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Als Indianerkriege wird im Wesentlichen die Unterwerfung der Indianer Nordamerikas durch die weißen Siedler bezeichnet, die zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert stattfand. Ihr Anfang wird gewöhnlich mit dem Krieg der virginischen Kolonisten gegen die Powhatan-Föderation ab dem zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts datiert, ihr Ende mit dem Massaker am Wounded Knee im Dezember 1890. Als bekanntestes Ereignis der Indianerkriege gilt die Schlacht am Little Big Horn 1876, in der eine aus Sioux, Cheyenne und Arapaho bestehende Indianerstreitmacht der US-Armee eine spektakuläre Niederlage zufügte.
Welche Konflikte genau unter den Begriff „Indianerkriege“ fallen und welcher zeitlich-geografische Rahmen sie am besten umfasst, ist nicht eindeutig festgelegt. In der Regel kommt der Begriff bei folgenden Konflikten und Konfliktphasen zur Anwendung:
In Darstellung und öffentlicher Wahrnehmung genießen die aufgeführten Phasen unterschiedliche Aufmerksamkeit. Geschichtliche Abhandlungen in Europa und in den USA charakterisieren mit dem Begriff meist jene Abfolge kriegerischer Auseinandersetzungen, die mit der Besiedlung des Territoriums der heutigen USA einhergingen. Eine engere Sichtweise fokussiert stark bis ausschließlich auf die Indianerkriege mit den Prärie-Indianern im 19. Jahrhundert – insbesondere in der Periode zwischen 1860 und 1890, als die Auseinandersetzungen mit den noch freilebenden Stämmen einen gewaltsamen Abschluss fanden. Zusätzlich befördert wird dieser Blickwinkel durch das geläufige, allseits präsente Bild vom Wilden Westen. Während die herkömmliche, vorwiegend an Staaten und Nationen ausgerichtete Geschichtsforschung Indianerkriege eher als Nebenaspekt der US-amerikanischen Siedlungsgeschichte thematisiert, favorisieren aktuelle Historiker einen epocheübergreifenden, stärker kulturanthropologischen Blick. In diesem Kontext sind sie lediglich ein Teilaspekt des Zusammenpralls unterschiedlicher und unterschiedlich entwickelter Kulturen und Gesellschaften. Eng damit zusammenhängt, dass die sich ausdehnenden Siedlungen auf unterschiedliche Indianerkulturen stießen und diese in der Folge auf unterschiedliche Art veränderten.[1]
Zwei Schlüsselbegriffe kommen bei der Charakterisierung dieser Kriege regelmäßig zur Anwendung: Land und Frontier.[2] Ursächlicher Anlass war in den meisten Fällen der Konflikt um Land. Ab dem Jahr 1608 kam es zunächst in Virginia, dann auch im Gebiet des heutigen Neuengland sowie den Küstenabschnitten dazwischen zu Siedlungsgründungen der ersten, zumeist englischen Auswanderer. War in den ersten Jahrzehnten ein Zusammenleben aufgrund der geringen Zahl der europäischen Einwanderer und der Indianer sowie des weiten, zur Verfügung stehenden Raumes noch möglich, änderte sich das rasch ab Mitte des 17. Jahrhunderts. Mit den stetig größer werdenden Einwanderungswellen überschnitten sich indianische Interessen und europäische Territorialansprüche. Konflikte ergaben sich aus den unterschiedlichen Vorstellungen von Grenzen, Territorien und Besitzrechten. Mit dem stetigen Verschieben der Siedlungsgrenze nach Westen verschärften sich auch die Konflikte. In deren Verlauf wurde die amerikanische Urbevölkerung mehr und mehr zurückgedrängt, in weiter entfernte beziehungsweise entlegene Gebiete verdrängt und schließlich in Reservate zwangsumgesiedelt. Einher ging dieser Prozess mit einer zunehmenden Zerstörung der indianischen Lebensgrundlagen. Spektakulärstes Beispiel ist die Vernichtung der riesigen Bisonherden, welche die Lebensgrundlage der Präriestämme bildeten. Die Indianerkriege selbst waren in diesem Prozess eine Abfolge manchmal kleinerer, manchmal auch größerer Auseinandersetzungen zwischen Einwanderern, Siedlern und/oder Soldaten sowie einzelnen Stämmen oder Föderationen aus mehreren Stämmen.
Flankiert wurden die einzelnen Kriegskampagnen sowie die dazwischen liegenden Ruhephasen von einer Vielzahl unterschiedlicher Verträge, Abkommen sowie einseitiger Proklamationen. Einige – beispielsweise der Indian Removal Act zur Umsiedlung der östlichen Indianer in Gebiete westlich des Mississippi oder auch der Vertrag von Laramie 1868 – gelten als wichtige Wegmarken in der Geschichte der Indianerkriege. Die Praxis, einen rechtlichen Status zu etablieren, reicht jedoch zurück bis in die Zeit der Entdeckung. Die Spanier agierten gegenüber den Ureinwohnern in der Karibik, Mittel- und Südamerika unterschiedlich. Zur typischen Praxis avancierte im Verlauf des 17. Jahrhunderts das sogenannte Requerimiento – eine mit Kriegsdrohung verbundene Aufforderung zur Unterwerfung.[3] Die von den Engländern, Franzosen und Holländern sowie den späteren USA getätigten Landnahme- und Friedensabkommen kehrten in der Regel zwar stärker den Aspekt von Abkommen zwischen gleichberechtigten Partnern hervor. Nichtsdestotrotz war auch die Vertragspraxis auf dem nordamerikanischen Kontinent von zahlreichen Widersprüchlichkeiten geprägt. 1871 setzten die USA die Praxis, mit den Indianerstämmen Verträge abzuschließen gänzlich aus und zwangen die noch freilebenden Stämme, sich in Reservaten unter die Verfügungsgewalt der US-Regierung zu stellen.
Während Kontrolle und Besitz von Land meist wesensbildende Kriegsauslöser waren, kennzeichnet der Begriff Frontier den Charakter der Siedlungsgrenze zu den jeweiligen Indianergebieten. Erstmals aufgetaucht war er im Jahr 1677 – zur Kennzeichnung des Unterschieds zwischen Koloniezentren und Peripherie.[4] Zwischen der Anlandung der ersten Kolonisten 1608 und dem offiziellen Ende der Indianerkriege1890 verschob sich die Frontier – und damit auch der Schauplatz von Indianerkriegen – stetig nach Westen. Im Jahr 1650 konzentrierten sich die Ansiedlungsgebiete noch auf einige schmale Landstreifen an der Ostküste (Virginia-Kolonie, Neuengland-Kolonien, Mittelatlantik-Kolonien; Ansiedlungen der Franzosen und Briten in Kanada). Fünfzig Jahre später war das Hinterland einbezogen und indianische Restpopulationen auf insulare Gebiete zurückgedrängt. Bis 1750 hatte sich die Siedlungsgrenze zu den Appalachen und Großen Seen vorgeschoben. In den Jahrzehnten nach dem US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wurde das Ohio-Gebiet und der Alte Nordwesten erst zur „Frontier“, dann Teil des besiedelten Territoriums der Vereinigten Staaten. Bis 1850 bildete der Mississippi die Grenze zum Indianerterritorium. Nachdem 1838 die letzten östlichen Stämme in Gebiete westlich des Stroms zwangsumgesiedelt worden waren, gerieten auch die Territorien westlich davon immer stärker in den Blickpunkt.[5] Zur traditionellen Siedlungsgrenze, der Farmer Frontier, gesellten sich im Zug der wirtschaftlichen Erschließung weitere Frontiers – die Miners Frontier der Goldsucher (Kalifornien, Colorado, Montana) oder die Cattlemen’s Frontier der Cowboys und Rinderzüchter (Texas, Kansas, Wyoming).[6]
Auch in Kanada sowie in Mittel- und Südamerika gab es Auseinandersetzungen, die mit dem Begriff Indianerkriege etikettiert wurden und werden.[7] Allerdings spielte das Hauptcharakteristikum einer kompakten, stetig vorrückenden Siedlungsgrenze dort eine weitaus geringere Rolle. Trotz der zum Teil blutigen Eroberungsgeschichte mischten sich europäische Eroberer und Einwanderer dort weitaus stärker mit der indianischen Urbevölkerung als in den USA. Unterschiedlich zusammengesetzte Gesellschaften aus (relativ »reinblütigen«) Nachfahren von Europäern, Mestizen, indigener Bevölkerung sowie Nachfahren schwarzer Sklaven sind für die lateinamerikanischen Gesellschaften bis auf den heutigen Tag charakteristisch. Darüber hinaus sind auch die Begrifflichkeiten andere. Während für die nordamerikanischen Nachfahren der Ureinwohner der Begriff Indianer geläufig ist, bezeichnet man die indigene Bevölkerung in den lateinamerikanischen Ländern gemeinhin als Indios. Obwohl die für Indianerkriege typische Konstellation „Grenzkriege plus damit einhergehender ‚Clash der Kulturen‘“ in der Geschichte Lateinamerikas eine deutlich geringere Rolle spielt, gab es auch dort eine Reihe zum Teil erbittert geführter Indianerkriege. Beispiele: der Krieg gegen die Mapuche in Patagonien 1851 oder Auseinandersetzungen, die mit der Landnahme in entlegenen Gebieten einhergingen – etwa im Amazonasbecken oder dem Gran Chaco in Paraguay. Eher selten mit dem Begriff Indianerkriege belegt werden hingegen laufende, zum Teil bewaffnete Konflikte mit indigenen Bevölkerungsmehrheiten wie zum Beispiel in Guatemala oder anlässlich des Aufstands der Zapatisten in der südostmexikanischen Provinz Chiapas.
Im Zuge des wachsenden Interesses am Schicksal der verbliebenen Ureinwohner ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückten weitere charakteristische Merkmale in den Blickpunkt, die mit der Landnahme der europäischen Einwanderer verbunden waren. Einhellige Übereinstimmung besteht heute darüber, dass 90 Prozent der indigenen Bevölkerung nicht im Zug bewaffneter Konflikte ums Leben kam, sondern im Zuge von Epidemien, welche die europäischen Eroberer eingeschleppt hatten. Dies gilt sowohl für Nord- als auch Lateinamerika. Umgekehrt wurde die Anzahl der Menschen, die vor der Entdeckung die beiden Subkontinente bevölkerten, in den letzten Jahren deutlich nach oben korrigiert. Aktuelle Zahlen gehen nicht mehr von einer Million aus wie früher üblich, sondern von einer Population von 5 bis 12 Millionen.
Erste Kontakte zwischen Indianischen Ureinwohnern und weißen Kolonisten fanden bereits vor dem Beginn der Neuzeit statt. Obwohl die Besiedlungsversuche der Wikinger auf dem nordamerikanischen Kontinent nach wie vor großteils im Dunkeln liegen, gelten das gewaltsame Ende der zweiten und dritten Vinland-Kolonie 1004 und 1009 als historisch verbürgt. Die erste Landung – ungefähr zur Jahrtausendwende – war lediglich sporadischer Natur: Leif Eriksson, ein Sohn Eriks des Roten, errichtete mit rund 30 Siedlern eine kleine, temporäre Siedlung an der neufundländischen Küste. Vier Jahre später führte Leifs Bruder Thorwald eine größere Expedition an. Nach einem Zusammenstoß mit Indianern (vermutlich von Stamm der Beothuk) kehrte auch diese Gruppe nach Grönland zurück. Ein dritter Versuch, Vinland zu besiedeln, scheiterte fünf Jahre darauf. Thorfinn Karlsefni und seiner aus rund 160 Siedlern bestehende Gruppe gelang es offensichtlich, Handel mit den Indianern zu betreiben. Nachdem es jedoch abermals zu Kämpfen gekommen war, verließ diese Siedlergruppe ebenfalls die neufundländische Küste.[8]
Zu anhaltenden Kontakten zwischen amerikanischen Ureinwohnern und Europäern kam es erst infolge der Entdeckungsreisen von Christoph Kolumbus. Kolumbus beschrieb die Taino auf Guanahani als gastfreundlich und friedlich. Nichtsdestotrotz nahm er zehn von ihnen gefangen und brachte sie – angeblich in der Absicht, sie zu missionieren – als Sklaven nach Spanien.[9] Die Taino und andere Arawak-Stämme leisteten den spanischen Eindringlingen Widerstand. Sie scheiterten allerdings an den überlegenen Waffen sowie den Infektionskrankheiten, welche die Eroberer einschleppten. In dem Jahrzehnt nach 1492 starben hunderttausende. Die letzten Kämpfe wurden erst 1533 beigelegt. Von den Taino blieben nur wenige hundert übrig.[10] Auf ähnliche Weise brachen die spanischen Eroberer den Widerstand der mittel- und südamerikanischen Hochkultur-Reiche der Azteken und Inka. Mit List, Bestechung, dem Einsatz von überlegener Technologie sowie brutaler Gewalt gelang es wenigen hundert Spaniern, die aufgeführten Reiche zu unterwerfen. Eine wichtige Rolle dabei spielte das Ausnutzen von Animositäten und Feindschaften zwischen einzelnen Stämmen, Völkern und Reichen. Mit nur 400 spanischen Soldaten eroberte Hernando Cortés 1519 Tenochtitlán, die Hauptstadt der Azteken.[11] Ein ähnliches Schicksal wiederfuhr den Nachfahren der Maya in der südlichen Provinz Yucatán. Francisco de Montejo, ein Veteran aus der Truppe von Hernando Cortez, eroberte die Halbinsel mit rund 400 Soldaten. Insgesamt wurde die Eroberung Mexikos zwar durch vereinzelte Rückschläge verlangsamt. Nur wenige Jahrzehnte nach Cortés’ Abenteuer hatten die Spanier allerdings ihre Herrschaft über das zentral- und südmexikanische Territorium konsolidiert. Tenochtitlán wurde 1535 in Mexiko-Stadt umbenannt und avancierte zum Verwaltungssitz des neugegründeten Vizekönigreichs Neuspanien. Schätzungen zufolge reduzierte sich die Anzahl der indigenen Bevölkerung bis 1567 auf ein Zehntel des Bestandes von 1519 – von rund 25 auf 2,5 Millionen.[12]
Wichtigster Motivationsgrund der lateinamerikanischen Eroberungen waren die Edelmetall-Bestände der großen Indianerreiche. Die Unterwerfung der dritten Indianer-Hochkultur – der Inka durch Francisco Pizarro 1532 – folgte dem beschriebenen Muster. Die Gold- und Siberabfuhren der spanischen Amerika-Kolonien ab dem 16. wurden so bedeutend, dass sich die Großmacht-Ambitionen der spanischen Krone zunehmend auf diese Währung stützten. Die Hoffnung auf die Entdeckung neuer Goldvorkommen führte spanische Eroberer unter anderem auch nach Florida. Der Konquistador Juan Ponce de León hatte zunächst wenig Glück. Bei seinen Erkundungsfahren 1513 und 1521 geriet er in Scharmützel mit den dort ansässigen Calusa-Indianern. Später gegründete Küstensiedlungen (Fort Caroline und Pensacola) hatten nur zeitweilig Bestand. Eine dauerhafte Siedlung gelang den Spaniern erst mit der Gründung von San Agostine (heute: St. Augustine) im Jahr 1565.[13] Weiter nördlich, an der Küste des heutigen Georgia, schlug die Etablierung dauerhafter Niederlassungen ebenfalls fehl. Im Zuge der sogenannten Juanillo-Rebellion vertrieben Indianer im Jahr 1597 die Mitarbeiter dort ansässiger Jesuiten-Missionsstationen.
Die Besiedlung der nördlichen Gebiete von Neuspanien – ungefähr das Gebiet, dass heute den Südwesten der USA bildet – gelang den Spanier erst im Verlauf des 17. Jahrhunderts. In den 1530er- und 1540er-Jahren waren spanische Eroberer auf die Stämme der Pueblo-Kultur gestoßen – sesshafte Indianervölker, die in den Bergen des heutigen New Mexico lebten und zu denen unter anderem die Zuñi und Hopi gehörten. Eine berühmte Expedition unternahm 1640 der Konquistador Francisco Coronado. Sie führte ihn über den Colorado River und die Rocky Mountains bis ins Gebiet des heutigen Utah. 1607 wurde als Handelsposten die Stadt Santa Fe gegründet. Als bedeutender Stützpunkt avancierte sie bald zum Sitz des Gouverneurs der nordmexikanischen Provinz Nuevo Mexico. Ein großer, allgemeiner Aufstand gegen die spanische Herrschaft fand rund 70 Jahre später statt – im Jahr 1680. Von den Ursachen her war der Pueblo-Aufstand eine Reaktion auf die drakonischen Herrschafts- und Bestrafungspraktiken der Spanier sowie das Zwangsarbeits-System, welches sie auf ihren Landgütern durchzusetzen versuchten. Im Verlauf der Revolte gelang es der rebellierenden Indianer-Streitmacht nach nur kurzen, dreitägigen Kämpfen, Santa Fe einzunehmen. Die überlebenden spanischen Kolonisten – circa 2000 an der Zahl – flohen nach El Paso. Popé, der Anführer der Rebellion ernannte sich selbst zum Gouverneur. Erst zwölf Jahre später, 1692, gelang es den Spaniern, das Gebiet zurückzuerobern.[14]
Auch im Gebiet der kanadischen Ostküste kam es im Verlauf des 16. Jahrhunderts zu ersten Kontakten zwischen Indianern und Europäern. Seit 1525 wurde die Küste regelmäßig von französischen Walfängern frequentiert. Der Seefahrer und Entdecker Jacques Cartier traf 1534 an der Küste der akadischen Halbinsel auf die Micmac, einen rund 10.000 Personen umfassenden Stamm der Algonkin. Bei einer weiteren Fahrt den Sankt-Lorenz-Strom hinauf gastierte Cartier auch bei den Irokesen. In den Folgejahrzehnten errichteten die Franzosen weitere Handelsniederlassungen. In der Hauptsache dienten diese dem Handel mit Biberfellen.[15] Anders als die englischen Kolonisten im Süden waren die Franzosen weniger an der Etablierung von Siedlungskolonien interessiert. Stattdessen knüpften sie ein ebenso weitläufiges wie effektives Handelsnetz. Französische Händler, Fallensteller und Abenteurer steckten mit ihren Erkundungsreisen zu den Großen Seen und dem Mississippi den territorialen Rahmen ab für das spätere Neufrankreich – das das von Louisiana im Süden bis zur Hudson Bay im hohen Norden reichende Kolonialgebiet der französischen Krone.
