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Das Evangelium nach Johannes ist das vierte Buch des Neuen Testaments der Bibel, eines der vier kanonischen Evangelien. Es bildet zusammen mit den drei synoptischen Evangelien eine zentrale Grundlage des christlichen Glaubens, hat diesen gegenĂŒber jedoch einen sehr eigenstĂ€ndigen darstellerischen und theologischen Charakter.
Das Johannesevangelium beginnt nicht mit der Geburt, Kindheit oder Taufe Jesu, sondern mit einem tiefgrĂŒndigen Prolog in der Form eines strophischen Liedes (1,1â18 EU):
Zielpunkt dieser und der folgenden drei Strophen ist Vers 14ff.:
Der Prolog erhĂ€lt einen starken Sprachrhythmus, indem er jeden neuen Begriff im jeweiligen Folgesatz aufgreift, weiterfĂŒhrt und in jeder Strophe einen neuen Gedanken durchfĂŒhrt. Seine Begriffe und Form beziehen sich auf den ersten Schöpfungsbericht der Tora (Gen 1 EU), der ebenfalls mit âIm Anfangâ beginnt und Gottes Hinwendung zur Welt als ein ordnendes, die GegensĂ€tze von Licht und Finsternis, Tag und Nacht usw. scheidendes Handeln beschreibt. So wie dieses auf das Erschaffen des Menschen als Gottes Ebenbild zulĂ€uft, so lĂ€uft hier alles auf die Menschwerdung des Wortes zu, durch das Gott alles gemacht hat. Der Prolog legt also das Kommen Jesu Christi als Fleischwerdung des ewigen Wortes aus, das von Anfang an Gottes Wille war und seine Schöpfung vollendet.[1]
Der Prolog tritt an die Stelle der Abstammungslisten und Geburtslegenden im Lukas- und MatthĂ€usevangelium. Er nimmt wie in einer OuvertĂŒre[2] die Themen vorweg, die das ganze Evangelium dann ausfĂŒhrt: Das Wort ist Fleisch geworden, hat unter uns gewohnt und wir sahen seine Herrlichkeit. Dies wird auch als Leseanweisung fĂŒr die drei Hauptteile verstanden:
Der erzĂ€hlerische Rahmen reicht vom Zeugnis Johannes des TĂ€ufers (1,19 EU) ĂŒber das öffentliche Wirken Jesu (2â12 EU) und die Offenbarung vor seinen JĂŒngern (14â17 EU) bis zu seiner Kreuzigung (18â19 EU) und den Erscheinungen des Auferstandenen vor Zeugen (20 EU).
Im Zentrum des Johannesevangeliums steht die Botschaft, dass Jesus der Sohn Gottes sei. Dies gipfelt in Aussagen wie
Dieses hohe Selbstbewusstsein Jesu provoziert den Vorwurf der GotteslĂ€sterung, welcher von einigen Juden gegen Jesus erhoben wird und auch handgreiflichen Ausdruck findet in Versuchen, Jesus zu steinigen (10,31â33 EU).
Dem setzt der johanneische Jesus entgegen, dass er in die Welt gekommen sei, um den Menschen die NÀhe Gottes zu vermitteln. Wer an Jesus und seine göttlichen Werke glaube, der glaube damit auch an Gott. In ihm verkörpere sich die Liebe Gottes, die allein den Menschen zu retten vermöge:
Den Höhepunkt der Selbstmitteilung Jesu im Johannesevangelium bilden die so genannten Abschiedsreden (14â17 EU), in denen Jesus die Einheit mit Gott auch seinen JĂŒngern verspricht. Der Paraklet werde ihnen die Erkenntnis bringen:
SchlieĂlich bittet Jesus um dieses Einheitserlebnis fĂŒr alle, die an ihn glauben.
Nach dem Johannesevangelium fĂŒhrt die Erkenntnis des Einsseins mit Gott dazu, dass der immer unbefriedigte Mensch von seinem unersĂ€ttlichen Lebensdurst befreit wird:
Zu dieser Erkenntnis fĂŒhren vor allem auch die âZeichenâ Jesu, die mit der Wandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana (2,1â11 EU) beginnen und ĂŒber die Auferweckung des Lazarus (11 EU) zu Jesu Passion und Auferstehung fĂŒhren.
