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Haaranalytik

Ein Menschenhaar unter dem Mikroskop
(Bildausschnitt: 600×400 Â”m2)

Haaranalytik, auch Haaranalyse genannt, ist die Bezeichnung fĂŒr eine chemische Analyse einer Haarprobe. Das Haar dient als leicht zugĂ€nglicher Biomonitor, in dem viele körperfremde Verbindungen in signifikant höherer Konzentration als in anderen Organen eingelagert werden.[1] Der Begriff Haaranalytik selbst gibt keine Auskunft ĂŒber das letztlich verwendete Analysenverfahren.

Die Haaranalyse eignet sich insbesondere in der Forensischen Toxikologie und der Ökotoxikologie zur DurchfĂŒhrung einer retrospektiven Analyse der Aufnahme verschiedener chemischer Elemente und organischer Verbindungen eines Menschen, ĂŒber den Zeitraum von mehreren Monaten.

Zudem wird die Haaranalyse, teils unter Bezeichnungen wie „Haarmineralstoffanalyse“ oder „Bioresonanz-Haaranalyse“ oder „radionische Haaranalyse“, alternativmedizinisch fĂŒr verschiedene diagnostische Anwendungen eingesetzt. Diese Formen der Nutzung der Haaranalyse werden von der wissenschaftlich begrĂŒndeten Medizin weitgehend abgelehnt.[2]

Inhaltsverzeichnis

Einlagerung exogener Substanzen in die Haare

Schematischer Aufbau eines Körperhaares.
1) Haar 2) HautoberflĂ€che 3) Talg 4) Follikel 5) TalgdrĂŒse

Menschliche und tierische Haare lagern eine Vielzahl von exogenen Stoffen weitgehend unverĂ€ndert in ihre Struktur ein. Die Applikationsform (oral, nasal, intravenös oder inhalativ) spielt dabei keine Rolle. Einmal aufgenommen gelangen die Stoffe ĂŒber den Blutkreislauf auch an die Körperhaare, die ĂŒber die Haarpapillen mit den BlutgefĂ€ĂŸen verbunden sind. Die schnellwachsenden, sich hĂ€ufig teilenden Zellen haben gegenĂŒber den normalen Körperzellen einen erhöhten Stoffwechsel. Sie nehmen daher vermehrt NĂ€hrstoffe, aber auch exogene Stoffe auf. Das Haarwachstum fĂ€ngt im wenige Millimeter unter der HautoberflĂ€che befindlichen Haarfollikel an. Die hornbildenden Zellen bĂŒndeln sich und verhornen zu Keratinfasern. Sie wandern nach oben und bilden den Haarschaft, der sich im Follikel zur HautoberflĂ€che schiebt. Nach ein bis zwei Wochen wird die HautoberflĂ€che erreicht. In der Phase des Haarwachstums wird auch ein Teil der im Blut enthaltenen körperfremden Substanzen in das Haar eingelagert. Durch das LĂ€ngenwachstum der Haare kommen diese Substanzen durch die HautoberflĂ€che nach außen.[3] Das Kopfhaar wĂ€chst monatlich um durchschnittlich 10 mm. Über die abschnittsweise Analyse einzelner Haarabschnitte von der Haarspitze bis zur Haarwurzel, kann eine zeitliche Analyse ĂŒber die Aufnahme der exogenen Verbindungen erfolgen. Dies ist prinzipiell auch mit historischen Haarproben möglich.[1]

Die im Haar eingelagerten Stoffe lassen sich auch durch Waschen, Tönen oder andere Behandlungen nicht vollstĂ€ndig entfernen. Die vorhandenen Restmengen reichen bei der hohen Empfindlichkeit der eingesetzten Untersuchungsmethoden beispielsweise fĂŒr den Nachweis der Einnahme von BetĂ€ubungsmitteln noch problemlos aus. Problematisch ist die möglicherweise sehr unterschiedliche Vorbehandlung der Haare jedoch bei der Quantifizierung von Elementen, beispielsweise von Spurenelementen.

Analytik

ICP-MS-GerÀt
GC-MS-GerÀt

Als analytische Verfahren kommen verschiedene Methoden aus der Spurenanalytik in Frage, die abhĂ€ngig von dem gesuchten Element, beziehungsweise der gesuchten Verbindung, gewĂ€hlt werden. Sollen beispielsweise chemische Elemente, wie Schwermetalle, analysiert werden, so kommt oft die Massenspektrometrie mit induktiv gekoppeltem Plasma (ICP-MS) oder die ICP-OES, seltener die Neutronenaktivierungsanalyse, zum Einsatz. Mittels Laserablation und anschließender ICP-MS kann eine Elementanalyse auf nur einem Haar abschnittsweise durchgefĂŒhrt werden.[1]

Zur Analyse von chemischen Verbindungen, wie beispielsweise BetĂ€ubungsmitteln, werden meist die FlĂŒssigchromatographie mit Massenspektrometrie-Kopplung (LC-MS oder auch LC-MS/MS) und die Gaschromatographie mit Massenspektrometrie-Kopplung (GC-MS oder auch GC-MS/MS), frĂŒher oft auch Radioimmunassays verwendet.