Von Anfang an standen die französischen Niederlassungen in Konkurrenz zu englischen Seefahr-, Erkundungs- und Handelsunternehmungen. Allerdings waren die Engländer zunächst eher daran interessiert, die lang gesuchte Nordwestpassage zu finden. Der Grund: verkürzte Handelswege zum Fernen Osten. Ungefähr zeitgleich mit der Errichtung der ersten Siedlungskolonien an der späteren US-Ostküste siedelten sich an der kanadischen Ostküste – in Akadien, Neuschottland und am Sankt-Lorenz-Strom die ersten Siedler an. 1608 wurde die Niederlassung Québec gegründet, 1642 Montreal. Während Akadien eine französisch dominierte Kolonie blieb, ließen sich in Neuschottland zunehmend auch Schotten und Iren nieder. Auseinandersetzungen zwischen Indianern und Indianern, in die die Franzosen hereingezogen wurden sowie Auseinandersetzungen mit Siedlern auf der weit im Norden gelegenen Neufundland-Insel gab es zwei: Zum einen den sogenannten Tarrantiner-Krieg – eine fast ein Jahrzehnt währende Serie von Scharmützeln zwischen den Micmac und der Penobscot-Föderation. Der zweite Konflikt war die zunehmend in Vernichtung ausartende Verfolgung der Beothuk auf Neufundland. Sie begann 1613 als Auseinandersetzung zwischen nördlichen Micmac und den Beothuk. Nachdem schottische Siedler sich an der Bekämpfung der Beothuk mit beteiligten, wurde aus dem Konflikt ein schleichender, langandauernder Genozid. Ergebnis: Anfang des 19. Jahrhunderts hatte der Stamm praktisch aufgehört zu existieren.[16]
Die Gründung britischer Siedlerkolonien an der nordamerikanischen Atlantikküste zu Beginn des 17. Jahrhunderts gilt als ursächlicher Auslöser für die Indianerkriege der folgenden 300 Jahre. Die landförmige Inbesitznahme des Terrains hatte eine stetige Vermehrung von Siedlungen sowie, damit einhergehend, eine rasch wachsende Anzahl von Kolonisten zur Folge. Wurden die Gründungssiedlungen noch von wenigen hundert Kolonisten bewohnt, betrug die Anzahl der in den Dreizehn Kolonien lebenden Personen am Vorabend des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs bereits um die 2 Millionen. Die Grenze zum Indianerland verschob sich im Lauf dieser Periode von vereinzelten Siedlungen an der Atlantikküste hin zu einer geschlossenen, ungefähr von den Appalachen bis zu den Großen Seen verlaufenden Siedlungsgrenze.
Die englischen Kolonisten in Jamestown (1607) und Neuengland (1620) waren nicht die ersten. Bereits in den 1580er-Jahren hatte auf Roanoke Island vor der Küste des heutigen North Carolina ein erfolgloser Kolonisierungsversuch stattgefunden.[17] Auch bei diesem war es schnell zu ersten Konflikten mit Indianern gekommen. Obwohl die Kolonisten von Lebensmittellieferungen der Indianer abhängig waren, brannten sie wegen eines vergleichsweise geringfügigen Anlasses (ein angeblich gestohlener Silberpokal) ein Indianerdorf nieder und vernichteten die Ernte. Der Kommandeur der Kolonie, Richard Grenville, beschrieb die Aktion in lapidarem Tonfall: „Wir haben ihren Mais geplündert und ihr Dorf verbrannt.“ [18] Um das Ende des zweiten Besiedlungsanlaufs, der Lost Colony, ranken sich bis heute unterschiedliche Mythen. Zum einen wegen einer rätselhaften Nachricht, welche als einziges verbürgtes Lebenszeichen der verbliebenen 115 Kolonisten gilt. Zum zweiten wegen Virginia Dare, des nachweislich ersten auf amerikanischem Boden geborenen Siedlerkindes.[19]
1607 gründeten 105 englische Siedler Jamestown – die erste dauerhafte Ansiedlung an der US-amerikanischen Ostküste.[20] Initiiert worden war die Kolonie von der Virginia Company – einer englischen Handelsgesellschaft, die ein königliches Charter zum Betreiben der Ansiedlung erwirkt hatte. Das Verhältnis zu den Stämmen der Powhatan-Föderation, welche die Region um die Chesapeake Bay und die Mündung des James River dominierten, gestaltete sich von Anfang an konflikthaft. Die ersten Jahre der Kolonie waren von einem fragilen Wechsel aus Feindseligkeiten und Beschwichtigungsversuchen geprägt. Zu einer Legende der US-amerikanischen Gründungsfolklore avancierte die Häuptlingstocher Pocahontas. Ob die „Indianerprinzessin“ dem Koloniegründer John Smith tatsächlich das Leben gerettet hat, ist nicht sicher verbürgt. Sicher ist, dass sie den Tabakpflanzer John Rolfe heiratete und nach einem Besuch in England an einer Krankheit verstarb.[21]
Die virginischen Kolonisten führten zwei Kriege gegen die Powhatan. Der erste Powhatan-Krieg begann nach Übergriffen der ersten Siedler und zog sich – mit Unterbrechungen – bis in die 1620er. Jamestown wurde in seinem Verlauf zweimal belagert (1610 und 1622). Eine Verbesserung der für die Siedler fragilen Situation ergab sich erst nach dem Eintreffen des neuen Gouverneurs Lord de la Warr sowie weiterer Kolonisten und Soldaten. De la Warr praktizierte gegenüber den Indianern eine Politik der Verbrannten Erde. Eine Reaktion darauf war das sogenannte Jamestown-Massaker 1622, in dessen Verlauf die Powhatan in einem koordinierten Angriff zahlreiche englische Siedlungen in der Umgebung Jamestowns zerstörten. Aufgrund der Tatsache, dass die Indianer dabei rund 350 Siedler umbrachten (rund ein Viertel der damaligen Kolonisten), gilt dieser Angriff als das erste große Massaker von Indianern an Weißen in Nordamerika.[22]
Der Zweite Powhatan-Krieg begann zwanzig Jahre später. Anders als beim ersten stand die Vertreibung der Siedler nicht mehr zur Disposition. Während die Powhatan-Stämme ihre Unabhängigkeit in der Region sowie möglichst große Teile ihres Stammesgebiets bewahren wollten, ging es den Siedlern um eine endgültige Niederwerfung der lokalen Stämme. Die Anzahl der Personen, die in der expandierenden Ansiedlung lebten, war zwischenzeitlich auf über 10.000 angewachsen. Für stetigen Nachschub sorgte eine Migrationswelle, in deren Verlauf Zehntausende Briten, Schotten und Iren in die neuen Ostküsten-Kolonien auswanderten. Der Krieg endete mit einer Niederlage der Indianer sowie einem Zerbrechen der Powhatan-Föderation. Da sich die Virginia-Kolonie rasch weiter ausbreitete, richteten die Engländer für einige Stämme Reservationen ein. Andere Stammesgruppen zogen sich weiter ins Landesinnere zurück.[22]
Ein ähnliches Ergebnis hatten auch die Indianerkriege in den Neuengland-Kolonien. Anders als die virginischen Kolonisten waren die Pilgerväter, die Ende 1520 mit der Mayflower anlandeten und mit 102 Siedlern die Niederlassung Plymouth gründeten, nicht mit wohlwollender Unterstützung des Königs, sondern gegen den König emigriert. Die Pilgerväter waren Separatisten – Anhänger einer besonders radikalen Puritaner-Richtung und hatten im Zug ihrer Auswanderung bereits Zwischenstation in der niederländischen Stadt Leiden gemacht.[23] Die Grundkonstellation war dieselbe wie in Virginia. Einerseits waren die Neuankömmlinge von Nahrungslieferungen der Indianer abhängig. Anderseits legten sie eine zunehmend arrogante, fordernde Haltung an den Tag. Die Reaktion der lokalen Stämme war unterschiedlich. Während die Wampanoag und Narraganset sich um ein freundschaftliches Verhältnis zu den Kolonisten bemühten, führten die Auseinandersetzungen mit den im heutigen Rhode Island lebenden Pequot bereits in den 1630er-Jahren zum offenen Krieg.[24]
Der Pequot War, der 1634 im südlichen Neuengland ausbrach, wurde von beiden Seiten mit erbarmungsloser Härte geführt. Die verbündeten Kolonien in Massachusetts, Rhode Island und dem Tal des Connecticut River unternahmen zusammen mit ihren indianischen Verbündeten koordinierte Feldzüge gegen die Pequot. Zu einem besonders schwerwiegenden Massaker kam es am 26. Mai 1637 am Mystic River. Rund 90 Miliz-Angehörige aus Connecticut sowie mehrere hundert verbündete Narraganset umzingelten eine befestigte Siedlung der Pequot und schlachteten rund 500 Bewohner ab. Neuere Forschungen gehen von noch mehr Toten aus. Die Miliz setzte den Überlebenden weiter nach und tötete eine größere Gruppe – großteils Frauen, Kinder und Alte – in einem Sumpfgebiet.[25]
Ergebnis des Kriegs gegen die Pequot war die fast vollständige Vernichtung des Stammes. Nichtsdestotrotz gilt nicht der Pequot War, sondern der King Philip’s War als der bedeutendste und blutigste Indianerkrieg an der Ostküste. Metacomet, der Obersachem der Wampanoag, hatte die Ausbreitung der weißen Siedlungen bereits länger besorgt beobachtet. Nach einer Kette kleinerer Auseinandersetzungen erklärte Metacomet, von den Engländern King Philip genannt, den neuenglischen Ansiedlungen förmlich den Krieg. Im Verlauf des King Philip’s War 1676/77 griffen die Indianer 90 Siedlungen an, zerstörten 13 davon völlig und töteten rund 600 Kolonisten. Auf indianischer Seite kamen in Folge der Kriegshandlungen rund 3000 Menschen ums Leben. Verglichen mit anderen Indianerkriegen der Kolonialzeit war der King Philip’s War der verlustreichste. Das Ergebnis war dasselbe wie in Virginia: Die Stämme an der Neuengland-Küste waren nach diesem Krieg als politische Kraft ausgeschaltet. Während einzelne Gruppen von den Kolonisten weiterhin bedrängt wurden, flohen andere Gruppen nach Kanada und stellten sich dort unter den Schutz der Franzosen.[26]
In den mittleren Kolonien verliefen die Konflikte mit Indianern ebenfalls wechselhaft. 1624 hatten holländische Kolonisten die Niederlassung Nieuw Amsterdam (Neu-Amsterdam) gegründet und damit begonnen, das Tal des Hudson zu erkunden. Anders als bei den Engländern standen zu Anfang stärker Handelsinteressen im Vordergrund. Nichtsdestotrotz blieben auch hier bewaffnete Konflikte nicht aus – unter anderem mit den Delaware und Mohegan, zwei weiteren Stämmen, die ursprünglich an der Atlantikküste lebten. Unter der Ägide von Gouverneur Willem Kieft eskalierten sie in den 1640er-Jahren ebenfalls zu einer Serie immer erbitterter ausgetragener Scharmützel – etwa dem Peaches War 1655 im Gebiet um die Manhattan-Halbinsel, dessen Auslöser Überlieferungen zufolge ein banaler Obstdiebstahl war.[27] Kiefts Nachfolger Peter Stuyvesant gelang es zwar, die Lage zu beruhigen. Die Kolonie der Niederländer scheiterte letztendlich jedoch an ihrer heterogenen inneren Zusammensetzung sowie der Konkurrenz zwischen den kolonialen Mächten. 1664 gelang es den Engländern, sie ohne weitere Gegenwehr zu übernehmen.
Den vermutlich ersten förmlichen Landabtretungsvertrag schlossen die Holländer 1643 mit den Mohawk ab.[28] Anders als die Europäer betrachteten die Indianer ihr Land zwar ebenfalls als Eigentum – allerdings in einem gemeinwirtschaftlichen Sinn. Die englischen Kolonisten sowie die offiziellen Vertreter der britischen Kolonialverwaltung wirkten hingegen darauf hin, auch rechtlich möglichst eindeutige Verhältnisse zu schaffen – durch eine immer länger werdende Liste unterschiedlicher Landabtretungs- und Friedensverträge. Einerseits kamen viele dieser Verträge durch Anwendung von Täuschung, Druck oder offenem Diktat zustande. Andererseits fühlten sich nachfolgende Siedler nur selten an deren Einhaltung gebunden. 1754 versuchte die Londoner Regierung zwar, das Abschließen von Verträgen als verbindliche Praxis zu etablieren. In der Praxis scheiterte sie allerdings mit diesem Ansinnen.[28]
Eng mit der unterschiedlichen Bewertung von Besitzrechten verbunden war die Abwertung der indianischen Urbevölkerung als unzivilisierte Wilde. Zum einen speiste sie sich aus einem christlich-missionarisch verbrämten Überlegenheitsgefühl. Increase Mather, der geistliche Führer der Massachusetts-Kolonie, etwa bezeichnete eine Pocken-Epidemie, die 1633 unter den Stämmen der Massachusetts Bay wütete, als Gottesgabe, da sie das Land von den Eingeborenen frei mache. Im 19. Jahrhundert mischte sich in dieses Überlegenheitsgefühl mehr und mehr die Überzeugung, einer von der Vorsehung auserkorenen Rasse anzugehören, welche dazu bestimmt sei, die herrenlose, unberührte Wildnis in Besitz zu nehmen.
