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Die Holocaustforschung erforscht den Holocaust an etwa sechs Millionen Juden Europas (Shoa) und sein VerhĂ€ltnis zu weiteren Massenmorden in der Zeit des Nationalsozialismus: darunter dem Porajmos an hunderttausenden Roma, der Aktion T4 an ĂŒber hunderttausend Behinderten und der millionenfachen Ermordung von Slawen (siehe Zwangsarbeit in der Zeit des Nationalsozialismus, Generalplan Ost, Hungerplan).
Als Teil der umfassenderen NS-Forschung bezieht sich Holocaustforschung auf historische Entstehungsbedingungen, Entscheidungsprozess, Organisation, DurchfĂŒhrung, TĂ€ter, MittĂ€ter, Opfer, Auswirkungen und Besonderheiten des Holocaust. Dies wird weltweit erforscht, jedoch besonders in den USA, GroĂbritannien, Israel, Polen und Deutschland.
Inhaltsverzeichnis |
Schon wĂ€hrend des Holocaust sammelten jĂŒdische und nichtjĂŒdische Zeitzeugen und WiderstandskĂ€mpfer Berichte von den systematischen NS-Massenmorden an Juden, die ab 1941 bis 1949 in einigen Staaten erschienen.[1]
HolocaustĂŒberlebende und wĂ€hrend der NS-Zeit aus Europa emigrierte Historiker schufen die Grundlagen der angelsĂ€chsischen Holocaustforschung. Diese begann 1945 unmittelbar nach Kriegsende im Zusammenhang der ersten NS-Prozesse. Wesentliche Voraussetzung dafĂŒr war die Sicherung von NS-Archiven durch die Alliierten und die Sammlung von Zeitzeugenberichten durch Institute zur JĂŒdischen Geschichte. So baute Jacob Robinson das 1925 in Berlin gegrĂŒndete Institute for Jewhish History (YIVO) in New York City ab 1940 neu auf. Er war 1945 als Mitglied der UN-Menschenrechtskommission Berater des US-ChefanklĂ€gers Robert H. Jackson und half 1952 beim Aushandeln des Reparationsvertrages zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland.
Sein Mitarbeiter, der polnische HolocaustĂŒberlebende Philip Friedman, hatte bis zur deutschen Besetzung Polens eine Zweigstelle dieses Instituts in Warschau geleitet. Er emigrierte nach dem Krieg in die USA und veröffentlichte die ersten historischen Werke zum Holocaust aus der Opferperspektive. Robinson und Friedman veröffentlichten 1960 das erste regelmĂ€Ăige Journal zum Holocaust, gefolgt von umfassenden Bibliographien.[1] Diese Sammlungen vornehmlich jĂŒdischer Holocaustliteratur gelten als Grundlagenwerke fĂŒr die Holocauststudien, die seit 1967 als spezieller Wissenschaftszweig entstanden sind. Dabei spielen Zeugnisse der Opfer eine ebenso entscheidende Rolle wie Zeugnisse der TĂ€ter.
In Deutschland stand unter dem Eindruck der nun bekannt werdenden Details aus den Vernichtungslagern in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Frage nach den Schuldigen im Vordergrund, die meist apologetisch beantwortet wurde. Dass die Alliierten die NS-Archive beschlagnahmt hatten, erschwerte die empirische Grundlagenforschung.
Ab 1950 standen die Akten der ersten NĂŒrnberger Prozesse zur VerfĂŒgung. Es erschienen zunĂ€chst vereinzelte Quellendokumentationen, meist von HolocaustĂŒberlebenden wie Bruno Blau, Hans-GĂŒnter Adler und Joseph Wulf.[1] Ab 1960 begann eine schrittweise RĂŒckgabe von ArchivbestĂ€nden. Seit der bundesrepublikanischen Strafverfolgung von NS-TĂ€tern kamen vermehrt empirische Untersuchungen zu den NS-Massenverbrechen in Gang, hĂ€ufig als Gerichtsgutachten und Gutachten fĂŒr Wiedergutmachungsbehörden[2] oder als Publikationen der staatlichen Bildungsarbeit.
Ab etwa 1960 setzte eine breitere historische Forschung zur NS-Zeit ein. Vorangetrieben wurde sie 1961 durch das epochale Werk Raul Hilbergs, 1963 durch den Eichmann-Prozess, die These der Prozessbeobachterin Hannah Arendt von der âBanalitĂ€t des Bösenâ und die Auschwitzprozesse 1963-1966. Die deutsche Forschung konzentrierte sich jedoch stĂ€rker als die Forschung in den USA, Israel und GroĂbritannien auf Aufstiegsbedingungen, âMachtergreifungâ, Herrschaftskonsolidierung und KriegfĂŒhrung des NS-Regimes und thematisierte den Holocaust noch kaum.
Bereits seit etwa 1942 sammelten und veröffentlichten verschiedene Einrichtungen Dokumente des Holocaust:
1953 wurde in Israel die nationale Gedenk- und ForschungsstĂ€tte Yad Vashem gegrĂŒndet. Dort erscheinen seit 1957 die regelmĂ€Ăigen Yad Vashem Studies, die als Grundlage der spĂ€teren Holocaust Studies in den USA gelten.
Ab 1967 entstand in den USA eine eigenstĂ€ndige Forschungsrichtung zum Holocaust mit besonderen LehrstĂŒhlen, Forschungsinstituten und Fachzeitschriften. Eine davon unabhĂ€ngige Einrichtung ist das 1977 gegrĂŒndete Simon Wiesenthal Center mit Hauptsitz in Los Angeles. Das 1946 gegrĂŒndete umfangreiche Archiv Wiesenthals befindet sich seit 1954 in Yad Vashem; das von ihm 1961 neu gegrĂŒndete Dokumentationszentrum des Bundes JĂŒdischer Verfolgter des Naziregimes befindet sich seit 1975 beim Simon-Wiesenthal-Institut in Wien.[3]
1980 wurde das Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. gegrĂŒndet. Es besitzt eine eigene Forschungsabteilung und die Fachzeitschrift Holocaust and Genocide Studies.
