen enge funktionelle und zeitliche Beziehungen, eine scharfe Abgrenzung ist nicht möglich.

Spontane arterielle HĂ€mostase
Schlagadern (Arterien) vom muskulĂ€ren Typ haben die Eigenschaft, sich nach einer Querdurchtrennung von selbst „einzukrempeln“. Diese Eigenschaft liegt im Wandbau der Schlagadern begrĂŒndet: Die elastische Innenhaut der Schlagader (Membrana elastica interna) zieht sich nach Durchtrennung stĂ€rker zusammen als die ĂŒbrigen Wandschichten. Dadurch wird der freie Rand der durchtrennten Schlagader in das Innere des GefĂ€ĂŸes hineingezogen und sorgt so fĂŒr einen sehr schnellen, provisorischen Verschluss. [1]
ZellulÀre HÀmostase
Sie besteht aus der Anheftung (AdhĂ€sion) und Verklebung (Aggregation) von Thrombozyten, der Aktivierung weiterer Thrombozyten und Bildung eines verschließenden, weißen Thrombozytenthrombus. Außerdem wird durch die AusschĂŒttung von Substanzen eine Vasokonstriktion, also eine GefĂ€ĂŸverengung, ausgelöst. Dies verringert den Blutfluss und minimiert so den Blutverlust.
Plasmatische HĂ€mostase
Bestandteile des Blutplasmas erzeugen ein Maschenwerk aus mechanisch stabilen FibrinfĂ€den, worin die zirkulierenden roten Blutkörperchen (Erythrozyten) hĂ€ngen bleiben und sich schließlich ein roter Thrombus bildet, der sich schließlich verfestigt und zusammenzieht.

ZellulÀre HÀmostase

Das Blut eines Menschen enthÀlt im Normalfall zwischen 150.000 und 400.000 Thrombozyten pro Mikroliter[2]. In der Zellmembran der Thrombozyten sind zahlreiche Glykoproteine und Rezeptoren vorhanden, die bei der zellulÀren HÀmostase eine wichtige Rolle spielen.

Die innere Zellschicht von BlutgefĂ€ĂŸen wird als Endothel bezeichnet. Diese ist innen mit einer Glykokalyx, einer Art Schleimschicht ĂŒberzogen, fĂŒr die Thrombozyten keine Rezeptoren besitzen. Unter anderem aus diesem Grund bleiben Thrombozyten in unverletzten GefĂ€ĂŸen inaktiv und können sich nicht an die GefĂ€ĂŸwand anlagern. Verschiedene Faktoren wirken einer Aktivierung ebenfalls entgegen, beispielsweise Prostacyclin und Stickstoffmonoxid sowie Heparin, das unter anderem von Mastzellen gebildet wird und dessen hemmende Wirkung auf die HĂ€mostase therapeutisch genutzt werden kann.

Von links nach rechts: Erythrozyt, aktivierter Thrombozyt, Leukozyt.

ThrombozytenadhÀsion und Aktivierung

Wenn ein GefĂ€ĂŸ verletzt wird, kommt das Blut mit dem umliegenden Bindegewebe in BerĂŒhrung, unter anderem mit Kollagenfasern. Kollagen ist ein Strukturprotein, das nahezu ĂŒberall im Extrazellularraum vorhanden ist. Die Thrombozyten haften zuerst an diesen Fasern (ThrombozytenadhĂ€sion), was zur Ausbildung einer dĂŒnnen Bedeckung der Wunde fĂŒhrt[3]. Die AdhĂ€sion (Anhaftung) wird durch den von-Willebrand-Faktor (vWF) vermittelt, ein lösliches Blutprotein, welches von Endothelzellen und Megakaryozyten gebildet wird. Er stellt zusammen mit Fibronektin und Laminin eine Verbindung zwischen Kollagenfasern und einem Rezeptor auf den Thrombozyten (GP Ib/IX) her. Ein Defekt des von-Willebrand-Faktors fĂŒhrt zum Willebrand-JĂŒrgens-Syndrom.

Durch die AdhĂ€sion wird die Thrombozytenaktivierung ausgelöst: Sie setzen aus sogenannten „elektronendichten Granula" Calcium-Ionen, ADP, Serotonin, Thromboxan A2 und weitere Stoffe frei. Dadurch werden weitere Thrombozyten angelockt (Chemotaxis). Thromboxan A2 trĂ€gt außerdem maßgeblich zur Verengung des BlutgefĂ€ĂŸes bei, die einem hohen Blutdurchfluss entgegenwirkt. Auch der Inhalt der sogenannten „α-Granula“ der Thrombozyten wird ausgeschĂŒttet: Gerinnungsfaktoren (Faktor V, Faktor VIII), Klebstoffe (vWF, Fibronektin, Thrombospondin) und Wachstumsfaktoren.[4] Durch Aktivierung verschiedener Stoffwechselwege werden vermehrt Substanzen wie Thromboxan A2 und der PAF (Platelet Activating Factor, plĂ€ttchenaktivierender Faktor) gebildet. Einige dieser Stoffe induzieren die plasmatische Gerinnung.

