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Die Holocaustkenntnis von Zeitzeugen aus der Zeit des Nationalsozialismus wurde ab den 1990er Jahren ein besonderes Forschungsthema. Ausgangspunkt dafĂŒr war der Zugang zu neuen Quellen und die Verlagerung von Forschungsschwerpunkten.
Inhaltsverzeichnis |
Davon haben wir nichts gewusst! Diese und Ă€hnliche Aussagen begegneten den Alliierten ab 1945 hĂ€ufig. Damit reagierten sehr viele Deutsche bei Vernehmungen und angeordneten Besuchen von befreiten Konzentrations- und Vernichtungslagern auf die Frage nach den NS-Massenmorden, besonders an den Juden. Ihre stereotype Antwort galt schon damaligen Beobachtern als Schutzbehauptung, die eine befĂŒrchtete Bestrafung abwehren sollte, oder als VerdrĂ€ngung.
Das behauptete Nichtwissen gilt als eins der letzten âTabus der Zeitgeschichteâ, das etwa durch systematische Aktenvernichtung des NS-Regimes, fortwirkende psychologische Abwehrmechanismen bei TĂ€tern[1] und spĂ€t veröffentlichte PrimĂ€r- und SekundĂ€rquellen begĂŒnstigt wurde.
Dazu gehören Geheimberichte von NS-Propagandabehörden, SS und Gestapo, Verhörprotokolle der Alliierten und regelmĂ€Ăige Umfragen des Allensbacher Meinungsforschungsinstituts aus den 1950er und 1960er Jahren: Darin erklĂ€rten zwischen 25 und 40 Prozent der befragten Deutschen (bezogen auf die Gesamtbevölkerung entsprach das 20 bis 35 Millionen Personen), die die NS-Zeit bewusst miterlebt hatten, sie hĂ€tten sehr wohl von den Massenmorden an Juden in den eroberten Gebieten Osteuropas gewusst.
Erst gut 50 Jahre nach Kriegsende begannen Historiker, das behauptete Nichtwissen zu ĂŒberprĂŒfen und die Haltung der deutschen Bevölkerung zu den NS-Verbrechen wissenschaftlich zu untersuchen. Diese VerspĂ€tung wird ebenso wie die relativ abstrakte, von Opferschicksalen losgelöste Gedenkkultur aus weiterwirkender VerdrĂ€ngung (Karola Fings) oder aus der Forschungslogik erklĂ€rt (Dieter Pohl): Erst nachdem die Ursachen und VerlĂ€ufe der NS-Verbrechen weitgehend aufgeklĂ€rt wurden, hĂ€tten Historiker die Frage nach der Haltung der Zivilbevölkerung sinnvoll stellen können. Die Forschung dazu ist auch durch den wachsenden Zeitabstand der noch lebenden Zeitzeugen, die immer weniger werden, erschwert. Ihre Eigenwahrnehmung werten Historiker zudem meist nicht als mit schriftlichen und sonstigen Dokumenten gleichrangige Quelle aus.
SĂ€mtliche staatliche MaĂnahmen (Gesetze, Verordnungen) gegen die Juden wurden bis 1939 vom NS-Regime selbst veröffentlicht. Einige wie der Judenboykott vom 1. April 1933 wurden vom Regime gezielt auch dazu in die Wege geleitet, um die Reaktionen der Bevölkerung darauf zu testen.
In den ab 1933 fĂŒr Regimegegner und andere unerwĂŒnschte Personenkreise eingerichteten Konzentrationslagern wurden die Juden bereits deutlich schlechter behandelt als die meisten anderen KZ-Insassen. Erfahrungsberichte entlassener HĂ€ftlinge bestĂ€tigten dies auch fĂŒr Nichtjuden,[2] waren aber wĂ€hrend des Regimes (und noch lange danach) nicht allgemein zugĂ€nglich. Viele der vor und im Krieg eingerichteten Lager lagen jedoch nahe bei deutschen Ortschaften, so dass die dortigen VorgĂ€nge vielen Einwohnern vor Ort bekannt waren oder werden konnten. So gab es anfangs im Konzentrationslager Dachau einen âTag der offenen TĂŒrâ fĂŒr die Bevölkerung, und die Staatsanwaltschaft Weimar nahm sogar einige einschlĂ€gige Strafanzeigen an, bis dies unterbunden wurde. Die HĂ€ftlinge der 23 innerdeutschen KZs und ihrer zahlreichen AuĂenlager wurden tĂ€glich durch deutsche Dörfer und StĂ€dte zu den Arbeitsorten gefĂŒhrt. Zudem waren einige Deutsche zeitweise in den KZs und Lagern beschĂ€ftigt oder leisteten Hilfsdienste, z. B. als Warenlieferanten, die sie zu Augenzeugen machten.
