Geschichtsschreibung oder Historiographie bezeichnet die Darstellung von geschichtlichen Ereignissen. Die moderne Geschichtsschreibung mit wissenschaftlichem Anspruch gehört zur Geschichtswissenschaft und definiert den Begriff „Geschichtsschreibung“ als „sprachliche Vermittlung historischer Erkenntnis“.[1]
Probleme der Geschichtsschreibung
Zunächst meint Geschichtsschreibung das Schreiben von Geschichte. Dabei muss Geschichte nach Kriterien definiert werden, die vom Geschichtsbegriff des jeweiligen Historikers her bereits beeinflusst und konnotiert wird. Dieses wiederum ist deshalb schon schwierig, weil der Blick auf die Geschichte im Sinne der Geschichtswissenschaft stets Wandlungen unterworfen ist, die eine Formulierung einer allgemein verbindlichen Definition erschweren, wenn nicht unmöglich machen. Daran wird deutlich, dass auch eine wissenschaftliche Geschichtsschreibung historische Daten nach letztlich subjektiven oder ideologischen Kriterien auswählt, neu erzählt, ordnet und deutet und somit nie neutral sein kann. Jeder Geschichtsschreiber schlägt somit notwendig eine Interpretation der Vergangenheit vor und postuliert zu diesem Zweck Kausalitäten und Zusammenhänge.
Dies betrifft bereits die Werke von Autoren wie Herodot und Thukydides, deren geschichtstheoretische Interpretationen rekonstruiert werden müssen, will man sie für eine aktuelle Geschichtsschreibung verwenden. Denn die antiken Geschichtsschreiber sahen sich vor allem als Verfasser literarischer Kunstwerke; ihre Ziele und Methoden unterschieden sich daher stark von denen heutiger Historiker. Die Anfänge einer Geschichtswissenschaft im engeren Sinne finden sich erst ab dem beginnenden 19. Jahrhundert (siehe Geschichte der Geschichtswissenschaft). Auch diese Verwissenschaftlichung von Geschichtsschreibung bleibt aber mit der Frage konfrontiert: In welchem Sinne wird Geschichte geschrieben und von wem? Auch die moderne Geschichtsschreibung rekonstruiert historische Daten und hinterlegt sie dabei notwendig mit einem Sinn; sie wird damit Teil einer Geschichtspolitik: „Geschichte, im höheren Sinne des Wortes, ist einzig jene Vergangenheit, welche noch gegenwärtig im Bewusstsein des Menschen gestaltend weiterlebt“ (Houston Stewart Chamberlain, in: Grundlagen des 19. Jahrhunderts). Besonders nachvollziehbar zeigt sich dies, wenn es zu einer Glorifizierung geschichtlicher Vorgänge in der Geschichtsschreibung kommt.
Nicht nur rein chronologisch, sondern auch nach der Typologie gibt es eine starke Ausdifferenzierung von Arten der Geschichtsschreibung. Hinsichtlich der Typologie steht fraglos die Betrachtungsperspektive und damit das jeweilige Erkenntnis- oder Vermittlungs-Ziel der Geschichtsschreibung im Mittelpunkt. Die individuelle Sichtweise und Interpretation des Geschichtsschreibers spielt natĂĽrlich eine ebenso wesentliche Rolle.
Besonders Hayden White hat diesen Umstand betont; er analysierte das Problem der Erzählung in der modernen Geschichtstheorie und beschrieb, wie auch heute noch Erzählstrukturen das Verständnis jeder Rekonstruktion von Geschichte lenken und damit manipulieren. Elfried Müller und Alexander Ruoff fassen das Ergebnis seiner Analyse so zusammen: „Erzählt man Geschichte, interpretiert man sie notwendig durch die Art und Weise, in der man ihre einzelnen Daten strukturiert.“
Arten der Geschichtsschreibung
Zunächst wird die Geschichtsschreibung nach historischen Zeiträumen, nach Herkunft der Verfasser, nach thematischen wie auch methodischen Gesichtspunkten geordnet (siehe auch Geschichte der Geschichtsschreibung). Die Geschichtsschreibung ist abhängig von den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten, unter denen Geschichte geschrieben wird. Nachfolgende sind nur einige Beispiele und damit keine vollständige Erwähnung aller relevanten Arten der Geschichtsschreibung:
- Chronik: Eine Chronik (v. griech.: chronika (biblia) zu chronos = Zeit) ist eine geschichtliche Darstellung, die die Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge darstellt.
- Globalgeschichte: Globalgeschichte oder Global History ist eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Aufgrund der vielfältigen thematischen Zugangsmöglichkeiten erscheint eine umfassende Definition sehr schwierig. Ihr Anliegen ist es, die europazentrierte Sicht auf die Universalgeschichte oder Weltgeschichte, die wiederum nicht selten von einem nationalstaatlichen Standpunkt aus betrieben wird, und seit dem 18. bis in das 20. Jahrhundert hinein bestimmend ist, aufzubrechen und damit dem Prozess der Globalisierung im verstärktem Maße Rechnung zu tragen.
