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Hermann Matthei├č

Hermann Matthei├č

Hermann Matthei├č (* 18. Juli 1893 in Ludwigstal; ÔÇá 1. Juli 1934 in Ellwangen) war ein deutscher Jurist, SA-F├╝hrer und Polizist.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Kaiserreich und Weimarer Republik

Matthei├č war der Sohn des Hauptschullehrers Hermann Matthei├č. In seiner Jugend besuchte er die Friedrich-Eugen-Realschule in Stuttgart, die er 1911 mit der Reifepr├╝fung abschloss. Anschlie├čend leistete er den einj├Ąhrigen Freiwilligendienst im W├╝rttembergischen Feldartillerie-Regiment 65 ab. Ab 1912 studierte er Rechtswissenschaften an der Universit├Ąt T├╝bingen.

Von August 1914 an nahm Matthei├č am Ersten Weltkrieg teil, in dem er zum Leutnant bef├Ârdert und mit dem Eisernen Kreuz beider Klassen ausgezeichnet wurde. Nach seiner Demobilisierung zum 1. M├Ąrz 1919 nahm er seine Studien wieder auf. Die Erste Juristische Staatspr├╝fung bestand er 1919 und die Gro├če Juristische Staatspr├╝fung 1922. Bereits 1921 war mit einer Arbeit ├╝ber die Entwicklung des Grundbuches in W├╝rttemberg zum Dr. jur. promoviert.

Vom 1. Juni 1922 bis 31. Dezember 1922 amtierte Matthei├č als stellvertretender Amtmann beim Oberamt Schorndorf. Anschlie├čend fungierte er vom 24. Januar 1923 bis zum 31. M├Ąrz 1924 als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter beim statistischen Landesamt. Nach einem kurzen Intermezzo als juristischer Berichterstatter bei der Landespreisstelle Stuttgart vom 1. April 1924 bis zum 30. Juni 1924 wurde Matthei├č zum 1. Juli 1924 zum Hilfsrichter in Ellwangen und Ravensburg ernannt. Zum 21. Januar 1927 wechselte er als Amtsrichter nach Oberndorf. Von dort wurde er zum 18. September 1929 als Hilfsrichter nach Ellwangen versetzt, bevor er zum 17. Oktober 1930 als Amtsrichter nach Oberndorf zur├╝ckkehrte.

Um 1922 heiratete er Anna Fanny Kossmann. Aus der Ehe, die sp├Ąter geschieden wurde, ging der Sohn Hermann hervor, der 1943 in Stalingrad starb. In zweiter Ehe verheiratete Matthei├č sich mit Charlotte Egelhaaf. Aus dieser Ehe gingen drei weitere Kinder hervor.

Politisch tat Matthei├č sich erstmals 1919 hervor, als er sich an der Gr├╝ndung des W├╝rttembergischen Landesverbandes des Neudeutschen Ordens beteiligte. Im selben Jahr war er Mitglied des T├╝binger Studentenkorps.

In den sp├Ąten 1920er Jahren schloss er sich der NS-Bewegung an, in der seine Sympathien Gregor Strasser, mit dessen Gefolgsmann Fritz Kiehn er pers├Ânlich befreundet war, galten. Au├čerdem wurde er Mitglied der SA, in der er es zum SA-Standartenf├╝hrer brachte, und der SS, in der er den Rang eines SS-Oberscharf├╝hrers erreichte. Als Hauptfeinde der Partei betrachtete Matthei├č ÔÇ×den politisch verorteten Feind von links, verbonzte alte Eliten und die Kirche.ÔÇť[1]

NS-Zeit (1933-1934)

Wenige Wochen nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde Matthei├č am 15. M├Ąrz 1933 durch Jagow zum Unterkommissar f├╝r die Ober├Ąmter Balingen, Horb, Oberndorf, Rottweil, Spaichingen, Sulz und Tuttlingen ernannt.[2]

Am 19. April 1933 ernannte der w├╝rttembergische Innenminister Wilhelm Murr Matthei├č als Sonderkommissar zur besonderen Verwendung im W├╝rttembergischen Innenministerium. Als im Zuge der Reorganisation der Politischen Polizei in W├╝rttemberg am 28. April 1933 das W├╝rttembergische Politische Landespolizeiamt direkt beim Innenministerium angesiedelt wurde, wurde Matthei├č zu seinem Leiter ernannt. In dieser Stellung wurde er am 20. Juni 1933 r├╝ckwirkend zum 12. Mai 1933 zum Landgerichtsrat und am 5. Oktober 1933 zum Oberregierungsrat im Innenministerium ernannt. 4. November 1933 wurde ihm au├čerdem f├╝r die Dauer seiner Verwendung in dieser Eigenschaft der Titel eines ÔÇ×Pr├ĄsidentenÔÇť verliehen.