Die Enteignung (âArisierungâ) jĂŒdischen Besitzes machte viele Deutsche zu direkten oder indirekten NutznieĂern eines wichtigen Teilschrittes auf dem Weg zum Holocaust. Die Frage, was mit den enteigneten und nun vielfach nicht mehr ausreisefĂ€higen Juden geschehen sollte, drĂ€ngte sich besonders seit den Novemberpogromen 1938 allgemein auf. Darauf reagierten die NS-Zeitungen mit verstĂ€rkter antisemitischer Propaganda, die weitere Schritte wie die Errichtung von Ghettos und Lagern im Osten vorbereiteten.
FĂŒr hochrangige NSDAP-FunktionĂ€re und Mitarbeiter der NS-Behörden wurde die Absicht zur Judenvernichtung ab Herbst 1941 fast unverhĂŒllt ausgesprochen. SpĂ€testens seit der Wannseekonferenz im Januar 1942 waren die oberen Ebenen der Ministerien und NS-Behörden in die Planungen zur Deportation von Millionen Juden in Arbeits- und Vernichtungslager eingeweiht. Dass âEndlösungâ Vernichtung bedeutete, war den Konferenzteilnehmern bewusst, wie der Konferenzplaner und Protokollant, âJudenreferentâ Adolf Eichmann 1961 in seinem Prozess in Israel aussagte. In der zweiten seiner âPosener Redenâ sagte Heinrich Himmler zu den versammelten Gau- und Reichsleitern am 6. Oktober 1943:[3]
Die UnabhĂ€ngige Historikerkommission â AuswĂ€rtiges Amt untersuchte die Rolle des AuswĂ€rtigen Amtes in der Zeit des Nationalsozialismus und urteilte in ihrer nicht unumstrittenen Publikation, das AA sei Wegbereiter der âEndlösungâsowie aktiver UnterstĂŒtzer der Judendeportation und sogar der Judenvernichtung gewesen: âDie Mitwisser im Amt waren auch MittĂ€ter.â[4].
Der Judenreferent im AuswĂ€rtigen Amt, Franz Rademacher, scheute sich 1941 nicht, der Personalabteilung in seiner Dienstreise-Abrechnung unverhĂŒllt den wahren Zweck zu offenbaren: âArt des DienstgeschĂ€fts: Liquidation von Juden in Belgrad'â.[5].
Mitteilungen ĂŒber die Massenmorde hinter der Ostfront und in den Arbeits- und Vernichtungslagern waren den Beteiligten strengstens untersagt. Jedoch gab es auĂer den TĂ€tern relativ viele nicht direkt beteiligte Tatzeugen aus den dort stationierten MilitĂ€rverbĂ€nden. Einige an der Ostfront stationierten Soldaten machten mit privaten Fotoapparaten Aufnahmen von Misshandlungen und Hinrichtungen einzelner Juden, die in manchen privaten Fotoalben auftauchten. Auf dem Weg in den Heimaturlaub fuhren viele ZĂŒge von der Ostfront auf Strecken neben den Vernichtungslagern; LokfĂŒhrer von DeportationszĂŒgen und andere Bahnbedienstete kamen in ihre unmittelbare NĂ€he.[6] Das Erfurter Unternehmen Topf und Söhne, ursprĂŒnglich Ofenbauer, war an der Konstruktion, Inbetriebnahme und Wartung von Verbrennungsöfen sowie der EntlĂŒftungsanlage von Gaskammern in Birkenau beteiligt. Mehrere namentlich bekannte Firmenmitarbeiter hatten sich nachweislich tagelang in Auschwitz aufgehalten, dabei die BauplĂ€ne gesehen und die EntlĂŒftungsanlage sowie die Krematoriumsöfen montiert.[7]
Durch die Auswertung von abgehörten GesprĂ€chen unter HĂ€ftlingen der Alliierten weiĂ man seit 2011, dass der Holocaust in all seinen Formen unter den meisten Wehrmachtssoldaten bekannt war. Beobachter erzĂ€hlten ihren Kameraden in allen Details von MassenerschieĂungen, von den Problemen der SchĂŒtzen mit âĂberanstrengungâ beim Morden, besonders von Kleinkindern, von Gaswagen, von Leichenverbrennungen bei der Aktion 1005. Vielfach wurden Soldaten wie auch Anwohner von SS-Offizieren zum Zuschauen eingeladen, so dass es zu einem âExekutionstourismusâ kam.[8]
