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Der Jansenismus war eine Bewegung in der katholischen Kirche des 17./18. Jahrhunderts, die sich auf die Gnadenlehre des Augustinus berief. Das Lehramt verwarf verschiedene Ansätze des Jansenismus als Irrlehre.
Inhaltsverzeichnis |
Die im 17. Jahrhundert abwertend benutzte Bezeichnung „Jansenisten“ geht auf Cornelius Jansen (1585–1638), den Bischof von Ypern, zurück, dessen 1640 posthum veröffentlichtes Buch Augustinus auf die Heilslehre des Augustinus zurückgreift und sich als Rückbesinnung auf die ursprüngliche christliche Lehre verstand. Er lehrte, dass der in Sünde gefallene Mensch keinen eigenen Einfluss auf seine Erlösung habe, auch nicht durch Mitwirkung in der göttlichen Gnade, sondern er sei völlig dem göttlichen Gnadenwillen ausgeliefert.
Der Jansenismus geriet schon bald in Gegnerschaft zum Jesuitenorden, der nach den Schriften des Jesuiten Luis de Molina auch Parti moliniste genannt wurde. Attackiert wurden neben dem Molinismus auch der Kasuismus und der Probabilismus. Die Jansenisten verurteilten die jesuitische Lehre, nach der die göttliche Gnade und die menschliche Willensfreiheit bei der Erlangung des Seelenheils zusammenwirkten. Als eine der bedeutendsten antijesuitischen Schriften gilt das 1643 erschienene Buch Théologie morale des Jesuites.[1] Die Jansenisten setzten auch nach ihrer eigenen Verurteilung ihre Angriffe gegen die Jesuiten fort und waren 1764 aktiv an antijesuitischen Maßnahmen der französischen Krone beteiligt.
Die Jansenisten kritisierten auch die Außenpolitik Frankreichs, das sich im Dreißigjährigen Krieg (bis 1648) und im Französisch-Spanischen Krieg (bis 1659) mit protestantischen Mächten gegen die katholischen Habsburger verbündet hatte. Dadurch zogen sie sich die Feindschaft des Kardinalministers Richelieu zu. Dieser Protest und später ihre Verbindung zur Opposition ließen die Jansenisten als Unruhestifter erscheinen. Die Ausbreitung der jansenistischen Lehre unter den französischen Bischöfen, im königsnahen Kloster Port-Royal sowie unter katholischen Intellektuellen – Blaise Pascal war bekennender Jansenist, seine autoritätskritische Anschauung einflussreich – erschien dem französischen König als wachsende Gefahr.
Der Jansenismus wurde erstmals 1642 durch Papst Urban VIII. in der päpstlichen Bulle In eminenti verurteilt.[2] Diese Verurteilung wurde 1653 von Innozenz X. in der Bulle Cum occasione bekräftigt.
Die Jansenisten - insbesondere jene im Episkopat und an anderen einflussreichen Stellen, die aufgefordert wurden, sich den päpstlichen Entscheidungen zu unterwerfen - reagierten auf zwiespältige Art: man erkenne die Verurteilungen „de jure“ an, da die vom Papst verurteilten Sätze tatsächlich häretisch seien, jedoch nicht „de facto“, da die verurteilten Sätze nicht den Lehren des Jansenius entsprächen.
Jules Mazarin führte die antijansenistische Politik seines Vorgängers Richelieu fort, sah sich aber einer wachsenden öffentlichen Diskussion um die Freiheit des Gewissens und der Moral gegenüber, angeregt unter anderem durch Pascals Provinciales, die dieser ab 1656 publizierte.
Mit der Übernahme der alleinigen Regierungsverantwortung durch Ludwig XIV. wurde es zunächst um die Jansenisten ruhiger, da der eher jansenistenfeindliche König zu Beginn des Krieges gegen Holland 1660 keine Konflikte im Reich wollte und Papst Clemens IX. zum Einlenken bewegen konnte. Zu jener Zeit entstanden wichtige Werke projansenistischer Autoren wie Pascals Pensées oder Pasquier Quesnels Nouveau Testament en français avec des reflexions morales sur chaque verset, das sich in der Folgezeit als besonders einflussreich herausstellen sollte.
