|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Inhaltsverzeichnis |
Winckelmann wurde als Sohn eines Schusters am 9. Dezember 1717 in Stendal geboren. Zu Hause in Stendal lebte er in dürftigen Verhältnissen. Dem erblindeten Rektor der Stendaler Lateinschule, Esaias Wilhelm Tappert, ging er zur Hand, wurde dafür drei Jahre in dessen Haus aufgenommen und über die Schule hinaus gefördert.[1] Er besuchte die Stendaler Lateinschule, das Köllnische Gymnasium in Berlin und das Altstädtische Gymnasium in Salzwedel.
Dank eines Stipendiums war Winckelmann in der Lage, 1738 bis 1740 in Halle (Saale) Theologie zu studieren. Das Theologiestudium schloss er jedoch nicht ab. 1740 übernahm er eine Stelle als Hauslehrer in Osterburg bei Stendal. Von 1741 bis 1742 studierte er Medizin an der Universität Jena und war von 1743 bis 1748 Konrektor der Lateinschule im altmärkischen Seehausen. Aus der Retrospektive bewertet Winckelmann in seinen Briefen die Studienjahre und die Tätigkeit als Lehrer durchweg als Fron- und Leidenszeit. Nebenbei betrieb er philologische, philosophische und historische Studien. Die Exzerpte, die er dabei anlegte, befinden sich heute in seinem Nachlass in der Bibliothèque Nationale in Paris.
1748 wurde Winckelmann Bibliothekar bei Heinrich Graf von Bünau in Nöthnitz bei Dresden, wo er an der "Kayser- und Reichs-Historie" des Grafen und am gedruckten Katalog seiner Bibliothek mitarbeitete. Bünaus Bibliothek war weit über Dresden hinaus bekannt. Zu ihren Besuchern gehörte auch der päpstliche Nuntius in Sachsen, Alberico Archinto, der von Winckelmann so beeindruckt war, dass er ihm die Stelle des Bibliothekars in Rom anbot. In den dortigen Galerien könne er seinen Sinn für bildende Kunst entwickeln. Voraussetzung sei freilich, dass Winckelmann zum Katholizismus konvertiere.
In dieser Zeit wurde König August III. von Polen sein Gönner; er erkannte die bahnbrechenden Ideen Winckelmanns und unterstützte ihn mit 200 Talern. Am 17. September 1754 quittierte er den Dienst in Nöthnitz und zog zunächst zu seinem Freund, dem Maler Adam Friedrich Oeser in die Dresdner Königstraße 17 (heute 10), um bei ihm, wie später auch Goethe, zeichnen zu lernen, damit er das Angebot von Archinto wahrnehmen und seinen Dienst unter verschiedenen Kardinälen in Rom aufnehmen konnte. In vier Reisen in den Jahren 1758, 1762, 1764 und 1767 besuchte Winckelmann Neapel und Pompeji und sammelte auf diesen Reisen Material für seine künftigen Schriften.
Als 1758 Archinto starb, der ihn in Rom aufgenommen hatte, erhielt Winckelmann eine Unterkunft durch den Kardinal Alessandro Albani; fĂĽr ihn gestaltete er gemeinsam mit Anton Raphael Mengs kĂĽnstlerisch die Villa Albani.
1763 lernte Winckelmann den Freiherrn Friedrich Reinhold von Berg (1736-1809) kennen und wohl auch lieben. Seine Liebe sollte allerdings unerwidert bleiben. Nach dessen Abreise verfasste Winckelmann die Abhandlung von den Fähigkeiten der Empfindung des Schönen in der Kunst, und dem Unterrichte in derselben. Die Abhandlung gilt sowohl als Grundlagenwerk der Kunsttheorie als auch als Schlüsseltext seiner eigenen Persönlichkeit d. h. vor allem seiner homoerotischen Neigung.[2][3]
Im selben Jahr 1763 wurde Winckelmann durch Papst Clemens XIII. zum Oberaufseher fĂĽr die AltertĂĽmer in Rom sowie zum Scrittore an der Vaticana ernannt.