Thrombozytenaggregation

PlĂ€ttchenreiches Blutplasma (links) ist eine trĂŒbe FlĂŒssigkeit. Durch Zugabe von ADP werden die PlĂ€ttchen aktiviert und binden aneinander, so dass weiße Flocken entstehen (rechts).
→ Hauptartikel: Thrombozytenaggregation

Die Zusammenlagerung (Aggregation) der aktivierten Thrombozyten wird gefördert durch eine Umorganisation des Zytoskeletts, die eine VergrĂ¶ĂŸerung der ZelloberflĂ€che um ein Mehrfaches bewirkt. WĂ€hrend die Thrombozyten inaktiv Linsenform haben, nehmen sie im aktiven Zustand Kugelform an und tragen dabei lange Pseudopodien (Schein-FĂŒĂŸchen), mit deren Hilfe sie sich untereinander einhaken können – die Thrombozyten werden „stachelig“ und „klebrig“. Die aggregierten Thrombozyten bilden schließlich einen Thrombozyten-Pfropf, der als weißer Thrombus bezeichnet wird. Damit endet die zellulĂ€re HĂ€mostase. Normalerweise dauert der Prozess ein bis vier Minuten, diese Dauer wird als Blutungszeit bezeichnet.

Der weiße Thrombus ist nicht allzu stabil und kann weggeschwemmt werden. Einen festeren Verschluss bildet die Plasmatische HĂ€mostase.

Plasmatische HĂ€mostase

Die Gerinnungskaskade

Durch die plasmatische HĂ€mostase bildet sich ein Maschenwerk aus mechanisch stabilem Fibrin, in das neben Thrombozyten auch rote Blutkörperchen (Erythrozyten) eingefangen werden, der daher als „roter Thrombus“ bezeichnet wird.

Aktivierte Thrombozyten haben auf der Zellmembran einen Rezeptorkomplex (Glycoprotein IIb/IIIa), an welchem Fibrinogen aus dem Plasma und die aus den aktivierten Thrombozyten freigesetzten Haftstoffe (Fibrinogen, Thrombospondin) binden. RĂŒckkopplungsmechanismen der ausgeschĂŒtteten Stoffe fĂŒhren schließlich zu einer irreversiblen Aggregation, bei der die Zellmembranen der Thrombozyten miteinander verschmelzen. [5]

Diese sekundÀre Blutstillung, die Blutgerinnung, wird auch als Gerinnungskaskade bezeichnet. Sie wird in drei Phasen unterteilt: Aktivierungs-, Koagulations- und Retraktionsphase.

Aktivierungsphase

Durch den Kontakt von Thrombozyten mit negativ geladenen OberflĂ€chen wie zum Beispiel Glas werden die Faktoren XII und XI aktiviert, die eine Gerinnungskaskade in Gang setzen (intrinsisches System, siehe Abbildung). Wird der Faktor XI bei einem Individuum nicht gebildet, hat dies keine bedeutende Störung der Gerinnung zur Folge, im Gegensatz zum Mangel des Faktors VIII und IX, die zur HĂ€mophilie A/B fĂŒhren.

Der normale physiologische Ablauf[6] (extrinsisches System oder exogener Mechanismus) wird durch Kontakt von Blut mit Gewebethromboplastin aus verletztem subendothelialen Gewebe initiiert. Thromboplastin (auch Tissue Factor, TF oder Faktor III) ist ein Membranprotein, welches beispielsweise in der Adventitia von BlutgefĂ€ĂŸen vorkommt – von Endothelzellen wird es nur nach Aktivierung freigesetzt. Es bildet einen Komplex mit Faktor VII, der in seine aktive Form ĂŒberfĂŒhrt wird. Dadurch wird etwas Thrombin gebildet, der Prozess wird aber relativ schnell durch den TFPI (Tissue Factor Pathway Inhibitor) gehemmt. Wenn genug Thrombin gebildet wurde, wird ein sogenannter Aktivatorkomplex der Faktoren IX und VIII aktiviert (nicht in Abbildung dargestellt). Dieser Komplex aktiviert wiederum Faktor X.

Das Fehlen der Faktoren VIII oder IX fĂŒhrt zur HĂ€mophilie, der Bluterkrankheit: Die Kaskade wird unterbrochen und die VerstĂ€rkung der Gerinnung bleibt aus. Die Patienten können an kleinsten inneren Verletzungen verbluten.

Bei beiden Mechanismen wird schließlich Faktor X zu ‚Faktor Xa‘ aktiviert. Dieser wiederum spaltet Prothrombin (Faktor II), es entsteht Thrombin (Faktor IIa). Diese Reaktion auf der Thrombozyten-Membran findet nur in Anwesenheit von Calcium statt und wird durch positive RĂŒckkopplung mit dem Komplex der Faktoren VIII und IX stark beschleunigt. Mit der Bildung von enzymatisch aktivem Thrombin endet die Aktivierungsphase.

