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Josef Mengele

Josef Mengele um 1936

Josef Mengele (* 16. MĂ€rz 1911 in GĂŒnzburg; † 7. Februar 1979 in Bertioga, Brasilien) war ein deutscher Arzt. Als Lagerarzt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz nahm er Selektionen von HĂ€ftlingen vor, ĂŒberwachte die Vergasung der Opfer und stellte medizinische Menschenversuche an. Dadurch war er fĂŒr den Tod Zehntausender Menschen zum Teil unmittelbar verantwortlich. Von Überlebenden „Todesengel von Auschwitz“ genannt, wurde er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum wohl meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher, aber nie gefasst. Er musste sich deshalb nie fĂŒr seine Taten verantworten. Mengele ertrank 1979 bei einem Badeunfall, als er beim Schwimmen einen Schlaganfall erlitt. 1985 wurden im Zuge einer intensivierten Fahndung seine unter falschem Namen beerdigten Gebeine entdeckt und identifiziert.

Mengele rĂŒckte erst im Zuge der Ermittlungen zu den Auschwitzprozessen ins engere Blickfeld der Strafverfolger. Zuvor hatte er bereits einige Jahre unter seinem echten Namen ungestört in Argentinien gelebt. Seine weitere Flucht ĂŒber Paraguay nach Brasilien gab zu unzĂ€hligen Spekulationen Anlass, konnte aber erst nach der Entdeckung seiner Leiche aufgeklĂ€rt werden.

Nachdem zunĂ€chst die UmstĂ€nde der Flucht und die Persönlichkeitsstruktur Mengeles im Mittelpunkt des Interesses der Öffentlichkeit und der historischen Forschung standen, wurde in den letzten Jahren vor allem seine Integration in die an den deutschen Kaiser-Wilhelm-Instituten wĂ€hrend des Nationalsozialismus betriebene wissenschaftliche Grundlagenforschung aufgearbeitet. Mengeles enger Kontakt zum Kaiser-Wilhelm-Institut fĂŒr Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) unter Otmar Freiherr von Verschuer in Berlin, dem er unzĂ€hlige PrĂ€parate schickte, seine Menschenversuche an HĂ€ftlingen und vor allem seine Zwillingsforschungen in Auschwitz werden inzwischen weniger als „Pseudowissenschaft“, denn als Teil einer gewissenlos und unter rassistischen PrĂ€missen betriebenen Experimentalmedizin gesehen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft und Jugend

Josef Mengele war der Ă€lteste der drei Söhne von Karl und Walburga Mengele (geb. Hupfauer), die 1907 einen Landmaschinenbetrieb in GĂŒnzburg gekauft und in wenigen Jahren zum grĂ¶ĂŸten Arbeitgeber des Ortes aufgebaut hatten. Beim Tod von Mengeles Vater 1959 beschĂ€ftigte die Firma Karl Mengele & Söhne weltweit ĂŒber 2.000 Mitarbeiter. Karl Mengele kĂ€mpfte im Ersten Weltkrieg, schloss sich wĂ€hrend der 1920er Jahre dem Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten an und war zumindest zeitweise Mitglied der DNVP. Er wird als konservativ beschrieben, gilt aber nicht als Antisemit. Er kandidierte 1924 und 1929 erfolglos auf der Liste der Freien BĂŒrgervereinigung fĂŒr den GĂŒnzburger Stadtrat. Dass er 1932 eine seiner Fabrikhallen fĂŒr einen Wahlkampfauftritt Adolf Hitlers zur VerfĂŒgung stellte, wird oft als Beleg einer nationalsozialistischen Gesinnung angefĂŒhrt, aber von Historikern ĂŒbereinstimmend als solidarische Aktion im Rahmen der Harzburger Front gewertet. Im Mai 1933 trat Karl Mengele der NSDAP bei und erhielt offenbar als Gegenleistung fĂŒr eine Parteispende einen Sitz im Stadtrat. 1935 trat er nach Kritik aus Parteikreisen, er habe sich sein Amt erkauft, außerdem der SS bei. Das familiĂ€re Milieu, aus dem Josef Mengele stammte, bezeichnet die historische Forschung nicht als ein nationalsozialistisches, sondern als ein katholisch-konservatives und deutschnationales.[1]

Josef Mengele selbst trat 1924 dem Großdeutschen Jugendbund (GDJ) bei, der zur BĂŒndischen Jugend gehörte. Zwischen 1927 und 1930 stand er als „ÄltestenfĂŒhrer“ der GĂŒnzburger Ortsgruppe vor. Obwohl der GDJ antisemitisch orientiert war und einen aggressiven Nationalismus vertrat, wird Mengeles Mitgliedschaft nicht als Ausdruck einer bereits nationalsozialistischen Weltanschauung gesehen, weil der GDJ eher dem Spektrum der „Konservativen Revolution“ zugeordnet wird.[2]

Studium

Nach dem 1930 bestandenen Abitur immatrikulierte sich Josef Mengele an der UniversitĂ€t MĂŒnchen fĂŒr Medizin. Zum dritten Semester studierte er eines MĂ€dchens wegen in Bonn weiter. Bewusst, so schildert er es selbst, schloss er sich keiner schlagenden Studentenverbindung an, da ihm deren Trinksitten nicht behagten. Im Mai 1931 trat er jedoch dem Jungstahlhelm bei. In seinem Tagebuch erklĂ€rte Mengele dies 1974 damit, dass er mit einem Kommilitonen einen kommunistischen Demonstrationszug beobachtet habe und dadurch zur Gewissheit gelangt sei, dass es an der Zeit sei, politisch Partei zu ergreifen.[3] Im Sommer 1932 bestand Mengele das Physikum und kehrte im Sommer 1933 nach einem Semester in Wien nach MĂŒnchen zurĂŒck. Er schrieb sich jetzt zusĂ€tzlich auch fĂŒr Anthropologie ein, das an der naturkundlichen Sektion der Philosophischen FakultĂ€t gelehrt wurde.

Mengele promovierte 1935 beim Direktor des MĂŒnchner Anthropologischen Instituts Theodor Mollison mit der Höchstnote ĂŒber „Rassenmorphologische Untersuchung des vorderen Unterkieferabschnitts bei vier rassischen Gruppen“ zum Dr. phil. Dazu untersuchte er 123 Unterkiefer aus der MĂŒnchner Anthropologischen Staatssammlung, also Material aus der FrĂŒhgeschichte der Menschheit. Ihm ging es dabei um den Nachweis, dass sich anhand dieser Kieferabschnitte die Rassezugehörigkeit bestimmen lasse. Aus heutiger Sicht, so der Medizinhistoriker Udo Benzenhöfer, war dies „eher Wahn als Wissenschaft“.[4]

Im Sommer 1936 legte Mengele das medizinische Staatsexamen ab. Nach einem viermonatigen Praktikum an der Kinderklinik der UniversitĂ€t Leipzig trat er auf Empfehlung Mollisons eine Stelle als Assistent am UniversitĂ€tsinstitut fĂŒr Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt am Main an, das zu diesem Zeitpunkt von Otmar Freiherr von Verschuer geleitet wurde.[5] Mollison und Verschuer gelten als diejenigen, die Mengele fĂŒr erbpathologische und rassenhygienische Probleme interessierten.

Assistent von Otmar Freiherr von Verschuer

Von besonderer Bedeutung fĂŒr Mengeles weitere Karriere sollte Verschuer werden. Dieser hatte sich seinen Namen mit Studien zur Erbbiologie gemacht und dabei 1927 ĂŒber die Vererbung bei Zwillingen habilitiert. Verschuer trat erst 1940 der NSDAP bei, ließ aber nie Zweifel daran, dass er die nationalsozialistische Rassenhygiene vorbehaltlos unterstĂŒtzte. So arbeitete er nicht nur zur Vererbung von Krankheiten und deren Erbprognose, sondern gutachtete auch zu rassenhygienischen Zwangssterilisationen und in Prozessen zur sogenannten „Rassenschande“ nach den NĂŒrnberger Gesetzen. Mengele, den sein Institutskollege Hans Grebe nach dem Krieg als „LieblingsschĂŒler“ Verschuers beschrieb, arbeitete an solchen Gutachten mit bzw. erstellte eigene Gutachten.[6]

Mengele promovierte 1938 mit „Sippenuntersuchungen bei der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte“, einem Versuch, deren Erblichkeit statistisch nachzuweisen, ebenfalls mit der Höchstnote. FĂŒr diese Studie wĂ€hlte er 17 Probanden aus, die sich zwischen 1925 und 1935 in der Chirurgischen UniversitĂ€tsklinik Frankfurt deswegen hatten operieren lassen. Durch die „Sippenuntersuchung“ ermittelte er insgesamt 1.222 Personen, von denen er 583 persönlich aufsuchte. Der Medizinhistoriker Udo Benzenhöfer bemerkt, dass Mengele dabei vor allem sogenannte „Mikromanifestationen“ in den Vordergrund stellte, von denen, so Benzenhöfer, eigentlich nicht sicher sei, ob man sie ĂŒberhaupt zur Lippen-Kiefer-Gaumenspalte rechnen könne. Man dĂŒrfe deshalb annehmen, dass Mengele dadurch „eine hohe Erblichkeitsquote ‚erzielen‘ wollte.“ Durch die BerĂŒcksichtigung der „Mikromanifestationen“ erreichte Mengele eine Erblichkeitsquote von zunĂ€chst 100%, die er im Ergebnis dadurch, dass er schließlich nur das Vorkommen von zwei „Mikromanifestationen“ berĂŒcksichtigte, wieder senkte.[7]

Beide Doktorgrade wurden Mengele wegen seiner im KZ Auschwitz begangenen Verbrechen 1960 bzw. 1961 aberkannt. Diese Entscheidung wurde am 23. September 1963 rechtsgĂŒltig.[8]

Mit der Eingliederung des Stahlhelms in die SA im November 1933 gehörte auch Mengele der SA an, trat dort aber im Oktober 1934 mit Verweis auf ein seit seiner Jugend bestehendes Nierenleiden aus.[9] 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP, die zum 1. April 1938 erfolgte (Mitgliedsnummer 5.578.974). 1938 trat er in die SS ein (SS-Nummer 317.885).[10] Hans MĂŒnch, der ebenfalls Arzt im KZ Auschwitz war, attestierte Mengele 1985, er habe sich „[a]aus kĂŒhlen KarriereĂŒberlegungen und aus voller politischer Überzeugung" auf das Gleis gesetzt, „das ihn im Mai 1943 schließlich nach Auschwitz fĂŒhrte.“[11]

Mengele engagierte sich nicht nennenswert politisch. Vom 24. Oktober 1938 bis zum 21. Januar 1939 leistete er einen auf drei Monate verkĂŒrzten Grundwehrdienst bei der 19. Kompanie des GebirgsjĂ€gerregiments 137 in Saalfelden am Steinernen Meer.[12] Im Juli 1939 heiratete er Irene Schönbein, die er in Leipzig kennen gelernt hatte. Weil der Großvater des Vaters seiner Frau nicht bekannt war, wurde die Aufnahme des Ehepaars in das „Sippenbuch der SS" durch das Rasse- und Siedlungshauptamt abgelehnt.[13] Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges blieb Mengele zunĂ€chst am Frankfurter Institut, bis er am 15. Juni 1940 zur SanitĂ€tsersatzabteilung 9 der Wehrmacht in Kassel eingezogen wurde.

Truppenarzt der Waffen-SS

Angeblich weil er von einem Ausbilder schikaniert wurde, meldete sich Mengele zur Waffen-SS und absolvierte im Range eines HauptscharfĂŒhrers von Anfang August bis Anfang November 1940 eine militĂ€rĂ€rztliche Ausbildung bei der SanitĂ€tsinspektion der Waffen-SS.[14] Im September 1940 wurde er rĂŒckwirkend zum UntersturmfĂŒhrer befördert. Zwischenzeitlich - offenbar bereits unmittelbar nach dem Übertritt zur Waffen-SS - war er zur „Umsiedlungsstelle“ in ƁódĆș und zur „Einwanderungsstelle“ in Posen des Reichskommissar fĂŒr die Festigung deutschen Volkstums abgeordnet, wo er im Rahmen der nationalsozialistischen „Eindeutschungs“-Politik Gutachten zur rassenbiologischen Klassifizierung von volksdeutschen Umsiedlern nach den Maßgaben der Deutschen Volksliste vornahm. Vermutlich mit Aufstellung der Division von Februar bis Mai 1941, spĂ€testens wohl zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion wurde er als Truppenarzt zur SS-Panzer-Division „Wiking“ (SS-Pionier-Bataillon 5) versetzt. Dass Mengele von Beginn an am Russlandfeldzug teilnahm, belegt das Zusammentreffen mit einem Studienfreund an der Front bei Dnjepropetrowsk im Sommer 1941.[15] Die Division wird fĂŒr Massaker an Juden im Juli 1941 verantwortlich gemacht.[16]

FĂŒr persönliche Tapferkeit bei der Bergung Verwundeter wurde Mengele mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet und zum ObersturmfĂŒhrer befördert. Es existieren unterschiedliche Angaben darĂŒber, wie lange Mengele mit der Division „Wiking“ an der Front kĂ€mpfte. SpĂ€tere Aussagen des Kriegskameraden und spĂ€teren Auschwitzer KZ-Arztes Horst Fischer, von Verschuer sowie von Mengeles Ehefrau Irene deuten darauf hin, dass Mengele erst Mitte Januar 1943 wegen einer Verwundung von der Front zurĂŒckkehrte. Im Oktober 1942 wurde er noch bei seiner Einheit als Truppenarzt gefĂŒhrt und zur Beförderung vorgeschlagen. Dass er einer angeordneten Versetzung zur Dienststelle Reichsarzt-SS und Polizei zum 23. Juli 1942 nachkam, erscheint demgegenĂŒber unwahrscheinlich.[17] Gesichert ist zumindest, dass Mengele am 14. Februar 1943 zum SS-Ersatzbataillon „Ost“ versetzt wurde und nach seiner Beförderung zum HauptsturmfĂŒhrer (April 1943) vom FĂŒhrungshauptamt der SS am 24. Mai 1943 mit Wirkung zum 30. Mai 1943 zum Dienst in das KZ Auschwitz abgeordnet wurde.[18]

Lagerarzt im KZ Auschwitz

Mengeles Versetzung in das KZ Auschwitz hat zu Spekulationen Anlass gegeben. Es wurde vermutet, dass Mengele sich freiwillig gemeldet habe, um nicht wieder an die Front zu mĂŒssen, oder dass von Verschuer hinter den Kulissen mitgewirkt haben könnte, um mit Mengele einen Vertrauensmann im Vernichtungslager zu haben, der Forschungsmaterial liefern könnte. Als wahrscheinlich gilt einerseits, dass das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt durch die plötzliche und lĂ€ngerfristige Erkrankung von Benno Adolph, dem Lagerarzt des gerade eingerichteten „Zigeunerlagers“ Auschwitz B II e, kurzfristig einen Ersatz benötigte, und Mengele beim Ersatzbataillon gerade verfĂŒgbar war.[18]

Auf der anderen Seite ist belegt, dass sich Mengele wĂ€hrend seines Berlin-Aufenthaltes inoffiziell am Kaiser-Wilhelm-Institut fĂŒr Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) in Berlin-Dahlem aufhielt, dessen Leitung Verschuer 1942 ĂŒbernommen hatte. Verschuer hatte ohnehin beabsichtigt, Mengele bei Gelegenheit nach Dahlem zu holen. Der Historiker Benoit Massin hĂ€lt dabei Verschuers Assistenten Siegfried Liebau fĂŒr die SchlĂŒsselfigur. Liebau habe geradezu ein „BĂŒndnis zwischen Verschuer und der SS“ vermittelt. Er hatte als Personalreferent im SanitĂ€tsamt der Waffen-SS 1942 Mengeles Versetzung zum Reichsarzt-SS unterzeichnet, arbeitete wĂ€hrend Mengeles informellem Aufenthalt am KWI-A ebenfalls dort und war nicht nur bereits vor Mengeles Versetzung im KZ Auschwitz gewesen, sondern hatte der Forscherin Karin Magnussen von dort auch Fotografien von „Zigeunern“ mit verschiedenfarbigen Augen mitgebracht. Diese Verbindung und eine Aussage Hans MĂŒnchs, Mengele habe „wegen der großen Forschungsmöglichkeiten“ um die Versetzung gebeten, lassen Massin schließen, dass Mengeles Anwesenheit in Auschwitz kein Zufall war.[19]

Mengele fungierte bis zu dessen Auflösung im August 1944 als Leitender Lagerarzt des „Zigeunerlagers“. Anschließend wurde er Leitender Lagerarzt im „HĂ€ftlingskrankenbaulager“ (HKB) B IIf und im Dezember 1944 Truppenarzt im SS-Truppenlazarett in Birkenau. Stets ĂŒbernahm er aber auch Aufgaben in anderen Lagerabschnitten des KZ. Sein Vorgesetzter im KZ Auschwitz war SS-Standortarzt Eduard Wirths. Mengele verließ das KZ Auschwitz am 18. Januar 1945 auf der Flucht vor der anrĂŒckenden Roten Armee in Richtung des als Auffanglager vorgesehenen KZ Groß-Rosen.