Die Jansenisten waren wie die Mitglieder der gallikanischen Kirche gegen eine Bevormundung durch den Papst. Sie bezogen sich u.a. auf Edmond Richers Werk De ecclesiastica et politica potestate libellus (1611), in dem dieser die römisch-katholische Hierarchie kritisierte und für eine Stärkung der Ortsgemeinden eintrat. Auch von dessen Anhängerschaft wussten sie sich unterstützt. Im Rahmen dieser verschiedenen religiösen Bewegungen entstand eine anti-elitäre Glaubensauffassung, die sich von den elitennahen Jesuiten und dem Einfluss Roms auf französische Belange abgrenzte und die Glaubensfreiheit propagierte. Der Sonnenkönig hatte die Religionskämpfe und die Fronde noch in frischer Erinnerung und empfand diesen religiösen Aufbruch deshalb immer mehr als Gefahr für seine eigene Stellung als absoluter Monarch.
Ab 1680 sahen sich die Jansenisten vermehrter Repression ausgesetzt. Der König ließ das Kloster Port-Royal zerstören und die Jansenisten wurden verfolgt, verhaftet oder flohen ins Exil. Pasquier Quesnel wurde 1703 in Brüssel verhaftet. Der König hatte vom Papst wiederholt neue Verurteilungsschreiben verlangt, aber erst 1713 kam der Papst seinem Wunsch nach. In der Bulle Unigenitus Dei Filius setzte er sich in 101 Punkten mit Quesnels Ansätzen auseinander und verurteilte die Jansenisten erneut als Abtrünnige vom wahren Glauben. Damit gab er Ludwig XIV. ein Instrument in die Hand, dessen Sprengkraft seinem Urenkel noch die schwersten inneren Konflikte im Königreich bescheren sollte.
Der 91. Punkt der Bulle, in dem die Exkommunikation durch den Papst im Falle des Festhaltens an den Lehren Jansens angedroht wird, provozierte Auseinandersetzungen zwischen gallikanischen Bischöfen und dem Parlament einerseits und den Vertretern des Ultramontanismus andererseits und ließ das Jansenismusproblem von einem theologischen zu einem politischen Konflikt werden. Der Jansenismus entwickelte sich von einer theologischen Anschauung des 17. Jahrhunderts zu einer gesellschaftspolitischen Überzeugung des 18. Jahrhunderts, bei der es weniger um Glaubensfragen als um die Machtverteilung zwischen König und Parlament ging. Nach der Revolution verschwand der Jansenismus im 19. Jahrhundert allmählich.
Ein Zentrum des Jansenismus wurde durch Jean Duvergier de Hauranne das Kloster Port Royal nahe Versailles. Aus dem geistigen Umfeld dieses Klosters stammten viele französische Berühmtheiten, wie Jean Racine, Blaise Pascal oder François de La Rochefoucauld und Antoine Arnauld. Das Kloster wurde 1710 auf Befehl von Ludwig XIV. zerstört, der Jansenismus 1719 päpstlich verboten.
Trotz der relativ kurzen Blütezeit des Jansenismus hat seine Anthropologie die französische Literatur bis heute nachhaltig geprägt. Das jansenistische Menschenbild und die jansenistische Gnadenlehre fanden auch in späteren Jahrhunderten ihre Vertreter und verquickten sich im 18. und 19. Jahrhundert mit dem Gallikanismus.
Die Alt-Katholische Kirche der Niederlande verdankt den Beginn ihrer Unabhängigkeit von Rom den Auseinandersetzungen um den Jansenismus. Sie hat den Vorwurf, jansenistische Lehren zu vertreten, stets vehement bestritten, hat sich jedoch von der jansenistischen Spiritualität und Ekklesiologie beeinflussen lassen.
Welche Rolle der Jansenismus in der Vorgeschichte der Französischen Revolution spielte, ist seit einigen Jahren Gegenstand einer Forschungskontroverse, die vor allem zwischen dem amerikanischen Historiker Dale K. Van Kley und der französischen Historikerin Catherine Maire geführt wird.
Jean Firges ist der Ansicht, dass die jansenistische Weltanschauung die Liebe negativ darstellt, indem diese als Triebkraft einer durch die ErbsĂĽnde verderbten menschlichen Natur den Menschen in den Abgrund fĂĽhre.[3]