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Karl Theodor Jaspers (* 23. Februar 1883 in Oldenburg; â 26. Februar 1969 in Basel) war ein deutscher Psychiater und Philosoph, der weit ĂŒber Deutschland hinaus bekannt wurde. Er lehrte u.a. in Basel und wurde 1967 Schweizer StaatsbĂŒrger.
Jaspers gilt als herausragender Vertreter der Existenzphilosophie, die er vom Existentialismus Jean-Paul Sartres strikt unterschied. Er war zunĂ€chst Lehrer und anschlieĂend lebenslanger Freund von Hannah Arendt, mit der ihn auch ein jahrzehntelanger Briefwechsel verband. Auch mit Martin Heidegger stand er in Briefwechsel, der â in der Zeit des Nationalsozialismus unterbrochen â nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch spĂ€rlich war. Mit Max Weber, Hans W. Gruhle und Kurt Schneider verband ihn eine langjĂ€hrige Freundschaft. Enge Kontakte unterhielt er auch zu Alfred Weber, Eberhard Gothein und Gustav Radbruch. Er gehörte zum Marianne Weber-Kreis. Nach 1945 war er maĂgeblich an der NeugrĂŒndung der UniversitĂ€t Heidelberg beteiligt und trat dadurch in eine lebenslange Beziehung mit deren erstem Rektor nach der Wiedereröffnung, Karl Heinrich Bauer.
UrsprĂŒnglich Mediziner, hat Jaspers grundlegend zur wissenschaftlichen Entwicklung der Psychiatrie beigetragen. Sein philosophisches Werk wirkt insbesondere in den Bereichen der Religionsphilosophie, Geschichtsphilosophie und der Interkulturellen Philosophie. Mit seinen einfĂŒhrenden Schriften zur Philosophie, aber auch mit seinen Schriften zu politischen Fragen wie zur Atombombe, zur Demokratieentwicklung in Deutschland oder zur Wiedervereinigung hat er hohe Auflagen erreicht und ist so auch einem breiteren Publikum bekannt geworden.
Inhaltsverzeichnis |
Karl Jaspers war der Sohn des Bankdirektors und Landtagsabgeordneten Carl Wilhelm Jaspers (1850â1940) und dessen Frau Henriette geborene Tantzen (1862â1941), der Tochter des oldenburgischen LandtagsprĂ€sidenten Theodor Tantzen (sen). Der oldenburgische MinisterprĂ€sident Theodor Tantzen war ein Onkel von Jaspers. VĂ€terlicherseits entstammte Karl Jaspers einer wohlhabenden Bankiersfamilie, die er als liberal-konservativ bezeichnete.[1] Sein UrgroĂvater hatte durch SchmuggelgeschĂ€fte ein immenses Vermögen erworben, mit dem Karls GroĂvater aber verschwenderisch umgegangen war. Vor diesem Hintergrund vermittelten ihm seine Eltern Verantwortungsbewusstsein und kritisches Denken.
Karl Jaspers war SchĂŒler des Alten Gymnasiums in Oldenburg.
Von Kindheit an litt Jaspers an Bronchialproblemen (angeborenen Bronchiektasen), die seine körperliche LeistungsfĂ€higkeit erheblich beeintrĂ€chtigten und ihn anfĂ€llig fĂŒr Infektionen machten. Strikte Disziplin zur Aufrechterhaltung seiner Gesundheit bestimmte und beschrĂ€nkte nach autobiographischen Zeugnissen[2] daher sein Leben, das allerdings wie das seiner Geschwister zusĂ€tzlich durch familiĂ€re UmstĂ€nde erheblich belastet war und ihn fĂŒr psychologische Fragen sensibilisierte. Er war verheiratet mit Gertrud Mayer, die unter anderem als Assistentin im Jahre 1910 im Sanatorium von Dr. Oskar Kohnstamm gearbeitet hatte.
Er studierte zunĂ€chst Ende 1901 in Heidelberg und spĂ€ter in MĂŒnchen drei Semester Rechtswissenschaft. Nach einem Kuraufenthalt in Sils-Maria nahm er 1902 in Berlin ein Medizinstudium auf, das er ab 1903 in Göttingen und ab 1906 in Heidelberg weiterfĂŒhrte. Hier promovierte er mit UnterstĂŒtzung von Karl Wilmanns am 8. Dezember 1908 bei Franz Nissl, dem Direktor der Psychiatrischen UniversitĂ€tsklinik, der ihm nach seiner Approbation von 1909 bis 1914 als VolontĂ€rassistent Gelegenheit zur Mitarbeit gab.
1907 lernte Jaspers die 1879 geborene Gertrud Mayer kennen, die Pflegerin in einer psychiatrischen Anstalt war. Gertrud war die Schwester seines Studienfreundes Ernst Mayer, der ihm als sehr wichtiger GesprĂ€chspartner ĂŒber Jahrzehnte verbunden blieb. Gertrud und Ernst Mayer entstammten einer orthodoxen jĂŒdischen Kaufmannsfamilie. In Gertrud Mayer fand Jaspers eine kluge, ihm sehr nahestehende lebenslange Partnerin. Sie heiratete ihn 1910 und konnte die Zeit des Nationalsozialismus nur dank dieser Ehe ĂŒberleben. Gertrud Mayer starb 1974 im Alter von 95 Jahren.
Max Weber, den er 1909 durch Hans Walter Gruhle kennengelernt hatte, wurde wissenschaftliches Vorbild fĂŒr Jaspers. 1910/11 nahm er zeitweise am Arbeitskreis ĂŒber die psychologischen Theorien Freuds und verwandter Anschauungen teil. Diese Gruppe hatte sein jĂŒngerer Mitassistent Arthur Kronfeld aufgrund des jahrelangen Austausches mit seinem Freund, dem spĂ€teren NobelpreistrĂ€ger Otto Meyerhof aus dem Kreis des Göttinger Philosophen Leonard Nelson heraus ins Leben gerufen. Daran beteiligt waren neben Gruhle auch Meyerhofs Kollege Otto Warburg sowie der Medizinstudent Wladimir Eliasberg, der spĂ€ter mit Kronfeld in der groĂen, europaweiten Psychotherapiebewegung in den 1920er Jahren eine bedeutende Rolle spielte. Eigenartigerweise hat Jaspers diesen Kreis nie erwĂ€hnt, obwohl er spĂ€ter selbst eine wissenschaftliche BegrĂŒndung der Psychotherapie einforderte und sich bis zu seinem Lebensende mit der Psychoanalyse und ihren weltanschaulichen AnsprĂŒchen kritisch auseinandersetzte.