1994 begann der US-Regisseur Steven Spielberg das Projekt der Shoah Foundation, einer Sammlung von rund 52.000 auf Videos aufgezeichneten Interviews mit HolocaustĂŒberlebenden. Seit 2006 hat die Freie UniversitĂ€t Berlin Zugang zu diesem Archiv der Oral History.[4]
In der Bundesrepublik Deutschland ĂŒbernahm das 1949 gegrĂŒndete Institut fĂŒr Zeitgeschichte eine fĂŒhrende Rolle bei der Sammlung und Herausgabe von Dokumenten des Holocaust. Seit 2009 gibt es in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv und etwa 40 weiteren internationalen Archiven eine auf insgesamt 16 BĂ€nde konzipierte Dokumentenreihe unter dem Titel heraus: Verfolgung und Ermordung der europĂ€ischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933â1945.[5]
In Polen legten das JĂŒdische Historische Institut Warschau und das staatliche Institut fĂŒr Nationales Gedenken (IPN) je eigene Archive zum Holocaust an, die ab 1989 fĂŒr die internationale Holocaustforschung geöffnet wurden. Mit dem Deutschen Historischen Institut Warschau entwickelten sie gemeinsame Forschungsprojekte.[6]
1995 wurde in Frankfurt a.M. das Fritz-Bauer-Institut als Studien- und Dokumentationszentrum zur Erforschung der Geschichte und Wirkung des Holocaust gegrĂŒndet.[7]
Zahlreiche Werke befassten sich zunĂ€chst mit Einzelepisoden und Einzelaspekten des Holocaust. Sie lieferten die Basis fĂŒr spĂ€tere Gesamtdarstellungen. Von diesen sind in der internationalen Forschergemeinschaft weitgehend anerkannt:
LĂ©on Poliakovs Breviaire de la haine (1951), englisch erschienen als Harvest of Hate (1979), stĂŒtzte sich auf die damals zugĂ€nglichen Dokumente der NĂŒrnberger Prozesse und andere Quellen aus dem Center for Contemporary Jewish Documentation in Paris. Trotz heute erheblich verbesserter Quellenlage folgt die Forschung nach wie vor weitgehend seinen damaligen Fragestellungen.
Gerald Reitlingers Buch Die Endlösung (1953) basiert auf denselben Quellen, die auch Poliakov auswertete, analysierte sie aber ausgiebiger und bezieht die Judenretter stÀrker in das Gesamtbild ein. Seine SchÀtzung der Opferzahlen auf 4,5 Millionen ist inzwischen widerlegt.
Raul Hilbergs 1955 abgeschlossene Dissertation erschien erst 1961 als Buch The Destruction of the European Jews, deutsch: âDie Vernichtung der europĂ€ischen Judenâ. Es gilt als Hauptwerk der Holocaustforschung, auf das sich viele weitere Forschungen stĂŒtzten. Hilberg sichtete dafĂŒr ab 1945 zahllose Quellen des NS-Regimes in Deutschland und in den USA. Er untersuchte die Vorgeschichte und ideologische KontinuitĂ€ten ebenso wie die Funktionsweise des NS-Regimes und stellte die bĂŒrokratischen EntscheidungsablĂ€ufe und das Zusammenwirken der verschiedenen NS-Behörden ins Zentrum seiner Analyse. Die gebundene dreibĂ€ndige Originalausgabe enthĂ€lt detaillierte Karten der Vernichtungslager, Ghettos und Deportationen aus den einzelnen LĂ€ndern. In der gekĂŒrzten Studienausgabe fehlen die FuĂnoten.
Nora Levins The Holocaust (1968) beschreibt detailliert die Judenverfolgung ab 1933 und die Reaktionen auf das Bekanntwerden der NS-Massenverbrechen in den besetzten, neutralen und gegnerischen EinzellĂ€ndern ab 1940. Die Autorin beschreibt das Zusammenwirken von Opfern und TĂ€tern in den betroffenen Gebieten, speziell die Haltung der JudenrĂ€te, vergleicht die Bedingungen fĂŒr die Rettung der meisten Juden Italiens und Frankreichs mit der Auslieferung der meisten Juden der Niederlande und unterzieht die Kollaborateure der NS-Herrschaft einer umfassenden Kritik. Sie berĂŒcksichtigt auch das Schicksal der ĂŒberlebenden KZ-HĂ€ftlinge nach ihrer Befreiung, das die meisten Holocaustwerke bislang ĂŒbergingen.
Lucy Davidowicz veröffentlichte 1975 The War against the Jews. Sie analysierte wie Levin zunĂ€chst die antisemitische Gesetzgebung im Dritten Reich, ihre Ausdehnung und Radikalisierung in den eroberten Gebieten und die GrĂŒnde dafĂŒr. Der Hauptteil vergleicht die LebensumstĂ€nde der Juden vor und nach ihrer Ghettoisierung und beschreibt die Rolle jĂŒdischer Organisationen, die den Nationalsozialisten teilweise unabsichtlich in die HĂ€nde gespielt hĂ€tten. FĂŒr Osteuropa sind die Quellen sehr genau angegeben; aber die Situation in einzelnen LĂ€ndern wird nicht grĂŒndlich untersucht, und die Opferzahlen werden nur im Anhang prĂ€sentiert. Die Rettungsaktionen in DĂ€nemark und Schweden sowie die Kollaboration in den ĂŒbrigen LĂ€ndern werden nicht dargestellt.
Der israelische Historiker Yehuda Bauer ging 1983 in A History of the Holocaust den Wurzeln des Antisemitismus nach und beschreibt die Wanderungsbewegungen der Juden in Europa als einen Mitgrund dafĂŒr. Er gibt dem Scheitern der Weimarer Republik als Aufstiegsgrund der NSDAP breiten Raum. Seine Kritik an MitlĂ€ufern und dem Versagen der GroĂkirchen gegenĂŒber der nationalsozialistischen Judenverfolgung ist zurĂŒckhaltender als die seiner VorgĂ€nger. Stattdessen zitiert Bauer Beispiele damaliger christlicher Hilfs- und Rettungaktionen fĂŒr Juden und nennt Namen von Judenrettern, die in der Holcaustforschung bisher nicht erwĂ€hnt worden waren. Dabei bezieht er sich auch auf TĂ€terquellen, z. B. SS-Akten oder Diplomaten neutraler LĂ€nder. Als erster Historiker erwĂ€hnt er eine Intervention des Vatikans gegen die Deportation der ungarischen Juden 1944, ohne diese auf pĂ€pstliche Initiative zurĂŒckzufĂŒhren. Die in Israel verfĂŒgbaren Quellen, vor allem Berichte Ăberlebender, hat Bauer dagegen kaum ausgewertet.
