|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Karlheinz Deschner (* 23. Mai 1924 in Bamberg; eigentlich Karl Heinrich Leopold Deschner) ist ein deutscher Schriftsteller und Religions- und Kirchenkritiker. Zu seinen Werken zÀhlen Abermals krÀhte der Hahn (1962) und die auf zehn BÀnde angelegte Kriminalgeschichte des Christentums.
Inhaltsverzeichnis |
Karlheinz Deschner wuchs als Sohn eines katholischen Vaters und einer spĂ€ter zur katholischen Kirche konvertierten protestantischen Mutter auf. Er besuchte die Grundschule in Trossenfurt, dann das Franziskanerseminar in Dettelbach (wobei er zeitweise im Franziskanerkloster logierte) und zuletzt das Gymnasium als InternatsschĂŒler bei Karmelitern und Englischen FrĂ€ulein in Bamberg, wo er 1942 das Abitur ablegte.[1]
Nach seinem Dienst als Soldat im Zweiten Weltkrieg studierte er 1946/47 an der Philosophisch-theologischen Hochschule in Bamberg, schlieĂlich von 1947 bis 1951 an der UniversitĂ€t WĂŒrzburg. Er hörte unter anderem Vorlesungen ĂŒber Literaturwissenschaft, Rechtswissenschaften, Philosophie, Theologie und Geschichte. 1951 wurde er mit der Arbeit Lenaus metaphysische Verzweiflung und ihr lyrischer Ausdruck promoviert.
Er heiratete 1951 seine LebensgefĂ€hrtin, die geschiedene Elfi Tuch. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Katja, BĂ€rbel und der 1984 verstorbene Thomas hervor. Die katholische Kirche stellte öffentlich die Exkommunikation des Ehepaars wegen ihrer ungĂŒltigen Verbindung fest.[2] Diese wurde vom damaligen Bischof von WĂŒrzburg Julius Döpfner ausgesprochen. Deschner hatte bis dahin nichts Kirchen- oder Religionskritisches publiziert. Er betrieb Anfang der 1950er Jahre intensive literarische Studien. Die Philosophen Friedrich Nietzsche, Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer prĂ€gten sein Denken.
Im Jahr 1956 veröffentlichte Deschner im Alter von 32 Jahren mit dem Roman Die Nacht steht um mein Haus sein erstes Buch. Im Folgejahr prÀsentierte er das Buch Was halten Sie vom Christentum? (1957), in dem er BeitrÀge von Zeitgenossen wie Hermann Kesten, Heinrich Böll, Arno Schmidt, Max Brod, Arnold Zweig und anderen zusammenfasste und das als sein erstes kirchenkritisches Werk gilt.
Noch im gleichen Jahr erschien der literaturkritische Band Kitsch, Konvention und Kunst (1957), im Jahr 1958 dann der Roman Florenz ohne Sonne.
Das Buch Abermals krÀhte der Hahn, das 1962 erschien, wird seitdem von Kirchenkritikern als fundiertes Standardwerk betrachtet. 1986 erschien bei Rowohlt der erste Band der auf zehn BÀnde angelegten Kriminalgeschichte des Christentums.
Dank privater Förderung durch Herbert Steffen, Alfred Schwarz und andere konnte Deschner sich ohne gröĂere materielle Sorgen der Vollendung seines Hauptwerkes (Kriminalgeschichte des Christentums, bis 2008 sind neun BĂ€nde erschienen) widmen. Seit 1988 wurde Deschner auch zunehmend öffentliche Anerkennung zuteil, die sich in Preisen und Auszeichnungen ausdrĂŒckte.
Deschner ist ĂŒberzeugter Vegetarier und hat mehrmals in Interviews gesagt, wenn er noch einmal leben könnte, dann wĂŒrde er seine Kraft einer noch hoffnungsloseren Thematik widmen als der BekĂ€mpfung des Christentums â dem Tier.[3] Wiederum wĂŒrde er sich schreibend betĂ€tigen, auch wenn seine BĂŒcher nicht wie jetzt Millionen Leser erreichten. Doch sie stĂŒnden im Dienst einer noch notwendigeren Sache, nach seiner Ăberzeugung der notwendigsten ĂŒberhaupt:
Karlheinz Deschner lebt seit vielen Jahren in HaĂfurt am Main, einer Kleinstadt im lĂ€ndlichen Unterfranken.