Im April 1768 reiste Winckelmann zusammen mit dem Bildhauer Bartolomeo Cavaceppi nach Deutschland, wurde unterwegs jedoch von einem melancholischen Anfall überwältigt und brach die Reise ab. Auf dem Rückweg über Augsburg nach Rom wurde er in Triest von dem vorbestraften Francesco Arcangeli ermordet. Arcangeli tötete Winckelmann im Hotel Locanda Grande mit sieben Messerstichen, mutmaßlich, um seiner Reisebörse habhaft zu werden. Die Hintergründe der Tat konnten jedoch nie zweifelsfrei geklärt werden. Fünf der Stiche, die den Körper Winckelmanns trafen, waren tödlich. Winckelmanns Gegenwehr war so heftig, dass auch beide Hände verletzt wurden, als er zur Abwehr des Messers in die Klinge fasste. Arcangeli war Winckelmanns Zimmernachbar im Hotel. Die Prozessakten der für damalige Verhältnisse sehr akribisch durchgeführten Untersuchung des Tathergangs liegen auch in deutscher Übersetzung vor.
Arcangeli wurde zum Tod durch Rädern verurteilt, nachdem ihm der Mord nachgewiesen worden war. Winckelmann wurde in Triest begraben. Winckelmanns Grab geriet zunächst in Vergessenheit; 1802, zur Zeit von Johann Gottfried Seumes Italienreise, über die der Spaziergang nach Syrakus berichtet, war das Grab nahezu unbekannt. Zufällig übernachtete Seume in demselben Hotel, in dem Winckelmann ermordet worden war.
Fast 60 Jahre nach Winckelmanns Tod wurde ihm auf Initiative von Domenico Rossetti in Triest ein Grabmonument errichtet. Rossetti war es auch, der sich etwa 40 Jahre nach dem Ereignis als erster um eine möglichst detailgetreue Darstellung des Tathergangs nach den Prozessakten bemüht hatte.
1755 gab Winckelmann seine erste Schrift in einer Auflage von nur knapp 50 Exemplaren heraus: Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst (Dresden). Dieses epochemachende Werk wurde schnell sehr erfolgreich, so dass Winckelmann bereits 1756 eine zweite Auflage veröffentlichte, der er eine von ihm selbst verfasste Gegenschrift (Sendschreiben über die Gedanken Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst) sowie eine wieder unter seinem Namen veröffentlichte Gegen-Gegenschrift (Erläuterung der Gedanken Von der Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst; und Beantwortung des Sendschreibens über diese Gedanken) anhängte und so die öffentliche Aufmerksamkeit für seinen Erstling deutlich vergrößerte. Die Gedanken enthalten bereits in nuce die meisten seiner Ideen und Konzepte in einer formvollendeten Sprache („Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten“[4]).
Hierauf erhielt er die Einladung zu einer Reise nach Rom, wo er nach kurzer Zeit als Bibliothekar bei Kardinal Archinto arbeitete, später in der gleichen Stellung bei Kardinal Alessandro Albani, einem ebenso liberalen wie kunstbeflissenen Mäzen. Im Jahr 1763 wurde Winckelmann als erster Ausländer mit der Oberaufsicht über die Antiken in und um Rom beauftragt und verfasste in dieser Zeit u.a. Schriften zu den neuesten Ausgrabungen bei Herculaneum, die er interessiert verfolgte. 1764 schließlich konnte er sein Hauptwerk Geschichte der Kunst des Altertums (2 Quartbände, Dresden) herausgeben. Winckelmann stellte darin nicht lediglich die Geschichte der Kunst dar, sondern auch ein entwickeltes System der griechischen Kunst auf. Im Kern ist es eine Charakteristik des Stils der Plastik nach den Bestandteilen und nach Typen und Klassen des Idealschönen. Winckelmann war es auch, der für die Beurteilung der antiken Kunst den Entwicklungsgedanken einführte.
