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Eine Hexe ist im Volksglauben eine mit ZauberkrÀften ausgestattete, meist weibliche, heil- oder unheilbringende Person, die im Rahmen der Christianisierung hÀufig mit DÀmonen oder dem Teufel im Bunde geglaubt wurde.
Zur Zeit der Hexenverfolgung wurde der Begriff Hexe vereinzelt als Fremdbezeichnung auf Frauen und MĂ€nner angewandt, die unter dem Vorwurf der Zauberei verfolgt wurden. SpĂ€ter setzte er sich, insbesondere in der wissenschaftlichen Untersuchung des PhĂ€nomens âHexenverfolgungâ, allgemein durch.
Zur Anwendung des Begriffs auf MĂ€nner als âHexerâ oder âHexenmeisterâ siehe: Hexer.
In die Vorstellungen zur Hexe sind Elemente unterschiedlicher Herkunft eingeflossen. Dies fĂŒhrt im Allgemeinen zur Begriffsverwirrung, da diese verschiedenen Strömungen nicht getrennt werden, sondern auch rĂŒckwirkend in ein Hexenbild hineininterpretiert werden.
Die Wurzeln des deutschen Wortes Hexe finden sich nur im westgermanischen Sprachraum: mittelhochdeutsch hecse, hesse, althochdeutsch hagzissa, hagazussa, mittelniederlĂ€ndisch haghetisse, altenglisch haegtesse: (âgespenstisches Wesenâ) â im modernen Englisch verkĂŒrzt zu hag.[1] Die genaue Wortbedeutung ist ungeklĂ€rt; der erste Bestandteil von hagazussa ist wahrscheinlich althochdeutsch hag (âZaun, Hecke, Gehegeâ), der zweite ist möglicherweise mit germanisch/norwegisch tysja (âElfe, böser/guter Geistâ) und litauisch dvasia âGeist, Seeleâ verwandt, also vermutlich ein auf Hecken oder Grenzen befindlicher Geist. Eine andere Herleitung versteht zussa als âsitzenâ, so dass eine hagazussa eine auf oder in der Hecke sitzende Person bezeichnen könnte.
Aus dieser Sicht steht kein Zweifel an der Zugehörigkeit des Begriffs zur Religion. Allerdings ist nicht nachgewiesen, dass der Begriff Hexe (bzw. dessen VorgĂ€nger) vor der Christianisierung eine Bezeichnung fĂŒr kultisch tĂ€tige Personen war. Es sind auch Menschen mit besonderem Wissen (siehe: Esoterik), niedere mythische Wesen oder Göttinnen vor- bzw. nichtchristlicher Religionen in Betracht zu ziehen.
Wenn die Begriffsintention sich auf die auf verschiedenen Seiten hĂ€ngenden Beine bezieht, lieĂe sich der Begriff metaphorisch als Beschreibung einer Wesenheit begreifen, die mit einem Bein im Reich der Lebenden, mit dem anderen im Reich der Toten weilt. Es gibt auch die Varianten, dass der profane und der heilige Bereich hier einander gegenĂŒber stehen und somit die Grenze bilden, oder das Diesseits und das Jenseits.
Gisela Bleibtreu-Ehrenberg[2] dagegen sieht â hier u. a. auf Mircea Eliade, Erik Noreen, Lily Weiser-Aall, Joseph Hansen (Zauberwahn, Inquisition und HexenprozeĂ im Mittelalter, MĂŒnchen und Leipzig 1900), Hans von Hentig und Jan de Vries fuĂend â im althochdeutschen hag nicht die umzĂ€unte Hecke, sondern die einzelne Zaunlatte, auf der das Hexenwesen reite und die sich in der volkstĂŒmlichen Vorstellung spĂ€ter zum typischen Besen entwickelt habe. Des Weiteren sieht sie in den spĂ€ter als Hexerei bezeichneten Kultpraktiken eine bronzezeitliche, maternale Naturreligion, die sich aus dem steinzeitlichen Schamanismus entwickelt habe, und erkennt im hag ein weltweit verbreitetes anthropologisches Charakteristikum des Schamanismus, nĂ€mlich den tranceerzeugende Musik hervorbringenden Trommelschlegel, ĂŒber den es in den meisten Sprachen schamanistischer Kulturen wörtlich heiĂe, dass der Schamane auf diesem Schlegel in die Geisterwelt reite. Aus diesem steinzeitlichen Ritt auf dem Trommelschlegel habe sich ĂŒber Vermittlung der bronzezeitlichen maternalen Religion, die wiederum von ab Beginn der Eisenzeit nach Europa einwandernden patriarchalen indogermanischen StĂ€mmen stark negativ umgedeutet und bekĂ€mpft worden sei, die Vorstellung eines auf einer Zaunlatte reitenden, zumeist weiblichen oder weibischen Zauberwesens entwickelt.