Die „Indianergrenze“ verlagerte sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts immer weiter ins Landesinnere. Grob veranschlagt, vollzog sich die koloniale Ausdehnung in folgenden Etappen: Bis 1680 breiteten sich die Siedlungen von den Küstenebenen ausgehend ins Hinterland und die Flussläufe hinaus aus. Etwa ab 1650 begann die Erforschung des Piedmont, einem den Appalachen vorgelagerten Plateau. Um die Jahrhundertwende herum vergrößerten sich die Neuengland-Kolonien in Richtung Norden. 1662 wurde als weitere südliche Kolonie Carolina gegründet; 1712 wurde sie in North Carolina und South Carolina aufgeteilt. Zunehmend häufiger kam es an der südlichen Grenze zu Zwischenfällen mit spanischen Niederlassungen in Florida und Georgia. 1712 stieß eine Expedition ins Shenandoah-Tal vor. Ab 1733 begannen südliche Kolonisten mit der Besiedlung des Territoriums von Georgia.[29]
Ab dem Ende des 16. Jahrhunderts wurden die britischen Kolonien zunehmend stärker in Konflikte zwischen den europäischen Großmächten involviert. Sowohl Franzosen als auch Spanier und Briten bedienten sich dabei unterschiedlicher Allianzen mit einheimischen Stämmen. Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1689 bis 1697) firmiert in den USA unter dem Begriff King William's War, der Spanische Erbfolgekrieg (1702 bis 1713) als Queen Anne's War und der Österreichische Erbfolgekrieg (1744 bis 1748) als King George's War. Zusammen mit dem Siebenjährigen Krieg (1754 bis 1763) sind sie auch unter der Bezeichnung Franzosen- und Indianerkriege bekannt.[30] Charakteristisch für diese Stellvertreter- und Kolonialkriege waren die unterschiedlichen Bündnisse, welche vor allem Briten und Franzosen eingingen. Den Franzosen, die gegenüber den Indianerstämmen eine deutlich tolerantere Haltung an den Tag legten, gelang es, die Mehrzahl der östlichen Stämme für ihre Sache zu gewinnen.[28] Die Briten hingegen rekrutierten mit den zwischen Ontariosee und Atlantikküste lebenden Irokesen einen ebenso mächtigen wie gefürchteten Bündnispartner. Im Gebiet der „Frontier“ machten sich die Franzosen- und Indianerkriege als zunehmende, lediglich von kleineren Ruhepausen unterbrochene Abfolge von Scharmützeln, Indianerangriffen und Milizaktionen bemerkbar. Hauptschauplatz war vor allem das Kolonie-Hinterland zwischen Atlantikküste, Ontariosee und Pennsylvania. Weltpolitisch gesehen stellte Nordamerika zwar lediglich einen Nebenkriegsschauplatz dar. Andererseits waren die kolonialen Herrschaftsrechte ein nicht unmaßgeblicher Kriegsauslöser. Die britische Seite entschied letztlich alle vier Auseinandersetzungen zu ihren Gunsten. Wichtiges Zwischenergebnis: Frankreich und Spanien mussten Teile ihrer nordamerikanischen Besitztümer an das nunmehr zum Königreich Großbritannien erweiterte England abgeben.[31]
Anders als die drei Erbfolgekriege zuvor war der Siebenjährige Krieg in Nordamerika mehr als lediglich ein Stellvertreterkrieg. Unterstützt durch ihre jeweiligen Indianerallianzen, kämpften Frankreich und Großbritannien final um die Vorherrschaft. Kriegsschauplatz waren sowohl das koloniale Hinterland im Osten als auch die Indianergrenze. Auf Seiten der Franzosen kämpften unter anderem die Delaware, Mohawk, Shawnee, Micmac, Ottawa und Huronen, auf Seiten der Briten Irokesen und Cherokee. Typisch für die Kriegsführung im Grenzland waren gemischte Operationseinheiten aus regulären Einheiten, Milizen und Indianerverbänden.[31] Zwei wichtige Konfliktpunkte waren das Ohiotal sowie die kanadische Provinz Akadien, ein wichtiger Kriegsschauplatz die Gebiete um Ontario- und Eriesee. Die Unberechenbarkeit des Grenzkriegs zeigte sich unter anderem anhand der Vorkommnisse anlässlich der Belagerung von Fort William Henry 1757 – einer größeren Kampfhandlung, welche später den Hintergrund von James Fenimore Coopers weltbekanntem Roman Der letzte Mohikaner abgab. Nachdem der Oberkommandierende der französischen Verbände mit den britischen Verteidigern einen ehrenvollen Abzug ausgehandelt hatte, überfielen indianische Hilfstruppen die Abziehenden. Mit 70 bis 180 Getöteten lag die Anzahl der Opfer allerdings weit unter den 1500 Personen, die zeitgenössischen Berichten zufolge ums Leben gekommen sein sollen.
Das Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 beendete die französische Kolonialherrschaft in Nordamerika. Eine unmittelbare Folge war der unter dem Namen Pontiac’s War bekanntgewordene Indianeraufstand im Gebiet südlich der Großen Seen. Pontiac, ein Ottawa-Anführer hatte im Krieg auf Seiten der Franzosen gekämpft. Um ein weiteres Vordringen britischer Siedler zu verhindern, schloss er ein Bündnis mit Huronen, Delaware, Shawnee, Potawatomi sowie anderen Stämmen und begann einen großangelegten Angriff auf britische Forts und Niederlassungen südlich der Großen Seen. Pontiacs Verbänden gelang es, fünf Forts zu erobern. Ergebnislos blieb lediglich die Belagerung von Fort Detroit sowie Fort Pitt (heute: Pittsburgh). Die Belagerung von Fort Pitt gilt als eines der wenigen verbürgten Beispiele, wo Briten beziehungsweise Kolonisten die gezielte Verbreitung von Epidemien gezielt als Waffe der Kriegsführung ins Kalkül zogen. Jeffrey Amherst, Oberbefehlshaber der britischen Truppen, erörterte in einem Briefwechsel mit dem Fortkommandanten Henry Bouquet konkrete Vorgehensweisen, mit Pockenviren verseuchte Decken aus einem nahen Militärhospital heranzuschaffen und unter den Indianern zu verbreiten. Ob die Absicht zur Ausführung kam, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Allerdings grassierte unter den Shawnee und Delaware der Umgebung in der Folge tatsächlich eine Pockenepidemie.[32]
Obwohl der Pontiac-Aufstand die Briten unvorbereitet traf, gelang es ihnen in der Folge, die feindlichen Indianerverbände Stück um Stück auszuschalten oder zu befrieden. Drei Jahre nach Beginn der Rebellion gab sich auch Pontiac geschlagen. Im April 1769 wurde er von einem Mitglied des Kaskaskia-Stammes ermordet – vermutlich im Auftrag eines britischen Händlers. Die Niederlage der Ottawa und ihrer Verbündeten markierte allerdings nicht das Ende, sondern den Beginn einer weiteren Konfliktserie mit den nordöstlichen Indianern. Der Schauplatz verlagerte sich zunehmend ins Gebiet des Ohio – die Jagdgründe der Shawnee und Miamis. Die Haltung der britischen Kolonialverwaltung war in Bezug auf die weitere Westausdehnung von Widersprüchen geprägt. Einerseits hatte sie das Gebiet westlich der Appalachen bereits 1756 als Indianergebiet definiert. 1763 betonte sie diese Festlegung durch eine königliche Proklamation, welche den unerlaubten Aufenthalt in Gebieten westlich der Appalachen verbot.[33] Auch in weiteren Landfragen blieben die Funktionsträger der Krone hart: So entzog die Kolonialverwaltung den Grundstücksgesellschaften Virginias 4 Millionen Hektar bereits beantragter Bodenzuteilungen. Darüber hinaus erkannte sie Kentucky als Besitz der Cherokees an.[34] Trotz dieser Absichtserklärungen kam es immer öfter zu Aktionen von Milizen und Siedlern, die diese Absichten konterkarierten. Kurz vor Beginn des Unabhängigkeitskriegs etwa griff ein Milizverband mit 2000 Angehörigen der Virginia-Miliz die Shawnees im Ohio-Tal an und vertrieb die Indianer über den Fluss.
Insgesamt werten Historiker die Proklamation von 1763 als zusätzlichen Konfliktpunkt im Vorfeld des US-amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. Die polarisierte Situation griff auch auf rückläufige Gebiete der Frontier über. Ein bekanntes Beispiel für die von Willkür und Übergriffen geprägte Atmosphäre war das Auftreten der Paxton Boys – einer Vigilantentruppe, die 1763 die christianisierten Susquehannock in der Gegend von Lancaster im östlichen Pennsylvania terrorisierte und 20 von ihnen umbrachte. Örtliche Behörden hatten zunächst vergeblich versucht, die Indianer zu schützen. Nach Gesprächen mit Anführern der Paxton Boys gab der Gouverneur der Kolonie schließlich nach; die Morde blieben ungesühnt.[35]
Die Unabhängigkeitserklärung der Kolonien sowie der daran anschließende Unabhängigkeitskrieg führte in den Grenzgebieten zu der bereits in den Franzosen und Indianerkriegen bekannten Konstellation. Die überwiegende Mehrzahl der Stämme unterstützte direkt oder indirekt die Briten. Am 8. März 1782 verübte die Miliz des Staats Pennsylvania mit dem sogenannten Gnadenhütten-Massaker ein weitaus schlimmeres Blutbad an Unbewaffneten als die Paxton Boys zwanzig Jahre zuvor. Opfer wurden rund 100 Delaware, die zum Christentum übergetreten waren und die unter dem Schutz der Mährischen Brüdern standen. Der Vorfall empörte auch viele weiße Amerikaner. Allerdings kam es auch diesmal gegen keinen der Schuldigen zur Anklage.[36]
In den südlichen Kolonien war der Drang nach Westen zunächst weniger stark ausgeprägt wie in den mittleren und nördlichen.[37] Zwar hatte es bereits im Zug von Bacon’s Rebellion Bestrebungen gegeben, aggressiver gegen die Stämme im westlichen Hinterland Virginias vorzugehen.[38] Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhundert hinein blieben die Appalachen allerdings eine feste Grenze. Mit dem Beginn der Kolonisierung in den subtropischen Gebieten des heutigen South Carolina und Georgia änderte sich dieser Status quo. Zwischen 1715 und 1717 fand der Yamasee-Krieg statt – ein Konflikt zwischen Siedlern aus South Carolina und Angehörigen unterschiedlicher Stämme – darunter die Yamasee, Creek, Cherokee, Chickasaw, Apalachee und Shawnee. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung fanden hunderte Siedler sowie eine unbestimmte Anzahl an Indianern den Tod. Obwohl die Auseinandersetzungen im engeren Sinn durch Verträge mit den Creek und Cherokee beigelegt wurden, entwickelte sich auch in den südlichen Grenzstaaten eine unsichere, von Misstrauen, Wachsamkeit und Begehrlichkeiten gekennzeichnete Indianergrenze.
In den Jahrzehnten vom Ende des Unabhängigkeitskriegs bis zum Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs verschob sich die US-amerikanische Siedlungsgrenze bis über den Mississippi hinaus. Die westlichen Gebiete wurden dabei erst in den Jahrzehnten nach 1800 Teil des Territoriums der Vereinigten Staaten. Markanteste Erweiterungen waren der Ankauf des Louisiana-Gebiets von Frankreich (Louisiana Purchase, 1803), die Einigung mit Großbritannien über die Aufteilung des Oregon-Territoriums 1846, die Aufnahme von Texas in die Union (1845) sowie die Erweiterung um die Gebiete des heutigen Südwestens im Zuge des Mexikanisch-Amerikanischen Kriegs 1846 bis 1848. Die mit der Manifest Destiny begründete Besiedlung führte nicht nur zur Zwangsumsiedlung der östlich des Mississippi lebenden Indianerstämme, sondern auch zu einem flächendeckenden Vordringen in große Teile der westlichen Gebiete sowie zur Pazifikküste.
Ein Agenda-Punkt, der bereits während des Unabhängigkeitskriegs zur Umsetzung gelangte, war die Absicherung der neu entstandenen Siedlungen im Ohio-Tal, in Virginia, Kentucky und Tennessee. Über die Wilderness Road, einen 1775 ausgebauten Gebirgspfad über die Appalachen, setzte ein stetig wachsender Zuzug neuer Siedler in die Gebiete von Kentucky und Tennessee ein.[39] Im Ohio-Tal führte General George Rogers Clark mehrere Kampagnen gegen die mit den Briten verbündeten Shawnees durch. 1783 begleitete ihn auf einem dieser Vorstöße der Waldläufer Daniel Boone. Boone war nicht nur einer der Hauptinitiatoren bei der Besiedlung Kentuckys. MIt den in den 1820er-Jahren erschienenen Lederstrumpf-Romanen des Schriftstellers James Fenimore Cooper avancierte er zu einem der ersten Legendengestalten des frühen Wilden Westens. Gegner der Amerikaner war eine heterogene Koalition aus Stämmen, die das Gebiet als ihr Stammland betrachteten (Shawnees, Miamis) oder aber im Zug vergangener Indianerkriege nach Westen ausgewichen waren (Huronen, Delaware). Der Krieg gegen die Shawnees gestaltete sich ebenso blutig wie langwierig. Zwischen 1774 und 1794 führten die US-Amerikaner acht militärische Einfälle ins Shawnee-Gebiet durch. Im Jahrzehnt nach 1779 war der Stamm viermal dazu gezwungen, sein Hauptdorf aufzugeben und woanders neu zu gründen.[40] In der Schlacht von Fallen Timbers wurden die Shawnees und die verbündeten Stämme endgültig besiegt. 1786 sahen sie sich gezwungen, vor der Übermacht der mittlerweile rund 80.000 Siedler zu kapitulieren und traten im Vertrag von Greenville große Teile ihres Gebiets an die USA ab.
Nach der militärischen Befriedung der Stämme im Ohio-Tal rückten die noch weitgehend unerschlossenen Gebiete von Indiana sowie Illinois in den Blickpunkt der Siedler. William Harrison, Gouverneur des Indiana-Territoriums, verhielt sich gegenüber den in der Region ansässigen Shawnee, Miami, Potawatomi und Delaware zunächst hinhaltend-freundlich. Als der Shawnee-Anführer Tecumseh zusammen mit seinem als Propheten auftretenden Bruder Tenskwatawa damit begann, für eine alle Stämme des mittleren Westens umfassende Indianerföderation zu werben, suchte Harrison nach einem günstigen Zeitpunkt zum Konflikt. In der Schlacht bei Tippecanoe 1811 gelang es ihm, die Indianerföderation empfindlich zu schlagen. Tecumseh, der sich während der Schlacht auf einer Reise zu den südlichen Stämmen befand, sah sich nach diesem Rückschlag gezwungen, seine Idee einer großen Föderation aller nordamerikanischen Indianer weitgehend ad acta zu legen. Im Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 kämpfte er mit den Resten seiner Allianz auf Seiten der Briten und fiel 1813 in einer der kleineren Schlachten dieses Kriegs am Thames River in der kanadischen Provinz Ontario.[41]
Auch an anderen Abschnitten der Indianergrenze erschöpfte sich der Widerstand der östlichen Stämme. Als Gouverneur des neuen US-Staates Virginia hatte Thomas Jefferson bereits 1780/81 mehrere Angriffe gegen die Cherokee veranlasst. Elf Dörfer wurden in deren Verlauf zerstört. 1785 unterzeichneten die Cherokee einen Friedensvertrag mit dem neuen Staat.[42] Die Delegation North Carolinas zum Kontinentalkongress hatte die Auslöschung der Cherokee-Indianer zur Pflicht erklärt und empfohlen, „(…) von ihnen gerade noch so viele übig zu lassen, dass sie als Beweis dienen könnten, dass es das Volk der Cherokee einmal gegeben habe.“ [43] Während des Unabhängigkeitskriegs zerstörte General Griffith Rutherford aus South Carolina mehr als 30 Cherokee-Ansiedlungen. Ergebnis der anhaltenden Feindseligkeiten war, dass die Cherokee 1785 einen Friedensvertrag mit dem neuen Staat unterzeichneten. Jeffersons Verhältnis zu den Indianerstämmen an der Grenze war insgesamt zwar widersprüchlich. Nichtsdestotrotz versprach er als US-Präsident 1801, die Cherokee aus Georgia zu vertreiben.
Andrew Jackson, ab 1829 US-Präsident, begründete seinen Ruf unter anderem auf seine Teilnahme an den Indianerkriegen gegen die südlichen Stämme. Als Befehlshaber der Tennessee-Miliz fügte er den Creek in der Schlacht am Horseshoe Bend 1814 eine entscheidende Niederlage zu.[44] Im Vertrag von Fort Jackson mussten die Creek große Teile ihrer Gebiete in Georgia und Alabama an die Weißen abtreten.[45] Bereits vor Beginn der Präsidentschaft Jacksons, die in Sachen Indianerpolitik allgemein als Zäsur gilt, nahmen die Zwangsverkäufe von Indianerland stetig zu. Eine Folge dieser Verdrängungspolitik war, dass einzelne Cherokee-Gruppen bereits 1794 westwärts zogen und sich in Texas niederließen. Einen weiteren Indianerkrieg führte Jackson 1814 bis 1818 gegen die Seminole in Florida. Anders als die restlichen vier Zivilisierten Stämmen (Cherokee, Creek sowie die weiter westlich in den heutigen Bundesstaaten Alabama und Mississippi lebenden Chickasaw und Choctaw) setzten die Seminole unter ihrem Anführer Osceola ihren Widerstand in den Sümpfen Floridas bis in die 1850er-Jahre fort.
In die Zeit von Jeffersons Präsidentschaft (1801 bis 1809) fielen einige entscheidende Wegsteine für die Westausdehnung des US-Territoriums. Ein entscheidender Schritt war der Ankauf des Louisiana-Territoriums von Frankreich 1803. Bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hinein galten die Präriegebiete westlich von Mississippi und Missouri sowie die dahinter gelegenen Rocky Mountains als die Great American Desert. Eine planmäßige Erkundung dieses weitgehend unerforschten Gebiets nahm die Expedition von Lewis und Clark vor. Zwischen 1804 und 1806 gelangte sie über den Missouri-Verlauf bis ins Quellgebiet des Yellowstone River und erreichte über die Pässe der Rocky Mountains schließlich die Pazifik-Küste. Während ihrer Reise kam sie nicht nur in Kontakt mit bis dahin unbekannten Indianerstämmen wie zum Beispiel den Mandan, sondern entdeckte auch passierbare Routen über die Rocky Mountains. In den Folgejahrzehnten beteiligten sich auch US-amerikanische Gesellschaften zunehmend am Pelzhandel mit den Indianern – unter anderem die von John Jacob Astor gegründete American Fur Company sowie die Rocky Mountain Fur Company von William Henry Ashley und Andrew Henry. Letztere hatte ihren Sitz in St. Louis – einer expandierenden Handelsniederlassung, die 1764 von den Franzosen gegründet worden war. Der Pelzhandel sowie weitere Erkundungen von Waldläufern – etwa die Erkundung des Colorado-Gebiets durch Zebulon Pike 1806 oder das des Großen Salzsees im Norden Utahls durch Jim Bridger 1824 – waren wichtige Meilensteine hin zur Erschließung der westlichen Gebiete.