Für Winckelmann war es die höchste Aufgabe der Kunst, die Schönheit darzustellen. Hierfür fand er die Formel „edle Einfalt, stille Größe“, welche er dem Verspielten und Überladenen des Barock und Rokoko entgegenstellte. Winckelmanns Bild der römischen und griechischen Antike beeinflusste sehr wesentlich den Geist des deutschen Klassizismus, ganz besonders den der Weimarer Klassik. Das besonders an den Formen ausgerichtete Empfinden der Kunstwerke und ihre Rezeption bei Winckelmann wirkte sowohl bei Goethe als auch Schiller prägend. (Goethe war 1786 bis 1788 in Italien.) Wie einflussreich Winckelmann war, belegt Goethe mit seiner in Tübingen erschienenen Schrift von 1805 Winckelmann und sein Jahrhundert. Die Reisebeschreibung (Italienische Reise) von Goethe selbst enthält zahlreiche Rückbezüge auf Winckelmann.
Auch die Vorstellung, dass die antike Architektur und damit auch die Plastik zumeist weiß gewesen sei, geht letzten Endes auf Winckelmann zurück. Archäologisch lässt sich allerdings belegen, dass die Architektur in der Regel bemalt war. Auch in der Plastik haben wir keineswegs nur unbemalte Beispiele, sondern auch bemalte, die sich belegen lassen. Beispielsweise hierfür nennen lässt sich ein Blonder Kopf von der Akropolis. Mit seiner Idealvorstellung von der weißen Kunst der Antike beeinflusste Winckelmann nachhaltig auch die Diskussionen um die antike Polychromie.
Wenn Winckelmann versuchte, in seinen Schriften über die griechisch-antike Kunst deren Vorbildlichkeit auch durch geoklimatische (mildes Klima, Landschaft) und politische (perikleische Demokratie) Umstände zu begründen, so ergab sich damit jedoch eine Aporie: Einerseits wird die griechische Kunst in ihrer Einmaligkeit betont, andererseits fordert Winckelmann ausdrücklich ihre Nachahmung. Letzteres dürfte aber streng genommen nicht möglich sein, da die Voraussetzungen dazu im damaligen Deutschland nicht gegeben waren. Winckelmann war sich dieses unlösbaren Widerspruchs nicht bewusst.[5]
Winckelmann gehörte zu den Personen, die Grabungen anmahnten, um das historische Olympia freizulegen. Im Januar 1768 nahmen die Reisepläne Winckelmanns konkrete Formen an, jedoch brachte sein gewaltsamer Tod diese Initiative zum Erliegen. Erst in den Jahren 1875 bis 1881 begann unter der Leitung von Ernst Curtius durch das Deutsche Archäologische Institut die systematische Ausgrabung. Die unter Curtius' Leitung wie auch die von Wilhelm Dörpfeld und Georg Treu erbrachten Ergebnisse gaben Winckelmann postum hinsichtlich seiner Forderung nach einer Ausgrabung Olympias in vollem Umfang Recht.
Seine Begeisterung für die männlichen Helden- und Götterstatuen sowie seine männlichen Freundschaften verraten eine homosexuelle Veranlagung, wie dies auch anhand seines Briefwechsels zu sehen ist.[6]
Sein groĂźes Verdienst ist es, die Rezeption der griechischen Antike aus dem Feld der antiquarischen Buchgelehrsamkeit hinaus gefĂĽhrt zu haben, hin zu einer sinnlich-erotischen Rezeption antiker Kunst.