Einige Substanzen werden in Form ihrer Stoffwechselprodukte (Metabolite) analysiert. So wird beispielsweise Heroin im Körper nach der Injektion zunĂ€chst zu 6-Monoacetylmorphin (6-MAM) und danach zu Morphin metabolisiert. Ein Großteil des aufgenommenen Heroins wird nach mehreren Stunden als Morphin beziehungsweise glucuronidiertes Morphin ausgeschieden. Ein kleiner Teil des Morphins und des 6-MAM wird aber auch in die Haarstruktur eingelagert. Allerdings wird auch das in einigen Medikamenten – wie beispielsweise Hustensaft – enthaltene Codein teilweise zu Morphin metabolisiert, so dass eine Bestimmung, die nur das Morphin umfassen wĂŒrde, keinen Nachweis fĂŒr die Einnahme von Heroin liefert. Deshalb wird in der Heroin-Analytik zusĂ€tzlich das nicht metabolisierte Codein im Haar mitbestimmt. Bei einem Morphin/Codein-VerhĂ€ltnis von 2:1 geht man von einem Heroinmissbrauch aus. Liegt die gemessene Morphinkonzentration unterhalb von 1 ng/mg (= 1 ppm), so wird ein VerhĂ€ltnis von 5:1 gefordert. Wird 6-MAM in der Haarprobe in einer Konzentration grĂ¶ĂŸer als 0,5 ng/g nachgewiesen, so wird von einem Heroinkonsum ausgegangen, da 6-MAM kein Metabolit von Codein ist.[4] Generell mĂŒssen bestimmte Grenzwerte fĂŒr einen Analyten ĂŒberschritten werden und oft auch noch dessen Metabolite nachgewiesen werden, damit die Haarprobe als positiv gewertet werden kann.[3]

Probenvorbereitung

Elementanalyse

Bei der Analyse von chemischen Elementen ist oft keine besondere Probenvorbereitung notwendig. Die Neutronenaktivierungsanalyse arbeitet beispielsweise ohne Zerstörung der Probe. Mittels Laser-Ablation kann gar ein einzelnes Haar abschnittsweise analysiert werden.[1]

BetÀubungsmittelanalyse

Die fĂŒr eine kriminaltechnische Untersuchung verwendeten Haarproben werden bevorzugt am Hinterkopf als StrĂ€hne entnommen. In dieser Haarregion ist das Haarwachstum besonders regelmĂ€ĂŸig. Prinzipiell können auch Scham-, Achsel-, Bart-, Brust- und andere Körperhaare verwendet werden. Die entnommene HaarstrĂ€hne ist wenige mm im Durchmesser. Pro zu analysierendem Haarabschnitt genĂŒgen etwa 30 bis 50 mg Haare. Über die Haarabschnitte kann, bei einer segmentweisen Analyse der Haare, die Art und HĂ€ufigkeit des Drogenkonsums analysiert werden („Drogenkarriere“).[3] Die Haarprobe wird nach ihrer Entnahme fĂŒr die anschließende Analyse in speziellen Extraktionsverfahren vorbereitet. Beispielsweise werden die Haare zunĂ€chst in einer MĂŒhle gemahlen und anschließend in einer SĂ€ure aufgelöst, bevor sie analysiert werden können.[5] Teilweise werden die zu analysierenden Inhaltsstoffe aus den Haaren mit Methanol extrahiert.

