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John Milton Cage Jr. (* 5. September 1912 in Los Angeles; † 12. August 1992 in New York City) war ein US-amerikanischer Komponist und Künstler. Mit seinen mehr als 250 Kompositionen,[1] die häufig als Schlüsselwerke der Neuen Musik angesehen werden, gilt er als einer der weltweit einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.[2] Hinzu kommen musik- und kompositionstheoretische Arbeiten von grundsätzlicher Bedeutung. Außerdem gilt Cage als Schlüsselfigur für die Ende der 1950er Jahre entstehende Happeningkunst und als wichtiger Anreger für die Fluxusbewegung und die Neue Improvisationsmusik. Neben seinem kompositorischen Schaffen betätigte er sich auch als Maler.
Inhaltsverzeichnis |
Der Vater von Cage, John Milton Cage Sr. (1886–1964), war Erfinder. Seine Mutter Lucretia ("Crete") Harvey (1885–1969) arbeitete als Redakteurin für die Los Angeles Times. Beide Eltern hatten nie ein College besucht.[3] Cage hatte zwei ältere Brüder, die jedoch beide vor seiner Geburt starben.
Seine frühe Kindheit verbrachte Cage in Long Beach, Kalifornien. Später zog die Familie nach Detroit und Ann Arbor im Bundesstaat Michigan und kehrte schließlich 1920 nach Kalifornien zurück. Cage besuchte die Los Angeles Highschool, wo er 1928 seinen Abschluss als bester Schüler seines Jahrgangs machte. Danach studierte er zunächst zwei Jahre Literatur am „Pomona College“ in Claremont, brach jedoch ab, um Schriftsteller zu werden. 1930 ging er nach Europa und studierte anfangs gotische und griechische Architektur bei Ernő Goldfinger in Paris, sowie Klavier bei Lazare Lévy, der ihn mit der Musik Johann Sebastian Bachs vertraut machte. Er schrieb Gedichte und unternahm Versuche im Malen und Komponieren. Während dieser Zeit entstanden die ersten musikalischen Kompositionen.
Zurückgekehrt nach Amerika begann er ein Kompositionsstudium, zunächst von 1932 bis 1934 Komposition bei Richard Buhlig, Harmonielehre und Kontrapunkt bei Adolph Weiss sowie Kurse in moderner Harmonie an der „New School of Social Research“, New York, bei Henry Cowell, bevor er in den folgenden zwei Jahren Unterricht bei Arnold Schönberg erhielt. 1937 heiratete er Xenia Andreyevna Kashevaroff[5]. 1938 zog er nach Seattle wo er am Cornish College of the Arts als Pianist und Korrepetitor für die Tanzabteilung engagiert war. Er baute sein erstes Schlagzeugensemble auf. Kurze Zeit später entstand als Begleitung für eine Choreografie seine erste Komposition für das von ihm erfundene Präparierte Klavier, auf dessen Saiten und Hämmern er Radiergummis, Nägel und andere kleine Teile montierte, die dem Klavier eine besondere Klangfarbe verleihen.
Auf Einladung László Moholy-Nagys unterrichtete er 1941 an der „Chicago School of Design“ eine Klasse in experimenteller Musik. In Seattle begegnete Cage erstmals dem Tänzer Merce Cunningham, seinem späteren Arbeits- und Lebenspartner. In New York City baute sich Cage ab 1942 eine Existenz als Komponist auf und trennte sich von seiner Frau. Er reiste weiterhin quer durch die USA, Europa und Asien, um Kurse und Vorträge zu halten und Aufführungen seiner Werke zu begleiten. Mit einem Konzert, das er 1943 im Museum of Modern Art aufführte, wurde Cage in New Yorker Avantgarde-Kreisen bekannt und knüpfte Kontakte sowohl zu bildenden Künstlern wie zu Tänzern und Musikern. Unter anderem traf er häufig mit Marcel Duchamp zusammen. Anfang 1946, durch seinen Lehrer Richard Buhlig vermittelt, lernte John Cage die 1941 aus Berlin geflohene Pianistin Grete Sultan kennen, mit der ihn bald eine lebenslange, enge Freundschaft verband. Sein 1974/75 entstandener Klavierzyklus Etudes Australes ist Grete Sultan gewidmet. 1948 und 1952 begegnete er, während seiner Lehrtätigkeit am Black Mountain College in North Carolina, Buckminster Fuller. Mit Merce Cunningham und dem Maler, Grafiker und Happening-Künstler Robert Rauschenberg begann Cage zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben. Dieses Trio wohnte im gleichen Haus in einer Art Dreier-Beziehung.