Phasen der Koagulation und Retraktion

Das enzymatisch aktive Thrombin ist fĂŒr die Polymerisation von Fibrin und damit die Bildung des roten Thrombus verantwortlich: In der Koagulationsphase spaltet es aus der inaktiven Vorstufe Fibrinogen (Faktor I) niedermolekulare Einheiten (Monomere) ab, welche sich nichtkovalent zum polymeren Fibrin zusammenlagern. Durch Wirkung des Faktors XIII werden zwischen den Monomeren schließlich kovalente Bindungen geknĂŒpft und der Thrombus stabilisiert. Das Fibrin vernetzt die schon aneinandergelagerten Thrombozyten, und festigt damit den Wundverschluss. In das Netz werden rote Blutkörperchen eingefangen, ein sogenannter roter Thrombus bildet sich. Das Thrombin bewirkt weiterhin eine Kontraktion des Aktin-Myosin-Skeletts innerhalb der Thrombozyten: Die sich kontrahierenden Thrombozyten ziehen am Fibrinnetz und somit die WundrĂ€nder zusammen und verschließen die Wunde mechanisch. Durch das Zusammenziehen und unterstĂŒtzt durch den PDGF (platelet-derived growth factor) wird außerdem das Eindringen von Bindegewebszellen gefördert: die Wundheilung beginnt.

Übergang zur Wundheilung

→ Hauptartikel: Wundheilung und Fibrinolyse

Nach der plasmatischen HÀmostase erfolgt die Wundheilung, indem Bindegewebe bildende Zellen (Fibroblasten) in den Thrombus einwachsen und ihn bindegewebig umbauen. Dabei sterben beschÀdigte Zellen ab und werden abgebaut.

FĂŒr den Abbau der Thromben ist vor allem ein Protein namens Plasmin zustĂ€ndig, das ebenfalls durch kompliziert regulierte Mechanismen aus einer inaktiven Vorstufe (Plasminogen) gebildet wird. Plasmin löst die kovalenten Bindungen zwischen den Fibrin-StrĂ€ngen auf und damit das Netz, das den Thrombus festhĂ€lt.

Zwischen den Systemen der Blutgerinnung und dem System der Fibrinolyse, welches den roten Thrombus im GefĂ€ĂŸsystem wieder auflöst, bestehen abgestimmte Gleichgewichte. GeringfĂŒgige Störungen dieser Gleichgewichte können zu schwerwiegenden Blutungen oder zur Bildung von Thromben an Orten fĂŒhren, an denen keine Verletzung vorliegt (siehe auch Thrombose).

Übersicht ĂŒber Gerinnungsfaktoren und Inhibitoren

Die meisten Gerinnungsfaktoren sind Eiweißstoffe (Proteine). Jedem Faktor ist eine römische Zahl zugewiesen. Ein kleines a hinter der Zahl bedeutet, dass er in der aktiven Form vorliegt. Aus historischen GrĂŒnden (siehe unten, Forschungsgeschichte) ist die Zahl VI nicht (mehr) vergeben, der entsprechende Faktor ist identisch mit Va.

Nummer Name(n) Funktion
I Fibrinogen Bildet das Fibrinnetz.
II Prothrombin Die aktive Form Thrombin (IIa) aktiviert die Faktoren I, V, VII und XIII.
III (Gewebe-)Thromboplastin, Tissue factor (TF) Im subendothelialen Gewebe, Kofaktor von VIIa.
IV Calcium Viele Faktoren benötigen das Calcium-Kation Ca2+, um an die negativ geladenen Phospholipide der Plasmamembranen zu binden.
V Proaccelerin Kofaktor von X, mit dem es einen Komplex bildet.
VII Proconvertin Aktiviert IX und X, wird durch Kontakt mit TF aktiviert.
VIII AntihĂ€mophiles Globulin A Kofaktor von IX, mit dem es einen Komplex bildet.
IX Christmas-Faktor, AntihĂ€mophiles Globulin B Aktiviert X, bildet einen Komplex mit VIII.
X Stuart-Prower-Faktor Aktiviert Prothrombin, bildet einen Komplex mit VII.
XI Rosenthal-Faktor, Plasma Thromboplasmin Antecedent (PTA) Aktiviert XII und IX.
XII Hageman-Faktor Aktiviert die Fibrinolyse.
XIII Fibrinstabilisierender Faktor Stabilisiert Fibrin durch Bildung von Quervernetzungen.

Um eine Gerinnung in der Abwesenheit von Verletzungen zu vermeiden, enthÀlt das Blutplasma verschiedene hemmende Substanzen (Inhibitoren). Proteaseinhibitoren hemmen die Bildung von Fibrin. Antithrombin hemmt mehrere Gerinnungsproteasen in der Aktivierungsphase und Koagulationsphase. Die inhibitorische Wirkung wird durch seinen Kofaktor, das Heparin, deutlich verstÀrkt. Heparin wird von Endothelzellen und Mastzellen gebildet. Thrombomodulin, das ebenfalls aus dem Endothel stammt, bindet an Thrombin und aktiviert Protein C, das nach Bindung an Protein S die Cofaktoren Va und VIIIa inaktiviert.

Forschungsgeschichte

Die ersten Theorien zur Blutgerinnung beruhten vor allem auf der Humoralpathologie. Man brachte die Gerinnung mit „Schwarzer Galle“ in Verbindung. Ab dem 17. Jahrhundert wurde mit der Untersuchung der physiologischen Mechanismen begonnen.[7] Alexander Schmidt (1831–1894) stellte 1876 eine Gerinnungstheorie auf, die auf miteinander wechselwirkenden Proteinen basierte. Auch die Rolle des Calciums wurde von ihm beschrieben.[7] Lange wurde diskutiert, welche Stoffe zur Gerinnung wirklich nötig sind und ob die zellulĂ€re oder die plasmatische Phase die bedeutendere sei.

