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Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (* 18. Oktober, nach Kleists eigenen Angaben 10. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder); â 21. November 1811 am Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee (Berlin)) war ein deutscher Dramatiker, ErzĂ€hler, Lyriker und Publizist. Kleist stand als âAuĂenseiter im literarischen Leben seiner Zeit [âŠ] jenseits der etablierten Lagerâ[1] und der Literaturepochen der Weimarer Klassik und der Romantik. Bekannt ist er vor allem fĂŒr das âhistorische Ritterschauspielâ Das KĂ€thchen von Heilbronn, seine Lustspiele Der zerbrochne Krug und Amphitryon, das Trauerspiel Penthesilea sowie fĂŒr seine Novellen Michael Kohlhaas und Die Marquise von OâŠ
Inhaltsverzeichnis |
Heinrich von Kleist entstammte einer Familie des pommerschen Uradels, dem in PreuĂen eine herausgehobene Stellung zukam. Zahlreiche GenerĂ€le und FeldmarschĂ€lle, viele Gutsbesitzer, aber auch etliche Gelehrte und hohe Diplomaten hieĂen Kleist. Kleists Vater, Joachim Friedrich von Kleist (* 1728; â 1788), diente als StabskapitĂ€n beim Regiment zu FuĂ Prinz Leopold von Braunschweig in der Garnisonsstadt Frankfurt an der Oder. Aus einer ersten Ehe mit Caroline Luise, geb. von Wulffen (â 1774), gingen die beiden Halbschwestern Kleists, Wilhelmine, genannt Minette, und Ulrike Philippine hervor, der Kleist spĂ€ter sehr nahe stand. Joachim Friedrich heiratete 1775 in zweiter Ehe Juliane Ulrike, geb. von Pannwitz (* 1746; â 1793), die die Kinder Friederike, Auguste Katharina, Heinrich und schlieĂlich noch dessen jĂŒngere Geschwister Leopold Friedrich und Juliane, genannt Julchen, gebar.
Nach dem Tod seines Vaters 1788 wurde Kleist in Berlin in der Pension des reformierten Predigers Samuel Heinrich Catel erzogen. Kleist wurde wahrscheinlich durch Catel, der zugleich Professor am Französischen Gymnasium war, auf die Werke der klassischen Dichter und der zeitgenössischen Philosophen der AufklÀrung aufmerksam, mit denen er sich wÀhrend seiner MilitÀrzeit weiter auseinandersetzte.
Im Juni 1792 trat der junge Kleist getreu seiner Familientradition in das 3. Bataillon des Garderegiments zu Potsdam ein. Unter Generalinspekteur Ernst von RĂŒchel nahm er am Rheinfeldzug gegen Frankreich sowie an der Belagerung der ersten bĂŒrgerlichen Republik auf deutschem Boden in Mainz teil. Trotz wachsender Zweifel am Soldatendasein verblieb Kleist im MilitĂ€r und wurde 1795 zum FĂ€hnrich und 1797 zum Leutnant befördert. Privat jedoch nahm er zusammen mit seinem Freund RĂŒhle von Lilienstern mathematische und philosophische Studien in Potsdam auf und erwarb sich den UniversitĂ€tszugang. 1797 verkauften er und seine Geschwister den ererbten vĂ€terlichen Besitz, das kleine Rittergut Guhrow im Spreewald, fĂŒr 30.000 Taler, wovon er nach seiner GroĂjĂ€hrigkeit im Oktober 1801 ĂŒber ein Siebtel verfĂŒgte.
Im MĂ€rz 1799 Ă€uĂerte er die Absicht, den als unertrĂ€glich empfundenen MilitĂ€rdienst aufzugeben und seinen Lebensplan, auch gegen den zu erwartenden Widerstand der Familie, nicht auf Reichtum, WĂŒrden, Ehren, sondern auf die Ausbildung des Geistes zu grĂŒnden und ein wissenschaftliches Studium aufzunehmen.
Nach seiner erbetenen und gegen den Widerstand Ernst von RĂŒchels bewilligten Entlassung aus dem MilitĂ€r begann Kleist im April 1799 in Frankfurt an der Oder an der Viadrina neben Mathematik als Hauptfach Physik, Kulturgeschichte, Latein und â zur Beruhigung seiner Verwandten â Kameralwissenschaften zu studieren. Besonders interessierte er sich fĂŒr den Physikunterricht bei Professor Christian Ernst WĂŒnsch, der ihm auch Privatunterricht in Experimentalphysik erteilte. Wie fĂŒr nicht wenige andere Autoren der Zeit (beispielsweise Goethe, Achim von Arnim und Novalis) waren fĂŒr ihn die Naturwissenschaften im Sinne der AufklĂ€rung ein objektives Mittel, sich selbst, die Gesellschaft und die Welt zu erkennen â und zu verbessern. Die hoffnungsvoll begonnene wissenschaftliche Ausbildung vermochte Kleist jedoch schon bald nicht mehr voll zu befriedigen; das Buchwissen reichte ihm nicht aus. Mit dieser Haltung fand Kleist wenig VerstĂ€ndnis in seiner Umwelt. 1799 lernte er die Generalstochter Wilhelmine von Zenge kennen, mit der er sich bereits Anfang 1800 verlobte.