Walter W. Skeats etymologisches Wörterbuch leitet das englische witch (Hexe) ab aus altenglisch wicche, angelsĂ€chsisch wicca (mask.) oder wicce (fem.): einer verderbten Form von witga der Kurzform von witega (âSeher, Wahrsagerâ), das seinerseits von angelsĂ€chsisch witan (âsehen, wissenâ) herrĂŒhrt; ein entfernter indogermanischer Verwandter auch die indischen Veden. Entsprechend entwickelt islĂ€ndisch vitki (Hexe) aus vita (âwissenâ) oder vizkr (âKluger, Wissenderâ). Wizard (âZaubererâ) stammt von normannisch-französisch wischard, altfranzösisch guiscart (âder Scharfsinnigeâ). Die englischen Wörter wit (âVerstandeswitz, Geistâ) und wisdom (âWeisheitâ) stammen aus der gleichen Wurzel.
Eine Ă€ltere deutsche Bezeichnung der Hexe ist Unholde oder Unholdin, mĂ€nnliche Form Unhold. Dieser Ausdruck bezeichnet auch Gespenster oder allgemein dĂ€monische Wesen. In SĂŒddeutschland wurden Drude oder Trude und Truderer, Trudner, in Norddeutschland die niederdeutschen AusdrĂŒcke Töversche und Töverer (= âZauberischeâ, vgl. niederlĂ€ndisch tovenaar, âZaubererâ), Wickersche und Wicker (vgl. englisch witch, âWahrsagendeâ), Galstersche und Galsterer (mittelhochdeutsch Galster bedeutet âZauberliedâ, vergleiche Nachti-âgallâ) oder Böterin und Böter (= Gesund-âBetendeâ, Heilende) verwendet.
Nach den zugeschriebenen Eigenschaften und FÀhigkeiten der Hexen wurden auch die Begriffe Milchstehlerin und Milchstehler[3], Bockreiterin und Bockreiter, Gabelreiterin und Gabelreiter, Weissagerin und Weissager, Zeichendeuterin und Zeichendeuter, Mantelfahrerin und Mantelfahrer, Kristallseherin und Kristallseher oder allgemein Böse Leute (Malefikanten) verwendet.
Als lateinische Bezeichnungen begegnen, auch in deutschen Quellen, unter anderem: lamia (DĂ€monin), saga (Wahrsagerin), striga (alte Hexe, griechisch ÏÏÏÎŻÎłÎŸ âEuleâ), venefica und veneficus (Giftmischende, zu lateinisch venenum malum âböser Saftâ, âGiftâ), maga und magus (Zaubernde, abgeleitet und umgedeutet vom persischen Mager), malefica und maleficus (âSchaden ZufĂŒgendeâ), incantatrix und incantator (mit einem âZauberspruchâ Belegende), fascinatrix und fascinator (mit dem âBösen Blickâ Behexende, zu griechisch ÎČÎŹÏÎșÎ±ÎœÎżÏ âneidisch redend, behexendâ),[4] sortilega und sortilegus (Losorakel-Deutende), pythonissa (Beschwörerin eines âPythonâ, griechisch ÏÏΞÏΜ âVerfaulter; Totengeistâ).
Neuere, zeitgenössische Bildungen fĂŒr die deutschen AusdrĂŒcke Gabelreiterin und Gabelreiter scheinen bacularia und bacularius (âBesenâ-Reitende, zu lateinisch baculus âStabâ, oder âZauberstabâ-Tragende, zum baculum âStabâ der Auguren) zu sein; in der lateinischen Bibel (Vulgata) begegnen die Wörter nicht, und mittel- und neulateinisch ist bacularius eine Nebenform zu baccalarius (abhĂ€ngiger Landmann; auch Baccalaureus).[5] Ăhnliches gilt fĂŒr herbaria (KrĂ€uterfrau, zu herba âKrautâ): herbariae sind âpflanzenfressendeâ Tiere, herbarius (KrĂ€uterkundler) ist eine neutrale Bezeichnung des Botanikers.[6]
Im Französischen werden Hexen gelegentlich auch als vaudoises, lateinisch valdenses (ursprĂŒnglich âWaldenserâ) bezeichnet.
