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Imre KertĂ©sz [ËimrÉ ËkÉrtes] (* 9. November 1929 in Budapest) ist ein jĂŒdisch-ungarischer Schriftsteller. Er erhielt den Nobelpreis fĂŒr Literatur im Jahre 2002.
Inhaltsverzeichnis |
Imre KertĂ©sz wurde am 9. November 1929 in Budapest geboren. Er stammt aus einer kleinbĂŒrgerlichen Familie. Wegen seiner jĂŒdischen Abstammung wurde KertĂ©sz 1944 als FĂŒnfzehnjĂ€hriger ĂŒber Auschwitz ins Konzentrationslager Buchenwald und in dessen AuĂenlager Wille in Tröglitz/Rehmsdorf bei Zeitz verschleppt. Er wurde am 11. April 1945 befreit und kehrte dann nach Budapest zurĂŒck.[1] Diese einjĂ€hrige, ihn bis heute prĂ€gende Zeit verarbeitete er zuerst in dem 1973 fertig gestellten Roman eines Schicksallosen.
Nach seinem Abitur 1948 fand Imre Kertész zunÀchst eine Anstellung als Journalist bei der Tageszeitung Vilågossåg, die er jedoch 1951 wieder aufgeben musste, da diese zum Parteiorgan der Kommunisten erklÀrt wurde.
Nach seinem MilitĂ€rdienst (1951â1953) lieĂ sich KertĂ©sz erneut in Budapest nieder und begann, als freier Schriftsteller und Ăbersetzer zu arbeiten. Seine Arbeit und Freiheiten als Schriftsteller wurden in seiner Heimat besonders nach dem Aufstand von 1956 durch die kommunistische Diktatur eingeschrĂ€nkt. Seinen Lebensunterhalt sicherte er sich zunĂ€chst mit dem Schreiben von Texten zu Musicals und kleinen TheaterstĂŒcken.
KertĂ©sz ĂŒbersetzte damals auch viel, unter anderen Werke von Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Joseph Roth, Ludwig Wittgenstein und Elias Canetti, welche allesamt sein eigenes Werk entscheidend prĂ€gten.
1960 begann er mit der 13-jĂ€hrigen Arbeit an dem Buch Roman eines Schicksallosen, das zu einem der bedeutendsten Werke ĂŒber den Holocaust zĂ€hlt. Die meisten seiner BĂŒcher sind autobiographisch inspiriert. In den 1990er Jahren veröffentlichte er selbstdokumentarische Aufzeichnungen ĂŒber die Jahre 1961 bis 1995.
Im Zusammenhang mit seinem (nicht ins Deutsche ĂŒbersetzten) TheaterstĂŒck Csacsifogat aus den 1950er Jahren sind gegen ihn 2002 von dem Autor und Dissidenten PĂĄl BĂĄn PlagiatvorwĂŒrfe erhoben worden. Diesen widerspricht KertĂ©sz.
Am 29. Januar 2007 war Imre KertĂ©sz Gastredner im Deutschen Bundestag anlĂ€sslich des offiziellen Gedenktages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Er las aus seinem Buch Kaddisch fĂŒr ein nicht geborenes Kind. [2]
Imre KertĂ©sz ist in zweiter Ehe verheiratet. Er lebt seit dem Jahr 2000 in seiner Wahlheimat Berlin.[3] KertĂ©sz hat sich wiederholt kritisch zur allgemeinen Lage in Ungarn geĂ€uĂert.[4][5]
Der Roman eines Schicksallosen bildet zusammen mit den BĂ€nden Fiasko, Kaddisch fĂŒr ein nicht geborenes Kind und Liquidation eine âTetralogie der Schicksallosigkeitâ.
1975 publizierte KertĂ©sz seinen ersten Roman SorstalansĂĄg (âSchicksallosigkeitâ) (dt. Mensch ohne Schicksal, 1990; NeuĂŒbersetzung Roman eines Schicksallosen, 1996), der auf seinen Erfahrungen von Auschwitz und Buchenwald aufbaut. Das Buch wurde nach seiner Veröffentlichung in einem staatlichen Verlag in Ungarn zunĂ€chst totgeschwiegen. Erst 1985 brachte ihm die Neuauflage in einem liberaleren politischen Klima die gebĂŒhrende literarische Anerkennung.
