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Histologie

Die Histologie (von gr. histos „Gewebe“ und logos „Lehre“) ist die Wissenschaft von menschlichen, tierischen oder pflanzlichen biologischen Geweben. Die Histologie ist demnach ein Teilgebiet der Medizin oder Biologie und hier wiederum Teilgebiet der Anatomie oder Pathologie.

Der Histologe untersucht Gewebeproben. Dazu werden mikrometerdĂŒnne, gefĂ€rbte Gewebsschnitte hergestellt und am Mikroskop beurteilt. Man spricht von morphologischer Diagnostik, da anhand des Erscheinungsbildes und fĂ€rberischen Verhaltens der Gewebestrukturen der Befund erstellt wird. Zum Probengut beim histologischen Arbeiten gehören OperationsprĂ€parate (z. B. Magen, Darm, Niere), Probeexzisionen (z. B. Muttermal, Sehnen, Zysten) und Biopsien (z. B. Magen-, Darm-, Brustgewebe-Biopsien). Mit Hilfe der modernen Technik lassen sich schon an winzigen GewebestĂŒckchen (1–2 mm) feingewebliche Diagnosen erstellen. Diese mikroinvasiven Methoden sind fĂŒr die Patienten schonend und werden oft bei Vorsorgeuntersuchungen durchgefĂŒhrt.

Die elektronenmikroskopische Untersuchung von Gewebe fĂ€llt ebenfalls vorwiegend in den Forschungsbereich. Hier werden 0,01-0,5 Â”m dicke Schnitte hergestellt und mit einem hoch auflösenden Elektronenmikroskop begutachtet.

Histologischer Schnitt einer Lunge, Lungenpest

Zu den Aufgaben der Histopathologie gehört die FrĂŒhdiagnose von Tumoren (z. B. Magenbiopsie), Klassifizierung von Tumoren (gut-/bösartig), Nachweis von Stoffwechselerkrankungen, parasitĂ€ren, bakteriellen, entzĂŒndlichen Erkrankungen, Hilfestellung zur Therapiewahl und vieles mehr.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Henri Louis Duhamel du Monceau stellte fest, dass Tierknochen sich mit dem Farbstoff Krapp aus der FĂ€rberkrappflanze (Rubia tinctorum) anfĂ€rben lassen. Schon Christian Gottfried Ehrenberg benutzte im Jahre 1838 Karmin zur AnfĂ€rbung und mikroskopischen Beobachtung von Infusorientierchen (oder auch Protisten). Dann 1849 studierten Heinrich Göppert und Ferdinand Julius Cohn mittels der Farbstoffe Krapp und Karmin die Protoplasmaströmung in Pflanzenzellen. Einer, der die histologischen FĂ€rbetechniken weiterentwickelte, war um das Jahr 1855 der Anatom Joseph von Gerlach[1][2]. Er beschreibt die FĂ€rbung von Zellkernen in tierischen Zellen mittels Karmin. Heinrich Wilhelm Waldeyer wird im Jahre 1863 mittels eines Extraktes des Blutholzbaumes (Haematoxylum campechianum) die HĂ€matoxylinfĂ€rbung fĂŒr Nervenzellen verwenden. Ein weiterer wichtiger Schritt war der Einsatz von Anilinfarbstoffen durch Paul Ehrlich; er wird diese Möglichkeiten in den Jahren 1879 bis 1894 perfektionieren [3].

Als BegrĂŒnder der Histologie als solche gilt Marie François Xavier Bichat (1771–1802), der ohne Mikroskop 21 Gewebetypen im menschlichen Körper beschrieb. Die Entstehung der Histopathologie schreibt man Johannes Peter MĂŒller (1801–1858) zu, der 1838 ein Buch ĂŒber die Natur und Struktureigenschaften von Krebs veröffentlichte. Als Vater der Histopathologie wird Rudolf Virchow (1821–1902) bezeichnet. Der Begriff Histologie wurde im Jahre 1819 vom Anatomen Franz Josef Carl Mayer (1787-1865)[4] geprĂ€gt und als ein Teilgebiet der Anatomie angesehen. Im Jahre 1830 prĂ€gten Vincent Jaques Louis Chevalier (1770 - 1841) und sein Sohn Charles Louis Chevalier (1804 - 1859), deren Firma seit dem Jahre 1765 in Paris wissenschaftliche Instrumente fertigte, den Begriff Mikrotom fĂŒr GewebeschnittgerĂ€te[5].

Histotechnik

→ Hauptartikel: Histotechnik

Bevor ein Pathologe / Biologe die feingeweblichen Details einer Patientenprobe / eines Experimentes begutachten kann, muss das Gewebe einer ausfĂŒhrlichen Verarbeitung unterzogen werden. Diese Methoden werden als Histotechnik zusammengefasst und im histologischen Labor grĂ¶ĂŸtenteils von biomedizinischen Analytikern bzw. (V)MTAs durchgefĂŒhrt.