Am 13. Dezember 1913 legte Jaspers als gerade DreiĂigjĂ€hriger mit UnterstĂŒtzung von Nissl und Weber an der Philosophischen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Heidelberg bei Wilhelm Windelband sein Lehrbuch der Allgemeinen Psychopathologie als Habilitationsschrift vor und konnte sich fĂŒr Psychologie habilitieren. Mit dieser Schrift hinterlieĂ Jaspers bei seinem Wechsel in die Philosophie der Psychiatrie ein bis heute richtungweisendes Werk, das in der Fachwelt umgehend groĂe Anerkennung fand. Mit seiner Erweiterung des psychiatrischen Methodenarsenals um die psychische Krankheitserscheinungen beschreibende psychologisch-phĂ€nomenologische Methode ĂŒberwand Jaspers Vorbehalte seitens der Hirnforschung bezĂŒglich der von ihm so genannten Hirnmythologie und ging gleichzeitig deutlich ĂŒber den experimental-psychologischen Ansatz Wilhelm Wundts hinaus, der vor ihm von Emil Kraepelin in die Psychiatrie eingebracht worden war.
Bereits nach zwei Jahren LehrtĂ€tigkeit am Philosophischen Seminar wurde Jaspers dort 1916 zum auĂerordentlichen Professor ernannt. 1920 konnte er die Nachfolge von Hans Driesch antreten und damit zum Extraordinarius aufrĂŒcken. Im selben Jahr begann seine Freundschaft mit Martin Heidegger, die bis zu dessen Eintritt in die NSDAP dauerte.
Noch schneller wurde Jaspers ordentlicher Professor: 1921 fĂŒhrten Bleibeverhandlungen wegen an ihn ergangener Berufungen dazu, dass fĂŒr ihn ein persönliches Ordinariat eingerichtet und er damit neben Heinrich Rickert 1922 Mitdirektor des Seminars wurde.
Nach Ausbildung und Haltung bestand zu Rickert eine erhebliche Distanz, die sich auch in beider Auffassung von Philosophie niederschlug. FĂŒr Rickert â als neukantianisch eingestellten wissenschaftsorientierten Philosophen â war schon die Berufung des fachfremden Jaspers mit seinem psychologischen Hintergrund, vor allem aber seine Orientierung an der Seinsfrage, schwer zu akzeptieren. Ăber die unterschiedliche Bewertung von Leistung und Person des von Jaspers hoch geschĂ€tzten Max Weber kam es frĂŒh auch zum persönlichen Bruch zwischen Jaspers und Rickert.
In den folgenden Jahren konzentrierte sich Jaspers auf eine intensive und tiefe Einarbeitung in die Geschichte und Systematik der Philosophie. ZunĂ€chst las er ĂŒber die groĂen Philosophen und begann ab 1927 mit der Ausarbeitung seines dreibĂ€ndigen Hauptwerks âGrundriss der Philosophieâ, die er ab 1924 im regen Austausch mit seinem Freund und Schwager Ernst Mayer entwickelte.
Von den 1933 sofort eingeleiteten MaĂnahmen der nationalsozialistischen Machthaber zur Gleichschaltung der UniversitĂ€ten in Deutschland war Jaspers trotz seiner â nach dem Nazi-Jargon â âjĂŒdischen Versippungâ durch seine Ehe zunĂ€chst kaum betroffen; da er jedoch nicht bereit war, sich von seiner Frau zu trennen, wurde er Ende September 1937 in den Ruhestand versetzt und ab 1938 mit Publikationsverbot belegt.[3] Seine Arbeiten und Studien setzte Jaspers ungeachtet dessen konsequent fort. Viele langjĂ€hrige Freunde hielten zu ihm, so dass er nicht isoliert war. Er stand jedoch stĂ€ndig unter der Bedrohung durch die Nationalsozialisten, die ihn noch am 14. April 1945 in ein KZ verschleppen wollten, wie er kurz vorher, Anfang MĂ€rz, von einem Freund erfuhr. Jaspers hatte fĂŒr diesen Fall vorgesorgt und verfĂŒgte fĂŒr sich und seine Frau ĂŒber Zyankali; es zu benutzen wurde ihm jedoch erspart, da die US-Armee Heidelberg am 30. MĂ€rz befreite.
Aufgrund seiner untadeligen Haltung wĂ€hrend der NS-Diktatur war Jaspers einer der profiliertesten Wissenschaftler, die nach 1945 zur NeubegrĂŒndung und Wiedereröffnung der UniversitĂ€t Heidelberg beitragen konnten. Er zĂ€hlte zum am 5. April 1945 mit Billigung der amerikanischen Besatzungsbehörde gebildeten 13er Ausschuss zum Wiederaufbau der UniversitĂ€t.[4]
Persönlich hochgeachtet durch die Wahl zum Ehrensenator der UniversitĂ€t Heidelberg im Jahre 1946 und die Verleihung des Goethe-Preises der Stadt Frankfurt im Jahr darauf, aber bald enttĂ€uscht von der weiteren allgemein- und hochschulpolitischen Entwicklung im Nachkriegsdeutschland, nahm Karl Jaspers den Ruf nach Basel an und wechselte 1948 als Nachfolger auf den dortigen Lehrstuhl von Paul HĂ€berlin. Als Reaktion auf die Wahl des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland sowie die Verabschiedung der Notstandsgesetze 1967 erwarb er auch die Schweizer StaatsbĂŒrgerschaft. Er gab weiterhin immer wieder stark beachtete Stellungnahmen zu Zeitfragen wie auch zu wissenschaftlichen Themen wie beispielsweise zur Psychoanalyse ab. 1969 starb er in Basel.
Karl Jaspers war unter den ersten deutschen Psychiatern des 20.Jahrhunderts, die die philosophischen Vorannahmen ihrer Disziplin untersuchten und reflektierten. Zu den damaligen Pionieren gehörten ferner die Psychiater Ernst Kretschmer (Sensitiver Beziehungswahn, 1918), Arthur Kronfeld (Das Wesen des psychiatrischen Erkennens, 1920), Ludwig Binswanger (EinfĂŒhrung in die Probleme der Allgemeinen Psychologie, 1922) und andere wie Otto Meyerhof, der unter RĂŒckgriff auf die Philosophie des Kant-Nachfolgers Jakob Friedrich Fries wie sein Freund Kronfeld schon 1910 mit BeitrĂ€gen zur psychologischen Theorie der Geistesstörungen zu einer wissenschaftlich adĂ€quaten und tragfĂ€higen Grundlegung der Psychiatrie beizutragen versucht hatte.
