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Der Begriff Klassenkampf bezeichnet ökonomische, politische und ideologische KĂ€mpfe zwischen gesellschaftlichen Klassen. Nach der marxistischen Theorie sind die TriebkrĂ€fte der bisherigen menschlichen Geschichte und speziell der Revolutionen KlassenkĂ€mpfe zwischen ausbeutenden und ausgebeuteten Klassen, deren Interessen als antagonistische interpretiert werden. Im Kampf der gesellschaftlichen Klassen manifestiert sich nach Karl Marx der Widerspruch zwischen den gesellschaftlichen ProduktivkrĂ€ften (dem Entwicklungsstand der Arbeitskraft, der Produktionsmittel und Produktionstechniken) und den ProduktionsverhĂ€ltnissen (bzw. den EigentumsverhĂ€ltnissen an den Produktionsmitteln) als Klassengegensatz. Er fĂŒhre schlieĂlich durch den Umsturz der bestehenden Klassenherrschaft eine revolutionĂ€re UmwĂ€lzung der ProduktionsverhĂ€ltnisse herbei. Im Kapitalismus stehen sich die Arbeiterklasse und die Kapitalistenklasse als zentrale Klassen gegenĂŒber. Die Revolution der Arbeiterklasse, die Marx aufgrund der krisenhaften Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise erwartete, wĂŒrde die Klassenherrschaft durch Aufhebung aller Klassenunterschiede beenden.
Mit dem Satz âDie Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von KlassenkĂ€mpfenâ eröffnen Karl Marx und Friedrich Engels â nach der kurzen Einleitung â das erste Kapitel des Manifests der Kommunistischen Partei.[1] Ihnen zufolge ist die bisherige Geschichte der Menschheit eine Abfolge von KĂ€mpfen unterschiedlicher Klassen gegeneinander um die Herrschaft, genauer: um die VerfĂŒgung ĂŒber die Produktionsmittel, in der jeweiligen Gesellschaft.
Lediglich in den (mehr deduzierten als empirisch nachgewiesenen) ursprĂŒnglichen Gemeinwesen (âUrkommunismusâ) mit âStammeigentumâ, gemeinsamer Produktion und Aneignung hatte es noch eine klassenlose Gesellschaft gegeben. Diese beruhte darauf, dass kaum ein Mehrprodukt erzeugt wurde und sich daher alle Mitglieder der Gesellschaft an der Produktion fĂŒr das Lebensnotwendige beteiligen mussten, so dass sich keine Klasse bilden konnte, die sich die Mehrarbeit der anderen aneignen konnte. Alle waren in einen unmittelbaren Ăberlebenskampf mit der Natur verwickelt. GroĂe Hierarchie-Unterschiede waren somit in der frĂŒhen Gesellschaft weitgehend unbekannt.
Das Aufkommen des Klassenkampfes wird als eine Folge der sich herausbildenden Klassengesellschaft gesehen. Indem es der Gesellschaft gelang, die ProduktivkrĂ€fte weiterzuentwickeln und ein den unmittelbaren Konsum (Subsistenz) ĂŒbersteigendes Mehrprodukt zu schaffen, konnte dieses von einer Minderheit angeeignet und fĂŒr andere Zwecke als die der unmittelbaren BedĂŒrfnisbefriedigung genutzt werden. Daraus entwickelte sich eine besondere Machtstellung, die sich mehr und mehr verselbstĂ€ndigte. So entstand die herrschende Klasse gegenĂŒber den unmittelbar Arbeitenden. Alle Produktionsweisen die der des âUrkommunismusâ folgten, waren Produktionsweisen von Klassengesellschaften. FĂŒr den okzidentalen Raum haben Marx und Engels in der Deutschen Ideologie[2] eine Periodisierung von antiker, feudaler und kapitalistischer Produktionsweise entwickelt. SpĂ€ter hat Marx (in den Grundrissen[3]) sie durch die asiatische Produktionsweise ergĂ€nzt.
