|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Karl Barth (* 10. Mai 1886 in Basel; â 10. Dezember 1968 ebenda) war ein Schweizer evangelisch-reformierter Theologe. Er gilt im Bereich der europĂ€ischen evangelischen Kirchen aufgrund seines theologischen Gesamtwerks als âKirchenvater des 20. Jahrhundertsâ[1] und als Vertreter einer kerygmatischen Theologie.
Inhaltsverzeichnis |
Karl Barth kam als erster Sohn des Theologieprofessors Fritz Barth und seiner Ehefrau Anna Katharina geborene Sartorius zur Welt. Karl hatte zwei BrĂŒder, Peter (Pfarrer) und Heinrich (Professor fĂŒr Philosophie), und zwei Schwestern, Katharina und Gertrud.
Seine Kindheit verbrachte er in Bern, wo sein Vater ab 1891 an der UniversitĂ€t eine Professur fĂŒr Kirchengeschichte und Neues Testament innehatte.
Von 1904 bis 1908 studierte Karl Barth evangelische Theologie in Bern, Berlin, TĂŒbingen und Marburg. Er war Mitglied der SchĂŒlerverbindung Patria Bern und der Studentenverbindung Zofingia Bern.[2] Unter seinen Professoren waren Adolf von Harnack (1851â1930), ein bedeutender Vertreter der liberalen Theologie im deutschen Kaiserreich, und Wilhelm Herrmann, ein profilierter Vertreter des Neukantianismus im Gefolge von Albrecht Ritschl. Nach einem kurzen Vikariat im Berner Jura ging Karl Barth erneut nach Marburg, um Immanuel Kant und Friedrich Schleiermacher zu studieren, die die protestantische Theologie des 19. Jahrhunderts maĂgeblich geprĂ€gt hatten. In dieser Zeit arbeitete er als Hilfsredakteur fĂŒr die Christliche Welt, eine protestantische Zeitschrift, herausgegeben von Martin Rade.
1909 wurde Karl Barth Hilfsprediger der deutschsprachigen Gemeinde in Genf. Dort lernte er seine spĂ€tere Gattin Nelly Hoffmann kennen. Er heiratete sie 1913. Sie hatten fĂŒnf Kinder, Franziska, Markus, Christoph, Matthias und Hans Jakob. In seiner Zeit als Pfarrer in Safenwil, einer Bauern- und Arbeitergemeinde im Kanton Aargau, begann Barths eigene Theologie zu reifen (1911â1921). Mit den sozialen Problemen vor Ort konfrontiert, engagierte er sich fĂŒr die Arbeiter seiner Gemeinde und beteiligte sich am Aufbau der örtlichen Gewerkschaft. Ăber seinen lebenslangen Freund Eduard Thurneysen bekam er Kontakt mit den damals prominentesten religiösen Sozialisten der Schweiz, Hermann Kutter und Leonhard Ragaz. 1915 besuchte er darĂŒber hinaus Christoph Blumhardt (1842â1919), der ihn tief beeindruckte und sein eigenes Denken stark prĂ€gte. Am 26. Januar 1915 trat Barth der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz bei, in der er die Positionen des Zimmerwalder Manifests vertrat.[3]
Ausgehend vom praktischen Problem der Predigt empfand Barth immer stĂ€rker die UnzulĂ€nglichkeit seiner theologischen Ausbildung. Er fragte sich, was er den Menschen ĂŒberhaupt Hilfreiches zu sagen habe. Er studierte nun erneut die Bibel, vor allem den Römerbrief des Paulus. Dabei tauschte er sich mit Thurneysen aus und schrieb ihm z.B.:[4]
âIm Römerbrief knorze ich ⊠an den Felsklötzen 3.20 ff. Was steckt da alles dahinter! ⊠Paulus â was muĂ das fĂŒr ein Mensch gewesen sein und was fĂŒr Menschen auch die, denen er diese lapidaren Dinge so in ein paar verworrenen Brocken hinwerfen, andeuten konnte! ⊠HĂ€tten wir doch frĂŒher uns zur Bibel bekehrt, damit wir jetzt festen Grund unter den FĂŒĂen hĂ€tten!â
Hilfe beim Verstehen dieses Textes als lebendiges Gotteswort fand Barth nicht bei seinen liberalen Lehrern, sondern bei âBiblizistenâ wie August Tholuck, dem dĂ€nischen Existenzphilosophen SĂžren Kierkegaard und den Reformatoren Martin Luther und Johannes Calvin. Als der Berner BĂ€schlin-Verlag seine Römerbriefauslegung 1919 veröffentlichte, fand sie ein enormes Echo und begeisterten Zuspruch. Leser wie Emil Brunner, Barths spĂ€terer theologischer Mitstreiter, fanden hier das reformatorische Gottes-, Menschen- und GlaubensverstĂ€ndnis in neuer Sprache wieder. Doch schon 1920 begann Barth eine Neubearbeitung, die 1922 im Christian Kaiser Verlag erschien. Seine âRömerbriefâ-Kommentare machten den Schweizer Dorfpfarrer weithin bekannt und gelten als neuer Aufbruch einer dialektischen âWort-Gottesâ-Theologie.
Barth wurde 1921 zum Honorarprofessor auf einen fĂŒr ihn eingerichteten Lehrstuhl in Göttingen berufen. Er war nicht auf eine akademische LehrtĂ€tigkeit vorbereitet, konnte durch intensive theologische Studien aber kurzfristig brauchbare Vorlesungsmanuskripte erstellen. So verlieh ihm die UniversitĂ€t MĂŒnster âwegen seiner mannigfachen BeitrĂ€ge zur Revision der religiösen und theologischen Fragestellungâ 1922 die erste EhrendoktorwĂŒrde. 1925 folgte Barth dem Ruf und wurde ordentlicher Professor fĂŒr Systematische Theologie in MĂŒnster.
WĂ€hrend seiner LehrtĂ€tigkeit schrieb Barth weitere biblische Kommentare und erste systematische BeitrĂ€ge. 1930 wurde er nach Bonn berufen. Dort erschien 1931 Fides quaerens intellectum (âGlaube, der nach Erkenntnis fragtâ), sein Buch ĂŒber Anselm von Canterburys Gottesbeweis. Obwohl Barth es als eins seiner wichtigsten Werke ansah, wurde es kaum bekannt. Im selben Jahr trat er auch der SPD bei, um seine oppositionelle Haltung gegenĂŒber Obrigkeitsstaat und Nationalismus deutlich zu machen.[5] 1932 erschien der erste Teilband der Kirchlichen Dogmatik, Barths Haupt- und Lebenswerk.
1924 lernte Karl Barth Charlotte von Kirschbaum kennen. Sie gehörte bald zu seinem Freundeskreis und ĂŒbernahm die Redaktion seiner Schriften. Er wollte zu der Liebesbeziehung stehen, die sich entwickelt hatte; andererseits respektierten beide die Ehe mit Nelly und wollten keine Scheidung. Nelly entschied sich im April 1933 ebenfalls ausdrĂŒcklich gegen einen solchen, in ihrer Situation sehr schwierigen und gesellschaftlich nicht anerkannten Schritt. Auch da von Kirschbaum fĂŒr Barths Arbeit unentbehrlich geworden war, schlug dieser eine offene Dreiecksbeziehung vor und setzte durch, dass sie 1929 in sein Haus einzog. In einem Brief vom 31. MĂ€rz 1933 an seine Frau stellte er seine Motivation so dar: âIch dachte an eine Notgemeinschaft zu dritt, in der ein jedes â mit den beiden Anderen auf je seine besondere Weise verbunden und nicht verbunden â seinen besonderen Ort, seine besondere Sicherheit, aber auch seine besondere Last und BedrĂ€ngnis habe, ohne daĂ unsere Ehe rechtlich und Ă€uĂerlich geschieden und ohne daĂ das, was mich mit Lollo verbindet, verleugnet und unterdrĂŒckt werden mĂŒsse.â[6] Suzanne Selinger sieht es als unentscheidbar an, ob eine sexuelle Beziehung bestand.[7] Wenn ĂŒberhaupt, war diese sehr eingeschrĂ€nkt. Von Kirschbaum sprach davon, âwieder etwas aufzuleben innerhalb dieser ja immer schweren Grenzeâ, und Nelly Barth schrieb, dass sie es schwer ertragen könne, dass Charlotte âdirekt neben mir fĂŒr mich quasi MĂ€rtyrerin sein willâ.[8] Auf jeden Fall hatte sich Barth von seiner Frau entfremdet, und die intensive geistige und persönliche NĂ€he zu Charlotte von Kirschbaum stellte eine Konkurrenz dar; Barth stellte sich sogar die Frage, ob die â im Wesentlichen von seiner Mutter arrangierte[9] â Ehe nicht von Anfang an ein Fehler gewesen sei. Dennoch wurden Möglichkeiten des Zusammenlebens intensiv untereinander, in der Familie und mit Freunden diskutiert; dieses war immer problematisch und gefĂ€hrdet, hielt jedoch ĂŒber 35 Jahre.