Der Hexenglaube ist ein paneuropĂ€ischer Aberglaube (Volksglaube), dessen Wurzeln im vorchristlichen Götterglauben liegen. Er ist allerdings auch im afrikanischen Kulturkreis, animistischen Religionen etc. nach wie vor verbreitet. Diese weitgehende Ăbereinstimmung fĂ€llt nicht ins Auge, weil die Bezeichnungen regional unterschiedlich sind. So ist im postkeltischen Kulturkreis von Feen (Morgane etc.) die Rede, die gut und böse sein konnten, in Irland zweigesichtig dargestellt wurden. Im postgermanischen Raum steht der Begriff Elfe primĂ€r fĂŒr ein gutes Wesen, wĂ€hrend es ansonsten eher (wohl als Folge christlicher Indoktrination) die böse Hexe gibt. Die Bezeichnungen Fee und Elfe wurden nicht auf Menschen angewendet und somit auch nicht Gegenstand der Hexenverfolgung. Sie behielten ihren Charakter als mythische Wesen.
Das mĂ€rchenhafte Stereotyp der Hexe, nĂ€mlich einer alten Frau, die auf einem Besen reitet â hinzu kommt oft die Begleitung durch einen schwarzen Vogel (wahrscheinlich einer der beiden Raben Odins) oder eine Katze â leitet sich von der Vorstellung eines Wesens ab, das sich in Hecken oder eher in Hainen aufhĂ€lt oder auf Grenzen reitet. Vermutlich ist das Stereotyp als solches relativ neu und Illustrationen in deutschen MĂ€rchenbĂŒchern geschuldet, denn genaue Entsprechungen (auĂer der FĂ€higkeit zu fliegen) fehlen vielerorts in benachbarten LĂ€ndern. Aus der Zaunstange, meist gegabelte Ăste, wurde in der bildlichen Darstellung der Hexenbesen. Diese Version unterlag jedoch bereits christlicher Einflussnahme. FĂŒr das Bild von der Zaunreiterin gibt es verschiedene ErklĂ€rungen: Es könnte sich einmal um eine Art archaischer (Wald)-Priesterinnen gehandelt haben, andererseits wird auch ein abstraktes Bild bemĂŒht: Wesen, die auf ZĂ€unen sitzen, befinden sich auf einer Grenze von kultiviertem Raum zur unkultivierten Natur.
Wenn die Hecke vielleicht mit dem Bannkreis, der vorchristliche Kultorte umgab und eine Trennlinie zwischen der diesseitigen Welt und der jenseitigen Welt darstellt, identifiziert werden kann, so ist die Hexe eine Person, die zwischen beiden Welten vermitteln kann. Sie besitzt somit divinatorische, aber auch heilende FÀhigkeiten und hohes Wissen, und hat damit die Eigenschaften der vorchristlichen KulttrÀger.
Von je her sind die Bedeutungen Orakelsprechende, Zaubersprechende, (Hell-)Seherin und weitere in der Bezeichnung Hexe eingeschlossen â alles Attribute, die auch der nordischen Freya, der irischen Brigid und anderen archaischen Göttinnen zugeordnet wurden.
Eine mögliche Herkunft des Archetypus âHexeâ ist, wenn die Etymologie des englischen witch stimmt, eine Frau mit okkultem oder Naturheilwissen, die unter UmstĂ€nden einer Priesterschaft angehörte. Dies ist eine Ăbertragung der FĂ€higkeiten (Heilen, Zaubern, Wahrsagen) der Göttin Freya und vergleichbarer Göttinnen in anderen Regionen auf ihre Priesterinnen, die im frĂŒhchristlichen Umfeld noch lange in der gewohnten Weise agierten. Mit dem Vordringen des Christentums wurden die heidnischen Lehren und ihre AnhĂ€nger dĂ€monisiert.
Der Begriff des Hexenglaubens ist im Ăbrigen doppeldeutig. Er bezeichnet nicht nur die Ăberzeugung von der realen und bedrohlichen Existenz der Hexen, wie er im Volksglauben verwurzelt war und sich als Reaktion der Obrigkeit zum Hexenwahn steigern konnte. Daneben kann er heute die (naturreligiösen) Ăberzeugungen beschreiben, die sich auf ein vorchristliches VerstĂ€ndnis berufen und bestimmte Menschen beiderlei Geschlechts, die angeblich ĂŒber besondere FĂ€higkeiten und Kenntnisse (siehe: Esoterik) verfĂŒgen, als Hexen bezeichnen.