Nach der Vorstellung von Marx und Engels nimmt die herrschende Klasse zunĂ€chst eine produktive Funktion in der Entwicklung der ProduktivkrĂ€fte ein, wird aber im weiteren Verlauf zu ihrer Fessel, so dass die historische Notwendigkeit der herrschenden Klasse in Frage gestellt wird. Die unteren Klassen empfinden die herrschende Klasse mehr und mehr als ĂŒberflĂŒssig, wĂ€hrend diese ihre Vorrechte zu verteidigen sucht. Laut historischem Materialismus wĂ€chst die Wahrscheinlichkeit von Revolution, wenn die Entfaltung der ProduktivkrĂ€fte durch die von der jeweils herrschenden Klasse bestimmten ProduktionsverhĂ€ltnisse behindert wird. Die Weiterentwicklung der ProduktivkrĂ€fte ist der Motor, der zur UmwĂ€lzung der ProduktionsverhĂ€ltnisse und damit zum Sturz der herrschenden Klasse fĂŒhrt. Eine neue Klasse ergreift die Macht und etabliert neue ProduktionsverhĂ€ltnisse. Nach diesem VerstĂ€ndnis ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte aufeinanderfolgender Klassengesellschaften, deren Abfolge von den Handelnden keineswegs voll bewuĂt herbeigefĂŒhrt wird. So schuf die Bourgeoisie die bĂŒrgerliche Gesellschaft, nachdem sie bereits im SchoĂe des Feudalismus und Absolutismus als selbstĂ€ndiger Handels-, Handwerker- und Advokatenstand sich herausgebildet hatte, indem sie die Privilegien von Adel und Klerus beseitigte. Als letzte Klassengesellschaft gilt ihnen der Kapitalismus, im Verlauf dessen die ProduktivkrĂ€fte soweit entwickelt werden, dass die materiellen Voraussetzungen einer klassenlosen Gesellschaft entstehen, die indessen bewusst auf revolutionĂ€rem Weg durchgesetzt werden muss.
Siehe auch:
Bereits NicolĂČ Machiavelli vertrat in seinen Discorsi die Auffassung, dass ein zwischen Adel und BĂŒrgertum bestehendes Konfliktpotenzial die politische AktivitĂ€t wachhalte. Dass Henri de Saint-Simon in Briefe eines Einwohners von Genf (1802, Lettres d'un habitant de GenĂšve) die Französischen Revolution als einen Klassenkampf zwischen Adel, BĂŒrgertum und Besitzlosen auffasste, nennt Engels âeine höchst geniale Entdeckungâ.[4]. Den französischen Historiker Augustin Thierry[5] hatte Karl Marx als den Vater des Klassenkampfes in der französischen Geschichtsschreibung bezeichnet.[6]Auch die bĂŒrgerlichen französischen Historiker François Guizot, François-Auguste Mignet und Adolphe Thiers sahen den Klassenkampf schon als Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung an.[7]
Marx nimmt fĂŒr sich selbst lediglich in Anspruch, die Verwurzelung der sozialen Klassen in den ProduktionsverhĂ€ltnissen einer bestimmten Gesellschaftsformation nachgewiesen zu haben: âWas mich nun betrifft, so gebĂŒhrt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter sich entdeckt zu haben. BĂŒrgerliche Geschichtsschreiber hatten lĂ€ngst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der Klassen, und bĂŒrgerliche Ăkonomen die ökonomische Anatomie derselben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daĂ die Existenz der Klassen bloĂ an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist; 2. daĂ der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats fĂŒhrt; 3. daĂ diese Diktatur selbst nur den Ăbergang zur Aufhebung aller Klassen und zu einer klassenlosen Gesellschaft bildet.â[8]
Noch nach Marx haben auch Nicht-Marxisten durchaus den Klassenkampf gesehen. So Max Weber, der diesen Begriff gelegentlich, aber nicht immer in GĂ€nsefĂŒĂchen setzt[9][10] und daneben auch von âStĂ€ndekĂ€mpfenâ[11] sowie âKlassenrevolutionen" [12] und âKlassenhandeln [âŠ] gegen den unmittelbaren Interessengegner (Arbeiter gegen Unternehmer)â[13] spricht. Ferdinand Tönnies schrieb 1935 in Geist der Neuzeit sogar: âDarum der groĂe und entscheidende, immer erneute Kampf in der Gesellschaft um 1. die ökonomische 2. die politische 3. die geistig moralische Macht - der immer ein âKlassenkampfâ, der heute am unmittelbarsten und am auffallendsten sich kundgibt als Streit zwischen Kapital und Arbeit, woran aber viele Elemente auf der einen oder anderen Seite teilhaben, die weder als MitkĂ€mpfer des Kapitals, noch als solche der Arbeit sich wissen und kennen, und bald in das eine Lager â das des Kapitals â hineingezogen werden oder in der Meinung, dass dessen Herrschaft sich von selbst verstehe, also gerecht und billig sei, sich hineinstellen, zuweilen auch durch ihr Denken, ihre Ideen in es hineinfallen.â (Ferdinand Tönnies[14]) Auch Wilhelm Heitmeyer sieht einen "Klassenkampf von oben" durch "eine BĂŒrgerlichkeit, die sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den MaĂstĂ€ben der kapitalistischen NĂŒtzlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiert." Dadurch werden "drei Kernnormen, die eine Gesellschaft auch zusammenhalten: SolidaritĂ€t, Gerechtigkeit, Fairness im Umgang miteinander" verdrĂ€ngt. Und das habe "damit zu tun, wie sich Eliten Ă€uĂern, also Leute, die den Zugang haben zu den Medien, die VervielfĂ€ltiger sind von bestimmten Dingen." Heitmeyer konstatiert "eine Art semantischen Klassenkampf von oben gegen ,die da unten'"[15].