Charlotte von Kirschbaum setzte ihre ganze Energie fĂŒr Barths Werk ein. Sie war SekretĂ€rin, bereitete VortrĂ€ge und Vorlesungen vor, lernte Sprachen und Philosophie, exzerpierte Literatur und diskutierte Barths AnsĂ€tze und Manuskripte sachkundig. Direkt auf sie gehen EntwĂŒrfe fĂŒr viele der umfassenden exegetischen und theologiegeschichtlichen Exkurse in der Kirchlichen Dogmatik zurĂŒck. Sie trat mit einigen Vorlesungen und Schriften auch als eigenstĂ€ndige Theologin hervor und hatte besonders in Bezug auf die Rolle von Frauen in Kirche und Gesellschaft gegenĂŒber Barth differenziertere Positionen. Als Barths engste Mitarbeiterin hat sie einen Anteil an seinem Werk, der bisher wenig erforscht und anerkannt ist. Ăber die vielfĂ€ltigen direkten BeitrĂ€ge hinaus versucht S. Selinger, âihre Stimme herauszuhören, [âŠ] dieselbe Stimme, mit der Barth im GesprĂ€ch standâ.[10] Sie beschreibt die ungleichen MachtverhĂ€ltnisse und die â akzeptierte â Ausbeutung, sieht aber auch eine theologische Dimension in der Beziehung, in der sich Barths VerstĂ€ndnis der Differenz von Mann und Frau konkretisiert:[11]
â[Jedes Geschlecht muss sich] durch das andere auch gefragt wissen. Das RĂ€tsel, das ihm das andere bedeutet, ist ja kein theoretisches, sondern ein praktisches, kein fakultatives, sondern ein obligatorisches. ⊠Das grosse menschliche RĂ€tsel, das, indem Mann und Frau es sich gegenseitig stellen, beide auch sich selbst zum RĂ€tsel macht. ⊠Der Mann ist durch die Frau, die Frau ist durch den Mann beunruhigt: Ohne Beunruhigung je des anderen Teils wird es, wo und wie immer MĂ€nner und Frauen sich begegnen, nicht abgehen. Das GegenĂŒber fragt eben einen Jeden und eine Jede: Warum, quo jure, bist du de facto so ganz anders als ich? Kannst und willst du dafĂŒr einstehen, dass auch deine Art â sie macht mich nĂ€mlich stutzig â menschlich ist?[12]â
Ein solches GegenĂŒber blieb ebenfalls Nelly Barth. Manche vertraulichen Fragen besprach Barth zuerst mit beiden Frauen. Mit von Kirschbaums Krankheit (Alzheimer?) kam Nelly ihm wieder nĂ€her. Die schwierige Dreiecksbeziehung beeinflusste Barths Sichtweise von der Ehe, auch von Freundschaft und Beziehungen allgemein als grundsĂ€tzlich unvollkommen, einmal als geschöpfliches Abbild (imago) göttlicher Liebe, zum anderen durch den SĂŒndenfall belastet.[13] Dies kann durch Gottes Vergebung und Gnade ausgehalten werden. Auch in menschlicher SchwĂ€che bleibt ein Kern des Urbilds. So können Barths starke Bemerkungen zur AusschlieĂlichkeit der Ehe als Heuchelei interpretiert werden,[14] geben jedoch auch das fĂŒr ihn gĂŒltige Ideal wieder, das er als nicht anders lebbar ansah. Er, Charlotte und letztlich auch Nelly betrachteten die Situation als Aufgabe fĂŒr alle Beteiligten, vor der sie nicht fliehen wollten.
Die MachtĂŒbernahme des Nationalsozialismus verĂ€nderte Barths Lebens- und Arbeitsschwerpunkt. Im Sommer 1933 grĂŒndete er mit Thurneysen die Zeitschrift âTheologische Existenz heuteâ. In der ersten Ausgabe hieĂ es:
Barth kritisierte diese Haltung 1938 selbst als nicht fortsetzbar, weil er nun gegenĂŒber Adolf Hitler eine rechtzeitige gesamtkirchliche Gegenwehr fĂŒr nötig hielt.[15]
Die versuchte ideologische und organisatorische Gleichschaltung der evangelischen Kirche stieĂ bald auf Widerstand einer protestantischen Minderheit. Barth wurde zum theologischen Lehrer der neu entstehenden Bekennenden Kirche (BK). Unter Mithilfe von Hans Asmussen und Thomas Breit arbeitete Barth im Wesentlichen die Barmer Theologische ErklĂ€rung aus, die auf der ersten Bekenntnissynode am 31. Mai 1934 von 139 Vertretern aus 18 Landeskirchen einstimmig angenommen wurde.[16] Sie wurde die theologische Basis eines kirchlichen Widerstands gegen staatliche Vereinnahmung, ansatzweise auch gegen die systematische Verletzung elementarer Menschenrechte. Ihre sechs Thesen und Antithesen fassten Barths bisherige theologische Arbeit konzentriert zusammen. Die erste These, die die folgenden begrĂŒndet, lautet:
Barth wurde mit Martin Niemöller, Karl Immer und Hermann Albert Hesse in den Reichsbruderrat, das FĂŒhrungsgremium der BK gewĂ€hlt. Diese vier traten von ihrem Amt aber schon im November 1934 zurĂŒck, nachdem der Bruderrat mit den intakten lutherischen Landeskirchen von Hannover, WĂŒrttemberg und Bayern zusammen die VorlĂ€ufige Kirchenleitung als zweites Leitungsgremium fĂŒr die BK einsetzte. Nach einer KlĂ€rung der FĂŒhrungsfrage auf der Bekenntnissynode von Augsburg kehrten Niemöller, Immer und Hesse in den Bruderrat zurĂŒck, Barth jedoch nicht. Er hatte inzwischen seine Bonner Professur verloren, nachdem er den Beamteneid auf Hitler verweigert hatte, und war nach Basel umgezogen. Er war nur bereit gewesen, den Eid mit dem Zusatz â⊠soweit ich es als evangelischer Christ verantworten kannâ zu leisten.
Auf der zweiten Bekenntnissynode in Berlin-Dahlem[17] im Oktober griff er das Schweigen der Christen gegenĂŒber der Judenverfolgung und anderen RechtsbrĂŒchen des Staates scharf an. Darum musste er 1935 in die Schweiz zurĂŒckkehren. Er wurde Professor fĂŒr Systematische Theologie in Basel, wo er bis 1962 wirkte. Er wollte aber âdie Sache der Bekennenden Kirche immer als seine eigene Sache betrachten und ihren weiteren Gang, wie er sich auch gestalten möge, so begleiten, wie Christen die Sache ihres Herrn in der NĂ€he oder aus der Ferne begleiten sollen.â [4] Dies tat er von 1938 bis 1945 durch zahlreiche VortrĂ€ge, Briefe und Eingaben an Schweizer Behörden, z. B. zur Aufnahme von aus Deutschland fliehenden Juden. Sie wurden als âEine Schweizer Stimmeâ spĂ€ter veröffentlicht.