1988 erhielt Karlheinz Deschner den Arno-Schmidt-Preis, 1993 den Alternativen BĂŒchnerpreis und im gleichen Jahr als erster Deutscher den International Humanist Award der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (International Humanist and Ethical Union). Zudem wurde Deschner 2001 mit dem Erwin-Fischer-Preis des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) und dem Ludwig-Feuerbach-Preis des Bundes fĂŒr Geistesfreiheit Augsburg[5] ausgezeichnet.
2004 wurde Deschner mit dem Wolfram-von-Eschenbach-Preis des Bezirks Mittelfranken fĂŒr sein Lebenswerk ausgezeichnet. Die Laudatio hielt der Literaturwissenschaftler Karl Corino.
2006 bekam er den Premio letterario Giordano Bruno, Mailand.
Im Jahre 2006 wurde Deschner zum Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften und KĂŒnste (Abteilung fĂŒr Geschichtswissenschaft) gewĂ€hlt.[6]
Im Jahr 2004 gab die Giordano Bruno Stiftung die Einrichtung eines nach dem Autor benannten Deschner-Preises bekannt, der Personen oder Organisationen verliehen werden soll, âdie in besonderem MaĂe zur StĂ€rkung des sĂ€kularen, wissenschaftlichen und humanistischen Denkens und Handelns beitragenâ.[7] Erster TrĂ€ger dieses Deschner-Preises (2007) war der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins (Oxford).
Viele Werke des Autors hatten in der Fachwelt ein lebhaftes Echo. Das rĂŒhrte zum einen daher, dass seine Ideen oft der herrschenden Lehre bzw. Meinung widersprachen. Zum anderen veröffentlichte er seine Werke oft als Taschenbuch oder als Taschenbuch-Reihe in groĂer Auflage, richtete sich also an das breite Publikum. SchlieĂlich waren viele seiner Werke eher umgangssprachlich formuliert, hielten mit Kritik an bestehenden AutoritĂ€ten nicht zurĂŒck. Mitunter hatten sie prĂ€gnant formulierte Titel wie beispielsweise Mit Gott und den Faschisten, Kirche des Un-Heils oder Ein Papst reist zum Tatort.
Bereits Karlheinz Deschners Roman Die Nacht steht um mein Haus (1956) erregte Aufsehen, das sich ein Jahr spÀter bei Erscheinen der Streitschrift Kitsch, Konvention und Kunst zum Skandal steigerte, weil er damals unbekannte Autoren lobte und zugleich damals beliebte dichterische Werke heftig angriff.
Seit 1958 veröffentlicht Karlheinz Deschner ĂŒberwiegend Werke zur Religions- und Kirchenkritik. Seitdem gibt es von einigen namhaften theologischen Autoren ablehnende, von anderen zustimmende Kritik.
Ablehnung fand vor allem die 1986 begonnene Reihe Kriminalgeschichte des Christentums; auch kirchenkritische Vertreter des Christentums, unter ihnen der TĂŒbinger Theologe und Kritiker der katholischen Kirche Hans KĂŒng, lehnten Deschners grundsĂ€tzliche Kritik ab. 1994 erschien ein Sammelband unter dem Titel Kriminalisierung des Christentums? mit 23 Stellungnahmen von Kirchenhistorikern und anderen Wissenschaftlern verschiedener Konfession zur Kriminalgeschichte. Deschner antwortete auf diese Stellungnahmen in Form einer Replik im 5. Band seiner Kriminalgeschichte, wobei er detailliert allerdings nur auf eine der Stellungnahmen eingeht.