Der Brite Martin Gilbert stĂŒtzte sich 1985 in Der Holocaust vor allem auf zeitgenössische Quellen, die er chronologisch anbietet, und Interviews mit Ăberlebenden, die er unkommentiert fĂŒr sich sprechen lĂ€sst. Als erster Historiker stellt er schon die Massenmorde im Polenfeldzug 1939 als Beginn des Holocaust dar. Diese sieht er als bewusste Beschleunigung des allmĂ€hlichen Sterbens der parallel oder spĂ€ter ghettosierten Juden durch Verhungern und Seuchen. Seine Darstellung mit Fotos und Augenzeugenberichten von TĂ€tern, Opfern und Beobachtern ist bewusst anschaulich und bezieht die gesamte Breite der Massenverbrechen auch auĂerhalb der Vernichtungslager ein.
Die Israelin Leni Yahil wertete in The Holocaust (1987) die in Yad Vashem inzwischen gesammelten Materialien aus. Sie erwĂ€hnt erstmals die bislang unbeachteten Karaiten und Krimtschaken auf der Krim, von denen nur die zweite Gruppe rassisch verfolgt wurde. Sie betont den jĂŒdischen Widerstand und beschreibt den Glauben der orthodoxen Juden als Hindernis dafĂŒr (ohne deren tatsĂ€chliche Debatten darĂŒber wĂ€hrend der NS-Zeit darzustellen). Sie beschreibt die Rettungsaktionen aller neutralen LĂ€nder auĂer der TĂŒrkei und Portugal. Den Antisemitismus beschreibt sie erst ab 1932. Die angebotenen Karten lassen die Unterschiede zwischen deutschen KZs fĂŒr politische HĂ€ftlinge, Arbeits- und Vernichtungslagern nicht erkennen.[1]
In den 1960er und 1970er Jahren ĂŒberlagerten Konflikte um die Gesamtdeutung der NS-Zeit im Rahmen von Totalitarismus- oder Faschismustheorien besonders in Deutschland die Holocaustforschung. Um 1969 begann ein Grundsatzstreit um die Frage, ob der Holocaust eher programmatisch-ideologische Absichten vollzog (Intentionalisten, Programmologen) oder sich eher aus widersprĂŒchlichen und chaotischen Strukturen entwickelte (Strukturalisten, Funktionalisten). Die empirische Detailforschung zum Holocaust war davon anfangs kaum berĂŒhrt, wurde aber seit etwa 1975 zunehmend in diesen Streit einbezogen.
Teilaspekt war die Frage nach Zeitpunkt und Rolle konkreter Befehle Hitlers zur DurchfĂŒhrung des Holocaust. Alan Bullock (Hitler, 1952) hatte Hitler als treibende Kraft bei der gesamten NS-Judenpolitik dargestellt; Gerald Reitlinger (Die Endlösung, 1953) hatte einen im FrĂŒhjahr 1941 erteilten âFĂŒhrerbefehlâ zum Holocaust fraglos angenommen. Dieser Sicht folgend verwiesen etwa Eberhard JĂ€ckel (Hitlers Weltanschauung, 1969) und Joachim Fest (Hitler. Eine Biographie, 1973) auf die kontinuierliche RadikalitĂ€t öffentlicher Drohungen Hitlers gegen die Juden. Lucy Dawidowicz (Der Krieg gegen die Juden, 1975) zufolge soll Hitler die Judenvernichtung schon seit den 1920er Jahren geplant und daran unbeirrbar festgehalten haben.
Im Gefolge Hilbergs betonte Uwe Dietrich Adam (Judenpolitik im Dritten Reich, 1972) auf breiterer Quellenbasis dagegen, dass Hitler den âProzess der Vernichtungâ zwar abgesegnet, aber nicht langfristig geplant habe. Vielmehr seien die Judendeportationen und MassenerschieĂungen unter teilweise chaotischen BegleitumstĂ€nden nach der militĂ€rischen Niederlage im Russlandkrieg ausgeweitet und verschĂ€rft worden. Dies habe auch Hitler selbst in seinen EntscheidungsspielrĂ€umen eingeengt.