Die Absicht des Johannesevangeliums verdeutlicht der vorlÀufige Abschlussvers 20,31 EU:
Nachdem mit den historisch-kritischen Methoden im 20. Jahrhundert differenzierte Theorien zur Komposition, zu möglichen literarischen Quellen und redaktionellen Ăberarbeitungen des Evangeliums vorgelegt wurden, wird in den letzten Jahren die literarische Einheit des Johannesevangeliums wieder stĂ€rker betont.
Unbestritten gilt der Abschnitt 7,53â8,11 EU mit der Ehebrecherin als nicht ursprĂŒnglich zum Evangelium gehörig, weil er von den Handschriften vor dem 5. Jahrhundert (u. a. P66, P75) nicht bezeugt ist und auch sprachlich aus dem Rahmen fĂ€llt. Daneben wird ĂŒberwiegend das Kapitel 21 als Nachtrag zum bereits bestehenden Evangelientext (Joh 1â20) identifiziert, weil in 20,30â31 EU bereits ein ausgesprochener Buchschluss vorliegt und sich der Verfasser von Kapitel 21 deutlich vom Verfasser dieses Schlusswortes abhebt (21,24 EU). Von Forschern, die das Kapitel 21 als eine spĂ€tere Redaktion ansehen, wird hĂ€ufig auch die Hervorhebung der Gestalt des LieblingsjĂŒngers dieser Ăberarbeitung zugeschrieben.[3] Es ist also fraglich, ob der LieblingsjĂŒnger ĂŒberhaupt eine historische Gestalt ist. Die Beantwortung dieser Frage hat erhebliche Konsequenzen fĂŒr die Identifizierung des Autors des Evangeliums (siehe Verfasser).
An weiteren Stellen des Evangeliums hat die historisch-kritische Exegese KohĂ€renzprobleme im Text festgestellt. So scheint in 4â7 EU die Abfolge der Aufenthalte Jesu in Jerusalem und GalilĂ€a durcheinander geraten zu sein. Diese Unordnung könnte durch einfache Umstellung der Reihenfolge von Kapitel 5 und 6 behoben werden. Des Weiteren schlieĂt anscheinend 18,1 EU besser an 14,31 EU an, weil der Aufforderung Jesu zum Fortgehen keine entsprechende Handlung in 15,1 EU folgt. Wenn es hier nicht nur um (versehentliche) Unordnung geht, schlieĂen Vertreter einer Redaktionshypothese aus diesem Befund, dass ein vorliegender Text von einem Redaktor ĂŒberarbeitet und erweitert wurde, ohne dass die Nahtstellen unkenntlich gemacht wurden. Andere Forscher halten die BrĂŒche im Text fĂŒr inhaltlich erklĂ€rbar oder sogar fĂŒr vom Autor beabsichtigte dramaturgische Hinweise und schreiben die Gesamtkomposition dem Evangelisten zu.[4][5]
Noch weitgehender sind Theorien, die mit der Aufnahme von Quellenschriften rechnen. Als eine solche Quelle wird vor allem eine Sammlung von WundererzĂ€hlungen angesehen, die man deshalb âSemeia-Quelleâ (von griechisch ÏηΌΔáżÎżÎœ âZeichenâ) genannt hat. Auch wird teilweise angenommen, der Passionsbericht 18â19 EU habe in einer gewissen Form bereits vorgelegen und sei in das Evangelium eingearbeitet worden. Diese Forschungsrichtung vertritt vor allem der Kommentar von JĂŒrgen Becker, der auĂerdem in der Tradition Rudolf Bultmanns von einer umfangreichen âkirchlichen Redaktionâ ausgeht.[6]
Alle diese Theorien nehmen Textvorlagen und Traditionen an, die historisch nicht greifbar sind. Quellenschriften oder ursprĂŒnglichere abweichende Textversionen des Evangeliums existieren nicht. Diese Tatsache und die weite Bandbreite der Hypothesen zur Literarkritik des Johannesevangeliums haben die Skepsis gegenĂŒber solchen Lösungen in den letzten Jahren erheblich gesteigert,[7] so dass der neueste deutschsprachige Kommentar zum Johannesevangelium ganz auf die Darstellung redaktionsgeschichtlicher und quellentheoretischer Fragestellungen verzichtet und den Text als literarische Einheit kommentiert.[8] Dies ist Ausdruck einer Tendenz in der exegetischen Forschung zum Johannesevangelium, die literarischen, linguistischen und texttheoretischen Kriterien stĂ€rker zu beachten, d. h. die LektĂŒre unter synchronen und diachronen Gesichtspunkten zu betreiben.[9]