Der Begriff âHexereyeâ taucht erstmals 1419 in einem Prozess gegen einen Mann im schweizerischen Luzern auf. Allerdings ist schon 1402/03 in einem Rechnungsbuch aus Schaffhausen von einem âhegsen brandâ, also einer Hexenverbrennung, die Rede.[7] Der Malleus Maleficarum des Dominikaners Heinrich Kramer, gen. Institoris nennt die Hexen âmaleficaeâ [Pl.] anstelle des mĂ€nnlichen Ăquivalents âmaleficiâ [Pl.] ursprĂŒnglich âĂbeltĂ€terâ, erst spĂ€ter âZaubererâ.
Der Humanist und BegrĂŒnder der bayerischen Geschichtsschreibung Johannes Aventinus (1477-1534), eigentlich Johannes Turmair, meinte um 1526, der Begriff âHexeâ fĂŒr die alten Zauberinnen stamme von der âhauptmannin ... frau HĂ€csâ (Varianten: HĂ€ts, Hets, HĂ€tz) ab, der Frau des sagenhaften Königs Theuer, Bruder des Königs Baier, die âein grosse Ă€rztinâ und AnfĂŒhrerin der Amazonen gewesen und spĂ€ter vergöttert worden sein solle[8].
Im Alten Testament der Bibel wird Zauberei mit der Todesstrafe bedroht. Besonders die Stelle (2 Mos 22,17 LUT) â die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen â diente den Verfolgern der Hexen spĂ€ter als Rechtfertigung.
Auch in vielen antiken heidnischen Kulten gab es bereits das Bild der Schadenszauberin und krÀuterkundigen Zauberin. Beispiele sind die mythologischen Gestalten Kirke und Medea. Beide sind mÀchtige Zauberinnen mit KrÀuterwissen und verschiedenen magischen FÀhigkeiten, die sie einsetzen, um zu helfen und zu schaden.
Vor allem die antike Göttin Hekate war stark mit dem antiken Hexenglauben verbunden. UrsprĂŒnglich wurde sie als eine gĂŒtige und wohltĂ€tige Göttin angesehen, doch ab dem 5. Jahrhundert vor Christus wurde sie zur Schirmherrin aller magischen KĂŒnste. Man glaubte, sie fĂŒhre die Zauberinnen an und lehre diese ihre KĂŒnste. Die Hexenbilder des antiken Griechenlandes erinnern stark an die Hexenbilder, die im ausgehenden Mittelalter und der frĂŒhen Neuzeit entstanden (FĂ€higkeit der Verwandlung, das VerhĂ€ngen von Zaubern, Hexenflug, KrĂ€uterwissen, Menschenopfer und Leichenmissbrauch).
Im antiken römischen Recht stand die Schadenszauberei (z. B. mittels Fluchtafeln) unter Strafe.
In der spĂ€tantiken und frĂŒhmittelalterlichen Kirche gab es zwei konkurrierende Ansichten zur Hexerei. Augustinus von Hippo schloss von der physikalischen Unmöglichkeit des Zauberns auf eine implizite Einladung des Teufels zur Bewerkstelligung der sonst unmöglichen Aufgabe.
Diese semiotische Auffassung der Hexerei trat aber zunĂ€chst in den Hintergrund zugunsten einer Auffassung, die sich aus den Regelungen der KirchenvĂ€ter zum Umgang mit Frauen ableitete, die glaubten, mit Diana des nachts auszufahren: Diese Frauen, so heiĂt es dort, seien mit Nachsicht zu behandeln, denn da das, was sie zu tun glaubten, physikalisch unmöglich sei, basiere es auf Einbildung. Ebenso sind die Regelungen Karls des GroĂen gegenĂŒber den Sachsen zu verstehen.
SpĂ€ter wurde die Lehre vom Teufelspakt entwickelt. Obwohl noch fast 1000 Jahre bis zur organisierten Verfolgung vergingen, ist dies eine der Grundlagen, die zur Hexenverfolgung fĂŒhrten. Im weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts festigte sich das Bild der Hexen als Hexensekte oder -kult mit ZusammenkĂŒnften und Riten, die auf die Ăbernahme der Weltherrschaft fĂŒhren sollte (J. Baptier u. a.). Dies fĂŒhrte spĂ€ter zusammen mit der Folter als Verhörmethode zu der explosionsartigen Ausbreitung der Beschuldigungen. Das Zeitalter der legalen Hexenverfolgungen hatte begonnen.
