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Die hermeneutische Wissenssoziologie ist ein (in der Entwicklung begriffenes) komplexes theoretisches, methodologisches und methodisches Konzept der Wissenssoziologie, das im Wesentlichen auf die Arbeiten von Hans-Georg Soeffner zurĂŒckgeht und u. a. von Ronald Hitzler, Anne Honer, Hubert Knoblauch, Jo Reichertz, Bernt Schnettler und Norbert Schröer weiterentwickelt und ausdifferenziert wurde und das zum Ziel hat, die gesellschaftliche Bedeutung jeder Form von Interaktion (sprachlicher wie nichtsprachlicher) und aller Arten von Interaktionsprodukten (etwa Kunst, Religion, Unterhaltung) zu (re)konstruieren. Anfangs wurde fĂŒr diese Methode auch hĂ€ufiger der Name 'sozialwissenschaftliche Hermeneutik' verwendet. Die hermeneutische Wissenssoziologie hat sich in dieser Form zum einen durch die Kritik an der 'Metaphysik der Strukturen' der objektiven Hermeneutik (vgl. Reichertz 1986) zum anderen durch die Auseinandersetzung mit der sozialphĂ€nomenologischen Forschungstradition (SchĂŒtz, Luckmann) herausgebildet.
Inhaltsverzeichnis |
Wissenssoziologisch ist diese Perspektive, weil sie diesseits von Konstruktivismus und Realismus die groĂe Frage untersucht, wie Handlungssubjekte (Akteure) â hinein gestellt und sozialisiert in historisch und sozial entwickelte Routinen und Deutungen des jeweiligen Handlungsfeldes â diese einerseits vorfinden und sich aneignen (mĂŒssen), andererseits sie immer wieder neu ausdeuten und damit auch âeigen-willigâ erfinden (mĂŒssen). Die neuen (nach den Relevanzen des Handlungssubjekts konstituierten) Neuauslegungen des gesellschaftlich vorausgelegten Wissens werden ihrerseits (ebenfalls als Wissen) in das gesellschaftliche Handlungsfeld wieder eingespeist (vgl. Berger/Luckmann 1977 und Soeffner 1989).
Hermeneutisch ist diese Perspektive, weil sie nicht nur die alltĂ€gliche Interaktion und Interaktionsprodukte methodisch angeleitet deutend verstehen will, sondern ebenfalls die bei diesem Verstehen zum Einsatz kommenden Verfahren des wissenschaftlichen Deutens. Auf diese Weise bemĂŒht sich die hermeneutische Wissenssoziologie nicht nur um die Aufhellung der Akte des alltĂ€glichen Deutens und Handelns, sondern zugleich um die KlĂ€rung des VerhĂ€ltnisses von Wissenschaft und Alltag und die Erarbeitung von Standards einer (die Gesellschaft ĂŒberzeugenden) qualitativen Sozialforschung.
Das Handeln von Akteuren gilt erst dann als verstanden, wenn der Interpret in der Lage ist, dieses Handeln in Bezug zu dem vorgegebenen und fĂŒr den jeweiligen Handlungstypus relevanten Bezugsrahmen zu setzen (vgl. Frameanalyse) und es in dieser Weise fĂŒr diese Situation als eine (fĂŒr die Akteure) sinn-machende (also nicht unbedingt gĂŒltige!) âLösungâ eines Handlungsproblems nachzuzeichnen.
Wer ĂŒber die Akte der Deutung nichts weiĂ und sich ĂŒber ihre PrĂ€missen und Ablaufstrukturen keine Rechenschaftspflicht auferlegt, interpretiert â aus der Sicht wissenschaftlicher ĂberprĂŒfungspflicht â einfĂ€ltig, d. h. auf der Grundlage impliziter alltĂ€glicher Deutungsroutinen und PlausibilitĂ€tskriterien. (Soeffner 1989: 53) Demnach gehört zum âVerstehen von etwasâ selbstverstĂ€ndlich auch die âBeschreibung und das Verstehen des Verstehensâ (ebd.). Interpretative Soziologie ist deshalb auch immer eine Soziologie des Interpretierens. Diese Aussagen von Soeffner dĂŒrften nicht nur wichtige Bestandteile jeder wissenssoziologischen Hermeneutik sein, sondern können (historisch betrachtet) auch als Ausgangspunkte dieser Forschungsstrategie gelten: Wer seine Beobachtung verstehen will, muss auch seine eigene Handlung des Verstehens (also seinen âAlltag der Hermeneutikâ) beobachten. Durch diese Forderung der Anwendung auf sich selbst wurde die wissenssoziologische Hermeneutik von Beginn an (und einige Zeit vor der PrĂ€senz des radikalen Konstruktivismus) in die prekĂ€re Lage gebracht, sich mit dem konstruktivistischen Charakter von Beobachtung und Interpretation auseinanderzusetzen. PrekĂ€r ist diese Lage deshalb, weil die Selbstanwendung der Wissenssoziologie auf die Arbeiten der Wissenssoziologen zutage bringt, dass sich die Konstrukte der Wissenschaftler zwar inhaltlich, aber nicht strukturell von den Konstrukten unterscheiden, welche die Personen in ihrem normalen Alltag anfertigen, und die von den Wissenssoziologen beobachtet und gedeutet werden.