Eine weitere Besonderheit des Winckelmannschen Klassizismus liegt in der Bevorzugung des griechischen Erbes gegenüber der lateinisch-römischen Antike. Dies hatte unter anderem auch politische und zeitkritische Gründe: die französische Kultur der Zeit, wie sie vor allem an den Höfen, auch den deutschen, gelebt wurde, berief sich auf die römische Antike. Der Aufklärer Winckelmann stellte dem römischen Despotismus die griechische Demokratie gegenüber. Auch betonte er die seiner Meinung nach größere Originalität der griechischen Werke: Für ihn schufen die Römer nur schlechte Imitate, welche nicht an die griechischen Originale heranreichten. Wie häufig in der Geschichte der Antikenrezeption basierte auch dies auf einem Irrtum: Was Winckelmann auf seinen Reisen in Rom sah und was er noch für echtes griechisches Schöpfertum hielt, waren in Wahrheit „nur“ römische Kopien. Ein Umstand, welcher Friedrich Nietzsche später zu folgender Äußerung veranlasste:
Goethe sollte später den Klassizismus Winckelmanns für sich überwinden. Während Winckelmann noch forderte, im Geist der Griechen diese nachzuahmen (d.h. nicht einfach nachzumachen), schuf Goethe sich einen Raum, welcher auch dem Geist der eigenen Zeit sein Recht gab. Dies zeigt sich schon in der Iphigenie, für welche Goethe zwar einen antiken Stoff wählte, in der jedoch die Humanität nicht als ewiges griechisches Eigentum erscheint, sondern erst erkämpft werden muss. Goethe war sich bewusst, dass Mythos und griechische Realität auch blinde Grausamkeit enthielten – ihnen stellte er das Moderne, Sensible, Humane gegenüber, wie auch Schiller bemerkt. In seiner späteren Schaffensphase im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts setzte sich Goethe erneut mit dem Thema auseinander (Faust II). Nun war bereits die Historisierung der antiken Stoffe weiter voran geschritten und in einem für Goethe blutleeren Bildungskanon kondensiert. Winckelmann hatte zur Historisierung indirekt beigetragen, indem er zum einen, wie bereits erwähnt, die geoklimatische Einzigartigkeit der griechischen Antike betonte, zum anderen hatte er in seiner Geschichte der Kunst einen ebenfalls einzigartigen Entwicklungsweg des Werdens und Vergehens der griechische Kunst gezeichnet. Damit stellte sich aber für Goethe die Frage, wie die historisch einmalige Epoche noch für die Gegenwart von Bedeutung sein konnte. Sinnbild hierfür wurde im Faust II Helena, die schönste aller Griechinnen: Sie zeigt die Schönheit als überzeitlich und ewig, zugleich aber muss sie sich lebendig verwirklichen. Goethe löste also den Konflikt, indem er als Wert der klassischen Kunst die produktive, schöpferische Lebenskraft herausstellte und deren Nutzen für die Gegenwart betonte.
Auch Hölderlin wehrte sich später gegen das Nachahmungsprinzip Winckelmanns, da es die lebendige Kraft ersticke. Dennoch blieb er den antiken Stoffen treu, denn sie ermöglichten es „dem eigenen Ursprung als einem fremden zu begegnen.“ Lessing wiederum kritisierte Winckelmanns Interpretation der Laokoon-Gruppe. Winckelmann hatte die Tatsache, dass der Laokoon nicht schreit, als Bestätigung seiner These gesehen, dass die Griechen grundsätzlich alles Schmerzhafte und Hässliche aus ihrer Kunst fernhielten. Lessing hingegen versuchte in seiner Schrift Laokoon zu zeigen, dass der neutrale Gesichtsausdruck nicht auf diesen Grundsatz, sondern auf den Unterschied von bildenden Künsten und Literatur zurückzuführen sei.
Winckelmanns Griechenlandbild zeigte utopische Züge der Idealisierung, was auch die ihm nachfolgenden Autoren beeinflusste. Die Gleichsetzung Antike-Schönheit-Lebenssteigerung durchzieht die Werke sowohl Goethes, Schillers, Lessings und Hölderlins „und führt sie trotz mehrerer wichtiger Unterschiede zu einem gemeinsamen Ausgangspunkt – Winckelmanns Griechenbild – zurück.“[8]
Rund um den 9. Dezember gedenken Archäologen jährlich Winckelmanns als des „Urvaters“ ihres Faches, der die wissenschaftliche Archäologie begründete. Dort gehaltene Vorträge werden als Winckelmannsprogramme veröffentlicht.
In Stendal wurde 1940 die Winckelmann-Gesellschaft gegründet, die seit 2000 auch das 1955 gegründete Winckelmann-Museum betreut. Seit 1960 wird ebenfalls in Stendal jährlich die Winckelmann-Medaille vergeben. Schon seit 1929 vergibt das Deutsche Archäologische Institut in sehr unregelmäßigen Abständen eine Winckelmann-Medaille. Das Klassisch-Archäologische Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin heißt Winckelmann-Institut.
Schriften und Nachlass:
Periodika:
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Winckelmann, Johann Joachim |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Archäologe und Kunstschriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 9. Dezember 1717 |
| GEBURTSORT | Stendal |
| STERBEDATUM | 8. Juni 1768 |
| STERBEORT | Triest |