Die Frage der AbhĂ€ngigkeit oder UnabhĂ€ngigkeit des Johannesevangeliums von den drei synoptischen Evangelien (MatthĂ€us, Markus und Lukas) wurde in der Geschichte der Auslegung des vierten Evangeliums höchst unterschiedlich beurteilt und ist auch in der aktuellen Forschung ungeklĂ€rt und umstritten,[10] wobei zahlreiche Exegeten mittlerweile wieder von einer Kenntnis zumindest des Markusevangeliums ausgehen.[11] Das VerhĂ€ltnis zu den synoptischen Evangelien ist deshalb schwer zu bestimmen, weil das Johannesevangelium einerseits in Aufbau, Sprache, Stil und Stoff erhebliche Unterschiede zu den Synoptikern aufweist, andererseits aber an zahlreichen Stellen den gleichen Inhalt bietet oder zumindest Ă€hnliche Strukturen erkennen lĂ€sst. Folgende Ăbersichten stellen die wichtigsten GegensĂ€tze und Gemeinsamkeiten dar:
| Johannes | Abschnitt | Synoptiker |
|---|---|---|
| 4,46â54 EU | Heilung des Sohnes eines Königlichen | Lk 7,1â10 EU |
| 6,1â21 EU | Speisung der FĂŒnftausend und Jesu Wandel ĂŒber den See | Mk 6,32â52 EU |
| 12,12â15 EU | Einzug in Jerusalem | Mk 11,1â10 EU |
| 13,1â30 EU | Letztes Mahl und Kennzeichnung Judas als âĂberliefererâ | Mk 14,12â21 EU |
| 18,2â12 EU | Die Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane | Mk 14,43â53 EU |
| 18,12ff EU | Die Vernehmung vor dem jĂŒdischen Hohen Rat, die Verhandlung vor Pilatus und die Kreuzigung | Mk 14,53ff EU |
| Merkmal |
|---|
| Der Prolog des Johannesevangeliums (1,1â18 EU) ist in seiner hymnisch-reflektierenden Art einzigartig. |
| Die Auferweckung des Lazarus von den Toten wird nur im Johannesevangelium erzĂ€hlt und erhĂ€lt dort als letztes und gröĂtes âZeichenâ Jesu besonderes Gewicht (11 EU). |
| AuffĂ€llig sind die hĂ€ufigen und langen Reden Jesu, vor allem die Abschiedsreden, die sich ohne gröĂere Unterbrechungen ĂŒber fast fĂŒnf Kapitel erstrecken (13â17 EU). |
| Die Reden Jesu drehen sich hĂ€ufig um seine eigene Person (âIch-binâ-Worte) und verwenden intensive Metaphern (âlebendiges Wasserâ, âLicht der Weltâ, âBrot des Lebensâ). |
| Johannes | Thema | Synoptiker |
|---|---|---|
| Jesus spricht in langen meditativ-theologischen Reden. |
Es liegen verschiedene Sprechsituationen (öffentlich/esoterisch) und Adressatenkreise vor. |
Bei den Synoptikern spricht Jesus in kurzen Sentenzen und Gleichnissen. |
| Mehrere lÀngere Aufenthalte in Jerusalem werden erwÀhnt, die nur jeweils kurz durch Reisen nach GalilÀa unterbrochen sind. Jesus wirkt vor allem in Jerusalem. |
|
Jesus begibt sich mehrmals von GalilÀa nach Jerusalem. |
| Bei Johannes steht die Tempelaustreibung programmatisch am Anfang, im zweiten Kapitel seines Evangeliums. (2,13â22 EU). |
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Laut den Synoptikern geschieht die Tempelaustreibung gegen Ende des Wirkens Jesu (Mk 11,15â18 EU) als AnstoĂ fĂŒr seine Gegner und Ursache fĂŒr seine Beseitigung. |
| Jesus verzichtet bei Johannes ausdrĂŒcklich auf eine Bitte um Verschonung vor dem Leiden (12,27 EU, 18,11 EU). |
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Bei den Synoptikern bittet Jesus Gott, den Kelch an ihm vorĂŒbergehen zu lassen (Mk 14,36 EU) |