Karl Marx hat die KlassenkĂ€mpfe in der Gesellschaft seiner Zeit wie folgt beschrieben: Im Kapitalismus stehen sich die Klassen der Proletarier als Besitzer von Arbeitskraft und die Kapitalisten als Besitzer der Produktionsmittel in einem antagonistischen Interessengegensatz gegenĂŒber, der zum Klassenkampf fĂŒhrt.
Ausgangspunkt fĂŒr den Klassenkampf im Kapitalismus ist nach Marx die Ausbeutung der Lohnarbeit durch das Kapital. Der monopolisierte Besitz an Produktionsmitteln durch die kapitalistische Klasse zwingt die eigentumslosen Proletarier unter dem "stummen Zwang der ökonomischen VerhĂ€ltnisse", sich als Lohnarbeiter zu verdingen. Sie erhalten nur einen zu ihrer Reproduktion benötigten Existenzlohn. Den von ihnen in der Produktion erzeugten und darĂŒber hinausgehenden Wertzuwachs eignen sich die Kapitalisten als arbeitsloses Einkommen, als so genannten Mehrwert an. Das ökonomische Interesse des Kapitals besteht nun darin, den Mehrwert, das heisst die Differenz zwischen der geleisteten Arbeitszeit der BeschĂ€ftigten und der bezahlten Arbeitszeit, stĂ€ndig zu erhöhen. Daraus entspringt der stetige âHeiĂhunger des Kapitals nach Mehrarbeitâ: Zur Steigerung der Mehrwertrate wird der Arbeitslohn im VerhĂ€ltnis zum Ertrag der Arbeitsleistung gesenkt.
Die einfachste Form ist dabei die VerlĂ€ngerung des Arbeitstages bei gleich bleibendem Lohn (absoluter Mehrwert). Da diese an â physische und rechtliche â Schranken stöĂt, wird der technische Fortschritt zum Hebel des Klassenkampfes: Die Arbeit produktiver zu machen â und intensiver verausgaben zu lassen â dient der Verbilligung der Arbeitskraft (relativer Mehrwert). Der technische Fortschritt beeinflusst die Arbeit und die ProduktionsverhĂ€ltnisse.
Der Klassenkampf gilt den Marxisten als ökonomische und politische Widerstandsform des Proletariats. Die andere antagonistische Hauptklasse (die der Kapitalisten) befindet sich ebenfalls im Klassenkampf[16]. Sie versucht, die Kampfbedingungen des Proletariats einzuschrĂ€nken (z.B. durch Streikverbot). WĂ€hrend die âKlassenpolitik von untenâ von links offen propagiert und von rechts angegriffen wird, ist Klassenpolitik von oben seit jeher stillschweigend und selbstverstĂ€ndlich akzeptiert. Das wusste nicht nur Karl Marx,[17] sondern sogar schon Adam Smith: âLeute von demselben Gewerbe kommen selten auch nur zu Lustbarkeiten oder Zerstreuungen zusammen, ohne dass ihre Unterhaltung mit einer Verschwörung gegen das Publikum oder einem Plane zur Erhöhung der Preise endigt.â[18] und daran hat sich bis heute nichts geĂ€ndert:
âDa das KrĂ€fteverhĂ€ltnis der Klassen grundsĂ€tzlich asymmetrisch zugunsten des Kapitals strukturiert ist, erscheint die Macht des Kapitals als âșnormalâč, und ihr Einsatz als Klassenkampf (âșvon obenâč) wird regelmĂ€Ăig nicht oder kaum wahrgenommen, wĂ€hrend die Aktualisierung der âșMacht der Arbeitâč ebenso regelmĂ€Ăig offen als Klassenkampf (âșvon untenâč) erscheint.[19]
Daneben gibt es noch weitere Klassen, Nebenklassen, BerufsstĂ€nde oder Schichten (z.B. KleinbĂŒrgertum, Bauern, Beamtenschaft, Akademiker), die BĂŒndnispartner einer der beiden antagonistischen Hauptklassen werden können.[14] Eine besonders wichtige Rolle bei der Bildung des gesellschaftlichen Bewusstseins unter den Bedingungen einer Demokratie kann der ideologische und politische Einfluss auf nicht unbedingt den Hauptklassen angehörende Multiplikatoren (Intellektuelle, Lehrer, Journalisten, Politiker usw.) und auf Institutionen (Medien, Schulen, Hochschulen usw.) sowie Organisationen (z.B. Parteien) durch eine der Hauptklassen oder ihre Interessenvertretungen (Gewerkschaften bzw. UnternehmerverbĂ€nde)[20] spielen. Damit droht die Entwicklung zur Postdemokratie auch in Deutschland[21], die mancherorts, z.B. in Griechenland,[22] bereits eingetreten ist[23].