Barths theologische Einmischung in die Politik wurde nun immer konkreter. Als Gastdozent in Aberdeen (Schottland) erklĂ€rte er im FrĂŒhjahr 1938:[4]
âEs gibt unter UmstĂ€nden eine nicht nur erlaubte, sondern göttlich geforderte Resistenz gegen die politische Macht, eine Resistenz, bei der es dann unter UmstĂ€nden auch darum gehen kann, Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Anders kann ja der Widerstand gegen die Tyrannei, die Verhinderung des VergieĂens unschuldigen Blutes vielleicht nicht durchgefĂŒhrt werden.â
Angesichts der bedrohten Tschechoslowakei forderte er im September 1938 in einem Brief an Josef HromĂĄdka (1889â1969), Dekan der Prager evangelisch-theologischen FakultĂ€t:[4]
âJeder tschechische Soldat, der dann streitet und leidet, wird es auch fĂŒr uns â und ich sage es heute ohne Vorbehalt: er wird es auch fĂŒr die Kirche Jesu Christi tun, die in dem Dunstkreis der Hitler und Mussolini nur entweder der LĂ€cherlichkeit oder der Ausrottung verfallen kann.â
Dieser Brief wurde in der âPrager Presseâ veröffentlicht und erregte viel Zorn in Deutschland, aber auch bei Europas Pazifisten. Barth schrieb dazu zwölf Jahre spĂ€ter:[18]
âIm HromĂĄdka-Brief von 1938 habe ich â um des Glaubens willen â zum bewaffneten Widerstand gegen die stattfindende bewaffnete Drohung und Aggression Hitlers aufgerufen. Ich bin kein Pazifist und wĂŒrde heute in derselben Lage dasselbe wieder tun. Der damalige Feind der tschechischen und europĂ€ischen Freiheit bewies es in jenen Tagen durch die Tat und hat es nachher immer wieder bewiesen, daĂ seiner Gewalt nur durch Gewalt zu begegnen war.â
So empfand Barth das Verhalten GroĂbritanniens bei der MĂŒnchner Konferenz 1938 als schweres Versagen. Er lieĂ sich daraufhin in der Schweiz zum Soldaten ausbilden. FĂŒr Dietrich Bonhoeffer, dessen Theologie von Barth wesentlich beeinflusst wurde, war die Barmer ErklĂ€rung wichtiger AnstoĂ und BegrĂŒndung, sich am Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu beteiligen. Er plante das Attentat Fabian von Schlabrendorffs am 13. MĂ€rz 1943 mit und wusste von den Vorbereitungen des Attentats vom 20. Juli 1944. Barth, dem Bonhoeffers Hinrichtung kurz vor Kriegsende sehr nahe ging, hat diese Versuche eines Tyrannenmords 1957 als ethisch legitim bejaht.[19]
Ein Brief Barths an die Protestanten in Frankreich (Dezember 1939) bewegte die evangelisch-reformierten Pfarrer in SĂŒdfrankreich zum Widerstand:
âFalls Jesus seine Kirche unterstĂŒtzt, tröstet und ermutigt, dann ist das, damit sie sein Zeugnis ist. Das ist genau im Hinblick auf dieses Zeugnis, dass die Gnade ihn sehen lĂ€sst. Sie wird sich nicht damit begnĂŒgen passiv zuzuschauen, mit offenem Mund. Wenn die christliche Gemeinschaft weiter schweigt und wenn sie den Verlauf der Ereignisse als einfache Zuschauerin beobachtet, verliert sie ihr Existenzrecht.â
Karl Barth unterstĂŒtzte die Bewegung âFreies Deutschlandâ in der Schweiz. Die erste legale Konferenz der Bewegung wurde in seinem Studierzimmer vorbereitet. Das Protokoll ĂŒber diese Beratung schlieĂt mit den Worten Karl Barths: âDas âFreie Deutschlandâ ist das freie Deutschlandâ.[20]
Anfang 1945 wurde Barth Mitglied im âNationalkomitee Freies Deutschlandâ, in dem Antifaschisten, Sozialdemokraten und Exilkommunisten eine sozialistische Neuordnung fĂŒr ganz Deutschland konzipierten.[21] Er setzte sich fĂŒr die umfassende Versöhnung mit den Deutschen ein und beschrieb in âDie Deutschen und wirâ Gottes Stellung zu diesem Volk mit den Worten:[22]
âHer zu mir, ihr Unsympathischen, ihr bösen Hitlerbuben und -mĂ€dchen, ihr brutalen SS-Soldaten, ihr ĂŒblen Gestaposchurken, ihr traurigen KompromiĂler und Kollaborationisten, ihr Herdenmenschen alle, die ihr nun so lange geduldig und dumm hinter eurem sogenannten FĂŒhrer hergelaufen seid! Her zu mir, ihr Schuldigen und Mitschuldigen, denen nun widerfĂ€hrt und widerfahren muĂ, was eure Taten wert sind! Her zu mir, ich kenne euch wohl; ich frage aber nicht, wer ihr seid und was ihr getan habt; ich sehe nur, daĂ ihr am Ende seid und wohl oder ĂŒbel von vorne anfangen mĂŒĂt; ich will euch erquicken, gerade mit euch will ich jetzt vom Nullpunkt her neu anfangen!â
So bekĂ€mpfte Barth in der Nachkriegszeit Rache und Hass und warb fĂŒr eine christliche SolidaritĂ€t mit den besiegten Deutschen. Dazu nahm er an wichtigen Kirchentreffen teil, z.B. an der Weltkirchenkonferenz in Amsterdam 1948, auf der er das Hauptreferat âDie Unordnung der Menschen und Gottes Heilsplanâ hielt:[4]
âInmitten dieser Unordnung Gottes Reich als das der Gerechtigkeit und des Friedens anzuzeigen, das ist der prophetische Auftrag der Kirche: der Auftrag ihres politischen WĂ€chteramtes und ihres sozialen Samariterdienstes.â
Er wurde akademisch rehabilitiert und hielt seit 1946 wieder Gastvorlesungen in Bonn und MĂŒnster. Parallel dazu setzte er seine theologische Arbeit fort und schrieb weitere TeilbĂ€nde der âKirchlichen Dogmatikâ, vor allem die Lehre von der âSchöpfungâ (KD III) und der âVersöhnungâ (KD IV). Zugleich beobachtete er aufmerksam das Zeitgeschehen und kritisierte frĂŒh die Restauration staatskirchlicher VerhĂ€ltnisse in Westdeutschland. So ergĂ€nzte er zusammen mit Hans Joachim Iwand das unkonkrete Stuttgarter Schuldbekenntnis der EKD mit einem konkreteren Bekenntnis zum Versagen der Kirche in der Kaiserzeit und der Weimarer Zeit. In diesem âDarmstĂ€dter Wortâ von 1947 bezeichnete Barth den Marxismus als legitime Erinnerung der Christen an die Auferstehung der Toten und die Diesseitigkeit des âReiches Gottesâ. Nun bekĂ€mpfte er energisch den christlichen Antikommunismus im aufkommenden Kalten Krieg und hielt am Ziel eines gesamtdeutschen demokratischen Sozialismus fest.
Barth nahm aktiv Teil am Kampf gegen die Wiederbewaffnung beider deutscher Teilstaaten, besonders aber gegen die atomare AufrĂŒstung. Als deren treibende Kraft griff er die NATO am Volkstrauertag 1954 scharf an. Am Karfreitag 1957, eine Woche nach dem Appell der âGöttinger Achtzehnâ vom 12. April, rief er die Völker der Welt zum Aufstand gegen die drohende Atombewaffnung beider Blöcke auf, und im Januar 1958 forderte er die Kirchen zum blockĂŒbergreifenden Glaubensbekenntnis gegen alle Massenvernichtungsmittel auf. Er sah diese wie den totalen Hitlerstaat als einen Angriff auf die Grundsubstanz des christlichen Glaubens, zu dem die Kirche wie nach 1933 eindeutig und unĂŒberhörbar Nein zu sagen habe. Er grĂŒndete den âEuropĂ€ischen Kongress fĂŒr nukleare AbrĂŒstungâ mit und setzte sich fĂŒr ein Verbot von ABC-Waffen in der Schweizer Bundesverfassung ein.
GegenĂŒber der neuen evangelikalen Bewegung âKein anderes Evangeliumâ wahrte Barth Distanz und forderte sie 1965 auf, klar gegen den Vietnamkrieg der USA Stellung zu beziehen. Seine theologisch begrĂŒndete Ablehnung der âAbschreckungâ mittels Atomwaffen wurde im âNachrĂŒstungs-Streitâ der 1980er Jahre nochmals akut, als der Reformierte Bund 1981 dagegen erneut die Bekenntnisfrage aufwarf. Diese wies die EKD 1982 jedoch ebenso wie 1958 mehrheitlich zurĂŒck.