Im Jahr 1904 beschrieb Paul Morawitz das System schon fast so, wie es heute bekannt ist. Er prÀgte den Begriff der plasmatischen Gerinnung und beschrieb die folgenden zwei Phasen

<math>\mathrm{Prothrombin \ \xrightarrow{+Thrombokinase \ +Calcium} \ Thrombin}</math>
<math>\mathrm{Fibrinogen \ \xrightarrow{+Thrombin} \ Fibrin}</math>

Die molekularen Mechanismen der Blutgerinnung wurden zum grĂ¶ĂŸten Teil im Laufe des 20. Jahrhunderts entdeckt. Ein erster Hinweis auf die KomplexitĂ€t der Mechanismen der Blutgerinnung war die Entdeckung von Proaccelerin durch Paul Owren (1905–1990) im Jahre 1947, welches als Faktor V bezeichnet wurde. Die komplette AminosĂ€uresequenz wurde 1987 durch Jenny et al. veröffentlicht.[8] Owren vermutete bereits, dass dieser Faktor Accelerin produziert, das er als Faktor VI bezeichnete. SpĂ€ter stellt sich heraus, dass V die inaktive Vorstufe von VI ist. Deshalb wird Faktor VI nun als Va bezeichnet.

Faktor IX wurde 1952 auf Grund der Krankheit eines jungen Patienten mit HĂ€mophilie B namens Stephen Christmas entdeckt, bei dem das Fehlen eben dieses Faktors die Krankheit auslöste. Er heißt deshalb Christmas-Faktor.[9] Viele der anderen Faktoren wurden ebenfalls in den 1950er Jahren entdeckt und hĂ€ufig nach den Patienten benannt, in denen sie gefunden wurden. Details zu diesen Entdeckungen sind in den Artikeln der jeweiligen Faktoren beschrieben.

Erst in neuerer Zeit wurde entdeckt, dass der intrinsische Weg wohl keine physiologische Rolle spielt.[10]

Klinische Bedeutung

Medikamentöse Gerinnungshemmung

→ Hauptartikel: Antikoagulation

Vor, wĂ€hrend und nach Operationen sowie bei BettlĂ€gerigkeit aus anderer Ursache werden hĂ€ufig vorĂŒbergehend gerinnungshemmende, „blutverdĂŒnnende“ Medikamente zur Vermeidung von Thrombosen und Lungenembolien eingesetzt. Diese Vorgehensweise wird Thromboseprophylaxe genannt.

HĂ€ufigster Grund fĂŒr eine lĂ€ngerfristige therapeutische Antikoagulation ist heutzutage das Vorhofflimmern oder -flattern. Bei dieser Herzrhythmusstörung besteht ein erhöhtes Embolierisiko, das bei vielen Patienten durch die BlutverdĂŒnnung gesenkt werden muss. ZweithĂ€ufigster Grund sind Thrombosen, meist der Beinvenen. Hier soll die Gerinnungshemmung in der Akutphase die weitere Ausdehnung der Thrombose und spĂ€ter ein Wiederauftreten (Rezidiv) verhindern.

Heparin

Zur medikamentösen Gerinnungshemmung in vivo können Heparin und Heparinoide eingesetzt werden. Es handelt sich um eine extrem stark negativ geladene Kette aus Zuckern, die sich an das schon erwĂ€hnte Protein Antithrombin heftet. Dieser Komplex bindet nun wirksamer die Faktoren Thrombin und Xa, die außer Kraft gesetzt werden: Die Gerinnungskaskade kommt zum Erliegen. Die Wirkung setzt nach intravenöser Gabe sofort ein. Heparin zur medikamentösen Verwendung wird ĂŒblicherweise aus tierischen Geweben gewonnen.

Cumarine

Eine weitere Möglichkeit sind sogenannte Vitamin-K-Antagonisten wie die Cumarinderivate Phenprocoumon und Warfarin. Vitamin K wird zur Synthese der meisten Gerinnungsfaktoren als Coenzym benötigt. Cumarin wirkt in der Leber und verhindert die Reduktion von Vitamin K (Phyllochinon). Dieses wirkt bei der Îł-Carboxylierung der Gerinnungsfaktoren (II, VII, IX, X) mit und wird dabei selbst oxidiert (Abgabe von Elektronen). Ohne eine darauffolgende Reduktion (Aufnahme von Elektronen) bleibt Vitamin K funktionslos. Die Wirkung setzt zwar erst nach einer gewissen Zeit ein, dafĂŒr kann die Gabe oral erfolgen.

Thrombozytenaggregationshemmer

AcetylsalicylsĂ€ure kann in die Thrombozytenaggregation, also in die zellulĂ€re HĂ€mostase, eingreifen. Eine Cyclooxygenase (COX), die fĂŒr die Synthese des PlĂ€ttchenfaktors Thromboxan A2 benötigt wird, wird irreversibel durch Anheftung eines EssigsĂ€ure-Restes gehemmt. Ebenfalls auf die Aggregation der BlutplĂ€ttchen wirkt Clopidogrel, das eine Hemmung der ADP-abhĂ€ngigen Thrombozytenaktivierung durch eine irreversible Rezeptor-Blockierung bewirkt. Abciximab ist ein rekombinanter monoklonaler Antikörper, der das Glykoprotein IIb/IIIa der Thrombozyten blockiert und dadurch gleichfalls die Thrombozytenaggregation unterbindet. Denselben Angriffsort hat Tirofiban.