Gleichzeitig erzeugte die NS-Informationspolitik mit allgemeinen Andeutungen in Zeitungs- und Wochenschauberichten, die auf organisierte Judenvernichtung schlieĂen lieĂen, bewusst eine Art Mitwisserschaft der Deutschen. So sprach Adolf Hitler in reichsweit ausgestrahlten Reden offen von der âVernichtungâ der Juden, die er schon am 30. Januar 1939 fĂŒr den Fall eines neuen Weltkriegs âprophezeitâ hatte. Darauf kam er bis 1943 öfter â 1942 allein fĂŒnfmal â in wortgleicher Formulierung zurĂŒck: Von den Juden, die ihn fĂŒr seine âProphezeiungâ frĂŒher verlacht hĂ€tten, lachten inzwischen viele nicht mehr; bald wĂŒrde keiner mehr von ihnen lachen. Auch die deutsche Presse erwĂ€hnte diese Reden oft. Dass Hitler damit die laufende Vernichtung der Juden meinte, verstanden laut Saul FriedlĂ€nder viele Zuhörer, deren TagebucheintrĂ€ge die Reden vermerkten: darunter der OsnabrĂŒcker Bischof Hermann Wilhelm Berning, dem der Vollzug von Hitlers Vernichtungsabsicht im Februar 1942 klar war.[9]
Seit der auf den Polenfeldzug folgenden ersten Urlaubswelle fĂŒr Wehrmachtssoldaten im Winter 1939/40 sickerten immer mehr Einzelheiten ĂŒber die VorgĂ€nge in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten durch. An MassenerschieĂungen beteiligte Deutsche berichteten ihren Verwandten in Briefen oder beim Heimaturlaub davon. In Verbindung mit den Pressemeldungen ergab die âFlĂŒsterpropagandaâ dann allmĂ€hlich immer genauere Vorstellungen davon, was mit Juden âim Osten" geschah. Die im Oktober 1941 begonnenen Deportationen aus den deutschen GroĂstĂ€dten vollzogen sich öffentlich auf VersammlungsplĂ€tzen und Bahnhöfen und waren vielfach von groĂen Mengen Schaulustiger begleitet.[10] Auch die Einrichtung von Ghettos und groĂen Lagern wurden in Deutschland öffentlich bekannt gegeben. Ihr Zweck wurde jedoch fĂŒr die meisten Deutschen mit der typischen NS-Tarnsprache bemĂ€ntelt und verschleiert. Die Transporte dorthin wurden als âUmsiedelungâ oder âEvakuierungâ ausgegeben und waren von einer intensiven Hetzpropaganda begleitet. Deutsche Juden wurden dabei als âVolksfeindeâ, Verbrecher oder VerbĂŒndete der Kriegsgegner beschrieben, die entsprechend keine âVorzugsbehandlungâ verdient hĂ€tten. Dass mit Begriffen wie âUmsiedlungâ Massenexekutionen gemeint waren, war etwa in der westfĂ€lischen Stadt Minden vielen Einwohnern seit Ende 1941 bekannt. So schrieb Ruth Andreas-Friedrich am 2. Dezember 1942 in ihr Tagebuch: [11]
Seit der Niederlage in der Schlacht von Stalingrad und den alliierten Luftangriffen auf deutsche StĂ€dte trat die offene antisemitische Propaganda etwas zurĂŒck, da diese nun vermehrt auf UnverstĂ€ndnis und Unmut in Teilen der Bevölkerung stieĂ, den die Gestapo registrierte. Besonders der Versuch, das Massaker von Katyn als Vernichtungsabsicht der Sowjetunion gegenĂŒber allen Deutschen auszugeben, scheiterte: Den Meldungen aus dem Reich zufolge, in denen die Gestapo die Ăberwachungs- und Stimmungsberichte zusammenfasste, bezeichnete âein groĂer Teil der Bevölkerungâ die Aufregung um Katyn als âheuchlerisch, weil deutscherseits in viel gröĂerem Umfang Polen und Juden beseitigt wordenâ seien.[12] Der Kenntnisstand einzelner Personen wird durch Justiz- und Polizeiakten, TagebĂŒcher und Briefe deutlich. Eine zahlenmĂ€Ăige Aussage, wie viele Leute sichere Kenntnis oder Detailwissen besaĂen, lĂ€sst sich hieraus nicht ableiten.
