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Jules Renard (* 22. Februar 1864 in Châlons-du-Maine; † 22. Mai 1910 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, der die kleine Form bevorzugte und dabei mit „feinem, manchmal grausamen Humor“ zu Werke ging.[1] Er stand der Linken nahe, vor allem aber der Melancholie.
Inhaltsverzeichnis |
Der Sohn eines burgundischen Bauunternehmers wächst in der wald- und wasserreichen Landschaft auf, die vom Mittelgebirge des Morvan beherrscht wird. Das für das Kind drückende Klima im Elternhaus lässt sich unschwer aus Renards episodenhaftem Roman Rotfuchs erahnen, der ihm (1894) zum „Durchbruch“ als Schriftsteller verhilft. Das Kind ist bis 1881 Gymnasiast in Nevers, anschließend in Paris. Renards Abitur (1883) ist zu schlecht, um sich Chancen für die Ecole Normale ausrechnen zu können. Zudem hat er sich inzwischen fürs Schreiben und das entsprechende Literatenmilieu erwärmt. Bis zur ersten Buchveröffentlichung (ein Band mit Novellen 1988) ist es allerdings ein dorniger Weg. Der hauptstädtische Literaturbetrieb sei ein „Fieberberuf“, in dem man Erfolg habe oder sterbe, schreibt er seiner Schwester.[2]
Seinen Vater, der ihn weiter finanziell unterstützt, hält der junge Renard mit verschwommenen Auskünften hin. Er suche. Nachdem er 1886/87 seinen Wehrdienst (in Bourges) abgeleistet hat, tagelöhnert er als Advokatengehilfe und Hauslehrer. Er trifft Marie Morneau, was sich auch in ökonomischer Hinsicht als Glücksfall erweist, besitzt deren begüterte Mutter doch in Paris ein Mietshaus. Dort ziehen die beiden Liebenden 1888 als Ehepaar ein. Im Folgejahr beteiligt sich Renard (sogar als Hauptaktionär) an der Gründung der Zeitschrift Mercure de France, die es rasch zu Ansehen bringt. Er liefert regelmäßig sowohl erzählende wie kritische Beiträge für sie.[3] Erste Romanversuche zeigen dem von Balzac, Flaubert und Zola beeindruckten Renard, dass seine Stärke im Gegensatz zu diesen Vorbildern nicht im Typisieren, sondern in der treffenden Zeichnung des Individuellen liegt. Auch für die „große Form“ und für eine umfangreiche Produktion ist er der falsche Mann.[2]
Als das Buch um den kleinen, von seiner Mutter ungeliebten Rotfuchs erscheint, hat Renard selber schon zwei Kinder. 1896 mietet er bei Chitry-les-Mines, seinem Heimatort, ein ehemaliges Pfarrhaus, in dem die Familie künftig ihre Sommer verbringen wird. Der Winter gehört Paris. Von Rotfuchs kommt 1900 eine Bühnenfassung heraus, die es noch im selben Jahr auf 125 Vorstellungen bringt und Renards Ansehen sprunghaft erhöht. Er schließt Freundschaften mit namhaften Autoren wie Edmond Rostand, Tristan Bernard, Alfred Capus und lernt Schauspieler wie Lucien Guitry und Sarah Bernhardt und den Maler Toulouse-Lautrec kennen.
In der Dreyfus-Affäre, die ganz Frankreich aufwühlte, unterschrieb er eine Ptetition, die am 15. Januar 1898 in Le Temps erschien. Nebene Émile Zola setzten sich zahlreiche bekannte Persönlichkeiten für die Revision des Fehlurteils gegen Alfred Dreyfus ein.
Im Heimatort wird er 1904, wie einst schon sein Vater, zum Bürgermeister gewählt. Er unterhält Beziehungen mit den Pariser führenden Sozialisten Jean Jaurès und Léon Blum.[4] Die renommierte Académie Goncourt nimmt ihn 1907 auf.
Ruf und Ämter machen Renard nicht überheblich. Gewiß lechzt er nach Anerkennung, doch „das Ausüben von Macht war ihm zuwider – so sehr zuwider, daß er Hemmungen hatte, einem Barbier Weisungen zu geben.“[2] 1904 zerreißt er (nach dem Abschuss einer Lerche) seinen Jagdschein.[5] Vielleicht nicht zufällig, war er zeitlebens gleichermaßen mit der „Krankheit des Skrupels“ wie mit Migräne geschlagen. Wer jene Krankheit nicht kenne, heißt es im letzten Eintrag (vom 15. März 2010) der Tagebuch-Auswahl Ideen, in Tinte getaucht, dürfe „nicht einmal daran denken, ehrlich zu sein.“[6] Möglicherweise lag mit der Melancholie, die Renard unübersehbar pflegt und verbreitet, auch eine Affinität zum Tod in seiner Familie. Renard fühlt sich schon um 30 erschöpft, ja verbraucht. Sein Bruder Maurice stirbt mit 28; der Vater erschießt sich 1897; die Mutter ertrinkt 1909 in einem Brunnen, in den sie gefallen ist oder sich gestürzt hat. Im selben Jahr erleidet Renard selbst eine schwere Herzattacke. Im folgenden Mai stirbt er, 46 Jahre alt.
Sein Tagebuch oder Journal, ungewöhnlicher „Knappheit und Prägnanz“ verpflichtet und von daher eher eine umfangreiche Sammlung von Aphorismen, gilt allgemein als Renards Hauptwerk.[7] Es wurde unter anderem von Autoren wie André Gide, Kurt Tucholsky, Jean-Paul Sartre, Samuel Beckett und Somerset Maugham hoch geschätzt. Sartre sah sich gar einer Literatur des Schweigens gegenüber.[8] Es fehlt diesem „Schweigen“ aber nicht an Komik, ja Gelächter. Winfried Engler weist darauf hin, es gelinge Renard bemerkenswert gut, „banale Ereignisse aus ironischer Distanz so darzustellen, daß sie interessant erscheinen“.[4] Am 18. Februar 1901 trägt Renard ein:
Ich habe noch nicht einmal das Glück gehabt, einen Zug zu verpassen, der verunglückt wäre.[9]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Renard, Jules |
| KURZBESCHREIBUNG | französischer Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 22. Februar 1864 |
| GEBURTSORT | Châlons-du-Maine |
| STERBEDATUM | 22. Mai 1910 |
| STERBEORT | Paris |