Die Präsidentschaft von Andrew Jackson (1829 bis 1837) gilt nicht nur allgemein als wichtige Zäsur in der frühen Geschichte der USA. Auch im Bezug auf die Indianer sowie die Westausdehnung der USA war Jackson ein aggressiver Propagandist der Siedlerinteressen. Mit der Gründung des Bureau of Indian Affairs 1824, welches bis 1849 dem Kriegsministerium unterstand, hatten die USA bereits zuvor eine zentrale Behörde für Indianerangelegenheiten geschaffen. Ursprünglich mit der Absicht gegründet, Indianer vor Zivilisten zu schützen, entwickelte sich das Bureau in den Folgejahrzehnten zu einer ebenso widersprüchlichen wie umstrittenen sowie in Korruptionsaffären involvierten Institution.[46] Ein zentraler Punkt der Agenda Jacksons war die Umsiedlung der östlich des Mississippi lebenden Indianer in das Gebiet westlich davon. 1830 richtete er eine Botschaft an Kongress, alle Indianer östlich des Mississippi umzusiedeln. Noch im gleichen Jahr verabschiedeten Senat und Repräsentantenhaus den Indian Removal Act – ein Umsiedlungs-Gesetz, welches die Regierung autorisierte, konkrete Schritte einzuleiten, um die östlichen Indianer zur Abtretung ihrer Ländereien sowie zum Wegzug zu bewegen.[47]
Hauptbetroffene dieses Umsiedlungsgesetzes waren die fünf zivilisierten Stämme im Süden – die Cherokee, Creek, Chickasaw, Choctaw und Seminole. Im Verlauf ihres Kontakts mit Briten und US-Amerikanern hatten besagte Stämme zahlreiche Kulturformen und Institutionen ihrer weißen Nachbarn übernommen. Die rund 17.000 im Südosten verbliebenen Cherokee unterhielten – ebenso wie die rund 30.000 Choctaw und Chickasaw in Alabama und Mississippi – eigene Schulen. 1817 hatten die Cherokee eine eigene Legislative eingerichtet, welche Stammesmitgliedern den weiteren Verkauf von Indianerland verbot. Zu eigen machte sich die Stammesangelegenheiten auch die 1828 gegründete, zweisprachige Wochenzeitung Cherokee Phoenix. [45] Formal gesehen setzte der Indian Removal Act zwar Freiwilligkeit voraus. In der Praxis war er allerdings mit Zwang verbunden. So hoben einzelstaatliche Regierungen die Stammesgesetze einfach auf. Der Supreme Court, den die Cherokee anriefen, konstatierte in seiner Entscheidung zwar, dass der Staat Georgia die Rechte der Indianer verletzt habe. Mit dem Argument, die Cherokee bildeten eine unabhängige Nation, entschied er allerdings, dass die Cherokee nicht befugt seien, eine Klage einzureichen.[48]
Die Deportation der rund 25.000 Chocktaw begann 1830. Eine Folge war, dass rund ein Viertel des Stammes infolge des Wegzugs oder an Krankheiten ums Leben kam. Auch von den rund 23.000 Creek, die zwischen 1832 und 1838 aus Alabama vertrieben wurden, starben Tausende. Weniger verlustreich gestaltete sich die Umsiedlung der Chickasaw 1837 und 1838. Die im Osten verbliebenen rund 16.000 Cherokee sträubten sich bis zuletzt gegen den Wegzug. Im Zuge der Deportierungsaktion schlossen Milizsoldaten gewaltsam die Redaktion des Cherokee Phoenix. Insgesamt bot die Armee rund 7.000 Soldaten auf, die für die Durchführung der Zwangsumsiedlung sorgen sollten. Im Zuge der Razzien, den anschließenden Zwischeninternierungen in Lagern sowie auf dem Marsch ins Indianerterritorium kamen Tausende von Stammesangehörigen um. Insgesamt schätzt man, dass bei der unter dem Namen Trail of Tears bekannten Umsiedlungsaktion rund ein Viertel der beteiligten Indianer ums Leben kam.[49] Als zusätzlich traumatisch erwies sich die Lebenssituation in dem neuem Reservat. Das Indianer-Territorium, der Ostteil des heutigen Bundesstaats Oklahoma, war als Auffangbecken für Angehörige aller noch verbliebenen östlichen Stämme konzipiert. Während im östlichen Teil die Überlebenden der fünf zivilisierten Stämme eine neue Heimat finden sollten, siedelten westlich davon Reste der Shawnee, Potawatomi, Kickapoo sowie Sauk und Fox. Ebenso lebten in diesem Terrain Angehörige der Pawnee, Osage und Ponca – Stämme, die ursprünglich im Einzugsbereich des Missouri lebten, jedoch zunehmend in Konflikte geraten waren mit den Präriestämmen der Sioux und ihrer Verbündeten.
Der letzte große Indianerkrieg östlich des Mississippi war der Black Hawk War 1831/32. Ende der 1820er-Jahre war es den US-Behörden gelungen, die Winnebago, Kickapoo und Sauk und Foxes im Illinois-Territorium dazu zu bewegen, sich jenseits des Mississippi im heutigen Iowa niederzulassen. Teile des Territoriums (die heutigen Bundesstaaten Indiana und Illinois) waren bereits im Jahr 1816 zu Bundesstaaten avanciert. Der Entschluss von Black Hawk, einem Häuptling der Sauk und Foxes, in das alte Gebiet zurückzukehren, löste unter den Siedlern Alarm aus. Der Aufstand selbst wurde mit Hilfe staatlicher Milizverbände schnell niedergeworfen. Obwohl vom Verlauf her wenig spektakulär, wurde der Black-Hawk-Krieg zum letzten Grenzkrieg im Alten Nordwesten hochstilisiert. In den Verbänden, welche den Aufstand niederschlugen, kämpften unter anderen auch zwei spätere Präsidenten – Abraham Lincoln, Präsident der Union von 1861 bis 1865 und der spätere Präsident der Konförderierten, Jefferson Davis.[44] Der erste Black-Hawk-Purchase 1832 bestätigte die geschaffenen Fakten. Zwei Anschlussverträge – 1837 und 1843 – hatten das Resultat, dass die Sauk und Foxes auch ihr Gebiet in Iowa verlassen und weiter westwärts ziehen mussten.
Die Westausdehnung erlangte in der Ära Jackson ebenfalls eine neue Dynamik. Das geflügelte Wort von der Manifest Destiny kam zwar erst in den 1840er-Jahren auf. Formuliert von dem Journalisten John L. O’Sullivan, wurde es zu einer feststehenden Redewendung für die Überzeugung, dass es den USA und ihren Bewohnern vorherbestimmt war, den Kontinent bis hin zur pazifischen Küste zu besiedeln.[50]
Südwestlich des US-Territoriums entwickelte sich ab den 1820er-Jahren ein weiterer Konfliktherd in Form der Texanischen Indianerkriege. Die ersten US-Siedler ließen sich 1821 in Texas nieder. Die Spanier standen der Niederlassung angelsächsischer Siedler in Texas zunächst ablehnend gegenüber und versuchten sie zu limitieren. Nach dem Mexikanischen Unabhängigkeitskrieg änderte sich dies. Um ihre Nordprovinzen zu besiedeln, warb der neue Staat Mexiko Neusiedler geradezu an. Die Kolonie unter Stephen F. Austin umfasste zu Beginn rund 3.500 Personen. Dem gegenüber lebten auf dem texanischen Territorium rund 20.000 Indianer.[49]
Die ersten Konflikte ergaben sich mit Tonkawa sowie den Karankawa – einem kleinen, nur wenige hundert Personen umfassenden Stamm, der im Savannen-Hinterland der Golfküste am San Antonio- und Colorado River lebte. Austin beschrieb die Karankawa widersprüchlich. Einerseits lobte er sie als friedlich, anderseits bezeichnete er sie als „Feinde des Menschen“ und äußerte die Vermutung, dass sie dem Kannibalismus frönten.[49] Mit der Ansiedlung von immer weiteren Kolonisten verschärften sich auch die Konflikte mit den Stämmen im Küsten-Hinterland. Die gegenseitigen Scharmützel schaukelten sich immer weiter hoch. Nach mehreren Strafexpeditionen gegen Angehörige des Stammes baten die Karankawa 1827 um Frieden. Die Verfolgung hielt jedoch weiterhin an. 1836 lebten schätzungsweise noch 250 bis 300 Mitglieder des Stammes. Die meisten emigrierten nach Mexiko. Nachdem die Mexikaner 1850 rund 50 Überlebende über die Grenze zurücktrieben, töteten texanische Siedler den Rest. Der Stamm gilt seither als ausgestorben.[51]
Widersprüchlich gestaltete sich die Politik der texanischen Siedler gegenüber Gruppen der aus dem Osten vertriebenen Stämme. Davy Crockett, ein 1836 bei der Verteidigung der Festung Alamo gefallener Kriegsheld aus dem Texanischen Unabhängigkeitskrieg und Politiker aus Tennessee, hatte sich bereits gegenüber der Vertreibung der Cherokee in seinem Heimatstaat kritisch ausgesprochen. Auch Sam Houston, erster Präsident der Republik Texas, befürwortete eine auf Ausgleich ausgerichtete Politik gegenüber Angehörigen der vertriebenen Stämme.[52] Houstons Nachfolger Mirabeau B. Lamar ignorierte allerdings die geschlossenen Verträge mit den Cherokee. 1839 setzte er eine Militärkampagne in Gang mit dem Ziel, die Cherokee, Shawnee und Delaware aus Texas zu vertreiben. Der Cherokee-Häuptling Duwali wurde bei einem Überfall erschossen, die restlichen Stammensangehörigen nach Arkansas vertrieben.[53] Eine Beendigung der Vertreibungspolitik brachte erst die zweite Präsidentschaft von Sam Houston. 1843 und 1844 schloss Houston eine Reihe von Freundschaftsverträgen mit den den in Nordosttexas verbliebenen Cherokee, Chickasaw, Caddo, Biloxi und Shawnee sowie den Lipan-Apachen und Comanche.[54]
Eine expansionistische Politik betrieb Lamar auch gegenüber den Comanche.[55] Die Comanche, der beherrschende Reiterstamm in den südlichen Plains, hatte im Verlauf seiner Geschichte die Spanier ebenso zurückgedrängt wie die Apachen. Mit der sogenannten Comancheria dominierte er ein weitläufiges Gebiet, dass sich vom Arkansas River im Norden bis in die Ebenen von Mittel- und Südtexas ausdehnte. Die Feldzüge der Texaner unter Lamar – auch unter Zuhilfenahme von Einheiten der neu aufgestellten Texas Rangers – endeten militärisch gesehen zwar siegreich. Eine Beilegung gelang jedoch nicht. Als bei Verhandlungen im Januar 1840 rund 40 Häuptlinge in San Antonio erschienen, um über die Freilassung gefangener weißer Gefangener zu verhandeln, eskalierte die Lage, als man sich nicht handelseinig wurde. Die Texaner versuchten, die Häuptlinge festzunehmen. Im Gefolge der Festnahme ergab sich eine Auseinandersetzung, bei der 30 Comanche ums Leben kamen.[56] Der Kampf am Council House war von der Größenordnung her zwar ein kleines, eher unbedeutendes Gefecht. Einige Historiker sehen in ihm allerdings eine wichtige Ursache für die jahrzehntelang andauernden Indianerkriege auf den südlichen Plains.
In den zwei Jahrzehnten vor Ausbruch des US-amerikanischen Bürgerkriegs verstärkte sich der Expansionsdrang in Richtung Westen quantitativ wie qualitativ. Die Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten hatte sich bereits bis 1800 auf 5 Millionen erhöht. Lebten 1785 noch weniger als 6 Prozent der US-Amerikaner westlich der Appalachen, waren es 1840 bereits 34 Prozent. Zwischen 1845 und 1848 dehnten die USA ihr Staatsterritorium bis zur Pazifikküste aus. Aufgrund einer Teilungsvereinbarung mit Großbritannien gewannen die USA 1846 das Oregon-Territorium. Im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg von 1846 bis 1848 sicherten sie sich die Kontrolle über das weiträumige Gebiet im Südwesten. Neben den neuen Territorien New Mexico, Arizona, Teilen von Utah und Colorado sowie Kalifornien, dass der Union bereits 1850 als Staat beitrat, gehörte zum Gebiet der USA nunmehr auch das Terrain der ehemaligen Republik Texas. Letztere war der Union bereits vor dem Krieg im Jahr 1845 beigetreten. Abgesehen von einem schmalen Streifen im Südwesten, der 1853 durch den Gadsden-Kauf zuerworben wurde sowie exterritorialen Gebieten wie Alaska hatten die USA nunmehr den Umfang erreicht, den sie heute noch haben.
Als eine – aus der Sicht der USA – glückliche Fügung erwies sich insbesondere der Erwerb von Kalifornien. Bereits im 18. Jahrhundert hatten die Spanier Siedlungen an der gesamten Pazifikküste angelegt. 1848, weniger als zwei Jahre nach der Besetzung des Gebiets durch US-Truppen, wurde im Tal des Sacramento River Gold gefunden. Der Kalifornische Goldrausch löste einen bisher unbekannten Zustrom neuer Ansiedler aus. Die Einwohnerzahl von San Francisco wuchs binnen eines Jahres von 1.000 auf 25.000 Einwohner. Allein die Anzahl der Goldsucher steigerte sich von 1851 bis 1860 von 92.000 auf 380.000. Die Gesamtbevölkerung des neuen Bundesstaats erhöhte sich von 92.000 im Jahr 1850 auf über eine halbe Million zwanzig Jahre später. Parallel reduzierte sich die Anzahl der in Kalifornien lebenden Indianer. Betrug sie zu Beginn der spanischen Mission rund 300.000 und am Ende des Krieges mit Mexiko rund 150.000, verringerte sie sich in den folgenden zwei Jahrzehnten um 80 Prozent.[57]
Nach dem Anschluss des kalifornischen Gebiets an die USA war die indianische Bevölkerung nicht nur mit einer neuen, sich aus der Manifest Destiny speisenden Form des Rassismus konfrontiert. So bezeichnete die in San Francisco erscheinende Zeitung Alta California das Verschwinden der Indianer als eine zwangsläufige Konsequenz der Erschließung des Staats. Teilweise knüpften Behörden und Einwohner des neuen Bundesstaats an Unterdrückungspraktiken der Spanier an – beispielsweise das Entführen und Verkaufen von Kindern. Die Zeitung Alta California charakterisierte diese Praxis in einem Bericht 1854 als weit verbreitet: „Fast alle Kinder, die zu einem der Indianerstämme im nördlichen Teil des Staates gehören, wurden entführt.“ [58] Auch das von den Spaniern praktizierte System der Zwangsarbeit wurde durch einen Beschluss des Staatsparlaments 1850 explizit legalisiert.[59]
Das Vorgehen kalifornischer Goldsucher, Siedler und Milizeinheiten gegen die im Staatsgebiet lebenden Indianer nahm im Verlauf der 1850er-Jahre genozidähnliche Formen an. Bereits während des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges hatten Verbände der US-Armee unter John C. Frémont und Kit Carson eine Zusammenkunft der Yana in der Nähe des Sacramento River überfallen und dabei rund 200 Indianer getötet.[58] 1868 existierten von den vormals 2000 bis 3000 Mitgliedern dieses Stammes nur noch rund 100. Im Gebiet des Clear Lake töteten Bundestruppen bei einem Angriff 1850 135 bis 200 Mitglieder des Pomo-Stammes. Nach 1849 geriet die Bekämpfung der kalifornischen Indianer mehr und mehr in die Hand lokaler Milizen und Siedler. Gängiges Muster dabei war das Organisieren von Feldzügen – oft als Reaktion auf Übergriffe oder vereinzelte Überfälle von Indianern. Ab Mitte der 1850er-Jahre intensivierte sich diese Art der Verfolgung. Die kalifornische Regierung unterstützte die Bekämpfung der Indianer durch das Aussetzen von Prämien für Indianerskalps. 1854 bis 1864 führten Siedler und Milizen einen systematischen Genozid an den in Nordkalifornien lebenden rund 12.000 Yuki durch. Das größte Massaker fand 1859 unter Führung des Kopfgeldjägers H. L. Hall statt. Zum Opfer fielen ihm rund 240 Männer, Frauen und Kinder. 1868 hatte der Stamm mit rund 100 Überlebenden faktisch aufgehört zu existieren.[60] Als Opfer der kalifornischen Besiedlungsphase führt der Historiker Dee Brown eine Reihe weiterer Stämme auf, deren Namen weitgehend in Vergessenheit geraten sind – etwa die Chilulas, Chimarikos, Urebures, Nipewais und Alonas.[61]
Das riesige Gebiet zwischen Mississippi und Pazifikküste war bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts eine von Weißen unbesiedelte Wildnis. Zwar waren nach der Expedition von Lewis und Clark zunehmend Pelzhändler in die Gebiete der Rocky Mountains vorgedrungen. Zu einer für Indianerkriege „kritischen“ Siedlungsdichte führte der Pelzhandel allerdings nicht. Charakteristisch für diese Art des Kontakts blieben einzelne Niederlassungen der Gesellschaften sowie Militärstützpunkte. Für den eigentlichen Pelznachschub sorgten neben den Indianern Brigaden, die in der Regel aus zwei bis drei Dutzend Waldläufern bestanden – darunter bekannte „Mountain Men“ wie Jim Bridger, Jedediah Smith und James Beckwourth.[62]
Ähnlich wie die Franzosen praktizierten auch die Waldläufer einen vergleichsweise toleranten Umgang mit den Indianern. Dieser schloss zahlreiche Mischehen mit ein. Trotz des vergleichsweise entspannten Verhältnisses waren die Aktivitäten der Pelzhandelsgesellschaften für die Indianer nicht unproblematisch. Zum einen verstärkte die Konkurrenz zwischen den Gesellschaften oft Animositäten unter den Indianerstämmen. Zum zweiten begünstigte auch der Pelzhandel die Übertragung von Krankheiten. Ebenso weitere Erscheinungsformen, welche die Zustände in den Frontiergebieten allgemein flankierten – Übervorteilung, Raubbau an natürlichen Ressourcen sowie die Bekanntschaft der Indianer mit dem Alkohol. Infolge sich wandelnder Bekleidungsvorlieben ging die Bedeutung des Pelzhandels in den 1830er-Jahren schließlich deutlich zurück. 1840 fand am Green River die letzte große Zusammenkunft zwischen Pelzanbietern und Weiterverkäufern statt.[62]
In den 1820er- und 1830er-Jahren erfuhren die Präriegebiete zwischen Mississippi und Rocky Mountains ein verstärktes Interesse der US-amerikanischen und europäischen Öffentlichkeit. Forscher und Künstler wie der in Pennsylvania geborene Maler George Catlin oder der Schweizer Carl Bodmer reisten zu den Stämmen am Missouri, machten Skizzen von Alltag der Indianer und verewigten ihre Eindrücke in naturalistisch-romantischen Gemälden. Mit diesem ethnologischen Interesse einher ging oft eine Romantisierung des Lebens der Prärieindianer. In Wirklichkeit handelte es sich bei dieser Kultur um eine Lebensweise im Umbruch – resultierend aus einer Abfolge von Veränderungen, welche sich erst im 18. Jahrhunderts ergeben hatten. Im Verlauf dieser Ära hatten vor allem die Stämme der Sioux, Cheyenne, Arapaho, Comanche und Kiowa das Pferd adaptiert und mit seiner Hilfe eine Lebensweise als nomadische Büffeljäger umgesetzt.[63] Begleitet war die Etablierung dieser Existenzform von einem anhaltenden Verdrängungskampf gegen andere Stämme – sowohl im Osten im Gebiet des Missouri (Pawnee, Osage und Mandan) als auch im Westen (Shoshone, Ute, Crow und Blackfoot).