Der britische Geschichtsrevisionist und spĂ€tere Holocaustleugner David Irving behauptete 1977 (Hitlers Krieg. Die Siege 1939-1942), Hitler habe erst im Oktober 1943 von der organisierten Judenvernichtung erfahren; Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich hĂ€tten diese eigenmĂ€chtig initiiert. Darauf antwortete zuerst Martin Broszat mit einer differenzierten Analyse der Quellen im Kriegsverlauf. Er kam zu dem Ergebnis, dass Hitlers fanatischer Judenhass und seine Gesamtverantwortung fĂŒr den Holocaust unbestreitbar seien. Aber der Holocaust sei ânicht nur aus vorgegebenem Vernichtungswillenâ zu erklĂ€ren, âsondern auch als âAuswegâ aus einer Sackgasse, in die man sich selbst manövriert hatteâ. Es sei wahrscheinlich, âdass es ĂŒberhaupt keinen umfassenden allgemeinen Vernichtungsbefehl gegeben hat, das âProgrammâ der Judenvernichtung sich vielmehr aus Einzelaktionen heraus bis zum FrĂŒhjahr 1942 allmĂ€hlich und faktisch entwickelteâ.[8]
Hans Mommsen wurde 1976 Hauptvertreter dieser âstrukturalistischenâ Deutung des Holocaust in Deutschland: Er sieht diesen als Ergebnis einer âkumulativen Radikalisierungâ, fĂŒr die Hitler, die Berliner Machtzentralen des NS-Regimes und die regionale VerwaltungsbĂŒrokratie in den eroberten Gebieten gleichermaĂen verantwortlich gewesen seien. Er bekrĂ€ftigte 1979, der stĂ€ndige Konkurrenzkampf untergebener NS-Stellen um die âGunst des FĂŒhrersâ, das Eigengewicht âsekundĂ€rer bĂŒrokratischer Apparaturenâ und die âSegmentierung der Verantwortlichkeitenâ habe eine Eigendynamik bewirkt, so dass es keines âförmlichen, geschweige denn schriftlich fixierten Befehls von seiten Hitlersâ mehr bedurft habe.[9] 1983 betonte er nochmals, die âpolitisch-psychologische Gesamtstrukturâ des NS-Systems mĂŒsse rekonstruiert werden, um den Holocaust angemessen erklĂ€ren zu können.[10]
Dagegen zeichnete der Brite Gerald Fleming 1982 eine KontinuitĂ€tslinie von Hitlers frĂŒhem Antisemitismus zu seinen ĂuĂerungen zur âJudenpolitikâ 1941: Er wies nach, dass Hitler sich von Januar bis Juni 1941 intensiver als zuvor damit befasste. Darum erklĂ€rte er etwa seinen Befehl, ihn persönlich regelmĂ€Ăig ĂŒber die seit Juni 1941 laufenden MassenerschieĂungen sowjetischer Juden zu unterrichten, als Vollzug eines lange gehegten Plans.[11] Christopher Browning belegte mit einer genauen Analyse der AktenbestĂ€nde des AuswĂ€rtigen Amtes die Ausweitung der MassenerschieĂungen seit Juni 1941 und widerlegte damit Broszats Annahme, der Holocaust habe sich erst 1942 aus einer âSackgasseâ der militĂ€rischen Kriegsplanung, von der die Deportationen abhĂ€ngig gewesen seien, entwickelt. Er hĂ€lt es zudem fĂŒr wahrscheinlich, dass Hitler im Juli 1941 in die konkrete Vorbereitung des Holocaust durch Himmler und Heydrich einwilligte und die dadurch ausgelösten DurchfĂŒhrungsplĂ€ne im Oktober und November 1941 billigte.[12]
Peter Longerich stellte als Gerichtsgutachter fĂŒr den Prozess David Irvings gegen Deborah Lipstadt (London 1996-2000) nochmals alle Dokumente zusammen, die Hitlers Wissen vom und Initiative beim Holocaust belegen.[13]
Wegen vieler schriftlich dokumentierter Aussagen höchster NS-AmtstrĂ€ger gelten mĂŒndliche âFĂŒhrerbefehleâ zur Judenvernichtung heute als erwiesen. Nur mit Hitlers Erlaubnis, Billigung und Anordnung, so der weitgehende historische Konsens, konnten untergebene NS-TĂ€tergruppen die Juden systematisch ausrotten. Christopher Browning stellte ferner Ăbereinstimmung zwischen Intentionalisten und Strukturalisten in folgenden Punkten heraus:
Im Rahmen dieses Konsenses setzen einige Historiker eigene Akzente, deuten und gewichten bestimmte Dokumente und Faktoren verschieden. Nach Longerich schlug die Vertreibung der Juden schon im Herbst 1939 zum Massenmord um. Alle seit dem Polenfeldzug geplanten und durchgefĂŒhrten Judendeportationen hĂ€tten mittelfristig ihre Vernichtung angestrebt und einkalkuliert. Diese sei dann nur noch zunehmend ausgeweitet und beschleunigt worden. Dabei habe es vier Eskalationsstufen gegeben. Seit Juli 1942 seien die Deportierten sofort nach Ankunft am Zielort ermordet worden; damit sei der Entschluss zur âEndlösungâ unumkehrbar geworden.[15]
Ăhnlich deutete Magnus Brechtken den Madagaskarplan als Todesurteil fĂŒr das europĂ€ische Judentum: Er habe sich nur in Ort und Methode von der Vergasung in Auschwitz unterschieden.[16] Richard Breitman zufolge kalkulierten die Planer des Russlandfeldzugs Anfang 1941 bereits die Vernichtung groĂer Bevölkerungsteile der zu erobernden Gebiete ein. Dieser Grundsatzentscheidung seien Ende August/Anfang September 1941 die Entscheidungen zur praktischen DurchfĂŒhrung der Judenmorde gefolgt.[17]
Dem widersprach Philippe Burrin: Die sowjetischen Juden seien erst infolge des gescheiterten Blitzkrieges zur unterschiedslosen Ermordung freigegeben worden. Seit Oktober 1941 habe Hitler seinen am 20. Januar 1939 artikulierten bedingten Vorsatz zur Judenvernichtung in die Tat umgesetzt.[18]
Dagegen betonte Browning im Anschluss an frĂŒhere Thesen von Christian Streit[19] und Alfred Streim[20], die Befehle zur Ermordung auch der jĂŒdischen Frauen und Kinder in den sowjetischen Gebieten seien nicht aus EnttĂ€uschung ĂŒber den ausgebliebenen Blitzsieg, sondern noch wĂ€hrend der Siegesgewissheit ergangen. Anfang Oktober sei der Mordbeschluss dann auf alle europĂ€ischen Juden ausgedehnt worden; dabei habe Himmlers DrĂ€ngen auf mehr Kompetenzen fĂŒr die SS eine wichtige Rolle gespielt.[21] Auch Dieter Pohl[22], Götz Aly[23] und Peter Witte[24] sehen im Oktober 1941 den kritischen Wendepunkt der NS-Judenpolitik.