Die hermeneutische Wissenssoziologie gewinnt ihre Erkenntnisse durchweg aus empirischer Forschung. Untersucht werden alle Formen sozialer Interaktion sowie alle Arten von Kulturerzeugnissen. Da die Forschungsstrategie nicht auf die Entdeckung allgemeiner Gesetze, die menschliches Verhalten erklĂ€ren, ausgerichtet ist, sondern auf die (Re)Konstruktion der Verfahren und Typisierungsleistungen, mit denen Menschen sich eine sich stets neu geschaffene Welt vertraut und verfĂŒgbar machen, gilt der systematischen âFindungâ des Neuen besonderes Interesse.
So soll der Forscher bereits in der ersten Forschungsphase darum bemĂŒht sein, eine 'abduktive Haltung' (vgl. Reichertz 1991) aufzubauen.
Am widerstandfĂ€higsten dĂŒrften nicht-standardisiert erhobene Daten, also audiovisuelle Aufzeichnungen oder Artefakte des Handlungsfeldes, sein (vgl. Reichertz 1991). Da solche Daten von den Handelnden nicht in Anbetracht der forschungsleitenden Fragestellung produziert und die Erhebung selbst wenig von subjektiven Wahrnehmungsschemata geprĂ€gt wurden, ist die Möglichkeit recht groĂ, dass sie nicht von vornherein mit den abgelagerten Ăberzeugungen zur Deckung zu bringen sind.
Wenn die Erhebung nichtstandardisierter Daten nicht möglich ist oder keinen Sinn hat, dann ist der Forscher genötigt, selbst Daten zu produzieren: er muss Beobachtungsprotokolle anfertigen und Interviews fĂŒhren â und er tut gut daran, dies nach wissenschaftlich verbindlichen Standards zu tun; mithin produziert er Daten, die ihrerseits von (wissenschaftlichen) Standards geprĂ€gt sind.
Dabei sind folgende zwei Erhebungsprinzipien zu beherzigen: (1.) Der Forscher sollte (nur!) in Bezug auf den zu untersuchenden Sachverhalt möglichst naiv ins Feld gehen und Daten sammeln. (2) Gerade in der Einstiegsphase sollte eine möglichst unstrukturierte Datenerhebung gewĂ€hrleistet sein. Der Grund: Eine frĂŒhzeitige analytische und theoretische Durchdringung des Materials und eine sich daran anschlieĂende gezielte Erhebung von Daten in der Eingangsphase wĂŒrde nur dazu fĂŒhren, den Datenwetzstein, an dem sich spĂ€ter Theorien bewĂ€hren und entwickeln lassen sollen, frĂŒhzeitig zu entschĂ€rfen. Setzt der Forscher bei der Erhebung standardisierter Daten diese beiden Prinzipien um, dann ist zumindest strukturell die Möglichkeit eröffnet, dass die Daten ihn ins GrĂŒbeln bringen, ihn an seine alten Ăberzeugungen zweifeln lassen (vgl. Reichertz 1997).