Was Mengele in Auschwitz tat, ergibt sich vor allem aus den Zeugenaussagen Überlebender, nicht zuletzt weil er seine Unterlagen mitnahm, und die Lager-SS kurz vor ihrer Flucht noch versuchte, die Lagerakten und Krankenhausunterlagen zu vernichten. Zwar können solche Zeugenaussagen im Detail fehlerhaft sein, aber speziell im Fall Mengele liegen Aussagen von HĂ€ftlingsĂ€rzten und Pflegern vor, die mitunter eng und ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume im KZ Auschwitz mit ihm zusammenarbeiten mussten, so dass deren Aussagen in verschiedenen Ermittlungsverfahren als stichhaltig bewertet wurden. Mengele selbst hat keinerlei Aufzeichnungen aus seiner Zeit in Auschwitz hinterlassen.[20]

Leitender Lagerarzt des „Zigeunerlagers“

Grafische Darstellung des Zigeunerlagers im KZ Auschwitz II (Birkenau)

Verschiedene HĂ€ftlinge berichten, dass sich Mengele unmittelbar nach seiner Ankunft in Auschwitz um eine Verbesserung der Situation bemĂŒhte. So habe er die Kapos angewiesen, keine HĂ€ftlinge zu erschlagen, fĂŒr eine ausreichende und regelmĂ€ĂŸige Versorgung gerade der Kinder gesorgt, Sport wie Fußball zugelassen und sich den Anliegen der HĂ€ftlinge gegenĂŒber offen gezeigt. Solche Aussagen gibt es aber nur wenige. Statt dessen ĂŒberwiegen bei weitem die Charakterisierungen, die Mengeles wechselhafte Stimmungen und seine besondere Bereitschaft, am Massenmord mitzuwirken, belegen. Nach einer Charakterisierung Hans MĂŒnchs war er kein Opportunist, sondern von der Notwendigkeit der „Judenvernichtung“ vollkommen ĂŒberzeugt. Er habe sich vorbehaltlos mit seiner Aufgabe identifiziert. Hermann Langbein, in Auschwitz Schreiber bei Eduard Wirths, sagte 1960 im Ermittlungsverfahren gegen Mengele aus, dieser sei nach Friedrich Entress „der gefĂŒrchtetste Lagerarzt“ gewesen. Mengele habe Versuche, die Lage der erkrankten HĂ€ftlinge zu verbessern, unterbunden. Er habe nicht nur nicht auf die hygienischen MĂ€ngel in seinem Lager hingewiesen, sondern sich auch energisch dafĂŒr eingesetzt, dass möglichst wenig Medikamente geliefert wĂŒrden.[21]

Mengele tat sich durch seine besonders rĂŒcksichtslose und menschenverachtende Art der BekĂ€mpfung von Krankheiten und Seuchen hervor, die bei den schlechten Lebensbedingungen im Lager weit verbreitet waren. Als Ende 1943 im Frauenlager, das zu diesem Zeitpunkt unter seiner Aufsicht stand, eine Typhusepidemie ausbrach, ließ er die 600 Insassinnen eines ganzen Blocks vergasen und den Block anschließend desinfizieren. In diesen Block wurden dann die Frauen des nĂ€chsten Blocks verlegt, der geleerte Block desinfiziert und so fort. So ging er auch gegen ungarische JĂŒdinnen im Lager B IIc, die an Scharlach erkrankt waren, und gegen jĂŒdische Kinder im Lager B IIa, unter denen sich die Masern verbreitet hatten, vor. Auch im „Zigeunerlager“ schickte Mengele alle Kranken mit solchen potentiell epidemischen Infektionen in die Gaskammern. Rudolf Höss zu Folge, dem Kommandanten des KZ Auschwitz, hielt sich Mengele dabei an einen Geheimbefehl Heinrich Himmlers, wonach die Kranken im Zigeunerlager, besonders die Kinder, durch die Ärzte unauffĂ€llig zu beseitigen seien.[22]

Sein Vorgesetzter Wirths schlug Mengele gerade wegen seiner TĂ€tigkeit bei der SeuchenbekĂ€mpfung im Februar 1944 fĂŒr das Kriegsverdienstkreuz vor. Im Juli 1944 leitete Mengele die Liquidierung des „Familienlagers Theresienstadt“, wobei unter dem Vorwand der BekĂ€mpfung einer Flecktyphusepidemie ca. 4.000 Menschen ermordet wurden. Am 19. August 1944 urteilte Wirths, Mengele habe „alle ihm gestellten Aufgaben oft unter schwierigsten Voraussetzungen zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erfĂŒllt und sich jeder Lage gewachsen gezeigt“.[23]

Auf Grund der Krankheiten und der mangelhaften ErnĂ€hrung starben von den etwa 22.600 nach Auschwitz deportierten Sinti und Roma – mehr als die HĂ€lfte von ihnen Frauen und Kinder – bis Ende 1943 rund 70 %. Bis zum Beginn ihrer systematischen Ermordung starben 13.600 Insassen.[24] Die wohl im Mai 1944 beschlossene Liquidierung des „Zigeunerlagers“ wurde von Mengele befĂŒrwortet und umgesetzt. Nach Mengeles Selektion der noch ArbeitsfĂ€higen, die zunĂ€chst in das Stammlager des KZ Auschwitz verlegt und anschließend in andere Konzentrationslager verbracht wurden, beaufsichtigte er persönlich die gewaltsame Auflösung des Lagers am 2. August 1944. Dabei wurden die verbliebenen Insassen, nach verschiedenen Angaben zwischen 2.897 und 3.300, in den Gaskammern ermordet.[25]

Die polnischen HĂ€ftlingsĂ€rzte Tadeusz Snieszko, Tadeusz Szymanski und Danuta Szymanska berichten, die Arbeitsweise Mengeles als Lagerarzt im „Zigeunerlager“ sei â€žĂŒberhaupt sehr eigenartig“ gewesen. Bei Inspektionen habe er sich milde gezeigt, so dass „selbst die weniger gewandten Zigeuner sich an ihn mit ihren Bitten und Klagen wandten und ihn mit Vater, VĂ€terchen, Onkel oder Ă€hnlichem anredeten“. An den vielen Kranken aber habe Mengele im Allgemeinen kein Interesse gezeigt. Bei Entlausungsaktionen ließ er Kranke ohne RĂŒcksicht auf ihren Zustand nackt stundenlang ausharren, auch im Winter bei Schnee und Regen im Freien, so dass viele starben. Sechzig Tuberkulosekranke schickte er im SpĂ€therbst 1943 offenkundig in die Gaskammern, so dass keiner mehr wagte, sich mit Brustschmerzen krank zu melden. KrĂ€tze bekĂ€mpfte er im FrĂŒhjahr 1944 mit einem SĂ€urebad, das zwar desinfizierte, aber lebensgefĂ€hrlich war. Das besondere Interesse Mengeles erregten allein die sich ausbreitende Erkrankung an Noma, Zwillinge, Kinder mit angeborenen Anomalien und Menschen mit unterschiedlich farbigen Augen (Iris-Heterochromie).[26]

Selektionen

Ankunft ungarischer Juden im KZ Auschwitz (Mai 1944) – Aufnahme aus dem „Auschwitz-Album“
Eine alte Frau mit Kindern auf dem Weg in die Gaskammern in Auschwitz-Birkenau – Aufnahme aus dem „Auschwitz-Album“

Zu den Hauptaufgaben der LagerĂ€rzte in Auschwitz gehörte es, Selektionen vorzunehmen. TurnusmĂ€ĂŸig selektierten die Ärzte bei ankommenden Transporten an der sogenannten Rampe, aber auch regelmĂ€ĂŸig im Lager selbst. Sie entschieden im Wesentlichen durch Augenschein darĂŒber, wer unmittelbar getötet werden sollte oder nicht. Vor allem Kinder, Alte, Kranke, Behinderte, Schwache und Schwangere wurden zur sofortigen Vergasung bestimmt, die von den Ärzten auch beaufsichtigt wurde.

Von Mengele wird berichtet, dass er sich förmlich danach drĂ€ngte, Selektionen vorzunehmen, wĂ€hrend andere SS-Ärzte wie MĂŒnch diese Aufgabe nach Möglichkeit vermieden. Der GĂŒnzburger SS-Mann Richard Boeck, der in Auschwitz der Fahrbereitschaft des Stammlagers angehörte, berichtete im Ermittlungsverfahren gegen Mengele 1971 von der Selektion eines Transportes ungarischer Juden 1943. Mengele habe die Kolonne der Deportierten an sich vorĂŒberziehen lassen und mit dem Daumen mal nach links, mal nach rechts gewiesen. Mit dieser Geste schickte er die einen in die Gaskammern, die anderen ins Lager. Überlebende berichten, dass der stets sehr gepflegt und sehr gut aussehende Mengele aufgefallen sei, weil er durchaus nicht wie ein Mörder ausgesehen habe. Er habe zuweilen gelĂ€chelt und manchmal eine Opernarie gepfiffen, besonders gerne Themen aus Rigoletto.[27]

Auch innerhalb des KZ Auschwitz wurden immer wieder Selektionen vorgenommen, bei denen Mengele derjenige gewesen sei, der „immer weit ĂŒber die vorgeschriebene Zahl hinausging.“ Der LagerĂ€lteste des Birkenauer QuarantĂ€nelagers fĂŒr Juden, Hermann Diamanski, berichtete 1959 im Ermittlungsverfahren, dass Mengele von Block zu Block ging und auf diejenigen HĂ€ftlinge wies, die er zur Vergasung oder Erschießung bestimmte. Bei einem Transport aus Litauen, durch den ca. achtzig bis neunzig Kinder und Jugendliche ins Lager kamen, stellte Mengele einen ca. 1,20 bis 1,40 m hohen Rahmen auf. Wer durch diesen Rahmen ging ohne anzustoßen, war zur Ermordung bestimmt. Diese Methode der Selektion wird auch von weiteren Zeugen bestĂ€tigt.[28] Der HĂ€ftlingsschreiber Tadeusz Joachimowski beschrieb außerdem, dass Mengele mitunter auch HĂ€ftlingsĂ€rzte mit Selektionen beauftragte, wenn er selber andere Aufgaben wahrnehmen wollte.[29]

Bei Selektionen im Krankenbau pflegte Mengele hĂ€ufig aber auch eine Art indirekter Selektion, bei der er sich von den HĂ€ftlingsĂ€rzten und -Ă€rztinnen eine Liste mit Diagnosen und Prognosen vorlegen ließ und auf der Grundlage dieser Unterlagen entschied. Nicht selten versuchten die HĂ€ftlingsĂ€rzte und -pfleger gegen Mengele zu arbeiten, etwa indem sie falsche HĂ€ftlingsnummern der Selektierten aufschrieben, Nummern ĂŒbersprangen oder selektierte HĂ€ftlinge zu verstecken versuchten, was manchmal, aber nicht immer gelang, und bei Mengele, wenn er es entdeckte, regelmĂ€ĂŸig zu WutanfĂ€llen fĂŒhrte.[30]

Allein durch die Selektionen innerhalb des Lagers war Mengele an der Tötung Zehntausender Menschen beteiligt. Joachimowski schĂ€tzt, dass Mengele 1943 und 1944 allein in den Lagerabschnitten B II b, B II c, B II e und B III rund 51.000 Frauen in den Tod schickte. Die Zahl der Opfer seiner Krankenselektionen geht ebenfalls in die Tausende, denn bei jeder Selektion seien jeweils 400 bis 800 HĂ€ftlinge ‚aussortiert‘ worden. Bei der Auflösung des „Zigeunerlagers“ und auch der des „Familienlagers Theresienstadt“ selektierte Mengele die noch arbeitsfĂ€higen HĂ€ftlinge und ließ die ĂŒbrigen vergasen.[31]

Medizinische Experimente und Untersuchungen

Die „Wasserkrebs“-Epidemie
Noma - Kolorierte Lithographie nach einer Zeichnung von Robert Froriep (1836)

So wenig sich Mengele fĂŒr seine Patienten selbst interessierte, so sehr interessierte er sich fĂŒr pathologische Probleme einer Reihe sehr unterschiedlicher Krankheiten und PhĂ€nomene. Er sammelte Material und betrieb Studien zu Wachstumsanomalien, Sterilisationsmethoden, Knochenmarktransplantationen, Fleckfieber- und Malariatherapien. Besondere Aufmerksamkeit widmete er dem „Wasserkrebs“ (Noma), einer seltenen bakteriellen Infektionskrankheit. Dabei entsteht zunĂ€chst eine Wasserschwellung an der Wange, die sich bei fortschreitender EntzĂŒndung zu MundfĂ€ule bis zur Verfaulung der Wange mit Löchern in der Gesichtshaut entwickelt und durch Blutvergiftung schließlich zum Tode fĂŒhrt. Voraussetzung dieses schwersten Krankheitsverlaufs ist eine erhebliche SchwĂ€chung der körpereigenen AbwehrkrĂ€fte.