1800 brach er nach nur drei Semestern das Studium wieder ab und begann eine TĂ€tigkeit als VolontĂ€r im preuĂischen Wirtschaftsministerium in Berlin, obwohl dies seinem VerstĂ€ndnis eines Lebensplanes âfreier Geistesbildungâ nicht entsprach. Hintergrund der Entscheidung war seine Verlobung. Die Familie der Braut forderte, dass Kleist ein Staatsamt bekleide. FĂŒr das Ministerium war Kleist im Sommer 1800 in geheimer Mission â vermutlich als Wirtschaftsspion â unterwegs.
Die berufliche, soziale und individuelle Problematik (âdas Leben ist ein schweres Spiel âŠ, weil man bestĂ€ndig und immer von neuem eine Karte ziehen soll und doch nicht weiĂ, was Trumpf ist;â â Brief an die Halbschwester Ulrike vom 5. Februar 1801)[2] verdichtete sich vermutlich vor dem Hintergrund der LektĂŒre von Kants Kritik der Urteilskraft zur âKant-Kriseâ â so ein umstrittener Begriff der Ă€lteren Kleistforschung. In Orientierung an Kants Kritik an allzu simplen Vorstellungen der AufklĂ€rung sah Kleist seinen geradlinigen, rein vernunftorientierten Lebensplan ĂŒber Nacht obsolet geworden. In einem berĂŒhmten Brief an Wilhelmine vom 22. MĂ€rz 1801 notierte Kleist:
âWir können nicht entscheiden, ob das was wir Wahrheit nennen, wahrhaftig Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint (âŠ) Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr â[2]â
Kleist berief sich auf eine durch die LektĂŒre Immanuel Kants ausgelöste Krise, um einer von Zögern, Scheitern und falschen Entscheidungen geprĂ€gten Lebensphase eine philosophische Rechtfertigung zu geben.
Die Briefe, die er vor dem 22. MĂ€rz 1801 geschrieben hatte, lassen jedoch deutlich erkennen, dass âer sich schon Monate vor der sogenannten Kant-Krise von den Wissenschaften abwandte, und keineswegs, weil er grundsĂ€tzlich an den Möglichkeiten sicherer Erkenntnis zweifelte, sondern weil die BeschĂ€ftigung mit den Wissenschaften den Reiz fĂŒr ihn verloren hatte.â[3] Die von der Ă€lteren Forschung postulierte These der vollstĂ€ndigen Wandlung der kleistschen Persönlichkeit ausschlieĂlich aufgrund philosophischer LektĂŒre wurde spĂ€ter relativiert. Die Lebenskrise, die wesentlich dem Ăberdruss an einengenden SpezialisierungszwĂ€ngen geschuldet war, suchte Kleist mittels einer ausgedehnten Reise nach Frankreich zu ĂŒberwinden.
Im FrĂŒhjahr 1801 reiste er zusammen mit seiner Schwester Ulrike ĂŒber Dresden nach Paris. Doch angesichts der von ihm als âsittenlosâ empfundenen Hauptstadt schienen ihm die Werke der französischen AufklĂ€rung (HelvĂ©tius, Voltaire, Jean-Jacques Rousseau) durch die fĂŒr ihn irrationale Wirklichkeit das Gegenteil ihrer Absicht zu bewirken (Brief an Wilhelmine vom 15. August 1801).[2] Abermals verarbeitete Kleist seine enttĂ€uschenden Erfahrungen als Zweifel an der Eindeutigkeit der Vernunft und dem geschichtlichen Wollen. Durch seine Rousseau-LektĂŒre sah er sich angeregt, ein bĂ€uerliches Leben zu fĂŒhren: âEin Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen, und ein Kind zu zeugenâ (Brief vom 10. Oktober 1801 an Wilhelmine).[2]
Ab April 1802 wohnte er auf der Scherzliginsel in der Aare bei Thun in der Schweiz. Es kam zum Bruch mit Wilhelmine, die nicht seinen Vorstellungen gemÀà als BÀuerin mit ihm zusammenleben wollte. Er arbeitete nun an dem bereits in Paris unter dem Titel Die Familie Ghonorez begonnenen Trauerspiel Die Familie Schroffenstein, schrieb weiter an seinem Trauerspiel Robert Guiskard Herzog der NormÀnner und begann mit dem Lustspiel Der zerbrochne Krug.
Im FrĂŒhjahr 1803 reiste Kleist nach Deutschland. In Dresden lernte er unter anderen Friedrich de la Motte FouquĂ© kennen und traf seinen Jugendfreund Ernst von Pfuel wieder. Zusammen mit von Pfuel reiste Kleist abermals nach Paris. Dort verbrannte er die fertiggestellten Teile des Guiskard in tiefer Verzweiflung darĂŒber, seine konzeptionellen Vorstellungen nicht realisieren zu können. âDer Himmel versagt mir den Ruhm, das gröĂte der GĂŒter der Erde!â schrieb er am 26. Oktober 1803 an Ulrike. Kleist fasste daraufhin den Entschluss, in der französischen Armee gegen England zu kĂ€mpfen, âum den Tod in der Schlacht zu sterbenâ, wurde aber durch einen Bekannten dazu ĂŒberredet, nach Potsdam zurĂŒckzukehren. Im Dezember 1803 war Kleist wieder in Deutschland und beantragte in Berlin eine Anstellung im diplomatischen Dienst.