Die Römisch-katholische Kirche steht Hexerei wie auch anderen Formen der Magie und Zauberei ablehnend gegenĂŒber. Dem Katechismus der Katholischen Kirche zufolge verstoĂen derartige Praktiken âschwer gegen die Tugend der Gottesverehrungâ, auch wenn sie dazu dienen sollten, âGesundheit zu verschaffenâ (KKK 2117).
Gesetze stehen vor allem im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung.
Zu den Merkmalen einer Hexe gehörten laut der Hexenlehre der frĂŒhneuzeitlichen Hexentheoretiker:
Diese fĂŒnf Merkmale bildeten ab etwa 1400 den elaborierten Hexencode.
FĂŒr den Schadenszauber spielte die Vorstellung der begrenzten GĂŒter eine Rolle: wenn Ernte, Milchertrag oder sonstiges Gut eines Bauern sinkt, so liegt die Ursache darin, dass jemand durch zauberische Mittel dieses fortgenommen hat.
Frauen, die sich veterinÀrmedizinisch betÀtigt hatten, kamen ebenfalls schnell in das Visier der Verfolger, da man davon ausging, sie hÀtten das Vieh behext und so ihre heilerischen Erfolge erzielt (bzw. im Falle von Misserfolgen vermutete man sofort, dass die Behandlung lediglich dem Versiegen der Milch etc. dienen sollte).[9]
Vor allem Frauen wurden der Hexerei beschuldigt. Zum Teil war die kirchliche ErbsĂŒndenlehre der Grund dafĂŒr. Sie legte nahe, dass Frauen besonders empfĂ€nglich fĂŒr die EinflĂŒsterungen des Teufels seien. Der Hexenhammer behauptet, Frauen seien von Natur aus schlecht, und die wenigen guten Frauen seien schwach und den VerfĂŒhrungen des Teufels leichter ausgeliefert; gerade in ihrer Funktion als Hebamme kĂ€men sie mit schlechten SĂ€ften in Verbindung, die sie verderben und fĂŒr die VerfĂŒhrung des Teufels anfĂ€llig machten.
Von groĂer Bedeutung war die Idee einer allgemeinen Hexenverschwörung. Aus der Ăbertragung von Stereotypen, die man jahrhundertelang den Juden zugeschrieben hatte, bildete sich die Vorstellung einer âSynagoga Satanaeâ (Synagoge des Satans), spĂ€ter âHexensabbatâ genannt. Man glaubte hier einer orgiastischen Versammlung auf der Spur zu sein, bei der Gott und seine Kirche verhöhnt wurden. Man glaubte, dass die gesamte Existenz des Christentums durch diese âHexensekteâ bedroht sei.
Somit entstand ein vermischtes NeuverstĂ€ndnis der Hexen. Nicht mehr der Schaden, den die Hexen anrichten, war ihr entscheidendes Merkmal, sondern der Abfall vom Glauben und der damit verbundenen Zuwendung zum Teufel. Nunmehr bildeten sie eine geistliche Gefahr; die Kirche ging gegen ihre abtrĂŒnnigen GlĂ€ubigen, nach den GrundsĂ€tzen des Augustinus von Hippo, mit Zwang und Feuer fĂŒr ihre Seelenrettung vor.
Die neuzeitliche Hexenverfolgung konzentrierte sich hauptsĂ€chlich auf das Territorium des Heiligen Römischen Reiches, England, die Schweiz, die Niederlande, Lothringen, Schottland und Polen. Historiker fĂŒhren diese Tatsache auf die relativ schwache Position der Zentralgewalt in diesen LĂ€ndern zurĂŒck. Spanien, Portugal und Italien blieben vom PhĂ€nomen der Hexenverfolgung weitgehend verschont. EinzelfĂ€lle sind auch in den amerikanischen Kolonien (Hexenprozesse von Salem) und fĂŒr Finnland dokumentiert. Im 17. Jahrhundert wurden in der Finnmark fast 140 Hexenprozesse durchgefĂŒhrt, der erste 1601.