Eine Interpretation von Daten mit Hilfe der wissenssoziologischen Hermeneutik erschöpft sich nicht in der angemessenen Deskription von Beobachtungen oder der Nachzeichnung subjektiv entworfenen und gemeinten Sinns, sondern sie zielt auf die Findung der intersubjektiven Bedeutung von Handlungen. âIntersubjektivâ heiĂt nun in keinem Fall âwahrâ oder âwirklichâ, sondern lediglich, dass es um die Bedeutung geht, welche durch eine (sprachliche) Handlung innerhalb einer bestimmten Interaktionsgemeinschaft erzeugt wird. Die Bedeutung einer Handlung wird so (zu einem Teil) mit der antizipierbaren Reaktionsbereitschaft gleichgesetzt, welche die Handlung innerhalb einer Interaktionsgemeinschaft auslöst. Die Interpretationstheorie schlieĂt sich damit an die Vorstellungskraft eines typisierten typischen, in eine bestimmte Interaktionsgemeinschaft einsozialisierten Symbolbenutzers an, nicht jedoch an dessen konkrete Bewusstseinsinhalte. Die Bedeutung symbolischen Handelns liegt nicht in der Vergangenheit, sondern die Bedeutung eines Zeichens besteht stattdessen in der antizipierbaren Reaktionsbereitschaft und den realisierten Reaktionen, die das Symbol bei der interpretierenden Gruppe auslöst und liegt in der Zukunft.
Methodisch verfolgt eine wissenssoziologische Hermeneutik folgenden Weg: In der Anfangsphase wird das Datenprotokoll âoffen kodiertâ (Strauss 1994), will sagen: das jeweilige Dokument wird sequentiell, extensiv und genau analysiert und zwar Zeile um Zeile oder sogar Wort fĂŒr Wort. Entscheidend in dieser Phase ist, dass man noch keine (bereits bekannte) Bedeutungsfigur an den Text heranfĂŒhrt, sondern mit Hilfe des Textes möglichst viele (mit dem Text kompatible) Lesarten konstruiert. Diese Art der Interpretation nötigt den Interpreten, sowohl die Daten als auch seine (theoretischen Vor-)Urteile immer wieder aufzubrechen - was ein gutes Klima fĂŒr das Finden neuer Lesarten schafft.
Sucht man in der Phase des âoffenen Kodierensâ nach Sinneinheiten, so sucht man in der zweiten Phase der Interpretation nach höher aggregierten Sinneinheiten und Begrifflichkeiten, welche die einzelnen Teileinheiten verbinden. AuĂerdem lassen sich jetzt gute GrĂŒnde angeben, weshalb man welche Daten neu bzw. genauer nacherheben sollte. Man erstellt also im dritten Schritt neue Datenprotokolle, wenn auch gezielter. So kontrolliert die Interpretation die Datenerhebung, aber zugleich, und das ist sehr viel bedeutsamer, wird die Interpretation durch die nacherhobenen Daten ggf. falsifiziert, modifiziert und erweitert.
Am Ende ist man angekommen, wenn ein hoch aggregiertes Konzept, eine Sinnfigur gefunden bzw. konstruiert wurde, in das alle untersuchten Elemente zu einem sinnvollen Ganzen integriert werden können und dieses Ganze im Rahmen einer bestimmten Interaktionsgemeinschaft verstÀndlich (sinnvoll) macht.
Die hermeneutische Wissenssoziologie wird zur Zeit vor allem an deutschsprachigen UniversitĂ€ten gelehrt und ausgeĂŒbt (Konstanz, Dortmund, Essen, Vechta, St. Gallen, Wien, ZĂŒrich). Allerdings berufen sich eine Reihe deutscher, schweizer und österreichischer Wissenschaftlern/innen aus unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen explizit auf diese Forschungsstrategie. Als grundlegende EinfĂŒhrung in das Verfahren der hermeneutischen Wissenssoziologie gelten Soeffner (1989) und Soeffner/Hitzler (1994). Zudem liegt mit Schröer (1994) ein Band vor, in dem die Methodik dargestellt und diskutiert, wĂ€hrend in Hitzler/Reichertz/Schröer (1999) im Wesentlichen die Theorie und Methodologie erörtert werden. Eine erste systematische Beschreibung der hermeneutischen Wissenssoziologie liefert Schröer 1997, eine aktuelle Fassung findet sich in Reichertz 2007a und b. Mit Reichertz (1991) und Knoblauch (1995) wurden auch zwei methodologisch begrĂŒndete Forschungsprogrammatiken vorgelegt. Keller (2005) hat in seinem Forschungsprogramm der Wissenssoziologischen Diskursanalyse Annahmen der Hermeneutischen Wissenssoziologie mit Traditionen der Diskursforschung verknĂŒpft. Beispielhafte Fallanalysen zur hermeneutischen Wissenssoziologie finden sich in Soeffner (1992).