Nach einer kurzen TÀtigkeit im von Karl Freiherr vom Stein zum Altenstein geleiteten Finanzdepartment Mitte 1804 arbeitete er ab dem 6. Mai 1805 auf dessen Empfehlung als DiÀtar (Beamter im Vorbereitungsdienst ohne festes Gehalt) in Königsberg und sollte sich bei dem Staats- und Wirtschaftstheoretiker Christian Jacob Kraus in Kameralistik ausbilden lassen. In Königsberg traf er unter anderem die inzwischen mit dem Philosophieprofessor Wilhelm Traugott Krug verheiratete Wilhelmine wieder. Kleist vollendete den Zerbrochnen Krug und arbeitete an dem Lustspiel Amphitryon, dem Trauerspiel Penthesilea und an den ErzÀhlungen Michael Kohlhaas und Das Erdbeben in Chili.
Im August 1806 teilte Kleist seinem Freund RĂŒhle von Lilienstern seine Absicht mit, aus dem Staatsdienst zu scheiden, um sich nunmehr durch âdramatische Arbeitenâ zu ernĂ€hren. Auf dem Wege nach Berlin wurden Kleist und seine Begleiter im Januar 1807 von den französischen Behörden als angebliche Spione verhaftet und zunĂ€chst in das Fort de Joux bei Pontarlier und dann in das Kriegsgefangenenlager ChĂąlons-sur-Marne transportiert. Dort schrieb er vermutlich die Novelle Die Marquise von O⊠und arbeitete weiter an der Penthesilea.
Nach seiner Freilassung reiste er ĂŒber Berlin nach Dresden (ab Ende August 1807), wo er unter anderem Schillers Freund Christian Gottfried Körner, die Romantiker Ludwig Tieck, Gotthilf Heinrich von Schubert, Caspar David Friedrich und vor allem den Staats- und Geschichtsphilosophen Adam Heinrich MĂŒller sowie den Historiker Friedrich Christoph Dahlmann kennen lernte. Zusammen mit MĂŒller gab Kleist ab Januar 1808 das Journal fĂŒr die Kunst (so der Untertitel) Phöbus heraus. Das erste Heft mit dem Beitrag Fragment aus dem Trauerspiel: Penthesilea sandte er unter anderem Goethe zu, der in einem Antwortschreiben seine Verwunderung und sein UnverstĂ€ndnis bekundete.
Im Sommer 1808 muss sich Kleist in der westfĂ€lischen Stadt Hamm aufgehalten haben, denn dorthin ist ein auf den 4. August datiertes Schreiben der französischen Generalpostdirektion DĂŒsseldorf gerichtet, das auf eine Bewerbung Kleists antwortete und diese abschlĂ€gig beschied. Kleist war von Dresden nach DĂŒsseldorf gereist und hatte sich mĂŒndlich als ehemaliger âPremier Lieutenant au Serv. Prussâ unter anderem auf die freigewordene Stelle eines Postdirektors in LĂŒnen beworben.[4]
Im Dezember 1808 vollendete Kleist unter dem Eindruck des Widerstands Spaniens gegen Napoleon, der Besetzung PreuĂens und der AnfĂ€nge des österreichischen Freiheitskampfes das Drama Die Hermannsschlacht. Gegenstand des Dramas, mit dem Kleist den seit dem 16. Jahrhundert bestehenden Arminius-Kult in der deutschen Literatur aufgriff, war die Varusschlacht, in der im Herbst des Jahres 9 n. Chr. drei römische Legionen in einer vernichtenden Niederlage gegen ein germanisches Heer unter FĂŒhrung des Arminius untergegangen waren.
In der Hoffnung auf einen erstarkenden Widerstand gegen Napoleon reiste Kleist zusammen mit Dahlmann ĂŒber Aspern, wo Napoleon einige Tage zuvor besiegt worden war, am 21./22. Mai 1809 nach Prag. Hier bekamen Kleist und Dahlmann Zugang zu österreichisch-patriotischen Kreisen und planten, ein Wochenblatt mit dem Titel Germania herauszugeben. Es sollte ein Organ der âdeutschen Freiheitâ werden. Wegen der Kapitulation Ăsterreichs blieb das Projekt unverwirklicht. In dieser Zeitschrift sollten seine sogenannten politischen Schriften Was gilt es in diesem Kriege?, Katechismus der Deutschen abgefasst nach dem Spanischen, zum Gebrauch fĂŒr Kinder und Alte, das Lehrbuch der französischen Journalistik, Satiren und die Ode Germania an ihre Kinder erscheinen.
Im November traf Kleist in Frankfurt (Oder) ein und fuhr einen Monat spÀter wieder nach Berlin, wo er sich mit einer kurzen Unterbrechung bis zu seinem Tod aufhielt.
In Berlin schloss Kleist unter anderem Bekanntschaft mit Achim von Arnim, Clemens Brentano, Joseph von Eichendorff, Wilhelm Grimm, Karl August Varnhagen von Ense und Rahel Varnhagen. Im April 1810 erschien der erste Band seiner ErzĂ€hlungen (Michael Kohlhaas, Die Marquise von OâŠ, Das Erdbeben in Chili) und im September Das KĂ€thchen von Heilbronn, dessen AuffĂŒhrung Iffland als Direktor der Berliner BĂŒhne jedoch ablehnte.