Ab den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bildeten Sioux, Cheyenne, Arapahoe, Comanche und Kiowa eine lose Allianz miteinander befreundeter Stämme. Mehr und mehr richtete sich diese gegen die vordringenden Siedler. Hatten in den 1820er- und 1830er-Jahren nur wenige Reisende die Great American Desert passiert, erhöhte sich das Siedleraufkommen in den 1840ern deutlich. Hauptziel war zunächst das Oregon-Territorium. Mit dem Goldrausch 1848/49 sowie dem zeitgleich stattfindenden Exodus der Mormonen nach Utah stieg die Anzahl der Trecks auf dem als Hauptpassierroute dienendem Oregon Trail, deutlich an. Hatten die Trecks in den ersten Jahren lediglich gelegentlich mit Indianerüberfällen zu tun, häuften sich diese ab Ende der 1840er-Jahre. Um die Konflikte in den Westterritorien einzudämmen, schloss die Regierung der USA mehrere Verträge mit den freilebenden Indianerstämmen ab. Einer davon war der Vertrag von Medicine Creek 1854, welcher eine Reihe Landabtretungen im Oregon Territorium besiegelte. Das bedeutendste Abkommen jener Jahre war eine Friedensübereinkunft, die US-Vertreter 1851 mit Vertretern der Präriestämme in Fort Laramie aushandelten.
In den 1850er-Jahren fanden auch in den Rocky-Mountains-Territorien Auseinandersetzungen mit den dort lebenden Stämmen statt. Aufgrund anhaltender Verfolgung entschlossen sich die Mormonen 1846, ihre bisherigen Niederlassungen in Ohio und Missouri zu verlassen, um in der Wüste um den Großen Salzsee einen Mormonenstaat zu gründen. 1847 brachte der Mormonenführer Brigham Young einen Treck mit rund 700 Teilnehmern auf dem Mormon Trail ins Utah-Territorium. 1847 gründeten die Mormonen Salt Lake City. In den Jahren darauf gerieten die Ansiedlungen der Mormonen sowohl mit den Paiute und Ute der Region als auch der US-Regierung zunehmend in Konflikt. Ein herausragendes Ereignis im Vorfeld des Utah War mit der US-Regierung 1857/58 war ein inszenierter Überfall auf einen Siedler-Treck. Vermutlich, um die Aktivitäten der US-Militärs auf die Indianer zu lenken, verkleideten sich Mormonen als Indianer. Nach einer fünftägigen Belagerung massakrierten sie zusammen mit Mitgliedern des Paiute-Stammes 120 Mitglieder eines Siedlertrecks. Den Funktionsträgern der Mormonenkolonie gelang es in der Folge, die Aufklärung des Vorfalls zu verschleppen und die Bestrafung der Täter zu vereiteln.[64]
In den Gebirgsterritorien südlich der kanadischen Grenze häuften sich Konflikte mit Indianern ab Mitte der 1850er ebenfalls. Zwei der größten Massaker in der Region fanden allerdings erst während beziehungsweise nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg statt. 1863 umzingelten Einheiten der Unions-Armee ein Lager der Shoshone am Bear River in Idaho und töteten circa 250 Indianer – darunter rund 90 Frauen und Kinder. Ein ähnlicher Überfall fand am 23. Januar 1870 am Marias River in Montana statt. Vermutlich als Reaktion auf Übergriffe, griff die US-Armee ein Lager der Blackfoot an und tötete über 170 Angehörige des Stammes, drei Viertel davon Frauen und Kinder.
Die Indianerkriege zwischen 1860 und 1890 haben das Bild der Auseinandersetzung mit den US-amerikanischen Ureinwohnern weitaus nachhaltiger geprägt als die Indianerkriege zuvor. Im Verlauf dieser Periode wurde die Erschließung der westlichen Territorien beendet, die letzten freilebenden Stämme in Reservaten konzentriert. Die Inbesitznahme der westlichen Gebiete sowie die Umsetzung dieser Politik führte zu erbitterten Auseinandersetzungen – vor allem mit den Präriestämmen sowie den Apachen im Südwesten. In deren Folge fanden drei Massaker statt, deren Erinnerung sich bis heute im Gedächtnis gehalten hat: das Sand-Creek-Massaker in Colorado 1864, das am Washita 1868 und das am Wounded Knee in South Dakota 1990.
Während des amerikanischen Bürgerkriegs geriet die Erschließung der westlichen Territorien vorübergehend ins Stocken. Um die Armeen der Union und Konförderierten mit Soldaten aufzustocken, wurden die Besatzungen der westlichen Forts ausgedünnt oder ganz in den Osten abgezogen. Nichtsdestotrotz fanden zwischen 1861 und 1865 drei größere Indianerkriege statt: gegen die Navajo in Nordost-Arizona und Nordwest-New-Mexico, gegen die Santee-Sioux in Minnesota und gegen die südlichen Cheyenne in Colorado.
Die Navajo, die im nordöstlichen Arizona und nordwestlichen New Mexiko lebten, hatten sich bereits in den Jahrzehnten vor Ausbruch des Bürgerkriegs gegen das Vordringen spanischer und angelsächsischer Siedler in ihr Gebiet gewehrt. In Feindseligkeiten verstrickt waren sie darüber hinaus auch mit mehreren Stämmen der Apache, den Comanche sowie den sesshaften Pueblo-Indianern. Der mehrere Tausend Mitglieder umfassende Stamm hatte sich auf Schafzucht, Pferdezucht und Gemüseanbau kapriziert. Darüber hinaus führten die Navajo regelmäßige Beutezüge gegen andere Indianergruppen sowie weiße Ansiedlungen durch.
Mit Fort Defiance hatten die USA 1851 einen ersten Stützpunkt im Navajo-Gebiet errichtet. Das Vorstoßen kalifornischer Unions-Einheiten in Territorien der Konförderierten im Südwesten löste 1862 einen offenen Krieg aus. Die California Column unter Befehl von James Carleton rückte in die Südwest-Gebiete ein und verstärkte dort die lokalen Einheiten der New Mexico Volunteers unter dem Kommando von Kit Carson. Obwohl das eigentliche Ziel der zusammengezogenen Unionstruppen die konförderierten Verbände entlang des Rio Grande waren, führte Carleton nach seiner Ankunft einen Feldzug gegen die Mescalero-Apachen durch. Carleton zwang diese, sich in der Reservation von Bosque Redondo anzusiedeln. 1683 übertrug er Kid Carson den Oberbefehl im Feldzug gegen die Navajo. Carson, der den Ruf eines Indianerfreundes hatte, nahm das Kommando zunächst nur widerwillig an. In der Folge wandte er gegen die Navajo allerdings eine Strategie der verbrannten Erde an. Unter Einsatz koordiniert vorrückender Verbände schloss Carson den Hauptstützpunkt der Indianer, den Canyon de Chelly, ein und zwang die Indianer so zur Aufgabe.[65]
Im Winter 1864 kapitulierten die Navajo und traten den Langen Marsch in die 800 Kilometer entfernte Reservation in Bosque Redondo an. Die Zustände dort waren allerdings derart skandalös, dass die Regierung in Washington eine Untersuchungskommission einsetzte. Die Kommissionsmitglieder artikulierten, so der Historiker Dee Brown, gegenüber den Zuständen in Bosque Redondo teils Mitgefühl, teils Desinteresse.[66] Für die Navajo war Bosque Redondo allerdings nur eine Zwischenstation. 1868 – nach einer Zusammenkunft mit Armee-Oberbefehlshaber William T. Sherman – durften die Stammesmitglieder schließlich in ihr altes Gebiet zurückkehren.[67]
Ungefähr zeitgleich mit dem Krieg gegen die Navajo fand in Minnesota der Krieg gegen die Santee-Sioux statt. Der östliche Zweig der Sioux im Waldland zwischen Mississippi und Missouri hatte bereits 1851 neun Zehntel seines ursprünglichen Gebiets abgetreten. Abhängig von Lebensmittelzuteilungen, lebte er mittlerweile in einem Reservat am Minnesota River. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs zogen rund 150.000 Siedler in das ehemalige Gebiet der Santee. Als zugesagte Lebensmittellieferungen ausblieben, verschärfte sich die Situation in der Reservation. Angeheizt durch das gleichgültige bis rohe Verhalten der örtlichen Indianerbeauftragten, begannen die Santee im Sommer 1862 schließlich einen allgemeinen Aufstand.[68]
Im Verlauf des Sioux-Aufstands im Sommer 1862 kam es sowohl zu Angriffen auf einzelne Siedler als auch zu koordinierten Angriffen auf Siedlungen und Forts. Am 19. August griffen die Santee die Stadt New Ulm an. Henry Hastings Sibley, Befehlshaber einer 1400 Mann umfassenden Expeditionstruppe des amerikanischen Heeres gelang es in den Folgewochen allerdings, den Sioux-Aufstand effektiv niederzuschlagen. Da während der Kämpfe mehrere hundert Siedler ums Leben gekommen waren, installierte Sibley nach der Kapitulation der Indianer ein Militärgericht, welches exemplarisch harte Strafen verhängte – darunter 303 Todesurteile. Nach einer Prüfung reduzierte US-Präsident Lincoln die Anzahl der Todesurteile, stimmte allerdings der Hinrichtung von 39 Verurteilten zu. Die 39 verurteilten Santee-Sioux wurden am 26. Dezember 1862 in Mankato gehängt. Die überlebenden Angehörigen des Stammes übersiedelte die Armee in eine Reservation bei Fort Snelling am Missouri. Die US-Regierung erklärte die mit dem Stamm geschlossenen Verträge nach deren Kapitulation für null und nichtig.[68]
Der dritte Indianerkrieg während der Zeit des Bürgerkriegs brach 1864 im Colorado-Territorium aus. 1858 wurde am Pikes Peak Gold gefunden. In den Jahren darauf strömten tausende von Goldsuchern in die Region. Parallel dazu ließ sich eine steigende Anzahl von Siedlern im Tal des Platte River nieder. Die südlichen Cheyenne und Arapaho waren ursprünglich Mitunterzeichner des Vertrags von Fort Laramie 1851. Wesentlich mitbefördert wurden die stetig zunehmenden Feindseligkeiten durch das Agieren von Gouverneur John Evans sowie John M. Chivington, dem Befehlshaber der Colorado Volunteers. Ende Juni 1864 beschuldigte Evans die Cheyenne schließlich, einen Krieg begonnen zu haben und forderte die Indianer auf, sich an „sichere Orte“ zu begeben beziehungsweise sich bei dem örtlichen Indianeragenten in Fort Lion zu melden. In einer zweiten Proklamation ermächtigte Evans die Bürger des Territoriums, einzeln oder in Gruppen gegen feindselige Indianer vorzugehen.[69]
Chivingston, ein Bürgerkriegsveteran und Teilnehmer der Schlacht am Glorieta-Pass in New Mexico, startete im Herbst 1864 eine militärische Befriedungsaktion. Am 29. November 1864 überfiel seine aus rund 700 Soldaten bestehende Kolonne ein friedliches, mehrheitlich von Frauen und Kindern bewohntes Dort der Cheyenne am Sand Creek. Im Verlauf des Massakers am Sand Creek töteten die Soldaten 105 Frauen und Kinder sowie 28 Männer. Die Verluste der Colorado Volunteers betrugen 9 Tote und 38 Verwundete. Im Anschluss versuchte Chivington, den Überfall als militärischen Sieg hinzustellen – unter anderem durch die Angabe, seine Truppen hätten bei der Aktion 400 bis 500 feindliche Krieger getötet. Weiße Überlebende wie die Brüder Charlie und George Bent, die sich während des Überfalls im Lager der Indianer aufgehalten hatten, trugen durch ihre Berichte jedoch mit dazu bei, die Begleitumstände des Überfalls sowie die während des Massakers begangenen Greueltaten publik zu machen. In der Folge kam es zu einer Untersuchungskommission, welche die Vorkommnisse genauer untersuchte, Chivington jedoch ein korrektes Verhalten attestierte. Die Überlebenden der südlichen Cheyenne zogen in das Gebiet südlich des Arkansas River. In einem am 14. Oktober 1865 abgeschlossenen Vertrag verzichteten sie förmlich auf alle Landansprüche in Colorado.[69]
Anders als kleinere Stämme erwiesen sich die Reiterstämme der Sioux, Cheyenne, Arapahoe, Comanche und Kiowa bis in die 1970er-Jahre hinein als ernstzunehmende militärische Gegner. Die westlichen Sioux, welche die Prärien vom Nebraska-Territorium bis zur kanadischen Grenze bevölkerten, hatten den vordringenden US-Amerikanern zwar einige Konzessionen gemacht – unter anderem ungehindertes Durchzugsrecht auf dem Oregon Trail. Die Kern-Jagdgründe der Oglala, Hunkpapa, Minneconjou, Brulé und Two Kettles nördlich des Platte River zwischen Missouri und Black Hills im Osten und dem Tongue- und Powder-River-Land im Westen galten den Stämmen jedoch als unantastbar. Eng mit den westlichen Sioux bzw. Teton oder Lakota verbündet waren die nördlichen Cheyenne und Arapaho. Die südlichen Cheyenne und Arapaho hingegen betrachteten vor allem das Land zwischen Platte und Arkansas River als ihr Kerngebiet und pflegten freundschaftliche Beziehungen mit den Comanche und Kiowa südlich davon.[70]
Mitauslösende Konfliktpunkte für die Präriekriege, welche nach Beendigung des Bürgerkriegs ausbrachen, waren die Ereignisse in Colorado 1864. Hinzu kamen neue Ansiedlungen im Bereich des Platte River sowie der Bau der ersten transkontinentalen Eisenbahnstrecke durch die Union Pacific Railroad. Unmittelbare Ursache waren Goldfunde im westlichen Montana. Ausgehend von Fort Laramie, dem wichtigsten Stützpunkt der US-Armee am Platte River, legten die USA einen neuen Überlandweg durch das Land, welches den Indianern als ihr Besitz garantiert worden war – den Bozeman Trail. Nachdem die US-Armee damit begann, den Verlauf der Bozeman Road mit neu erbauten Forts zu sichern, brach der Red-Cloud-Krieg aus, der bis 1868 andauerte. Mit dem sogenannten Fetterman-Massaker gelang den Sioux, Cheyenne und Arapaho nicht nur ein spektakulärer Sieg, bei dem eine aus 81 Mitgliedern bestehende Einheit restlos aufgerieben wurde. Im zweiten, 1868 abgeschlossenen Vertrag von Fort Laramie erkannten die USA das westlich des Missouri gelegene Gebiet inklusive der Black Hills und dem Land am Powder River explizit als Territorium der dort wohnenden Stämme an.[71]
Die Auseinandersetzungen südlich des Platte River verliefen für die Indianerstämme weniger glimpflich. 1862 hatte die Regierung Lincoln den Homestead Act verabschiedet – ein Landnahmegesetz, welches die Ansiedlung im Westen entscheidend beförderte. Während das Gesetz die Enteignung von Indianerland legitimierte, verfolgten US-Armee, Regierung sowie lokale Funktionsträger zunehmend die Strategie, freilebende Indianerstämme in Reservate zwangsumzusiedeln. Ein weiterer Punkt war der stark angewachsene Umfang der US-Armee nach dem Bürgerkrieg. Beschränkten sich die Bundestruppen in den Jahrzehnten zuvor auf das Unterhalten einiger Präsenz-Stützpunkte in den Indianergebieten, traten sie in den Indianerkriegen nach 1865 zunehmend als konfliktentscheidende Kraft in Erscheinung.