| Das âEs ist vollbracht!â gleicht einem Triumphruf (Ende des Psalm 22 â Vers 32c) |
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Jesus klagt ĂŒber seine Gottverlassenheit (Beginn des Psalm 22 â Vers 2) |
| Jesu Todestag ist der RĂŒsttag des siebentĂ€gigen Pessachfestes (der 14. Nisan). |
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Bei den Synoptikern ist der Todestag Jesu der erste volle Festtag des Festes (15. Nisan) |
Bereits im Altertum wurde wegen dieser Unterschiede der historische Wahrheitsgehalt der Evangelien bestritten, etwa in der Schrift âContra Christianosâ des Porphyrios. Sie geben bis heute Gegnern des Christentums Anlass zu Kritik. Die WidersprĂŒche sind aber auch in der innerkirchlichen und exegetischen Diskussion eine andauernde Herausforderung.[12]
Unterschiede und Gemeinsamkeiten machen ein klares Urteil ĂŒber die Beziehung des Evangeliums zu den Synoptikern unmöglich. Viele Exegeten nehmen an, dass der Evangelist das Markusevangelium und vielleicht auch â vor allem im Passionsbericht â das Lukasevangelium gekannt hat oder diese Kenntnis bei seinen Lesern voraussetzt. Die synoptischen Evangelien werden jedoch nicht erkenntlich als Quellen oder schriftliche Vorlagen verwendet, auch nicht dort, wo das Johannesevangelium den gleichen Stoff bietet. Es stellt vielmehr ĂŒbereinstimmendes Traditionsmaterial sehr eigenstĂ€ndig dar. Daher vermuten einige wenige Forscher sogar, Johannes habe möglicherweise Zugang zu Quellen oder Traditionen besessen, die unabhĂ€ngig vom Markusevangelium als dem Ă€ltesten Evangelium waren und sehen daher eine PrioritĂ€t des Johannesevangeliums, die sich teilweise auch auf die Datierung bezieht (FrĂŒhdatierung).[13]
Angesichts dieser Forschungslage bleibt lediglich festzustellen: Das Johannesevangelium will weder als ErgÀnzung noch als Korrektur der synoptischen Evangelien gelesen werden, sondern vor allem als eigenstÀndiges Werk.
Die bereits in den Ă€ltesten Textzeugnissen seit dem Ende des 2. Jahrhunderts (P66, P75) vorhandene Ăberschrift âEvangelium nach Johannesâ nennt einen âJohannesâ als Verfasser des Evangeliums. Diese Ăberschrift wird jedoch kaum ursprĂŒnglich sein, da sie mit der PrĂ€position ânachâ den Begriff Evangelium als Gattungsbegriff verwendet und so die parallele Existenz mehrerer Evangelien in einer Sammlung voraussetzt.[14] Bei den zwei genannten Handschriften handelt es sich um Sammlungen. Als Einzeltexte identifizierbare Handschriften des Johannesevangeliums existieren nicht.
Das Evangelium selbst nennt keinen Namen eines Verfassers. Allerdings wird ein JĂŒnger Jesu hervorgehoben als der âJĂŒnger, den Jesus liebteâ (19,26 EU und 21,20â24 EU). Von diesem wird in Joh 19,25â27 gesagt, dass er unmittelbar bei der Kreuzigung zugegen war. AuĂerdem wird in diesem Zusammenhang den Augenzeugen des Geschehens eine besondere Zeugnisfunktion beigemessen (19,35 EU). Am Ende des Evangeliums in 21,24 EU benennt der Text den LieblingsjĂŒnger ausdrĂŒcklich als seinen Autor:
Die christliche Tradition hat den namenlosen LieblingsjĂŒnger mit dem Apostel Johannes identifiziert, da von den drei JĂŒngern, die Jesus nach dem ĂŒbereinstimmenden Zeugnis der Evangelien besonders nahe standen â Petrus, Jakobus, Johannes â Jakobus schon im Jahr 44 getötet wurde (Apg 12,2 EU) und Petrus ausdrĂŒcklich von dem LieblingsjĂŒnger unterschieden wird (Joh 13,15f EU; 21,20 EU).