Nach der Einstellung des Phöbus initiierte Kleist ab dem 1. Oktober 1810 ein neues Zeitungsprojekt: die Berliner AbendblĂ€tter. Die AbendblĂ€tter waren ein tĂ€glich erscheinendes Zeitungsblatt mit lokalen Nachrichten, als dessen Zweck die Unterhaltung aller StĂ€nde des Volkes und die Beförderung der Nationalsache angegeben wurde. Als Autoren schrieben hier so Prominente wie Ernst Moritz Arndt, Achim von Arnim, Clemens Brentano, Adelbert von Chamisso, Otto August RĂŒhle von Lilienstern, Friedrich Karl von Savigny und Friedrich August von Staegemann. Kleist selbst veröffentlichte unter anderem seine Abhandlungen Gebet des Zoroaster, Betrachtungen ĂŒber den Weltlauf, Brief eines Malers an seinen Sohn, Allerneuester Erziehungsplan und vor allem Ăber das Marionettentheater in den AbendblĂ€ttern. Als Besonderheit und Publikumsmagnet erwies sich Kleists Veröffentlichung aktueller Polizeiberichte.
Im FrĂŒhjahr 1811 musste die Herausgabe der Zeitung wegen verschĂ€rfter Zensurbestimmungen eingestellt werden. Als sein Versuch scheiterte, eine Anstellung in der preuĂischen Verwaltung zu erlangen, und auch sein 1809 begonnenes Schauspiel Prinz von Homburg bis 1814 mit einem AuffĂŒhrungsverbot durch Friedrich Wilhelm III. belegt wurde, musste Kleist innerhalb kurzer Zeit einige ErzĂ€hlungen schreiben, um sich den Lebensunterhalt zu sichern. Diese Werke wurden in einem zweiten Band mit ErzĂ€hlungen zusammengefasst, der unter anderem Das Bettelweib von Locarno und Die Verlobung in St. Domingo enthĂ€lt.
Nahezu mittellos und innerlich âso wund, daĂ mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmertâ (Brief an Marie von Kleist vom 10. November 1811) nahmen die Gedanken an einen Suizid ĂŒberhand. Er suchte und fand eine Begleiterin fĂŒr diesen Weg, die an Krebs erkrankte Henriette Vogel. Mit ihrem EinverstĂ€ndnis erschoss Kleist am 21. November 1811 am Stolper Loch, dem heutigen Kleinen Wannsee im SĂŒdwesten Berlins, zuerst sie und dann sich selbst. In seinen Abschiedsbriefen Ă€uĂerte Kleist hinsichtlich seiner Bestattung keine WĂŒnsche; es war Henriette Vogel, die um eine gemeinsame Bestattung âin der sicheren Burg der Erdeâ bat.[5][6] Begraben wurden Kleist und Henriette Vogel an Ort und Stelle, da der Suizid damals gesellschaftlich und kirchlich geĂ€chtet war[7], was eine Bestattung auf einem Friedhof verbot (Friedhöfe standen in dieser Zeit in kirchlicher Verwaltung).
Das Kleistgrab unterhalb der BismarckstraĂe am Kleinen Wannsee wurde nach einem von der Bundeskulturstiftung ausgeschriebenen Wettbewerb neu gestaltet.[8][9] Dank einer Spende der Berliner Verlegerin Ruth Cornelsen (Cornelsen Kulturstiftung) und ZuschĂŒssen der Bundeskulturstiftung und des Berliner Senats wurden das Grabmal und seine Umgebung zum zweihundertsten Todestag des Paares 2011 renoviert und mit Informationstafeln ausgestattet.[8][10][11] Der 1936 aufgestellte Grabstein aus Granit und ein schmiedeeisernes kniehohes Eisengitter als Einfriedung blieben erhalten. Das Geburtsdatum Kleists wird nun mit dem 10. statt mit dem 18. Oktober angegeben. Henriette Vogels - bisher auf einem eigenen Stein befindliche - Daten sind neu in den Grabstein eingemeiĂelt. Darunter steht wieder der wĂ€hrend der Nazi-Zeit aus ideologischen GrĂŒnden entfernte Gedenkspruch des jĂŒdischen Dichters Max Ring mit dem Hinweis auf die fĂŒnfte Vaterunser-Bitte : ââEr lebte, sang und litt / in trĂŒber, schwerer Zeit. / Er suchte hier den Tod / und fand Unsterblichkeitâ. Matth. 6 V.12â. Die RĂŒckseite des um 180 Grad gedrehten Steins zeigt die vorherige heroisierende Inschrift von 1941 mit der Zeile aus Kleists Prinz von Homburg: âNun, o Unsterblichkeit, bist du ganz meinâ. [12][13][14]
Das letzte Wort an Ulrike
An Ulrike von Kleist, 21. November 1811.
An FrÀulein Ulrike von Kleist Hochwohlgeb. zu Frankfurt a. Oder.
Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen Anderen, meine theuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. LaĂ sie mich, die strenge ĂuĂerung, die in dem Briefe an die Kleisten enthalten ist laĂ sie mich zurĂŒcknehmen; wirklich, Du hast an mir gethan, ich sage nicht, was in KrĂ€ften einer Schwester, sondern in KrĂ€ften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daĂ mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich fĂŒr Dich aufzubringen weiĂ.
| Stimmings bei Potsdam. d. â am Morgen meines Todes. |
Dein Heinrich.[2] |
Gegen Ende des Abschiedsbriefes steht hier, wie auch in gedruckten Fassungen, âd.â (d, Punkt). Das hĂ€lt ein Kenner wie Hans Joachim Kreutzer noch in seinem 2011 erschienenen Buch âHeinrich von Kleistâ fĂŒr âeine sonderbare (âŠ) Wendungâ[15]. Es dĂŒrfte sich jedoch schlicht um die AbkĂŒrzung von lateinisch datum (wörtlich ĂŒbersetzt âgegebenâ, zu verstehen als âgeschriebenâ) handeln, was zu Kleists Zeit durchaus gelĂ€ufig war. DafĂŒr spricht auch eine genaue Betrachtung des Faksimiles: Das Zeichen unmittelbar hinter dem âdâ ist so viel gröĂer als Kleists sonstige Punkte, so dass es wie ein weiterer Buchstabe (mit anschlieĂendem Doppelpunkt) wirkt, und dieser Buchstabe liest sich wie der zweite von âdatumâ.
Strittig ist zudem, ob die in der Quelle und auch an weiteren Orten verbreitete Transkription âan die Kleistenâ korrekt ist, denn im Original sind im Wort eindeutig zwei I-Punkte zu erkennen, sodass âan die Kleistinâ richtig (und auch passender) wĂ€re.
Kleists Leben war geprĂ€gt vom ruhelosen Streben nach idealem GlĂŒck[16], das sich jedoch immer wieder als trĂŒgerisch erwies, und dies spiegelt sich in seinem Werk wider. Geistesgeschichtlich lĂ€sst sich Kleist allerdings nur schwer einordnen: Weder in den Kreis der romantischen Theorie noch in den klassischen Diskurs kann man Autor und Werk ohne weiteres eingliedern. Es sei an dieser Stelle auf Kleists kurze ErzĂ€hlung Ăber das Marionettentheater hingewiesen. Die frĂŒhe Kleist-Forschung hat diesen Text stets als mehr oder minder theoretische Abhandlung Kleists gelesen und versucht, denselben im Sinne der Ă€sthetischen Programmatik des romantischen Diskurses zu deuten. Neuere Versuche der Interpretation â insbesondere jene, die einem dekonstruktivistischen Interesse entspringen â betonen dementgegen das subversive Potenzial des Textes und sehen den zentralen Gehalt in der spielerisch-ironischen Demontage des zeitgenössischen Ă€sthetisch-idealphilosophischen Diskurses. So werden die Marionetten etwa als âdas Gegenteil des Ichsâ und âdie im Text erzĂ€hlten Episoden [als] Bilder der UnidentitĂ€tâ im Sinne fehlender Autonomie interpretiert.[17]
Ebenso wie man versucht, Kleist in die Strömungen der Romantik einzuordnen, wird auch eine AffinitĂ€t zwischen den Dramen Kleists und der klassischen Dichtung betont. Diese Zuordnung beruht auf der stofflichen Wahl, denn mehrmals adaptiert Kleist antike mythologische Inhalte, was eigentlich ein Kennzeichen klassischer Ăsthetik ist, und hĂ€lt sich bei seiner Bearbeitung an den klassischen Dramenaufbau, wie ĂŒberhaupt das Verfassen von Dramen eher fĂŒr die Dichter der Weimarer Klassik als die Dichter der Romantik kennzeichnend ist. Zugleich werden aber in Kleists âklassischenâ Dramen die klassischen Stilprinzipien in hohem MaĂe verletzt, wie schon die Stoffwahl belegt: Nicht mehr das allgemein-menschliche, zivilisierende, klassisch-befriedete Element antiker Dichtung, sondern das Besondere, Extreme und Grausame rĂŒckt in den Vordergrund. Dabei steht in vielen Werken âauf der Ebene des Sujets der subjektive Innenraum des humanistischen bzw. klassischen Individuums zur Debatteâ[18]; das Subjekt, dem â zumindest als Postulat im Idealismus â IdentitĂ€t und Autonomie inhĂ€riert, wird radikal in Frage gestellt: âDie implizite Theorie der Wunschproduktion, welche das FĂŒhlen und das UnbewuĂte als soziale Produktionen auffaĂt, macht die ModernitĂ€t Kleists ausâ[19] und setzt ihn zur literarischen Klassik und Romantik in Gegensatz.
Kleists erste Tragödie Die Familie Schroffenstein (fertiggestellt 1803, uraufgefĂŒhrt 1804 am Grazer Nationaltheater) orientiert sich am Dramenstil Shakespeares und thematisiert die fĂŒr Kleists Schaffen zentralen Themen Schicksal vs. Zufall und subjektives (Vor-)Urteil vs. objektive Wirklichkeit. Seine zweite Tragödie Penthesilea (1808) ist inspiriert von drei antiken Tragödien des Euripides (Medea, Hippolytos und Die Bakchen). Sie handelt von einer Amazonenkönigin, die in kriegerischer Weise auf einem Schlachtfeld vor Troja um den griechischen Helden Achilles wirbt und dabei scheitert. Wegen der stilistisch gehobenen Sprache, der damals nicht darstellbaren Kriegsszenen und der der antiken Tragödie nachempfundenen Grausamkeit war dem StĂŒck zu Kleists Lebzeiten kein Erfolg beschieden, es wurde erst 1876 in Berlin uraufgefĂŒhrt. Erfolgreicher als diese beiden Tragödien war damals sein romantisches Schauspiel Das KĂ€thchen von Heilbronn, oder Die Feuerprobe 1808, ein poetisches Drama voller RĂ€tsel und mittelalterlichem Treiben, das sich seine PopularitĂ€t erhalten hat.