Die Beschäftigung mit der Musik von Erik Satie und den Schriften von Henry David Thoreau und James Joyce führten John Cage zur Entwicklung einer eigenen Form von Musik über Musik und von Text über Text, einer in dieser Weise neuen Tätigkeit.
Die letzte Phase seines Schaffens, die 1987 begann, umfasst ca. 50 Stücke für diverse kammermusikalische Besetzungen, Orchester, Soloinstrumente, Chor, Performer, die so genannten „Zahlenstücke“ (number pieces). Hier gibt Cage seinen Musikstücken keinen Titel mehr, sondern benennt sie nach der Zahl der Aufführenden und nummeriert sie in der Reihenfolge ihrer Entstehung durch. So z. B. das für vier Stimmen geschriebene FOUR2 von 1990, welches für den Madrigal-Chor der Hood River Valley High School komponiert wurde. Die Zahlenstücke sind in so genannten time brackets notiert. Es handelt sich weder um die traditionelle Form der Musiknotation noch um eine grafische Notationsform. Vielmehr hat der Interpret die Möglichkeit, das Klangereignis während eines definierten Zeitraums einzuführen und während eines Zeitraumes wieder herauszunehmen.
Cage starb 1992 in New York City kurz vor seinem 80. Geburtstag an den Folgen eines Schlaganfalls.[6]
An der Cornish School in Seattle begann Cage mit einer Serie so genannter Imaginary Landscapes ("imaginäre Landschaften"). Insgesamt entstanden fünf Stücke zwischen 1939 und 1952. In Imaginary Landscape No. 1 (1939) für vier Spieler sind neben präpariertem Klavier und chinesischem Becken zwei Plattenspieler mit variabler Umdrehungszahl zu hören. Die Schallplatten waren die damals in Studios üblichen Messplatten zum Überprüfen von Plattenspielern mit Testtönen. Die elektronischen Komponenten waren also vorgefunden und nicht speziell komponiert. Das Stück ist für die Wiedergabe nicht im Konzertsaal, sondern über Radio gedacht[7]. Dieses Werk ist kaum der Musique Concrète noch der frühen Elektronischen Musik zuzurechnen, auch weil mechanische Musikinstrumente mit deren Spielern vorkommen, siehe auch Elektroakustische Musik. Eine Gemeinsamkeit mit diesen Richtungen besteht nur in der radiophonen Verbreitung. Vielmehr kann man eine Realisierungsform erkennen, in der zu den herkömmlichen mechanischen Musikinstrumenten nebst deren Spielern weitere - damals ungewöhnliche - Klangquellen hinzugezogen werden, wie z. B. auch die Sirenen in vielen Werken Varèses, siehe auch Bruitismus.
Berühmt wurde Cages Stück 4'33", das am 29. August 1952 in der Maverick Concert Hall in Woodstock, New York uraufgeführt wurde. Angeregt wurde er zu dem Stück von Robert Rauschenbergs „White Paintings”.[8]. Es besteht aus drei Sätzen mit der Anweisung Tacet, d.h. es werden keine Töne erzeugt. In der Uraufführung zeigte der Pianist David Tudor die drei Sätze durch Schließen und Öffnen des Klavierdeckels an[9]. Laut Partitur ist die Dauer des Stückes frei wählbar und der Titel soll diesen Wert in Minuten und Sekunden genau angeben. Obwohl also streng genommen der Titel je nach gewählter Dauer variieren kann, hat sich die Bezeichnung 4'33" durchgesetzt, der Wert der Uraufführung. Ebenso frei wählbar ist die Zahl der Ausführenden und die Art der (nicht) benutzten Instrumente.
2008 entwickelte die englische Künstlerin Tacita Dean eine Filminstallation namens Merce Cunningham performs STILLNESS, die auf der Interpretation von 4'33" durch Cages Lebenspartner, dem Choreografen Merce Cunningham basiert. Cunningham nahm dazu in jedem der drei Teile der Komposition eine bestimmte Position auf einem Stuhl ein, in der er für die Dauer eines Satzes verharrte.
In den letzten sechs Jahren seines Lebens (1986-1992) komponierte Cage eine Serie so genannter Zahlenstücke („number pieces“). Insgesamt handelt es sich um 52 Kompositionen für einen bis 108 Musiker. Die Stücke sind nur nach der Anzahl der vorgesehenen Musiker benannt. Gibt es mehrere Stücke mit einer bestimmten Zahl von Interpreten, wird dies durch hochgestellte Zahlen angegeben. FOUR² ist demnach das zweite Stück für vier Musiker.