Dem widersprachen Hans Safrian, L.J. Hartog und Christian Gerlach: Sie sehen den Dezember 1941 als SchlĂŒsselzeitraum und den Kriegseintritt der USA als auslösenden Faktor. Safrian zufolge wurde die Vertreibung der sowjetischen Juden Anfang Dezember unmöglich, so dass die Wannseekonferenz verschoben wurde, um andere Optionen auszuarbeiten.[25] FĂŒr Hartog setzte der japanische Angriff auf Pearl Harbor Hitlers eigentliches Streben nach Judenvernichtung frei: Es sei obsolet geworden fĂŒr ihn, die deutschen Juden als Geiseln zum Erpressen der USA zu benutzen, um deren Kriegseintritt zu verzögern. Er habe die Juden unter allen UmstĂ€nden ausrotten wollen und dazu auch den Weltkrieg gefĂŒhrt.[26]
Gerlach datiert Hitlers Entscheidung exakt auf den 12. Dezember 1941: An jenem Tag habe Hitler seinen engsten Vertrauten mitgeteilt, dass er die Judenfrage endgĂŒltig durch Ermordung aller europĂ€ischen Juden lösen wolle. Dies bestĂ€tigten TagebucheintrĂ€ge von Goebbels am 16. Dezember und andere, bislang unbeachtete Dokumente.[27]
Saul FriedlĂ€nder datiert den Ăbergang zum Holocaust auf den SpĂ€therbst 1941 und erklĂ€rt ihn mit Burrin und Gerlach als Reaktion auf das Scheitern des Blitzkrieges und den Kriegseintritt der USA. Zugleich betont er die ideologische Konstante in Hitlers Denken: Er habe daran geglaubt, die Welt von âdem Judenâ als dem absolut Bösen befreien zu mĂŒssen. Die âEndlösungâ sei somit als Versuch einer âErlösungâ zu deuten.[28]
Als âSingularitĂ€tâ, âEinzigartigkeitâ (englisch uniqueness) oder âBeispiellosigkeitâ (unprecedentedness) bezeichnet man besondere historische Merkmale, die den Holocaust bisher von allen anderen Völkermorden und Massenmorden der Geschichte unterscheiden.
1978 entstand in den USA bei der Planung des Holocaust Memorial Museums ein Streit um die Definition des Holocaustbegriffs: Vertreter nichtjĂŒdischer Opfergruppen wollten ihre Verfolgung in der NS-Zeit als Teil des Holocaust in dessen nationales Gedenken einbezogen sehen. In der dadurch angestoĂenen Forschung betonten die meisten israelischen, deutschen, britischen und US-amerikanischen Holocaustforscher die SingularitĂ€t des Holocaust hinsichtlich der realen und angestrebten Opferzahlen, der staatlichen Planung als gesellschaftliches Gesamtprojekt und seiner systematischen und auch industriellen DurchfĂŒhrung. Eine Minderheit bestreitet diese SingularitĂ€t und betont Parallelen von Vernichtungszielen, DurchfĂŒhrung und GröĂenordnung zu anderen Völkermorden.
Die vergleichende Völkermordforschung hat sich erst im Gefolge dieser Kontroverse entwickelt. Sie lehnt die Deutung der SingularitĂ€t als âUnvergleichbarkeitâ ab, weil die einmaligen Besonderheiten des Holocaust erst im Vergleich mit anderen Völkermorden feststellbar seien. Einige ihrer Spezialuntersuchungen zur Entstehung, Planung und DurchfĂŒhrung anderer Völkermorde haben die Grundannahme der meisten Holocaustforscher zur SingularitĂ€t bestĂ€tigt.
In Deutschland entstand eine SingularitĂ€tsdebatte seit 1986 im Historikerstreit um die Thesen von Ernst Nolte: Dieser deutete die Arbeitslager Stalins als unmittelbare Vorbilder der nationalsozialistischen Arbeits- und Vernichtungslager und den Holocaust als vorbeugende Vernichtung von Menschengruppen, die erst im Krieg gegen die Sowjetunion und als Reaktion auf die kommunistische Ideologie zu Feinden erklĂ€rt worden seien.[29] Geschichtsrevisionisten griffen Noltes Thesen auf, um den Holocaust als gewöhnlichen, nicht qualitativ von anderen GroĂverbrechen unterscheidbaren Massenmord zu relativieren.[30]
Dagegen haben viele Historiker die singulÀren Besonderheiten des Holocaust hervorgehoben, so Israel Gutman 1987:[31]
âEr entsprang nicht einem wirklichen Konflikt zwischen dem deutschen Volk und den Juden in Deutschland oder in der Welt. In Wahrheit waren die Juden ein loyaler und ergebener Teil der deutschen Gesellschaft; sie leisteten einen groĂen Beitrag zur Entwicklung und zur BlĂŒte der deutschen Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. [âŠ] Es handelte sich vielmehr um einen Vernichtungsfeldzug, der sich aus der Rassenideologie der Nazis ergab und nur aus diesem Grund beschlossen wurde. [âŠ] Doch die nationalsozialistische Rassenlehre beschrĂ€nkte sich nicht darauf, den Juden als ein Wesen zu definieren, das entgegen dem von der darwinistischen Theorie festgelegten Prozess der natĂŒrlichen Auslese, Anpassung und des Ăberlebens minderwertige rassisch-biologische WesenszĂŒge angenommen hĂ€tte. Nach Hitlers GrundsĂ€tzen waren die Juden weder eine religiöse noch eine nationale Gruppe, sondern eine machthungrige, gut organisierte subversive âRasseâ, die sich das Ziel gesetzt hatte, den natĂŒrlichen Wettkampf der menschlichen Rassen aufzuheben⊠Auf solchen grundlosen Behauptungen beruhte der âKriegâ gegen die Juden, der stĂ€ndig verschĂ€rft wurde, bis er das Stadium der unnachgiebigen physischen Vernichtung erreichte. [âŠ] Das Ziel war, alle Juden ohne RĂŒcksicht auf Alter, Geschlecht, Anschauung, Beruf oder Stand zu fangen und zu töten.â
Eberhard JĂ€ckel nennt als entscheidende historische Besonderheit des Holocaust, dass ânoch nie zuvor ein Staat mit der AutoritĂ€t seines verantwortlichen FĂŒhrers beschlossen und angekĂŒndigt hatte, eine bestimmte Menschengruppe einschlieĂlich der Alten, der Frauen, der Kinder und der SĂ€uglinge möglichst restlos zu töten, und diesen Beschluss mit allen nur möglichen staatlichen Machtmitteln in die Tat umsetzte.â[32]