Seit frĂŒhester Zeit galten die Samen als besonders zauberkundig. Saxo Grammaticus schreibt:
âSunt autem Finni ultimi Septentrionis populi, vix quidem habitabilem orbis terrarum partem cultura ac mansione complexi. Acer iisdem telorum est usus. Non alia gens promptiore jaculandi peritia fruitur. Gandibus & latis sagittis dimicant, incantationum studiis incumbunt, veationibus callent. Incerta illis habitatio est, vagaque domus, ubicunque, ferma occupaverint locantibus sedes. Pandis trabibus vecti, conferta nivibus juga percurrunt.â
âDie Finnen sind ein Volk im Ă€uĂersten Norden, die einen kaum bewohnbaren Teil des Erdkreises bewohnen und dort das Land bebauen. Der tĂŒchtige Gebrauch der Speere ist bei ihnen ĂŒblich. Kein anderes Volk zieht besseren Nutzen aus der praktischen Kenntnis des Speerschleuderns. Sie kĂ€mpfen mit schweren und dicken Pfeilen, sie widmen sich der Zauberei, haben Erfahrung in der Jagd. Ihr Wohnsitz ist nicht fest, und ihr Haus ist unstet, wo auch immer, nehmen ihren Wohnsitz in der Wildnis. Auf Reisen laufen sie auf gekrĂŒmmten Brettern durch zusammenhĂ€ngende Bergketten voller Schnee.â
â Adam von Bremen: Saxonis grammatici historiĂŠ DanicĂŠ[10]
und Adam von Bremen schreibt ĂŒber Olav den Heiligen:
âDicunt eum inter cetera virtutum opera magnum Dei zelum habuisse, ut maleficos de terra disperderet, quorum numero cum tota barbaries exundet, praecipue vero Norvegia monstris talibus plena est. Nam et divini et augures et magi et incantatores ceterique satellites antichristi habitant ibi, quorum praestigiis et miraculis infelices animae ludibrio daemonibus habentur.â
âNeben anderen tĂŒchtigen Leistungen soll er Gott mit solchem Eifer gedient haben, dass er aus seinem Lande die Zauberer austilgte, die es in der Welt der Barbaren ĂŒberall mehr als reichlich gibt, doch ist Norwegen in ganz besonderem AusmaĂe voll solcher Teufelswesen. Hier wohnen Wahrsager, Vogeldeuter, Zauberer, Beschwörer und andere Diener des Antichrist, und ihre Gaukeleien und KĂŒnste machen die unglĂŒcklichen Seelen zum Spielwerk böser Geister.â
â Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum[11]
und ĂŒber die Samen schreibt er:
âOmnes vero christianissimi, qui in Norvegia degunt, exceptis illis, qui trans arctoam plagam circa oceanum remoti sunt. Eos adhuc ferunt magicis artibus sive incantationibus in tantum prevalere, ut se scire fateantur, quid a singulis in toto orbe geratur; tum etiam potenti murmure verborum grandia cete maris in littora trahunt, et alia multa, quae de maleficis in Scriptura leguntur omnia illis ex usu facilia sunt.â
âAuch sind alle Bewohner Norwegens gute Christen, mit Ausnahme derer, die fern im Norden am Ozean leben. Die sollen durch ZauberkĂŒnste und Beschwörungen ĂŒber solche Macht verfĂŒgen, dass sie sich rĂŒhmen, sie wĂŒssten, was jeder Mensch auf der ganzen Erde tut. Auch ziehen sie mit wirksamen Zauberformeln groĂe Walfische aus dem Meere an den Strand, und sie sind gewohnt, noch vieles andere, was man in der Heiligen Schrift von Zauberern liest, mit Leichtigkeit auszufĂŒhren.â
â Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae Pontificum[12]
Schon in den islĂ€ndischen Sagas werden Zauberinnen erwĂ€hnt. Der Zauber bezog sich in der Regel auf die HerbeifĂŒhrung schweren Unwetters oder die Herstellung von Kleidung, die kein Schwert durchdringen konnte. Wie die Praktiken vollzogen wurden, wird so gut wie nie geschildert. Eine der ganz seltenen Schilderungen betrifft den Versuch einer zauberkundigen Frau, ihren missratenen Sohn dadurch vor Verfolgung zu schĂŒtzen, dass sie seine Gegner in Wahnsinn verfallen lassen wollte.