Diese Tradition kann sich auch darauf berufen, dass der Autor nicht nur gute Kenntnis der jĂŒdischen Festzeiten, Sitten und GebrĂ€uche hatte, sondern auch Details ĂŒber Jerusalem (5,2 EU) vor der Zerstörung durch die römischen Heere im Jahre 70 kannte, die archĂ€ologisch als zutreffend gelten können.
Auch die nachbiblische Ăberlieferung berichtet von Johannes als dem Verfasser des vierten Evangeliums. IrenĂ€us von Lyon (120â202) war in seiner Jugend ein SchĂŒler von Polykarp von Smyrna (69â155), der â so schreibt IrenĂ€us â seinerseits ein SchĂŒler des Apostel Johannes war. Dieser habe bis in die Zeit Trajans (98â117) in Ephesus gelebt und dort nach MatthĂ€us, Markus und Lukas seinerseits ein Evangelium herausgegeben:
Aus diesen GrĂŒnden hat die christliche Tradition den Apostel Johannes als Verfasser angenommen. Diese Position wird heute von vielen, insbesondere biblizistischen und evangelikalen Autoren vertreten. Damit wĂ€re mindestens eines der vier Evangelien auf einen direkten Augenzeugen des Erdenwirkens Jesu zurĂŒckzufĂŒhren und seine Darstellung der Ereignisse als weitgehend authentisch anzusehen. Hinzu kommt, dass dieser Verfasser nicht nur als Autor der Johannesbriefe, sondern auch der Offenbarung des Johannes angesehen wird, also des gesamten in der Tradition so genannten âCorpus Johanneumâ.
Eine andere Auffassung sieht eine weitere Person, den Presbyter (Ăltesten) Johannes als wahrscheinlichen Verfasser des Corpus Johanneum an. Dieser wĂ€re nach einem Zeugnis des Bischofs Papias von Hierapolis (ca. 130; gem. Eusebius von CĂ€sarea, hist. eccl. 3,39,4) als âJĂŒnger des Herrnâ deutlich von dem Apostel Johannes, dem Zebedaiden, unterschieden und in 2 Joh 1,1 und 3 Joh 1,1 ausdrĂŒcklich als Verfasser der Johannesbriefe genannt worden. Das wĂŒrde nach Inhalt, Sprache und Stilmitteln der Briefe den gleichen Verfasser auch fĂŒr das Johannesevangeliums nahelegen.[15] Der Titel âᜠÏÏΔÏÎČÏÏΔÏÎżÏâ (âho presbyterosâ) ist dabei besser gesichert als der Name âJohannesâ. Er ist nicht mit dem stets pluralisch begegnendem Presbyter-Titel zu verwechseln, sondern meint ein ad personam beanspruchtes Lehramt.[16]
Nach dieser Theorie kĂ€me der Apostel Johannes als Verfasser des Johannesevangeliums nicht in Frage und auch nicht als der LieblingsjĂŒnger (siehe 21,24 EU). Dazu wird darauf hingewiesen, dass der Apostel Johannes im Evangelium niemals mit Namen genannt oder als Verfasser und âgeliebter JĂŒngerâ bezeichnet wird. Auch wĂŒrden die im Evangelium erzĂ€hlten Szenen nicht zu den aus den Synoptikern bekannten ErzĂ€hlungen passen und die anspruchsvollen Sprach- und Stilmerkmale einen schreibungewandten Fischer aus GalilĂ€a ausschlieĂen.
Es ist auch versucht worden, den Presbyter Johannes als Verfasser des Evangeliums mit der hinter dem Kunstnamen âLazarusâ versteckten Gestalt (11 EU) zu identifizieren, da er im Evangelium viermal als derjenige bezeichnet wird, den Jesus âliebteâ (11,3.5.11.36 EU).[17] Die Forschung zum Johannesevangelium ist diesen Interpretationen allerdings nur vereinzelt gefolgt.