Jaspers bezog sich auf Husserls frĂŒhe Arbeiten zur deskriptiven Psychologie und Wilhelm Diltheys viel diskutierte Unterscheidung von âErklĂ€renâ und âVerstehenâ, mit der er die Psychopathologie auch in methodologischer Hinsicht ergĂ€nzte. Der Begriff âVerstehenâ seinerseits wird dabei unterteilt in den des âgenetischen Verstehensâ und des âstatischen Verstehensâ. WĂ€hrend das statische Verstehen dem deskriptiven Anspruch der Psychopathologie im Sinne der Erstellung eines âBefundesâ diene, könne man sich dank des âgenetischen Verstehensâ einfĂŒhlen und erkennen, wie âSeelisches aus Seelischem hervorgehtâ[5]. Dies stellt in seiner Abgrenzung aber auch ein heute noch erörtertes Methodenproblem dar. Jaspers' Annahme, dass bestimmte psychopathologische PhĂ€nomene sich geradezu dadurch auszeichnen wĂŒrden, dass sie sich dem genetischen Verstehen entziehen, wird bis heute kontrovers diskutiert.[6][7]Zu diesem Methodenproblem hat Jaspers selber jedoch spĂ€ter trotz nachdrĂŒcklicher Bitte von Kurt Schneider nichts mehr beigetragen.[8]
Jaspers legte besonderen Wert darauf, die Grenzen der psychopathologischen Methode zu bestimmen. Hierzu beschrieb er ausfĂŒhrlich psychiatrische Vorurteile, wie die sogenannte Hirnmythologie, nach der Geisteskranke Gehirnkranke sein sollen. Auch die theoretischen Annahmen Freuds rechnete er zu den Vorurteilen, die es in der Psychiatrie zu bekĂ€mpfen gelte.
Er betonte, dass seelische Prozesse immer nur indirekt zugĂ€nglich seien, nĂ€mlich durch die Mitteilungen von Patienten ĂŒber ihre Erlebnisse. Sichere Parameter fĂŒr eine seelische Störung lieĂen sich hieraus nicht ableiten, wodurch die psychopathologische Analyse sich grundsĂ€tzlich von naturwissenschaftlichen Verfahren unterscheide.
Jaspers' Allgemeine Psychopathologie gilt als der âBeginn einer methodisch reflektierten psychopathologischen Forschungâ (Max SchmauĂ) - neben Wilhelm Griesinger, der nach Binswanger der âPsychiatrie ihre Verfassungâ gab, indem er âseelische Krankheiten [als] âErkrankungen des Gehirnsââ definierte, sowie Emil Kraepelin, der als erster ein brauchbares nosologisches Bezugssystem in der Psychiatrie eingefĂŒhrt hat.
Wichtige Quellen der Philosophie von Karl Jaspers sind Kierkegaard, Spinoza, Nietzsche und vor allem Husserl[9] und Kant, dem er jedoch vorhielt, dass er die Dimension des Zwischenmenschlichen, insbesondere der Liebe, nicht erfasse.[10] Seine Philosophie ist auĂerdem stark von lebensphilosophischen Elementen durchzogen. In einer sinnlosen Wirklichkeit, in der die Naturwissenschaften keine Hilfe bei der Selbstvergewisserung bieten, brauche der Mensch eine illusionslose Sicht seiner Existenz als Grundlage seiner Handlungsentscheidungen.
Seine Psychologie der Weltanschauungen aus dem Jahre 1919 ist ein Ăbergang von der Psychologie zur Philosophie und kann als erstes Werk der modernen Existenzphilosophie eingestuft werden. Jaspers interessierte sich vor allem fĂŒr die seelischen Antriebe, die Weltanschauungen begrĂŒnden. Bereits hier problematisierte er die âGrenzsituationenâ wie Tod, Leiden, Schuld, Geschichtlichkeit, die die Erfahrungen des Menschen bestimmen, an denen er mit rationalem Denken scheitere, und in denen der Mensch Skeptizismus und Nihilismus ĂŒberwinden kann, indem er sich als Existenz gegenĂŒber der Transzendenz bewusst wird. FĂŒr ihn hatte dieses Buch
Das Menschenbild in Jaspers' Philosophie ist geprÀgt durch eine vierstufige Seinsweise als Verwirklichungsdimensionen des Menschen:
Nach einer Schreibpause, die intensiven Studien und Vorarbeiten gewidmet war, veröffentlichte Jaspers 1931 als 1000. Band der Sammlung Göschen die erste rein philosophische Schrift ĂŒber Die geistige Situation der Zeit, in der er sich kritisch mit Themen der Massengesellschaft, der Entfremdung und der Herrschaft der Technisierung auseinandersetzte. Nur im alle Sachkunde nutzenden, aber diese ĂŒberschreitenden Denken könne der Mensch er selbst sein und die Massendaseinsordnung bewĂ€ltigen.
Bei dieser grundsĂ€tzlichen Schrift, die auch eine Warnung vor der VerfĂŒhrung durch Bolschewismus und Faschismus darstellte, handelte es sich um eine Vorarbeit zu seinem 1932 erschienenen dreibĂ€ndigem Hauptwerk, das er schlicht Philosophie nannte. Die BĂ€nde tragen die Titel: I. Philosophische Weltorientierung; II. Existenzerhellung, III. Metaphysik. Mit dieser Dreiteilung ĂŒbernahm Jaspers die klassische philosophische Struktur der Fragen nach dem Kosmos, der Seele und Gott.
Philosophie war fĂŒr Jaspers keine Wissenschaft, sondern vielmehr Existenzerhellung, die sich mit dem Sein als Ganzes befasst. Jede ĂuĂerung zur Philosophie ist so gesehen selbst schon Philosophie. Philosophie tritt da auf, wo Menschen wach werden. Philosophie ist das Gewahrwerden der eigenen Ohnmacht und SchwĂ€che. Jaspers unterschied damit wissenschaftliche Wahrheit von existentieller Wahrheit. WĂ€hrend die eine intersubjektiv nachvollziehbar ist, könne man bei der anderen nicht von Erkenntnis sprechen, da sie sich auf transzendente GegenstĂ€nde (Gott, Freiheit) richtet. Wissenschaft kennt Fortschritt, Philosophie nach seiner Auffassung nicht.
Jaspers wandte sich strikt gegen eine Vermengung der Philosophie, wie er sie verstand, mit einer Philosophie, die mit der Wissenschaft wetteifern will und sich auf deren Methoden beschrĂ€nkt. Diese macht sich zur Magd der Wissenschaft. So kommentierte er Husserls Philosophie als strenge Wissenschaft als ein Meisterwerk auch in seiner vor keiner AbsurditĂ€t zurĂŒckschreckenden Konsequenz. Und der sprachanalytischen Philosophie Carnapscher PrĂ€gung hielt er vor:
Wissenschaft sei methodische Erkenntnis, auf hypothetischer Basis zwingend gewiss und allgemeingĂŒltig im Sinne von IntersubjektivitĂ€t. Sie habe aber ihre Grenzen im Absoluten, in der unĂŒberwindbaren Endlosigkeit und der Unerreichbarkeit der Einheit der Welt. Wissenschaft sei begrenzt auf das Dasein, das Bewusstsein ĂŒberhaupt und den Geist. Die Existenz aber bleibe unerfasst von der Wissenschaft.