Dieter Pohl sieht als Besonderheiten des Holocaust, auch gegenĂŒber anderen von NS-Massenmorden, ein staatliches Programm, eine Gruppe von Menschen nur wegen ihrer Herkunft restlos und in kĂŒrzester Zeit zu ermorden, beruhend auf einer zur Staatsdoktrin des Deutschen Reiches erhobenen Judenfeindschaft mit Merkmalen einer Welt-Verschwörungstheorie, die sich daher rasant verbreiten und fĂŒr groĂe Bevölkerungsteile âhandlungsrelevantâ werden konnte:[33]
âFĂŒr die ExplosivitĂ€t des Antisemitismus im Vergleich zu den anderen Vorurteilen sorgte vor allem der von vielen geteilte Glaube, Juden seien als Kollektiv dabei, die Welt zu beherrschen, sie seien eine Bedrohung fĂŒr die Menschheit.â
Dies habe den Massenmord dennoch nicht zwangslÀufig verursacht:
âVielmehr ist die fundamentale Bedeutung der Expansionspolitik fĂŒr die Eskalation der Gewalt zu unterstreichen, die generell mörderische Politik in Osteuropa wie auch die Zersetzung konventioneller Politikstrategien. Utopische PlĂ€ne zur Neugestaltung und die radikale Ausbeutung der besetzten Gebiete setzten jegliche AnsĂ€tze zu einer rechtmĂ€Ăigen Politik auĂer Kraft. Immer mehr Extremisten wetteiferten um ein möglichst radikales Vorgehen gegen die Juden. Dieses Verbrechen war zugleich von einem gigantischen Raubzug begleitet. In den Köpfen der Antisemiten geisterte die Vorstellung, Europas Juden besĂ€Ăen sagenhafte ReichtĂŒmer. So war jede VerfolgungsmaĂahme auch von der Enteignung begleitetâŠâ
Pohl hebt âgravierende Unterschiedeâ zu Massenmorden unter Stalin hervor: Dort hĂ€tten Diktatur und Staatsterror die Politik schon seit 1918 bestimmt und sich vornehmlich gegen eigene BĂŒrger gerichtet:[34]
âIn Deutschland hingegen konnte man einen Absturz der Zivilisation beobachten, den wohl niemand fĂŒr möglich gehalten hatte. Nachdem der Krieg von Hitler entfesselt war, ermordete das nationalsozialistische Regime in fast vier Jahren [âŠ] einen erheblichen Teil der europĂ€ischen Bevölkerung; an die 97% aller Ermordeten waren AuslĂ€nder. Spezifisch war vor allem das Ziel und das daraus resultierende Vorgehen: der Versuch, eine Minderheit mit allen MĂ€nnern, Frauen und Kindern restlos auszurotten, wo man ihrer habhaft wurde. Allein schon das Verbrechen an jĂŒdischen Kindern sucht seinesgleichenâŠMindestens 1,5 Millionen jĂŒdische Kinder wurden im Zweiten Weltkrieg umgebrachtâŠâ
Yehuda Bauer bezeichnete den Holocaust als einzigartige, vorher nie da gewesene Form eines Genozids, gemessen an dessen UN-Definition:[35]
âWeil er zum Tod jedes Einzelnen mit drei oder vier jĂŒdischen GroĂeltern fĂŒhren sollte. Mit anderen Worten: Das Verbrechen dieser Menschen war, ĂŒberhaupt geboren zu sein. [âŠ] Alle anderen Genozide, die es vor, wĂ€hrend und nach dem NS-Regime gab, waren lokaler Natur, d. h., der Genozid ereignete sich innerhalb einer bestimmten geografischen Region. Im Falle des Holocaust hatte Deutschland jedoch jeden einzelnen Juden auf der ganzen Welt im Visier. Die NS-Ideologie war eine universale, globale und mörderische Ideologie. [âŠ] [Sie] wurzelte nicht in einem politischen, ökonomischen oder militĂ€rischen Pragmatismus. Sie grĂŒndete auf der puren Fantasie von einer jĂŒdischen Verschwörung, die angeblich die ganze Welt beherrschte. [âŠ] Die Juden aber hatten den niedrigsten Rang im Lager. Ihre Erniedrigung erreichte Tiefen, wie man sie in der Geschichte nie zuvor gekannt und erfahren hatte.â
Joachim Fest fasste drei Hauptargumente fĂŒr die SingularitĂ€t des Holocaust zusammen:
Peter Longerich dagegen erklĂ€rte, die SingularitĂ€t des Holocaust lasse sich weder mit der reinen Opferzahl noch mit einer besonderen historischen Rolle jĂŒdischer Opfer oder dem Umstand, dass die Mörder einer Kulturnation angehörten, begrĂŒnden:
âDie These von der Einzigartigkeit des Holocaust lĂ€sst sich hingegen wohl nur dann aufrechterhalten, wenn man die Intentionen der Verfolger zur vollstĂ€ndigen Ermordung der Juden hervorhebt und gleichzeitig den systematischen Charakter der VerfolgungsmaĂnahmen und Massentötungen betont, bis hin zur Existenz von regelrechten Tötungsfabriken. Legt man diese Definitionskriterien an, so spricht einiges dafĂŒr, dass der Holocaust tatsĂ€chlich beispiellos ist [âŠ].â
Dies könne vergleichende Genozidforschung bestĂ€tigen, da sich eine Absicht vollstĂ€ndiger Ausrottung und analoge Systematik fĂŒr nichtjĂŒdische Opfergruppen nicht nachweisen lasse; am ehesten Ă€hnele der Völkermord an den Armeniern dem Holocaust darin.[36]
Den Vorrang der Judenvernichtung auch im Kriegsverlauf zeigen folgende MaĂnahmen: Die Nationalsozialisten und ihre Helfer organisierten in den ĂŒberfallenen europĂ€ischen Staaten (u. a. Polen, Frankreich, Niederlande, Tschechoslowakei, Sowjetunion), sofort den Zugriff auf die jĂŒdischen Bevölkerungsteile, nicht aber auf andere im Deutschen Reich verfolgte Opfergruppen wie Behinderte und Homosexuelle. Sie gaben der Ghettoisierung und Deportationen in Konzentrations-, Arbeits- und Vernichtungslager seit 1941 in Osteuropa absolute PrioritĂ€t. Von der Wehrmacht dringend benötigtes Material wurde zunĂ€chst an die Vernichtungslager geliefert; dafĂŒr wurde sogar verzögerter Nachschub fĂŒr die Front in Kauf genommen, ohne RĂŒcksicht auf Nachteile fĂŒr die KriegfĂŒhrung. Staatsbehörden, Wehrmacht und Einsatzgruppen arbeiteten dabei Hand in Hand, wie etwa im NĂŒrnberger Nachfolgeprozess ĂŒber die âEinsatzgruppenâ nachgewiesen wurde (siehe auch: Verbrechen der Wehrmacht).