Eine für die Nach-Bürgerkriegsjahre typische Karriere verfolgte der ehemalige Brigadegeneral George Armstrong Custer. Nach dem Bürgerkrieg wurde er aus der Freiwilligenarmee ausgemustert und als Hauptmann im fünften Kavallerieregiment der regulären Armee weiter beschäftigt.[72] Anschließend beauftragte ihn das Armee-Oberkommando mit der Neuorganisation des 7. Kavallerieregiments in Fort Riley, Kansas. Die Bekämpfung der südlichen Präriestämme verlief nach einem ähnlichen Muster wie der Krieg drei Jahre zuvor in Colorado. In den Verträgen von Medicine Lodge, die im Oktober 1867 ausgehandelt wurden, verpflichteten die US-Unterhändler die südlichen Präriestämme dazu, sich in der Nähe der Reservatsstützpunkte um Fort Sill niederzulassen. Im Anschluss an den Vertrag intensivierten sich die Feindseligkeiten mit den südlichen Präriestämmen zunehmend. Zu einem weiteren größeren Massaker kam es im Winter 1868. Am 27. November überfiel Custers Kolonne ein Lager der südlichen Cheyenne am Washita River, bei dem über 100 Indianer – vorwiegend Frauen, Kinder und Alte – getötet wurden. Der Angriff auf das Cheyennelager war Teil einer Befriedungskampagne, in deren Folge Armee-Oberbefehlshaber William T. Sherman sowie der westliche Oberkommandierende, General Philip Sheridan, eine Reihe von Feldzügen durchführten mit dem Ziel, die südlichen Cheyenne und Arapaho sowie die Kiowa und Comanche aus der Prärie zu vertreiben und zur Niederlassung in den Reservaten zu zwingen.[73]
Die Feldzüge gegen die Kiowa und Comanche verliefen nach einem ähnlichen Muster. Nach einer Serie gegenseitiger Scharmützel 1868 bis 1871 nahm die US-Armee die Kiowa-Häuptlinge Satanta, Satank und Big Tree gefangen und zwang die Indianer so, sich in die Reservate zu begeben.[73] 1874/75 flackerte der Widerstand ein letztes mal auf. Gegner der US-Armee im sogenannten Red River War war unter anderem der Comanche-Häuptling Quanah Parker – Sohn einer Weißen, die während der texanischen Indianerkriege von Comanche entführt worden war. Am Ende des Red-River-Kriegs ließen sich auch die Comanche und Kiowa in der Reservation nieder.[74] Eine wesentliche Mitursache war die Vernichtung der Büffelherden durch professionelle Büffeljäger. Binnen weniger Jahre reduzierten diese die riesigen Herden so stark, dass zeitweilig nur noch wenige Tausend Tiere übrig waren.[73] Statt der Bisons bestimmte in den südlichen Prärien zunehmend die Rinderwirtschaft der texanischen Rancher das Bild.
Die Botschaft von neuen Goldfunden in den Black Hills 1874 läutete auch das Ende der noch freilebenden Siouxstämme im Norden ein. Nach Abschluss des Vertrags von Fort Laramie 1868 hatten die US-Behörden damit begonnen, Sioux-Reservationen am Platte und Missouri River einzurichten. Der Zustrom von Siedlern in die Black Hills sowie das damit verbundene Wiederaufflackern der Feindseligkeiten führte zu einem Ultimatum der US-Armee mit der Aufforderung, die freilebenden Stämme sollten sich bis zum 1. Januar 1876 in den Reservaten einfinden. Da die Streitmacht der Indianer mehrere Tausend Krieger umfasste, stieß die Befriedungskampagne, die die US-Armee ab dem Sommer 1876 startete, auf unerwartet starken Widerstand. In der Schlacht am Rosebud schlugen die vereinten Sioux, Cheyenne und Arapaho eine starke militärische Streitmacht unter General George Crook. Ein koordinierter, von vier Armeeeinheiten vorgetragener Angriff auf ein großes Lager der Stämme im Powder River-Gebiet führte schließlich zur Schlacht am Little Bighorn, der wohl bekanntesten militärischen Auseinandersetzung im Verlauf der Indianerkriege. Custer hatte sich mit seinem 7. Kavallerieregiment nicht nur von den restlichen Verbänden abgesetzt, sondern seine aus 700 Soldaten und Indianerscouts bestehende Kolonne zusätzlich in drei Einheiten aufgesplittet. Während es den Sioux, Cheyenne und Arapaho unter Sitting Bull und Crazy Horse gelang, Custers Truppe restlos zu vernichten, konnten die restlichen beiden Einheiten nach einigen Tagen durch eintreffende Verstärkungen befreit werden.[75]
Custers „Last Stand“ löste im ganzen Land Betroffenheit und Empörung aus. Obwohl die unterschiedlichen Indianergruppen einige Abwehrgefechte erfolgreich meisterten, wurden sie im Verlauf der folgenden Monate dazu gezwungen, den Weg in die Reservation anzutreten. Crazy Horse ergab sich mit seiner Gruppe im Mai 1877. Sitting Bull floh mit Teilen seines Stammes zunächst nach Kanada. Da die schwindenden Büffelbestände ein Weiterführen der bisherigen Lebensweise unmöglich machten, kehrte auch Sitting Bull mit den Resten seiner Gruppe 1881 in die USA zurück.[75] Die militärischen Auseinandersetzungen mit den Prärieindianern dauerten bis ins Jahr 1878 an. In jenem Jahr führten die verbliebenen Gruppen der Northern Cheyenne eine aufsehenerregende Flucht durch aus dem ihnen zugeteilten Reservat im Indianerterritorium. Die Flucht über drei Bundesstaaten bzw. Territorien, bei der es wenigen Dutzend Cheyennekriegern gelang, eine überlegene militärische Streitmacht mehrmals abzuschütteln, endete für die beteiligten Gruppen unterschiedlich. Während eine in der Nähe von Fort Robinson fast aufgerieben wurde, gelang es der zweiten, sich zum Reservat der Sioux durchzuschlagen und ein kleines Reservat in der Nähe der Sioux-Reservation auszuverhandeln.[76]
Letzte Kriege mit Indianern fanden in den 1870er-Jahren auch im Gebiet der Rocky Mountains statt. Ähnlich dramatisch wie der Exodus der nördlichen Cheyenne verlief der Nez-Percé-Krieg in den nordwestlichen Territorien 1877. Die Nez Percé, ein kleinerer Stamm im Ostteil der heutigen Bundesstaaten Oregon und Washington, führten während ihrer Flucht durch Idaho und Montana fünf erfolgreiche Abwehrgefechte gegen nachsetzende Armeeverbände durch. Der Großteil des Stammes ergab sich in der Nähe des Yellowstone River schließlich den Truppen von Oberst Nelson Miles. Einer kleinen Gruppe gelang die Flucht nach Kanada, wo sie sich den Sioux von Sitting Bull anschloss.[77] Ein weiterer Indianerkrieg im „Fernen Westen“ der USA war der Modoc War 1872 gegen die Modoc – einen kleinen Stamm im nordostkalifornischen Bergland.[78] Kleinere Indianerkriege fanden darüber hinaus gegen die Ute im Staat Utah sowie die nördlichen Shoshone und Blackfoot statt.
Die Präriegebiete waren Ende der 1870er zwar militärisch befriedet. Das Leben in den Reservaten – vor allem der Pine Ridge Reservation in South Dakota sowie dem westlichen Indianerterritorium im heutigen Oklahoma – erwies sich für die Stämme jedoch als problematisch. Apathie, Alkoholismus, Untätigkeit, Streitigkeiten und Perspektivlosigkeit führten zu einer anhaltenden Unzufriedenheit. Zusätzlich befördert wurde diese durch die Bemühungen von Indianeragenten und Militärs, die Anführer des Powder-River-Kriegs ins Abseits zu drängen. Crazy Horse wurde 1877 von einem Wachsoldaten in Fort Robinson mit einem Bajonett erstochen. Sitting Bull erhielt 1883 die Gelegenheit, vor einer US-Kommission die Missstände in den Reservaten anzuprangern. Ab 1885 tingelte er mit der Wildwest-Show von Buffalo Bill durch die Vereinigten Staaten und Kanada. Nichtsdestotrotz hielten ihm Teile der Öffentlichkeit seine Beteiligung am Little Bighorn sein Leben lang vor. Im Zuge der Maßnahmen gegen die sich ausbreitende Geistertanz-Bewegung 1890 wurde Sitting Bull festgenommen und bei der entstehenden Rangelei zwischen Anhängern und Polizisten von einem Soldaten erschossen.[79]
Die Geistertanz-Bewegung, eine indianische Erlösungsbewegung, schürte bei den US-Behörden die Sorge vor einem neuen Indianerkrieg. Um potenzielle Unruhen im Keim zu ersticken, setzten sie abermals die Militärmaschinerie in Bewegung. Die dadurch in Gang gesetzten Maßnahmen gegen die Reservatsindianer führten am 29. Dezember 1890 schließlich zum Massaker am Wounded Knee, bei dem rund 350 Männer, Frauen und Kinder zum Teil mit Hotchkiss-Kanonen niedergemäht wurden. Unmittelbarer Auslöser war die Entwaffnung einer Gruppe Minneconjou-Sioux, die in ein Militärlager in der Nähe von Omaha deportiert werden sollte.[80] James William Forsyth, der Befehlshaber der Soldaten, wurde von jeder Schuld freigesprochen. Die Bewertung dieses letzten Zwischenfalls in Lauf der Indianerkriege änderte sich erst im Lauf des 20. Jahrhunderts. Einen territorialen Schlussstrich unter die Ära setzte der Oklahoma Land Run von 1889 – ein spektakulärer Wettlauf, in dessen Folge der Westteil des ehemaligen Indianerterritoriums zur allgemeinen Besiedlung freigegeben wurde.
Die Indianerkriege der USA in den südwestlichen Territorien unterschieden sich stark von denjenigen im östlichen Waldland und auf den Prärien. Zum einen wurde das Gebiet relativ spät erschlossen: Die mit der Aufnahme als Bundesstaat in die Union abgeschlossene Territorial-Phase der beiden Staaten New Mexico und Arizona endete erst 1912. Darüber hinaus unterschied sich auch die Art der Kriegsführung stark. Charakteristisches Merkmal der Apachenkriege war eine guerillartige Form der Kriegsführung, welche bis in die Zeit der Spanier zurückreichte und die südwestlichen US-Territorien über 30 Jahre lang in Atem hielt. Rückblickend gesehen waren die Apachenkriege die längsten und kostspieligsten aller Indianerkriege.
Grenzkriege mit nomadisierenden Apachengruppen in den neuspanischen Provinzen Nordmexikos führten bereits die Spanier. Anders als andere Indianerstämme waren die Apachen in kleineren Gruppen organisiert. Während des 18. Jahrhunderts immer mehr in die unfruchtbaren Gebiete des Südwestens zurückgedrängt, passten sie sich an die äußeren Umstände an und verlegten sich auf Raub- und Beutezüge gegen Nachbarstämme sowie spanische Siedler und Goldgräber. Die Beeinträchtigung durch beutesuchende Apachengruppen in den nordmexikanischen Provinzen Sonora und Chihuahua war so stark, dass die mexikanischen Behörden 1835 damit begannen, Prämien auf Apachenskalps auszusetzen. Ein Kommandeur der mexikanischen Armee schätzte, dass die Apachen in der Zeit zwischen 1820 und 1835 5.000 Mexikaner getötet hatten.
Trotz ihres 250jährigen Guerillakampfes gegen die Spanier zählten die Apachen vermutlich nie als mehr als ein paar Tausend Mitglieder. Die westlichen Apachegruppen (Tonto, Arivaipa) traten im Verlauf der Apachenkriege weniger hervor. Die östlichen Apachengruppen waren teilweise von anderen Indianerstämmen in die Wüsten New Mexicos abgedrängt worden (Mescalero, Lipan). Darüber hinaus orientierte sich die Kultur einzelner Gruppen wie zum Beispiel der Jicarilla stärker an der Kultur der Prärie- und Pueblo-Indianer als die anderer Apachen. Als hartnäckigster und erbittertster Gegner der US-Armee erwiesen sich die Chiricahua. Die Chiricahuas waren nicht nur die gefürchtetsten Guerillakrieger. Mit Mangas Coloradas, Cochise und Geronimo gehörten zu ihrem Stammeszweig auch die bekanntesten Anführer der Apachenkriege.
Mit den US-amerikanischen Siedlern gab es zunächst nur wenig Zusammenstöße. Cochise, ein tonangebender Anführer der Chiricahua, sicherte Unterhändlern der USA 1855 zu, Siedler und Postverkehr auf der südlichen Kalifornien-Route nicht zu behelligen. Nach einem Festnahmeversuch, dem sich Cochise entzog, eskalierte der prekäre Friede im Südwesten bald zu einem allgemeinen Apachenkrieg. Cochise verbündete sich mit weiteren Gruppen und überzog Siedlungen, Poststationen und Goldgräberlager beiderseits der mexikanischen Grenze mit einem jahrelang anhaltenden Kleinkrieg. In dessen Folge vertrieben die Apachenverbände rund 700 Goldgräber aus den Chiricahua Mountains.[81]
Hintergrund der ansteigenden Auseinandersetzungen mit den Apachen war unter anderem der Feldzug gegen die Mescalero 1862 sowie die Einrichtung des Reservats in Bosque Redondo. Ursprünglich dazu vorgesehen, die freilebenden Indianergruppen fest anzusiedeln und zur Bebauung von Land zu anzuhalten, wurden die Zustände in der Reservation – auch infolge von Überbelegung – immer unhaltbarer. Obwohl Bosque Redondo nach einer Intervention des Armee-Oberkommandierenden, General William T. Sherman, 1868 aufgelöst wurde, hielt das Bureau of Indian Affairs an der Strategie fest, die einzelnen Indianerstämme in großen Reservationen zu konzentrieren. Zum zentralen Apache-Reservat avancierte nach dem Bürgerkrieg die White-Mountain-Reservation um den Stützpunkt San Carlos. Überbelegung sowie das Ignorieren lokaler Unterschiedlichkeiten und traditioneller Lebensweisen führte dazu, dass sich die Zustände dort stetig verschlimmerten. Ausgelöst durch Apachenüberfälle in der Umgebung, kam es am 30. April 1871 schließlich zu einem Überfall in der Nähe von Camp Grant, bei dem 144 friedliche Arivaipa-Apachen ermordet wurden.[81]
Die letzte, bis Ende der 1880er-Jahre andauernde Phase der Apachenkriege begann 1879. Auslöser war die Absicht, die Chiricahuas ebenfalls in die San-Carlos-Reservation umzusiedeln. Victorio, einer ihrer Anführer, floh aus dem Reservat, warb rund 300 Krieger in unterschiedlichen Reservationen an und überzog das mexikanisch-amerikanische Grenzgebiet mit einem erbarmungslos geführten Guerillakrieg. Am 14. Oktober 1880 umzingelten Einheiten der mexikanischen Armee das Basislager der Apachen und töteten 78. Ein weiterer Ausbruch aus dem Reservat unter der Führung von Nana 1881 endete ähnlich. Während eines Rückzugsgefechts mit der US-Armee überfielen mexikanische Truppen das Hauptlager der Apachen und metzelten Männer, Frauen und Kinder nieder. Im Mai 1885 floh Geronimo, ein weiterer Anführer, mit einer Gruppe über die mexikanische Grenze. General Crook, zwischenzeitlich Oberbefehlshaber der US-Armee im Territorium Arizona, gelang es allerdings, die Gruppe zur Rückkehr zu bewegen.[82]
Die erneute Flucht von Geronimo und 30 Kriegern im Jahr darauf war der Hintergrund des letzten Apachenfeldzugs. Die USA boten dabei rund 5.000 Soldaten auf; hinzu kamen mexikanische Verbände jenseits der Grenze. Unter Mithilfe von Apache-Scouts konnten Geronimo sowie die letzten bei ihm verbliebenen Krieger gestellt und zum Aufgeben bewegt werden. Die überlebenden Chiricahua, Teile der Arivaipa, die das Massaker 1871 überlebt hatten sowie die indianischen Scouts, die bei der Jagd auf Geronimo geholfen hatten, wurden in Ketten nach Fort Marion in Florida deportiert. Die Kinder der Deportierten wurden von ihren Angehörigen getrennt und auf eine Schule nach Pennsylvania verbracht. Nachdem sich die Comanche bereit erklärt hatten, ihren ehemaligen Feinden Zuflucht in ihrer Reservation zu gewähren, erhielt Geronimo mit den Überlebenden seiner Gruppe die Erlaubnis, sich in der Nähe von Fort Sill in Oklahoma niederlassen. Ergebnis der letzten Apachenkriege war, dass – zehn Jahre nach Beendigung der Indianerkriege in der Prärie – auch im Südwesten die Ära der Indianerkriege endete. Allerdings fanden im Norden Mexikos bis in die 1930er-Jahre hinein Überfälle vereinzelter Apachengruppen statt.[82]
Im Jahr 1890 erklärte die US-Zensusbehörde offiziell das Ende der Frontier. Die von der Behörde im selben Jahr bekanntgegebene Zahl an Indianern auf dem Gebiet der USA (250.000) erreichte mit 240.000 im Jahr 1900 ihren historischen Tiefstand.[83] Die Kritik an den Zuständen in den Reservaten war bereits im Lauf der 1880er angewachsen. Nichtsdestotrotz blieb die Indianerpolitik der Vereinigten Staaten auch in den Jahrzehnten nach Einstellung der Kämpfe stark vom Aspekt der Zwangsassimiliation geprägt. Die in die Wege geleiteten Maßnahmen zielten meist darauf ab, aus den Stammesangehörigen christliche Farmer zu machen, welche die Lebensweise der umgebenden Gesellschaft nach und nach übernahmen.[83] Eine besonders berüchtigte Praxis waren die sogenannten Boarding Schools. Zwischen 1880 und 1930 nahmen die US-Behörden tausende von Eltern ihre Kinder weg, um sie in eigens eingerichtete Internatseinrichtungen zu verbringen. Die dort angewandten Mittel – Scheren der Haare, Zwangschristianisierung sowie das Verbot, die eigene Sprache zu sprechen – gerieten bereits zur Jahrhundertwende mehr und mehr in die Kritik. Folge war, dass die schlimmsten Erziehungspraktiken mit der Zeit aufgegeben oder zumindest abgemildert wurden.