In der historisch-kritischen Exegese wird der Apostel Johannes als Autor ausgeschlossen, zumindest aber festgestellt, dass eindeutige Aussagen zur Identifizierung einer bestimmten historischen Gestalt weder aus dem Evangelium noch aus der frĂŒhchristlichen Geschichte getroffen werden können. Da die Gestalt des LieblingsjĂŒngers nur im Evangelium selbst auftaucht, ist ihre HistorizitĂ€t strittig. Angesichts der ausgearbeiteten umfangreichen Monologe Jesu, der fortgeschrittenen theologischen Reflexion und der vielen Abweichungen von der synoptischen Tradition wird hĂ€ufig bestritten, dass es sich um Darstellungen eines Augenzeugen handeln könne.[18] Zudem rechnet man weithin nicht mit einem einzelnen Autor, sondern mindestens mit einem weiteren Verfasser, der das Kapitel 21 angefĂŒgt und damit erst die Tradition des LieblingsjĂŒngers als Autor begrĂŒndet habe.
In diesem Zusammenhang wird manchmal von einer johanneischen Schule oder johanneischen Gemeinde gesprochen, die sich auf die AutoritĂ€t eines herausragenden Mitglieds stĂŒtze, das wegen seiner NĂ€he zu Jesus selbst fĂŒr die AuthentizitĂ€t des Textes stehe. Dass es eine johanneische Schule gab, legen die spĂ€ten Johannesbriefe des Neuen Testaments nahe, die in vielem eine Ă€hnliche Terminologie wie das Evangelium verwenden.
Mit dem LieblingsjĂŒnger wird im Text eine apostolische Gestalt neben oder sogar ĂŒber die AutoritĂ€t des Petrus gesetzt (13,23â28 EU, 21,7.20â23 EU) und damit eine alternative Tradition begrĂŒndet.[19] Diese steht nicht in Konkurrenz zur Tradition einer beginnenden strukturierten Kirche unter der Leitung des Petrus (21,15â18 EU), sondern ergĂ€nzt sie um die ungebundenere, weitgehend gestalt- und ortlose Tradition in den Dimensionen der Liebe und des Geistes, die fĂŒr das johanneische Christentum prĂ€gend sind.[20]
Mit Berufung auf diese AutoritĂ€t sei in der johanneischen Gemeinde der Text tradiert und dabei auch ĂŒberarbeitet worden. FĂŒr eine solche Gruppenperspektive spricht auch der Hinweis am Schluss des Evangeliums: âwir wissen, dass sein Zeugnis wahr istâ (21,24 EU). Angesichts der sprachlichen und theologischen Geschlossenheit des Endtextes wird dieser Vorgang der Aneignung und Auseinandersetzung mit dem Text heute auch bisweilen bezeichnet mit dem Begriff Relecture (âWeiterlesenâ),[21] der darauf hinweist, dass die Ăberarbeitungen weniger im Rahmen eines Konkurrenz- oder Korrekturmodells wie es die Ă€lteren Quellen- und Redaktionsmodelle nahelegten, sondern in einem Prozess der Reflexion unter einer gemeinsamen LektĂŒre vorstellbar sind. Historisch lassen sich also höchstens die Linien dieses LektĂŒreprozesses, nicht aber die dahinter stehenden Personen oder gar Autoren identifizieren.
Das Ă€lteste bislang gefundene Textzeugnis fĂŒr das Johannesevangelium und fĂŒr das Neue Testament ĂŒberhaupt ist das Papyrusfragment P52.[22] Das Fragment wurde 1920 auf einem Ăgyptischen Markt erworben und stammt wahrscheinlich auch aus Ăgypten. Es ist wenige Quadratzentimeter groĂ und enthĂ€lt auf der Vorderseite Teile der Verse 31â33, auf der RĂŒckseite Fragmente der Verse 37â38 des 18. Kapitels des Evangeliums. Aufbewahrt wird es in der John Rylands Library in Manchester.[23] Der Herausgeber C. H. Roberts datiert es aufgrund der Schriftart etwa auf das Jahr 125. Es sind in der Forschung auch frĂŒhere Datierungen ab etwa 100 genannt worden. Neuerdings sind solche AnsĂ€tze bezweifelt worden, da eine Bestimmung allein aufgrund der Schriftart ungenau sei. Der Text stamme wohl eher aus der Zeit zwischen 130â150 oder nach vereinzelten Meinungen sogar erst aus der zweiten HĂ€lfte des 2. Jahrhunderts. Jedenfalls bildet dieses Fragment den wichtigsten Ă€uĂeren Anhaltspunkt fĂŒr die Datierung des Johannesevangeliums. Wenn man damit rechnet, dass der Text noch eine Zeit brauchte, um bis nach Ăgypten zu gelangen, wird man eine Abfassungszeit jedenfalls vor 130 annehmen können. Damit wird jede Theorie ĂŒber eine Entstehung des Evangeliums erst in der zweiten HĂ€lfte des zweiten Jahrhunderts â so lehrte die TĂŒbinger Schule aus dem 19. Jahrhundert â hinfĂ€llig.