Der „Wasserkrebs“ brach im Sommer 1943 im „Zigeunerlager“ aus. Vor allem Kinder und Jugendliche erkrankten. „Dabei fielen ganze FleischstĂŒcke ab, auch die Unterkiefer waren betroffen,“ berichtete der tschechische HĂ€ftlingsarzt Jan Cespiva. „Einen solchen Gesichtsbrand wie dort habe ich noch niemals gesehen.“[32] Mengele ließ eine eigene Baracke auf dem GelĂ€nde des Krankenbaus fĂŒr die Erkrankten einrichten und von dem jĂŒdischen HĂ€ftling und Kinderarzt Berthold Epstein beaufsichtigen, der aus Prag nach Auschwitz deportiert worden war. Mit Hilfe eines weiteren HĂ€ftlingsarztes, Rudolf Vitek (im Lager noch Rudolf Weißkopf), untersuchte Epstein in Mengeles Auftrag Verlauf, Ursachen und Heilmethoden der Krankheit und erstattete regelmĂ€ĂŸig Bericht.

Mengele fĂŒhrte genaue Untersuchungen der Erkrankten durch, fotografierte die jeweils befallenen Teile der Wange und beauftragte einen Kunstmaler unter den HĂ€ftlingen, die Gesichter zu zeichnen. Der Arzt Czeslaw Glowacki, Pfleger und LeichentrĂ€ger im „Zigeunerlager“, berichtete in einer Vernehmung am 13. April 1972 außerdem, dass Mengele bei kranken Kindern Absonderungen der Mundschleimhaut entnahm und gesunden Kindern einimpfte. Auch eine Versuchsgruppe Erwachsener habe es gegeben. Nach den Impfungen sei ein schneller Verfall der Geimpften zu beobachten gewesen. Seiner Berechnung nach starben 3.000 Menschen an diesen Impfungen, hauptsĂ€chlich Kinder.[33]

Berichtet wird auch, dass Mengele erkrankte Kinder umbringen ließ, um sie untersuchen zu lassen, und dass er Versuche ĂŒber die Wirkung unterschiedlicher Kost durchfĂŒhrte. Histopathologische Untersuchungen und andere Laboranalysen nahm das Labor des Hygiene-Instituts der Waffen-SS in Rajsko vor, wo HĂ€ftlinge wie VĂĄclav TomĂĄĆĄek oder Ludwik Fleck arbeiteten. PrĂ€parate einzelner Organe, nach Aussage Cespivas auch ganze Kinderköpfe, wurden fĂŒr die Medizinische Akademie der Waffen-SS in Graz erstellt. Von verschiedener Seite wird betont, dass sich Mengele bei den gesamten Untersuchungen, die bis zur Auflösung des Krankenhauses im „Zigeunerlager“ im Juni 1943 andauerten, weniger fĂŒr die Probleme der MangelernĂ€hrung interessierte, sondern vor allem nach der Rolle genetischer oder rassenbiologischer Faktoren fragte.[34]

Zwillingsforschung
Block 10 im Konzentrationslager Auschwitz

Ein weiteres Hauptinteressengebiet Mengeles war die Zwillingsforschung, zugleich das Spezialgebiet Verschuers. Die systematische Zwillingsforschung geht auf den Briten Francis Galton zurĂŒck, der zugleich als BegrĂŒnder der Eugenik gilt. Die Entwicklung eineiiger und zweieiiger Zwillingspaare wird dabei unter der Annahme verglichen, dass Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingen ausschließlich durch UmwelteinflĂŒsse bedingt wĂŒrden, weil diese Zwillingspaare im Unterschied zu zweieiigen Zwillingspaaren identisches Erbgut aufwiesen. Vor allem seit den 1920er Jahren war die Zwillingsforschung eine international anerkannte und verbreitete Untersuchungsmethode fĂŒr Probleme menschlicher Vererbung. In Deutschland wurden damit vor allem erbpathologische Fragen untersucht. Anfang der 1940er Jahre bestanden die Desiderate der Forschung vor allem darin, dass man wissen wollte, welche Rolle die Vererbung bei der Reaktion des Menschen auf Infektionen spielte. Methodisch bedurfte es dazu aber einer möglichst gleichzeitigen Untersuchung erkrankter Zwillinge. In der Praxis kamen solche FĂ€lle aber nur sehr selten vor. Noch seltener ergab sich die Möglichkeit, eine möglichst zeitnahe Sektion verstorbener Zwillingspaare vorzunehmen, um histologische oder anatomisch-pathologische Untersuchungen durchfĂŒhren zu können.[35]

Unter dieser Voraussetzung gilt es als sehr wahrscheinlich, dass Mengele im KZ Auschwitz eine Möglichkeit zur wissenschaftlichen Profilierung erblickte. Hans MĂŒnch berichtete, Mengele habe es als unverantwortlich angesehen, die Gelegenheiten, die sich der Zwillingsforschung in Auschwitz bieten wĂŒrden, vorbeigehen zu lassen „Wenn die sowieso ins Gas gehen,...“ habe Mengele gesagt. „Die gibt es nie wieder, diese Chance.“[36] Er beabsichtigte wohl, sich mit dem Material seiner Zwillingsforschung zu habilitieren.[37]

Mengele richtete auf dem GelĂ€nde des „Zigeunerlagers“ einen sogenannten „Kindergarten“ ein, in welchem alle Kinder im Alter bis zu sechs Jahren untergebracht und eigens betreut wurden. Die Baracken waren in besserem Zustand als die meisten ĂŒbrigen, ein regelrechter Kinderspielplatz mit Sandkasten, Schaukeln, Karussell und TurngerĂ€ten war eingerichtet, und die Kinder erhielten eine Zeit lang bessere Kost. Hier nahm Mengele aber auch die ersten Untersuchungen an Zwillingen vor und brachte weitere Zwillingspaare unter, die er vor allem aus den stĂ€ndig neu ankommenden Transporten holte. Zu diesem Zweck hielt sich Mengele auch außerhalb seines eigentlichen Dienstplans hĂ€ufig an der Rampe auf.[38]

Mengele konnte seine umfassenden Untersuchungen allerdings nicht ohne Hilfe durchfĂŒhren. Er machte Epstein zum Leiter seines Experimentallabors und versicherte sich der Mitarbeit der HĂ€ftlingsĂ€rzte und HĂ€ftlingspfleger, die er dabei streng beaufsichtigte und ĂŒber den Zweck seiner Forschungen im Unklaren ließ. Im Fall der polnischen Anthropologin Martina Puzyna, die an Typhus erkrankt war, als sie Mengele im MĂ€rz 1944 wĂ€hrend einer Selektion im Krankenbau traf, sorgte Mengele fĂŒr zusĂ€tzliche Verpflegung und bessere Unterbringung, um sie nach ihrer Genesung anthropologische Messungen an Zwillingen vornehmen zu lassen. Sie gab an, dass GerĂŒchte kursierten, es werde „eine Vermehrung der nordischen Rasse“ angestrebt und die ZĂŒchtung von Zwillingen erprobt. Über das weitere Schicksal der Zwillinge habe sie nichts erfahren.[39]

Viele HĂ€ftlingsĂ€rzte befolgten in Todesangst Mengeles Befehle. Einige wenige wĂ€hlten den Freitod. Nach einem Bericht des Leiters des HĂ€ftlings-Leichenkommandos in Birkenau, Joseph Neumann, sollten der Arzt Dr. Koblenz-Levi, der vor dem Zweiten Weltkrieg zur Meningitis geforscht hatte, auf Befehl Mengeles gemeinsam mit seinem Bruder, der ebenfalls Arzt war, seine Forschungen im Krankenbau von Auschwitz fortsetzen. Nach wenigen Tagen habe Koblenz-Levi ihm, Neumann, aber gesagt, „daß er so eine barbarische Forschung nicht machen kann. [Ein] paar Tage spĂ€ter hat Dr. Koblenz-Levi Selbstmord begangen wie auch sein Bruder. [
] Ich erinnere mich, wie Dr. Koblenz-Levi bei der Arbeit die ganze Zeit geweint hat wie ein kleines Kind."[40]

Das von Verschuer entwickelte und von Mengele angewandte Verfahren zur Unterscheidung ein- und zweieiiger Zwillinge basierte auf einer eingehenden Untersuchung verschiedener körperlicher Merkmale. Mengele verwendete in Auschwitz Fragebogen des KWI-A, an Hand derer fĂŒr jeden Zwilling eine 96 Punkte umfassende Personendatei mit Fotografien, Röntgenaufnahmen, regelmĂ€ĂŸigen Untersuchungen, Urin- und Bluttests erstellt wurde. DarĂŒber, welche speziellen Versuche und Untersuchungen Mengele an Zwillingen vornahm, sind bislang keine gesicherten Angaben möglich.

Eva Mozes Kor, eine der wenigen Überlebenden und GrĂŒnderin von CANDELS (Children of Auschwitz Nazi Deadly Lab Experiment Survivors), erinnert sich:

„Dreimal in der Woche gingen wir in das Hauptlager von Auschwitz zu Experimenten. Diese dauerten sechs bis acht Stunden. Wir mussten nackt in einem Raum sitzen. Jeder Teil unseres Körpers wurde vermessen, betastet, mit Tabellen verglichen und fotografiert. Auf jede Bewegung wurde geachtet. Ich fĂŒhlte mich wie ein Tier in einem KĂ€fig. Dreimal in der Woche gingen wir ins Blutlabor. Dort wurden uns Keime und Chemikalien injiziert, und sie nahmen uns viel Blut ab.“

– Eva Mozes Kor: Heilung von Auschwitz und Mengeles Experimenten[41]

Überlebende Kinder bei der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee, darunter die jĂŒdischen Zwillinge Miriam und Eva Mozes (mit StrickmĂŒtzen) – Standfoto aus Filmmaterial des sowjetischen Soldaten Alexander Voroncov

Bezeugt sind Experimente mit Bluttransfusionen, Injektion von Fremdstoffen und Krankheitserregern sowie chirurgische Eingriffe ohne Narkose. Zwar genossen die Zwillinge im Lager als Objekte von Mengeles Forschung eine Art Sonderrolle und Schutz. Gleichzeitig bestimmte Mengele ohne weiteres ĂŒber ihr Schicksal. Mehrfach wird von Tötungen berichtet, entweder im Auftrag Mengeles oder durch ihn persönlich vorgenommen, insbesondere von FĂ€llen, in denen ein Zwilling eines natĂŒrlichen Todes starb und der andere etwa durch eine Phenolinjektion bzw. Chloroforminjektion ins Herz getötet wurde, um auch obduziert werden zu können.[42] Der Pathologe und HĂ€ftlingsarzt MiklĂłs Nyiszli berichtete im Sommer 1945, wie Mengele persönlich vierzehn „Zigeunerzwillinge“ durch Injektion tötete, um sie anschließend sezieren zu lassen.[43] Die Opfer nahmen in der Regel nicht wahr, dass Mengele im Rahmen seiner Untersuchungen auch tötete oder töten ließ. Ihnen gegenĂŒber, von Mengele auch als „meine Meerschweinchen“ bezeichnet, verhielt er sich Ă€ußerlich korrekt und zugĂ€nglich.[44] Überlebende hatten deshalb nach dem Krieg Schwierigkeiten, sich die Unaufrichtigkeit von Mengeles Zuwendungen einzugestehen.[45]

Die jĂŒdischen Zwillinge waren seit Mai 1944 zum Teil auf dem GelĂ€nde des Krankenbaus (Abschnitt B Ia) in Baracke 22 des Frauenlagers untergebracht. Diese wurden im Juli 1944 in die Holzbaracke I verlegt. In der Baracke 22 verblieben MĂŒtter mit Zwillingen im Alter von bis zu zwei Jahren. Ältere Jungen und MĂ€nner befanden sich in Baracke 15 des MĂ€nnerkrankenbaulagers in Birkenau (B IIf).[46] Hier befand sich nach der Liquidierung des „Zigeunerlagers“ auch Mengeles Laboratorium mit Einrichtungen fĂŒr Radiologie, Stomatologie und Ophthalmologie.[47]

Mit der Auflösung des „Zigeunerlagers“ Anfang August 1944 wurden die letzten dort verbliebenen zwölf Zwillings-Paare getötet. Nach der Aussage von Snieszko und den Szymanskis erschoss Mengele die Kinder im Vorraum des Krematoriums in Birkenau und ordnete anschließend ihre Sezierung an. MiklĂłs Nyiszli, der das letzte dieser Paare sezierte, geht davon aus, dass die Kinder vergast wurden.[48]

Die genaue Zahl der von Mengele untersuchten Zwillinge ist unbekannt. Massin schĂ€tzt ihre Zahl insgesamt auf wenigstens 900. Eine HĂ€ftlingspflegerin gibt an, dass in der Holzbaracke I die höchste Anzahl der Zwillingspaare 350 betrug und sich im Januar 1945, kurz vor der Evakuierung noch 72 Zwillinge dort befanden. Überwiegend handelte es sich um Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren, seltener um Erwachsene. Nur sehr wenige ĂŒberlebten Auschwitz.[49]

Augen aus Auschwitz

Verfolgte Mengele mit seinen Zwillingsstudien in erster Linie eigene Forschungsinteressen, so werden einige seiner Experimente in direkten Zusammenhang mit den Projekten anderer Wissenschaftler gebracht, die am KWI-A forschten. So berichteten HĂ€ftlinge nach 1945 mehrfach, Mengele habe ihnen gegenĂŒber geĂ€ußert, er arbeite „an der Möglichkeit einer VerĂ€nderung der Irisfarbe“. Mengele wurde dabei beobachtet, wie er Kindern FlĂŒssigkeiten in die Augen trĂ€ufelte, welche die Augen schwellen, eitern und röten ließen und auch zur Erblindung oder zum Tode fĂŒhrten. Einige Zeugen berichten von einer Vielzahl prĂ€parierter Augen, die Mengele offenbar auch nach Berlin an das KWI-A zur weiteren Untersuchung schickte. Die Experimente fĂŒhrte Mengele sowohl an Sinti-Kindern wie auch an jĂŒdischen und nichtjĂŒdischen Kindern durch, darunter auch Neugeborenen.[50]

Zwischen Mengeles Versuchen und einem Forschungsprojekt der Biologin Karin Magnussen am KWI-A wird ein Zusammenhang gesehen. Magnussen arbeitete zur Frage, inwieweit die Augenfarbe erblich bedingt sei und als Grundlage fĂŒr Rassen- und Abstammungsuntersuchungen dienen könnte. Dabei erprobte sie zunĂ€chst in der von Hans Nachtsheim geleiteten Abteilung fĂŒr „Experimentelle Erbpathologie“ an Kaninchen die Wirkung von Hormonen und pharmakologischen Stoffen auf die Pigmentierung der Augen verschiedener „Rassen“. Ihre Versuche erinnern dabei an die von Mengele vorgenommenen EintrĂ€ufelungen. Da Mengele ĂŒber keinerlei augenĂ€rztliche Erfahrungen verfĂŒgte, hatte er seine Substanzen wahrscheinlich von Magnussen erhalten. In einem Aufsatz vom Sommer 1944 Über die Beziehungen zwischen Irisfarbe, histologischer Pigmentverteilung und Pigmentierung des Bulbus beim menschlichen Auge berichtete Magnussen außerdem ĂŒber die Untersuchung menschlicher Augenpaare. Bei 31 dieser Augenpaare gab sie keine Auskunft ĂŒber deren Herkunft, so dass es als wahrscheinlich gilt, dass diese Augen aus dem KZ Auschwitz stammten.[51]

Im Rahmen ihres Entnazifizierungsverfahrens 1949 machte Magnussen dazu keine nĂ€heren Angaben, schilderte aber, wie sie bereits 1938 auf eine „Zigeunersippe“ – die Familie Mechau – aufmerksam geworden sei, bei denen gehĂ€uft Heterochromie auftrat. Noch im FrĂŒhjahr 1943, kurz bevor die Familie als „Zigeuner“ nach Auschwitz deportiert wurde, fotografierte sie die Augen von Zwillingen dieser Familie. Durch Mengele habe sie die Möglichkeit erhalten, ihre Forschung fortzusetzen. Sie habe ihn gebeten, ihm nach dem Tod eines Angehörigen dieser Familie einen Sektionsbericht und das pathologische Augenmaterial zu schicken. In Auschwitz starben viele Mitglieder dieser Familie. Auch wenn sich die UmstĂ€nde ihres Todes bislang nicht restlos aufklĂ€ren lassen, wird es als gesichert angesehen, dass die Kinder der Familie Mechau Opfer von Mengeles Menschenversuchen wurden.[52] Der HĂ€ftlingsarzt Iancu Vexler etwa bezeugt, dass Mengele ihn beauftragte, Augen von Angehörigen einer Zigeunerfamilie, die heterochrome Augen hatten, nach deren Tod zu entnehmen, zu prĂ€parieren und nach Berlin zur Untersuchung zu schicken. Hier nahm Magnussens Vorgesetzter Nachtsheim die Kiste entgegen.