Die Erkennbarkeit der Welt im Ganzen sei ein Aberglaube, wie er im Marxismus, der Psychoanalyse und Rassentheorien gegeben ist. Bei diesen seien Soziologie, Psychologie und biologische Anthropologie in Weltanschauungen verwandelt worden und somit zum âAfterbild der Philosophieâ geworden. In dieser EinschĂ€tzung war er Popper so nahe wie selten.
FĂŒr die Philosophie gibt es nach Jaspers keinen externen Standpunkt, von dem aus man sie ĂŒberblicken, vergleichen oder definieren kann: âWahrheit, deren Richtigkeit ich beweisen kann, besteht ohne mich selber. [âŠ] Wahrheit, aus der ich lebe, ist nur dadurch, dass ich mit ihr identisch werde.â (Glaube, 11). Der Gegenstand der Philosophie sei auĂerhalb der Gegenstandserkenntnis. Aus diesem Grunde habe die Philosophie ein Mitteilungsproblem. Sie könne ihren Gegenstand nur indirekt ansprechen und ihn nur erfassen, indem sie ihn transzendiert.
Existenz und Transzendenz sind fĂŒr Jaspers nicht gegenstĂ€ndlich. Das Sein selbst sei nicht als Gegenstand aufzeigbar, ebenso wenig wie das Ich, durch das die GegenstĂ€nde konstituiert werden. Nur in dem MaĂe, in dem der Mensch zu sich selber findet, sei der Mensch Existenz. Das Transzendente begegnet dem Menschen in Chiffren. Darunter versteht er nicht, wie man meinen könnte, geheime Zeichen oder Symbole, sondern Denkerlebnisse, die dem Menschen materiell nicht Erfassbares vermitteln (z. B. Chiffre der Transzendenz: Gott-der Eine; Chiffre der Natur: Weltall). Obgleich Chiffren âin der Schwebeâ bleiben, gehen von ihnen wirkungsmĂ€chtige Impulse aus.
Existenz ist stets auf den Anderen gerichtet. Das Selbstsein bedarf wesentlich der Kommunikation mit anderen Menschen. In der Kommunikation von Mensch zu Mensch realisiert sich Philosophie im âliebenden Kampfâ, in dem Angriff und Rechtfertigung nicht dem Gewinn von Macht dienen, sondern Menschen sich gegenseitig nahe kommen und sich einander ausliefern. So erreicht man das âInnewerden des Seinsâ, die âErhellung der Liebeâ und die âVollendung der Ruheâ.
In der Schrift Vernunft und Existenz (1935) fĂŒhrte Jaspers seinen SchlĂŒsselbegriff âdas Umgreifendeâ ein, das sich in der Existenz des Menschen sowie in der Transzendenz des Ganzen der Welt widerspiegelt, ohne dass der Mensch es je in seiner Ganzheit erfassen kann. In seinem 1947 erschienenen Werk Von der Wahrheit (Band 1 der philosophischen Logik) entwickelte er diese Gedanken weiter. Beim Begriff Transzendenz unterschied Jaspers die eigentliche Transzendenz und die Transzendenz aller immanenten Weisen des Umgreifenden: âWir transzendieren zu jedem immanenten Umgreifenden, d. h. wir ĂŒberschreiten die bestimmte GegenstĂ€ndlichkeit zum Innewerden des sie Umgreifenden; es wĂ€re daher möglich, jede Weise des [immanenten] Umgreifenden eine Transzendenz zu nennen, nĂ€mlich gegenĂŒber jedem in diesem Umgreifenden fassbar GegenstĂ€ndlichen.â (S. 109)
Die eigentliche Transzendenz nannte er auch die Transzendenz aller Transzendenzen sowie das Umgreifende schlechthin oder das Umgreifende des Umgreifenden; sie ist fĂŒr ihn das eigentliche Sein (S. 108). In seinem philosophischen Glauben (siehe den folgenden Abschnitt âPhilosophischer Glaube und Offenbarungsreligionenâ) verwendet er den Begriff Transzendenz noch in einer dritten Bedeutung, und zwar als Synonym fĂŒr Gott (u. a. in Chiffren der Transzendenz, S. 43). Die eigentliche Transzendenz wird ihrerseits nicht mehr umgriffen, weder fĂŒr sich allein, noch zusammen mit der Immanenz, da sie eben selbst das Allumgreifende ist. Sie umgreift die folgenden Weisen des Umgreifenden:
Das Umgreifende gemÀà 1 a) bis c) und gemÀà 2 b), also Dasein, Bewusstsein, Geist und Existenz, bezeichnete Jaspers auch als das Umgreifende, das wir selbst sind oder sein können, das Umgreifende der eigentlichen Transzendenz und der Welt als das Umgreifende, das das Sein ist. Die Transzendenz (Gott) kann offensichtlich weder das Umgreifende sein, das wir (Menschen) sind, noch das Umgreifende, das das Sein ist, da Gott nicht das Sein, sondern ein Seiender ist; sie muss daher als ein Umgreifendes eigener Art angesehen werden. Jaspers bezeichnet sie als âdas Andereâ (Chiffren der Transzendenz, S. 99).
Existenz hat insofern eine Sonderstellung, als diese, in der Transzendenz begrĂŒndet, vor der eigentlichen Transzendenz steht. Sie beseelt das Immanente und verwirklicht das Umgreifende, das ich selbst bin. Sie ist nicht Sein sondern Seinkönnen; sie steht stĂ€ndig in der Wahl zu sein oder nicht. âSie muss sich ĂŒber sich entscheiden. Ich bin nicht nur da, bin nicht nur der Punkt eines Bewusstseins ĂŒberhaupt, bin nicht nur StĂ€tte geistiger Bewegungen und geistigen Hervorbringens, sondern ich kann in diesen allen ich selbst sein oder in ihnen verloren sein.â (Von der Wahrheit, S. 77) Streng genommen ist es nicht âdie Existenzâ, die sich entscheidet, sondern jeweils der Mensch: findet er in Dasein, Bewusstsein ĂŒberhaupt und Geist sich selbst und seine Freiheit und wird sich seines Grundes in der Transzendenz bewusst, dann verwirklicht sich fĂŒr ihn das Sein der Existenz, anderenfalls ist fĂŒr ihn nur Dasein, nicht Existenz. Der Existenzbegriff bei Jaspers, der immer nur von âmöglicher Existenzâ spricht, ist also ein anderer als der bei Heidegger, der Existenz als âSeinsformâ des Menschen definierte.
Als Verbindendes aller Weisen des Umgreifenden sah Jaspers die Vernunft als Wille zur Einheit, als Bewegung ohne gesicherten Bestand, als grenzenlose Offenheit. Die Weisen des Umgreifenden sind nicht objektivierbar.