Eine weitere Maßnahme der Assimilierung war der Dawes Act, ein Bundesgesetz aus dem Jahr 1887. Es zerstückelte die Reservatsländereien in kleine Parzellen, welche einzelnen Familien zugeteilt wurden. Eine Folge dieser Besitz-Individalisierung war ein weiterer massiver Landverlust. Zwischen 1881 und 1900 sank er von 155.632.312 Acre auf 77.865.373. Erschwerend hinzu kam, dass 1890 nur noch wenige Stämme auf dem Land ihrer Vorfahren lebten.[83] Auf der Ebene der Staatsbürgerschaft gab es 1901 die erste Veränderung, als den Mitgliedern der sechs Irokesenstämme die US-Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde. Der Indian Citizenship Act aus dem Jahr 1924 erklärte schließlich alle Indianer zu Bürgern der Vereinigten Staaten.[84] An den Kriegen der USA im 20. und 21. Jahrhundert waren jeweils große Kontingente an Indianern beteiligt. Am Ersten Weltkrieg nahmen mehr als 12.000 indianische Freiwillige teil. Im Zweiten Weltkrieg dienten an den Fronten in Europa und im Pazifik über 44.000 Männer und Frauen aus unterschiedlichen Stämmen. Einer der bekanntesten Teilnehmer war der Pima Ira Hayes. Hayes gehörte zu jener Einheit, welche die US-amerikanische Flagge auf einem Hügel der Insel Iwo Jima hisste. Während das Bild Raising the Flag on Iwo Jima zu einem der bekanntesten Bilder des Zweiten Weltkriegs avancierte, endete Hayes, der mit seinem Ruhm nicht zurechtkam, als Alkoholiker. Im Vietnamkrieg kämpften 50.000 Nachfahren amerikanischer Ureinwohner. Auch im Zweiten Golfkrieg 1990 sowie im Irakkrieg ab 2003 waren Angehörige indianischer Stämme mit im Einsatz.[85]
Obwohl indianische Kriegsteilnehmer an den Fronten der USA ihr Leben ließen, änderte sich die vom Bureau of Indian Affairs praktizierte Politik der Bevormundung und Benachteiligung über Jahrzehnte nur wenig. Bis in die 1950er-Jahre etwa mischte sich das Indianerbüro bis in kleinste private Angelegenheiten der Reservatsbewohner ein. So war die Bewegungsfreiheit von Reservatsbewohnern bis in die 1950er-Jahre hinein eingeschränkt und von speziellen Passierscheinen abhängig, welche Mitarbeiter des BIA gewährten oder verweigerten. Eine Wende stellte der Indian Reorganization Act aus dem Jahr 1933 dar, der kulturellen Pluralismus explizit als Möglichkeit festschrieb. Flankiert wurde die neue Gesetzgebung durch die Aktivitäten des Sozialreformers John Collier, welcher sich bereits in den 1920er-Jahren gegen die gängige Praxis der Landenteignungen engagiert hatte. Die 1950er- und 1960 brachten sowohl Rückschläge als auch Teilerfolge. Während die Eisenhower-Administration in den 1950er-Jahren versuchte, die Gruppenrechte der Indianer wieder rückgängig zu machen, bemühte sich die Bundesadministration unter Kennedy und Johnson, die Bürgerrechte der indianischen Minderheit sowie ihre soziale Situation zu verbessern. Nichtsdestotrotz blieben die Native American in vielem Bürger zweiter Klasse. Die Reisefreiheit sowie damit verbundene Verstädterung führte – zusammen mit der weiter bestehenden sozialen Benachteiligung und rassistischen Ausgrenzung – zu Entwurzelung sowie damit einhergehenden Ghettobildungen in den Großstädten im Einzugsbereich der Reservate.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts regte sich wieder ein gewisser nennenswerter Widerstand der indianischen Bevölkerung gegen die kulturelle Unterdrückung. Mit der Gründung des American Indian Movement (engl.: Amerikanische Indianische Bewegung oder auch Amerikanische Indianerbewegung, AIM) 1968 kam es in den 1970er Jahren zu einigen spektakulären Widerstandsaktionen der neuen Indianerbewegung, die sich für ein neues indianisches Selbstbewusstsein, die Wiederbelebung indianischer Bräuche und Traditionen und für Autonomierechte in den Reservaten einsetzte. Dieser Widerstand beinhaltete eher symbolische als militärisch wirkungsvolle Aktionen, auch wenn er in Einzelfällen militante Ausmaße mit Einsatz von Polizei und Militär auf der Gegenseite annahm. Die spektakulärsten Aktionen des AIM und mit ihm sympathisierender Gruppen waren die Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz 1969/1970 in der Bucht von San Francisco, die Besetzung des Bureau of Indian Affairs (BIA) in Washington (D.C.) und die Besetzung von Wounded Knee 1973 im Pine-Ridge-Reservat in South Dakota, wo es auch zu Feuergefechten mit einigen Todesopfern kam.[86]
Seit den Aktivitäten des American Indian Movement und dem Aufkommen einer für kulturelle und soziale Rechte kämpfenden Bürgerrechtsbewegung ist die Situation in den Reservaten Gegenstand anhaltender Kontroversen. Einerseits ist die Lage dort anhaltend von Armut, Verwahrlosung sowie einer extrem hohen Arbeitslosigkeit geprägt. Erdöl- und Mineralienfunde auf Reservatsgebiet eröffnen einerseits zwar die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Verbesserung. Andererseits sind einige Rohstoffaufkommen Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzungen. Ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten sind in den letzten Jahren die Indianerkasinos – neben dem Tourismus eine weitere Einnahmequelle. Einerseits sorgt der unter dem Schlagwort New Buffalo bekanntgewordene Casino-Boom für regelmäßige Einkünfte. Da die Mehrzahl der Casinoangestellten nicht aus den Reservaten stammt, wird die Nachhaltigkeit dieser Einnahmequelle jedoch von einer Reihe Kritiker angezweifelt.[87] US-Präsident George W. Bush lobte in einer Rede zwar explizit den Einsatz indianischer Teilnehmer bei den Operationen Enduring Freedom und Iraqi Freedom. Die schlechten Lebensbedingungen in den Reservaten werden allerdings auch von heimkehrenden Veteranen beklagt.[88]
Die landläufige Vorstellung, dass allein in den USA Indianerkriege stattgefunden hätten, ist faktisch zwar falsch. Allerdings gibt es für diese Fokussierung Gründe. Für Westeuropäer sowie US-Amerikaner selbst etwa die Tatsache, dass die Gründungsgeschichte der USA weitaus nachhaltigere Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat als die anderer amerikanischer Länder. Zweiter wesentlicher Grund ist die Form der Besiedlung. Während sich diese in den USA in Form einer stetig nach Westen wandernden, relativ kompakten Siedlungsgrenze vollzog, war die Frontier in Kanada, den lateinamerikanischen Ländern sowie in der Karibik eine eher marginale Größe. Übergreifende Betrachtungen wie etwa die von Ben Kiernan oder dem deutschen Historiker Jürgen Osterhammel charakterisieren Indianerkriege als typische Konfliktform weißer Siedlungsgrenzen.[89][90] Betrachtungen, die den kompletten Kontinent einbeziehen, führen in der Regel fünf Regionen auf, in denen bedeutendere Indianerkriege stattfanden: die USA, Kanada, Mexiko, die Südspitze Lateinamerikas mit Argentinien, Chile und Paraguay sowie Brasilien.
In Kanada schließlich spielte der Faktor Besiedlung zwar ebenfalls eine tragende Rolle. Die Erschließung der kanadischen Territorien war allerdings weitaus stärker als in den USA vom Pelzhandel geprägt. Dies änderte sich erst mit der Erschließung der westlichen Prärien in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Bis zur Gründung der Kanadischen Föderation 1867 blieb das Abschließen von Verträgen die vorherrschende Form, Konflikte und Landstreitigkeiten aus dem Weg zu räumen. In der Regel wurden die Indianer als Vertragspartner angesehen – auch wenn dies am Fakt der Landübereignung nichts änderte. Diese Politik änderte sich auch in den Folgejahrzehnten nicht grundlegend. Eine Folge war, dass die Besiedlung in Kanada – verglichen mit den USA – relativ unblutig vonstatten ging.
Größere Konflikte mit indigenen Bevölkerungsgruppen gab es in der neueren kanadischen Geschichte lediglich einen: den Konflikt mit den Métis. Die Ursprünge der Métis, einer Mischbevölkerung aus (ehemaligen) Franzosen, Indianern und Neusiedlern, reichte zurück bis ins 17. und 18. Jahrhundert. Ihre Ansiedlungen konzentrierten sich Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem im Präriegebiet der Provinzen Manitoba und Saskatchewan. Der massive Zuzug neuer Siedler aus dem Osten löste schließlich zwei Rebellionen aus, in deren Gefolge sich ein Teil der Provinz Manitoba, die Red-River-Kolonie, kurzzeitig für unabhängig erklärte. Die kanadische Regierung schlug die Red-River-Rebellion 1869/70 schließlich ebenso nieder wie die Nordwest-Rebellion 1885. An letzterer beteiligten sich auch Angehörige der Cree – einem Indianerstamm, der der Sprachfamilie der Algonkin angehört und dessen ursprüngliches Siedlungsgebiet sich von der Atlantikküste bis in die westlichen Prärien erstreckte. Die Métis sind zwischenzeitlich als indigenes Volk anerkannt, zählen allerdings nicht zu den First Nations, wie sich die Indianer Kanadas – im Unterschied zu den Native American in den USA – nennen.
Die mexikanische Indianerpolitik changierte nach der Unabhängigkeit 1810 zwischen zwei gegenläufigen Polen. Der eine war eine stärkere Rückbesinnung auf die „aztekischen“ Wurzeln – eine Abgrenzung, die vor allem der neu errungenen Unabhängigkeit von der spanischen Krone geschuldet war. Einher ging dieses Nationalbewusstsein mit einer Aufwertung des kreolischen Herkunftsanteils. Im Verlauf des von liberalen Besitzeliten wesentlich geprägten 19. Jahrhunderts artikulierte sich mehr und mehr ein gegenläufiger – die Aufwertung der mestizischen, also auf weiße Vorfahren zurückzuführenden Herkunftsanteile.[91] Zu anhaltenden Konflikten mit indianischen Populationen kam es vor allem im Südosten und Nordwesten. In den 1830ern und 1840ern fanden auf der Halbinsel Yukatán blutige Auseinandersetzungen mit der dort lebenden Indio-Bevölkerung statt. Im Zuge der Niederschlagung der Unabhängigkeitsbewegung auf der Halbinsel, die sich auch im lang andauernden Kastenkrieg artikulierte, kamen vermutlich 200.000 bis 300.000 Menschen ums Leben.[92] Während es sich bei der Befriedung der Yukatán-Halbinsel um einen bürgerkriegsähnlichen Konflikt handelte, ähnelten die Auseinandersetzungen mit den Yaqui in der nordwestmexikanischen Provinz Sonora stark den Apachenkriegen in den USA. Die Grenzkrieg mit den Yaqui, deren Widerstand gegen die Spanier bis ins 16. Jahrhundert zurückreichte, dauerte drei Jahrzehnte. Mit der Acta de sumisión 1897 wurde auch dieser Konflikt beigelegt.[93] Nichtsdestotrotz gab es bis ins Jahr 1917 vereinzelte Gefechte. 1927 schließlich sprach Präsident Cárdenas den Yaqui ein eigenes Reservat zu.
Die Frontera in der argentinischen Pampa weist, vergleichend gesehen, die meisten Ähnlichkeiten mit der US-amerikanischen Frontier auf.[94] Die von den Spaniern praktizierte Politik des Abschlusses völkerrechtlich bindender Verträge behielt auch die argentinische Regierung bei – ebenso die Einschränkung, die vertragsabschließenden Indianer sowie ihr Land als Teil des argentinischen Staatsgebiet zu betrachten.[95] Die reale Erschließung der weiträumigen Pampa-Gebiete südlich von Buenos Aires dauerte jedoch bis in die zweite Jahrhunderthälfte an; noch in den 1830er-Jahren waren Indianerüberfälle in der Provinz Buenos Aires nichts Seltenes.[96] Eine erste Kampagne gegen die freilebenden Stämme der Pamparegion führte Juan Manuel de Rosas in den 1830ern, eine zweite in den 1870ern Julio Argentino Roca. Beide Kampagnen führten zur Zurückdrängung der indigenen Bevölkerung und befestigten schließlich die auf Großgrundbesitz basierende Vieh- und Haziendenwirtschaft, die für die Pampa bis heute typisch ist. Eine Sonderrolle in der indianischen Geschichte Argentiniens und Chiles nehmen zwei eher randständige Ereignisse ein: der sogenannte Wüstenkrieg 1879/80 mit Chile sowie das kurzzeitige Königreich von Araukanien und Patagonien. In den 1870er-Jahren war es dem französischen Abenteurer Orélie Antoine de Tounens gelungen, einen unabhängigen Mapuche-Staat ins Leben zu rufen. Der Widerstand der Mapuche in Patagonien reichte zurück bis zum Arauco-Krieg in der Frühzeit der spanischen Kolonisation.[97] 1860 wählten die Häuptlinge der Mapuche Tounens zum König. Seine Bemühungen um internationale Anerkennung scheiterten allerdings kläglich. Historiker bewerten die Geschichte des Königreichs von Patagonien zwar meist als komische Randepisode. Endgültig gebrochen wurde der Widerstand der Mapuche allerdings erst in den 1880er-Jahren.[98]
Anders als in Argentinien konnte in Brasilien von einer Siedlungsgrenze im eigentlichen Sinn des Wortes lange kaum die Rede sein. Die Siedlungsgrenze war lange Zeit durch den Zuckerrohranbau sowie den Bergbau in den rückliegenden Gebieten vorgegeben. Erst durch den Kaffeeanbau im 19. Jahrhundert entstand in Brasilien so etwas wie eine Fronteira, in deren Folge es auch zu organisiertem Vorgehen gegen örtliche Indianerstämme kam – wobei den Indianern bis 1910 nicht einmal Reservatsschutz gewährt wurde.[99] Anders als in den USA wurde die Erschließung der ausgedehnten Wildnis der Amazonasregion erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts in Angriff genommen. Allerdings spielte hier weniger der Gedanke der Besiedlung eine Rolle als vielmehr der der Holzwirtschaft, später auch der der Energiegewinnung. Die Ureinwohner des Amazonasgebiets leisteten gegen das Vordringen der Zivilisation in den Regenwald zwar ebenfalls Widerstand. Aufgrund der geringen Entwicklung stellt sich das Problem aktuell jedoch eher als das des Schutzes. So führt die UNESCO 23 Stämme auf, die vor Erstkontakten mit der weißen Zivilisation explizit geschützt werden sollen. Nichtsdestotrotz kam es in der Amazonasregion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu gezielten Vernichtungsaktionen. Beteiligt waren an diesen nicht nur lokale Behörden, sondern auch der 1908 von Cândido Rondon gegründete Indianerschutzdienst (port: Fundação Nacional do Ãndio; Abk.: FUNAI). Wie das Magazin Spiegel im Jahr 1969 berichtete, fielen den Massakern und Folterungen der Indianerschutz-Rangers vermutlich Tausende von Indios zum Opfer.[100]
Die historische Betrachtung konzentriert sich – von rein darstellenden Zusammenfassungen abgesehen – vor allem auf zwei Aspekte: erstens das Ausmaß der Gewaltförmigkeit sowie die dadurch aufgeworfene Schuldfrage, zweitens Vergleichen mit der Niederwerfung anderer indigener Bevölkerungsgruppen. Eine Sonderrolle bei der Nachbetrachtung spielt die Behandlung des Themas in der Literatur, im Film sowie in anderen Massenmedien. Bis weit ins 20. jahrhundert hinein von einer einseitigen wie unrealistischen Darstellung geprägt, fand erst seit den 1960er-Jahren eine Hinwendung zu einer realistischen Behandlung des Themas statt.