Auch Vertreter der historisch-kritischen Schule datieren das Johannesevangelium aus inneren GrĂŒnden heute oft auf den Anfang des zweiten oder das Ende des ersten Jahrhunderts. Als frĂŒhestes Datum kommen fĂŒr viele Exegeten die Jahre nach 80 in Frage, da das Johannesevangelium eine fortgeschrittene Entfremdung vom synagogalen Judentum dokumentiere (9,22 EU, 12,42 EU, 16,2 EU) und auf den so genannten âSynagogenausschlussâ fĂŒr AbtrĂŒnnige historisch zurĂŒckblicke. Nach Udo Schnelle wird von 11,48 EU die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 bereits vorausgesetzt.[24]
Einige Forscher geben auch frĂŒhere Daten an, so zum Beispiel W. F. Albright vor 80, John A.T. Robinson vor 70, ebenso Carsten Peter Thiede. Auch Klaus Berger vertritt die Ansicht, das Johannesevangelium sei frĂŒh entstanden. In seinem Buch Im Anfang war Johannes[25] versucht er, die ĂŒbliche Datierung zu widerlegen. Ein zentrales Argument ist dabei die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70, die keinen Niederschlag im Johannesevangelium gefunden habe (auch nicht in 2,19 EU und 11,48 EU), obwohl dieses Ereignis Christen wie Juden erschĂŒttert haben mĂŒsse.[26] Auch der vermeintliche Antijudaismus und die entwickelte Christologie und Theologie sind fĂŒr ihn keine zwingenden Argumente fĂŒr eine SpĂ€tdatierung. Das Wort vom Synagogenbann deutet er im Sinne der allgemeinen Verfolgung. Es gehe um ein Anfangsstadium, in dem die Trennung von der Synagoge gerade von dieser selbst vollzogen werde.[27] Daher datiert Berger das Johannesevangelium in die Zeit zwischen 67 und 70.[28] GrundsĂ€tzlich lĂ€sst sich die Hypothese der FrĂŒhdatierung nicht ausschlieĂen, mehrheitlich wird sie aber kritisch gesehen.[29]
Nach dem frĂŒhchristlichen Zeugnis des IrenĂ€us von Lyon wurde das Evangelium in Ephesus geschrieben.[30] Dieser Hinweis hat bis heute viele BefĂŒrworter gefunden. Allerdings ist ihm auch widersprochen worden unter Hinweis auf folgende Beobachtungen im Text, die eher auf eine Lokalisierung im palĂ€stinischen Raum hinweisen:
Die im Johannesevangelium andererseits durchgehend zu beobachtende kontroverse Haltung zu âden Judenâ â womit nĂ€herhin die jĂŒdische FĂŒhrung gemeint ist â macht deutlich, dass die johanneische Gemeinde wohl durchaus konfliktreichen Kontakt zu jĂŒdischen Gemeinden hatte. Eine solche Situation ist kaum wahrscheinlich fĂŒr die Zeit Jesu, wohl aber fĂŒr die Situation nach dem Jahr 70, als sich das Judentum nach dem Sieg der Römer ĂŒber die aufstĂ€ndischen Juden und der Zerstörung des Tempels neu sammelte und gegen Ă€uĂere Bedrohungen und Irritationen wappnete. Klaus Wengst hat diese Situation zum Ausgangspunkt genommen fĂŒr eine historische Einordnung der johanneischen Gemeinde. Er lokalisiert die Gemeinde in den sĂŒdlichen Gebieten des Königreichs von Agrippa II., d. h. im nördlichen Ostjordanland, östlich des Sees Genezareth in BatanĂ€a, der Gaulanitis und der Trachonitis,[31] wo die jĂŒdische Sammlung vor allem stattfand. Dieser Theorie ist widersprochen worden mit dem Hinweis, Wengst habe die religionsgeschichtliche Situation zwischen aufstrebendem Christentum und sich neu konsolidierendem Judentum zwar richtig beschrieben, daraus lasse sich aber keine Lokalisierung zwingend ableiten. Die beschriebene Konfliktsituation könne an jedem Ort des Aufeinandertreffens von christlichen Gemeinden mit Synagogen auftreten â z. B. auch in Ephesus, wo nachweislich jĂŒdische und christliche Gemeinden existierten. Die Frage des Entstehungsortes des Evangeliums ist also weiterhin nicht sicher zu beantworten.