âOg er ĂŸeir brÊður komu að mĂŠlti Högni: âHvað fjanda fer hĂ©r að oss er eg veit eigi hvað er?â Ăorsteinn svarar: âĂar fer LjĂłt kerling og hefir breytilega um bĂșist.â HĂșn hafði rekið fötin fram yfir höfuð sĂ©r og fĂłr öfug og rĂ©tti höfuðið aftur milli fĂłtanna. Ăfagurlegt var hennar augnabragð hversu hĂșn gat ĂŸeim tröllslega skotið. Ăorsteinn mĂŠlti til Jökuls: âDreptu nĂș Hrolleif, ĂŸess hefir ĂŸĂș lengi fĂșs verið.â Jökull svarar: âĂess er eg nĂș albĂșinn.â HjĂł hann ĂŸĂĄ af honum höfuðið og bað hann aldrei ĂŸrĂfast. âJĂĄ, jĂĄ,â sagði LjĂłt, ânĂș lagði allnĂŠr að eg mundi vel geta hefnt Hrolleifs sonar mĂns og eruð ĂŸĂ©r Ingimundarsynir giftumenn miklir.â Ăorsteinn svarar: âHvað er nĂș helst til marks um ĂŸað?â HĂșn kvaðst hafa ĂŠtlað að snĂșa ĂŸar um landslagi öllu âen ĂŸĂ©r ĂŠrðust allir og yrðuð að gjalti eftir ĂĄ vegum Ăști með villidĂœrum og svo mundi og gengið hafa ef ĂŸĂ©r hefðuð mig eigi fyrr séð en eg yður.ââ
âUnd als die BrĂŒder herbeikamen, sprach Högni:â Was fĂŒr ein Teufel kommt dort auf uns zu? Ich weiĂ nicht, was es ist.â Thorstein erwiderte: âDa kommt Ljot, das alte Weib, und hat sich sonderbar geputzt.â Sie hatte sich die Kleider vorn ĂŒber den Kopf geworfen und ging rĂŒckwĂ€rts und streckte den Kopf zwischen den Beinen nach hinten. GrĂ€ulich war der Blick ihrer Augen, wie sie ihn wie die Trolle zu schieĂen wussten. Thorstein rief Jökul zu: âJetzt schlag Hrolleif tot. Du hast lange darauf gebrannt.â Jökul antwortete: âDazu bin ich gern bereitâ, und hieb ihm den Kopf ab und wĂŒnschte ihn zum Teufel. âJa, ja,â sagte Ljot, ânun war es nahe daran, dass ich meinen Sohn Hrolleif hĂ€tte rĂ€chen können. Aber die Ingimundssöhne sind gewaltige GlĂŒcksmĂ€nner.â Thorstein antwortete: âWarum meinst du das?â Sie sagte, sie habe das ganze Land umstĂŒrzen wollen, âund ihr wĂ€ret toll geworden und verrĂŒckt drauĂen bei den wilden Tieren geblieben. Und so wĂ€re es auch gekommen, wenn ihr mich nicht eher gesehen hĂ€ttet, als ich euch.ââ
â VatnsdĆla saga[13]
Als die englische Mystery and Company of Merchant Adventurers for the Discovery of Regions, Dominions, Islands, and Places unknown versuchte, die Nordostpassage nach China zu finden, gab sie den Versuch wegen Packeis und StĂŒrmen auf. Diese Erfahrung fĂŒhrte im 17. Jahrhundert zur Behauptung der EnglĂ€nder, es gebe eine Hexenplage im Norden. Auf dem BergrĂŒcken Domen bei Vardö wurde 1662 einer der Einstiege in die Hölle identifiziert (ein anderer war der Vulkan Hekla auf Island). Der Berg wurde fĂŒr den Versammlungsort der Hexen gehalten.
Der Hexenbegriff im europĂ€isch-amerikanischen Kulturraum hat eine grundlegende Wandlung erfahren. Durch Margaret Alice Murrays Buch Witch-Cult in Western Europe (Hexen-Kult in Westeuropa) wurde der Hexenbegriff 1921 in einem neuen Konzept der Ăffentlichkeit nahe gebracht. Mit der Rezeption der frĂŒhen Forschung zu den Hexenverfolgungen (u. a. Jules Michelet: La SorciĂšre) durch die alternative Szene und die Frauenbewegung, insbesondere der Vorstellung, die Hexen seien eigentlich weise Frauen gewesen, die von den Herrschenden verfolgt wurden, bietet der Hexentopos ein weites Spektrum der Identifikation fĂŒr das Neuheidentum und die Esoterikszene.
Der Begriff Hexe wird hierbei in positiver Weise neu verstanden. Als Hexe bezeichnen sich heutzutage viele Frauen, die sich unter anderem mit HeilkrÀutern und den alten europÀischen Religionen beschÀftigen.
Zu nennen ist hier vor allem die Wicca-Religion, die sich heute als neue Form einer heidnischen Naturreligion der Hexen versteht, in den USA viele AnhÀnger hat und dort als Religion anerkannt ist. Die Celtic Witches berufen sich speziell auf Wurzeln in der keltischen Mythologie und Religion.