FĂŒr Saul FriedlĂ€nder zeigen Heinrich Himmlers Posener Reden, dass den TĂ€tern der Ausnahmecharakter ihrer Judenvernichtung vollauf bewusst war. Wie Glaubens- oder Parteigegner in Mittelalter und Neuzeit hĂ€tten sie ihre Ziele zwar âmit Stolz propagiert und im Sinne einer ideologischen Notwendigkeit als verbindliches Ziel allgemein und wie selbstverstĂ€ndlich anerkanntâ, aber dennoch die DurchfĂŒhrung nach auĂen strikt geheim gehalten. Himmlers Forderung an seine Hörer, dieses âniemals geschriebene und niemals zu schreibende Ruhmesblatt unserer Geschichteâ als Geheimnis mit ins Grab zu nehmen, erklĂ€rt FriedlĂ€nder wie folgt:[37]
âHier deutet Himmler an, dass er und die Anwesenden sich - in diesem Falle - einer absoluten GrenzĂŒberschreitung bewusst sind, was die nachfolgenden Generationen nicht verstehen werden, nicht einmal als notwendiges Mittel zum âgerechtfertigtenâ Zweck. [âŠ] Die fĂŒr alle Zeiten auferlegte Geheimhaltung kann nur bedeuten, dass es kein âhöheresâ, âstichhaltigesâ Argument gibt, dass eine derartige totale Vernichtung in den Augen der Nachwelt ârechtfertigenâ könnte. [âŠ] Meiner Ansicht nach liegt darin ein nicht unwesentlicher Unterschied zwischen dem nationalsozialistischen und dem stalinistischen âVorhabenâ. Ganz abgesehen davon, wieviele Verbrechen von und unter Stalin begangen wurden, formal wurden sie im Namen eines universalen âIdealsâ begangen, oder - genauer - dieses Ideal wurde höchstwahrscheinlich von den TĂ€tern selbst als ErklĂ€rung fĂŒr ihr Handeln aufrechterhalten. Nehmen wir Himmlers feierlichen Wunsch nach Geheimhaltung ernst, dann wird die Ausrottung der Juden durch die Nazis zu einem Ziel, das kein âhöherer, allgemein verstĂ€ndlicherâ Zweck rechtfertigen kann. Infolgedessen scheint die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Vorhabens nicht nur in der Tat selbst zu liegen, sondern auch in der Sprache der TĂ€ter und in der Art und Weise, wie diese sich selbst wahrgenommen haben.â
Demnach habe die fĂŒr die Nationalsozialisten selbst aus keinem umfassenderen Ziel zu rechtfertigende Judenvernichtung âfĂŒr eine AmoralitĂ€t jenseits aller Kategorien des Bösenâ gestanden. Auch die verbreitete Verleugnung und VerdrĂ€ngung der bekannten Tatsachen der Judenverfolgung in der Bevölkerung, auch bei den Opfern selber, weise auf einen âgemeinsamen Nennerâ hin: âDie âEndlösungâ war gewissermaĂen âundenkbarâ.â
Der Althistoriker Christian Meier betonte 1990, SingularitĂ€t des Holocaust könne nicht Unvergleichbarkeit meinen, sondern nur, dass die nur durch Vergleiche feststellbaren NS-Verbrechen derart aus der Reihe anderer Verbrechen herausragten, dass damit âein neues Kapitel in der Geschichte aufgeschlagen istâ.[38] Der Althistoriker Egon Flaig kritisierte die SingularitĂ€tsthese 2007 als trivial: Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit kennzeichne jedes historische Ereignis.[39]
Im Anschluss an die Thesen Ernst Noltes bestreitet StĂ©phane Courtois seit 1997 die SingularitĂ€t des Holocaust hinsichtlich der Opferzahlen und ideologischen Ursachen. Die Nationalsozialisten hĂ€tten mit ihren Konzentrationslagern auf Gulags im Stalinismus reagiert. Die Massenverbrechen in von der totalitĂ€ren Ideologie des Staatskommunismus beherrschten Systemen ĂŒberstiegen im Gesamtergebnis die des Holocaust weit. Dessen behauptete SingularitĂ€t habe diese historische Erkenntnis verstellt.[40]
Manche Forscher stellten einen auf völlige Ausgrenzung und teilweise Ausrottung zielenden Rassismus auch bei anderen Völkermorden fest, etwa beim Völkermord an den Nama und den Herero 1904 und beim Völkermord an den Armeniern 1909â1917. Die US-Autoren Ward Churchill und David Stannard beschrieben die allmĂ€hliche, etwa 400-jĂ€hrige weitgehende Dezimierung der Ureinwohner Amerikas (âIndianerâ) als mit dem Holocaust vergleichbaren, von einer Ausrottungsabsicht bestimmten Völkermord. Sie verbanden dies mit scharfen Angriffen auf US-Historiker, die an der SingularitĂ€t des Holocaust festhalten.[41]
Einige Historiker haben den NS-Massenmord an Roma und Sinti (âPorajmosâ) mit dem Holocaust verglichen, um so Gleichstellungs- und EntschĂ€digungsansprĂŒche von Opfernachfahren dieser NS-Verfolgten zu unterstĂŒtzen. Dies fĂŒhrte 1998/99 zu einer öffentlichen Kontroverse zwischen Yehuda Bauer und Gilad Margalit auf der einen, Romani Rose vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und dem Historiker Silvio Peritore auf der anderen Seite. Wolfgang Wippermann hĂ€lt im Ergebnis einer Studie von 2005 fest, der Genozid an Sinti und Roma sei ebenso singulĂ€r gewesen wie der an den Juden, da beide rassistisch motiviert und befohlen worden seien, auf Ausrottung gezielt hĂ€tten und systematisch vollzogen worden seien.[1]
Der ehemalige Bundesbeauftragte fĂŒr die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck warnte 2006 in einem Vortrag vor der Robert Bosch Stiftung davor, den Judenmord in eine Einzigartigkeit zu ĂŒberhöhen, die ihn dem Verstehen und der Analyse seiner Ursachen entziehe. Eine solche âEntweltlichung des Holocaustâ rĂŒcke das historische Geschehen in eine religiöse Dimension: Es erscheine nunmehr als âdas absolute Böseâ, aus dem âbestimmte postreligiöse Milieusâ eine Orientierung wĂŒrden zu gewinnen hoffen, die ihnen durch den Verlust des âKoordinatensystem[s] religiöser Sinngebungâ abgehe.[42]
Seit Mitte der 1960er Jahre wuchsen die historischen Detailkenntnisse zur DurchfĂŒhrung des Holocaust in den von NS-Deutschland besetzten Einzelstaaten. Jacob Presser beschrieb 1965 die nationalsozialistische Verfolgung der Juden in den Niederlanden, Leni Yahil 1969 in DĂ€nemark, Frederick Charry 1972 in Bulgarien, Meir Michaelis 1978 in Italien, Michael Marrus und Robert Paxton 1981 in Frankreich, Randolph Braham 1981 in Ungarn. Helen Fein verglich 1979 erstmals die DurchfĂŒhrung des Holocaust in verschiedenen LĂ€ndern.