Im Genre der Komödie machte sich Kleist einen Namen mit Der zerbrochne Krug.[20] Die Hermannsschlacht (1809) behandelt ein historisches Thema und ist zugleich voller Referenzen auf die politischen Bedingungen seiner Zeit. In der Hermannsschlacht verleiht Kleist seinem Hass auf die UnterdrĂŒcker seines Landes Ausdruck. Zusammen mit dem Drama Prinz Friedrich von Homburg (siehe auch Friedrich II. (Hessen-Homburg)), einem Höhepunkt des Kleistschen Schaffens, wurde das StĂŒck erstmals 1821 von Ludwig Tieck in Heinrich von Kleists hinterlassene Schriften veröffentlicht. Robert Guiskard, ein in groĂem MaĂstab konzipiertes Drama, blieb Fragment.
Kleist war ein Meister in der Kunst der ErzĂ€hlung. Michael Kohlhaas gilt als eine der wichtigsten deutschsprachigen ErzĂ€hlungen ihrer Zeit. Darin gibt der berĂŒhmte Brandenburger PferdehĂ€ndler Kohlhase aus Luthers Tagen seine Familie, die gesellschaftliche Position und sein sonstiges Hab und Gut auf, verletzt schlieĂlich sogar selbst die Rechtsnormen, nur um in einem relativ geringfĂŒgigen Streitfall, bei dem ihm ein klares Unrecht zugefĂŒgt worden ist, Recht zu erhalten; ihm wird in der ErzĂ€hlung ein ambivalentes Denkmal gesetzt. Bedeutend sind weiterhin die ErzĂ€hlungen Das Erdbeben in Chili, Die Marquise von O⊠und Die heilige CĂ€cilie oder die Gewalt der Musik.
Kleist war zudem ein vaterlandsliebender, franzosenfeindlicher Dichter, was sich deutlich in seinen Gedichten Germania an ihre Kinder und Kriegslied der Deutschen Ă€uĂert. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bestand zu seiner Zeit zum Teil aus von Frankreich besetzten und somit abhĂ€ngigen Vasallenstaaten, die unter anderem Truppenkontingente fĂŒr die napoleonischen Eroberungskriege stellen mussten oder direkt von Napoleon annektiert worden waren.
Im Gegensatz zu zeitgenössischen Gepflogenheiten hat Heinrich von Kleist keine offenkundig Ă€sthetisch-programmatische Schrift hinterlassen. Insbesondere das Marionettentheater wurde auf seinen theoretisch-poetologischen Gehalt hin untersucht. Doch wurde hierbei generell der fiktive Charakter des GesprĂ€chs vernachlĂ€ssigt: Es handelt sich um einen Bericht ĂŒber ein GesprĂ€ch, das zum Zeitpunkt der Wiedergabe bereits einige Jahre zurĂŒckliegt. Nur unter Vorbehalt lĂ€sst sich in dem kurzen Aufsatz die Proklamation der Wiedererlangung eines paradiesischen Zustandes erkennen. Besonders Hanna Hellmann, die das Marionettentheater im Jahre 1911 wiederentdeckte, deutete diesen Text im Sinne der romantischen Triade, die die dritte Stufe der menschlichen Entwicklung â d.h. die Wiedererlangung des paradiesischen Zustandes â im Bereich der Kunst verwirklicht sieht. âĂbersehenâ hat sie allerdings wie viele nach ihr die âIronie, mit der diese, fĂŒr den Haufen erfundene, Spielart als schöne Kunst anerkannt wird, ausgerechnet Bauernfiguren gelten fĂŒr vorbildlich; ĂŒbersehen die Ironie, mit welcher die Bewegungen derer, die ihre Schenkel verloren haben - am hĂ€ufigsten ja im Krieg - und nun mechanische Beine besitzen, mit Ruhe, Leichtigkeit und Anmuth ablaufen sollen.â[21]
Das literarische Schaffen von Heinrich von Kleist hat auf seine Zeitgenossen und auf spĂ€tere Leser eine widersprĂŒchliche, aber nachhaltige Wirkung ausgeĂŒbt. âDie Zeitgenossen wurden durch die Gewaltsamkeit der Bilder, die MaĂlosigkeit der GefĂŒhlsausbrĂŒche, die Krassheit der Situationen, die Missachtung schöner Konventionen mehr schockiert als durch die Kraft, die rhythmische Dynamik, die weiten dramatischen Spannungsbögen und die poetische Schönheit dieser Sprache angezogen.â[22] Denn: âSolche Texte hatte man noch nicht gelesen, solche StĂŒcke noch nicht gesehen. Seine Analysen waren der Geschichte, seine Bilder und Formen der Literaturgeschichte voraus.â[23] Im Laufe der widersprĂŒchlichen Rezeptionsgeschichte wurde Kleist von weltanschaulich gewissermaĂen kontrĂ€ren Gruppierungen fĂŒr sich in Anspruch genommen. Er wurde gleichermaĂen als verkannter Vorbote der literarischen Moderne wie auch als bedeutender Streiter im Sinne der nationalistischen und chauvinistischen Strömungen des Deutschen Kaiserreichs gedeutet. Insbesondere seit der deutschen ReichsgrĂŒndung von 1871 kam es zu wechselnden Renaissancen und einer immer stĂ€rker werdenden politischen Inanspruchnahme Kleists.[24]
Schon die erste Veröffentlichung Kleists, Die Familie Schroffenstein in âder GeĂnerischen Buchhandlung beym Schwanenâ 1802, zog skeptische wie gleichermaĂen wohlwollende Urteile der Zeitgenossen auf sich. Eine erste ausfĂŒhrliche Rezension des anonym veröffentlichten Kleist-Erstlings stammt aus der Feder des Dramatikers Ludwig Ferdinand Huber. Huber bekrĂ€ftigte im MĂ€rz 1803, der unbekannte Dichter habe seine anfĂ€ngliche Skepsis durch die begeisterte Hoffnung zu ersetzen vermocht, âdaĂ endlich doch wieder ein rĂŒstiger KĂ€mpfer um den poetischen Lorbeer aufstehe, wie ihn unser ParnaĂ gerade jetzt so sehr brauchtâ.[25] Trotz der einhellig anerkannten, allerdings weiterer Entwicklung bedĂŒrftigen Begabung des Dichters fand das StĂŒck kaum Beachtung auf deutschen BĂŒhnen. Vier Jahre vergingen, bis ein weiteres Werk Kleists veröffentlicht wurde, das Lustspiel Amphitryon (1807), herausgegeben von Adam MĂŒller. Der Amphitryon, eine weitreichende Bearbeitung einer Vorlage von MoliĂšre und ein Grenzgang zwischen den Nationalliteraturen, konnte angesichts des Einzugs Napoleons in Berlin (27. Oktober 1806) nur geringe Resonanz verzeichnen. Die Kette der kleistschen Veröffentlichungen riss dennoch bis Mitte 1811 nicht mehr ab.
