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Jean-Georges Noverre (* 29. April 1727 in Paris; â 19. Oktober 1810 in Saint-Germain-en-Laye) war ein französischer TĂ€nzer und Choreograf.
Er gehört mit Gasparo Angiolini zu den bedeutendsten TĂ€nzern und Choreografen des 18. Jahrhunderts. Noverre kĂ€mpfte im Geist der bĂŒrgerlichen AufklĂ€rung gegen die Erstarrung und Prachtentfaltung des höfischen Ballets, gegen Reifröcke und PerĂŒcken, fĂŒr NatĂŒrlichkeit und Humanismus im Tanz und fĂŒr das dramatische Handlungsballet (zum Beispiel in Ballet d'action). Er war Lehrer bedeutender Ballettmeister, wie etwa von Charles LePicq (* 1744 oder 1749; â 1806). Noverre wirkte unter anderem 1744 bis 1747 in Berlin, von 1747 bis 1750 in StraĂburg, von 1760 bis 1767 in Stuttgart und arbeitete von 1767 bis 1774 in Wien unter anderem mit Christoph Willibald Gluck zusammen. 1770/1771 choreografierte er die TĂ€nze zu Antonio Salieris Don Chisciotte alle nozze di Gamace. In Paris steuerte Wolfgang Amadeus Mozart Musik zu Noverres Ballett Les petits riens (1778) bei. Noverres Briefe ĂŒber die Tanzkunst (1760), die z.T. von Gotthold Ephraim Lessing ĂŒbersetzt wurden, gehören zu den bedeutendsten theoretischen Schriften ĂŒber das Ballett.
Inhaltsverzeichnis |
Noverre erhielt ab circa 1740 seinen ersten Ballettunterricht bei dem Pariser Tanzmeister François Marcel und bei dem TĂ€nzer Louis DuprĂ©. Seinen ersten Auftritt als TĂ€nzer hatte er 1742 in Fontainebleau am Hofe von Ludwigs XV. Ab 1744 war er unter dem Ballettmeister Jean-BarthĂ©lemy Lany als Figurant an der von Friedrich II. errichteten Hofoper in Berlin tĂ€tig. Nach einem Aufenthalt in Dresden war er von 1747 bis 1750 in StraĂburg tĂ€tig, wo er 1748 die TĂ€nzerin und Schauspielerin Marguerite-Louise Sauveur heiratete. 1750 bis 1752 war das Ehepaar an der Oper in Lyon engagiert, wo Noverre nun als SolotĂ€nzer wirkte und 1751 seine erste eigene Choreografie Le Jugement de Paris produzierte. Ab 1753 waren sie Mitglieder der Balletttruppe des Pariser Théùtre national de l'OpĂ©ra-Comique. 1755/56 wurde er von David Garrick an das Theatre Royal Drury Lane nach London geholt, wo er dessen Schauspielkunst kennen und schĂ€tzen lernte.
ZurĂŒck in Lyon produzierte er zwischen 1757 und 1760 mehrere Ballette, bei denen er vor allem mit dem Komponisten François Granier zusammenarbeitete. Im selben Jahr erschien seine erste theoretische Schrift Lettres sur la Danse et sur les Ballets. 1760 folgt er einem Ruf nach Stuttgart an den Hof des Herzogs von WĂŒrttemberg. Nachdem der Hof wegen Ăberschuldung zahlreiche Angestellte entlassen musste, bewarb sich Noverre 1766 mit einer umfangreichen Darstellung seines bisherigen Ballettschaffens (Warschauer Manuskript) fĂŒr das Theater am Hofe des polnischen Königs Stanislaw August. Nachdem er fast ein Jahr lang keine Antwort erhielt, ging er 1767 nach Wien, wo er von der spĂ€teren Königin Frankreichs Marie Antoinette protegiert wurde. In Wien entstanden zahlreiche Ballette, vor allem zu Musik von Josef Starzer, Franz Aspelmayer (1728â1786), Christoph Willibald Gluck, und anderer Komponisten. 1775 holte ihn Marie-Antoinette nach Paris, wo er als Nachfolger von Gaetano Vestris zum Ballettmeister der OpĂ©ra National de Paris ernannt wurde. Nach einem weiteren Londonaufenthalt von 1785 bis 1793, zog sich Noverre ab 1795 in Saint-Germain-en-Laye zurĂŒck, wo er im Jahre 1810, wĂ€hrend er noch an einem Dictionnaire de la danse arbeitete, verstarb.