Siehe ausfĂŒhrlich in Historischer Materialismus.
Der französische Soziologe Raymond Boudon wirft den marxistischen Soziologen einen ĂŒberzogenen Anspruch vor: Sie besĂ€Ăen zwar die beste bzw. glaubwĂŒrdigste Theorie, um soziale Prozesse der Transformation zu erklĂ€ren. Er hĂ€lt ihnen aber elementare Beispiele fĂŒr alternative ErklĂ€rungen entgegen.[1]
Ganz einfach, ohne marxistische Terminologie, doch eindeutig und umfassend Georg BĂŒchner 1935 in einem Brief an Karl Gutzkow: "Das VerhĂ€ltnis zwischen Armen und Reichen ist das einzige revolutionĂ€re Element in der Welt[2]."
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Die nachfolgende AufzÀhlung enthÀlt eine Auswahl von manifesten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen Gruppierungen mit gegensÀtzlichen Interessen, die zum Teil schon in klassischen marxistischen Texten als exemplarische KlassenkÀmpfe interpretiert wurden, ohne dass diese Interpretation vom Mainstream der historischen Forschung geteilt wird. Sie erhebt daher weder Anspruch auf VollstÀndigkeit, noch darauf, nur allgemein anerkannte FÀlle zu prÀsentieren.
Die Theorie der ideologischen Dominanz der Kapitalisten und folglich des falschen Bewusstseins des Proletariats geht davon aus, dass die meisten Menschen ihre fundamentalsten Ziele nicht ausschlieĂlich aufgrund logischer Ăberlegungen erwerben und nur selten Ă€ndern, weil sie sich unhinterfragt den Regeln unterwerfen, denen diese Werte zugrunde liegen.[21]Andererseits sind doch auch viele unzufrieden mit ihrer Situation und wĂŒnschen deren Verbesserung[22].
In den Jahrzehnten des fordistischen Wohlfahrtsstaates entstand der Eindruck, in einer Nivellierten Mittelstandgesellschaft zu leben, und Klassenunterschiede wurden kaum noch wahrgenommen. Ab Mitte der 1970er Jahre verĂ€nderte sich die gesellschaftliche RealitĂ€t; doch auch im Postfordismus entstand kein breites Klassenbewusstsein. Ursache dafĂŒr sind die Fragmentierung der Arbeitnehmerschaft sowie eine Begriffs- und Klassenpolitik, die fĂŒr Unklarheit sorgt: Die Soziologie ging von Klassen ĂŒber Schichten zu âLebensstil-Milieusâ ĂŒber, weil sich so angeblich ParteiprĂ€ferenzen und Kaufabsichten leichter voraussagen lieĂen.[23] So âwurde öffentlichkeitswirksam vom Modell der Schichten auf das der Milieus und damit von dem traditionellen vertikal-hierarchischen Bild von Sozialstruktur auf eine horizontale Metapher von âdrinnen-drauĂenâ umgestelltâ.[24] FĂŒr die EU-Diplomatie wurde der Begriff âsoziale AusschlieĂungâ erfunden, um nicht mehr ĂŒber Armut sprechen zu mĂŒssen.[25] Die âArmenâ waren selbstverstĂ€ndlich Teil der Gesellschafts-Pyramide, im Bild sogar ihre Basis. Die âAusgeschlossenenâ stehen auĂerhalb.[26] In Deutschland wurde im Herbst 2006 âUnterschichtâ durch âPrekariatâ ersetzt.[27] Bei Prekarisierung geht es nicht nur um billige, sondern vor allem um flexible, also leicht kĂŒndbare ArbeitskrĂ€fte. Insgesamt sehr wohl aufgegangen ist die Strategie der Unternehmen, gesicherte ArbeitsverhĂ€ltnisse zu reduzieren und viele ArbeitsverhĂ€ltnisse âflexibelâ zu halten â was von der anderen Seite gesehen âprekĂ€râ heiĂt.[28] So schillernd der Begriff âPrekaritĂ€tâ auch sein mag, es bleibt, âdass das alles, Prekariat, Armut und AusschlieĂung, nicht einfach âĂŒber uns kommtâ, sondern in Klassenpolitik â und damit auch in KĂ€mpfen, in denen die Arbeiterschaft besiegt wurde â hergestellt wurde und wirdâ.[29]