Wahrheit des Daseins ist nach Jaspers pragmatische Wahrheit, ist das, was im Leben nĂŒtzt. Wahrheit des Bewusstseins ĂŒberhaupt ist Wahrheit im GegenstĂ€ndlichen der Wissenschaften, insbesondere in der Mathematik. Wahrheit im Geiste ist Erkenntnis der Idee. Existenzielle Wahrheit basiert auf Kommunikation mit dem Anderen und ist an das persönliche Vollziehen gebunden. Wie die verschiedenen Wahrheitsbegriffe zeigen, sind die Weisen des Umgreifenden nicht aufeinander reduzierbar und mĂŒssen im Sinne der Ganzheit jeweils vollzogen werden.
Die Existenz des Menschen ist bestimmt durch die Freiheit, die sich weder beweisen noch widerlegen lĂ€sst, die aber den Menschen stĂ€ndig in Entscheidungssituationen stellt und sich in dessen Lebenspraxis offenbart. Durch die Freiheit wĂ€hlt der Mensch sich selbst. Zum Selbstsein gehört auch die Kommunikation in der Beziehung zum anderen. âNiemand kann allein selig werden.â
Auf dem Wege zu sich selbst stöĂt der Mensch auf Grenzsituationen. Er lernt, dass er mit den FragwĂŒrdigkeiten der faktischen wissenschaftlichen Weltorientierung an den Abgrund des schlechthin Unbegreiflichen stöĂt. In Tod, Kampf, Leiden und Schuld zeigt sich die Ausweglosigkeit, ein Scheitern zu verhindern. Nur im Annehmen dieser Situation kann der Mensch zu seiner eigentlichen Existenz gelangen.
Jaspers Philosophie ist hĂ€ufig als irrational bezeichnet worden. Doch dies wird wiederum mit folgenden Argumenten bestritten. Einerseits hatte Jaspers durchgĂ€ngig ein positives VerhĂ€ltnis zu den Naturwissenschaften und der rationalen Philosophie. Im Gegenteil sprach er (aus erkenntnistheoretischer Sicht problematisch) den Wissenschaften ungeprĂŒft fraglose Geltung zu (Rechenschaft und Ausblick). Andererseits ist seine Philosophie vom freien Individuum her gedacht, welches in Kommunikation mit anderen, eigene Ideen und Handlungsweisen fĂŒr sich finden muss. Insofern war Jaspers zu keiner Zeit ein Ideologe, der fĂŒr seine Philosophie die absolute Wahrheit beanspruchte.
Seine Grundfrage nach dem Ganzen des Seins und der Erhellung der Existenz setzt dort ein, wo alle Fragen der wissenschaftlichen Erkenntnis und der Vernunft beantwortet sind und nicht mehr weiterhelfen. Seine Antworten sind keine metaphysische 'Spekulation', sondern zeigen die Offenheit der Entscheidung und der Verantwortung des Menschen in seiner Freiheit. Sein philosophischer Ansatz ist vorwÀrts gerichtet im Gegensatz zu dem Heideggers, dem er eine ontologische Fixierung auf die Existentialien vorhielt.
Auch vom Nihilismus des Existenzialismus grenzt sich die Philosophie Jaspersâ ab, indem sie dem Einzelnen in der Existenzerhellung sein mögliches Selbstbewusstsein bewusst macht und ihn auffordert, in der Freiheit seine Verantwortung wahrzunehmen. Insbesondere die Vorstellungen des Ekels des Menschen vor sich selbst oder das Verdammtsein zur Freiheit bei Sartre sind Jaspers fremd, auch wenn in vielen Gedanken die Verwandtschaft zum Existentialismus zu finden ist. Freiheit ohne Bezug zur Transzendenz ist fĂŒr ihn nicht möglich.
Jaspers hat, wie z. B. Aristoteles, die Neuplatoniker und Spinoza, einen ausgearbeiteten philosophischen Gottesglauben entwickelt. Gottesglaube gilt ihm als wesentlicher Bestandteil eines umfassenderen philosophischen Glaubens, den er 1948 in Der philosophische Glaube begrĂŒndete, 1950 in EinfĂŒhrung in die Philosophie, 1961 in seiner letzten Vorlesung Chiffren der Transzendenz und 1962 in Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung erweiterte. Er bringt ihn in den folgenden SĂ€tzen zum Ausdruck (EinfĂŒhrung, S. 83):
Es gibt keine ĂuĂerung von Jaspers, aus der geschlossen werden könnte, dass er auch an ein Leben nach dem Tode geglaubt hĂ€tte. Die Ewigkeit ist fĂŒr ihn nicht eine unaufhörliche Dauer sondern der erfĂŒllte Augenblick.
Der philosophische Glaube ist klar von den Offenbarungsreligionen abzugrenzen: Jede Offenbarung, so Jaspers, sei bereits vom Menschen formulierte Endlichkeit. Das Bekennen, in Form einer absoluten Wahrheit, trenne die Menschen, öffne den Abgrund der Kommunikationslosigkeit und schrĂ€nke die Wahrheit anderer ein. Offenbarungsreligionen dĂŒrfen demnach verkĂŒndigen, aber nicht erwarten, dass die anderen ihrem Glauben folgen (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, S. 534).