Noverre ist sicherlich einer der bedeutendsten Choreografen des 18. Jahrhunderts. Die Bedeutung fĂŒr seine Zeitgenossen wie auch fĂŒr die Nachwelt grĂŒndet nicht zuletzt auch auf der Publikation zahlreicher Schriften zur Theorie und zur Praxis der Tanzkunst. AuĂerdem verfasste er zahlreiche ausfĂŒhrliche Szenarien (= Libretti, Inhaltsangaben) zu seinen Balletten, die in der Folge auch von anderen Choreografen aufgegriffen und nachgetanzt wurden. Da wir zu keinem der Ballette eine schriftliche Aufzeichnung von Schrittmaterial haben, können wir uns ĂŒber das Aussehen dieser Ballette nur ungefĂ€hre Vorstellungen machen. Abgesehen von den Szenarien zu seinen Balletten lagen 1760 die bereits erwĂ€hnten Lettres sur la danse vor, die schon bald in mehrere Sprachen ĂŒbersetzt wurden. Noverres Lettres sur la danse dienten in der Folge und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein vielen Choreografen als Vorlage zu eigenen Schriften, so etwa auch Carlo Blasis, August Bournonville a.u. 1766 verfasste Noverre ein circa 2000 Seiten umfassendes âBewerbungsschreibenâ an den König von Polen. Diese Schrift (Warschauer Manuskript) enthĂ€lt in insgesamt 11 groĂformatigen BĂ€nden 18 Ballettszenarien, 13 Partituren sowie einen Band mit theoretischen Ăberlegungen zur Tanzkunst. Ein Teil daraus erschien 1781 unter dem Titel Observations sur la construction d'une nouvelle salle de l'OpĂ©ra in Druck, andere Teile aus dem Warschauer Manuskript flossen in die erweiterte Ausgabe seiner Briefe, der Lettres sur les arts imitateurs von 1807 ein.
Noverre war mit Voltaire, Friedrich II., und David Garrick befreundet. Er besaĂ eine starke AffinitĂ€t zur bildenden Kunst. Eines seiner zentralen Anliegen war es, mit Balletten Tableaux zu malen, die ihrerseits wieder den bildenden KĂŒnstlern als Vorlage fĂŒr deren Werke dienen können. In Band 1 der Warschauer Handschrift heiĂt es im Kapitel âLe Ballet mis en parallele avec la Peintureâ: âLe Ballet est l'Image du Tableau bien composĂ©, s'il n'en est l'Originalâ (S. 25). Dementsprechend findet man Sujets seiner Ballette bereits in den GemĂ€lden der französischen Rokoko-Maler, wie Jean-Antoine Watteau, François Boucher und Jean-HonorĂ© Fragonard vorgezeichnet: Les Amusemems champetres, La Toilette de VĂ©nus, Le Jugement de PĂąris, Jason et MĂ©dĂ©e, Les Horaces et les Curiaces, Les Petits riens, etc. Obwohl die ZusammenhĂ€nge zwischen bildender Kunst und Tanzkunst gerade bei Noverre augenfĂ€llig sind, steht eine eingehende Untersuchung noch aus. So kommen etwa in Les petits riens (Paris 1778, teilweise mit Musik von W. A. Mozart) die Bild-Motive des Amour en cage (Watteau) sowie auch das Blindekuhspiel/Colin Maillard (Fragonard) vor. Erotisch konnotierte Momentaufnahmen mit entblöĂten Brustwarzen sind ein Topos der Rokokomalerei, kommen aber auch in dem Ballett Les petits riens vor. Die TĂ€nzerin Guimard, welche in Les petits riens in der âpikantenâ Szene als eine der SchĂ€ferinnen mitwirkte, wurde unter anderem von Fragonard des Ăfteren gemalt.
In AnknĂŒpfung an eine bereits von Louis de Cahusac skizzierte Reform des BĂŒhnentanzes vertritt Noverre die Ăberzeugung, dass im Ballett ein dramatisches Geschehen vorgestellt werden muss, ohne in Divertissements, das heiĂt in belanglosen Tanzszenen, zu verflachen. Das Ballett soll Leidenschaften zeigen und erzeugen, aber auch die Sitten und GebrĂ€uche des Volkes darstellen. Der Ballett-Komponist muss mit seiner Choreografie der Natur und der Wahrheit folgen. Er muss eine logisch aufgebaute und glaubwĂŒrdige Geschichte erzĂ€hlen, der die dreiteilige Grundstruktur des Dramas, nĂ€mlich dessen Einteilung âExposition â Knoten â Auflösungâ zugrunde liegen muss. Der Tanz soll eher expressiv und natĂŒrlich, als technisch und virtuos sein. Die danse en action soll den Zuseher durch eine ausdrucksstarke Pantomime bewegen, wobei Noverre hierin vom theatralen GebĂ€rdenspiel eines David Garrick inspiriert war. Noverre kritisierte die hierarchische Organisation des Balletts. Er trat gegen das Tragen von Masken auf, weil sie « die Affekte der Seele ersticken ». Er warb fĂŒr realitĂ€tsbezogene KostĂŒme, die dem vorgestellten Sujet entsprechen und den TĂ€nzern gröĂere Bewegungsfreiheit erlauben. Die TĂ€nzer sollten vielseitig gebildet sein, besonders im Studium der Poesie, Geschichte, Malerei, Geometrie, Musik und Anatomie, die alle fĂŒr das Gelingen einer perfekten Tanzkunst notwendig sind.
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Dieser Artikel wurde am 4. Mai 2006 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
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| NAME | Noverre, Jean Georges |
| ALTERNATIVNAMEN | Noverre, Jean-Georges |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer TÀnzer und Choreograph |
| GEBURTSDATUM | 29. April 1727 |
| GEBURTSORT | Paris |
| STERBEDATUM | 19. Oktober 1810 |
| STERBEORT | Saint-Germain-en-Laye |