Klaus Dörre verwendet zur Kennzeichnung der neoliberalistischen, der wirtschaftlichen Expansion dienenden Kommodifizierungs- und Privatisierungspolitik, den Begriff Landnahme.[30] Er geht davon aus, dass Landnahme âExpansion der kapitalistischen Produktionsweise nach innen und auĂenâ bedeutet,[31] und beruft sich dabei auf Rosa Luxemburgs These, dass im âinneren Verkehrâ nur begrenzte Wertteile des gesellschaftlichen Gesamtprodukts realisiert werden können. Dies zwinge expandierende Unternehmen dazu, Teile des Mehrwerts âauswĂ€rtsâ zu realisieren.[32] Dörre betont, Landnahmen âsind immer auch politische, auf Staatsintervention beruhende Prozesseâ. Transformationskrisen eigneten âsich hervorragend, um die Marktvergesellschaftung einzuhegen, indem politische Anlagefelder der Verwertung entzogen und qua Staatsintervention in öffentliche GĂŒter verwandelt werden. Auf diese Weise entsteht fĂŒr die molekularen einzelkapitalistischen Operationen ein âAuĂenââ[33]. Finanzkrisen gehören "zum Modus operandi der neuen Landnahme"[34] und âsekundĂ€re Ausbeutungâ bedeute einen âReservearmee-Mechanismusâ. Von sekundĂ€rer Ausbeutung könne âimmer dann gesprochen werden, wenn symbolische Formen und staatlich-politischer Zwang eingesetzt werden, um eine Innen-AuĂen-Differenz mit dem Ziel zu konservieren, die Arbeitskraft bestimmter sozialer Gruppen unter ihren Wert zu drĂŒcken oder diese Gruppen aus dem eigentlichen kapitalistischen AusbeutungsverhĂ€ltnis auszuschlieĂen.â[35] FĂŒr diese Form von Ăberausbeutung eignen sich besonders Frauen, Migranten und vor allem Migrantinnen. Dies sieht auch Ceren TĂŒrkmen so.[36] Dörre konstatiert ferner, dass Rendite und Gewinn nicht mehr als Resultat wirtschaftlicher Leistungen, sondern als deren Voraussetzung erscheinen und das Marktrisiko vor allem die BeschĂ€ftigten zu tragen haben.[37]. Das Ziel der Projekte besteht in der Umverteilung von unten nach oben, [âŠ] Ihre Hebel, Rendite- und Gewinnziele in GröĂenordnungen, die realwirtschaftlich gar nicht realisierbar sind, lösen dann einen strukturellen Zwang zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen[38] in diesem âKasino-Kapitalismusâ[39] aus. Staatliche Politik flankiert diese Kapitalakkumulation mit MaĂnahmen, die âauf eine Beschneidung, mitunter gar auf eine âEnteignungâ des Sozialeigentums groĂer Gruppen abhĂ€ngig BeschĂ€ftigter hinauslaufenâ.[40] Das fĂŒhrt zur âDurchsetzung einer flexibel-marktzentrischen Produktionsweise, deren FunktionsfĂ€higkeit wesentlich auf einer Wiederbelebung des Reservearmeemechanismus beruht,[41]â der, âverbunden mit staatlichem Druck und sozialer Disziplinierung, [âŠ] in flexible Produktionsformen zwingt.â[42]