Anwendungen

Die bekannteste und hĂ€ufigste Anwendung der Haaranalyse ist den Nachweis von Suchtstoffen und Arzneimitteln im Rahmen der Rechtsmedizin. WĂ€hrend viele Drogen, Arzneimittel und Dopingmittel in Blut und Urin oft schon nach Tagen nicht mehr nachzuweisen sind, wird eine Vielzahl diese Substanzen in das wachsende Haar eingebaut und ist so noch nach Monaten nachweisbar. Durch eine normale HaarwĂ€sche oder andere ĂŒbliche Methoden der Haarbehandlung lassen sich diese Wirkstoffe nicht entfernen.[6] Neben Stoffen wie Cannabis, Kokain, Ecstasy oder Heroin, lassen sich auch Dopingmittel wie verschiedene Anabolika und Nandrolon nachweisen.[7][8] Selbst lĂ€ngerer Alkoholmissbrauch beziehungsweise Alkoholismus kann ĂŒber das Stoffwechselprodukt Ethylglucuronid (ETG) nachgewiesen werden.[9]

FĂŒr die Analyse der DNA, beispielsweise fĂŒr ein Abstammungsgutachten („Vatertest“) eignen sich dagegen nur Haare mit Haarwurzel, da nur dort Zellen mit analytisch verwertbarem Material enthalten sind.

Bekannte Anwendungsbeispiele

Napoléon

Mittels einer Analyse der Haare des Mannes vom Hauslabjoch – besser bekannt als „Ötzi“ – wurde festgestellt, dass dieser sich vorwiegend vegetarisch ernĂ€hrte.[6]

1961 wurde eine Haarprobe von NapolĂ©on mittels Neutronenaktivierungsanalyse untersucht. Dabei wurde nachgewiesen, dass er sukzessive Arsen aufgenommen hatte. Durch die Segmentanalyse einer 130 mm langen StrĂ€hne wurde zudem ermittelt, dass er wĂ€hrend einer einjĂ€hrigen Phase Arsen mit Unterbrechungen aufgenommen hatte. Außerdem konnte man die ungefĂ€hren Zeitpunkte rekonstruieren.[10] Ob es sich dabei um eine vorsĂ€tzliche Vergiftung oder aber um die LebensumstĂ€nde auf St. Helena handelt, wird bis heute kontrovers diskutiert. [11]

Das am 20. Oktober 2000 veröffentlichte Ergebnis einer Haaranalyse bei Christoph Daum, die er selbst beim Institut fĂŒr Rechtsmedizin der UniversitĂ€t zu Köln in Auftrag gegeben hatte, fĂŒhrte in der Folge zur fristlosen KĂŒndigung als Vereinstrainer und zu Auflösung eines fĂŒr den 1. Juni 2001 geschlossenen Vertrages als Bundestrainer beim DFB.[12] [13]

Angebote zur Haaranalyse von kommerziellen Anbietern

Verschiedene klinisch-chemische Laboratorien, (Umwelt)-Apotheken, ReformhĂ€user, Heilpraktiker und kommerzielle Haaranalyse-Institute bieten die Haaranalyse als Dienstleistung an. Mit der Analyse sollen Informationen ĂŒber den Versorgungsstatus von Mineralstoffen und mögliche Belastungen mit Umweltschadstoffen („Schwermetalle“) gewonnen werden. Die ZuverlĂ€ssigkeit der Messergebnisse, sowie ihre Interpretation, werden teilweise bezweifelt.[14] Als GrĂŒnde werden dabei folgende Punkte aufgefĂŒhrt:

  • Wie und in welchem Umfang die einzelnen Elemente im Haar eingebaut werden, ist in vielen FĂ€llen noch nicht ausreichend erforscht.
  • Bisher wurde keine oder nur eine schwache Korrelation zwischen den Werten im Haar und den Werten in anderen Biomonitoren (Blut und Urin) gefunden.
  • Es ist bisher weitgehend unbekannt, wie hohe Schadstoffkonzentrationen im Haar und mögliche gesundheitliche Folgen zusammenhĂ€ngen. Im Haar selbst sind die Schadstoffe fĂŒr den Betroffenen unschĂ€dlich.
  • Haarfarbe, Geschlecht, Ethnie und Alter beeinflussen die Einlagerung von Fremdstoffen in den Haaren erheblich. Ebenso ErnĂ€hrung, Haarbehandlung und Wohnort. Die Faktoren werden in vielen Labors nicht berĂŒcksichtigt. Des Weiteren existieren keine Richtlinien fĂŒr die Probennahme.
  • Viele Analytik-Dienstleister haben keine QualitĂ€tssicherungsmaßnahmen.
  • Es gibt keine festgelegten „Normalwerte“ fĂŒr den Gehalt an Mineralstoffen und Spurenelementen im Haar, da bisher keine ausreichenden Daten fĂŒr eine Definition vorliegen.