„Ich muss gestehen, daß es fĂŒr mich der grĂ¶ĂŸte Schock war, den ich in der ganzen Nazizeit erlebt habe, als Mengele eines Tages die Augen einer im Konzentrationslager Auschwitz untergebrachten Zigeunerfamilie sandte. Die Familie hatte Heterochromie der Iris, und eine Mitarbeiterin des Instituts, die ĂŒber Heterochromie arbeitete, hatte vorher Interesse an diesen Augen gezeigt. “

– Hans Nachtsheim: Brief von 1961[53]

MiklĂłs Nyiszli berichtet außerdem von vier Zwillingspaaren, die Mengele am 27. Juni 1944 durch Injektion von Chloroform oder Phenol tötete, und deren heterochrome Augen er prĂ€parieren ließ.[54] SS-OberscharfĂŒhrer Erich Mußfeldt, KommandofĂŒhrer des Sonderkommandos KZ Auschwitz-Birkenau, bestĂ€tigte dies bereits 1947.

„Als ich zum Dienst erschien, traf ich drei HĂ€ftlingsĂ€rzte beim Sezieren der Leichen dieser Kinder an. Ich fragte, was das fĂŒr Leichen waren. Die Ärzte antworteten darauf, daß die Kinder von Mengele mit einer Giftinjektion getötet worden seien, weil sie Merkmale hatten, die Mengele im Zusammenhang mit seinen Forschungen besonders interessierten. Es ging vor allem um die Augenfarbe. Er hatte nĂ€mlich festgestellt, daß von den Zwillingspaaren jeder Zwilling ein blaues und ein graues Auge hatte. Bei der Sektion wurden die AugĂ€pfel entfernt und als AusstellungsstĂŒcke nach Berlin geschickt. “

– Erich Mußfeldt: Aussage vom 19. August 1947.[55]

Bluttests

Bei einem weiteren Forschungsprojekt des KWI-A in Berlin arbeitete Mengele in seiner Funktion als Lagerarzt in Auschwitz offiziell mit. Der Biochemiker Emil Abderhalden hatte sich 1940 an Verschuer gewandt, weil er das Blut von Zwillingen zur ÜberprĂŒfung der nach ihm benannten „Abderhalden-Reaktion“ an eineiigen Zwillingen benötigte. Abderhalden stellte dabei die Behauptung auf, dass bestimmte Reaktionen des Abwehrsystems die Produktion jeweils spezifischer Proteasen anregten. Durch den Nachweis solcher Enzyme im Blut – Abderhalden nannte sie „Abwehrfermente“ – sollte der Nachweis von Krankheiten wie etwa Geisteskrankheiten oder Krebs durch Bluttests möglich werden. Abderhalden glaubte aber auch, dass in den Eiweißstoffen des Gewebes und Blutes Rassemerkmale enthalten seien.[56]

Diesen Gedanken griff Verschuer auf und entwickelte daraus ein Forschungsvorhaben zur Vererbung „spezifischer Eiweißkörper“, von dem er sich offensichtlich erhoffte, einen Bluttest zur Bestimmung menschlicher Rassezugehörigkeit entwickeln zu können. In einem Zwischenbericht des KWI-A an die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die das Projekt förderte, erlĂ€uterte Verschuer, dass sein als Lagerarzt im KZ Auschwitz eingesetzter Assistent Mengele als Mitarbeiter in diesen Forschungszweig eingetreten sei. „Mit Genehmigung des ReichsfĂŒhrers-SS werden anthropologische Untersuchungen an den verschiedensten Rassengruppen dieses Konzentrationslagers durchgefĂŒhrt und die Blutproben zur Bearbeitung an mein Laboratorium geschickt.“ In das Vorhaben wurde ferner der Biochemiker GĂŒnther Hillmann einbezogen, der als ausgewiesener Spezialist fĂŒr Eiweißforschung vom Kaiser-Wilhelm-Institut fĂŒr Biochemie unter Adolf Butenandt abgestellt worden war. Verschuer sprach in diesem Zusammenhang von bereits 200 untersuchten Blutproben von Angehörigen verschiedener „Rassen“, aus denen Substrate hergestellt worden seien.[57]

Der Molekularbiologe Benno MĂŒller-Hill hat diese Blutuntersuchungen in Verbindung mit einem anderen Forschungsprojekt am KWI-A gebracht, nĂ€mlich zur Rassenspezifik der Tuberkulose, bearbeitet von Karl Diehl. Demnach habe Mengele gezielt „Zigeuner“-Zwillinge und Juden mit Tuberkulose und Flecktyphus infiziert, um ihnen dann Blut fĂŒr Untersuchungen in Dahlem zu entnehmen. Dies sei Inhalt der Tests GĂŒnther Hillmanns gewesen, weil man gehofft habe, dabei eine Therapie auf molekularer Basis entwickeln zu können.[58] Seine These wird durch die Ă€ußeren UmstĂ€nde, Koinzidenzen zwischen den Forschungsvorhaben und durch das, was ohnehin ĂŒber Mengeles Experimente bekannt geworden ist, plausibilisiert.

Der Historiker Achim Trunk hat demgegenĂŒber allerdings eine andere Rekonstruktion geltend gemacht. Demnach waren das Tuberkulose-Forschungsvorhaben und das Eiweißkörpervorhaben in der Tat voneinander getrennt und nicht miteinander verknĂŒpft. Statt dessen sei es Verschuer vor allem um die „Feststellung der RassenspezifitĂ€t von Eiweißstoffen“ gegangen, also um einen serologischen Rassentest. Dazu wurden die Probanden in Auschwitz rassenanthropologisch untersucht und Blut entnommen. Aus den Blutproben wurde in Dahlem Plasma-Substrat hergestellt und Kaninchen injiziert, um die vermuteten „Abwehrfermente“ beobachten zu können.[59] Hans-Walter Schmuhl zitiert in diesem Zusammenhang einen Brief Verschuers an Diehl von 1944, durch den er Trunks Rekonstruktion klar bewiesen sieht. Es sei nicht darum gegangen, „Abwehrfermente“ gegen Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten in den von Mengele abgenommenen Blutproben nachzuweisen, sondern um die Verarbeitung der Proben zu Substraten, die durch bei Kaninchen gewonnene Abwehrfermente umgesetzt werden sollten.[60]

ZwergwĂŒchsige

Neben seinem Interesse fĂŒr Zwillinge wird auch von der besonderen Beachtung berichtet, die Mengele zwergwĂŒchsigen Menschen und solchen mit angeborenen Behinderungen schenkte. ErwĂ€hnt wird in diesem Zusammenhang etwa eine Gruppe zweiundzwanzig ungarischer KleinwĂŒchsiger, die im Rahmen der Deportation der ungarischen Juden am 19. Mai 1944 nach Auschwitz verbracht wurden. Von der Selektion zurĂŒckgestellt habe Mengele sie im Block 30 des Lagerabschnitts B II b untergebracht, spĂ€ter im Block 9 des Frauenlagers B I a und umfassende Untersuchungen durchgefĂŒhrt. Angehörige dieser Familie wurden von der Roten Armee befreit.[61] Gerade die zwergwĂŒchsigen Opfer gingen trotz ihrer Privilegien immer davon aus, dass sie Auschwitz nicht ĂŒberleben wĂŒrden.

„Uns wurden zahlreiche Spritzen in nahezu alle Organe gegeben, Medikamente verabreicht, und wir wurden zahllosen Blutentnahmen unterzogen. Fast jeden Tag wurde an uns experimentiert. [
] Mengele hat die Experimente persönlich ĂŒberwacht, und er war fast jeden Tag da und hat bezĂŒglich uns Weisungen an die HĂ€ftlingsĂ€rzte erteilt. 
 Auch wenn unsere Lebensbedingungen wesentlich besser waren“ [als die der ĂŒbrigen HĂ€ftlinge,] „erlebten wir große seelische Qualen, da wir davon wußten, daß wir frĂŒher oder spĂ€ter getötet werden und unsere Skelette in einem biologischen Museum aufgestellt werden.“

– L'udovít Feld: Aussage im Ermittlungsverfahren Mengele, 12. Juni 1967[62]

Die Tötungen Missgebildeter zu Forschungszwecken werden von verschiedener Seite bestĂ€tigt. Miklos Nyiszli berichtet, dass er die Menschen mit Missbildungen zunĂ€chst genau zu vermessen hatte. Anschließend wurden sie von OberscharfĂŒhrer Erich Mußfeldt mit einem Kleinkalibergewehr durch Genickschuss getötet. Nyiszli musste die Leichen dann sezieren und schließlich mit Chlorkalk Ă€tzen. Die sauberen Knochen verschickte er anschließend in Paketen an das KWI-A in Dahlem, wo eine „Erbbiologische Centralsammlung“ unterhalten wurde.[63] EmpfĂ€nger waren dort wahrscheinlich Hans Grebe und Wolfgang Abel, am KWI-A die Spezialisten auf diesen Gebieten. Die Zahl dieser Opfer ist nicht bekannt.[64]

Weitere Medizinverbrechen

Mengele fĂŒhrte Menschenversuche nicht nur im Rahmen seiner eigenen Forschungsinteressen durch, sondern orientierte sich auch an den Experimenten anderer KZ-Ärzte in Auschwitz. So experimentierten Carl Clauberg und Horst Schumann mit besonderer Förderung Heinrich Himmlers zur Sterilisation von Menschen. Auch Mengele erprobte diverse Operationstechniken zur Sterilisierung und Kastration von MĂ€nnern und Frauen, experimentierte mit der Injektion von SĂ€uren in den weiblichen Eileiter, mit Röntgenbestrahlung und Hormongaben. Diese und andere Operationen fĂŒhrte Mengele, der ĂŒber keine fachĂ€rztliche Ausbildung in Chirurgie verfĂŒgte, in der Regel ohne AnĂ€sthesie durch. Diejenigen, welche die Operationen ĂŒberlebten, wurden spĂ€ter vergast.[65]

An der Erprobung der neuen Medikamente gegen Fleckfieber und Malaria, welche die Behringwerke, Hoechst und die Bayer AG in großer Menge in die Konzentrationslager schickten, war Mengele allem Anschein nach nur am Rande beteiligt. StanisƂaw Czelny, ein polnischer Arzt, der HĂ€ftlingspfleger im „Zigeunerlager“ war, sagte im Ermittlungsverfahren 1972 aus, dass er im Juni 1943 von Mengele zunĂ€chst mit Fleckfieber infiziert und dann mit einem unbekanntem, offenbar unwirksamen Medikament behandelt wurde. Der frĂŒhere LeichentrĂ€ger im Krankenbau, Jakov Balabau, berichtete, dass Mengele einmal HĂ€ftlinge habe suchen lassen, die bereits wenigstens einmal an Malaria erkrankt waren. Insgesamt hĂ€tten sich 48 HĂ€ftlinge eingefunden, die einzeln in ein Zimmer gefĂŒhrt und durch Injektion getötet worden seien. Man habe den noch warmen Körpern das Blut entnommen, wohl in der Hoffnung, daraus einen Impfstoff herstellen zu können.[66]

Die Revierschreiberin Judith Guttmann, die ursprĂŒnglich als Zwilling Mengeles Aufmerksamkeit erregt hatte, sagte am 21. Januar 1972 aus, dass Mengele Experimente mit „Elektroschocks“ durchfĂŒhrte. Dabei wurden ca. 70 bis 80 HĂ€ftlingen, ĂŒberwiegend Frauen in Auschwitz-Monowitz, StromstĂ¶ĂŸe unterschiedlicher StĂ€rke verabreicht, um herauszufinden, bei welcher StĂ€rke sie starben. Auch die Überlebenden dieser Versuchsreihe wurden anschließend vergast.[67]

Zwischenbilanz: Mengele – Direktor einer Außenstelle des KWI-A in Auschwitz?