In seiner Stellung als Leiter der Politischen Polizei in W├╝rttemberg spielte Matthei├č in der ├ťbergangsphase von der Weimarer Republik zur NS-Diktatur in den Jahre 1933/1934 ÔÇ×die entscheidende RolleÔÇť (Schuhladen-Kr├Ąmer) bei der Verfolgung und Ausschaltung der politischen Gegner des NS-Staates in W├╝rttemberg. Insbesondere oblagen ihm als Polizeichef alle Angelegenheiten der Schutzhaft im Land: So wurden unter der Regie von Matthei├č zahlreiche politische Gegner der Nationalsozialisten in das KZ Heuberg eingewiesen. Nach der v├Âlligen ├ťberf├╝llung dieses Lagers wurde es Ende 1933 geschlossen und durch das Fort Oberer Kuhberg bei Ulm ersetzt. Gemessen an der Bev├Âlkerungszahl hatte das Land W├╝rttemberg unter der ├ägide von Matthei├č, dem Wehling und Weber ÔÇ×VerfolgungswutÔÇť zuschreiben, die gr├Â├čte Zahl an Schutzh├Ąftlingen im ganzen Reich.[3]

Anfang Mai 1934 wurde Matthei├č durch den Gauleiter von W├╝rttemberg vom Amt des Leiters der Politischen Polizei beurlaubt. Hintergrund waren pers├Ânliche Differenzen von Matthei├č mit Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich, denen die W├╝rttembergische Polizei Ende 1933 unterstellt worden war. Zum Nachfolger von Matthei├č als Leiter der Landespolizei wurde Walter Stahlecker ernannt.

In der Erwartung seiner f├╝r Juli vorgesehenen Ernennung zum Landgerichtspr├Ąsidenten weilte Matthei├č anschlie├čend einige Wochen zu Erholungszwecken in Friedrichshafen, um dann zu einem Besuch seiner Eltern in ├ťberlingen zu reisen.

Ermordung

Matthei├č wurde am 1. Juli 1934 im Zusammenhang mit der als R├Âhm-Putsch bekannt gewordenen politischen S├Ąuberungswelle der Nationalsozialisten vom Fr├╝hsommer 1934 erschossen:

Am Abend des 29. Juni 1934 erteilte Hans-Adolf Pr├╝tzmann, der Chef des SS-Oberabschnitts S├╝dwest, dem SS-Standartenf├╝hrer Beck und dem SS-Obersturmbannf├╝hrer Gl├╝ck (Chef des SD in W├╝rttemberg), den Befehl zur Verhaftung von Matthei├č. Am fr├╝hen Morgen des 30. Juni 1934 brachen diese beiden zusammen mit zwei weiteren SS-Angeh├Ârigen zur Erf├╝llung dieses Auftrages mit einem Dienstwagen nach Friedrichshafen auf, wo man Matthei├č in der Annahme, dass er dort seinen Urlaub verbringen w├╝rde, vermutete. Nachdem das Festnahmekommando ihn weder dort, noch ihm Haus seines Freundes Kiehn in Nu├čdorf antreffen konnte, reisten die M├Ąnner nach ├ťberlingen, um zu pr├╝fen, ob Matthei├č sich eventuell bei seinen Eltern, die dort wohnten, aufhielte. Tats├Ąchlich gelang es Beck und seinen Leuten Matthei├č in ├ťberlingen in einer Gastwirtschaft in der N├Ąhe des Hauses seiner Eltern aufzusp├╝ren.

Das Kommando gestattete es Matthei├č zun├Ąchst noch einmal in das Haus seiner Eltern zur├╝ckzukehren, um sich von seiner Familie zu verabschieden. Anschlie├čend wurde er ├╝ber Friedrichshafen und Ravensburg - wo es ihm kurzzeitig gelang, dem Kommando in einem Menschenauflauf davonzulaufen, bevor dieses ihn in einer Kneipe wieder stellen konnte - in die SS-Kaserne in Ellwangen gebracht, wo er am fr├╝hen Morgen des 1. Juli eintraf. Eine Stunde sp├Ąter, gegen 6.00 Uhr Morgens, wurde er von einem Exekutionskommando f├╝siliert. Am 2. Juli 1934 erhielt Matthei├č' Ehefrau die Nachricht, ihr Mann sei in Ellwangen erschossen und anschlie├čend in Stuttgart einge├Ąschert worden. Matthei├čÔÇÖ Schw├Ąger, die Br├╝der Egelhaaf, berichteten in einem Schreiben an den Justizminister, man habe ihnen zugetragen, dass Matthei├č sich bei der Erschie├čung geweigert habe, sich die Augen verbinden zu lassen und mit dem zum Hitlergru├č ausgestreckten Arm und den Worten ÔÇ×Ich bin unschuldig, Heil Hitler!ÔÇť auf den Lippen gestorben sei.[4] Matthei├č hinterlie├č eine schwangere Frau und drei Kinder.