Fibrinolytika

Fibrinolytika aktivieren Plasminogen und fördern so die Auflösung von Thromben (Thrombolyse). Dies wird zur Therapie von Herzinfarkten, Lungenembolien, Beinvenenthrombosen, peripheren Verschlusskrankheiten und innerhalb eines dreistĂŒndigen Zeitfensters auch bei akuten Hirninfarkten genutzt. WĂ€hrend Wirkstoffe wie Streptokinase und Urokinase unspezifisch sowohl auf Fibrinogen als auch auf Fibrin wirken, weisen neuere Stoffe wie Alteplase (recombinant tissue type plasminogen activator, rt-PA) eine SelektivitĂ€t fĂŒr vernetztes Fibrin in Thromben auf, was systemische Nebenwirkungen, insbesondere Blutungen, vermindern soll. Die Anwendung der Fibrinolytika unterliegt einer strengen Indikationsstellung.

Hemmung in vitro

In vitro, z. B. in Blutröhrchen, kommen hĂ€ufig EDTA und Citrat zum Einsatz, Chelatoren, die einen unlöslichen Komplex mit den zur Gerinnung nötigen Calcium-Kationen bilden. Eine Gerinnungshemmung mit Heparin ist in vitro ebenfalls möglich. Die Auswahl des Gerinnungshemmers erfolgt nach dem Gesichtspunkt, welche Untersuchung spĂ€ter mit dem ungerinnbar gemachten Blut geplant ist. FĂŒr Untersuchungen der Gerinnung selbst wird fast ausschließlich Citrat als Gerinnungshemmer verwendet, indem die Blutprobe im VerhĂ€ltnis 9+1 mit einer 3,8%igen Natriumcitrat-Lösung verdĂŒnnt wird. Man verwendet dazu in der Regel industriell vorgefertigte Röhrchen, die bereits 0,3 ml Natriumcitratlösung enthalten und dann mit 2,7 ml Blut aufgefĂŒllt werden. FĂŒr die ZuverlĂ€ssigkeit der daraus erstellten Analysen ist es wichtig, dass dieses MischungsverhĂ€ltnis genau eingehalten und die Blutprobe sofort nach Gewinnung sorgfĂ€ltig mit der Natriumcitrat-Lösung vermischt wird.

Medikamentöse VerstÀrkung der HÀmostase

Es liegt nahe, die HĂ€mostase auch in umgekehrter Richtung beeinflussen zu wollen und bei lebensbedrohlichen Blutungen Medikamente zu verabreichen, die zu einer verstĂ€rkten HĂ€mostase fĂŒhren. Die Entwicklung derartiger Medikamente, in der Fachsprache HĂ€mostyptika genannt, war in der Vergangenheit – verglichen mit den die HĂ€mostase hemmenden Medikamenten – von geringerem Erfolg gekrönt.

FĂŒr die medizinische Behandlung wichtig geworden sind hier vor allem PrĂ€parate, die einen angeborenen oder erworbenen Mangel von Gerinnungsfaktoren beheben, beispielsweise Faktor-VIII-Konzentrat bei Bluterkrankheit (HĂ€mophilie A), Vitamin K und PPSB bei Blutungen unter Cumarintherapie oder gefrorenes Frischplasma bei disseminierter intravasaler Gerinnung. Bei einem ausgeprĂ€gten Mangel an BlutplĂ€ttchen können diese in Form von Thrombozyten-Konzentraten ersetzt werden. Die Wirkung von Heparin kann durch Protamin aufgehoben werden.

Weiterhin kann die HĂ€mostase verstĂ€rkt werden, indem der natĂŒrliche Gegenspieler der Gerinnung, die Fibrinolyse, gehemmt wird. Medikamente mit diesem Wirkmechanismus werden Antifibrinolytika genannt. Als Wirkstoffe kommen TranexamsĂ€ure, Para-AminomethylbenzoesĂ€ure und AminokapronsĂ€ure zur Anwendung, das frĂŒher hĂ€ufig verwendete Aprotinin wurde im November 2007 wegen erhöhter Sterblichkeit bei der Behandlung vom Markt genommen.[11]

Gerinnungsuntersuchungen

Blutplasma nach Zugabe von Thromboplastin (Quick-Test). Das entstandene Gel ist stark genug, um eine Stahlkugel zu halten.

Zur Messung der GerinnungsfÀhigkeit des Blutes dienen in der labormedizinischen Diagnostik

  • der Quickwert zur selektiven Funktionsbestimmung des exogenen Systems durch Zugabe von Tissue-Faktor und Ca2+ zur Blutprobe und anschließender Bestimmung der Gerinnungszeit im Vergleich zu Normalblut, beispielsweise bei einer Cumarintherapie, sowie die daraus abgeleitete INR (International Normalized Ratio), die den Quick-Test zunehmend ersetzt. Die INR bietet eine bessere Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Laboratorien als der Quick-Wert. Allerdings sind beide Werte bei einer HĂ€mophilie normal.
  • die PTT (Partial Thromboplastine Time) zur selektiven Funktionsbestimmung des endogenen Systems und des gemeinsamen Weges der Blutgerinnung.[12] Dieser Wert liegt bei einer HĂ€mophilie ĂŒber dem Standardwert von ca. 30 Sekunden.
Blutproben; rechts: Vollblut vor Zentrifugation; links: nach Zentrifugation, die untere Phase beinhaltet zellulÀre Bestandteile, die obere Phase die löslichen, Blutplasma.