Die Frage, inwieweit Mengele in Auschwitz trotz aller Unmenschlichkeit seriöse wissenschaftliche Forschung betrieb, ist zuletzt neu beantwortet worden. Die Meinungen ĂŒber seine QualitĂ€ten als Wissenschaftler gingen bereits unter denjenigen, die ihn in Auschwitz erlebt hatten, weit auseinander. FĂŒr Hans MĂŒnch war er ein begabter, beinahe prophetischer Wissenschaftler. Ehemalige HĂ€ftlingsĂ€rzte stellten die Wissenschaftlichkeit seiner Arbeit in Frage, weil er nur katalogisiert und gesammelt habe, ohne in der Lage gewesen zu sein, seine so gewonnenen Daten unvoreingenommen auszuwerten. Andere HĂ€ftlinge hielten ihn fĂŒr einen besessenen Megalomanen.[68]

Benno MĂŒller-Hill hat in einer wirkmĂ€chtigen Interpretation der Zusammenarbeit zwischen Mengele und Verschuer „Massenmord und Wahrheit“ als grundsĂ€tzlich unvereinbar angesehen und von „Pseudowissenschaft“ gesprochen.[69] Dagegen wurde eingewandt, dass diese Interpretation die Wissenschaft als solche entlaste. So hat die Historikerin Stefanie M. Baumann die Bezeichnung der Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern als „pseudowissenschaftlich" scharf kritisiert. Denn „die Bezeichnungen ‚pseudomedizinische‘ Versuche oder ‚Pseudowissenschaft‘, die bis heute in der Wiedergutmachungsterminologie verwendet werden, [tragen] zur Verharmlosung der TatbestĂ€nde bei, und gerade die deutsche Ärzteschaft beharrte nach 1945 auf diesen Begriffen. Die Unterscheidung zwischen seriöser und unseriöser Forschung sollte zur Entschuldigung der ‚wahren‘ Wissenschaftler beitragen, [
]. So ist die Bezeichnung ‚Pseudowissenschaft‘ schon allein aus dem Grund unzutreffend, da die Experimente nicht per se unwissenschaftlich waren." Bei der Diskussion ĂŒber die QualitĂ€t nationalsozialistischer Wissenschaft werde vernachlĂ€ssigt, dass die Versuche vor allem deshalb abzulehnen seien, weil sie an entrechteten und wehrlosen Menschen durchgefĂŒhrt wurden.[70]

Ernst Klee hat dagegen Mengeles Experimente und Tötungen als „Orgie verbrauchender Forschung“ mit der Wissenschaft schlechthin identifiziert.[71] Ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft deckte auf, dass die Verbindungen zwischen den deutschen Eliteforschungsinstitutionen und den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen jedoch weiter reichten und komplexer waren als diese Charakterisierungen andeuten. Mengele war in der Wissenschaft gut vernetzt und erhielt vor dem Krieg Einladungen zu internationalen Kongressen.[72] Der Fall Mengele zeige, so die Historikerin Carola Sachse, „daß es in dieser Eliteorganisation tatsĂ€chlich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gab, die von den medizinischen Verbrechen in Auschwitz profitieren konnten, indem sie von dort menschliche PrĂ€parate auf Bestellung bezogen. Sie nutzten diese Chance fĂŒr ihre Forschung, entsprechend einer in der Experimentalmedizin weit zurĂŒck reichenden und auch heute keineswegs ĂŒberwundenen Denkweise, die sich um des naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt willen möglichst wenig um die Herkunft ihrer PrĂ€parate sorgt.“[73]

Zumal verschiedene Besuche Mengeles bei Verschuer in Dahlem belegt sind,[74] bezeichnete Benoit Massin Mengele als „‚Institutsdirektor‘ der ‚Außenstelle Auschwitz‘“ des KWI-A Dahlem.[75] Hans-Walter Schmuhl findet diese weitgehende Interpretation problematisch, weil dadurch eine institutionelle Verbindung unterstellt werde, die tatsĂ€chlich nicht bestand, und auch eine zu große AbhĂ€ngigkeit Mengeles von Verschuer angenommen werde. Schmuhl verweist darauf, dass Mengele versuchte, sich auch in die Wissenschaft zu integrieren, etwa indem er pharmazeutische Studien fĂŒr die IG Farben durchfĂŒhrte. Mengeles Zusammenarbeit mit verschiedenen Forschern wie Grebe, Abel und Liebau, aber auch mit dem SS-Arzt Erwin von Helmersen, der ein SchĂŒler des Rassenhygienikers Fritz Lenz und als Lagerarzt im „Zigeunerlager“ sowie im Gefangenenhospital B II f Untergebener Mengeles war, lassen ein ganzes Netzwerk von Verbindungen mit möglichen andere Auftraggebern aus Wissenschaft, Industrie und SS aufscheinen.[76]

In verkĂŒrzter Form wurden diese historischen Forschungsergebnisse so wahrgenommen, als ob Mengele zwar unmenschliche, aber doch seriöse genetische Spitzenforschung betrieben hĂ€tte.[77] Dabei darf jedoch nicht ĂŒbersehen werden, dass sich die Forschungsfragen vielleicht auf der Höhe der Zeit bewegten, dass sie vor allem aber von einem unhinterfragten Rassismus bestimmt wurden, der sich auf organizistisches Weltbild grĂŒndete und einen Praxisbezug zur NS-Rassenpolitik hatte.[78] Die amerikanische Historikerin Sheila Weiss hat außerdem die Frage aufgeworfen, ob Verschuer bzw. Mengele auch bereit gewesen wĂ€ren, zum Wohle der Wissenschaft Versuche an Menschen durchzufĂŒhren, die sie nicht als minderwertig ansahen.[79]

Verschuer zumindest verlor seine Stellung am KWI-A, weil Robert Havemann, der Anfang 1946 die Leitung der KWI-Institute in Berlin ĂŒbernommen hatte, die Kontakte zwischen Mengele und Verschuer öffentlich machte und eine Untersuchungskommission eingesetzt wurde.[80] Verschuer selbst stritt in Vernehmungen durch MilitĂ€rbehörden 1947 ab, das Ausmaß der Verbrechen in Auschwitz gekannt zu haben; Mengele habe ihm lediglich von Fabriken erzĂ€hlt, und davon, wie gut er sich mit seinen Patienten verstanden habe.[81]

Lagerarzt im KZ Groß-Rosen

Am 17. Januar 1945 rĂŒckte die Rote Armee auf das nur fĂŒnfzig Kilometer östlich von Auschwitz gelegene Krakau vor. WĂ€hrend Lagerkommandant Richard Baer die RĂ€umung des Lagers anordnete, verließ Mengele das Lager mit einem PKW in Richtung des KZ Groß-Rosen, seine eilig eingepackten medizinischen Unterlagen im GepĂ€ck. Seit dem 18. Januar wurde er in Groß-Rosen als Lagerarzt gefĂŒhrt. Er war offenbar zum Nachfolger des ab dem 6. Februar 1945 versetzten Friedrich Entreß als neuer SS-Standortarzt designiert. Bereits am 8. oder 9. Februar 1945 wurde Groß-Rosen jedoch „evakuiert“ und am 13. Februar befreit. Vermutlich Anfang Februar 1945 traf Mengele in Nordböhmen auf das Kriegslazarett 2/591 der 17. Armee. Hier arbeitete der Internist Otto-Hans Kahler als MilitĂ€rarzt, den Mengele als Kollegen am Frankfurter Institut unter Verschuer kannte. Durch Kahlers FĂŒrsprache erhielt Mengele am 2. Mai 1945 die Erlaubnis, sich in Wehrmachtsuniform dem Lazarett anzuschließen.

Nach Kriegsende

Internierung durch die Amerikaner

Die Einheit hielt sich auf ihrem weiteren RĂŒckzug zunĂ€chst im Erzgebirge auf und gelangte schließlich im Juni 1945 nach Bayern, wo sie durch Angehörige der US-Armee interniert wurde, zunĂ€chst in einem Kriegsgefangenenlager bei Schauenstein. Nach sechs Wochen wurde Mengele in ein anderes Lager bei Helmbrechts verlegt und nach zwei weiteren Wochen entlassen, obwohl er bereits seit Mai 1945 auf den Kriegsverbrecherlisten gefĂŒhrt wurde. Er wurde nicht als SS-Angehöriger, geschweige denn KZ-Arzt identifiziert, weil er keine Papiere mit sich fĂŒhrte, falsche Namen benutzte, Kameraden fĂŒr ihn bĂŒrgten, und er auch nicht die typische BlutgruppentĂ€towierung der SS aufwies - angeblich hatte er sich aus Eitelkeit nicht tĂ€towieren lassen. Mit gefĂ€lschten Papieren auf den Namen „Fritz Hollmann“ machte er sich ĂŒber Donauwörth auf den Heimweg nach GĂŒnzburg, wo er Kontakt mit seiner Familie aufnahm und sich zunĂ€chst einige Wochen lang im Wald versteckte.[82]

Auf der Flucht

Knecht in Oberbayern

Anfang Oktober 1945 gelangte Mengele ĂŒber MĂŒnchen auf ein einsam gelegenes Gehöft in Oberbayern, dem Lechnerhof in Mangolding. Hier arbeitete er zurĂŒckgezogen als Knecht. Die Familie Mengele vermied aus SicherheitsgrĂŒnden jeden Kontakt. Erst im Herbst 1946 besuchte ihn seine Frau Irene, die ihn um die Scheidung bat.[82] Zwar war der Name Josef Mengeles bereits in mehreren Prozessen gefallen, aber die Amerikaner hielten ihn fĂŒr tot, zumal die Familie Mengele in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt hatte, als ob er im Osten vermisst sei.[83]

Über die „Rattenlinie“ nach Argentinien
Josef Mengele (1956)

Im Sommer 1948 war Mengele zu dem Entschluss gekommen, in das perĂłnistische Argentinien zu fliehen. Er verließ am 1. August 1948 den Lechnerhof, trat notariell seinen Erbteil ab und ĂŒberquerte am 15. April 1949 die „grĂŒne Grenze“ nach Italien.[84] Im sĂŒdtirolerischen Sterzing erhielt er gefĂ€lschte Ausweispapiere auf den Namen „Helmut Gregor“ und wandte sich in Genua an das Schweizer Konsulat, das ihm einen Pass des Roten Kreuzes ausstellte. Durch Bestechung verschaffte er sich ein italienisches Ausreisevisum und verließ am 25. Mai 1949 auf dem Schiff North King Europa mit dem Ziel Buenos Aires. Er folgte damit einer der sogenannten „Rattenlinien“, die von Fluchtorganisationen wie dem „Kameradenwerk“ des Hans Ulrich Rudel organisiert wurden.[85]

Am 20. Juni 1949 traf Mengele in Buenos Aires ein. Er fand Unterschlupf bei Gerald Malbranc, erhielt am 17. September einen Fremdenausweis auf seine falsche IdentitĂ€t und lernte in der deutschen Kolonie andere Emigranten wie Rudel, Willem Sassen und Adolf Eichmann kennen. Durch die UnterstĂŒtzung seiner Familie war Mengele wirtschaftlich unabhĂ€ngig. Nachdem 1954 seine Scheidung ausgesprochen wurde, kam es zu einem engeren Kontakt mit seiner verwitweten SchwĂ€gerin Martha. 1956 wurde ein Treffen der beiden zum Skiurlaub im schweizerischen Wintersportort Engelberg organisiert. Mengele flog ĂŒber New York City nach Genf ein und traf in Engelberg auch seinen Sohn Rolf, dem er als „Onkel Fritz“ vorgestellt wurde. Anschließend besuchte Mengele kurz GĂŒnzburg, bevor er wieder nach Argentinien zurĂŒckkehrte.[86]

Um seine Hochzeit mit Martha zu ermöglichen, benötigte Mengele eine Geburtsurkunde. Im Sommer 1956 beantragte Mengele deshalb bei der deutschen Botschaft in Buenos Aires Ausweispapiere auf seinen richtigen Namen und erhielt am 11. September 1956 umstandslos seinen neuen deutschen Reisepass, denn ein deutscher Haftbefehl gegen ihn lag nicht vor. Die Behörden hatten sich nicht die MĂŒhe gemacht, Mengeles Namen mit der Liste der international gesuchten Kriegsverbrecher abzugleichen.

Im Oktober 1956 reiste Martha Mengele mit ihrem Sohn Karl-Heinz in Argentinien ein. Mengele hatte sich als Mitgesellschafter einer Pharmafirma eingekauft und heiratete Martha am 28. Juli 1958 in Nueva Helvecia (Uruguay).[87]

Deutscher Haftbefehl und Untertauchen in Paraguay
Vermutlich Josef Mengeles Haus in Hohenau, ItapĂșa, Paraguay

Der Schriftsteller Ernst Schnabel hatte im FrĂŒhjahr 1958 sein Buch Anne Frank – Spur eines Kindes herausgebracht, in welchem Josef Mengele erwĂ€hnt wurde. AuszĂŒge erschienen als Fortsetzung auch in den Ulmer Nachrichten. Keiner wisse, hieß es dabei an einer Stelle, wo Dr. Mengele sei. Bald darauf ging bei der Redaktion ein anonymer Brief ein. Die Schreiberin gab an, einige Leute in GĂŒnzburg wĂŒssten sehr wohl, wo sich Mengele aufhielte. Die Redaktion gab diesen Brief an Schnabel weiter, der ihn am 3. August 1958 der Ulmer Staatsanwaltschaft ĂŒbergab. Die Memminger Staatsanwaltschaft stellte daraufhin Ermittlungen an, die der Familie Mengele zugetragen wurden. Am 25. Februar 1959 erließ die Staatsanwaltschaft Freiburg im Breisgau, welche die Ermittlungen ĂŒbernommen hatte, Haftbefehl, und wenige Tage spĂ€ter tauchte Mengele in Paraguay unter.[88]

UnabhĂ€ngig von Schnabel hatte außerdem Hermann Langbein Mengeles Spur aufgenommen. Er hatte Mengeles Scheidungsanwalt ermittelt und ein Dossier ĂŒber Mengele zusammengestellt, das er dem Bundesministerium der Justiz ĂŒbermittelte. Ihm gelang es sogar, Mengeles Adresse zu ermitteln, die er dann der Freiburger Staatsanwaltschaft mitteilte.[89] Langbein war es dann auch, der mit einer Eingabe 1960 zunĂ€chst die UniversitĂ€t MĂŒnchen aufforderte, zur DoktorwĂŒrdigkeit Josef Mengeles Stellung zu nehmen.[90]

WĂ€hrend Martha Mengele 1961 nach Europa zurĂŒckkehrte, versteckte sich Josef Mengele zunĂ€chst im SĂŒden Paraguays auf der Farm eines Freundes Rudels in der NĂ€he von Hohenau bei EncarnaciĂłn. Mit Hilfe einflussreicher Freunde beschaffte er sich im November 1959 die paraguayanische StaatsbĂŒrgerschaft auf den Namen „JosĂ© Mengele“. Nicht nur herrschte in Paraguay zu diesem Zeitpunkt der deutschstĂ€mmige Diktator Alfredo Stroessner, zu dem Rudel enge Kontakte unterhielt, sondern die paraguayanische Verfassung verbot auch die Auslieferung eigener StaatsbĂŒrger. Sorge bereiteten Mengele aber weniger die AuslieferungsantrĂ€ge, welche die Bundesrepublik Deutschland mittlerweile an Argentinien gerichtet hatte. Am 11. Mai 1960 hatte der Mossad Adolf Eichmann nach Jerusalem entfĂŒhrt. Da seine Papiere auf seinen richtigen Namen lauteten, musste auch Mengele befĂŒrchten, bald aufgespĂŒrt zu werden. Mit einem brasilianischen Pass, ausgestellt auf den Namen „Peter Hochbichler“, flĂŒchtete er deshalb Mitte Oktober 1960 nach Brasilien.[91]

Es gibt unterschiedliche Angaben, wie nah der Mossad Mengele auf den Fersen war, und warum die Suche schließlich eingestellt wurde. Man hatte Mengeles Spur bis nach Brasilien verfolgt und auch seinen Fluchthelfer identifiziert. Der Agent Zvi Aharoni war sich sicher, Mengele entdeckt zu haben. Aber Ende November 1962 schloss Isser Harel im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung des Mossads Kommandounternehmen wie das im Fall Eichmann bis auf weiteres aus.[92]

Versteckt in Brasilien und Tod

In SĂŁo Paulo nahm Wolfgang Gerhard vom „Kameradenwerk“ Mengele auf und beschĂ€ftigte ihn in seiner Druckerei. Unzufrieden mit der eintönigen Arbeit ĂŒbernahm Mengele 1961 eine Stelle als Verwalter auf der Fazenda des ungarischen Ehepaares Stammer bei Araraquara. Als die Stammers gewahr wurden, wer ihr neuer Verwalter in Wirklichkeit war, nötigten sie Mengele zur Beteiligung am Kauf einer neuen Farm, der Kaffeeplantage Santa Luzia bei LindĂłia. 1967/68 zogen Mengele und die Stammers nach Jardin Luciana bei Caieiras. Hier befreundete er sich mit Wolfram Bossert, der 1971 die notwendigen Botendienste ĂŒbernahm, als Wolfgang Gerhard nach Österreich zurĂŒckkehrte. Gerhard ĂŒberließ dabei Mengele seine Papiere. Der Kontakt zur Familie Mengele lief vor allem ĂŒber Hans Sedlmeier, einen Prokuristen der Firma Mengele. 1975 ließen sich schon lange bestehende Spannungen zwischen Mengele und den Stammers nicht mehr ĂŒberbrĂŒcken, und Mengele bezog ein kleines Haus in SĂŁo Paulo. Im Oktober 1977 besuchte ihn dort sein Sohn Rolf. Am 7. Februar 1979, wĂ€hrend eines Badeurlaubs mit den Bosserts in Bertioga, erlitt Mengele beim Schwimmen einen Schlaganfall und ertrank. Er wurde am 8. Februar 1979 als „Wolfgang Gerhard“ beerdigt.

Die Familie wurde informiert, beschloss aber, Stillschweigen zu bewahren.[93] Zwar drohten der Familie Mengele als Angehörigen keine juristischen Konsequenzen, aber der loyale Kontaktmann Sedlmeier hĂ€tte wegen Strafvereitelung zur Rechenschaft gezogen werden können. Dieses Delikt verjĂ€hrte fĂŒnf Jahre nach Josef Mengeles Tod, mithin im Februar 1984.[94]

Legendenbildung

Obwohl Mengele bereits 1945 zu den weltweit gesuchten Kriegsverbrechern gehörte, rĂŒckte er erst Anfang der 1960er Jahre in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Dies hatte mit dem 1959 begonnenen Ermittlungsverfahren der deutschen Justiz zu tun, mit den verschĂ€rften BemĂŒhungen, Mengeles in SĂŒdamerika habhaft zu werden und mit dem Eichmann-Prozess und den Auschwitzprozessen, durch die Mengeles Verbrechen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden.[95] Seine Apostrophierung als „Todesengel“ geht wohl auf Zeugenaussagen in den Prozessen zurĂŒck.[96] In dem ĂŒberarbeiteten deutschen Haftbefehl von 1981 werden eine Reihe weiterer Verbrechen angefĂŒhrt, die als „Exzeßtaten“ bezeichnet werden können.[97]

Am 7. Juli 1964 veröffentlichte die Bild-Zeitung den Artikel „Blieb in GĂŒnzburg die Zeit stehen?“. Der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte dem Reporter Willy Schwandes gegenĂŒber geĂ€ußert, Mengele verfĂŒge ĂŒber Millionen, die von seinem Bruder Alois aus GĂŒnzburg stammen mĂŒssten. Mengele werde in seiner Heimatstadt gedeckt, lebe doch der ganze Ort von der Maschinenfabrik Mengele. Daraufhin griffen auch andere Medien die Angelegenheit und etwa das GerĂŒcht auf, Mengele habe der Beerdigung seines Vaters im November 1959 beigewohnt. Der Historiker Sven Keller spricht in diesem Zusammenhang von einem „GĂŒnzburg-Mythos“. Um den wahren Kern, dass die Familie Mengele Josef deckte, habe sich „ein dichtes Gewirr von Legenden von Nazismus, Konspiration und Antisemitismus“ entwickelt.[98]

Auch Simon Wiesenthal griff diesen „Mythos“ auf. In seinem 1967 veröffentlichtem Buch Doch die Mörder leben widmete er Mengele das Kapitel „Der Mann, der blaue Augen sammelte“. Darin finden sich eine Reihe aufsehenerregender Geschichten, von denen aber nur die wenigsten zutrafen. So berichtet Wiesenthal davon, Mengele besuche regelmĂ€ĂŸig die besten Restaurants von AsunciĂłn; er fahre in einem schwarzen Mercedes-Benz 280 SL, umgeben von bewaffneten LeibwĂ€chtern; er habe im Sommer 1960 mit einer gecharterten Yacht von der griechischen Insel Kythnos nach Ägypten einreisen wollen; er habe eine AuschwitzĂŒberlebende, die ihn im Auftrag des Mossad gesucht habe, umgebracht. Weitere Geschichten, die etwa auch Michael Bar-Zohar verbreitete, besagten, Mengele sei 1964 einem EntfĂŒhrungskommando jĂŒdischer Holocaust-Überlebender in Paraguay knapp entkommen, oder er halte sich mit Martin Bormann im brasilianischen Dschungel versteckt. UnzĂ€hlige Personen wollten Mengele gesehen haben. Der Fernsehreporter Adolfo Cicero verkaufte eine angebliche Filmaufnahme von 1966, die sogar auf Steckbriefen Verwendung fand. Der brasilianische Polizist Erich Erdstein behauptete, Mengele 1968 gestellt und erschossen zu haben.[99] Beate Klarsfeld vermutete 1971 Mengele mit Bormann im Dschungel von Peru.[100] Mengele wurde, so das Nachrichtenmagazin Der Spiegel 1985, „eine Art Fliegender HollĂ€nder des tausendjĂ€hrigen Reiches.“[101]

Der Mengele-Mythos produziert aber auch noch neue Schlagzeilen. Zuletzt erregte der argentinische Autor Jorge Camarasa Aufsehen mit seiner Vermutung, Mengele habe wĂ€hrend seines Aufenthaltes in Paraguay verschiedene Kurzbesuche nach CĂąndido GodĂłi in Brasilien unternommen, auch bekannt als „Stadt der Zwillinge“, wo eine ĂŒberdurchschnittlich hohe Zahl an Zwillingsgeburten verzeichnet werde. Camarasa spekuliert, Mengele habe hier Experimente angestellt.[102] Eine Untersuchung brasilianischer Genetiker fand jedoch keine Hinweise auf einen solchen Zusammenhang und fĂŒhrt die ĂŒberdurchschnittlich vielen Zwillingsgeburten darauf zurĂŒck, dass die Stadt von nur sehr wenigen Familien gegrĂŒndet worden sei, so dass eine genetische Besonderheit zur Geltung kommen konnte.[103]

Literatur, Film und Kunst

Mengele diente auch Literatur und Film als Vorlage. Die Figur des „Doktors“ in Rolf Hochhuths TheaterstĂŒck Der Stellvertreter erscheint von ihm inspiriert, wie auch die Figur des Zahnarztes Dr. Christian Szell, Beiname „Der weiße Engel“, in dem Roman Marathon Man (1974) von William Goldman. Bei Hochhuth erscheint der „Doktor“ als die Verkörperung des absolut Bösen, der sich von seinen SS-Kameraden wie von der Menschheit insgesamt unterscheide. Er spiele, so Hochhuth, nur die Rolle eines Menschen. In der Verfilmung von Goldmans Roman durch John Schlesinger (1976) hinterließ vor allem eine Szene Eindruck, in welcher Szell (Laurence Olivier) den von Dustin Hoffman gespielten Antagonisten „Thomas Levy“ foltert. Benno Weise Varon, ehemals Botschafter Israels in Paraguay meinte, dass es mehr als alles andere die Vorstellung gewesen sei, Mengele könne Dustin Hoffman foltern und töten wollen, die in der amerikanischen Öffentlichkeit den Wunsch geweckt habe, Mengele zu fassen.[104]

In dem Roman The Boys from Brazil (1976) von Ira Levin steht Mengele dann selbst im Zentrum einer Verschwörung und hat im sĂŒdamerikanischen Dschungel 94 Klone Adolf Hitlers hergestellt. Die Verfilmung von Franklin J. Schaffner war einer der ersten Thriller zum Thema Klonen. Gregory Peck spielte Mengele und Laurence Olivier diesmal seinen Gegenspieler „Ezra Lieberman“, der unzweideutig Simon Wiesenthal nachempfunden war. Obwohl Film und Roman einige wichtige Fragen aufwarfen, etwa zum Untertauchen von NS-Kriegsverbrechern in sĂŒdamerikanischen, autoritĂ€r regierten Staaten, bedienten sie zugleich gĂ€ngige Hollywood-Klischees.[105]

Mengeles letzte persönliche Begegnung mit seinem Sohn Rolf in Brasilien 1977 wurde von dem Schriftsteller Peter Schneider zum Gegenstand seiner ErzĂ€hlung Vati (1987) gemacht. Die Kritik warf Schneider dabei vor, sein Buch sei „anbiederisch“, „obszön und Ă€rgerlich“. Er habe im Grunde die fĂŒnfteilige Exclusiv-Serie, welche die Illustrierte Bunte 1985 mit Rolf Mengele publizierte, plagiiert.[106]

In dem deutschen Spielfilm Nichts als die Wahrheit (1999) hat Mengele (Götz George) seinen Tod 1979 nur fingiert und stellt sich zwanzig Jahre spĂ€ter einem Prozess in Deutschland. Dieser kontrovers diskutierte Film spielte in seiner Dramaturgie als Gerichtsdrama auf den Film Das Urteil von NĂŒrnberg (1961) an. In der Form eines Generationendramas diskutierte Regisseur Roland Suso Richter die Fragen medizinischer Ethik und politischer VerfĂŒhrbarkeit.[107]

FĂŒr die Stadt Basel schuf der KĂŒnstler Jean Tinguely einen Mengele-Totentanz-Altar. 2005 wurde in der Geburtsstadt GĂŒnzburg eine Gedenktafel fĂŒr die Opfer Josef Mengeles aufgestellt.[108]

Die Figur Dr. Josef Heiter im Horrorfilm The Human Centipede (First Sequence), welcher aus Menschen einen menschlichen HundertfĂŒĂŸer machen will, ist an Mengele angelehnt.

Entdeckung

Mit der Identifizierung der Gebeine Martin Bormanns 1973 wurde Mengele zum weltweit wohl meistgesuchten NS-Verbrecher. Im August 1979 hob Paraguay nach einer Intervention der deutschen Bundesregierung unter Helmut Schmidt Mengeles StaatsbĂŒrgerschaft auf.[109] Aber erst 1985 kam Bewegung in die Ermittlungen. Fast einhundert ĂŒberlebende Opfer Mengeles, die sich 1984 in der Organisation CANDLES zusammengeschlossen hatten, besuchten 1985 am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, dem 27. Januar, die GedenkstĂ€tte. Vom 4. bis 6. Februar fand in Yad Vashem das sogenannte „Mengele-Tribunal“ statt, bei dem Mengele in Abwesenheit angeklagt wurde und dreißig Überlebende ihr Schicksal schilderten. Beide Ereignisse erregten große Aufmerksamkeit in aller Welt. Die USA begannen, ihre Verwicklung in den Fall Mengele zu untersuchen und starteten eine konzertierte internationale Suchaktion, um Mengeles habhaft zu werden. Richard Breitman erklĂ€rt das amerikanische Engagement damit, dass die Lehren der NĂŒrnberger Prozesse in den amerikanischen Sicherheitsbehörden verinnerlicht worden seien. Die USA seien bereit gewesen, erhebliche Risiken zur Ergreifung Mengeles in Kauf zu nehmen, um Paraguay unter Druck zu setzen.[110]

Die auf seine Ergreifung ausgesetzten Belohnungen summierten sich auf umgerechnet zehn Millionen DM. Petra Kelly richtete am 14. MĂ€rz in Zusammenhang mit dem geplanten Deutschlandbesuch Alfredo Stroessners, von dem es immer noch hieß, er verstecke Mengele, eine öffentlich breite Beachtung findende parlamentarische Anfrage an die Bundesregierung.[111]

Am 6. Juni 1985 wurde dann die Entdeckung von Mengeles Leichnam auf dem Friedhof von EmbĂș gemeldet. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hatte am 31. Mai 1985 das Wohnhaus Hans Sedlmaiers durchsuchen lassen und dabei den umfangreichen Briefwechsel Mengeles und ein Adressbuch entdeckt. Am 5. Juni wurde die Wohnung der Bosserts in SĂŁo Paulo durchsucht, die vom Tod Mengeles berichteten. Brasilianische, deutsche, amerikanische und israelische Experten untersuchten die exhumierten Überreste und kamen am 21. Juni zu dem eindeutigen Schluss, dass es sich tatsĂ€chlich um den Gesuchten handelte. Eine DNA-Analyse rĂ€umte 1992 letzte Zweifel aus.[112]

Erst mit dem Auffinden seiner Leiche wurde es möglich, die Etappen von Mengeles Flucht nachzuvollziehen. Eine wesentliche Quelle stellte Mengeles handschriftlicher Nachlass dar, den Sohn Rolf 1979 aus Brasilien geholt hatte und im Juni 1985 zusammen mit unzĂ€hligen Briefen Mengeles der Illustrierten Bunte kostenlos zur VerfĂŒgung stellte. Einen anderen Teil des Nachlasses stellte Wolfram Bossert dem Stern zur VerfĂŒgung.[113] Insgesamt 3500 Seiten umfassende Aufzeichnungen Mengeles, die 1985 von der brasilianischen Polizei sichergestellt worden waren, wurden am 21. Juli 2011 fĂŒr 245.000 Dollar (ca. 170.000 Euro) versteigert. Die IdentitĂ€t des EigentĂŒmers der Hefte wurde nicht bekanntgegeben.[114][115] Aufzeichnungen Mengeles aus oder ĂŒber seine Zeit in Auschwitz existieren nicht. Briefe vor 1973 wurden von der Familie vernichtet.[113]

Josef Mengeles Selbstzeugnisse zeigen einen von schwankenden Stimmungen geplagten, selbstmitleidigen und isolierten Menschen. Er rechtfertigte sich auch noch lange nach Kriegsende in seinen Aufzeichnungen mit Topoi der NS-Propaganda, etwa damit, dass das Judentum Deutschland den Krieg aufgezwungen habe, und dass es sich um einen Rassenkampf im sozialdarwinistischen Sinne gehandelt habe. Seinem Sohn gegenĂŒber behauptete er, er habe nie jemanden getötet.[116] Rolf Mengele berichtete außerdem, sein Vater habe sich darauf berufen, in Auschwitz nur seine Pflicht getan und Befehle ausgefĂŒhrt zu haben. Er, Josef Mengele, sei nicht persönlich fĂŒr die Geschehnisse im Lager verantwortlich. Er habe Auschwitz nicht erfunden.[117]

