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Die Kiewer Rus bzw. Kiewer Russland[1] (russisch Киевская Русь, ukrainisch Київська Русь, weißrussisch Кіеўская Русь) war ein mittelalterliches Großreich mit Zentrum in Kiew, das als Vorläuferstaat der heutigen Staaten Russland, Ukraine und Weißrussland angesehen wird. Der Begriff selbst wurde erst in der Neuzeit vom russischen Historiker Nikolai Karamsin als zeitliche Abgrenzung gegenüber der späteren Wladimirer Rus und der Moskauer Rus geprägt. Die Zeitgenossen nannten das Land „Rus“ oder „russisches Land“ (русская земля). Wie viele multiethnische mittelalterliche Großreiche kann dieser Herrschaftsverband nicht mit den heutigen Kategorien eines Nationalstaats definiert werden.[2]
Inhaltsverzeichnis |
Die Etymologie des Namens Rus hängt der wahrscheinlichsten Theorie zufolge mit dem Stamm der Rus zusammen. Die Kiewer Rus entstand, nachdem (der Nestorchronik zufolge) die slawischen Stämme, die sich auf keinen gemeinsamen Anführer einigen konnten, einen neutralen Fürsten aus den Reihen der Waräger (Rus) zu sich riefen. Da diese oft den über die Flüsse der Region führenden Handelsweg von den Warägern zu den Griechen nutzten, kannten sie das Land sehr gut, das sie Gardarike (Reich der Städte) nannten. Der Warägerfürst Rurik begann im Jahr 862, in Weliki Nowgorod zu herrschen und wurde zum Begründer der Rurikiden-Dynastie, die Russland bis ins Jahr 1598 regieren sollte. Wenig später dehnte sich die Macht der Rurikiden auch auf Kiew aus, wo zwischenzeitlich die Warägerkrieger Askold und Dir die Macht an sich gerissen hatten. Das Jahr 882, in dem Ruriks Feldherr Oleg Kiew einnahm und die Hauptstadt dorthin verlegte, kann als der Beginn der Kiewer Periode betrachtet werden.
Das Reich umfasste bald alle ostslawischen Gebiete und erstreckte sich von den großen Handelsstädten Alt-Ladoga und Nowgorod im Norden bis zu den Schwarzmeer-Außenposten Beresan und Tmutorokan im Süden, von den alten Städten Galitsch und Isborsk im Westen bis zu den Neugründungen Jaroslawl und Murom im Osten. Dort stießen die slawischen Siedler zunehmend in dünn besiedelte finno-ugrische Gebiete vor, gründeten neue Städte und assimilierten die lokale Bevölkerung. Im Süden des Reiches lag nicht weit von Kiew die Grenze zum sogenannten Wilden Feld, Steppengebieten, aus denen immer wieder Angriffe der turkstämmigen Reiternomaden erfolgten. Die Waräger stellten zunächst den Großteil der Adels-, Händler- und Kriegerschicht der Kiewer Rus. Die dominierende Kultur und Sprache war jedoch die Slawische und die Waräger waren bereits nach wenigen Generationen vollständig slawisiert.
Das 10. Jahrhundert kennzeichnete den Höhepunkt der Kiewer Macht: Oleg von Kiew konnte nach einem erfolgreichen Feldzug gegen Konstantinopel 907 dem Byzantinischen Reich einen günstigen Diktatfrieden mit zahlreichen Handelsprivilegien aufzwingen. Fürst Swjatoslaw zerstörte das Chasaren-Reich und eroberte vorübergehend weite Teile des Balkans, unter anderem das Bulgarische Zarenreich.
Durch den hauptsächlich auf Konstantinopel ausgerichteten Handel kam es, trotz anfänglicher Eroberungsversuche seitens der Rus, zu engen Kontakten mit Byzanz, die zur christlichen Missionierung und schließlich im Jahre 988 in der Herrschaftszeit Wladimirs des Heiligen zum Übertritt der Rus zum orthodoxen Glauben führten. So entstand zur ersten Jahrtausendwende aus der Verschmelzung von Skandinaviern und Ostslawen mit byzantinischer Kultur und Religion die Bevölkerung der Kiewer Rus, aus der später Russen, Ukrainer und Weißrussen hervorgegangen sind.
Die Kiewer Fürsten waren hoch angesehen und heirateten in ganz Europa; so schlossen sie dynastische Verbindungen unter anderem mit Norwegen, Schweden, Frankreich, England, Polen, Ungarn, dem Byzantinischen Reich und dem Deutschen Reich. Eine Blütezeit erreichte die Kiewer Rus unter den Großfürsten Wladimir dem Heiligen (978–1015) und Jaroslaw dem Weisen (1019–1054). Letzterer ließ im ganzen Reich nach byzantinischem Vorbild viele Kirchen, Klöster, Schreibschulen und Festungsanlagen errichten, reformierte die ostslawische Gesetzgebung, hielt sie erstmals schriftlich fest (Russkaja Prawda) und gründete in Kiew die erste ostslawische Bibliothek.