Die Gewebeverarbeitung im histodiagnostischen Labor umfasst die Begriffe:

  • Fixierung zur Stabilisierung des Gewebes (Hauptfixans: 4 % neutral gepufferte Formaldehydlösung)
  • makroskopische Begutachtung, Zuschnitt der aussagekrĂ€ftigen Gewebebezirke. In der Pathologie Ă€rztliche TĂ€tigkeit und zum diagnostischen Prozess gehörend.
  • EntwĂ€sserung und ImprĂ€gnierung des Gewebes mit flĂŒssigem Paraffin
  • Einblocken des Gewebes in Paraffin: ein Paraffinquader wird hergestellt, der das Gewebe beinhaltet.
  • In modernen Histologielaboren werden die GewebsstĂŒckchen in sogenannte „Einbettkassetten“ gelegt. In diesen durchlĂ€uft die Gewebeprobe die EntwĂ€sserung und Einparaffinierung. Danach dient die Kassette als Blockunterlage und kann so in den sogenannten Schnellspannrahmen, mit dem die meisten heutigen Mikrotome versehen sind, eingespannt werden.
  • Herstellung von 2–5 Â”m dicken Schnitten am Mikrotom
  • Aufziehen der Schnitte auf (beschichtete) GlasobjekttrĂ€ger
  • histologische FĂ€rbetechniken

Die Verarbeitung von FFPE-Gewebe (formalin-fixiertes paraffin-eingebettetes Gewebe) inklusive der HĂ€matoxylin-Eosin-FĂ€rbung stellt die weltweite Routine-Methode der Pathologie dar und dauert durchschnittlich ein bis zwei Tage von der Probenannahme bis zur Befundung. Im Gegensatz zum klinisch-chemischen Labor sind viele Arbeitsschritte von Hand durchzufĂŒhren. Besonders die Schnittherstellung am Mikrotom bedarf großen Geschicks.

Schnellschnittuntersuchung

→ Hauptartikel: Schnellschnittuntersuchung

Bei manchen Operationen benötigt der Chirurg noch wĂ€hrend der Operation Informationen ĂŒber das entnommene Gewebe fĂŒr seine weitere Vorgehensweise. In diesem Fall wird ein Teil der Probe innerhalb von etwa 10 Minuten als Schnellschnitt verarbeitet.

  • Gewebestabilisierung durch Gefrieren (ca. −20 Â°C), je nach Gewebeart
  • Herstellung eines 5–10 Â”m dicken Schnittes am Kryostat
  • Aufziehen des Schnittes auf einen beschichteten GlasobjekttrĂ€ger
  • Schnell-HE-FĂ€rbung, Paragon-FĂ€rbung oder andere SchnellfĂ€rbung
  • Befundung

FĂ€rbemethoden der Histologie

Es gibt eine Unzahl verschiedener histologischer FĂ€rbungen, die im Laufe der letzten 120 Jahre entwickelt wurden. Der Großteil stammt aus den ersten 30 Jahren des vorigen Jahrhunderts. Im modernen Histolabor hat sich eine ĂŒberschaubare Anzahl an FĂ€rbungen durchgesetzt. An erster Stelle steht die HĂ€matoxylin-Eosin-FĂ€rbung als Routine- und ÜbersichtsfĂ€rbung. DafĂŒr werden meist computergesteuerte FĂ€rbeautomaten eingesetzt. Daneben werden fĂŒr bestimmte Fragestellungen sogenannte SpezialfĂ€rbungen (meist von Hand) durchgefĂŒhrt.

Die FĂ€rbetheorie der biologischen FĂ€rbungen begrĂŒndet sich meist in der ReaktionsfĂ€higkeit bestimmter Gewebestrukturen auf bestimmte Farbstoffe. Man klassifiziert die Zellstrukturen und Gewebe anhand des FĂ€rbeverhaltens durch die Farbstoffe in basophile, azidophile und neutrophile Strukturen.

Basophile Strukturen sind etwa der Zellkern, die Ribosomen und das rauhe endoplasmatisches Retikulum, sie sind sauer und fÀrben sich daher mit basischen Farbstoffen (HÀmatoxylin, EisenhÀmatoxylin, Azokarmin, Methylenblau, Toluidinblau) an. Ein basischer Farbstoff ist chemisch gesehen ein Stoff, der Anionen abspalten oder Kationen aufnehmen kann. Sie verhalten sich also wie Reduktionsmittel oder Elektronendonatoren und werden bei einer chemischen Reaktion dadurch oxidiert.
Azidophile Strukturen sind etwa das Zytoplasma, kollagene Fasern diese sind basisch und fÀrben sich daher mit sauren Farbstoffen wie Eosin, Anilinblau, PikrinsÀure, SÀurefuchsin an.
Neutrophile Strukturen der Zelle werden weder durch basische noch durch saure Farbstoffe angefÀrbt.