1962 reiste Barth durch die USA, wo er u.a. an der University of Chicago und am Princeton Theological Seminary VortrÀge hielt. Er traf u.a. Billy Graham und Martin Luther King, an dessen Gottesdienst in der University Chapel er am 29. April 1962 teilnahm.[23]
1963 wurde er vom Vatikan eingeladen, als Beobachter an den zwei letzten Sessionen des II. Vatikanischen Konzils teilzunehmen, musste aber wegen Krankheit absagen. 1966 reiste Barth nach Rom und traf Papst Paul VI. und Kardinal Alfredo Ottaviani zu lĂ€ngeren theologischen GesprĂ€chen. DarĂŒber berichtete er in seinem Werk Ad limina Apostolorum. Er kritisierte darin die ErklĂ€rung Nostra Aetate wegen ihrer Einordnung des Judentums als âReligion unter Religionenâ, bemĂ€ngelte ein fehlendes gesamtkirchliches Schuldbekenntnis gegenĂŒber den Juden und Muslimen fĂŒr die KreuzzĂŒge.
Ganz am Ende seines Lebens hat Barth noch eine ihn ausfĂŒllende Freundschaft mit dem Dramatiker Carl Zuckmayer erfahren, von der ein 1977 von Hinrich Stoevesandt edierter Briefwechsel zeugt.
Mehrere Operationen und lĂ€ngere Krankenhausaufenthalte unterbrachen Barths Weiterarbeit an der Kirchlichen Dogmatik, so dass sein Hauptwerk unvollendet blieb. Von 1966 bis 1968 konnte er nochmals Seminare an der Basler Theologischen FakultĂ€t abhalten. Seine letzte theologische ĂuĂerung galt Israel.
Karl Barth fand seine eigene theologische Sprache ganz allmĂ€hlich im Hören auf die Bibel. Nur dort fand er Gottes Wort fĂŒr alle Menschen bezeugt: Jesus Christus allein ist fĂŒr ihn dieses Wort. Aber derselbe Gott hat sich schon in der Heilsgeschichte des erwĂ€hlten Volkes Israel offenbart: Dies war fĂŒr Barth der SchlĂŒssel zum Verstehen des Neuen Testaments. Indem Jesus Christus den âungekĂŒndigten Bundâ Gottes mit Israel erfĂŒllt, hat er die Menschheit in ihn einbezogen. So erhalten wir Anteil an den Israel geschenkten VerheiĂungen. Darum und daraufhin können wir auch im sonstigen Weltgeschehen âwahre Worteâ entdecken: nie unabhĂ€ngig von Jesus Christus, aber dann auch nicht nur in ihm. Im dritten Teil seiner Versöhnungslehre betonte Barth daher die notwendige Offenheit der Kirche fĂŒr âLichterâ, die das âLichtâ des Mensch gewordenen Gottes in der Welt zum Leuchten bringt.
Diese Aspekte lassen sich in Barths Theologie nicht voneinander trennen; aber er betonte sie nicht alle zugleich, sondern je nach den Erfordernissen der Zeit. Am Anfang stand das âGerichtâ des Wortes Gottes â die Negation â im Vordergrund: Er betonte die radikale Krise, die das unverfĂŒgbare kommende Reich Gottes in der vom selbstverschuldeten Krieg beherrschten menschlichen Gesellschaft auslöst. Am Ende hob er immer stĂ€rker die universale Weite der unsichtbaren Herrschaft Jesu Christi in der Welt hervor. Die begrĂŒndende Mitte fĂŒr beides ist das Versöhnungsgeschehen zwischen Gott und Welt in Jesus Christus. Diese âPositionâ schwĂ€chte Barths radikale Kirchen-, Religions- und Gesellschaftskritik aber nicht ab, sondern fĂŒhrte sie vielmehr erst recht durch: Der letzte Band seiner âKirchlichen Dogmatikâ begrĂŒndete gegen volkskirchliche Strukturen die Erwachsenentaufe und forderte ultimativ den weltweiten Kampf der Christen um irdische Gerechtigkeit, an dem Jesus Christus sie beteiligt.
Das Versagen fast aller seiner Lehrer und der Kirchen gegenĂŒber dem Ersten Weltkrieg bewegte Barth zum radikalen Bruch mit der anthropozentrischen Religions- und Bewusstseinstheologie des 19. Jahrhunderts. Im Römerbrief des Paulus fand er die Krise der Selbstoffenbarung Gottes, die alle menschlichen Versuche durchschlĂ€gt, sich ihrer zu bemĂ€chtigen (1. Auflage 1919; 2. Auflage 1922, S. 6):
âJesus als der Christus ist die uns unbekannte Ebene, die die uns bekannte senkrecht von oben durchschneidet.â
So entdeckte Barth den âunendlichen qualitativen Unterschiedâ (Kierkegaard) von Gott und Welt neu in der Bibel: Dabei stand zunĂ€chst die scharfe Kritik an den âBindestrichâ-Theologien im Vordergrund, die ein ewiges mit einem bloĂ zeitlichen Anliegen meinten bequem verbinden zu können und damit dem Gericht des geschichtlichen Offenbarungshandelns Gottes bereits verfallen waren. Damit rief Barth die Kirche energisch zu ihrer âSacheâ, Gottes Wort allein:
âWir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.â
Daraus entstand seit 1918 die Bewegung der so genannten dialektischen Theologie als neue Herausforderung fĂŒr eine grundlegende Kirchen- und Gesellschaftsreform.
In den 1920er Jahren wandte sich Barth vom Neuprotestantismus oft vernachlĂ€ssigten dogmatischen Fragen zu und studierte grĂŒndlich altkirchliche Dogmengeschichte und die Reformatoren. Mit den Prolegomena zur Christlichen Dogmatik begann 1927 seine Vorarbeit fĂŒr sein Hauptwerk (s.u.). In seinem Buch ĂŒber Anselm von Canterbury, Fides quaerens intellectum (Glaube, der nach Erkenntnis fragt), setzte er sich 1931 mit dem ontologischen Gottesbeweis auseinander und interpretierte ihn streng christologisch. 1932 analysierte er die Geschichte der protestantischen Theologie mit dem Ergebnis, sie habe ihr Thema seit dem 18., dann verschĂ€rft im 19. Jahrhundert verloren und neben und ĂŒber Gottes Wort eine âberechtigte EigenmĂ€chtigkeitâ des Menschen gestellt und damit die kirchliche Botschaft dem Zeitgeist ausgeliefert. Man hat dies oft als Wende Barths von der Dialektik zur Orthodoxie gedeutet; er selbst sah darin nur die nötige Konsequenz seines Rufs zur Sache der Theologie angesichts der aktuellen politischen Entwicklung: âŠich sah, dass das liebe deutsche Volk da anfing, einen falschen Gott anzubeten.[24]
So trat Barth ab 1933 nicht nur den âDeutschen Christenâ, sondern auch den orthodoxen Lutheranern und Jungreformatoren mit ihrer Zwei-Reiche-Lehre entgegen, die er fĂŒr falsch hielt. Angeregt durch Gerhard von Rad, hatte er die alttestamentliche Bundestheologie entdeckt. In einem Vortrag kurz nach den Reichstagswahlen vom 5. MĂ€rz 1933, die die Aufhebung der Demokratie durch die Nationalsozialisten bestĂ€tigten, erklĂ€rte er das 1. Gebot als theologisches Axiom. Hier legte er einen Grundstein fĂŒr seine ganze spĂ€tere theologische Arbeit: die unauflösbare Korrelation des Christusgeschehens zum Exodusgeschehen, also der Inkarnation und evangelischen Rechtfertigungslehre zur Selbstoffenbarung Gottes in der Geschichte Israels. Zum Geburtstag schickte er Adolf Hitler damals eine seiner Predigten, in der er das Volk Israel als âGottes Augapfelâ zur unaufgebbaren Voraussetzung des Christentums erklĂ€rte. Daraus folgte 1934 sein radikales Nein! (Aufsatz gegen Emil Brunner) zu jeder Form natĂŒrlicher Theologie, die mit einer allgemeinen FĂ€higkeit zum Hören des Wortes Gottes rechnet und Gott mit der menschlichen Sinnfrage die Antworten meint vorschreiben zu können.
Die Barmer Theologische ErklĂ€rung fasste Barths Neuansatz dann gĂŒltig zusammen und gab der Bekennenden Kirche die theologische Basis ihres Widerspruchs gegen die HĂ€resie des rassistischen Christentums und gegen den TotalitĂ€tsanspruch des Hitlerstaates. Dies verstanden damals nur wenige evangelische Christen wie Bonhoeffer so, wie Barth selbst es 1938 unmissverstĂ€ndlich klar machte: als unbedingten aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
â Hauptartikel: Kirchliche Dogmatik
Barth begann in betontem Kontrast zu Schleiermacher mit einer Lehre vom Wort Gottes, die zugleich TrinitĂ€tslehre ist (KD I/1, 1932). Er entfaltete Anselms Satz âGott kann nur durch Gott erkannt werdenâ nun trinitarisch: Jesus Christus allein ist Gottes Selbstoffenbarung mitten in der Zeit. Daher kann Gott, der Vater und Schöpfer, nur von Gott, dem Sohn, durch den Heiligen Geist als der Gott erkannt werden, der seine Welt mit sich versöhnt und so unsere Gotteserkenntnis schafft.
WĂ€hrend die katholische und lutherisch-orthodoxe Dogmatik allgemeine (natĂŒrliche) und spezielle (christologische) Offenbarung Gottes auftrennte, setzte Barth sie in eins: Indem Gott in Christus sein Wesen als der Dreieinige offenbart, schafft er die Möglichkeit der Gotteserkenntnis, die uns von Natur aus schlechthin unmöglich ist und bleibt. Nur weil Gott dieser höchst besondere, in sich selbst lebendige Gott ist, kann er sich als der offenbaren, der er ist. Wie wir ihn erkennen und was er fĂŒr uns ist (dogmatisch formuliert: âökonomischeâ und âimmanenteâ TrinitĂ€t), fallen daher â von Gott, nicht vom Menschen her! â zusammen.
Barth begrĂŒndete Gottes Dasein und Sosein mit nichts als Gott selbst, unterwarf es also keinem Ober- und AuĂenbegriff. Allerdings setzte er dabei implizit bereits das Geschehen von Kreuz und Auferweckung voraus, das er spĂ€ter differenziert entfaltete. Er betonte eine streng christozentrische Erkenntnistheorie: Alle theologischen Aussagen mĂŒssen sich am Christusereignis messen lassen und von diesem her bestimmt werden. Die die Theologiegeschichte beherrschende Analogia entis (Ontologie) wird transformiert in eine analogia fidei: Glaube an Jesus Christus als einzigen Gott ist das scharfe Gegenteil von Religion, die Gott âeigenmĂ€chtigâ mit uns zu versöhnen sucht.
Der berĂŒhmte Paragraph 17 von KD I/2 (1937) fasst Barths Religionskritik an der ĂŒber 1700-jĂ€hrigen Fehlentwicklung des Christentums, die im Versagen gegenĂŒber der Hitlerdiktatur unĂŒbersehbar wurde, in dem Satz zusammen: Religion ist Unglaube. Denn nur Gott selbst könne von Gott reden. Seine SouverĂ€nitĂ€t, die âvon obenâ in die heillos in-sich-verschlossene Selbstrechtfertigung und Bilderfabrik des Menschen einbreche, blieb das Leitmotiv. Aber Gott habe in der Geschichte Jesu Christi schon sein endgĂŒltiges Ja-Wort zum Menschen gesprochen: Im Licht dieser exklusiven Rechtfertigungstat sei diese unerlöste Welt doch schon mit Gott versöhnt. Indem das unausweichliche Gericht des Kreuzes die vom religiösen Menschen produzierten Nicht-Götter als Verleugnung Gottes aufdecke, diene es der Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zum freien und frohen Dienst an Gottes Geschöpfen (Barmer These I).
Davon ausgehend begann Barth, die Aufgabe der Kirche in der Welt völlig neu zu bestimmen. Sowenig wie Christus- und Gotteserkenntnis lassen sich Dogmatik und Ethik bei ihm trennen. Er kehrte die lutherische Folge von âGesetz und Evangeliumâ um zu Evangelium und Gebot und suchte die verbindende Analogie von Rechtfertigung und Recht in der alleinigen Christusherrschaft. Damit begrĂŒndete er das politische Widerstandsrecht der Christen gegen einen totalen Staat, der die Menschenrechte mit FĂŒĂen tritt.
1940 erschien der erste Band der Gotteslehre (KD II/1), 1942 erschien dann mit der Lehre von Gottes Gnadenwahl der zweite Band (KD II/2). Diese ist der eigentliche Kern des riesigen GedankengebĂ€udes der KD, das sich âwie Kreise um einen ins Wasser geworfenen Steinâ konzentrisch ausbreitete. Die Vorrangstellung der PrĂ€destination als Auslegung der Inkarnation zeigte sich schon in KD I an Barths betont ârealistischerâ Lehre von der Jungfrauengeburt Jesu Christi, in der â höchst ungewöhnlich in der protestantischen Theologie â Maria zu vollen Ehren kam. Jeder menschliche Zugriff auf das Wunder der Offenbarung ist ausgeschlossen: Es handelt sich dabei nur um die DurchfĂŒhrung des in Ewigkeit Beschlossenen. Dies entfaltete er nun aber ganz vom âungekĂŒndigten Bundâ (Martin Buber) mit Israel her. Der Ruf zur unbedingten kirchlichen SolidaritĂ€t mit dem Judentum wurde sein VermĂ€chtnis an die Ăkumenische Bewegung.
1951â1954 folgte die Schöpfungslehre (KD III): So wie die Schöpfung der âĂ€uĂere Grund des Bundesâ Gottes mit Israel â und darin eingeschlossen der Menschheit â ist, so ist Gottes eigene BundeserfĂŒllung in Christus der âinnere Grund der Schöpfungâ. Dies begrĂŒndete Barths nun immer stĂ€rkere Hinwendung zur Welt, die nicht aus sich heraus gut werden kann, aber von vornherein gerechtfertigt und begnadigt als gute Welt erkannt und gestaltet werden kann. Hier entwarf er auch eine Anthropologie des Dialogs, in der er sowohl Bonhoeffers Ethik des âMenschseins fĂŒr Andereâ als auch Martin Bubers dialogische Anthropologie (Ich und Du) aufgriff.
In seiner Versöhnungslehre (KD IV, 1956â59) wagte Barth nochmals einen Neuansatz auch gegenĂŒber KD I/1. Er nahm nun Martin Luthers theologia crucis voll auf und integrierte sie in Johannes Calvins ĂŒbergreifenden, vom Alten Testament bestimmten Bundesbegriff: In der tiefsten Erniedrigung des Gottessohnes, nĂ€mlich in seinem Tod am Kreuz, offenbart Gott indirekt sein wahres Gottsein. Zugleich geschieht mit der endgĂŒltigen Erhöhung des Menschensohns (Barth verwendet diesen Hoheitstitel hier inklusiv) die unĂŒberbietbare Rechtfertigung und Heiligung unseres Menschseins: In dieser Doppelbewegung, die nur von Gott selbst her erkannt werden kann, vollzieht sich die Versöhnung. Sie ist fĂŒr Barth der Oberbegriff, in den er Freiheit und Gerechtigkeit integrierte. Damit erfĂ€hrt MenschenwĂŒrde ihre eigentliche BegrĂŒndung, die von keiner empirischen und historischen Erfahrung ableitbar und ĂŒberholbar ist.
Damit verlegte Barth den Akzent vom richtenden hin zum gnĂ€digen Gott: im bewussten Kontrast zu gnadenlosen âKreuzzugs-Ideologienâ von West und Ost, die die Menschheit im Kalten Krieg an den Abgrund fĂŒhrten.[25] Die Menschlichkeit Gottes (Aufsatztitel) ersetzt sein unnahbares Gottsein aber nicht, sondern erfĂŒllt dieses allererst. Gerade in der Gottverlassenheit des Gekreuzigten ist der âGanz Andereâ, der weltlose Ungreifbare, uns ganz nah, und gerade so ist er ganz Gott: Gottes Allmacht ist seine FĂ€higkeit zur Ohnmacht, die er mit uns teilt. Dies kann nur von Gott selbst, nĂ€mlich durch den Geist des Auferweckten erkannt werden, der die im Kreuz verborgene Versöhnung der Welt in Kraft setzt.
Barths SĂŒndenlehre definiert SĂŒnde als das Nichtige, schlechthin von Gott Verworfene: Was das Böse und wie gefĂ€hrlich es fĂŒr alles Leben eigentlich ist, kann wiederum nur von seiner Ăberwindung im Kreuz Jesu Christi her erkannt werden. Indem Gott in Christus das Böse erleidet und daran stirbt, verneint er es endgĂŒltig, entzieht er ihm schon seinen Existenzgrund, entmachtet er schon seine scheinbar totale Weltherrschaft. Darum konnte Barth in einer âAbschreckungâ mit Massenvernichtungsmitteln nur den Teufel am Werk sehen, mit dem der Mensch keine Kompromisse eingehen kann, ohne letztlich zu unterliegen. Widerstand dagegen mit allen verfĂŒgbaren, d.h. christlich möglichen Mitteln war sein geradezu befehlender Ruf an die Völker aller LĂ€nder, noch bevor Albert Schweitzer 1958 zum Stopp aller Atomtests aufrief.
Die TrinitĂ€tslehre, die am Anfang der KD stand, wird nun nochmals hinsichtlich des Weltbezugs entfaltet: Jesus Christus als sein eigener Prophet decke das Kommen Gottes zur Welt, die Revolution dieser Welt, ihr Ende und ihr Neuwerden auf. Seine Königsherrschaft sei bereits insofern wirksam, als sie uns zum Entdecken von âLichternâ, Analogien zu seinem Reich in der Welt befĂ€hige (KD IV/3, § 69): Dazu gehörte fĂŒr Barth der demokratische Rechtsstaat (Christengemeinde und BĂŒrgergemeinde) ebenso wie der Sozialismus und Marxismus (DarmstĂ€dter Wort), aber auch die Begegnung und der Dialog mit den Religionen, allen voran dem Judentum, zur gemeinsamen Bewahrung der Schöpfung (Ad limina Apostolorum).
Im ersten Römerbriefkommentar sprach Barth in Bildern eines âHohlraumsâ, âKratersâ oder âEinschlagtrichtersâ von der Offenbarung: Damit schien er eine negative Ontologie anzudeuten. Da der Mensch ohne Gott nicht von Gott reden kann, kann jede seiner Aussagen ĂŒber Gott nur auf dessen eigenes Wort hinweisen. Mehr als dieser ohnmĂ€chtige Fingerzeig kann Theologie niemals sein. Hier stellen Kritiker die Frage, wie âĂŒberhaupt eine theologische Aussage getroffen werden [kann], so dass sie dem aktualen Geschehen [scire: des Wortes Gottes] nicht vorgreiftâ (F. Schmid 1964, S. 39).
Barth antwortete darauf nur âim Vorbeigehenâ. Im GesprĂ€ch mit seinem Bruder, dem Philosophen Heinrich Barth, war er um 1925 zu einer grundlegenden Skepsis gegen jede vorlaufende Hermeneutik gelangt, die er als Einengung des freien Nachdenkens ĂŒber Gottes Selbstzeugnis empfand. Seine Offenbarungslehre fasst Gottes Wesen als Prozess seiner Selbstmitteilung auf: Gottes Sein ist im Werden (Eberhard JĂŒngel). Sein explizites Handeln am Menschen (actio) geht aber niemals in ein ruhendes Sein ĂŒber und ist daher auch nie im angeblich selbststĂ€ndigen âSein-selbstâ (Gottesbegriff Paul Tillichs) auffindbar. Sowohl Hören als auch Verstehen des Wortes Gottes ist in dessen eigene Offenbarungstat eingeschlossen.
Nachdenken ĂŒber Gottes Selbstauslegung bedeutet fĂŒr Barth die Unmöglichkeit, von Christus absehend einen Seitenblick auf die âWeltâ oder âExistenzâ an sich zu werfen. Damit grenzte er sich seit 1930 auch von ehemaligen WeggefĂ€hrten wie Emil Brunner oder Friedrich Gogarten ab, die die Christusbotschaft mit einer natĂŒrlichen Gottesebenbildlichkeit, Ordnungsstrukturen oder menschlichen AbhĂ€ngigkeitserfahrung vermitteln wollten. Seit 1941 â dem Jahr von dessen berĂŒhmtem Vortrag Neues Testament und Mythologie â setzte er sich auch mit Rudolf Bultmann auseinander, der eine ausgefĂŒhrte Existenzanalyse im Sinne Martin Heideggers zur Bedingung sinnvoller theologischer Aussagen machte. Barth regte seinen Basler Kollegen Fritz Buri an, eine Dogmatik (drei BĂ€nde âDogmatik als SelbstverstĂ€ndnis des Christlichen Glaubensâ) aus Sicht liberaler Theologie zu verfassen. Barth verwies selbst nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch die Möglichkeit der Offenbarung radikal in Gottes Bereich. Sein eigenes Wort schafft erst den Menschen, der es hören kann (Fidens quaerens intellectum, S. 139):
âWeil Gott da ist, darum gibt es Dasein ĂŒberhaupt. [âŠ] Alles, was auĂer ihm da ist, ist gleichsam in der Klammer seines Daseins da und also auch nur in der Klammer des Denkens seines Daseins (seines nicht negierbaren Daseins!) als daseiend denkbar â und also, von dieser Klammer abgesehen, immer auch als nicht da seiend denkbar.â
FĂŒr Barth war Christus das einzige Abbild Gottes. Darum kann der Mensch nach dem SĂŒndenfall Gott nur durch und in Christus erkennen. Bereits Dietrich Bonhoeffer ĂŒbernahm die darin begrĂŒndete Unterscheidung von Glaube und Religion und radikalisierte sie in seiner Frage nach einem religionslosen Christentum. Angesichts des Verlusts des âreligiösen Aprioriâ, von Innerlichkeit, Gewissen und klassischer Metaphysik habe Barth jedoch âin der nichtreligiösen Interpretation theologischer Begriffe keine konkrete Wegweisung gegeben, weder in der Dogmatik noch in der Ethik. Hier liegt seine Grenze und darum wird seine Offenbarungstheologie positivistisch, âOffenbarungspositivismusâ, wie ich mich ausdrĂŒckte.â Die Bekennende Kirche sei â allerdings in Abwendung von Barths Ansatz â âvom Positivismus in die Restauration geratenâ. Barth sei durch die liberale Theologie negativ bestimmt, und deren Frage sei so nicht wirklich aufgenommen, mit dem Ziel: âDie MĂŒndigkeit der Welt ist nun kein AnlaĂ mehr zu Polemik und Apologetik, sondern sie wird nun wirklich besser verstanden, als sie sich selbst versteht, nĂ€mlich vom Evangelium, von Christus her.â[26]
Deutsche Lutheraner haben die schroffe Alternative zwischen Analogia entis und analogia fidei stets als Problem gesehen (âfriss Vogel, oder stirbâ) und den Streit um Brunners Imagolehre (1934) nach 1945 weitergefĂŒhrt. Man warf Barth einen âChristomonismusâ vor, der die menschliche RealitĂ€t âin Gott aufhebtâ und so unerreichbar werden lĂ€sst (G. Berkouwer). Seine Bibelexegese wurde als falsch und kĂŒnstlich kritisiert, da er den Verlust der Erkenntnismöglichkeit des Menschen â die so genannte Formalimago â nicht belegen konnte. Beliebt war auch die Kritik am âGlockengelĂ€ut im Himmelâ (Heinz Zahrnt), das niemand auĂer Gott selbst hören könne. Die Frage lautete, ob Gott ein reines SelbstgesprĂ€ch fĂŒhre oder wie er den Menschen am Offenbarungsgeschehen beteilige.
Das warf erneut die Frage nach vorlaufenden weltlichen Strukturanalogien oder anthropologischen âGrundkonstantenâ auf, auf die Gottes Offenbarung sich beziehen soll. Viele Theologen wollten ĂŒber Barth âhinausgehenâ und das menschliche Sein so beschreiben, dass es von sich aus â auch abgesehen von der Offenbarung in Christus â auf Gott hinweise.
In seiner Religionskritik § 17 hat Barth die theoretische Möglichkeit des Menschen, Gott von sich aus zu erkennen, durchaus zugestanden. Aber da er immer schon vom Christusgeschehen her dachte, konnte er nur feststellen: Faktisch hat der Mensch Gott eben nicht erkannt, sondern ihn mit Christus getötet und aus der Welt herausgedrĂ€ngt. Damit hat er sich dem ewigen Tod ausgeliefert. Die HĂ€rte dieses endgĂŒltigen Nein ist nicht zu umgehen. Nur Gott selber konnte in dieser Negation ein-fĂŒr-allemal seine unbegreifliche Gnadentat vollziehen. Und nur Gott selbst kann dies in der Auferweckung seines Sohnes aufdecken und hat das getan. So bleibt menschliches Reden von Gott die âunmögliche Möglichkeitâ, die nur Gottes Geist schaffen kann.
Dabei behauptete Barth Gottes SouverĂ€nitĂ€t nicht abstrakt und steril, sondern beschrieb sie als nach mehreren Aspekten differenzierten, realen Kampf Jesu Christi mit den âMĂ€chten und Gewaltenâ, gegen die er unterliegend siegt, so dass die Dialektik von Kreuz und Auferweckung sich stĂ€ndig neu gegen unsere Vereinnahmung Gottes und unsere gesellschaftlich deformierten Verstehensbedingungen durchsetzen kann. Die Ablehnung der natĂŒrlichen Theologie war daher fĂŒr Barth nicht mit der Lehre vom Wort Gottes abgeschlossen: Vielmehr muss alle Erkenntnis Gottes, seiner Schöpfung, der SĂŒnde und des eigenen Selbst immer wieder neu aus dem Christusereignis errungen werden.
In seinem spÀteren Werk[27] formulierte Barth im Rahmen seiner Theologie der Schöpfung eine eigenstÀndige imago-Lehre als analogia relationalis.
Barth beschrieb Gottes Handeln anfangs als âreinen Aktâ, der nie zu einem anschaulichen Sein gerinnt. Auch die Analogien, die Gottes Tat in Christus aufdeckt und herstellt, bleiben allein seine eigene Möglichkeit und werden dem Menschen nie verfĂŒgbar. Rechtfertigung und Heiligung des Menschen sind nicht empirisch wahrnehmbar, die christologischen Analogien sind nicht ârĂ€umlichâ darstellbar, sondern zerfallen in lauter unverbundene Einzelmomente, die nur im Glauben âje und jeâ als ein und desselben Gottes Handeln hingenommen werden können. Zwar verschob Barth die Akzente von Transzendenz (Gott ist der âGanz Andereâ) ĂŒber Immanenz (Gott ist der mit Christus âfĂŒr Andereâ Leidende) zur Transparenz (Gottes Licht âerleuchtetâ uns zum Entdecken anderer âLichterâ in der Welt, die ihm Ă€hneln) (Pöhlmann, 112): Aber seinen grundsĂ€tzlicher Aktualismus gab er nie auf. Damit schien das Sein von Welt und Mensch âsubstanzlosâ zu werden, und so lieĂ sich nach verbreiteter Ansicht keine stabile Kirche bauen.
Schon Dietrich Bonhoeffer versuchte in seiner Habilitationsschrift Akt und Sein die Kirche stĂ€rker als realsakramentalen âLeib Christiâ darzustellen: auch in ihrer Bedeutung fĂŒr die Gotteserkenntnis der Welt. Ăhnlich haben Theologen wie Gerhard Ebeling oder Wilfried Joest Gottes Wesen als âSein und Aktâ verstanden und daraus eine dynamische und statische Wirklichkeitsauffassung abzuleiten versucht. Joest vertrat die Ansicht: Schon die [âŠ] Schöpfung kommt aus der in sich ruhenden Seinsmacht Gottes und durch sie hindurch wird auch dem Menschen substantielles Sein verliehen. Diese âSubstanzâ aber beinhaltet seine Gottebenbildlichkeit, kraft derer er Gott erkennen kann.
Aber welches Sein? Strukturkonservative Theologen wie Paul Althaus, Helmut Thielicke oder Walter KĂŒnneth kamen von da aus stets zu raschen BestĂ€tigungen sehr fragwĂŒrdiger RealitĂ€ten (âVolkstumâ, âStaatâ, âAtombombe als Zuchtrute Gottesâ). Barths theologischer Konflikt mit ihnen war indirekt auch politisch. Auch Wolfhart Pannenberg, der seit 1961 Hegels Programm âOffenbarung als Geschichteâ zu erneuern suchte, stand er sehr skeptisch gegenĂŒber. Denn er sah, dass alle diese EntwĂŒrfe Gottes exklusive Offenbarung in Christus von einem vor- und ĂŒbergeordneten Existenz-, Ordnungs- oder Geschichtsbegriff her relativierten und damit zwangslĂ€ufig verkĂŒrzten. So konnte aus seiner Sicht das wirklich Neue, das Gottes Offenbarung in die Welt gebracht hat, gerade nicht gehört werden.
In seiner Versöhnungslehre gelang es Barth, ein ungelöstes Problem der Reformation einer Lösung nĂ€herzubringen: Er integrierte die altkirchliche Zwei-Naturen-Lehre und die lutherische Zwei-StĂ€nde-Lehre so, dass der wahre Gott in der Erniedrigung, der wahre Mensch in der Erhöhung Jesu Christi erkennbar werden. Beide âNaturenâ sind also keine ZustĂ€nde im Wesen Gottes, sondern werden eins in ihrem Geschehen, das der Mensch nur wie einen âVogel im Flugâ nachzeichnen kann. Gottes eigenes Handeln verbindet untrennbar Person (wer?) und Werk (was?): Jesus Christus ist diese Aktion Gottes. Barths Intention dabei zeigt folgendes Zitat (KD III/2, S. 177 f):
âWas sagt der Mensch Jesus inmitten des Kosmos, inmitten der anderen Menschen? Wollen wir es aufs einfachste ausdrĂŒcken, so mĂŒssen wir zweifellos antworten: Er sagt sich selber. Er redet ja, indem er existiert. Er ist, indem er ist, das Wort Gottes. [âŠ] So ist seine eigene Existenz der Inhalt der Rede dieses Menschen. Er redet also von der in ihm sich ereignenden geschöpflichen Gegenwart, Aktion und Offenbarung Gottes, von Gottes Rettertat und damit von seinem Reich, vom Geschehen seines Willens, von seinem eigenen geschöpflichen Sein, vom Dienst an diesem Geschehen, von Gottes Herrschaft ĂŒber ihn und darum von seiner eigenen Freiheit fĂŒr diesen Dienst. Der Mensch Jesus selbst ist ja diese Rettertat, dieses Geschehen, dieser Dienst, er ist diese Herrschaft des Schöpfers und diese Freiheit des Geschöpfes.â
Nur wenn und weil Gott der âin Freiheit Liebendeâ ist und âin der Liebe Freieâ (KD III/1) bleibt, kann auch der Mensch jenseits aller religiösen Selbstsicherung frei fĂŒr Andere sein und werden.
Im dritten Teil seiner Versöhnungslehre entfaltet Barth die positive Beziehung der Offenbarung zur Erfahrungswelt der Geschichte (ProfanitĂ€t) und der Religionen (KD IV/3, § 69). Denn Jesus Christus offenbart seine Wahrheit nicht nur den GlĂ€ubigen und der Kirche, sondern redet die Welt an, will sich ihr mitteilen, sie einbeziehen und verwandeln. Obwohl diese Welt ânoch nicht erlöstâ ist und sich nie von sich aus zu Gottes Reich entwickeln kann, ist sie doch fĂ€hig, dieses Endziel des Glaubens abzubilden und zu spiegeln. Diese GleichnisfĂ€higkeit deckt Gott selber auf, indem er Mensch wird.
Aber diese GleichnisfĂ€higkeit sieht man der Welt nicht an. Der Grund dafĂŒr ist das Kreuz Jesu Christi. Hier, wo Gott ganz fern, unerkennbar, verborgen ist, dort geschieht die nur von ihm selbst her erkennbare Rettung der Welt aus SĂŒnde und Tod. Was das fĂŒr die Welt bedeutet, lĂ€sst sich nicht im Allgemeinen entdecken und ausweisen, sondern nur im rĂŒckhaltlosen Vertrauen auf Christi Selbstbezeugung (die âKraft der Auferstehungâ, so Barths Ausdruck fĂŒr den Heiligen Geist). Jesus Christus, der Auferstandene, ist sein eigener Zeuge: ER deckt Gottes vollendete Versöhnung mit der Welt auf und gibt ihr dadurch eine Zukunft, die aus ihr heraus nicht zu finden ist.
Die Versöhnung mit der Welt geschieht aber so, dass Gott in Christus seinen Bund mit Israel erfĂŒllt. Damit bekrĂ€ftigt er diesen Bund und seine universale Heilsbedeutung unwiderruflich. Die ganze Heilsgeschichte Israel-Judentums ist fĂŒr Barth daher per se sprechend, prophetisch, zukunftsweisend, und geht alle Völker an. Israel ist nicht nur Zeuge des Gerichts und der Gottesferne (so Barth noch in KD II/2), sondern Zeuge des Heils fĂŒr die Christen und die Menschen aus den Völkern. Deshalb hat die Versöhnung der Völker mit Israel fĂŒr Barth entscheidenden Vorrang: Das wĂ€re das erste notwendige Christuszeugnis der Kirche aller Welt gegenĂŒber (Eph 2, 11 ff).