Deschner beschrieb einmal seine Motivation zum Schreiben so: âIch schreibe aus Feindschaft. Denn die Geschichte derer, die ich beschreibe, hat mich zu ihrem Feind gemachtâ. Dazu sagte der emeritierte Professor fĂŒr Kirchengeschichte an der UniversitĂ€t Bamberg, Georg Denzler, der selbst mit kirchenkritischen Texten hervorgetreten ist: âEine solche Motivation kann niemals die Basis fĂŒr eine ernst zu nehmende Geschichtsschreibung sein.â In einer Stellungnahme anlĂ€sslich von Deschners 80. Geburtstag benannte Denzler folgende EinwĂ€nde seiner Wissenschaftlerkollegen: âEr (Deschner) kennt kein Quellenstudium, er trifft eine höchst einseitige Literaturauswahl, interpretiert gedruckte Quellen ohne BerĂŒcksichtigung des Zusammenhangs, nimmt Einzelereignisse fĂŒr das Ganze und tĂ€uscht einen gelehrten Anmerkungsapparat vor, bei dem oft nicht zu kontrollieren ist, was behauptet wird.â An anderer Stelle urteilt er, Deschner sei âder kenntnisreichste unter den advocati diaboliâ,[8] doch mangele es ihm an historischem Denken und historischem Urteilen:[9]
In letzter Zeit nannte Hubertus Mynarek, allerdings im positiven Kontext seiner WĂŒrdigung, den Kirchenkritiker einen Kompilator, âdessen Werke eine fundamentale AbhĂ€ngigkeit von den Forschungsresultaten der historisch-kritisch arbeitenden Theologen aufweisenâ.[10] Joachim Kahl zeigt sich ĂŒber zahlreiche Aphorismen Deschners erschrocken, worin er ein Menschenbild als âhĂ€misch herabsetzend, fatalistisch, voll Sehnsucht nach Tod und Tötungâ zu erkennen glaubt.[11] Auf Kahls Kritik von Deschners Aphoristik, wieder abgedruckt in âAufklĂ€rung ist Ărgernis âŠâ: Karlheinz Deschner Leben â Werk â Wirkung,[12] repliziert Gabriele Röwer im selben Band detailliert; sie moniert, unter Einbeziehung zahlreicher Stimmen der Weltliteratur, Kahls mangelndes VerstĂ€ndnis fĂŒr das Wesen des Aphorismus wie auch seine Ausklammerung eines der eigenen Deutung widersprechenden GroĂteils der Deschnerschen Aphorismen.[13]
Armin Pfahl-Traughber kritisiert an Deschners Buch Der Moloch, dass es teilweise auf gefĂ€lschten Quellen und rechtsradikaler Verschwörungsliteratur beruhe, an einen âStammtisch-Diskursâ erinnere und stellenweise suggeriere, dass âdie US-Amerikaner schlimmer als die Nationalsozialisten warenâ.[14]
Zu Deschners Buch Abermals krĂ€hte der Hahn schrieb der evangelische Theologe Hans Conzelmann: âDeschner hat sich informiert. Er wird sich auf nichts einlassen als: Information.â[15]
Zum gleichen Buch schrieb der katholische Theologe Richard Völkl: âVor allem aber beweist der Autor an Hand einer immensen Quellen- und Literaturverwertung, was er sagt.â[16]
Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Ludger LĂŒtkehaus nannte es âdas Verdienst Deschners, auf die GewalttĂ€tigkeit des Christentums hingewiesen zu habenâ. Wer der von Deschner âgnadenlos nachgezeichneten Blutspurâ von Christen folge, werde sich des Gesamteindrucks kaum erwehren können: âWas hat die Geschichte des Christentums, der ChristentĂŒmer aus der Liebesreligion des Anfangs gemacht!â[17]
Beeindruckt von der Kriminalgeschichte des Christentums zeigte sich der katholische Theologe Adolf Holl: âWie furchtbar der Glaubenseifer sein kann, ist in der âKriminalgeschichte des Christentumsâ nachzulesen. Nach der LektĂŒre wirken all die PĂ€pste, KardinĂ€le, Bischöfe und Ăbte, Theologen, Nonnen, Mönche und Priester von den ersten AnfĂ€ngen der Kirche bis in die katholische Gegenwart wie eine Bande von Gangstern, deren verbrecherische Machenschaften sich hinter Weihrauchwolken verbergen.â[18]
Die Theologin Uta Ranke-Heinemann schrieb in ihrem Buch Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum: âDer europĂ€ische BĂŒrger, den beim Begriff âChristliches Abendlandâ satte Selbstzufriedenheit zu befallen pflegt, weil âChristliches Abendlandâ in seinen Ohren nach frommer Rechtschaffenheit klingt, sieht nach der LektĂŒre von Deschner seine Suppe voller Haare. Christliche Unwissenheit und Arroganz werden durch Deschner empfindlich gestörtâ.[19]
In der Frankfurter Rundschau schrieb der Journalist Arno Widmann zur Kriminalgeschichte des Christentums: âEs gibt SĂ€tze in diesem Buch, die möchte man auswendig lernen, um niemals zu vergessen, welches die Grundlagen der Welt sind, in der wir leben.â Dazu in der gedruckten Ausgabe die zweite Ăberschrift: âKarlheinz Deschners âKriminalgeschichte des Christentumsâ zeigt uns, wie wir sind.â[20]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Deschner, Karlheinz |
| ALTERNATIVNAMEN | Deschner, Karl Heinrich Leopold (wirklicher Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Schriftsteller und Religionskritiker |
| GEBURTSDATUM | 23. Mai 1924 |
| GEBURTSORT | Bamberg |