Diese Untersuchungen werden als Globalteste der Gerinnung bezeichnet. Sie können nur eine reduzierte Gerinnung (Blutungsrisiko) erkennen und zur Überwachung einer Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten wie beispielsweise Marcumar dienen, nicht jedoch ein Zuviel (Thrombophilie). Weitere, seltener eingesetzte Tests zur Messung der GerinnungsfĂ€higkeit des Blutes sind Thrombinzeit und die funktionelle Fibrinogenbestimmung nach Clauss.

Der Aktivierungszustand des Gerinnungssystem im gesamten Körper kann durch die Messung der D-Dimere (Fibrinspaltprodukte) bestimmt werden. So können bestimmte zum Zeitpunkt der Blutentnahme vorhandene KrankheitszustĂ€nde, die mit einer Aktivierung der plasmatischen Gerinnung einhergehen, erkannt werden (Thrombosen, Lungenembolien, disseminierte intravasale Gerinnung und Heparin-induzierte Thrombozytopenie Typ II). Eine Unterscheidung zwischen verschiedenen möglichen Ursachen einer Gerinnungsaktivierung sowie eine zuverlĂ€ssige EinschĂ€tzung eines zukĂŒnftigen Risikos (Thrombophilie) ist durch die Bestimmung der D-Dimere nicht möglich. Ein geeigneter Suchtest fĂŒr die Thrombophilie existiert zur Zeit nicht, vielmehr mĂŒssen bei entsprechendem Verdacht alle möglichen Ursachen einzeln ausgeschlossen werden.

Eine Beurteilung des Quick-Werts und der PTT im Zusammenhang mit einer Blutungsneigung sollte immer eine eingehende Blutungsanamnese, die Zahl und ggf. auch die Funktion der BlutplĂ€ttchen (Thrombozyten) mit einbeziehen. Die zellulĂ€re HĂ€mostase ist dabei wesentlich schwieriger einzuschĂ€tzen als die plasmatische. Einfach und zuverlĂ€ssig bestimmbar ist nur die Zahl der BlutplĂ€ttchen, nicht aber deren Funktion. Die fĂŒr diesen Zweck vorgesehenen Tests sind entweder unzuverlĂ€ssig (Blutungszeit) oder aufwĂ€ndig und daher nicht ĂŒberall verfĂŒgbar (Thrombelastogramm, Platelet Function Analyzer).

Vor Operationen wird auch bei Patienten, die keine blutverdĂŒnnenden Medikamente einnehmen, hĂ€ufig eine grobe EinschĂ€tzung der Gerinnungssituation anhand dieser drei Parameter (Quick, PTT und Thrombozytenzahl) vorgenommen, um nicht-medikamentös bedingte HĂ€mostasestörungen festzustellen. Diese Praxis ist mittlerweile in Expertenkreisen umstritten, da hier nur rund 13% der HĂ€mostasestörungen erkannt werden[13] und bei Ärzten ein GefĂŒhl falscher Sicherheit erzeugt wird. Die epidemiologisch betrachtet hĂ€ufigsten Gerinnungsstörungen, die die Thrombozytenfunktion bzw. den Von-Willebrand-Faktor betreffen, werden durch die drei Standardtests nicht erfasst, so dass die DurchfĂŒhrung nur noch bei positiver Blutungsanamnese empfohlen wird.[14][15] Andere Autoren halten dies wiederum fĂŒr fahrlĂ€ssig und empfehlen auch bei negativer Blutungsanamnese die routinemĂ€ĂŸige prĂ€operative Bestimmung von Thrombozytenzahl, aktivierter partieller Thromboplastinzeit (aPTT), Quick-Wert und Fibrinogen[16], so dass weitere Studien hierzu nötig erscheinen.

Arterielles Blut gerinnt schneller als venöses, was auf die Differenzen im Gasgehalt zurĂŒckzufĂŒhren ist. Die Gerinnung arteriellen Bluts kann durch ZufĂŒhrung von KohlensĂ€ure verlangsamt, die des Venenbluts aber durch Vermehrung seines Sauerstoffgehalts beschleunigt werden. Die Verschiedenheiten in der Temperatur der beiden Blutarten sind viel weniger regelmĂ€ĂŸig, denn wĂ€hrend in Organen mit sehr lebhaftem Stoffwechsel (etwa DrĂŒsen und Muskeln) das abfließende Blut wĂ€rmer ist als das eintretende, zeigen Organe mit nur unbedeutenden WĂ€rmebildungsvermögen (beispielsweise die Ă€ußere Haut) ein umgekehrtes Verhalten.