Historische Forschung

Mengele war zunĂ€chst weder in der öffentlichen Wahrnehmung noch in der historischen Forschung der bekannteste oder berĂŒchtigtste KZ-Arzt. Zwar hatte MiklĂłs Nyiszli 1946 einen der frĂŒhesten Augenzeugenberichte ĂŒber Auschwitz ĂŒberhaupt unter dem Titel „Ich war der Pathologe von Dr. Mengele im Auschwitzer Krematorium“ verfasst, allerdings zunĂ€chst nur in ungarischer Sprache.[118] Da es Mengele zudem gelungen war, sich der Strafverfolgung zu entziehen, standen jedoch zunĂ€chst andere NS-Medizinverbrechen im Vordergrund. Im NĂŒrnberger Ärzteprozess 1946/47, in welchem 20 KZ-Ärzte wegen Menschenversuchen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern angeklagt wurden, wurden etwa die Unterdruckversuche Sigmund Raschers im KZ Dachau oder die Sulfonamid-Experimente Karl Gebhardts im KZ RavensbrĂŒck dokumentiert.[119] Freilich stieß die von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke 1949 besorgte Herausgabe des Abschlussberichts der deutschen Ärztekommission sowie von Dokumenten zum und aus dem Prozess erst in der Neuausgabe von 1960 auf breitere öffentliche Aufmerksamkeit.[120] Bis der Eichmann-Prozess und die Auschwitzprozesse auch die Taten Mengeles in Auschwitz ins öffentliche Bewusstsein riefen, war Mengele deshalb nur ein KZ-Arzt unter vielen.[121]

Die geheimnisumwitterte Flucht Mengeles erschwerte darĂŒber hinaus lange seriöse Forschungen zu seinem Leben. Die Biographien, die bis 1985 erschienen, waren deshalb aus verschiedenen GrĂŒnden und in unterschiedlichem Maße fehlerhaft.[122] Auf Mengeles 1985 entdecktem Nachlass, zu der auch eine Autobiographie und TagebĂŒcher gehören, basiert die Studie der Journalisten John Ware und Gerald Posner, welche die UmstĂ€nde der Flucht erstmals detailliert nachzeichneten. Der Historiker Zdenek Zofka war 1986 in einem Aufsatz in den Vierteljahrsheften fĂŒr Zeitgeschichte einer der ersten, der sich um eine EntdĂ€monisierung Mengeles bemĂŒhte. Mengele habe nicht aus krankhafter Mordlust gehandelt, sondern aus kaltherzigem, skrupellosem KalkĂŒl. Seine Persönlichkeit sei von grenzenlosem Ehrgeiz und grenzenlosem Zynismus geprĂ€gt.[123]

Aufsehen erregte im selben Jahr auch der amerikanische Psychiater Robert Lifton, der in seinem Buch ĂŒber Ärzte im Dritten Reich Mengele ein Kapitel widmete. Er erklĂ€rte Mengeles Verbrechen mit einer psychologischen Dopplung, die es ihm ermöglicht habe, seinen Sadismus in eine ideologische Handlungslogik einzubinden.[124] Das gewachsene Interesse an der Person Mengeles dokumentierte nicht zuletzt der Dokumentarfilm bzw. das entsprechende Kapitel Der Todesarzt aus der Reihe Hitlers Helfer (1996) von Guido Knopp.[125] Die bislang einzige deutschsprachige monographische Darstellung der Biographie Mengeles, die Klaus Völklein 1999 veröffentlichte, richtete sich ebenso bewusst an einen breiteren Leserkreis. Völklein attestierte Mengele, er sei keine gespaltene Persönlichkeit gewesen, sondern ein schwer defizitĂ€rer Mensch, dessen SchwĂ€chen in Auschwitz zur Voraussetzung seines Funktionierens wurden.[126] Um eine AufklĂ€rung diverser Mythen bemĂŒhte sich Sven Keller, dessen Magisterarbeit 2003 in die Schriftenreihe der Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte aufgenommen wurde. Er setzte sich aber vor allem mit dem VerhĂ€ltnis GĂŒnzburgs zum Fall Mengele auseinander

Zuletzt wurden die vielfĂ€ltigen Beziehungen Mengeles zur deutschen Spitzenforschung in den Kaiser-Wilhelm-Instituten wĂ€hrend des Nationalsozialismus untersucht. Neben der Pionierarbeit von Benno MĂŒller-Hill und den Studie Ernst Klees zur NS-Medizin war es vor allem das Forschungsprogramm Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, welche die Rolle von Mengeles Menschenversuchen im KZ Auschwitz neu bewertete.

Veröffentlichungen

  • Rassenmorphologische Untersuchung des vorderen Unterkieferabschnittes bei vier rassischen Gruppen. In: Morphologisches Jahrbuch 79 (1937), S. 60–117. (zugleich MĂŒnchen, Phil. Diss. v. 13. Nov. 1935.)
  • Sippenuntersuchungen bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. In: Zeitschrift f. menschl. Vererbungs- u. Konstitutionslehre 23 (1938), S. 17–42. (zugleich Frankfurt, Med. Diss. v. 30. MĂ€rz 1938.)
  • als G. Helmuth: Die Vererbung Als Biologischer Vorgang. In: Der Weg[127] n. d. (vermutlich 1953).

Rezeption

Film

Musik

Literatur

Quellen und Erlebnisberichte

  • Eva Mozes Kor, Lisa Rojany Buccieri: Ich habe den Todesengel ĂŒberlebt. Ein Mengele-Opfer erzĂ€hlt. cbj, MĂŒnchen 2012, ISBN 978-3-570-40109-5.
  • Yehuda Koren, Eilat Negev: Im Herzen waren wir Riesen. Die Überlebensgeschichte einer Liliputanerfamilie. Econ Verlag, MĂŒnchen 2003, ISBN 3-430-17153-9.
  • MiklĂłs Nyiszli: Im Jenseits der Menschlichkeit: Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz. Dietz, Berlin; Auflage: Nachdruck der 2., ĂŒberarbeiteten Auflage 2005, ISBN 3-320-02061-7.
  • Zdeněk & Jiƙí Steiner: Zwillinge in Auschwitz. in Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner, Hans GĂŒnther Adler Hgg.: Auschwitz. Zeugnisse und Berichte.EVA 2. rev. Aufl 1979, ISBN 3-434-00411-4 .
  • Anja Tuckermann: „Denk nicht, wir bleiben hier!“ Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner. Carl Hanser Verlag, MĂŒnchen 2005.

SekundÀrliteratur

  • Udo Benzenhöfer: Bemerkungen zum Lebenslauf von Josef Mengele unter besonderer BerĂŒcksichtigung seiner Frankfurter Zeit. In: Hessisches Ärzteblatt 72 (2011), S. 228–230, 239f. PDF
  • Sven Keller: GĂŒnzburg und der Fall Josef Mengele. Die Heimatstadt und die Jagd nach dem NS-Verbrecher. Oldenbourg Wissenschaft, MĂŒnchen 2003, ISBN 3-486-64587-0.
  • Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. 3. Auflage. Frankfurt 2004, ISBN 3-596-14906-1.
  • Helena Kubica: Dr. Mengele und seine Verbrechen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. In: Hefte von Auschwitz. Band 20, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau 1997, ISSN 0440-5897, S. 369–455.
  • BenoĂźt Massin, Mengele, die Zwillingsforschung und die „Auschwitz-Dahlem Connection“. In: Carola Sachse (Hrsg.): Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Dokumentation eines Symposiums. Göttingen 2003, S. 201–254.
  • Franz Menges: Mengele, Josef. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 17, Duncker & Humblot, Berlin 1994, S. 69–71 (Onlinefassung).
  •  Benno MĂŒller-Hill: Tödliche Wissenschaft. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988, ISBN 3-499-15349-1.</span>
  • Gerald L. Posner, John Ware: Mengele. Die Jagd auf den Todesengel. Aufbau TB, 1993, ISBN 3-351-02409-6.
  • Hans-Walter Schmuhl: GrenzĂŒberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut fĂŒr Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927 bis 1945. Göttingen 2005.
  • Achim Trunk: Rassenforschung und Biochemie. Ein Projekt - und die Frage nach dem Beitrag Butenandts. In: Wolfgang Schieder u. Achim Trunk (Hrsg.): Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Wissenschaft, Industrie und Politik im ‚Dritten Reich‘. Göttingen 2004, S. 247–285.
  • Ulrich Völklein: Josef Mengele. Der Arzt von Auschwitz. Göttingen 1999, ISBN 3-88243-685-9.
  • Guy Walters: Hunting Evil. How the Nazi Criminals Escaped and the Hunt to Bring them to Justice. Bantam, London 2009, ISBN 978-0-553-81939-7.
  • Zdenek Zofka: Der KZ-Arzt Josef Mengele. Zur Typologie eines NS-Verbrechers. In: Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte 34 (1986), S. 245–267. PDF