Ab Juli 1942 sendeten die Auslandsabteilungen etwa der BBC regelmĂ€Ăig auch in deutscher Sprache Details zur Judenvernichtung. Eine frĂŒhe Reportage nannte erste Zahlen, noch ohne daraus auf eine Ausrottungsabsicht zu schlieĂen: Eine internationale Kommission gibt folgende Ziffern. In Deutschland sind von den etwa 200.000 Juden, die es 1939 dort gab, mindestens 160.000 verschleppt worden oder zugrunde gegangen. In Ăsterreich leben von 75.000 Juden höchstens noch 15.000, in Böhmen und MĂ€hren, wo es auch 80.000 Juden gab, gibt es nunmehr an die 10.000. Thomas Mann sprach ĂŒber den britischen Sender im September 1942 von âMassentötungen durch Giftgasâ.[13] Unter den millionenfach ĂŒber deutschem Gebiet abgeworfenen FlugblĂ€ttern der Alliierten war ein Text der WeiĂen Rose, der von dem Mord an 300.000 polnischen Juden berichtet, dem fĂŒrchterlichsten Verbrechen, âdem sich kein Ă€hnliches in der ganzen Menschheitsgeschichte an die Seite stellen kannâ.[14]
Das Abhören auslĂ€ndischer Radiosender galt als Rundfunkverbrechen, war in Deutschland streng verboten und konnte sogar mit der Todesstrafe geahndet werden, war aber dennoch weit verbreitet. Meist bezog sich die Neugier der Hörer, vor allem nach 1943, dabei freilich auf die FrontverlĂ€ufe. Da solche Meldungen oft mit Propaganda gegen die deutsche KriegfĂŒhrung vermischt waren, war ihre GlaubwĂŒrdigkeit fĂŒr die Deutschen nicht immer erkennbar.
In den letzten beiden Kriegsjahren gaben NS-Zeitschriften auch fĂŒr die nicht direkt beteiligten Partei- und Regimemitglieder immer deutlicher Details zum Holocaust bekannt. Die bisherige Geheimhaltungspolitik seitens der Wehrmacht wurde immer mehr gelockert, und es kam 1943 zu einem regelrechten âHinrichtungstourismusâ (Ernst Klee) von TĂ€terangehörigen, die bei einer MassenerschieĂung zuschauen wollten.[15] Die Vernichtungslager waren jedoch weiterhin abgeschirmt. In einem Artikel des Danziger Vorposten vom 13. Mai 1944 hieĂ es, das Judentum habe âweitere schwere EinbuĂen ... zu verzeichnen,â es seien fĂŒnf Millionen Juden âneutralisiertâ und âausgeschaltetâ worden.[16]
Die systematische Judenvernichtung mittels industrieller Methoden blieb den meisten Deutschen verborgen und war auch fĂŒr diejenigen, die ĂŒber Auslandssender oder Erfahrungsberichte von Soldaten davon gehört hatten, meist unvorstellbar. Ein damaliges Gesamtwissen ĂŒber AusmaĂ und DurchfĂŒhrung des Holocaust nehmen Historiker daher nicht an.
Doch auch dieses Defizit wird weniger auf Verbote, Restriktionen und MĂ€ngel zugĂ€nglicher Informationen, sondern eher auf psychologische Mechanismen zurĂŒckgefĂŒhrt. Das eigentliche RĂ€tsel blieb, warum trotz vieler Andeutungen von so vielen so effektiv âweggehörtâ wurde.
Neueste Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass trotz mangelnder Detailkenntnisse ĂŒber den genauen organisatorischen und technischen Ablauf spĂ€testens im Sommer 1943 die groĂe Mehrheit der Deutschen damit gerechnet hat, dass alle im NS-Herrschaftsbereich lebenden Juden umgebracht werden sollten.[17]
Ebenfalls ist darauf hingewiesen worden, dass die NS-Verbrechen ohne ein groĂes Heer von deutschen und nichtdeutschen Helfern aus den Bevölkerungen von Deutschland besetzter Staaten undurchfĂŒhrbar gewesen wĂ€ren. Das NS-Regime konnte vielfach auf Kollaborateure zurĂŒckgreifen, die etwa im Baltikum von sich aus aktiv wurden, um Juden aufzuspĂŒren, auszuliefern oder selbst zu ermorden.
Der britische Geheimdienst entschlĂŒsselte die Kodierung von Funkmeldungen der deutschen Polizei â nicht von SS und SD â im September 1939. Im Folgejahr entschlĂŒsselten britische und französische Abhörspezialisten fast alle aufgefangenen FunksprĂŒche der deutschen Polizeibataillone in den besetzten Gebieten Polens, auch nachdem deren Code geĂ€ndert wurde. Dadurch erfuhren sie frĂŒhzeitig von Zwangsumsiedelungen und Exekutionen im Generalgouvernement.
Im August 1941 Ă€nderten die Deutschen den Code der Polizeimeldungen in den besetzten sowjetischen Gebieten erneut. Dennoch konnten die Briten bis dahin etwa die HĂ€lfte, danach ein Viertel aller polizeilichen FunksprĂŒche auffangen und entschlĂŒsseln. Sie erkannten, dass Tarnbegriffe wie âSonderaufgabeâ Massenmord bedeuteten. So erfuhren sie von tausenden Massenhinrichtungen durch die Ordnungspolizei und die Waffen-SS hinter der Ostfront, die an die Höheren SS- und PolizeifĂŒhrer gemeldet werden mussten.