Als folgenreich erwies sich die UrauffĂŒhrung des Zerbrochnen Krugs am Weimarer Hoftheater unter der Leitung Johann Wolfgang von Goethes, der dem StĂŒck nach zweimaliger LektĂŒre âauĂerordentliche Verdiensteâ zugesprochen hatte.[26] Das von den Zeitgenossen in seiner Weimarer UrauffĂŒhrung am 2. MĂ€rz 1808 als langatmig und sperrig empfundene Werk prĂ€gte die Haltung des zeitgenössischen Publikums Kleist gegenĂŒber nachhaltig. Kleists Schicksal als zeitgenössischer BĂŒhnenautor war nach der missglĂŒckten UrauffĂŒhrung, zumal auf Goethes anspruchsvoller ReformbĂŒhne, weitgehend besiegelt.
Eine stark verfremdete, pantomimische Inszenierung von Ausschnitten der Penthesilea in Berlin 1811 fiel ebenfalls beim Publikum durch, und auch als politischer Publizist (âPhöbusâ) blieb Kleist der Erfolg versagt. Einzig die Erfolgsgeschichte des Kleist-Dramas Das KĂ€thchen von Heilbronn begann schon zu Lebzeiten des Dichters mit einer Wiener AuffĂŒhrung vom 17. MĂ€rz 1810: âAllerdings war das Publikum â wie im ĂŒbrigen das gesamte neunzehnte Jahrhundert hindurch â von diesem StĂŒck sehr viel stĂ€rker angetan als die Kritik, die allein dem Genre schon skeptisch gegenĂŒberstand. [âŠ] Diese immer wieder gemachte Beobachtung faĂte der Rezensent des Morgenblattes fĂŒr gebildete StĂ€nde schlieĂlich beinahe lakonisch in der Formel âKleistâs KĂ€thchen von Heilbronn wird sehr verschieden beurtheilt, aber immer stark besuchtâ zusammen [âŠ].â[27]
Nicht zuletzt wurde Kleist zu Lebzeiten zum VerhĂ€ngnis, dass ihm die Sympathien der urteilsbildenden und die öffentliche Kultur prĂ€genden intellektuellen Elite seiner Zeit ĂŒberwiegend verwehrt blieben. Teilweise brachte er gerade potenzielle Förderer, auf deren UnterstĂŒtzung er angewiesen gewesen war, gegen sich auf. Durch gezielte Indiskretionen ĂŒber August Wilhelm Iffland, den mĂ€chtigen Generaldirektor der Königlichen Schauspiele in Berlin, der eine Inszenierung des KĂ€thchens abgelehnt hatte, verbaute er sich den Zugang zu Berliner Theater und Publikum. Bis auf wenige Ausnahmen blieben dem Dramatiker Kleist die SchauspielhĂ€user als zentrale WirkungsstĂ€tten verschlossen.