Bedeutung bei Krankheiten

GrundsÀtzlich kann das Gleichgewicht zwischen HÀmostase und Fibrinolyse in beide Richtungen entgleisen: Eine verstÀrkte Gerinnung wird als Thrombophilie bezeichnet (die dabei entstehenden, Krankheit verursachenden Blutgerinnsel werden als Thrombus beziehungsweise Embolus bezeichnet), eine reduzierte Gerinnung hÀmorrhagische Diathese. Eine Blutungsneigung kann dabei auch als Folge einer zuvor stattgefundenen starken Gerinnungsaktivierung mit Verbrauch von Gerinnungsfaktoren entstehen.

Blutungsneigung

Die oben beschriebenen physiologischen VorgĂ€nge der HĂ€mostase nach einer Verletzung (BlutgefĂ€ĂŸe, zellulĂ€re und plasmatische HĂ€mostase) können in jeder Phase gestört sein, so dass eine Reihe von verschiedenen Störungen jeweils zu einer Blutungsneigung fĂŒhren können. Wie die HĂ€mostase selbst können ihre Störungen bereits im Bereich der BlutgefĂ€ĂŸe beginnen. Beispielsweise kann eine angeborene Fehlbildung der BlutgefĂ€ĂŸe, die zu deren Erweiterung fĂŒhrt und als Morbus Osler bezeichnet wird, Ursache einer verstĂ€rkten Blutungsneigung sein.

Die zellulĂ€re HĂ€mostase ist bei einem ausgeprĂ€gten Mangel an BlutplĂ€ttchen (Thrombozytopenie) oder bei Funktionsstörungen der BlutplĂ€ttchen beeintrĂ€chtigt. Letztere sind die hĂ€ufigste Ursache fĂŒr eine verstĂ€rkte Blutungsneigung. Sie können durch Medikamente bedingt sein (siehe Abschnitt Thrombozytenaggregationshemmer oben), die hĂ€ufigste angeborene Störung der zellulĂ€ren HĂ€mostase (und gleichzeitig auch das hĂ€ufigste angeborene Blutungsleiden ĂŒberhaupt) ist das Willebrand-JĂŒrgens-Syndrom.

Auch das Fehlen vieler plasmatischer Gerinnungsfaktoren kann zu teilweise lebensbedrohlichen Krankheiten fĂŒhren, zum Beispiel bei erblichen Krankheiten wie der HĂ€mophilie. Diese betrifft am hĂ€ufigsten den Gerinnungsfaktor VIII (HĂ€mophilie A), seltener auch den Gerinnungsfaktor IX (HĂ€mophilie B).

Neben angeborenen Formen der Blutungsneigung, die in der Regel durch genetische Defekte einzelner Komponenten der Blutstillung bedingt sind, gibt es auch erworbene ZustĂ€nde, die zu einer verstĂ€rkten Blutungsneigung fĂŒhren. Die plasmatische Gerinnung kann z. B. durch einen Vitamin-K-Mangel beeintrĂ€chtigt werden. Dadurch können die Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X in der Leber nicht mehr ausreichend carboxyliert werden, was zu einem funktionellen Mangel und in der Folge insbesondere bei frĂŒhgeborenen SĂ€uglingen zu schweren Hirnblutungen fĂŒhren kann. Da alle Gerinnungsfaktoren in der Leber produziert werden, kommt es im Rahmen schwerer Lebererkrankungen nahezu regelhaft zu einem Mangel an Gerinnungsfaktoren mit der Folge einer erhöhten Blutungsgefahr.

Eine disseminierte intravasale Koagulopathie ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, bei der durch einen abnormal hohen Spiegel körpereigener Botenstoffe wie Histamin, Serotonin und Adrenalin eine ĂŒbermĂ€ĂŸig stark ablaufende Blutgerinnung stattfindet. Dabei kommt es zu einem hohen Verbrauch der plasmatischen Gerinnungsfaktoren, die vom Körper nicht ausreichend schnell ersetzt werden können. Man spricht daher auch von einer Verbrauchskoagulopathie.

Thrombosen und Embolien

→ Hauptartikel: Thrombose

Die Thrombose ist eine GefĂ€ĂŸerkrankung, bei der sich ein Blutgerinnsel (Thrombus) in einem GefĂ€ĂŸ bildet. Ursachen dafĂŒr können in SchĂ€den der GefĂ€ĂŸwand und generell in einem verminderten Blutdurchstrom gefunden werden. Doch auch Gerinnungsstörungen spielen hier eine große Rolle: So kann eine erbliche oder medikamentös herbeigefĂŒhrte erhöhte Gerinnungsneigung schnell zu Thrombosen fĂŒhren. Deshalb mĂŒssen beispielsweise auch bei langer Ruhigstellung der Beine Gegenmaßnahmen wie ThrombosestrĂŒmpfe oder gerinnungshemmende Mittel wie Heparin oder Phenprocoumon gegeben werden.

Eine Embolie ist ein Thrombus, der von seinem Entstehungsort fortgeschwemmt wurde. Das kann zu schweren Komplikationen bis zum Hirninfarkt fĂŒhren.