Adalbert RĂŒckerl wertete bis 1977 Gerichtsakten aus NS-Prozessen zu den AblĂ€ufen in den NS-Vernichtungslagern aus. Helmut Krausnick und Hans Heinrich Wilhelm gaben 1981 eine grĂŒndliche Studie zu den Einsatzgruppen heraus. Eugen Kogon und andere dokumentierten 1983 den Einsatz von Giftgas in den NS-Vernichtungslagern.
Auch der Zusammenhang des Holocaust mit anderen NS-Massenverbrechen wurde seit etwa 1980 genauer untersucht. Christian Streit und Alfred Streim beschrieben 1981 und 1983 die Ermordung von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener. Diemut Majer analysierte die rechtliche Diskriminierung von âfremdvölkischenâ Gruppen in Deutschland seit 1933. Ulrich Herbert legte 1985 eine Studie zum NS-Umgang mit osteuropĂ€ischen âFremdarbeiternâ vor. Ernst Klee und Hans-Walter Schmuhl analysierten 1985 und 1987 die Euthanasie-Morde von 1939/40 an Anstaltspatienten in Deutschland und Polen. Viele dieser Detailforschungen flossen in neuere Gesamtdarstellungen ein, etwa den historiografischen Ăberblick von Michael Marrus (1987) und die von etwa 200 Historikern erstellte EnzyklopĂ€die des Holocaust (1989).
Die Ăffnung osteuropĂ€ischer Archive in den 1990er Jahren ermöglichte detaillierte Untersuchungen zur DurchfĂŒhrung des Holocaust in Einzelregionen anhand von Originalquellen. So erschienen Arbeiten ĂŒber die Judenverfolgung im Warthegau von Ian Kershaw (1992), in Lettland von Dieter Pohl (1993) und Andrew Ezergailis (1996), in Ostgalizien von Thomas SandkĂŒhler (1996) und Dieter Pohl (1997), im Distrikt Lublin von Bogdan Musial (1999), in WeiĂrussland von Christian Gerlach (1999), in Ostoberschlesien von Sybille Steinbacher (2000). Ralf Ogorreck legte 1996 eine neue Arbeit ĂŒber die Einsatzgruppen in der Sowjetunion vor.
Ferner wurde die Rolle verschiedener Teilbereiche von NS-TĂ€tern, Behörden und PlĂ€nen bei der Judenvernichtung nĂ€her untersucht. Götz Aly und Susanne Heim wiesen 1991 nach, dass bereits die PlĂ€ne der Ostforschung der NS-Zeit auf das âVerschwindenâ der Juden hinausliefen. Wieweit sie die realen Entscheidungen zum Holocaust mit beeinflussten, ist ungeklĂ€rt. 1995 beschrieb Aly den Holocaust als Beginn und Teil der umfassenden NS-VölkermordplĂ€ne zur Ănderung der Bevölkerungsstruktur Osteuropas. Christian Gerlach und andere stellten den Holocaust in den Kontext der gezielten deutschen Hungerpolitik in Osteuropa.
Zudem untersuchten Dieter Maier (1994), Wolf Gruner (1997), Norbert Frei, Bernd C. Wagner und andere (2000) das NS-System der Ausbeutung und âVernichtung durch Arbeitâ in besonderen Lagern, ArbeitsauftrĂ€gen und Behandlungsweisen fĂŒr vor allem jĂŒdische Zwangsarbeiter. Maier und Gruner zeigten dabei die Rolle deutscher Arbeits- und Gemeindeverwaltungen seit 1938, Alfons Kenkmann und Bernd A. Rusinek (1999) die der Finanzbehörden auf. Hannes Heer und Klaus Naumann haben 1995 die Rolle der Wehrmacht beim Holocaust, den sie als Teil des rassistischen Vernichtungskrieges darstellen, untersucht und betont. Robert Jan van Pelt und Deborah Dwork haben 1996 anhand der Architekturgeschichte von Auschwitz den Entscheidungsprozess zum Holocaust untermauert. Die bauliche, funktionale und soziale Entwicklung der ĂŒbrigen NS-Konzentrationslager haben Ulrich Herbert, Karin Orth und Christoph Dieckmann 1998, Karin Orth 2000 nochmals im Detail nachgezeichnet.
Die Regionalisierung und Diversifizierung der Forschung hat Ă€ltere Interpretationen des Holocaust als eines bĂŒrokratischen âVerwaltungsmordesâ, den ein relativ ĂŒberschaubarer HaupttĂ€terkreis vorwiegend aus ideologischen Motiven (Intentionalisten) oder aus konkurrierenden, verselbstĂ€ndigten Behördeninteressen (Funktionalisten) organisierte und vollzog, korrigiert. Peter Longerich resumierte 2002:[43]:
âJe mehr die Forschung von thematischen Querschnitten, regional angelegten Arbeiten und von Mikrostudien geprĂ€gt wird, desto mehr wird deutlich, dass es sich bei der Ermordung der europĂ€ischen Juden um ein gigantisches Massaker an Millionen von Menschen handelt, verĂŒbt von mehr als hunderttausend TĂ€tern und Helfern unter den Augen einer unabsehbar groĂen Zahl von Zeitgenossen, die in passiver Haltung Zeugen des Verbrechens wurden.â