Philosophischer Glaube ist ohne Kult, ohne personifizierendes Gebet und ohne Glaubensgemeinschaft (siehe zu diesem Themenkreis auch die NatĂŒrliche Theologie) als philosophische Besinnung möglich. FĂŒr diese Art des Glaubens gibt es keine Sicherheit, er ist angewiesen auf das Innerste, wo âdie Transzendenz sich fĂŒhlbar macht oder ihm (dem Menschen) ausbleibt.â (S. 527). Jaspers geht davon aus, dass auch im Offenbarungsglauben die Möglichkeit der menschlichen Freiheit besteht, obwohl er lange Zeit als Mittel der politischen Macht benutzt wurde und wird (S. 532). Die Verbindung zwischen philosophischem Glauben und Offenbarungsglauben bestehe darin, dass es âdem, der auf der einen Seite steht, geschehen kann, den eigenen Glauben angesichts des anderen fragwĂŒrdig zu findenâ (S. 534). Es gebe zwar keine Gleichzeitigkeit der beiden Denkweisen im selben Menschen, jedoch die uneingeschrĂ€nkte Achtung vor dem anderen Menschen. âJede Geschichtlichkeit kann die andere in ihrem existenziellen Ernst lieben und sich ihr in einem Ăbergreifenden verbunden wissen.â (S. 536)
Jaspers lehnte eine explizite Ethik als GehĂ€use von Weltbildern ab, weil er die individuelle Wahlfreiheit prinzipiell nicht eingeschrĂ€nkt sehen wollte. Aber die Möglichkeit der menschlichen Selbstverwirklichung ist notwendige Bedingung zum eigentlichen Selbstsein, das den Leitfaden praktischen Handelns ausmacht. Die eigene Existenzerhellung erreiche man durch âinnere Aneignungâ, âGelassenheit im Wissenâ, âtiefe Heiterkeitâ, âOffenheit gegen sich und andereâ und âTapferkeitâ (Philosophie II. Grenzsituationen). Es ist die Vernunft, die den Weg zu der individuellen Selbstverwirklichung weist und die moralischen und politischen Einstellungen wie âRedlichkeitâ, âWahrhaftigkeitâ, âUneigennĂŒtzigkeitâ oder âVerantwortungsbereitschaftâ zur Geltung bringt (insbes. in: Von der Wahrheit). Höchstes moralisches Prinzip ist fĂŒr Jaspers das in der Liebe grĂŒndende Prinzip des Guten, das von der Transzendenz (Gott) als âunbedingte Forderungâ an den Menschen gestellt wird, der sich selbst treu bleiben will. (sh. vorstehenden Abschnitt âPhilosophischer Glaubeâ)
WĂ€hrend die Geschichtlichkeit des Menschen in seinem Selbstwerden fĂŒr Jaspers schon immer ein Element des GrundverstĂ€ndnisses der menschlichen Existenz war, wendete er sich insbesondere nach 1945 immer mehr den Fragen der Philosophiegeschichte als konstituierendem Element einer Philosophia perennis (Aussagen ĂŒber universal gĂŒltige Wahrheiten) zu, die jedoch niemals vollstĂ€ndig zu verwirklichen sei. Philosophie entsteht nicht aus der Reinheit selbstĂ€ndiger Anschauung, sondern immer schon durch â zumeist ungemerkte und ungeprĂŒfte â Assimilation und FĂŒhrung bereits bestehender Begriffe. Das Bewusstsein der Geschichtlichkeit ist eine Voraussetzung des existentiellen Philosophierens.
Der Dialog, die Kommunikation mit den âgroĂenâ Philosophen öffnet einen Raum des Philosophierens, in dem man ĂŒber grundlegende Fragen in ein GesprĂ€ch kommt, das es ermöglicht, sich das Denken dieser herausragenden Personen der Philosophiegeschichte anzueignen und eigenes Denken zu entwickeln.[11] Dabei kommt es nicht auf das historisierende NacherzĂ€hlen an, sondern auf den Bezug zur eigenen Existenz. Die AutoritĂ€t der groĂen Werke ermöglicht das Wiederfinden des eigenen Ursprungs.
So sind Jaspers Studien ĂŒber die groĂen Philosophen keine historischen Arbeiten - das wird hĂ€ufig kritisch angemerkt -, sondern philosophische Auseinandersetzungen im Rahmen einer Gesamtschau des jeweiligen Denkens. âPhilosophie geht uns an als sie selber in ihrer Kraft, die durch die groĂen Philosophen zu uns gelangt, nicht als historisches Wissen von ihr.â Historisch betrachtet sei die Philosophie lediglich ein Bericht ĂŒber eine Kette von IrrtĂŒmern.
Jaspers griff eine kleine Gruppe von âgroĂenâ Philosophen heraus und bildete eine Rangfolge ihrer Bedeutung:
Es fehlen Aristoteles, Thomas und Leibniz, die nach Jaspers nicht ins Innerste der Philosophie fĂŒhren und somit keine Verwandlung des âSelbstbewusstseinsâ bewirken.
Aus seiner Betrachtung dieser groĂen Philosophen heraus entwickelte Jaspers die Idee der Achsenzeit sowie des Ursprungs der Philosophie aus mindestens drei Quellen: China, Indien und Griechenland. Diese Einsicht sowie die sich durch Technik, insbesondere Verkehrstechnik der modernen Zeit, zu einer einheitlichen Gemeinschaft entwickelnde Weltsituation fĂŒhrte Jaspers zu der Idee einer Weltphilosophie, also einer sehr frĂŒhen Auseinandersetzung mit den Konsequenzen der Globalisierung.
Eine universale Kommunikation als erhellende existentielle Begegnung ist durch ein gestuftes Vorgehen möglich. Es umfasst:
Jaspers Philosophie ist Existenzphilosophie, Philosophie des Umgreifenden und zugleich noch mehr. Sie ist nicht Philosophie des Seins oder des Seienden, sondern Philosophie der Möglichkeit der Existenz, der Offenheit und Verantwortung, die aus der Geschichtlichkeit kommend als Weltphilosophie zugleich die Perspektive öffnet fĂŒr eine interkulturelle Philosophie.
Dabei hat Jaspers die Zuschreibung abgelehnt, er habe eine neue Philosophie entworfen. Er betonte stets, dass seine Philosophie nur das aufnehme, was sich aus der aktuellen Zeit als Weise der Philosophiegeschichte ergebe.
Martin Heidegger und Karl Jaspers standen sich als junge Akademiker verhĂ€ltnismĂ€Ăig nahe, da beide sich vom vorherrschenden Neukantianismus gelöst und den Begriff der Existenz des Individuums und die Abwesenheit einer sinnstiftenden höchsten Instanz in den Mittelpunkt ihrer Philosophie gestellt hatten. Kennen gelernt hatten sie sich auf einer Tagung im Jahr 1920 in Freiburg. Es folgten gegenseitige Besuche und ein reger Briefwechsel. Heidegger hatte Jaspers' Psychologie der Weltanschauungen in einer groĂen Rezension gewĂŒrdigt und war sehr von diesem Werk beeinflusst. Da ihre Ausarbeitung des Seinsdenken aber doch sehr unterschiedlich war, hielt sich die fachliche Diskussion in Grenzen. Hannah Arendt promovierte 1926â1928 bei Jaspers. Ihre Freundschaft begann im Jahr 1932 und endete erst mit seinem Tod.
Nach Heideggers berĂŒchtigter Rektoratsrede 1933 brach der Kontakt zu Jaspers weitgehend ab. Nach Kriegsende wurde Jaspers aufgefordert, in Hinblick auf Heideggers Lehrbefugnis eine Stellungnahme zu dessen Wirken in der NS-Zeit abzugeben. Jaspers empfahl ein befristetes Lehrverbot, das nach Ablauf der Frist ĂŒberprĂŒft werden sollte. Er setzte sich gleichzeitig fĂŒr eine Publikationserlaubnis ein. Das Heidegger daraufhin erteilte Lehrverbot endete am 26. September 1951.
Seine frĂŒhere Freundschaft mit Heidegger wurde trotz Briefwechsels nicht wieder aufgenommen. Zwar hat Heidegger 1950 Jaspers gegenĂŒber brieflich seine Scham ĂŒber den Abbruch der Beziehung wĂ€hrend der NS-Herrschaft eingestanden.