Thrombophilie

Es gibt eine Vielzahl an angeborenen und erworbenen Krankheiten, bei denen eine erhöhte Gerinnungsneigung besteht. Alle haben gemeinsam, dass es vermehrt zu GefĂ€ĂŸverschlĂŒssen wie Thrombosen und Embolien kommt. Bei manchen Erkrankungen ist das Hochdrucksystem der Schlagadern (Arterien) stĂ€rker betroffen, bei anderen das Niederdrucksystem der Venen. Die hĂ€ufigsten und wichtigsten Thrombophilien sind:

Eine Sonderform der Thrombophilie kann im Rahmen der Behandlung mit dem gerinnungshemmenden Medikament Heparin auftreten. Durch dieses Medikament werden in einigen FĂ€llen paradoxerweise die BlutplĂ€ttchen aktiviert, so dass diese verklumpen und die Gerinnungskaskade in Gang setzen. Dies kann zu schweren Thrombosen im gesamten Körper fĂŒhren. Messbar ist dabei der Abfall der Zahl der BlutplĂ€ttchen, daher wird das Krankheitsbild als Heparin-induzierte Thrombozytopenie (Typ II) bezeichnet.

Siehe auch

  • Blutstillung fĂŒr weitere Methoden der medizinischen Blutstillung

Einzelnachweise und Quellen

  1. ↑  J. Staubesand: Bau und Funktion der BlutgefĂ€ĂŸe. In: Benninghoff Anatomie. 15. Auflage. Urban & Springer, MĂŒnchen 1994.</span>
  2. ↑  Robert F. Schmidt, Florian Lang, Gerhard Thews: Physiologie des Menschen. 29. Auflage. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-21882-3, S. 524.</span>
  3. ↑ Blood coagulation (en)
  4. ↑ Rainer Klinke, Hans-Christian Pape, Stefan Silbernagl (Hrsg.): Lehrbuch der Physiologie. 5. Auflage. Thieme, Stuttgart 2005, ISBN 3-13-796003-7; Seite 246/247
  5. ↑  Deetjen, Speckmann, Hescheler: Physiologie. 4. Auflage. Urban & Fischer, MĂŒnchen 2006, ISBN 3437444409, S. 366.</span>
  6. ↑  Joachim Rassow, Karin Hauser, Roland Netzker: Biochemie. 1. Auflage. Thieme, Stuttgart 2006, ISBN 3-13-125351-7, S. 742.</span>
  7. ↑ a b Historische Konzepte zur Physiologie der Blutgerinnung, Uni Heidelberg
  8. ↑ Jenny RJ, Pittman DD, Toole JJ, Kriz RW, Aldape RA, Hewick RM, Kaufman RJ, Mann KG. Complete cDNA and derived amino acid sequence of human factor V. Proc Natl Acad Sci U S A. 1987;84:4846–50. PMID 3110773
  9. ↑ R. A. Biggs, A. S. Douglas, R. G. MacFarlane, J. V. Dacie, W. R. Pittney, C. Merskey and J. R. O’Brien: Christmas disease, a condition previously mistaken for haemophilia. British Medical Journal, London, 1952: 1378-1382
  10. ↑ Werlhof-Institut: Physiologie der Gerinnung
  11. ↑ FDA Pressemitteilung vom 5. November 2007
  12. ↑ B. Luxembourg et. al.: Basiswissen Gerinnungslabor Deutsches Ärzteblatt 104, Ausgabe 21 vom 25. Mai 2007, Seite A-1489
  13. ↑ PrĂ€operative Identifikation von Patienten mit (primĂ€ren) HĂ€mostasestörungen. Koscielny, J. et al. Hamostaseologie. 2007 Aug;27(3):177-84.
  14. ↑ G. Pfanner et al.: PrĂ€operative Blutungsanamnese. In: Anaesthesist. 2007 Juni 56(6):604-11. doi:10.1007/s00101-007-1182-0, PMID 17522829
  15. ↑ Haemostatic testing prior to elective surgery in children? Not always! Bidlingmaier, C. et al. Hamostaseologie. 2009 Jan;29(1):64-7.
  16. ↑ Laboranalytischer Ausschluss einer hĂ€morrhagischen Diathese vor elektiven Eingriffen? Ja!. Albert, FW et al. Hamostaseologie. 2009 Jan;29(1):58-63.

Literatur

  •  Joachim Rassow, Karin Hauser, Roland Netzker: Biochemie. 1. Auflage. Thieme, Stuttgart 2006, ISBN 3-13-125351-7.</span>
  •  Werner MĂŒller-Esterl: Biochemie. Eine EinfĂŒhrung fĂŒr Mediziner und Naturwissenschaftler. 1. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Frankfurt 2004, ISBN 3-8274-0534-3.</span>
  •  Roland Scholz: Medizinische Biochemie. 1. Auflage. Kap.11/12 : Biotransformation: Fremdstoffe, HĂ€m, Cholesterin. Blutgerinnung und Fibrinolyse, Zuckerschwerdt, MĂŒnchen 2003, ISBN 3-88603-822-X.</span>
  •  Robert F. Schmidt, Florian Lang, Gerhard Thews: Physiologie des Menschen. 29. Auflage. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-21882-3.</span>
  •  Monika Barthels, Mario von Depka: Das Gerinnungskompendium. 1. Auflage. Thieme, Stuttgart 2003, ISBN 3-13-131751-5.</span>
  •  Herbert A. Neumann: Das Gerinnungssystem: Physiologie und Pathophysiologie. Eine EinfĂŒhrung. 1. Auflage. ABW Wissenschaftsverlag, Berlin 2007, ISBN 3-9360-7266-3.</span>

Weblinks

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