- Hofhistoriografie: Hofhistoriografie ist eine offizielle Art der Geschichtsschreibung, wobei der Hof als solcher oder einzelne Personen eines Hofes, Kaiser, Päpste, Könige, Fürsten, Herzöge, Grafen etc. beschrieben werden.
- Kirchengeschichte: Die Kirchengeschichte ist eine Teildisziplin der Theologie. Die Kirchenhistoriker als Wissenschaftler befassen sich speziell mit der Dogmengeschichte oder auch der Geschichte der christlichen Theologie bzw. der Entwicklung der Kirchen ĂĽberhaupt. Das beinhaltet auch rechtsgeschichtliche, wirtschaftsgeschichtliche, siedlungsgeschichtliche und sozialgeschichtliche Aspekte soweit sie mit der Entwicklung der Kirchen in Verbindung stehen.
- Nationalgeschichte: Die Nationalgeschichte ist ein Deutungsmuster und zugleich eine Art von Geschichtsschreibung, bei der die Geschichte aus der nationalstaatlichen Perspektive betrachtet wird. Der dem zugrundeliegende Gedanke der „Entstehung der Nation“ ist zugleich mit einem Prozess der „Verwissenschaftlichung“ des Faches Geschichte verbunden. Die Nationalgeschichtsschreibung hat dabei auch die Aufgabe, den Staat als politisches Gebilde mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft zu legitimieren.
- Politische Geschichte: Politische Geschichte ist eine Art der Geschichtsschreibung, die den Staat und die politisch handelnden Personen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung stellt.
- Sozialgeschichte: Sozialgeschichte erforscht und beschreibt die Entwicklung der Zusammensetzung nach Gruppen, Ständen, Schichten oder Klassen von Menschen in vergangenen Gemeinwesen. Sie hat weiterhin die Größe der jeweiligen Gruppen, Ständen, Schichten oder Klassen von Menschen sowie deren Bedeutung und Lage zum Gegenstand. Weiterhin befasst sie sich mit Wechselwirkungen und der Geschichte sozialer Prozesse.
- Transnationale Geschichte: Transnationale Geschichte ist eine Art der Geschichtsschreibung bzw. der Geschichtsbetrachtung in der Geschichtswissenschaft, bei der die geschichtliche Perspektive ĂĽber die nationalstaatlich fixierte und begrenzte Geschichtsdeutung einer Nationalgeschichte hinausgeht und daher eine entsprechende Betrachtungsweise entwickelt.
- Universalgeschichte: Als Universalgeschichte bezeichnet man die Gesamtheit der Menschheitsgeschichte.
- Wirtschaftsgeschichte: Die Wirtschaftsgeschichte ist eine Brückendisziplin zwischen der Volkswirtschaftslehre und der Geschichtswissenschaft. Sie untersucht die historische Wirtschaftsentwicklung in Zusammenhang mit anderen Kulturveränderungen.
- Weltgeschichte: Weltgeschichte (auch: Universalgeschichte) ist eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft und beschäftigt sich im Idealfall mit der historischen Entwicklung der gesamten Menschheit, deren einzelne Aspekte sie miteinander in Beziehung setzt.
Außer diesen Arten der Geschichtsschreibung gibt es Geschichtsschreibungen, die stärker auf ein Thema hin orientiert sind, wie zum Beispiel die Rechtsgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Universitätsgeschichte, Technikgeschichte, Sprachgeschichte oder Literaturgeschichte.
Siehe auch
Einzelnachweise
- ↑ Ulrich Muhlack: Theorie und Praxis der Geschichtsschreibung. In: Reinhardt Koselleck, Heinrich Lutz, Jörn Rüsen (Hrsg.): Formen der Geschichtsschreibung. München: dtv, 1982, S. 607 (Theorie der Geschichtswissenschaft. Beiträge zur Historik, Band 4)
Literatur
Siehe vor allem unter Geschichtswissenschaft
- Eduard Fueter, Geschichte der neueren Historiographie, ZĂĽrich 1985 (Reprint der dritten Auflage von 1936)
- Wolfgang Hardtwig, Erhard Schütz (Hrsg.): Geschichte für Leser: Populäre Geschichtsschreibung in Deutschland im 20. Jahrhundert. Stuttgart 2005, ISBN 978-3-515-08755-1
- Volker Ladenthin: Betrachtungen zur antiken Geschichtsschreibung. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 36 (1985), S. 737-760.
- Etienne François: Die Einstellung zur Geschichte (in Deutschland und Frankreich) in: Robert Picht u. a. Hrsg.: Fremde Freunde. Deutsche und Franzosen vor dem 21. Jahrhundert Piper, München 2002 ISBN 3492039561 S. 15 - 21
- Annerose Menninger : Historienfilme als Geschichtsvermittlung. Stuttgart (Kohlhammer) 2010
- Christian Simon: Historiographie. Eine EinfĂĽhrung. Ulmer, Stuttgart 1996 (UTB. 1901), ISBN 3-8252-1901-1.
- Hayden White: Das Problem der Erzählung in der modernen Geschichtstheorie. In: Pietro Rossi (Hrsg.): Theorie der modernen Geschichtsschreibung. Frankfurt 1987
Weblinks