Die Hintergr├╝nde und Auftraggeber der Ermordung von Matthei├č sind bis heute nicht v├Âllig gekl├Ąrt: In der Literatur wird meistens angenommen, dass die Erschie├čung von Matthei├č auf Befehle von Himmler und/oder Heydrich zur├╝ckging. Hans Bernd Gisevius, 1934 ein hoher Beamter im Innenministerium, schrieb sp├Ąter ├╝ber Matthei├čÔÇÖ Schicksal w├Ąhrend des R├Âhm-Putsches:

ÔÇ×Eigentlich sollte er [Matthei├č] sich [als SS-Mann] heute besonders sicher f├╝hlen. Doch es gibt einige Differenzen im schwarzen Lager, die nach Heydrichs Daf├╝rhalten praktischerweise mitbereinigt werden. Durch halb W├╝rttemberg geht die Jagd. Schlie├člich haben sie ihn. Weder Stadelheim noch Lichterfelde noch auf der Flucht erschossen. Ganz schlicht und einfach: umgekommen.ÔÇť[5]

Denkbar ist allerdings auch, dass die Initiative zur Ermordung von Matthei├č auf den SS-F├╝hrer Pr├╝tzmann zur├╝ckging, der mit Matthei├č pers├Ânlich verfeindet war, seitdem dieser sich geweigert hatte, Pr├╝tzmanns SS-Leute in die Politische Polizei zu integrieren.[6]

Nach 1945 bem├╝hte Matthei├č' Witwe sich darum die Anerkennung ihres Mannes als ÔÇ×Opfer des NationalsozialismusÔÇť zu erreichen, ein Ansinnen, das Schuhladen-Kr├Ąmer als ÔÇ×groteskÔÇť bezeichnete, was er mit der Ausf├╝hrung begr├╝ndete:

ÔÇ×Eine solche Einreihung w├Ąre eine Verh├Âhnung der Opfer in der ersten Phase der Abrechnung der NSDAP mit ihren innenpolitischen Feinden gewesen, f├╝r die auch Matthei├č mit seiner ganzen Person mitverantwortlich gewesen war.ÔÇť[7]

Ob es zu einer solchen Anerkennung von Matthei├č als NS-Opfer kam ist bislang ungekl├Ąrt.[8] Die Akten der Staatsanwaltschaft Ellwangen aus einem Verfahren nach 1945 wegen der Ermordung Matthei├č' (Aktenzeichen Js 4739/48) gelten als verschollen.

Bef├Ârderungen

Bef├Ârderungen im Staatsdienst:

  • 20. Juni 1933: Landgerichtsrat
  • 1. November 1933: Oberregierungsrat
  • 4. November 1933: Titel eines ÔÇ×Pr├ĄsidentenÔÇť in der Landespolizeiverwaltung

Schriften

  • Die Entwicklung des Grundbuchs in W├╝rttemberg, s.l. 1921. (Dissertation)
  • NS-Kurier vom 30. Januar 1934, Sonderbeilage zum ersten Jahrestag der Machtergreifung.

Archivalien

  • Staatsarchiv Ludwigsburg: EL 902/2 B├╝. 7588-7590 (Spruchkammerakten gegen beck, Gl├╝ck und Pr├╝tzmann)

Literatur

  • Robert Allmendinger: ÔÇ×Aufstieg und Fall des Dr. Hermann MattheissÔÇť, in: Stadt Tuttlingen: Nationalsozialismus in Tuttlingen, Tuttlingen 1986, S. 57-67.
  • Hartmut Berghoff u. Cornelia Rauh-K├╝hne: Fritz K. Ein deutsches Leben im 20. Jahrhundert, Stuttgart, M├╝nchen 2000.
  • Paul Sauer: W├╝rttemberg in der Zeit des Nationalsozialismus, Ulm, 1975.
  • J├╝rgen Schuhladen-Kr├Ąmer: ÔÇ×Die Exekutoren des Terrors. Hermann Matthei├č, Walter Stahlecker, Friedrich Mu├čgay. Leiter der Geheimen Staatspolizeileitstelle StuttgartÔÇť, in: Michael Ki├čener u. Joachim Scholtyseck (Hrsg.): Die F├╝hrer der Provinz, Konstanz 1999, S. 405-443.
  • Ingrid Bauz, Sigrid Br├╝ggemann, Roland Maier (Hrsg.): Die Geheime Staatspolizei in W├╝rttemberg und Hohenzollern. Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-138-9.

Einzelnachweise

  1. ÔćĹ Schuhladen-Kr├Ąmer: Die Exekutoren des Terrors; S. 408.
  2. ÔćĹ Wolfgang Benz: Terror ohne System, 2001, S. 47.
  3. ÔćĹ Hans-Georg Wehling/ Reinhold Weber: Geschichte Baden-W├╝rttembergs, S. 96.
  4. ÔćĹ Bundesarchiv: R 3001/164138.
  5. ÔćĹ Hans Bernd Gisevius: Bis zum bitteren Ende, Bd. 1, 1960, S. 177. An gleicher Stelle vermerkt Gisevius, dass Mattheis sich als Polizeichef ÔÇ×durch Wildheiten ausgezeichnetÔÇť habe.
  6. ÔćĹ Schuhladen-Kr├Ąmer: Die Exekutoren des Terrors, S. 416.
  7. ÔćĹ Schuhladen-Kr├Ąmer: Die Exekutoren des Terrors, S. 416.
  8. ÔćĹ Schuhladen-Kr├Ąmer: Die Exekutoren des Terrors, S. 416.
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