KertĂ©sz hat selbst gesagt: âDenke ich an einen neuen Roman, denke ich immer an Auschwitz.â Dies bedeutet dennoch nicht, dass SorstalansĂĄg etwa autobiographisch im einfachen Sinn des Wortes ist. KertĂ©sz Ă€uĂert dazu, dass er eine autobiographische Romanform verwende, aber keinen autobiographischen Roman geschrieben habe.
Das Buch wurde 2005 von Lajos Koltai unter dem Titel Fateless â Roman eines Schicksallosen verfilmt.
Die Erfahrung der Ablehnung von Sorstalansåg hat Kertész in A kudarc, 1988 (dt. Fiasko, 2000), geschildert. Hier zeichnet Kertész die schwierige Entstehungsgeschichte seines Romanerstlings und die Existenz eines Schriftstellers unter den Bedingungen einer Diktatur nach.
Dieser Roman wird als zweiter Teil der Tetralogie angesehen, deren dritter Teil Kaddis a meg nem szĂŒletett gyermekĂ©rt, 1990 (dt. Kaddisch fĂŒr ein nicht geborenes Kind, 1992) ist. In dem Roman geht es um die bleibenden Folgen der Schoa, um das Ăberleben nach Auschwitz. Kaddisch ist der Titel eines Gebets, das die Juden fĂŒr ihre Toten sprechen. In Kaddis a meg nem szĂŒletett gyermekĂ©rt taucht die Hauptgestalt György Köves aus SorstalansĂĄg und A kudarc wieder auf. In Form seines Kaddisch gibt das Buch den Monolog eines Schriftstellers und Holocaust-Ăberlebenden wieder, der nach Auschwitz kein neues Leben mehr in eine Welt setzen will, die die Existenz von Auschwitz zugelassen hat.
Den vierten Teil der âTetralogie der Schicksallosigkeitâ bildet das Werk FelszĂĄmolĂĄs, 2003 (dt. Liquidation, 2003). Darin wird ein TheaterstĂŒck, das ein Freund vor seinem Selbstmord geschrieben hat, fĂŒr einen Budapester Intellektuellen âzum Gegenstand obsessiven Gedenkens und Erinnernsâ [6] an den in Auschwitz geborenen Freund und an sein eigenes Leben.
âEs geht um Auschwitz und nicht um romantische Ironie. Es geht nicht um die heitere Unendlichkeit sich unablĂ€ssig spiegelnder Fiktionen. Es geht um Tod, Mord, Selbstmord und Liquidation. Held B. ist im Jahr 1944 in Auschwitz geboren und im Stalinismus groĂ geworden. Er hat, wie KertĂ©sz, das eine Lager mit dem anderen vertauscht. Doch anders als KertĂ©sz ertrĂ€gt er die im Jahr 1990 anbrechende Freiheit nicht. Denn eine Freiheit ohne Mauern ist, genau genommen, keine Freiheit, sondern ein Zustand. Ein Zustand, an den man sich gewöhnen kann. An den er sich nicht gewöhnen wollte. Er war, heiĂt es an einer Stelle, ein Schriftgelehrter. Es ist dieser Glaube an die Schrift als die einzige Wahrheit, der diesem Werk ĂŒber alle Beschwernisse hinweg groĂe WĂŒrde verleiht. Es ist ein Schriftglaube, wie man ihn aus den groĂen Kunstreligionen, aus den Schriften der Buchheiligen StĂ©phane MallarmĂ©, Gustave Flaubert oder Edmond JabĂšs â ihren TrĂ€umen von einem absoluten Buch ĂŒber Nichts â zu kennen meint. Aber das tĂ€uscht. Mit der poetischen Kabbala der vorletzten Jahrhundertwende hat dieser Schriftglaube nichts zu tun. Sein Ursprung liegt nicht im Salon, sondern im KZ. Seine Voraussetzung ist nicht Manierismus, sondern Zerstörung.[7]â
â Iris Radisch, © DIE ZEIT, 2003
KertĂ©sz verfasste auch ErzĂ€hlungen, Essays und Kurzromane. Darunter ist der 1977 in Ungarn erschienene Band A nyomkeresĆ (dt. Der Spurensucher, 1999). In der Titelgeschichte tritt der aus seinem Erstlingsroman bekannte Protagonist dreiĂig Jahre nach seiner Deportation nach Auschwitz-Birkenau diese Reise noch einmal an. Die âNeue ZĂŒrcher Zeitungâ schreibt dazu: âDer Sucher geht der grauenvollen Vergangenheit nach, die er jedoch vergebens heraufzubeschwören versucht. Nichts ist gleich geblieben, das Erlebnis ist verkĂŒmmert; ja sogar der Besucher muss feststellen, dass die Vergangenheit auch in ihm zu Schweigen geworden ist.â [8] Der zweite Kurzroman dieses Bandes ist in SĂŒdamerika angesiedelt und schildert den Mechanismus des Terrors aus dem Blickwinkel eines Mitglieds der politischen Polizei.</br> 1991 erschien ein Band mit essayistischer Prosa Az angol lobogĂł (dt. Die englische Flagge, 1999).