Jaspers war jedoch nicht bereit, die frĂŒhere Vertrautheit wieder zu beleben. Die Distanz zum ehemals befreundeten Philosophen findet man im Briefwechsel mit Heidegger:
An Hannah Arendt schrieb Jaspers: âKann man als unreine Seele â d. h. als Seele, die ihre Unreinheit nicht spĂŒrt und nicht stĂ€ndig daraus herausdrĂ€ngt, sondern gedankenlos im Schmutz fortlebt, â kann man in Unaufrichtigkeit das Reinste sehen?â. Die bei Heidegger feststellbare Form sei Selbstinterpretation von Sein und Zeit, als ob er immer ein und dasselbe gewollt und getan habe. (1. September 1949). Hierauf antwortete Arendt: âWas Sie Unreinheit nennen, wĂŒrde ich Charakterlosigkeit nennen.â (29. September 1949)
âDein Eichmann-Buch lese ich stĂ€ndig weiter. Es ist groĂartig fĂŒr michâ, schreibt Karl Jaspers am 2. November 1963 an Arendt. Kurz darauf beginnt Jaspers, seinen eigenen Text zu schreiben: ein Buch ĂŒber Arendt und ihren Denkstil. Sein Buch ĂŒber die SchĂŒlerin und Freundin bleibt unvollendet. In der unten genannten Ausstellung[14] (Herbst 2006) wurden seine erstaunlichen Fragmente erstmals sichtbar.
Noch vor Ende des Krieges hatte Jaspers in seinem Tagebuch notiert: âWer es ĂŒberlebt, dem muĂ eine Aufgabe bestimmt sein, fĂŒr die er den Rest seines Lebens verzehren soll.â Als praktische Handlungsanleitung seiner Philosophie sah Jaspers das Eintreten fĂŒr die Freiheit, denn nur in Freiheit könne man wirklich zur Existenzerhellung gelangen. Jaspers zog fĂŒr sich die Schlussfolgerung, zum politischen Leben kĂŒnftig Stellung zu beziehen.
Mit der Schrift Die Schuldfrage von 1946, zugleich seine erste Vorlesung an der mit seiner UnterstĂŒtzung neu begrĂŒndeten UniversitĂ€t von Heidelberg, machte er den ersten Schritt. Hier entwickelte er ein VerstĂ€ndnis von Schuld, das auch heute noch die politische Diskussion maĂgeblich beeinflusst. Er unterschied dabei die kriminelle, die politische, die moralische und die metaphysische Schuld. Die erste zu verurteilen ist Sache der Gerichte, die zweite Sache des Siegers. Doch der moralischen Schuld kann sich niemand entziehen, auch wenn darĂŒber nicht vor Gericht entschieden wird. Die Verantwortung bleibt. Nur der kann vergeben, dem Unrecht geschehen ist. Der spĂ€te Jaspers erkennt nunmehr die Existenz Gottes an. Dass der Mensch ĂŒberhaupt schuldig werden kann, sei Sache Gottes. In die kollektive Verantwortung bezog er sich selbst, der doch unter dem Nationalsozialismus zu leiden hatte und existentiell bedroht war, mit ein:
Mit dieser Stellungnahme wandte sich Jaspers, sperrig wie schon oft, gegen den Zeitgeist des VerdrĂ€ngens und forderte auch, dass jeder einzelne seine Verantwortung hinterfrage. Gleichzeitig wandte er sich gegen die These von der Kollektivschuld: âEs ist aber sinnwidrig, ein Volk als Ganzes eines Verbrechens zu beschuldigen. Verbrecher ist immer nur der einzelne. âŠEs ist auch sinnwidrig, ein Volk als Ganzes moralisch anzuklagen ... Moralisch kann immer nur der einzelne, nie ein Kollektiv beurteilt werden ... â Er warnte weiterhin vor einem Aufrechnen mit jedwedem anderen politischen Unrecht.
Auch in der Folgezeit nahm er immer wieder öffentlich Stellung zur politischen Situation. Gemeinsam mit Dolf Sternberger gab er von 1946 bis 1949 die Zeitschrift Die Wandlung heraus, in der prominente Autoren (Hannah Arendt, Bertolt Brecht, Martin Buber, Albert Camus, Thomas Mann, Jean-Paul Sartre, Carl Zuckmayer) zur geistig moralischen und zur politischen Erneuerung aufriefen. Sein Programm zur Modernisierung und vor allem Demokratisierung der Heidelberger UniversitÀtsverfassung konnte Jaspers allerdings nicht durchsetzen.
Viel Beachtung fand 1958 sein Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, in dem er sich gegen die Blockbildung und die UnterdrĂŒckung von Freiheit wandte. Angesichts der Bedrohung durch einen Nuklearkrieg sah Jaspers nicht nur den Einzelnen, sondern die gesamte Menschheit in einer Grenzsituation.
In seiner Rede Wahrheit, Freiheit und Friede anlĂ€sslich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1958, setzte sich Jaspers mit den Voraussetzungen fĂŒr Frieden als Weltfrieden auseinander. Es könne keinen Ă€uĂeren Frieden ohne den inneren Frieden der Staaten geben. âDer gewaltsame Kampf erlischt in der Kommunikation.â Frieden gibt es demnach nur durch Freiheit, sowohl des Einzelnen als auch daraus folgend des Staates. Die Demokratie als Verfassungsform allein genĂŒge nicht.
Die Freiheit kann nach Jaspers allein aus der Wahrheit entstehen. Diese haben die Philosophen seit dem Altertum gesucht. Sie liege nicht vorrangig im Inhalt, sondern in der Art der Diskussion, in der âDenkungsart der Vernunftâ. Zwar lehnt er die marxistischen Regimes ab, sieht aber die âpolitisch freie Weltâ nicht als wirklich frei an. Wichtig sei dort allein das Produzieren und Konsumieren, die GĂŒter seien nicht haltbar, das Leben hĂ€ufig leer und auf Prestige beruhend. Die StaatsmĂ€nner hĂ€tten die âFĂŒhlungâ mit dem Volk verloren. Das geschichtliche Wissen der Bevölkerung sei mangelhaft, daher hĂ€lt er eine politische Bildung fĂŒr erforderlich.
âUnsere politische Freiheit ist nicht unser Verdienst, die Unfreiheit im Osten ist nicht Schuld der Deutschen dort ⊠Beide Regimes haben ihren Grund im Willen der BesatzungsmĂ€chte.â Das deutsche Selbstbewusstsein könne sich aufgrund der Vergangenheit nicht auf die politischen VerhĂ€ltnisse beziehen, sondern liege, anders als beispielsweise in der Schweiz, âin der Gemeinschaft vorpolitischer Substanz, in der Sprache, im Geist und in der Heimatâ.