Ohne das Judentum kann die Kirche der Welt keine Hoffnung verkĂŒnden: Dies hat Barth der Ăkumene 1954 auf der Tagung in Evanstown eingeschĂ€rft. Denn der jĂŒdische Glaube an den Gott der Sklavenbefreiung widersteht allen metaphysischen Gleichungen von Welt und Gott: Darin steckt unabgegoltene Hoffnung fĂŒr alle Sklaven. Nicht âErlösungâ aus der bösen Welt durch ein weltloses Jenseits, sondern Befreiung dieser gut geschaffenen Welt von allen versklavenden MĂ€chten ist die besondere Botschaft Israels. Der Dialog mit dem Judentum hatte fĂŒr Barth daher bleibenden Vorrang vor dem allgemeinen Religionsdialog.
Aber weil Jesus Christus, der fĂŒr uns Gekreuzigte, auferstanden ist, hat die vollendete Versöhnung ein Ziel, eine Perspektive: Gottes Reich wird kommen, ja es hat in Christus unsichtbar schon begonnen, die Welt zu verwandeln. Darum sollen die Christen mit der Möglichkeit, ja Notwendigkeit von konkreten âGleichnissenâ (Analogien, Abbildern) dieses Reiches im Weltgeschehen rechnen. Und darum ist die Christenheit auf den Dialog, die Kommunikation mit anderen Religionen angewiesen.
Was Christus im Weltgeschehen gleicht, kann aber nie âvon auĂenâ verifiziert werden: Das wĂ€re eine apologetische BestĂ€tigung der christlichen Wahrheit durch selbstgewĂ€hlte allgemeine Strukturanalogien (so u.a. bei Rudolf Otto, Hans Waldenfels, Hans KĂŒng). Sondern sie muss ânach auĂenâ bewĂ€hrt werden: durch konkrete Nachfolge Jesu auch im VerhĂ€ltnis zu anderen Religionen. Weil der fĂŒr alle Menschen Gekreuzigte sein eigener Zeuge bleibt, können seine Nachfolger keine allgemein verbindende Wahrheit aller Religionen unterstellen, um ihren Glauben dann als deren âhöchsteâ Verkörperung auszuweisen. Sie mĂŒssen vielmehr auf jeden absoluten Wahrheitsanspruch verzichten zu Gunsten einer menschlichen Begegnung mit AndersglĂ€ubigen. Sie können deren eigene Wahrheiten anerkennen und mĂŒssen nicht versuchen, diese christlich zu vereinnahmen: im Wissen darum, dass nur Gott selbst uns rechtfertigt und heiligt.
Andererseits können andere Religionen, aber auch profane Weltanschauungen und PolitikentwĂŒrfe die Kirche âvon auĂenâ an ihre eigene, vergessene Botschaft erinnern: So fand Barth im Marxismus eine Erinnerung an die Auferstehung der Toten, im demokratischen Sozialismus an die gerechte Weltordnung, die Gottes Propheten verheiĂen haben, in der Demokratie an die Freiheit, zu der Christus jeden Einzelnen befreit, und sogar im Buddhismus â an die âradikale ErlösungsbedĂŒrftigkeitâ des religiösen Menschen, dessen Ego stĂ€ndig neue Gottes- und Menschenbilder produziert, die ihm den Weg zur schon geschenkten Erlösung verstellen.
Weil Jesus Christus allein als der âMensch fĂŒr Andereâ (Dietrich Bonhoeffer) Gottes Ebenbild ist, darum können wir menschlich und Anderen zugewandt leben. Die Kirche war daher fĂŒr Barth nur soviel wert, wie sie sich der Welt und deren Nöten öffnet und ihr âprophetisches Amtâ wahrnimmt. Sie muss ihren Glauben an Gottes Reich nicht anderen ĂŒberstĂŒlpen und kann ihn gerade darum solidarisch mit ihnen bezeugen: indem sie gemeinsam mit AndersglĂ€ubigen eine gerechte Weltordnung aufbauen hilft, die Alle zu ihrem Menschenrecht kommen lĂ€sst. Diese globale Perspektive hat die bekenntnistreue Ăkumene festzuhalten und anzumahnen, wo die Politik sie aufgibt und verrĂ€t. Das Christuszeugnis, das der Weite der unsichtbaren Herrschaft Jesu Christi entspricht, steht also im Sinne Barths noch aus.
Barth gilt weithin als der bedeutendste und einflussreichste evangelische Theologe des 20. Jahrhunderts. Er war der BegrĂŒnder der Dialektischen Theologie und Ăberwinder des liberalen Protestantismus, der Vater der Bekennenden Kirche und geistige Mittelpunkt des evangelischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, der Versöhner der Völker im Kalten Krieg, der die âKirche zwischen Ost und Westâ positionieren und zu einem entschlossenen blockĂŒbergreifenden Widerstand gegen die AufrĂŒstung ermutigen wollte, der zur Entmilitarisierung und damit zugleich zur Demokratisierung ganz Europas beitragen sollte.
Seine âKirchliche Dogmatikâ ist ein riesiges, mit keiner Leistung in der neueren evangelischen Theologiegeschichte vergleichbares Werk (Ernst Wolf). Emil Brunner sagte ĂŒber ihn:[28]
âEr hat, zuerst durch seinen prophetischen Weckruf in seinem Römerbrief-Kommentar, sodann durch die Denkarbeit, die in seiner monumentalen »Kirchlichen Dogmatik« vorliegt, der Theologie, die im Begriffe war, sich in Religionsgeschichte und -psychologie zu verlieren, ihr Thema wieder zurĂŒckgegebenâŠWenn auch einige andere von uns an dieser Wendung von Anfang an mitbeteiligt waren, so haben wir doch hinter ihm zurĂŒckzutreten und zu bekennen: Diesen Durchbruch vermochte niemand anders als dieser mĂ€chtige, vehemente und geniale Geist zu vollbringen.â
1971 wurde in Basel die Karl-Barth-Stiftung unter dem Leiter Dr. Hinrich Stoevesandt gegrĂŒndet. Ihr Ziel ist die Herausgabe von Barths gedrucktem und unveröffentlichtem Nachlass. Eine Gesamtausgabe von 70 BĂ€nden ist geplant: ohne die »Kirchliche Dogmatik«, die als Hauptwerk fĂŒr sich bestehen bleibt. Die Ausgabe wird mehrere Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Der jetzige Leiter des Karl-Barth-Archives ist Hans-Anton Drewes.
Karl Barth hat im November 1968 in einem seiner letzten Interviews selbst rĂŒckblickend auf sein Leben gesagt (K.B., Letzte Zeugnisse, EVZ-Verlag, ZĂŒrich, 1970/2, S. 30/31):
âDas letzte Wort, das ich als Theologe und auch als Politiker zu sagen habe, ist nicht ein Begriff wie 'Gnade', sondern ist ein Name: Jesus Christus. Er ist die Gnade, und er ist das Letzte, jenseits von Welt und Kirche und auch von Theologie. Wir können ihn nicht einfach 'einfangen'. Aber wir haben es mit ihm zu tun. Um was ich mich in meinem langen Leben bemĂŒht habe, war in zunehmenden MaĂe, diesen Namen hervorzuheben und zu sagen: dort ⊠Dort ist auch der Antrieb zur Arbeit, zum Kampf, auch der Antrieb zur Gemeinschaft, zum Mitmenschen. Dort ist alles, was ich in meinem Leben in Schwachheit und Torheit probiert habe. Aber dort istâs âŠâ
Barth erhielt von 1922 bis 1939 und ab 1946 folgende EhrendoktorwĂŒrden:[29]
Ferner erhielt er folgende Ehrungen:
Biografien
Barth-Forschung
Theologische Barth-Interpreten
Barthtexte
Barth Tondokumente
Barthforschung
Biografische Skizzen
Einzelthemen
| |
Dieser Artikel wurde am 20. April 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Barth, Karl |
| KURZBESCHREIBUNG | Schweizer Theologe |
| GEBURTSDATUM | 10. Mai 1886 |
| GEBURTSORT | Basel |
| STERBEDATUM | 10. Dezember 1968 |
| STERBEORT | Basel |