Die Mehrzahl der Zahlenstücke schrieb Cage für traditionelle Instrumente. Ausnahmen sind Stücke für die Shō - eine japanische Mundorgel und für Gehäuse von Meeresschnecken.
In den meisten Kompositionen dieser Serie gibt Cage für jeden Klang durch die von ihm so genannten Zeitklammern ("time brackets") flexible Zeiträume an, innerhalb derer der Klang beginnen und enden muss.
Einige Beispiele für Zahlenstücke:
Die ersten zwei Opern sind Europera 1 & 2, deren Kompositionsauftrag Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn initiierten, von Gary Bertini 1987 mit der Chefdramaturgie der Oper Frankfurt am Main betraut. Es folgten als Einzelwerke noch die Europera 3 bis 5. Die erste Gesamtaufführung aller fünf Europeras fand 2001 an der Staatsoper Hannover statt.
Kurz vor seinem Tod vollendete Cage seinen einzigen Film One 11 and 103 - Ein Film ohne Thema (auch unter dem Titel one high 11 and 103 geführt). Der 90minütige, komplett in schwarz-weiß gehaltene Film hat filmisch-erzählerisch wie auch musikalisch kein Thema. Ein minimal besetztes Orchester baut eine verhaltene Atmosphäre auf, die Bildsprache beschränkt sich auf Scheinwerferprojektionen. Musikalische Komposition von 103 wie auch Scheinwerfer-Projektionen und Kamerafahrten des Filmes One 11 basieren auf Cages Methodik der Zufallsoperationen, welche den Komponisten komplett emotional vom Entstehungsprozess des Werkes entkoppeln.
Cages Klang-Licht-Installation Essay (Writings through the Essay ‚On the Duty of Civil Disobedience‘, 1985/91) ist seit 1998 permanent in der Sammlung der Kunsthalle Bremen ausgestellt. Diese Arbeit zeigte Cage 1987 im Rahmen der documenta 8 in der Kasseler Karlskirche.
Eine Realisation des Orgelwerkes »ORGAN²/ASLSP« (As Slow(ly) and Soft(ly) as Possible), das "langsamste Konzert der Welt"[11], wird seit dem 5. September 2001 in Halberstadt in der St.-Burchardi-Kirche aufgeführt. Diese Aufführung soll bis zum 4. September 2640 dauern, also insgesamt 639 Jahre.
Der Konzert-Pianist Francesco Tristano, für den Cage "mehr Philosoph als Komponist"[12] war, veröffentlichte 2011 sein Album bachCage bei Deutsche Grammophon, auf dem er Musik von Johann Sebastian Bach und Cage verbindet:[13]
Nach Cages Auffassung gibt es keine absolute Stille im landläufigen Sinne. Dies gründet u.a. auf seiner Beobachtung, dass es selbst in einem schalltoten Raum noch Geräusche gibt. Als Experiment schloss er sich Ende der 40er Jahre in einen solchen Raum ein und stellte fest, dass auch dort einzelne Dinge hörbar sind : sein Herzschlag, das Rauschen des Blutes in den Adern, vom Nervensystem produzierte Frequenzen. Angeregt von dieser Erfahrung kreierte er sein berühmtes silent piece 4'33" (1952), in dem keinerlei Töne angespielt werden. Stattdessen ging es Cage darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem die Zuhörer selbst diese Entdeckung machen können und ihre Aufmerksamkeit entsprechend auf die Geräusche der Umgebung, auf absichtslose Töne und die vom Publikum selbst produzierten Geräusche richten.[15] "Die Stille von John Cage ist ein offenes Ohr für den Ton der Welt.", so formulierte es Boris Parena 1978 zur Vorstellung des Komponisten im Rahmen der Musikfestspiele von Bologna.[16]
Die Frage der Intentionalität ist zentral für das Verständnis von Cages Auffasssung von Stille. Folgt man seinen Überlegungen, redet man in der Regel dann von Stille, wenn keine absichtlich produzierten Töne wahrnehmbar sind bzw. sich die Absichten nicht erschließen und infolgedessen keine oder wenige Töne hörbar sind. Lärm kennzeichnet sich entsprechend durch viele Töne, der aber nach Cage ebenso wie die Stille frei von Intentionen ist.
Der französische Musiker und Philosoph Daniel Charles verweist in diesem Kontext auf den ironischen Titel von Cages Arbeit "Il Treno. Alla Ricerca del Silenzio Perduto" (Der Zug. Auf der Suche nach der verlorenen Stille) und die Nähe zu Heideggers "Ding". Während es bei Heidegger die Nähe sei, die der Mensch vergeblich sucht in der falschen Annahme, dass sie mit einer kurzen Entfernung gleichzusetzen ist, so sei es bei Cage die vergebliche Suche nach Stille - vergeblich insofern es diese im Sinne von absoluter Geräuschlosigkeit nach Cage nicht gibt.