1992 veröffentlichte KertĂ©sz das GĂĄlyanaplĂł (dt. Galeerentagebuch, 1993). In dieser âGaleerenarbeit der Selbstdokumentationâ geht KertĂ©sz Fragen nach der Determiniertheit und Freiheit des Individuums sowie der verlorenen Möglichkeit seiner Entfaltung in einer totalitĂ€ren Welt nach. Das Werk ist ein Tagebuch in belletristischer Form. Es umspannt die Jahre 1961â1991 als eine Sammlung von Beobachtungen, Aphorismen und philosophischen Exkursionen aus dreiĂig Jahren. Das Werk spielt sich in inneren Dialogen mit Nietzsche, Freud, Camus, Adorno, mit Musil, Samuel Beckett und Kafka ab. KertĂ©sz versucht Holocaust, ModernitĂ€t, Totalitarismus und Freiheit zu Ende zu denken.
âMeine einzige IdentitĂ€t ist die des Schreibensâ, bekennt KertĂ©sz in Valaki mĂĄs. A vĂĄltozĂĄs krĂłnikĂĄja, 1997 (dt. Ich â ein anderer, 1998). Dieses Werk ist ein Art Fortsetzungsband zum Galeerentagebuch, der die Jahre 1991 bis 1995 umfasst, in denen sich das Leben KertĂ©sz' grundlegend verĂ€ndert hatte: Aus dem GefĂ€ngnisleben war ein rastloses Nomadenleben mit Lesereisen durch viele LĂ€nder geworden, an dem er Gefallen fand, das ihn andererseits in der stĂ€ndigen Zerstreuung auch bedrĂŒckte. KertĂ©sz sah sich genötigt, seine IdentitĂ€t neu zu definieren.
Ich â ein anderer ist eine Reise durch verschiedene StĂ€dte, Lebensphasen und durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Budapest, Berlin, Wien, Leipzig, MĂŒnchen, Tel Aviv â alles Orte, die der ErzĂ€hler in seinen Reisen aufsucht, auf Lesetour, fĂŒr einen Vortrag, um einen Preis entgegenzunehmen. KertĂ©sz legte 1997 mit diesem Buch einen Roman vor, der mehr noch als seine bisherigen Werke wie Roman eines Schicksalslosen oder Galeerentagebuch mit Autobiographischem verwoben ist oder sogar autobiographisch ist.