Neben Kleists spektakulĂ€rem Suizid prĂ€gten vor allem die Folgen seines Ungeschicks im Werben um geeignete Förderer Kleists RenommĂ©e und das Kleist-Bild ĂŒber Jahrzehnte hinweg negativ. Insbesondere Goethes Abwendung und der postume Abdruck nicht autorisierter Goethe-Sentenzen ĂŒber die ânordische SchĂ€rfe des Hypochondersâ Kleist durch Johann Daniel Falk[28] wirkte in dieser Hinsicht negativ nach. Erst unter gewandelten historischen Rahmenbedingungen kam es zu nachhaltigen Renaissancen der Kleist-Rezeption, die die Wahrnehmung des Dichters dauerhaft verĂ€ndern sollten. Seit der zweiten HĂ€lfte und verstĂ€rkt seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden Kleists Dramen und ErzĂ€hlungen in den sehr unterschiedlichen Bezugsfeldern der deutschen Einigung wie auch der literarischen Moderne Gegenstand gegensĂ€tzlicher Strömungen der Neuentdeckung. âInnerhalb des seit den 1860er Jahren einsetzenden ideologischen Feldzuges, mit dem die BefĂŒrworter PreuĂens die Deutschen zur Beförderung der geeinten Nation ĂŒberzogen, wurde Kleist ein gewichtiger [âŠ] Part angetragen: in ihm wollte man den Propheten des werdenden Reiches erkennen und zugleich vorbildliches PreuĂen- wie Deutschtum verkörpert sehen.â[29]
Die nationalistisch und chauvinistisch geprĂ€gte Vereinnahmung Kleists wĂ€hrend des spĂ€ten 19. Jahrhunderts fand spĂ€ter ihre Fortsetzung in der Vereinnahmung des Dichters durch die NS-Kulturpolitik, die die âzeitbedingte Bejahung des groĂen EinzeltĂ€ters in der âHermannsschlachtâ und den absoluten Gehorsamsanspruch des KurfĂŒrsten in âPrinz Friedrich von Homburgâ als Vorwegnahme des faschistischen FĂŒhrerkults deutete.â[30]
Neben der ausgiebigen Rezeption des politischen Dichters Kleists als Inbegriff des deutschen Patrioten (Hermannsschlacht, Prinz Friedrich von Homburg) im Sinne des Deutschen Kaiserreichs wandten sich um die Jahrhundertwende auch die jungen Autoren der literarischen Moderne programmatisch dem Werk Kleists zu. Angesichts seiner weitgehenden Entfremdung von den Vertretern der Weimarer Klassik bot Kleist sich mustergĂŒltig als Vorbild fĂŒr die Ablösung einer neuen Schriftstellergeneration von Goethes ĂŒbermĂ€chtiger Erscheinung an. âDaraus resultierte, daĂ Kleist eine gleich zweifache Vorreiterrolle zugewiesen wurde: in seiner eigenen Gegenwart als KĂ€mpfer gegen die Klassik und â achtzig Jahre spĂ€ter im Zeichen der literarischen Avantgarde als VorkĂ€mpfer der Moderne, der zugleich Opfer der Klassik wurde.â[31] Im Gefolge dieser nachhaltigen zweiten Welle der Kleist-Wiederaneignung entdeckte im frĂŒhen zwanzigsten Jahrhundert eine Generation junger Schriftsteller, darunter Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Carl Sternheim und Georg Kaiser, den Dichter als wichtigen Wegbereiter experimenteller und subjektivierter literarischer AnsĂ€tze fĂŒr sich.[32]
Nach Heinrich von Kleist wurden StraĂen, wie z.B. in Potsdam, Köln, MĂŒlheim an der Ruhr, Leipzig, Berlin, Wolfsburg und Dresden benannt.
Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft verleiht jÀhrlich den Kleist-Preis und erhÀlt das Andenken an ihn aufrecht.
Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart hat Heinrich von Kleist zahlreiche Komponisten zu eigenen Schöpfungen angeregt. Gegenstand der musikalischen Auseinandersetzung waren dabei sowohl Kleists Werke als auch sein wechselvolles Leben. Zu den musikalischen Adaptionen zĂ€hlen neben BĂŒhnenmusiken und sinfonischen Dichtungen auch mehrere Opernkompositionen.[34] Allein zum Schauspiel Das KĂ€thchen von Heilbronn liegen acht Opernfassungen vor.
Zu den musikalischen Adaptionen Kleistscher Werke zÀhlen:
Kleists Werke bildeten seit 1935 die Grundlage zahlreicher internationaler Verfilmungen fĂŒr Kino und Fernsehen. Besonders hĂ€ufig wurden die Dramen Der zerbrochne Krug (unter anderem in dem bekannten Spielfilm mit Emil Jannings von 1937), Das KĂ€thchen von Heilbronn (als Fernsehfilm unter der Regie von Karl-Heinz Stroux 1968) und Prinz Friedrich von Homburg (z.B. von Marco Bellocchio und Kirk Browning) verfilmt. Die am hĂ€ufigsten verfilmte Kleist-ErzĂ€hlung ist Michael Kohlhaas, von der unter anderem Fassungen von Volker Schlöndorff und Edward Bond (âMichael Kohlhaas â Der Rebellâ, 1969) sowie von MiloĆĄ Forman (âRagtimeâ, 1981) vorliegen.[35]
Als Rollengestalt tritt Heinrich von Kleist darĂŒber hinaus in mehreren Kino- und Fernseh-Produktionen in Erscheinung, etwa in:
Die schillernde Biographie Kleists regte im 20. und 21. Jahrhundert zahlreiche Schriftsteller zu literarischen Adaptionen an, darunter:
Eine laufende Kleist-Bibliographie erscheint in:
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kleist, Heinrich von |
| ALTERNATIVNAMEN | Kleist, Bernd Heinrich Wilhelm von (vollstÀndiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Dramatiker, ErzÀhler, Lyriker und Publizist |
| GEBURTSDATUM | 10. Oktober 1777 oder 18. Oktober 1777 |
| GEBURTSORT | Frankfurt an der Oder, KurfĂŒrstentum Brandenburg, Königreich PreuĂen, Heiliges Römisches Reich |
| STERBEDATUM | 21. November 1811 |
| STERBEORT | bei Berlin, Markgrafschaft Brandenburg, Königreich PreuĂen |