Zufallsoperationen waren für Cage ein geeignetes Mittel, nicht-intentionale Ereignisse zu ermöglichen. Seit Anfang der 1950er Jahre setzte er sie für alle seine Musiken ein. Dabei ging es ihm nicht darum, Chaos zu stiften. Stattdessen zielte er darauf, Ereignissen Autonomie zu verleihen.[18]
Cage spricht in diesem Zusammenhang auch von verbrauchten Klängen, "verbraucht durch Intellektualisierung"[20]. Infolgedessen wendete er sich Geräuschen zu - Alltagsklängen, die beim Anhören keine vorgefertigten Zuschreibungen erfahren. Erst nach einigem Abstand gelang es ihm, auch "alte Klänge" wieder "frisch und neu" zu hören, was ihn zurück zur Arbeit mit Tönen brachte.[21].
Meistens realisierte Cage die Zufallsphänomene auf der Grundlage von Losentscheidungen durch das I Ching, das "Buch der Wandlungen" - eine chinesische Orakelsammlung. Darüber hinaus setzte er Münzwürfe ein, beispielsweise um die Art der jeweiligen Klavier-Präparierung zu bestimmen. Dazu waren die zu verwendenden Materialien in 5 Kategorien eingeteilt:
Zudem legte er drei Präparierungsänderungen fest, die zufällig ausgeführt wurden: einfacher Positionswechsel, totales oder partielles Zugeben von Objekten und totales oder partielles Wegnehmen von Objekten[23].
Eine weitere Zufallsmethode richtete sich auf beobachtete Mängel in Papierbögen. Anhand der Mängel machte er bestimmte Klangaspekte fest, so z.B. in Music for Piano, einer Serie von 85 Musikstücken für Klavier.
Cage arbeitete in seinen Werken mit so genannten Zeitklammern ("time brackets"), die eine größere zeitliche Flexibilität ermöglichen als die "klassische" Notation und ebenfalls Zufallsereignisse entstehen lassen. Eine Zeitklammer gibt Beginn und Ende der Einsätze in Minuten und Sekunden vor, innerhalb dieser Zeitspanne ist jedoch nicht festgesetzt, wann die jeweiligen Töne angespielt werden. Es gibt fixierte Zeitklammern ("fixed time brackets"), die einen exakten Anfangs- und Endpunkt vorgeben (z.B. 2.15 und 2.45) und flexible Zeitklammern ("flexible time brackets"), die jeweils nur eine Zeitspanne für den Anfangs- und für den Endpunkt vorgeben (z.B. 1.00 bis 1.45 für den Anfang; 1.30 bis 2.15 für das Ende). Demzufolge ist die Dauer einer Klangeinheit bei fixierten Zeitklammern festgelegt, bei flexiblen Zeitklammern kann sie dahingegen erheblich schwanken (in dem vorherigen Beispiel zwischen 30 Sekunden und 1.15 Minuten).
Cage nutze Zeitklammern insbesondere in den "Zahlenstücken", die er in den letzten Jahren seines Lebens komponierte. Zum ersten Mal fanden sie jedoch in einem Happening Verwendung - in "Untitled Event" von 1952.[24] Hier wurden die Aktionen der beteiligten Künstler durch Zeitklammern koordiniert. Welche Art von Aktionen sie durchführten war nicht vorbestimmt, sondern nur wie häufig der Einzelne agiert und wie lange die jeweilige Aktion dauerte.
Damit radikalisiere Cage das "Prinzip der Zusammenhangslosigkeit", schreibt die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte. "Alles ist getrennt, überhaupt alles von allem.", so Cage[26]. Nach Auffassung von Fischer-Lichte ermöglicht er dem Zuschauer/Zuhörer durch die Verwendung von Zeitklammern eine besonders intensive Rezeption, da die einzelnen Ereignisse so speziell hervorgehoben werden.[27]
„If you celebrate it, it's art, if you don't, it isn't“
– John Cage[28]
„Knowing how to play instruments is fine, but knowing how to make music only belongs to the truly great.“
– John Cage[29]
„Alle Klänge sind sinnvoll.“
– John Cage[30]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Cage, John |
| ALTERNATIVNAMEN | Cage Jr., John Milton |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Komponist |
| GEBURTSDATUM | 5. September 1912 |
| GEBURTSORT | Los Angeles |
| STERBEDATUM | 12. August 1992 |
| STERBEORT | New York City |