Unumstritten ist in der Geschichtsforschung das Ergebnis der Indianerkriege. Dass die Unterwerfung und Vernichtung der amerikanischen Ureinwohner eine zwangsläufige Folge der Besiedlung durch weiße Europäer war (und, umgekehrt gesehen, dass die Indianer keinerlei Chance hatten, die Besiedlung zu verhindern), wird von niemand bestritten. Die Indianerföderationen, die Anführer wie Pontiac und Tecumseh zeitweilig in die Wege leiteten, werden in der Regel als tapferer, letztlich jedoch vergeblicher Versuch gewertet, die Inbesitznahme der indianischen Stammesgebiete zu stoppen. Großteils geschätzt sind nach wie vor zahlreiche Zahlen, die mit den Indianerkriegen beziehungsweise dem Vorrücken der Besiedlungsgrenze verbunden sind. Bei vielen Angaben differieren auch die Ausgangsparameter. Die Anzahl der Ureinwohner, welche den nordamerikanischen Kontinent 1492 bevölkerten, wurde seit den 1970er-Jahren stetig hochkorrigiert. Rechnete man 1865 noch mit 0,9 bis 1,5 Millionen für das Gebiet der heutigen USA und Kanada, gehen aktuelle Schätzungen von 5 bis 12 Millionen für das Vergleichsgebiet und 45 bis 60 Millionen für den gesamten Kontinent aus. Die Mehrzahl hält die Zahl 6 bis 7 Millionen (für die USA und Kanada) für realistisch.[101]
Weiteren Schätzungen zufolge lebten 1570 rund 3 Millionen Indianer östlich des Mississippi sowie 120.000 im Gebiet des heutigen Neuengland, 1670 jeweils ein Zehntel davon. Einer wissenschaftlichen Faustregel zufolge reduzierten sich indianische Populationen nach dem Erstkontakt mit Europäern um rund 90 Prozent – wobei als Hauptursache nicht militärische Gewalt gilt, sondern die durch die Europäer verbreiteten Infektionskrankheiten. Die Stämme, auf die die Kolonisten stießen, umfassten je nach Größe einige Hundert bis mehrere Zehntausend Mitglieder. Einer Schätzung für 1868 zufolge zählten die Präriestämme zu jener Zeit rund 150.000 Mitglieder. Auf Schätzwerten sowie unterschiedlichen Parametern basieren teilweise auch Angaben zur Anzahl der Kolonisten beziehungsweise US-Einwohner. Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts betrug die Anzahl der Kolonisten an der Ostküste nicht mehr als einige Zehntausend. Die Virginia-Kolonie umfasste 1640 rund 10.000 Siedler, die Neuengland-Kolonien drei Jahre später rund 15.000. Um 1700 lebten in den Ostküsten-Kolonien rund 250.000 Einwohner. Bis zum Ende des Siebenjährigen Kriegs stieg die Einwohnerzahl auf rund 2 Millionen an. 1800 lebten in den USA rund 5 Millionen Einwohner, 1850 23 Millionen und 1900 fast 75 Millionen.
Die Anzahl der Indianer und Siedler, die im Verlauf unmittelbarer Auseinandersetzungen ums Leben kam, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Zum einen aus dem Grund, dass die als „Krieg“ deklarierten Konflikte (beispielsweise der King Philip’s War oder etwa der Sioux-Krieg in Nebraska und Wyoming 1865 bis 1868) lediglich einen Teil der Auseinandersetzungen ausmachten. Nicht bestritten wird, dass es im Verlauf der Indianerkriege auf beiden Seiten zu Massakern kam und Übergriffe gegen Nichtkombattanten sowohl bei Weißen als auch Indianern an der Tagesordnung waren. Während zeitgenössische Berichte meist einseitig gefärbt waren und die Indianer in der Regel als „grausame Wilde“ dämonisierten, betonte eine gegenteilige Richtung stark den Aspekt des großherzigen und „edlen Wilden“.
Neuere Untersuchungen versuchen, ein stärker realistisches Bild zu zeichnen. Der Historiker Stephan Meininger beispielsweise konstatiert den Indianern des amerikanischen Nordostens eine überdurchschnittlich kriegerische Grundhaltung.[102] Neben der grausamen Behandlung von Gefangenen sind jedoch zahlreiche Beispiele friedlicher Nachbarschaft oder sogar Miteinander-Zusammenlebens dokumentiert. Dies betrifft nicht nur Entführte, die danach aus freien Stücken weiter bei den Indianern lebten (bekanntes Beispiel: Cynthia Ann Parker, Mutter des späteren Comanche-Anführers Quanah Parker) sowie zahlreiche Mischehen. Die Adaption von Praktiken der anderen Kultur betraf beispielsweise auch den Umgang mit der Sklaverei. Insbesondere bei den fünf zivilisierten Stämmen im Süden war die Sklaverei eine selbstverständlich praktizierte Erscheinung. Umgekehrt wurden vor allem in der Anfangszeit der Kolonisation zahlreiche gefangengenommene Indianer versklavt beziehungsweise in die Sklaverei verkauft.[103] Ein spätes Kapitel dieses Kontakts zwischen Farbigen und Indianern waren die sogenannten „Büffelsoldaten“ – nach dem Sezessionskrieg zusammengestellte Armeeeinheiten, die vorwiegend oder ganz aus Afroamerikanern bestanden, und die in den Kriegen gegen die Prärieindianer zum Einsatz kamen.[104]
Ob die Praxis des Skalpierens getöteter Gegner von den Indianern stammt oder ursprünglich von den Spaniern eingeführt wurde, ist ungewiss. Belegt ist, dass sie sowohl von weißen Siedlern, Milizen und Soldaten als auch von Angehörigen verschiedener Indianerstämme angewandt wurde. Dass sich diese Sitte im Zug der Indianerkriege allgemein ausbreitete, gilt als gewiss. Ebenso verbürgt sind zahlreiche Beispiele, in denen seitens der Kolonisten, Behörden oder Militärbefehlshaber Prämien auf Indianerskalps ausgesetzt wurden. Nach wie vor uneins sind sich Historiker über die Frage, ob die Indianerkriege in der Summe genozidale Züge tragen. Der Historiker Ben Kiernan sieht in seinem 2007 veröffentlichten Werk Erde und Blut zumindest teilweise genozidale Tendenzen gegeben.[89] Der Autor Stephan Scheuzger beschreibt die Militärkampagnen unter Sherman und Sheridan nach 1865 als eine Fortsetzung der bereits in der Bürgerkriegs-Spätphase praktizierten Strategie, Niederlassungen sowie die Lebensmittelversorgung des Feindes zu zerstören. Laut Scheuzger nahm diese Strategie der verbrannten Erde die Tötung unbeteiligter Frauen und Kinder zumindest billigend in Kauf.[105] Der deutsche Historiker Jürgen Osterhammel hält den Vorwurf eines weißen Genozids zwar generell für übertrieben, räumt allerdings ein, dass der Vorwurf für einige lokale Schauplätze – insbesondere Kalifornien – durchaus angebracht ist.[106]
Ein weiterer Aspekt sind jene Kriege, die zwischen Indianern und Indianern stattfanden. Zum Tragen kamen sie einerseits in den frühen Kolonialkriegen. Der Teilnahme der Irokesenföderation auf der Seite der Briten im Siebenjährigen Krieg etwa war machtpolitisch eine mitentscheidende Komponente. Inwieweit Feindschaften zwischen einzelnen Indianervölkern unabhängig von dem Vordringen weißer Siedler bestanden oder aber von diesen mit ausgelöst wurden, ist weiter Gegenstand der historischen Forschung. Bekannteste Beispiele dieser innerindianischen Fehden sind die Auseinandersetzungen zwischen den Algonkin-Stämmen an der Ostküste und den Irokesen, die Verdrängungskriege der fünf beherrschenden Präriestämme gegen Apachen sowie die Stämme am Missouri und in den Rocky Mountains und die Zwistigkeiten zwischen Apachen einerseits sowie Pueblo-Indianern und Navajo andererseits. Die Rivalitäten zwischen den Stämmen begünstigten unter anderem auch den Einsatz indianischer Scouts. In den Präriekriegen nahmen auf Seite der US-Armee Kontingente aus Crows, Schoschonen und Pawnee teil. Die Apachenkriege schließlich wurden unter anderem durch den Einsatz von Apachescouts siegreich beendet.
Die USA tun sich mit der Aufarbeitung der Indianerkriege bis heute schwer. Eine offizielle Entschuldigung angesichts der eindeutig belegten Massaker – insbesondere die vom Sand Creek 1864, Washita River 1868 und Wounded Knee 1890 – sind bis heute ausgeblieben. 2009 unterzeichnete Barack Obama als 44. US-Präsident eine Erklärung, in der er für die Übergriffe, welche seitens der US-Armee stattfanden, um Entschuldigung bat.[107]
Ebenso wie andere geschichtliche Ereignisse wurden auch die Indianerkriege auf unterschiedlichste Weise künstlerisch reflektiert. Insbesondere die Eroberung und Besiedlung der Westgebiete avancierten zu einem elementaren Bestandteil der US-amerikanischen Gründungsmythologie. Zu Beginn der Kolonialphase waren vor allem Erlebnisberichte sowie Abhandlungen aus religiöser Sicht vorherrschend. Ein frühes Beispiel sind die Erfahrungsberichte von John Smith, dem Gründer der Virginia-Kolonie, die dieser zwischen 1608 und 1622 niederschrieb.[108] Geschichten, die den Kampf mit Indianern sowie das Leben an der Frontier in fiktiver Form behandelten, fanden erst ab dem Ende der Kolonialphase eine weitere Verbreitung. Mit der Ausweitung der Grenze und der damit einhergehenden Verbreitung des Buchdrucks stieg die Nachfrage nach Literatur, die sowohl authentisch als auch unterhaltend war. Bekanntestes Beispiel für diese Form zeitgenössischer Verarbeitung sind die Lederstrumpf-Romane von James Fenimore Cooper. Der erste erschien 1826. Bis 1840 folgten ihm vier weitere Bände.
Mit den Reisen von Malern wie George Catlin in den 1830er-Jahren stieg das Interesse an Informationen über das Leben der Indianer weiter an – vor allem in den östlichen Bundesstaaten, die bereits länger fernab der Indianergrenze lagen.[109] Mehr und mehr wurde diesem Interesse in Form reißerisch-trivialer Groschenromane und Sensationsgeschichten Rechnung getragen. Einer der bekanntesten Autoren dieser Romane war Ned Buntline. Buntlines, der in seiner Jugend selbst an den Seminolenkriegen teilgenommen hatte, trug mit seinen Geschichten dazu bei, bekannte „Westmänner“ zusätzlich zu popularisieren – beispielsweise die Büffeljäger und Kundschafter Wild Bill Hickok und Buffalo Bill.[110] Buffalo Bill, mit bürgerlichem Namen William Cody, stellte nach dem Ende der Sioux-Kriege eine Wildwest-Show auf die Beine. Codys Show, an der zeitweilig hunderte von Indianer- und Cowboy-Komparsen beteiligt waren, tingelte durch US-amerikanische wie europäische Städte. Die im Stil zeitgenössischer Völkerschauen inszenierte Show gastierte auch in Deutschland: 1889 in Karlsruhe, im Juli 1900 in Braunschweig.[111]
In Deutschland wurde das Bild der Indianerkriege stark durch die Werke des Volksschriftstellers Karl May geprägt. Kritik und Wissenschaft bescheinigen Mays Werk zwar allgemein eine stark romantisierende Tendenz sowie einen überdurchschnittlich freien Umgang mit den historischen Fakten. Aufgrund ihrer Beliebtheit prägten die Romane rund um die fiktiven Figuren Winnetou und Old Shatterhand das Indianerbild deutscher Leser jedoch nachhaltig.[112] Jüngere Generationen lernten Winnetou und Old Shatterhand durch zahlreiche Verfilmungen in den 1960ern kennen. Eine stärker an den historischen Fakten orientierte Aufbereitung lieferte der Schriftsteller Fritz Steuben. Steubens Tecumseh-Romanen wurden gelegentlich zwar ebenfalls idealisierende Tendenzen vorgehalten. Stärker wog allerdings der Vorwurf einer gewissen Affinität zu Ideologiesträngen des Nationalsozialismus. Während Steubens Tecumseh-Bücher in der Bundesrepublik mehrere Neuauflagen als Jugend- und Abenteuerroman erfuhren, zählten sie in der DDR zu der NS-belasteten Literatur.[113]
Ein stetig präsentes Thema waren die Indianerkriege auch in den zahlreichen Westernfilmen der US-amerikanischen Filmindustrie. Meist bildeten sie jedoch nur eine oberflächliche Staffage – beispielsweise in der Form von Indianern, die eine Postkutsche oder einen Siedlertreck angreifen. Zu einem eigenen Genre avancierte ab Ende der 1940er-Jahre der Kavallerie-Western. Den meisten Western- und Indianerfilmen der Hollywood-Kulturindustrie wird heute die Vermittlung eines stark einseitigen, zu Lasten der Indianer gehenden Bildes vorgeworfen.[114] Bestätigt wurde diese Kritik durch einige Statements bekannter Westerndarsteller. John Wayne etwa rechtfertigte die Verdrängung der Indianer 1971 mit folgenden Worten: „Ich glaube nicht, dass wir falsch gehandelt haben, als wir den Indianern das Land wegnahmen. Es gab Tausende von Leuten, die neues Land brauchten, und die Indianer waren so selbstsüchtig, es nur für sich behalten zu wollen.“ [115]
Ab Mitte der 1950er wandten sich Autoren und Filmemacher dem Thema auf stärker realistische Weise zu. Zu einem internationalen Erfolg wurde der dokumentarische Roman Cheyenne Autumn von Mari Sandoz, welcher die Flucht der Northern Cheyenne aus ihrem Reservat beschreibt.[116] Im Film sorgte das New Cinema in den 1970ern und 1980ern für einen deutlichen Umschwung. Der Indianerwestern Das Wiegenlied vom Totschlag (1970) thematisierte nicht nur verdrängte Massaker wie das am Sand Creek 1864, sondern setzte es in schockierenden, semidokumentarischen Bildern in Szene. Weitere Western, welche die Sicht der Indianer stärker berücksichtigten, waren Little Big Man (1970) sowie Der mit dem Wolf tanzt (1990). Flankierend zu diesem neuen Blick auf die Epoche der Indianerkriege kamen Filme heraus, die – entweder als Road Movie oder auch als Thriller – kritisch die Situation in den heutigen Reservaten behandelten. Beispiele: der nach einer Romanvorlage von Clair Huffaker gedrehte Film Der Indianer mit Anthony Quinn von Carol Reed (1970) sowie der Thriller Halbblut aus dem Jahr 1992. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dieser Ära der amerikanischen Geschichte forderte darüber hinaus auch der Schauspieler Marlon Brando ein, als er 1973 – aus Protest gegen den Umgang der amerikanischen Filmindustrie mit dem Thema Indianer – die Annahme des Oscar für seine Rolle in Der Pate ablehnte.[117]
Auch in der Popmusik sind die Indianerkriege sowie die heutige Situation der Native American gelegentlich Thema. Die kanadische Liedermacherin Buffy Sainte-Marie, eine Angehörige der Cree, thematisiert die Geschichte und Gegenwart der Indianer in zahlreichen ihrer Songs. Zu ihren bekanntesten Stücken zählt der Titelsong Soldier Blue zu dem Western Das Wiegenlied vom Totschlag. Das Schicksal US-amerikanischer Indianer thematisierten unter anderem Songs wie Indian Reservation – interpretiert unter anderem von Don Fardon – oder Ballad of Ira Hayes von Johnny Cash.
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