MĂ€nnliche Hexen bezeichnen sich heute manchmal als âHexeâ, auch wenn es ihnen freisteht, sich Hexer, Zauberer oder Hexenmeister zu nennen.
Die weibliche und die mÀnnliche AusprÀgung entstammen allerdings nicht dem gleichen historischen Ursprung und rufen deswegen auch jeweils andere Assoziationen hervor.
Urbilder der Hexenvorstellung sind die Figuren der Medea und der Circe aus der griechisch-römischen Mythologie (siehe: Antike Wurzeln)
MĂ€rchen von Hexen finden sich zahlreich in der Sammlung der Kinder- und HausmĂ€rchen der BrĂŒder Grimm. Das bekannteste ist wohl das MĂ€rchen von HĂ€nsel und Gretel, in dem die Hexe mit allen Merkmalen dargestellt wird, die ihr der Volksglaube angedichtet hat. Dazu gehört insbesondere auch die Bedrohung von Kindern. UnterstĂŒtzt wurden die beiden von ihrem Bruder Ludwig Grimm, der als Illustrator der ersten Auflage der Hexe ihr typisches Aussehen gab.
Im Harz, wo in der Walpurgisnacht das Treffen der Hexen auf dem Blocksberg (Brocken) vermutet wurde, wird der Hexenglaube als folkloristisches Brauchtum weiter gepflegt.
Im Bereich der schwĂ€bisch-alemannischen Fastnacht wie auch in der tirolischen Fastnacht treten Fastnachtshexen auf, die sich im 20. Jahrhundert vor allem im schwĂ€bisch-alemannischen Raum explosionsartig vermehrt haben. Inwieweit sie sich auf die Hexenverfolgung oder die MĂ€rchenhexe zurĂŒckfĂŒhren lassen, ist in der volkskundlichen Forschung nicht ausreichend geklĂ€rt. Als Fastnachtsfeuer werden oftmals am Fastnachtsdienstag oder Funkensonntag Hexenpuppen als Symbol der zu Ende gehenden Fastnacht verbrannt. Gerade in jĂŒngerer Zeit fĂŒhrte dies immer wieder zu Diskussionen, da die Kombination Hexe â Scheiterhaufen an die mittelalterlichen Hexenverbrennungen erinnern, auch wenn die Fastnachtsfeuer grundsĂ€tzlich damit nichts zu tun haben.
Die literarischen und filmischen Verarbeitungen des Hexenmotivs sind zahllos und reichen von Shakespeares Macbeth bis etwa zum Blair Witch Project. Das traditionelle (Schreckens-)Bild der Hexe lebt in modernen MĂ€rchen wie Hexen von Eastwick fort.
Daneben zeigt sich jedoch eine neue Tradition positiver Hexenbilder in der Literatur. WĂ€hrend Die kleine Hexe bei Otfried PreuĂler (1957) wegen ihrer guten Taten noch zur AuĂenseiterin wird, kennen heutige KinderbĂŒcher ĂŒberwiegend âguteâ Hexen (Bibi Blocksberg, Lisbeth, Zilly, Charmed) oder lassen gute und böse Hexen gleichermaĂen zu (Harry Potter). Der Begriff der Hexe hat hier seine frĂŒhere negative Bedeutung weitgehend eingebĂŒĂt.
Ein Beleg dafĂŒr, dass die Bedrohung auch von mĂ€nnlichen Akteuren ausgehen konnte, ist das MĂ€rchen vom Rumpelstilzchen. Hier wird der mythische Tenor der MĂ€rchen besonders deutlich: Es geht im Kern um die Menschenopfer im Glauben der Ackerbauern. Eine durch die Ernte reich gewordene Frau soll ihr Kind als Opfer hergeben. Dies wird im letzten Moment dadurch verhindert, dass das MĂ€nnchen bei seinem Namen genannt, also erkannt wird.
Die Hexe lebt oft in einem besonderen Hexenhaus. Im MĂ€rchen von HĂ€nsel und Gretel ist es zum Beispiel ein Pfefferkuchenhaus. Die Hexe Baba Jaga lebt dagegen in einem HĂ€uschen auf einem HĂŒhnerbein, das sich drehen kann.
Der Analytischen Psychologie in der Tradition Carl Gustav Jungs gelten die in TrÀumen, Sagen, Mythen und MÀrchen auftretenden Hexen als AusprÀgung des nefasten Aspekts des so genannten Mutterarchetyps, also der zerstörenden und verschlingenden Mutter.