Analysierte man den FĂ€rbevorgang histochemisch zeigte sich ein kompliziertes Bild physiko-chemischer Prozesse bestehend aus physikalischen VorgĂ€ngen wie der Diffusion, Elektroadsorption und GrenzflĂ€chenadsorption, chemisch aus den oben beschrieben VorgĂ€ngen hinsichtlich Ladungsverteilungen im FarbstoffmolekĂŒl (siehe auch Lewis-SĂ€ure-Base-Konzept) und an den histologischen Strukturen.

Die Hauptbindungskraft ist die Ionenbindung (saure Farbstoffe werden an basische Proteine gebunden). Bei histochemischen Methoden entwickelt sich eine farbige Substanz erst durch die Reaktion mit einem Gewebeinhaltsstoff (z. B. Berliner-Blau-Reaktion, Perjodacid-Schiffsche Reaktion). Des Weiteren gibt es noch enzymhistochemische Methoden, bei denen die AktivitÀt zelleigener Enzyme eine Farbentwicklung bewirken.

Diese klassische Histotechnik wird seit den 1980er Jahren durch die Immunhistochemie ergĂ€nzt. Hier beruht der Nachweis von „Zelleigenschaften“ auf einer Antigen-Antikörper-Reaktion. In einer Mehr-Schritt-Technik erfolgt die Sichtbarmachung der Reaktion durch eine Farbreaktion am Ort des Antigens (Proteins).

Seit den 1990er Jahren findet die In-situ-Hybridisierung Eingang in die histologische Diagnostik. Hier beruht der Nachweis auf der Aufschmelzung und spontanen Anlagerung von DNA-Doppel- bzw. Einzel-StrÀngen. Es werden NukleinsÀure-Sequenzen mit Hilfe sogenannter Sonden dargestellt. Sind diese Sonden mit Fluorchromen markiert, spricht man von Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH).

Mit diesen Methoden beginnt ein neuer Abschnitt der Histodiagnostik.

Histologischer Schnitt einer glatten Muskulatur (HE)
getrockneter Knochen, Fuchsin

Übliche FĂ€rbemethoden sind:

Siehe auch: SilberfÀrbung

Gewebearten

Literatur

  • Hans-Christian Burck: Histologische Technik, Thieme-Verlag, Stuttgart, ISBN 3-13-314306-9
  • Renate LĂŒllmann-Rauch: Taschenlehrbuch Histologie, 2. Auflage, Thieme Verlag, Stuttgart, ISBN 3-13-129242-3
  • Schiebler: Histologie, Springer-Verlag
  • H. Leonhardt: Histologie, Zytologie und Mikroanatomie des Menschen, Thieme-Verlag, Stuttgart
  • W. KĂŒhnel: Taschenatlas der Zytologie, Histologie und mikroskopischen Anatomie, Thieme-Verlag, Stuttgart
  • U. Welsch: Lehrbuch Histologie
  • U. Welsch: Atlas Histologie
  • Werner Tackmann: Repetitorium der Histologie: Teil 1 Zell- und Gewebelehre, 1999, ISBN 3-932723-00-7 Teil 2 Organe und Systeme. 1999, ISBN 3-932723-01-5
  • N. Ulfig: Kurzlehrbuch Histologie, 2. Auflage, Thieme Verlag, Stuttgart, ISBN 3-13-135572-7
  • J.A. Kiernan: Histological and histochemical Methods. 1999, Arnold, ISBN 0-7506-4936-4
  • Gudrun Lang: Histotechnik. 2006, Springer-Wien-New York, ISBN 3-211-33141-7
  • M.Hartmann,M.A. Pabst: Zytologie, Histologie und Mikroskopische Anatomie, 2009, Facultas Verlag, ISBN 978-3-7089-0348-4
  • Dhom, Georg: Geschichte der Histopathologie. Springer, Berlin (2001)

Weblinks

 Commons: Histologie â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Histologie â€“ BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wikibooks Wikibooks: Pathologie â€“ Lern- und Lehrmaterialien

Einzelnachweise

  1. ↑ Gerlach, Dieter (Hrsg.): Die AnfĂ€nge der histologischen FĂ€rbung und der Mikrophotographie Josef von Gerlach als Wegbereiter. Harri Deutsch (1998)
  2. ↑ Die Entwicklung der histologischen FĂ€rbetechnik. CibaZeitschrift Basel (1943), Jhrg. Nr.88, S.3074 ff.
  3. ↑ Die Entwicklung der histologischen FĂ€rbetechnik. CibaZeitschrift Basel (1943), Jhrg. Nr.88, S.3074
  4. ↑ Mayer, August Franz Josef Karl: Ueber Histologie und eine neue Eintheilung der Gewebe des menschlichen Körpers. Bonn (1819)
  5. ↑ Historische Mikroskope
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