Das VerhĂ€ltnis des Johannesevangeliums zu den Juden ist Ă€uĂerst ambivalent. Einerseits wird Jesus ausdrĂŒcklich als Jude dargestellt (4,9 EU) und ganz grundsĂ€tzlich festgestellt: âDas Heil ist aus den Judenâ (4,22 EU). Andererseits werden immer wieder massive Konfliktsituationen zwischen Jesus und âden Judenâ geschildert, die den Eindruck erwecken, hier handele es sich um eine grundsĂ€tzliche Feindschaft. Diese Spannweite der Auseinandersetzung mit dem Judentum geht weit ĂŒber die Darstellung in den anderen Evangelien hinaus, die lediglich einige StreitgesprĂ€che zwischen Jesus und vor allem den PharisĂ€ern schildern. Allen Evangelien gemeinsam ist die Darstellung der jĂŒdischen FĂŒhrung als den Betreibern der Auslieferung Jesu an die Römer zur Kreuzigung (18 EU).
Die kritische Darstellung âder Judenâ im Johannesevangelium ist in der Geschichte des Christentums oft Anlass fĂŒr judenfeindliche Haltungen und Aktionen geworden. Dabei wurden einseitig die negativen Darstellungen gegenĂŒber den positiven in den Vordergrund gerĂŒckt und zu Pauschalverurteilungen des jĂŒdischen Volkes missbraucht.
Die Konflikte zwischen Jesus und âden Judenâ liegen im Johannesevangelium vor allem begrĂŒndet im jĂŒdischen UnverstĂ€ndnis fĂŒr die spirituelle Dimension Jesu, der als âdas Wort Gottesâ (1,1 EU) einen unmittelbaren Zugang zu Gott vermittelt. Diese Darstellung zeichnet sich bereits als Grundlinie ab in der nĂ€chtlichen Begegnung zwischen dem PharisĂ€er Nikodemus und Jesus (3,1â21 EU). Nikodemus wird hier als Vertreter eines religiösen Establishments gezeigt, das sich auf materielle Gegebenheiten und Traditionen beruft und geistigen VerhĂ€ltnissen (âihr mĂŒsst von neuem geboren werdenâ 3,7 EU) gegenĂŒber verstĂ€ndnislos ist. Wo Nikodemus noch als dialogbereit gezeichnet wird und sich zu einem AnhĂ€nger Jesu entwickelt (19,38â40 EU), fĂŒhren andere StreitgesprĂ€che zwischen Jesus und âden Judenâ ĂŒber das Sabbatgebot (5,16â18 EU) oder die genealogische Herkunft der Juden (8,39â59 EU) zu Konflikten, die in versuchten Steinigungen Jesu mĂŒnden und letztlich zur Auslieferung Jesu an die Römer fĂŒhren. Zuspitzungen wie z. B. die Aussage, die jĂŒdischen Gegner Jesu hĂ€tten âden Teufel zum Vaterâ (8,44 EU) erwachsen aus solchen konkret geschilderten Konfliktsituationen und dĂŒrfen daher nicht als generelle Aussagen ĂŒber das Judentum missverstanden werden.
In den vom Johannesevangelium geschilderten Auseinandersetzungen mit dem Judentum spiegelt sich fĂŒr historisch-kritische Exegeten die Situation nach dem Ausschluss der Christen aus der Synagoge (nach 70).[32] Johannes beschreibt damit wohl historisch zutreffend die Grundlinien des Konflikts zwischen dem aufstrebenden Christentum und dem sich nach der Katastrophe des jĂŒdischen Krieges wieder konsolidierenden Judentum. In diesem Zusammenhang sind auch die guten Kenntnisse des Johannesevangeliums ĂŒber jĂŒdische Riten und Traditionen und den jĂŒdischen Festkalender hervorzuheben. Diese erklĂ€ren sich am ehesten aus einer groĂen NĂ€he zu jĂŒdisch-biblischen Traditionen.
Gottesbild
Liebe im Johannesevangelium
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