Die US-amerikanische Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR) sieht daher die Haaranalyse nur bei der Bestimmung von Methylquecksilber zur Ermittlung der individuellen Schadstoffbelastung als geeignet an.[15][6]

Die Stiftung Warentest verglich 2004 mehrere Anbieter von Haaranalysen.[16] FĂŒr individuelle Probanden zeigten sich von Labor zu Labor teilweise erhebliche Schwankungen. Bei Proben derselben anonymisierten Person wurden im gleichen Labor hĂ€ufig unterschiedliche Werte gemessen. Einzelne Labors gaben zu den Analysenergebnissen auch „Normalwerte“ an, die sich zudem von Labor zu Labor erheblich unterschieden.[6]

Literatur

  • P. Anielski: Langzeitnachweis anaboler Steroidhormone. Dissertation, Technische UniversitĂ€t Dresden, 2007.
  • F. Pragst: Meeting of the Society of Hair Testing. in T + K 74, 2007, S. 121–123. (in deutscher Sprache)
  • Haaranalyse in der Umweltmedizin. In: Bundesgesundheitsbl 2, 2005, S. 246–250. (PDF-Datei; 465 kB)
  • T. Hamilton und F. Schweinsberg: Ergebnisse eines Ringversuchs mit Haarproben eines gesunden Probanden – ein Beitrag zur kritischen Bewertung der Haarmineral-Analyse. In: Umweltmedizin in Forschung und Praxis 8, 2003, S. 123–130.
  • O. H. Drummer: Postmortem toxicology of drugs of abuse. In: Forensic Science International 142, 2004, S. 101–113.
  • R. E. Joseph u. a.: In Vitro Characterization of Cocaine Binding Sites in Human Hair. 282, 1997, S. 1228–1241.
  • M. Gratacos-Cubarsi u. a.: Hair analysis for veterinary drug monitoring in livestock production. In: Journal of Chromatography B, 834, 2006, S. 14–25.
  • T. Mieczkowski: Assessing the potential of a ‘‘color effect’’ for hair analysis of 11-nor-9-carboxy-D9-tetrahydrocannabinol: Analysis of a large sample of hair specimens. In: Life Sciences 74, 2003, S. 463–469.

Einzelnachweise

  1. ↑ a b c d C. Stadlbauer: Schwermetalle in menschlichen Geweben. In: ÖAZ 22, 2006.
  2. ↑ Edzard Ernst: KomplementĂ€rmedizinische Diagnoseverfahren. Dtsch Arztebl 2005; 102(44): A-3034 / B-2560 / C-2410.
  3. ↑ a b c M. Uhl, F. Scheufler: Analyse von Haarproben fĂŒr Strafverfahren. In: Laborpraxis vom 6. Dezember 2006.
  4. ↑ B. Madea und F. Mußhoff u. a.: Haaranalytik Deutscher Ärzteverlag, 2004, ISBN 978-3-7691-0437-0.
  5. ↑ I. Ottleben: KugelmĂŒhle hilft bei Drogentests mittels Haaranalyse. In: Laborpraxis vom 28. Juni 2008.
  6. ↑ a b c d Human-Biomonitoring: Haaranalyse als Methode. Deutsches Forschungszentrum Gesundheit und Umwelt, MĂ€rz 2008.
  7. ↑ L. Rivier: Is there a place for hair analysis in doping controls? In: Forensic Sci Int 107, 2000, S. 309–323, PMID 10689583.
  8. ↑ D. Thieme u. a.: Analytical strategy for detecting doping agents in hair. In: Forensic Sci Int 107, 2000, S. 335–345, PMID 10689585.
  9. ↑ T. Hasler: Mit Haaranalyse gegen Blaufahrer. In:Tagesanzeiger vom 22. Mai 2007.
  10. ↑ Holleman-Wiberg: Lehrbuch der Anorganischen Chemie. DeGruyter, 1995, ISBN 3-110-12641-9.
  11. ↑ F. Scherer und S. Schöbel Das Ende Napoleons – Wurde der Kaiser vergiftet? In: ZDF.de vom 6. MĂ€rz 2003.
  12. ↑  G. Bönisch: Haare vom Bruder?. In: Der Spiegel. Nr. 34, 2001, S. 140 (online).</span>.
  13. ↑ G. Amendt, Die tageszeitung vom 23. Oktober 2000.
  14. ↑ H. Drexler und K. H. Schaller: Haaranalysen in der klinischen Umweltmedizin: Eine kritische Betrachtung. In: Dtsch Arztebl 99, 2002, S. A-3026/B-2557/C-2276.
  15. ↑ Agency for Toxic Substances and Disease Registry: Summary Report Hair Analysis Panel Discussion Exploring The State Of The Science. Juni 2001.
  16. ↑ Stiftung Warentest: An den Haaren herbeigezogen. Ein Test verschiedener Anbieter von Haaranalysen und die erschreckenden Ergebnisse. In: test 10, 2004, S. 86–90.
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