Weblinks

 Commons: Josef Mengele â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ Zofka, Typologie, S. 248–250; Völklein, Mengele, S. 33–52; Keller, GĂŒnzburg, S. 73–75.
  2. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 77–79.
  3. ↑ Völklein, Mengele, S. 53–69.
  4. ↑ Benzenhöfer, Bemerkungen, S. 228.
  5. ↑ Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Frankfurt am Main 1997, S. 456f.
  6. ↑  Benno MĂŒller-Hill: Tödliche Wissenschaft. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988, ISBN 3-499-15349-1, S. 39, 157ff., zit. 158.</span>; Benzenhöfer, Bemerkungen, S. 229.
  7. ↑ Benzenhöfer, Bemerkungen, S. 229.
  8. ↑ Den Anstoß gab eine Eingabe des Auschwitz-Überlebenden Hermann Langbein. Mengeles zweite Ehefrau Martha, die seine RechtsansprĂŒche in Deutschland vertrat, hatte mit Hilfe von AnwĂ€lten Einspruch einlegen lassen. Der Rechtsstreit zog sich ĂŒber mehrere Jahre hin und wurde vor allem gegen die UniversitĂ€t Frankfurt gefĂŒhrt. 1963 wurde die Anfechtungsklage der AnwĂ€lte Mengeles vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof letztinstanzlich abgewiesen. Eine Nichtzulassungsbeschwerde an das Bundesverwaltungsgericht hatten Mengeles AnwĂ€lte 1964 noch vorbereitet, aber dann kurzfristig zurĂŒckgezogen. Stefanie Harrecker: Degradierte Doktoren. Die Aberkennung der DoktorwĂŒrde an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t wĂ€hrend der Zeit des Nationalsozialismus. (= BeitrĂ€ge zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen, Bd. 2). Utz, MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-8316-0691-7, S. 233–238; Keller, GĂŒnzburg. S. 57; Völklein, Mengele, S. 273f.
  9. ↑ Völklein, Mengele, S. 70.
  10. ↑ Aleksander Lasik: Die Personalbesetzung des Gesundheitsdienstes der SS im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in den Jahren 1940–1945. In: Hefte von Auschwitz 20 (1997), S. 314.
  11. ↑ Völklein, Mengele, zit. S. 75. KarrieregrĂŒnde vermutet auch Zofka, Typologie, S. 253.
  12. ↑ Völklein, Mengele, S. 89f.
  13. ↑ Völklein, Mengele, S. 72–74.
  14. ↑ Völklein, Mengele, S. 89f.
  15. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 19–21.
  16. ↑ Dieter Pohl: Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien, 1941–1944. Oldenbourg, MĂŒnchen 1996, ISBN 3-486-56233-9, S. 70.
  17. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 22–25.
  18. ↑ a b Völklein, Mengele, S. 91f.
  19. ↑ BenoĂźt Massin, Mengele, die Zwillingsforschung und die „Auschwitz-Dahlem Connection". In: Carola Sachse (Hrsg.): Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Dokumentation eines Symposiums. Göttingen 2003, S. 224–233. Hans-Walter Schmuhl: GrenzĂŒberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut fĂŒr Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927 bis 1945. Göttingen 2005, S. 474–477.
  20. ↑ Zofka, Mengele, S. 259f.; Völklein, Mengele, S. 30–32; Keller, GĂŒnzburg, S. 64–66.
  21. ↑ Völklein, Mengele, S. 11–17, zit. S. 16; Zofka, Mengele, S. 265.
  22. ↑ Kubica, Dr. Mengele, S. 412–413. Im Haftbefehl des Landgerichts Frankfurt vom 19. Januar 1981 wird aufgefĂŒhrt, Mengele habe am 25. Mai 1943 1.035 „Zigeuner“ wegen Typhusverdachts vergasen lassen. Vgl. Posner u. Ware, Mengele, S. 44. Er trat aber erst am 30. Mai 1943 seinen Dienst in Auschwitz an.
  23. ↑ Kubica, Dr. Mengele, S. 412–415.
  24. ↑  Wolfgang Benz, Barbara Distel, Angelika Königseder (Hrsg.): Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. In: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. 5, Beck, MĂŒnchen 2007, S. 117f..</span>;  Karola Fings: Nationalsozialistische Zwangslager fĂŒr Sinti und Roma. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. 9, Beck, MĂŒnchen 2009, S. 211.</span>
  25. ↑ Kubica, Dr. Mengele, S. 414; Völklein, Mengele, S. 122f.; Keller, GĂŒnzburg, S. 32.
  26. ↑ Völklein, Mengele, S. 117–121.
  27. ↑ Völklein, Mengele, S. 21f., 126-133.
  28. ↑ Völklein, Mengele, S. 133f.; Kubica, Dr. Mengele, S. 412.
  29. ↑ Völklein, Mengele, S. 134f.
  30. ↑ Völklein, Mengele, S. 140–143.
  31. ↑ Völklein, Mengele, S. 136–143; Keller, GĂŒnzburg, S. 32f.
  32. ↑ Kubica, Dr. Mengele, S. 379.
  33. ↑ Völklein, Mengele, S. 161f.
  34. ↑ Kubica, Dr. Mengele, S. 378–380; Lifton, Ärzte, S. 421f.; Völklein, Mengele, S. 118f.; Klee, Auschwitz, S. 466; Massin, Mengele, S. 237.
  35. ↑ Massin, Mengele, S. 202–204, 214f.
  36. ↑ Zit. nach Lifton, Ärzte, S. 418. Der bei Robert Lifton als „Doktor B.“ zitierte Zeuge lĂ€ĂŸt sich als Hans MĂŒnch identifizieren. Massin, Mengele, S. 220; Völklein, Mengele, S. 144f.
  37. ↑ Massin, Mengele, S. 220.
  38. ↑ Völklein, Mengele, S. 16; Kubica, Dr. Mengele, S. 380f.
  39. ↑ Völklein, Mengele, S. 148f, S. 27–29; Kubica,Dr. Mengele, S. 379f.; Lifton, Ärzte, S. 416–420.
  40. ↑ Völklein, Mengele, S. 159; Klee, Auschwitz, S. 482.
  41. ↑ Carola Sachse (Hrsg.): Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Dokumentation eines Symposiums. Göttingen 2004, S. 65.
  42. ↑ Massin, S. 239f.; Völklein, S. 146–149; Kubica, S. 382–404; Lifton, Ärzte, S. 411–413.
  43. ↑ Völklein, Mengele, S. 151f.
  44. ↑ Zofka, Mengele, S. 257.
  45. ↑ Lifton, Ärzte, S. 413–415.
  46. ↑ Kubica, Dr. Mengele, S. 384–386.
  47. ↑ Massin, Mengele, S. 237.
  48. ↑ Kubica, Dr. Mengele, S. 383f.
  49. ↑ Massin, Mengele, S. 236; Kubica, Dr. Mengele, S. 382–387; Völklein, Mengele, S. 149, 152.
  50. ↑ Hans Hesse: Augen aus Auschwitz. Ein LehrstĂŒck ĂŒber nationalsozialistischen Rassenwahn und medizinische Forschungen. Der Fall Dr. Karin Magnussen. Essen 2001, S. 74–77; Kubica, Dr. Mengele, S. 407f.; Massin, Mengele, S. 247.
  51. ↑ Hesse, Augen, S. 56–73; Massin, Mengele, S. 249.
  52. ↑ Hesse, Augen, S. 56–58.
  53. ↑ Völklein, Mengele, S. 169f.
  54. ↑ Massin, Mengele, S. 240.
  55. ↑ Völklein, Mengele, S. 150.
  56. ↑ Achim Trunk: Rassenforschung und Biochemie. Ein Projekt - und die Frage nach dem Beitrag Butenandts. In: Wolfgang Schieder u. Achim Trunk (Hrsg.): Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Wissenschaft, Industrie und Politik im ‚Dritten Reich‘. Göttingen 2004, S. 260–264.
  57. ↑ Massin, Mengele, S. 232; Trunk, Rassenforschung, S. 250.
  58. ↑ Benno MĂŒller-Hill: Das Blut von Auschwitz und das Schweigen der Gelehrten. In: Doris Kaufmann (Hrsg.): Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bestandsaufnahme und Perspektiven der Forschung. Göttingen 2000, S. 189–227, bes. S. 204–212.
  59. ↑ Trunk, Rassenforschung, S. 267–277; Wolfgang Schieder: Spitzenforschung und Politik. Adolf Butenandt in der Weimarer Republik und im ‚Dritten Reich‘. In: Wolfgang Schieder u. Achim Trunk (Hrsg.): Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Wissenschaft, Industrie und Politik im ‚Dritten Reich‘. Göttingen 2004, S. 66–68.
  60. ↑ Schmuhl, GrenzĂŒberschreitungen, S. 506f.
  61. ↑ Völklein, Mengele, S. 156f.
  62. ↑ Völklein, Mengele, S. 157.
  63. ↑ Völklein, Mengele, S. 170. Mussfeldt erwĂ€hnt, dass bei einem Mann eine besonders verkrĂŒmmte WirbelsĂ€ule festgestellt worden sei, bei seinem Sohn jedoch nicht. Beide wurden getötet und ihre prĂ€parierten Skelette nach Berlin geschickt. Völklein, Mengele, S. 150.
  64. ↑ Kubica, Dr. Mengele, S. 408; Schmuhl, GrenzĂŒberschreitungen, S. 480.
  65. ↑ Völklein, Mengele, S. 164f., 170f.
  66. ↑ Vöklein, Mengele, S. 172f.
  67. ↑ Völklein, Mengele, S. 163f.
  68. ↑ Lifton, Ärzte, S. 428–430.
  69. ↑ MĂŒller-Hill, Blut, S. 212. Das Interpretament der „Pseudowissenschaft“ verwendet auch Völklein, Mengele, S. 185.
  70. ↑ Stefanie Baumann: Opfer von Menschenversuchen als Sonderfall der Wiedergutmachung. In: Hans GĂŒnter Hockerts, Claudia Moisel, Tobias Winstel (Hrsg.): Grenzen der Wiedergutmachung: die EntschĂ€digung fĂŒr NS-Verfolgte in West- und Osteuropa 1945–2000. Göttingen 2006, S. 155. Vgl. dazu schon Michael GrĂŒttner: Wissenschaft. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): EnzyklopĂ€die des Nationalsozialismus. Stuttgart 1997, S. 153.
  71. ↑ Klee, Auschwitz, NS-Medizin, S. 483.
  72. ↑ Massin, Mengele, S. 221.
  73. ↑ Carola Sachse: Menschenversuche in Auschwitz ĂŒberleben, erinnern, verantworten. In: Carola Sachse (Hrsg.): Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Dokumentation eines Symposiums. Göttingen 2004, S. 10–13, zit. S. 12.
  74. ↑ MĂŒller-Hill, Tödliche Wissenschaft, S. 129; Zofka, Mengele, S. 259.
  75. ↑ Massin, Mengele, S. 236.
  76. ↑ Schmuhl, GrenzĂŒberschreitungen, S. 478–481; Sachse, Menschenversuche, S. 13.
  77. ↑ Mathias Schulz: Teufel im Barackenmeer. In: Der Spiegel 12 (2005), 21. MĂ€rz 2005.
  78. ↑ Trunk, Rassenforschung und Biochemie, S. 278–282.
  79. ↑ Sheila Faith Weiss: The Nazi Symbiosis. Human Genetics and Politics in the Third Reich. Chicago 2010, ISBN 978-0-226-89176-7, S. 115–118.
  80. ↑ Helga Satzinger: Adolf Butenandt, Hormone und Geschlecht. Ingredienzien einer wissenschaftlichen Karriere. In: Wolfgang Schieder, Achim Trunk (Hrsg.): Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Wissenschaft, Industrie und Politik im „Dritten Reich“. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004, ISBN 3-89244-752-7, (Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus 7), S. 127; Carola Sachse: Adolf Butenandt und Otmar von Verschuer. Eine Freundschaft unter Wissenschaftlern (1942–1969). In: Wolfgang Schieder, Achim Trunk (Hrsg.): Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Wissenschaft, Industrie und Politik im „Dritten Reich“. Wallstein-Verlag, Göttingen 2004, ISBN 3-89244-752-7, (Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus 7), S. 299f.
  81. ↑ Schmuhl, GrenzĂŒberschreitungen, S. 481f.
  82. ↑ a b Posner u. Ware, Mengele, S. 82–113,; Völklein, Mengele, S. 187–224; Keller, GĂŒnzburg, S. 42–49.
  83. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 115f.
  84. ↑ Über Mengeles Aufenthalt in der Zwischenzeit ist nichts bekannt.
  85. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 49f.; Völklein, Mengele, S. 225–235; Posner u. Ware, Mengele, S. 114–122.
  86. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 50–52; Posner u. Ware, Mengele, S. 123–144; Völklein, Mengele, S. 236–248.
  87. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 52f..; Posner u. Ware, Mengele, S. 144–149; Völklein, Mengele, S. 248–251.
  88. ↑ Völklein, Mengele, S. 253–256; Keller, GĂŒnzburg, S. 53f.
  89. ↑ Irmtrud Wojak: Fritz Bauer 1903–1968. Eine Biographie. C. H. Beck, MĂŒnchen 2009, S. 310f.
  90. ↑ Harrecker, Degradierte Doktoren, S. 233f.
  91. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 54f.; Völklein, Mengele, S. 259–262; Posner u. Ware, Mengele, S. 150–167.
  92. ↑ Posner u. Ware, Mengele, S. 168–185, 225-236.
  93. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 56–60; Völklein, Mengele, S. 263–308; Posner u. Ware, Mengele, S. 197–206, 270-297, 314-348.
  94. ↑ Keller: GĂŒnzburg. S. 180.
  95. ↑ Posner u. Ware, Mengele, S. 237f.
  96. ↑ Am Beispiel einer Zeugenaussage im Eichmann-Prozess: Nina Burkhardt: RĂŒckblende. NS-Prozesse und mediale ReprĂ€sentation der Vergangenheit in Belgien und den Niederlanden. MĂŒnster 2009, S. 148.
  97. ↑ Zofka, Mengele, S. 259f.
  98. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 126–143.
  99. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 67–72; Posner u. Ware, Mengele, S. 254–269.
  100. ↑ Posner u. Ware, Mengele, S. 302f.
  101. ↑ Wie ein Soldat. In: Der Spiegel 26 (1985), 24. Juni 1985, S. 112.
  102. ↑ Jorge Camarasa: Mengele. El ĂĄngel de la muerte in SudamĂ©rica. Buenos Aires 2008.
  103. ↑ A. Tagliani-Ribeiro, M. Oliveira, A.K. Sassi, M. R. Rodrigues, M. Magonel-Oliveira, G. Steinman, U. Matte, N. J. Fagundes, L. Schuler-Faccini: Twin Town in South Brazil: a Nazi's experiment or a genetic founder effect? In: PLoS One. 6 (2011). Published online 2011 June 8. doi: 10.1371/journal.pone.0020328
  104. ↑ Henry C. Lee, Frank Tirnady: Blood Evidence. How DNA is Revolutionizing the Way We Solve Crimes. Perseus, New York 2003, S. 127f.
  105. ↑ Annette Insdorf: Indelible Shadows. Film and the Holocaust. 3. Auflage. Cambridge UP, Cambridge, MA 2003, S. 10f.
  106. ↑ Peter Schneider: Vati. Luchterhandt, Darmstadt 1987. Gerda-Marie Schönfeld: So eine Nachbarschaft. Ist Peter Schneiders ErzĂ€hlung „Vati“ ein schlichtes Illustrierten-Plagiat? In: Der Spiegel 11/1987, 9. MĂ€rz 1987.
  107. ↑ Hanno Loewy: Are we going to do this again? NĂŒrnberg, Jerusalem, Frankfurt. Auschwitz und das Courtroom-Drama. In: Stephan Braese (Hrsg.): Rechenschaften. Juristischer und literarischer Diskurs in der Auseinandersetzung mit den NS-Massenverbrechen. Wallstein, Göttingen 2004, S. 97f.
  108. ↑ Augsburger Allgemeine: Denkmal fĂŒr die Opfer des KZ-Arztes Mengele in GĂŒnzburg
  109. ↑ Richard Breitman: US Intelligence and the Nazis. Cambridge 2005, S. 431.
  110. ↑ Breitman: U.S. intelligence. S. 430–437.
  111. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 159–170; Posner u. Ware, Mengele, S. 367–391.
  112. ↑ Völklein, Mengele, S. 309f.; Posner u. Ware, Mengele, S. 394–401. R. Helmer: Identifizierung der LeichenĂŒberreste des Josef Mengele. In: Archiv fur Kriminologie 177 (1986), S. 130–44. AJ Jeffreys, MJ Allen, E Hagelberg, A Sonnberg: Identification of the skeletal remains of Josef Mengele by DNA analysis. In: Forensics Science International 56 (September 1992), S. 65–76.
  113. ↑ a b Keller, GĂŒnzburg, S. 177; Posner u. Ware, Mengele, S. 13f.; Zofka, Mengele, S. 247f.
  114. ↑ Nazi war criminal Josef Mengele's journals to be auctioned. In: The Telegraph, 19. Juli 2011
  115. ↑ 245.000 Dollar fĂŒr den „Todesengel“. In: Spiegel Online, 21. Juli 2011; Todesengel ohne Reue. In: Spiegel Online – Panorama, 24. November 2004
  116. ↑ Völklein, Mengele, S. 205–215, 277-280.
  117. ↑ Posner u. Ware, Mengele, S. 338.
  118. ↑ MiklĂłs Nyiszli: Dr. Mengele boncolĂłorvosa voltam az Auschwitz-i krematĂłriumban (= Dr. Mengele. Als ehemaliger Obduktionsarzt im Krematorium Auschwitz). o. O. (1946). Eine englischsprachige Ausgabe erschien 1960 mit einem Vorwort von Bruno Bettelheim: MiklĂłs Nyiszli: Auschwitz: A Doctor's Eyewitness Account. F. Fell, New York 1960. Auf Deutsch erschienen zunĂ€chst nur AuszĂŒge. Vgl. etwa Die Todesfabrik. In: Gerhard Schoenberner (Hrsg.): Wir haben es gesehen. Augenzeugenberichte ĂŒber Terror und Judenverfolgung im 3. Reich. Hamburg 1962, S. 248–252. Eine vollstĂ€ndige Ausgabe auf Deutsch erschien erstmals 1992: MiklĂłs Nyiszli: Im Jenseits der Menschlichkeit. Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz. Hrsg. von Friedrich Herber. Übers. von Angelika Bihari. Dietz, Berlin 1992.
  119. ↑ Mengele wurde im NĂŒrnberger Ärzteprozess nicht angeklagt ud dementsprechend auch nicht in Abwesenheit verurteilt. Alexander Mitscherlich, Fred Mielke: Wissenschaft ohne Menschlichkeit: Medizinische und eugenische Irrwege unter Diktatur, BĂŒrokratie und Krieg. Schneider, Heidelberg 1949. Die ganze Auflage wurde von den Ärztekammern aufgekauft. Neuauflage: Medizin ohne Menschlichkeit: Dokumente des NĂŒrnberger Ärzteprozesses. Fischer, Heidelberg 1960, ISBN 3-596-22003-3. Angelika Ebbinghaus, Klaus Dörner (Hrsg.): Vernichten und heilen. Der NĂŒrnberger Ärzteprozeß und die Folgen. Aufbau, Berlin, 2001, ISBN 3-351-02514-9.
  120. ↑ JĂŒrgen Peter: Der NĂŒrnberger Ärzteprozess im Spiegel seiner Aufarbeitung anhand der drei Dokumentensammlungen von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Lit, MĂŒnster 1998.
  121. ↑ Vgl. etwa die marginale ErwĂ€hnung bei Raul Hilberg: Die Vernichtung der europĂ€ischen Juden. Durchges. u. erw. Ausgabe, S. Fischer, Frankfurt a. M. 1990, S. 1010.
  122. ↑ Keller, GĂŒnzburg, S. 13f.
  123. ↑ Zofka, Mengele, S. 261, 266.
  124. ↑ Lifton, Ärzte, S. 437–448.
  125. ↑ Guido Knopp und Theo Pischke: Der Todesarzt In: Guido Knopp: Hitlers Helfer. TĂ€ter und Vollstrecker, MĂŒnchen 1999, S. 329–396.
  126. ↑ Völklein, Mengele, S. 184–186.
  127. ↑ Der Weg war eine Zeitschrift deutscher Emigranten in Argentinien. Sie wurde von dem frĂŒheren Deutschlehrer in Buenos Aires und Inhaber des DĂŒrer-Verlages, Eberhard Fritsch, herausgegeben und hatte sich unter der Redaktion Willem Sassens zu einem Bezugspunkt nationalsozialistischer Kreise entwickelt. Irmtrud Wojak: Fritz Bauer 1903–1968. Eine Biographie. C. H. Beck, MĂŒnchen 2009, S. 291.
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