Sehr kritisch aufgenommen wurde seine Schrift ĂŒber Freiheit und Wiedervereinigung von 1960, in der er dafĂŒr eintrat, einen eigenen Staat in der DDR zu akzeptieren, wenn dadurch auch fĂŒr diesen Teil Deutschlands die Freiheit hergestellt werden könnte. Nach einem entsprechenden Fernsehinterview wurde er als VaterlandsverrĂ€ter und Handlanger des Kommunismus beschimpft.
Jaspers suchte dennoch weiter die Kontroverse. Er wohnte als Beobachter dem Auschwitz-Prozess bei und trat massiv fĂŒr die Aufhebung der damals anstehenden VerjĂ€hrung von NS-Verbrechen ein. Vor allem erhob er 1966 mit dem Buch Wohin treibt die Bundesrepublik? Tatsachen â Gefahren â Chancen noch einmal warnend seine Stimme mit einer Absage an Machtpolitik und Parteienstaat. Er trat fĂŒr eine VerfassungsĂ€nderung zugunsten mehr âdirekter Demokratieâ ein. Die Möglichkeiten, politisch Einfluss zu nehmen, seien fĂŒr das Volk sehr gering. Die Wahlen bezeichnete er als âAkklamation zur Parteienoligarchieâ. Mit diesen Thesen geriet er in die Debatte um die damalige GroĂe Koalition und den âSelbstverratâ der SPD bei der Anerkennung der Notstandsgesetze. Kritik erhielt er dabei fast unbesehen aus der Politik von rechts und links in gleicher Weise, fand jedoch auch eine breite Zustimmung in der Ăffentlichkeit.
Jaspers erhielt zahlreiche Ehrungen: 1947 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gewĂ€hlt, seit 1948 wurde er dann korrespondierendes Mitglied, 1953 erhielt er die EhrendoktorwĂŒrde der UniversitĂ€t Heidelberg, 1958 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 1959 den Erasmuspreis sowie Ehrendoktorate der Sorbonne in Paris und der UniversitĂ€t Genf.
Seine Emeritierung erfolgte 1961. 1962 zeichnete ihn seine eigene UniversitĂ€t mit einem medizinischen Ehrendoktor aus. Neben zahlreichen Ehrenmitgliedschaften in wissenschaftlichen Gesellschaften folgten weitere Auszeichnungen: 1963 der Preis der Oldenburg-Stiftung (eine Ordensverleihung durch die Bundesrepublik in diesem Jahr lehnte Jaspers ab), 1964 der Orden Pour le MĂ©rite und 1965 der Internationale Friedenspreis LĂŒttich. Er ist EhrenbĂŒrger der Stadt Oldenburg, in der auch ein Fachkrankenhaus fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie nach ihm benannt ist[16].
2009 hat die UniversitÀt Oldenburg die Arbeitsbibliothek Karl Jaspers' mit 11000 BÀnden von der UniversitÀt Basel erworben.
Karl Jaspers' Werk umfasst ĂŒber 30 BĂŒcher mit etwa 12.000 Druckseiten und einen Nachlass von 35.000 BlĂ€ttern mit einigen tausend Briefen. Die meisten Werke sind international ĂŒbersetzt. Jaspers' Werke, insbesondere seine einfĂŒhrenden Schriften und die Arbeiten zur Philosophiegeschichte, erreichen eine deutschsprachige Gesamtauflage von mehr als einer Million Exemplaren.[17]
Es gibt Jaspers-Gesellschaften in Ăsterreich, Japan und Nordamerika. In der Schweiz besteht eine Karl-Jaspers-Stiftung. Seit 1990 veranstaltet die UniversitĂ€t in Oldenburg die jĂ€hrlichen Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit. Die UniversitĂ€t Heidelberg vergibt den Karl-Jaspers-Preis.
Um die Veröffentlichung des Nachlasses kĂŒmmert sich Hans Saner, der ehemalige Assistent von Jaspers. FĂŒr eine Verbreitung seiner Gedanken im französischsprachigen Raum setzte sich vor allem Jeanne Hersch ein. Entgegen der Aufnahme durch das breite Publikum findet man in der Fachphilosophie deutlich geringere Aufmerksamkeit fĂŒr das Werk von Jaspers. Dies kann man darauf zurĂŒckfĂŒhren, dass sich seine Philosophie nicht in ĂŒbliche Strukturen einpassen lĂ€sst.[18] Hierzu schreibt Jeanne Hersch:
Otto Friedrich Bollnow hat Jaspers Philosophie fĂŒr die PĂ€dagogik genutzt.[20]. Gerardus van der Leeuw ist in seiner ReligionsphĂ€nomenologie maĂgeblich von Jaspers beeinflusst. Helmut Fahrenbach hat Verbindungen des Vernunftbegriffs bei Jaspers mit dem Begriff der kommunikativen Vernunft bei JĂŒrgen Habermas hergestellt.[21] Ein besonderer Schwerpunkt der Diskussion ĂŒber Jaspers ist seine âWeltphilosophieâ.[22] Hierzu wird vor allem auch sein Ansatz der âAchsenzeitâ als ein VorlĂ€ufer der interkulturellen Philosophie gewertet.[23] Zu den aktuellen Jaspers-Forschern zĂ€hlen Hans-Martin Gerlach, Kurt Salamun, Leonard H. Ehrlich[24] und Richard Wisser sowie im Bereich der PĂ€dagogik Hermann Horn[25]. Im englischsprachigen Raum wird Jaspers teilweise als Religionsphilosoph eingeordnet.[26]
Aus dem Nachlass:
Vom 28. September bis zum 26. November 2006 stellte das Literaturarchiv Marbach aus seinen BestĂ€nden die Ausstellung Karl Jaspers: Das Buch Hannah zusammen[28]. Die Ausstellung nimmt Bezug auf die Zeit um 1930, als sich in Marburg neun junge Leute kennen lernten, die zu den wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts zĂ€hlen werden: Karl Löwith, Gerhard KrĂŒger, Hans-Georg Gadamer, Leo Strauss, Hans Jonas, Erich Auerbach, Werner Krauss, Max Kommerell und Hannah Arendt. Hans Saner und Richard Wolin begleiteten die Ausstellung mit einer Tagung ĂŒber diese Marburger Konstellation.
Philosophiebibliographie: Karl Jaspers â ZusĂ€tzliche Literaturhinweise zum Thema
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| Personendaten | |
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| NAME | Jaspers, Karl |
| ALTERNATIVNAMEN | Jaspers, Karl Theodor (vollstÀndiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Philosoph und Psychiater |
| GEBURTSDATUM | 23. Februar 1883 |
| GEBURTSORT | Oldenburg (Oldenburg) |
| STERBEDATUM | 26. Februar 1969 |
| STERBEORT | Basel |