Premierminister Winston Churchill erhielt tÀglich Kurzberichte von dechiffrierten deutschen Polizeimeldungen und wöchentliche Zusammenfassungen daraus. In seiner Rundfunkrede vom 24. August 1941 gab er erstmals Teile dieses Wissens bekannt:
Er nannte also nur eine TĂ€tergruppe, nicht aber die Juden als Hauptopfergruppe und deutete die Morde als Reaktion auf sowjetische Kriegserfolge im Rahmen von Kampfhandlungen. Dies spiegelte die deutsche Gleichsetzung von Juden mit Bolschewiken und Partisanen.[18]
Durch den deutschen Doppelagenten Paul ThĂŒmmel erfuhren die Briten Ende Juli 1941 von MassenerschieĂungen an mĂ€nnlichen Juden in der Ukraine durch Wehrmachtssoldaten. Seit dem 28. August 1941 enthielten auch die Geheimdienstberichte an Churchill eindeutige Hinweise auf Juden als Opfer und Zahlen der Ermordeten mit steigender HĂ€ufigkeit und Tendenz. Am 12. September folgerte der zusammenfassende Bericht an ihn:[19]
Danach stellte der britische Geheimdienst gesonderte Mordberichte an Churchill ein. Am 13. September verbot Kurt Daluege den Höheren SS- und PolizeifĂŒhrern, Exekutionszahlen zu funken. Beides reagierte vermutlich auf Churchills Augustrede: Die Kriegsgegner wollten einander nichts mehr ĂŒber ihr Wissen ĂŒber die Massenmorde an Juden verraten. Zudem waren die Briten nun vorwiegend an Informationen ĂŒber den Kriegsverlauf interessiert. Dennoch erfuhren sie weiterhin von nun als âAktion nach Kriegsgebrauchâ getarnten Exekutionen und von der Zusammenarbeit zwischen SS, Polizei und Wehrmachtsteilen dabei.[20]
Ein Geheimbericht des Informationsministeriums vom 22. Januar 1942 stellte anhand regelmĂ€Ăig ausgewerteter Pressemeldungen und zensierter Privatpost aus ganz Europa klar:[21]
Nun wurde der begonnene Holocaust den Alliierten in immer mehr Details bekannt. Dieses allmĂ€hlich aus vielen Einzelteilen zusammengesetzte Wissen wurde in den Regierungen anfangs kaum Ernst genommen und dann nur zögernd der Ăffentlichkeit weitergegeben.[22]
Seit Oktober 1941 erfuhren britische Zeitungsleser von einzelnen deutschen Massenmorden an Juden Osteuropas, etwa von 45.000 deportierten Juden von Schitomir, Pogromen an Tausenden Juden in der Ukraine sowie etwa 6.000 ermordeten Juden von CzyĆŒew in Ostpolen. Diese Berichte gelangten vor allem ĂŒber die Jewish Telegraphic Agency, die polnische Exilregierung und einzelne osteuropĂ€ische Korrespondenten in die britische Ăffentlichkeit.
Ende Oktober erschien zuerst in Schweden, dann in der Londoner Times und im deutschsprachigen Exilantenblatt Die Zeitung ein Bericht ĂŒber Deportationen deutscher und österreichischer Juden in die besetzten Gebiete. Dort wĂŒrden sie auf die eine oder andere Weise umgebracht; dies solle alle deutschsprachigen Juden treffen. Es gebe ein umfassendes Programm fĂŒr Massenmorde.
Im November 1941 berichtete Richard Lichtheim, Vertreter der Jewish Agency for Palestine in Genf, an Chaim Weizmann, den PrĂ€sidenten der Jewish Agency: Ganze ZĂŒge mit deutschen, österreichischen und böhmisch-mĂ€hrischen Juden gingen nach Lodz und von da aus an unbekannte Orte weiter östlich, vermutlich bis nach Minsk. Er drĂ€ngte Weizmann, dies weltweit bekannt zu machen. Auf DrĂ€ngen von Gerhart M. Riegner, einem 1933 in die Schweiz geflohenen deutschjĂŒdischen Rechtsanwalt, sandte der JĂŒdische Weltkongress im Februar 1942 einen Bericht an das britische AuĂenministerium, der die Judenverfolgung in NS-Deutschland von Februar 1933 bis November 1941 auf 160 Seiten prĂ€zise dokumentierte.
WĂ€hrend des Krieges in den USA vorgenommene Umfragen zeigen, dass der Holocaust selbst fĂŒr die von freien Medien informierte US-Bevölkerung bis Ende 1944 vielfach nicht geglaubt wurde: Das AusmaĂ des Holocaust erleichterte seine Tarnung....[23]
HolocaustĂŒberlebende berichteten, dass die unmittelbar betroffenen Opfer ihr bevorstehendes Schicksal nicht ahnten oder trotz GerĂŒchten von den Vernichtungslagern nicht wahrhaben wollten:[24]
Konrad Löw schrieb dazu in der FAZ am 1. MÀrz 2007:[25]
Löw warf Historikern wie Peter Longerich, Saul FriedlĂ€nder, Ian Kershaw u. a. vor, solche Aussagen jĂŒdischer Quellen in ihren Untersuchungen zum Thema zu ĂŒbergehen.
Das seit 1938 gefĂŒhrte Tagebuch des Celler Ingenieurs Karl DĂŒrkefĂ€lden zeigt, dass man sich damals als Privatperson Informationen ĂŒber den Judenmord verschaffen konnte.[26] Er war oppositionell eingestellt und schrieb persönliche EindrĂŒcke auf, befragte gezielt Kollegen, Bekannte und Verwandte; er misstraute den offiziellen Nachrichten und ging Risiken ein, indem er Feindsender abhörte.[27]
Im Februar 1942 hörte DĂŒrkefelden auf einer Bahnfahrt einen deutschen Soldaten von Massenvernichtungen im Osten reden. Kurz darauf las er in der NiedersĂ€chsischen Tageszeitung, dass Hitler die Ausrottung der Juden angekĂŒndigt habe. Diese beiden BruchstĂŒcke fĂŒhrten ihn zu dem eigenen Schluss: Die Juden werden systematisch vernichtet. Im Juni 1942 bestĂ€tigten persönliche Berichte seines Schwagers und seines Arbeitgebers von Massenexekutionen bei Kiew und BiaĆystok ihn darin. Weitere Berichte von Soldaten auf Heimaturlaub kamen im Sommer dazu. Im Herbst 1942 hörte DĂŒrkefĂ€lden eine deutschsprachige BBC-Sendung mit Zahlenangaben ĂŒber Massenmorde an Juden. So drĂ€ngte sich ihm in diesem Jahr die Erkenntnis, dass die Deportationen der Juden aus Deutschland auf deren Vernichtung zielten, unabweisbar auf, ohne dass er selbst je an der Front oder in der NĂ€he von NS-Lagern war. Von einem in Wilna stationierten Soldaten, der zuvor Angestellter seiner Firma gewesen war, erfuhr er zudem im Januar 1943, dass âdie Juden aus Frankreich und anderen besetzten LĂ€ndern nach Polen geholt und dort teils erschossen, teils vergastâ wĂŒrden. Daraus kombinierte er ein relativ genaues Bild von der Dimension des Judenmordes, auch ohne etwas ĂŒber die Todesfabriken selbst zu erfahren.[28]
1943 schrieb Helmuth James Graf von Moltke, der durch die Judenverfolgung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus gebracht wurde: Mindestens neun Zehntel der Bevölkerung weià nicht, dass wir Hunderttausende von Juden umgebracht haben ... Sie haben immer noch die Vorstellung, dass die Juden nur ausgegrenzt worden sind und nun im Osten in Àhnlicher Weise wie vorher in Deutschland weiterlebten.[25] Dagegen schrieb Landesbischof Theophil Wurm am 21. September 1944 an einen Pastor der Deutschen Christen:[29]
Besonders die Besatzungsvertreter der USA konfrontierten die Deutschen in der Zeit nach 1945 mit den Folgen ihrer teils aktiven, teils passiven Zustimmung zum NS-Regime. Sie zwangen zum Beispiel Einwohner Weimars, das am 11. April 1945 befreite KZ Buchenwald, das nahe der Stadt lag, fĂŒnf Tage darauf zu besuchen, um Lebensmittelkarten zu erhalten. Margaret Bourke-White, Korrespondentin der Illustrierten Life im Nachkriegsdeutschland, beobachtete die Szene:[30]
Dies veranschaulichte nach ihrer Aussage beispielhaft, was sich so oder Àhnlich in vielen Orten des besiegten Deutschlands abspielte:
Volker Ullrich beschrieb die Reaktionen der meisten Deutschen angesichts des Grauens in der ZEIT am 21. April 1995 wie folgt:
Manche Zeitzeugen unter den Deutschen wiesen die Behauptung, nichts gewusst zu haben, bereits bei ihrem Aufkommen als ZwecklĂŒge zurĂŒck. Kurt Scharf, Mitglied der Bekennenden Kirche und spĂ€ter Landesbischof von Berlin-Brandenburg, schrieb dazu in einem Interview:[31]
Nach GrĂŒndung der Bundesrepublik 1949 erklĂ€rten Politiker wie Theodor Heuss, Richard von WeizsĂ€cker oder Helmut Schmidt[32], vom Holocaust keine Kenntnis gehabt zu haben. Schmidt Ă€uĂerte verschiedentlich, er habe weder von der âReichskristallnachtâ etwas mitbekommen noch je einen Judenstern gesehen. In einem Interview der FAZ vom 9. April 2005[33] antwortete er auf die Frage, wann er zum ersten Mal eine Idee davon gehabt habe, dass die Nationalsozialisten Verbrecher seien:
Auf die RĂŒckfrage, man habe doch gewusst, dass es Konzentrationslager gab, entgegnete Schmidt:
Auf den Hinweis auf die bei Hamburg gelegenen Konzentrationslager KZ Neuengamme und KZ Bergen-Belsen sagte Schmidt:
DemgegenĂŒber schrieb Franz Josef StrauĂ in seinen Lebenserinnerungen, er sei als Wehrmachtssoldat mehrfach Zeuge von MassenerschieĂungen von Juden im Osten gewesen.[34]
Albert Speer beteuerte im NĂŒrnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wie alle ĂŒbrigen angeklagten NS-TĂ€ter ein Nichtwissen vom Holocaust und versuchte dies bis zu seinem Tod glaubhaft zu machen. Er wurde durch neue Dokumentenfunde nachtrĂ€glich belastet: Er trieb selbst die Enteignung von Juden voran, profitierte persönlich davon und genehmigte Lieferungen von Baumaterial fĂŒr das KZ Auschwitz-Birkenau. Er bestritt jedoch stets, bei Himmlers Posener Reden anwesend gewesen zu sein, obwohl Himmler ihn laut redigiertem Redemanuskript einmal direkt ansprach. Da Speer in engem Kontakt mit Hörern der Rede stand, die ihn danach aufsuchten, gilt es als âschlicht unmöglichâ, dass er nichts davon erfahren hat.[35]
Hannah Arendt, vom nationalsozialistischen Regime 1937 ausgebĂŒrgert, publizierte seit 1943 vor allem ĂŒber den Holocaust. Sie schrieb Ende 1944 in ihrem amerikanischen Exil den Artikel Organisierte Schuld:
Diese Mitwisserschaft und das behauptete Nichtwissen der Deutschen vom Holocaust wurden bereits in der Nachkriegszeit von verschiedenen Wissenschaftlern analysiert. In ihrem zunĂ€chst nur in den USA erschienenen Essay Besuch in Deutschland. Die Nachwirkungen des Naziregimes[37] (1950) beschrieb Hannah Arendt die Teilnahmslosigkeit der deutschen Nachkriegsgesellschaft. WĂ€hrend in Europa wegen der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager tiefe Trauer herrsche, werde nirgends weniger ĂŒber die Verbrechen des Nationalsozialismus gesprochen als in Deutschland:
Stattdessen hörte sie von zahlreichen Geschichten ĂŒber die Leiden der Deutschen, die gegen die Leiden der anderen aufgerechnet wĂŒrden, wobei die âLeidensbilanzâ in Deutschland stillschweigend als ausgeglichen gelte:
Diese VerdrĂ€ngung erklĂ€rten Margarete und Alexander Mitscherlich in ihrer sozialpsychologischen Studie der Nachkriegsgesellschaft âDie UnfĂ€higkeit zu trauernâ 1967 anhand ihrer Therapiearbeit mit Zeitzeugen aus einer unbewussten Abwehr heraus. Diese diene ihnen dazu, sich der Konfrontation mit den NS-Verbrechen und ihrer passiven oder aktiven Beteiligung daran zu entziehen. Die Folgen seien âeine eingeschrĂ€nkte RealitĂ€tswahrnehmung und die Verbreitung stereotyper Vorurteileâ.[38]
Die Ăberzeugung, die Zeitgenossen hĂ€tten von den Morden nichts wissen können, war aber auch in der Linken weit verbreitet. So schrieb zum Beispiel Ulrike Meinhof 1972, die Anerkennung dieser Tatsache, das heiĂt âdaĂ wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechenâ, sei Voraussetzung fĂŒr eine breite UnterstĂŒtzung der RAF, âdenn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging.â[39]
US-Nachrichtendienste und Psychologen sammelten ihre Erfahrungen mit verhörten Deutschen in den letzten Kriegsmonaten. Die Verhörprotokolle der alliierten Armeen wurden jedoch erst Jahrzehnte spĂ€ter veröffentlicht. Als einer der Ersten hat der israelische Historiker David Bankier die Verhöre der US-Armee 1995 ausgewertet. Er bezeichnete ihr eindeutiges Ergebnis als âGeheimnis, das keines geblieben istâ: Fast jeder Deutsche habe gegen Kriegsende irgendeine Kenntnis von den NS-Verbrechen gehabt. Auch die Methode der Vergasung sei in âweiten Kreisenâ GesprĂ€chsthema gewesen. Viele Befragte hĂ€tten sich erleichtert gezeigt, erstmals frei darĂŒber sprechen zu können. Die Vernehmer beobachteten, dass âein merkwĂŒrdiges SchuldgefĂŒhl bezĂŒglich der Juden im Vordergrund gestandenâ habe, âeine unbehagliche Stimmung und hĂ€ufig ein offenes EingestĂ€ndnisâ von einem âgroĂen Unrechtâ.[40]
Bankiers Urteil folgten 2006 mit Peter Longerich, Frank Bajohr und Dieter Pohl auch einige deutsche Historiker. Longerich versuchte, die Verbreitung und Inhalte des Wissens der Deutschen vom Holocaust genauer zu erfassen. Er untersuchte dazu alle verfĂŒgbaren Quellen unter der Fragestellung, welche Informationen ĂŒber NS-Verbrechen welchen Kreisen damals zugĂ€nglich waren und sich in der deutschen Bevölkerung herumsprechen konnten:
Seit den letzten Jahren konzentriert sich die Holocaustforschung auf konkrete lokale und regionale AblĂ€ufe bei den Deportationen von Juden aus deutschen StĂ€dten: zum einen, um Einzelschicksale der Opfer so weit wie möglich aufzuklĂ€ren, zum anderen, um damalige Reaktionen und Beteiligung der Nichtjuden genauer zu ermitteln. Auch das Zentrum fĂŒr Antisemitismusforschung an der TU Berlin widmet sich seit einigen Jahren verstĂ€rkt der Aufhellung der Bevölkerungshaltung: So leitet Bernward Dörner ein Forschungsprojekt zum Thema Der Mord an den europĂ€ischen Juden und die deutsche Gesellschaft. Wissen und Haltung der Deutschen 1941 bis 1945.
Die neueren historischen Studien untersuchen die gegenseitige Beeinflussung von Regime und Bevölkerung und die verschiedenen lĂ€ngerfristigen und kurzfristigen Interessenlagen der Deutschen, die ihre Haltung zur Judenverfolgung erklĂ€ren. Nach Auffassung der fĂŒr den Regionalbereich Köln mit solchen Forschungen befassten Historikerin Karola Fings ist die historische Hauptfrage dabei nicht, was die Deutschen von den NS-Verbrechen wussten, sondern was sie wissen konnten, wenn sie es hĂ€tten wissen wollen.[41]
Longerich hat zunĂ€chst die Entwicklung der antisemitischen Propaganda und die Bevölkerungsreaktionen darauf fĂŒr jede Phase der NS-Herrschaft untersucht. Er kam mit dieser wissenschaftlichen Methodik zu dem dreifachen Ergebnis:
Antisemitische Kampagnen des Regimes seien im Kriegsverlauf zunehmend auf Skepsis, UnverstĂ€ndnis und Kritik gestoĂen, ohne jedoch auch nur AnsĂ€tze einer öffentlichen Opposition zur Judenverfolgung auszulösen. Die vorherrschende GleichgĂŒltigkeit und PassivitĂ€t hĂ€tten dazu gedient, sich jeder Eigenverantwortung fĂŒr Krieg, Kriegsverbrechen und Kriegsfolgen durch ostentative Ahnungslosigkeit zu entziehen. Dies habe dann in der verbreiteten Distanzierung vom eigenen Wissen gegenĂŒber den Siegern resultiert.
Anders als Longerich vermutet Armin Pfahl-Traughber in der mangelnden aktiven Beteiligung vieler Deutscher an antisemitischen NS-Kampagnen keine Distanz zum Antisemitismus, sondern nur eine Abneigung gegen das gewalttÀtige Vorgehen der Nationalsozialisten.[43]
Die Frage nach der Kenntnis vom Holocaust verband sich mit der Debatte um eine mögliche deutsche Kollektivschuld. Diese wurde jedoch auch von einigen Vertretern der Kriegsgegner Deutschlands zurĂŒckgewiesen. Diese bemĂŒhten sich in den NĂŒrnberger Prozessen intensiv darum, erstmals nach einem Weltkrieg nicht nur direkt AusfĂŒhrende, sondern vor allem die Initiatoren und Planer des Völkermords haftbar zu machen. Die innerdeutsche Kollektivschulddebatte wurde daher zum Teil ebenfalls als Ablenkung von eigener, individuell zurechenbarer Verantwortung gedeutet.
Wissen von nichtjĂŒdischen Deutschen
Individuelle Erfahrungsberichte
Wissen von Juden
Wissen der Alliierten
Allgemein