Gleichzeitig ist Ich â ein anderer auch das Zeugnis einer existenziellen Krise zwischen âLeben und Todâ, die der ErzĂ€hler, der seine IdentitĂ€t als âsich selbst schreibende IdentitĂ€tâ definiert, durchlebt: âMein Körper strebt Richtung Tod, mein Kopf dreht sich zum Leben um, mein FuĂ holt unschlĂŒssig zu einem Schritt aus. Einem Schritt wohin? Egal. Denn wer den Schritt tut, bin schon nicht mehr ich. Das ist ein anderer.â
Eine Art autobiographischen Kreuzverhörs prĂ€sentierte der Autor 2006 mit dem Titel K. dossziĂ© (dt. Dossier K.: eine Ermittlung, 2006). In einem monatelangen Dialog, den sein Freund Zoltan Hafner aufzeichnete, war die Idee einer Selbstbefragung geboren worden, in der sich das autobiographische Ich mit seinem eigenen eloquenten Kritiker auseinandersetzt. In einem Interview sagte KertĂ©sz der Stuttgarter Zeitung ĂŒber sein Lebenstrauma und die Rolle des Schreibens:
âWenn ich im Konzentrationslager ĂŒberleben will, muss ich seiner Logik folgen. Diese willentliche oder nicht willentliche Kollaboration ist die gröĂte Schande des Ăberlebenden, er kann sie nicht eingestehen. Der Schriftsteller kann es. Denn die Literatur besitzt eine besondere Aufrichtigkeit.[9]â
â Imre KertĂ©sz, (Stuttgart, 2006)
Viel mehr als seine Person â angesichts der Erfahrung von Auschwitz eine unsichere GröĂe â rĂŒckte KertĂ©sz sein Werk in den Vordergrund: âSein Selbstverhör zieht die Ă€sthetische Konsequenz dieser Erfahrungâ, kommentierte âdie tageszeitungâ und stellte weiter fest, KertĂ©sz habe nicht den Anspruch, âeine moralische Instanz zu sein. Eben deshalb ist er es.â[10]
KertĂ©sz wurde 1995 mit dem Brandenburgischen Literaturpreis, 1997 mit dem Leipziger Buchpreis zur EuropĂ€ischen VerstĂ€ndigung, dem Jeanette Schocken Preis der Stadt Bremerhaven, dem Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie fĂŒr Sprache und Dichtung, 2000 mit dem Herder-Preis, dem WELT-Literaturpreis und dem Pour le mĂ©rite fĂŒr Wissenschaft und KĂŒnste ausgezeichnet. Im Jahre 2001 erhielt er die Ehrengabe zum Adelbert-von-Chamisso-Preis und den Ehrenpreis der Robert-Bosch-Stiftung. Im Jahre 2002 wurde er mit dem Hans-Sahl-Preis und 2004 mit der Goethe-Medaille aus Weimar sowie dem GroĂen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet. FĂŒr sein schriftstellerisches Gesamtwerk wurde Imre KertĂ©sz im Jahre 2002 als erster und bislang einziger ungarischsprachiger Autor mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.[11] Seit 2003 ist KertĂ©sz Mitglied der Akademie der KĂŒnste, Berlin, Sektion Literatur. 2006 erhielt er die Ernst-Reuter-Plakette Berlins und den Wingate Literary Prize. Seit 2005 ist er Ehrendoktor der Freien UniversitĂ€t Berlin. Am 8. November 2006 fand in der Berliner Nikolaikirche die Ehrung des ungarischen LiteraturnobelpreistrĂ€gers mit dem Preis fĂŒr Verdienste um die deutsche und europĂ€ische VerstĂ€ndigung 2006 der Deutschen Gesellschaft e. V. statt. Die Deutsche Gesellschaft wĂŒrdigte damit einen Autor, dessen literarisches Lebenswerk exemplarisch fĂŒr die Auseinandersetzung mit der europĂ€ischen Geschichte des 20. Jahrhunderts steht. âVölkerverstĂ€ndigung durch AufklĂ€rung, das ist es, was wir Imre KertĂ©sz verdanken.â (Jutta Limbach, PrĂ€sidentin des Goethe-Instituts und Laudatorin des PreistrĂ€gers). 2007 erhielt Imre KertĂ©sz den Marion-Samuel-Preis der Augsburger Stiftung Erinnerung, 2009 den Jean-AmĂ©ry-Preis. Im Jahre 2008 ist KertĂ©sz Imre in Berlin mit dem âPreis fĂŒr VerstĂ€ndigung und Toleranzâ geehrt worden. Im Oktober 2010 hat die Friedrich-Schiller-UniversitĂ€t Jena das Imre KertĂ©sz Kolleg. Europas Osten im 20. Jahrhundert. Historische Erfahrungen im Vergleich eingerichtet.[12]
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| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kertész, Imre |
| KURZBESCHREIBUNG | ungarischer Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 9. November 1929 |
| GEBURTSORT | Budapest |