Das Kiewer Reich war jedoch ähnlich wie das Heilige Römische Reich kein einheitlicher Staat, sondern bestand aus einer Vielzahl von autonomen Teilfürstentümern, die von den Rurikiden regiert wurden. Einer von Ihnen erbte jeweils die Großfürstenwürde und zog zum Regieren nach Kiew um. Zu den bedeutendsten Fürstentümern des Reiches gehörten im 11. und 12. Jahrhundert Kiew, Tschernigow, Perejaslaw, Smolensk, Polozk, Turow-Pinsk, Rostow-Susdal, Murom-Rjasan und Galizien-Wolhynien sowie das Nowgoroder Land.
Eine Belastung für die Kiewer Rus war die geographische Randlage in Europa an der Grenze zum Wilden Feld, aus dem ständig neue Reitervölker wie Alanen, Petschenegen oder Kyptschaken (Polowzer) kamen, die das Reich mit ihren Überfällen immer im Kriegszustand hielten. Um sich gegen die Nomaden zu schützen, wurden an der Südgrenze neue Festungen gegründet und Verteidigungslinien wie die Schlangenwälle genutzt. Immer wieder war jedoch die aus Berufskriegern zusammengestellte Druschina des Großfürsten gegen die riesigen Reiterheere machtlos. Von einem solchen unglücklichen Feldzug gegen die Polowzer handelt das altrussische Igorlied.
Das zweite große Problem war die Erbfolgeregelung nach dem Senioratsprinzip, die bei fast jedem Thronwechsel in Kiew zu kriegerischen Feudalfehden unter den rurikidischen Anwärtern und ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts zur zunehmenden Unabhängigkeit der einzelnen Fürstentümer und zum Herabsinken der führenden Rolle Kiews führten. Nach dem Tod des einflussreichen Großfürsten Wladimir Monomach (1125), der die zerstrittenen Fürsten noch einmal kurz unter der Oberherrschaft Kiews einen konnte, kam es zum endgültigen Zerfall des Kiewer Reiches. Den Hintergrund bildete auch die Migration großer Teile der Bevölkerung in den vor Nomadenüberfällen sichereren Nordosten. Unter Juri Dolgoruki wurden in dieser "Salessje" („Land hinter dem Wald“) genannten Region zahlreiche Städte gegründet, das politische Gewicht der neubesiedelten Gebiete stieg rasant. Sein Sohn Andrei Bogoljubski aus Wladimir-Susdal konnte 1169 Kiew einnehmen und die Großfürstenwürde an sich reißen. Als erster Großfürst löste er diese vom Standort Kiew und regierte fortan aus Wladimir.
Die feudale Zersplitterung der Rus erleichterte es den ab 1223 einfallenden Mongolen, die ostslawischen Fürstentümer nacheinander zu unterwerfen.
Das Erbe des Kiewer Reichs ist seit dem 19. Jahrhundert in der russischen, ukrainischen und weißrussischen Historiographie umstritten. Dabei handelt es sich bei dieser Auseinandersetzung nicht um eine wissenschaftliche, sondern eine politische Frage. Dies entspricht dem Paradigma der Nationalhistoriographien, welche multiethnische Großreiche des Mittelalters als Vorläufer des Nationalstaaten deuten. (So bewertet z. B. die weißrussische Nationalhistoriographie das Großfürstentum Litauen als weißrussisches Staatsgebilde, während die litauische Historiographie es als den ersten litauischen Staat ansieht.) Eine direkte Herrschaftsfolge zwischen dem Kiewer und Moskauer Reich ist seit dem 16. Jahrhundert in das russische Geschichtsverständnis eingegangen. Diese Herrschaftsfolge ist auch in andere Historiographien eingegangen, wobei die russische Geschichte in die Epochen des Kiewer, Moskauer, Zaristischen, Imperialen und des Sowjetischen Reichs gegliedert wird. In der sowjetischen Historiographie wurde das Kiewer Reich als einheitliches ostslawisches Reich interpretiert. Das Kiewer Reich war aber kein Nationalstaat, sondern ein multiethnisches Reich, wobei auch die Slawen, welche die Bevölkerungsmehrheit stellten, noch nicht in die drei heutigen ostslawischen Völker aufgeteilt waren, sondern in eine Vielzahl unterschiedlicher Stämme. [3] Die Sowjetunion verstand sich seit der Zeit des Stalinismus als ein erneuter "gemeinsamer Staat der Ostslawen" in ihrer modernen Ausprägung und leitete daraus die Berechtigung ab, die ostslawisch geprägten Gebiete (z. B. das sogenannte Ostpolen) in sich zu „vereinen“.