Typisch fĂŒr kapitalistische Unternehmen ist ihre rechtliche VerselbstĂ€ndigung als âjuristische Personâ ohne moralische Verantwortlichkeit.[43] Ideologen und Praktiker des Neoliberalismus erheben Forderung nach bedingungsloser Umsetzung des âEigentĂŒmerwillensâ in der Maximierung des shareholder value. âIn diesen Prozessen erhalten das blinde Kapital und sein zielloser Vermehrungstrieb die notwendige Konkretisierung.â[44] âAls Unternehmer ist der Bourgeois Individualist, als Agent oder Personifikation des Kapitals wird er zum Klassenmenschen.â[45] Und die Bourgeoisie bildet sich so als Klasse im âKampf um das Surplusproduktâ.[46] Mit dem Handel mit Aktien, Staatsanleihen und den neuen âDerivativenâ entstand eine eigene AnlagesphĂ€re des Kapitals, ein expandierender Finanzmarkt-Kapitalismus Die Aktie scheint nun Kapital in den HĂ€nden des Aktienbesitzers zu sein. Dieses âfiktive Kapitalâ wird zu einer durch und durch spekulativen GröĂe.[47] Auch die Bourgeoisie ist in Fraktionen gegliedert: fungierende EigentĂŒmer (âMittelstandâ), Manager und Rentiers; auĂerdem hat sich eine Elite der Bourgeoisie herausgebildet.[48] Leslie Sklair sieht mit der Zunahme der Schicht von Managern der Transnationalen Konzerne eine Transnationale Bourgeoisie unmittelbar gegeben und als einigende Bande: Lebensstil und Verherrlichung des Konsums (consumerism), best practices und benchmarking sowie die Auseinandersetzung mit moralisch-ökologischen Prinzipien und Forderungen.[49][50]
KlassenverhĂ€ltnisse sind vor allem auch macht- und herrschaftstheoretisch von Bedeutung. Aber Ă€hnlich wie in der Soziologie wurde es auch in den Politikwissenschaften in den 1990er Jahren ruhig um den Begriff.[51] FĂŒr Nicos Poulantzas gibt es eine Unzahl versteckter Formen von Auseinandersetzungen, bei denen es letztlich immer um den im Produktionsprozess erzielten Mehrwert geht. Klasseninteressen sind nicht a priori bestimmbar, vielmehr ist diese Bestimmung schon Teil und Ergebnis von KĂ€mpfen. Wie KlassenkĂ€mpfe gefĂŒhrt werden und in welche Richtung sie drĂ€ngen, lĂ€sst sich nicht vorhersagen.[52] âDer ökonomische Prozess ist Klassenkampf und schlieĂt damit Machtbeziehungen ein [âŠ]. Diese Machtbeziehungen sind insofern spezifischer Natur, als sie mit der Ausbeutung verknĂŒpft sind [âŠ].â[53] Die transnationale kapitalistische Klasse arbeitet âin [âŠ] internationalen Organisationen der UN sowie transnationalen Organisationen wie etwa Bilderberg Group, Trilaterale Kommission und International Industrial Conferenceâ.[54] Von Interesse mĂŒssen hier auch die Versuche von Schaffung transnationaler âprivater AutoritĂ€tenâ sein, wie sie im Bereich von Rating-Agenturen zu beobachten sind.[55]. William I. Robinson spricht in diesem Zusammenhang von entstehenden transnationalen Staatsapparaten und einem transnationalen Staat. Zu diesem netzwerkartigen Staat gehören alle wichtigen inter- und transnationalen Organisationen (UNO, WTO, IWF, G 7/8, EU, OECD usw.).[56] Auch âdie imperialistischen Staaten nehmen nicht nur die Interessen ihrer inneren Bourgeoisie wahr, sondern gleichfalls die Interessen des herrschenden imperialistischen Kapitals und die anderer imperialistischer Kapitale, wie sie innerhalb des Internationalisierungsprozesses verbunden sind.â[57] âEntwicklungen haben die Voraussetzungen der KlassenkĂ€mpfe verĂ€ndert. Gleichzeitig ist mit der aktuellen Krise eine VerschĂ€rfung der sozialen Auseinandersetzungen zu erwarten. Insbesondere kann davon ausgegangen werden, dass der in den letzten Jahren vehement gefĂŒhrte âKlassenkampf von Obenâ weiter verstĂ€rkt wird, darauf deuten zumindest die Verlautbarungen ĂŒber zukĂŒnftige Sparpolitik und Steuererleichterungen hin.â[58]
von Karl Marx: