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Kosovokrieg

Kosovokrieg
Teil von: Jugoslawienkriege
Karte des Kosovo
Karte des Kosovo
Datum Januar 1998 bis Juni 1999
Ort Bundesrepublik Jugoslawien, Kosovo
Casus Belli Nichtunterzeichnung des Vertrages von Rambouillet durch die BR Jugoslawien
Ausgang Sieg der NATO, UN-Verwaltung und Kontrolle des Kosovos durch die KFOR
Konfliktparteien
Uck logo.png UÇK
NATO NATO
Jugoslawien Bundesrepublik 1992Jugoslawien Jugoslawien
Befehlshaber
Agim Çeku
Hashim Thaci
Wesley Clark
Javier Solana
Slobodan Miloơević
Dragoljub Ojdanić
Nebojơa Pavković
Vladimir Lazarević
TruppenstÀrke
maximal 25.000 KĂ€mpfer[1] 114.000 Soldaten
20.000 Polizisten
Verluste
unbekannt unbekannt

Der Kosovokrieg (auch Kosovo-Konflikt genannt) war ein bewaffneter Konflikt um die Kontrolle des Kosovo in den Jahren 1998/1999. Das mehrheitlich von ethnisch albanischer Bevölkerung bewohnte Gebiet war zu diesem Zeitpunkt eine Provinz Serbiens innerhalb der Bundesrepublik Jugoslawien.

Der Konflikt bestand aus zwei Phasen. Vom Januar 1998 bis MĂ€rz 1999 handelte es sich zunĂ€chst um eine bewaffnete innerstaatliche Auseinandersetzung zwischen der UÇK („Befreiungsarmee des Kosovo“), einer albanischen Rebellenorganisation, welche fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit des Kosovo kĂ€mpfte, und den OrdnungskrĂ€ften der Bundesrepublik Jugoslawien. [2]

Die zweite, so genannte zwischenstaatliche Phase des Konflikts begann am 24. MÀrz 1999 und endete am 10. Juni 1999. WÀhrend dieser Zeit erfolgten Luftangriffe der NATO auf das gesamte Territorium der jugoslawischen Teilrepublik Serbien[3]; fortgesetzt wurden auch die militÀrischen Auseinandersetzungen zwischen den jugoslawischen StreitkrÀften und den Rebellen.

WÀhrend des gesamten Konfliktes, vor allem aber 1999, waren Hunderttausende Einwohner des Kosovo auf der Flucht. Es wurden etwa 650 Ortschaften beschÀdigt oder zerstört, darunter historisch wertvolle Bausubstanz.[4] Im serbischen Kerngebiet wurde durch Luftangriffe der NATO ebenfalls eine Vielzahl von GebÀuden zerstört, darunter historisch wertvolle.[5]

Der Kosovokrieg wird – insbesondere in der westlichen Welt – kontrovers diskutiert. Einerseits wird er als einer der ersten humanitĂ€ren KriegseinsĂ€tze bezeichnet und als Reaktion auf Menschenrechtsverletzungen der jugoslawischen SicherheitskrĂ€fte dargestellt. Andererseits erfolgte der Angriff der NATO gegen die souverĂ€ne Bundesrepublik Jugoslawien ohne UN-Mandat.

Jugoslawien beklagte sezessionistische Tendenzen bei großen Teilen der albanischen Bevölkerung des Kosovo und berief sich auf das Recht, auf seinem Staatsgebiet die seit 1997 mit Guerilla-Methoden operierende UÇK zu bekĂ€mpfen.

Inhaltsverzeichnis

HintergrĂŒnde

Vorgeschichte

→ Hauptartikel: Geschichte des Kosovo

Erst im Jahre 1877 wurde das Vilayet Kosovo als Provinz (Verwaltungseinheit) des Osmanischen Reiches gegrĂŒndet. Es umfasste aber ein grĂ¶ĂŸeres Territorium als das heutige Gebiet, unter anderem große Teile des heutigen Mazedoniens. 1878 erhielten Serbien und Montenegro auf dem Berliner Kongress die UnabhĂ€ngigkeit, Kosovo und Albanien dagegen verblieben im Osmanischen Reich. 1910 brach im Kosovo ein bewaffneter Aufstand von Albanern gegen die osmanische Herrschaft aus, der sich im Laufe der folgenden Jahre in das Gebiet des heutigen Albaniens ausdehnte. WĂ€hrend der beiden Balkankriege (1912/1913) annektierte Serbien den Kosovo, Albanien wurde unabhĂ€ngig.[6] Nach einer kurzen Unterbrechung unter Hoheit der österreichisch-ungarischen Armee wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs verblieb das Gebiet unter serbischer Kontrolle, zuerst als Teil des Königreichs Serbien und dann im Königreich Jugoslawien. Der deutsche Überfall auf Jugoslawien im April 1941 fĂŒhrte zum Zusammenbruch des jugoslawischen Staates. Kosovo und Teile Mazedoniens wurden mit dem bereits unter der Herrschaft des faschistischen Italien stehenden Albanien vereinigt.

1945 wurde Kosovo in der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien (bzw. ab 1963 Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien) zur autonomen Provinz innerhalb der Republik Serbien. Trotz der vom jugoslawischen Staat propagierten Parole der „BrĂŒderlichkeit und Einheit“ (bratstvo i jedinstvo) konnten die Konflikte zwischen den Ethnien aber nie grundsĂ€tzlich gelöst werden. In den 1960 Jahren galt Adem Demaçi als fĂŒhrende Persönlichkeit der albanischen Widerstandsbewegung. Durch eine schrittweise Dezentralisierung gelang es der jugoslawischen FĂŒhrung unter dem PrĂ€sidenten Josip Broz Tito in der Folgezeit, die Spannungen zwischen den Volksgruppen im Land zu verringern. 1974 erhielt das Kosovo (wie auch die Vojvodina) weitreichende Autonomierechte und weitgehende Selbstverwaltung.

1981 forderten Albaner im Kosovo fĂŒr die Provinz den Status einer Republik innerhalb Jugoslawiens. Daraufhin kam es zu schweren Unruhen zwischen Albanern und den jugoslawischen SicherheitskrĂ€ften, in deren Folge die jugoslawische Regierung den Ausnahmezustand ĂŒber den Kosovo verhĂ€ngte. Angehörige der serbischen Minderheit zogen verstĂ€rkt in das serbische Kernland, viele Albaner wurden verhaftet. Die Unruhen wurden niedergeschlagen, der Konflikt schwelte jedoch weiter.[7][8]

Zuspitzung des Konfliktes nach Aufhebung der Autonomie des Kosovo

Aus Unzufriedenheit mit der Situation in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien verfassten serbische Wissenschaftler zwischen 1982 und 1986 das SANU-Memorandum, in welchem sie eine stĂ€rkere BerĂŒcksichtigung serbischer Interessen forderten. Dabei wurde den Kosovo-Albanern ausdrĂŒcklich Schuld an der festgestellten Misere Serbiens zugewiesen, indem ein „Völkermord an den Serben im Kosovo“ beklagt wurde.[9] Der serbisch-jugoslawische Politiker Slobodan MiloĆĄević, ab 1987 ParteisekretĂ€r des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BDKJ) in Belgrad und ab 1989 PrĂ€sident der Teilrepublik Serbien, nutzte die nationalen Vorbehalte zum eigenen Machtausbau und zur systematischen StĂ€rkung der jugoslawischen Teilrepublik Serbien.

In diesem Rahmen wurden 1988 die kosovarischen Politiker Azem Vllasi und Kaqusha Jashari aus ihren Ämtern entfernt, weil sie eine Aufhebung der Autonomie des Kosovo ablehnten, und durch loyal geltende Politiker ersetzt. Im Februar 1989 stimmte das serbische Parlament einer VerfassungsĂ€nderung zu, welche die Autonomie des Kosovo einschrĂ€nkte. Dagegen gab es heftige Proteste, unter anderem einen Hungerstreik von Bergarbeitern im Gebiet von Kosovska Mitrovica. Als Folge der Proteste wurde am 27. Februar 1989 der Ausnahmezustand verhĂ€ngt, in diesem Umfeld stimmte das kosovarische Parlament im MĂ€rz der Auflösung der Autonomie der Provinz zu. Im Juli 1990 ließ Slobodan MiloĆĄević Parlament und Regierung des Kosovo im Rahmen der sogenannten antibĂŒrokratischen Revolution auflösen.[10]

WĂ€hrend des Zerfalls von Jugoslawien wurde im September 1991 nach einem geheimen Referendum die „Republik Kosova” proklamiert, die nur von Albanien anerkannt wurde. Eine quasistaatliche Schattenstruktur etablierte sich. Seither versuchten Albaner durch passiven Widerstand die Weltöffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen. 1992 wĂ€hlten die Kosovoalbaner den Schriftsteller Ibrahim Rugova zum PrĂ€sidenten der „Republik Kosova”. Auch ein Parlament wurde gewĂ€hlt, das jedoch nicht zusammentrat. Die von Rugova ernannte Regierung nahm ihre AmtsgeschĂ€fte aus dem Exil wahr.[11] Die meisten Kosovoalbaner boykottierten die Wahlen zum serbischen Parlament im September und Oktober 1997; es kam zu schweren ZusammenstĂ¶ĂŸen mit der serbischen Polizei im Kosovo. Bei den PrĂ€sidenten- und Parlamentswahlen der „Republik Kosova” 1998 wurde Rugova als PrĂ€sident bestĂ€tigt. Der friedliche Widerstand im Kosovo erschien fĂŒr die betroffenen Kosovaren erfolglos.

In FrĂŒhjahr 1996 begann die UÇK zum bewaffneten Kampf ĂŒberzugehen und unternahm Operationen im Kosovo gegen staatliche Einrichtungen und die Zivilbevölkerung.[12] Am 28. November 1997, dem albanischen Nationalfeiertag, trat die UÇK auf dem BegrĂ€bnis eines im Polizeigewahrsam gestorbenen albanischen Lehrers zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf.

Kriegsverlauf

Konfliktverlauf zwischen der UÇK und dem jugoslawischen Staat 1998

Human Rights Watch und die Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker dokumentieren folgenden Ablauf:

Ab Januar 1998 intensivierten sich die Auseinandersetzungen. Vorausgegangen waren ÜberfĂ€lle der UÇK auf serbische Polizeistationen und Einrichtungen des Staates, bei denen vier serbische SicherheitskrĂ€fte ums Leben kamen.

Am 28. Februar und 1. MĂ€rz 1998 drangen militĂ€risch ausgerĂŒstete serbische PolizeikrĂ€fte in die Dörfer Likosane und Cirez im Gebiet um Drenica vor, das als Hochburg der UÇK galt und vor dem Einsatz praktisch unter Kontrolle der Rebellen stand. Die angreifenden serbischen KrĂ€fte waren mit Armeehubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen bewaffnet und nahmen die Ortschaften unter Dauerbeschuss, bevor sie ihre KrĂ€fte im HĂ€userkampf einsetzten. WĂ€hrend heftiger Feuergefechte wurden 25 Kosovoalbaner und vier serbische SicherheitskrĂ€fte getötet. Im Polizeigewahrsam starben 14 weitere Menschen aus zwei Familien.[2][13]

Nachdem die UÇK mutmaßlich unter Adem Jashari, einem lokalen AnfĂŒhrer der Rebellen, wiederholt serbische Polizeistellen angegriffen hatte, gingen vom 5. bis 7. MĂ€rz serbische PolizeikrĂ€fte in die Gegenoffensive und griffen ihn und seine Familie auf ihrem Wohnsitz in Donji Prekaz an. Unter Gegenwehr wurden vermutlich 58 Mitglieder der Großfamilie getötet, darunter 18 Frauen und 10 Kinder (unter 16 Jahren). Adem Jashari kam dabei ebenfalls ums Leben. Zwei serbische Polizeiangehörige wurden am 5. MĂ€rz getötet. Zur selben Zeit wurden weitere Dörfer der Region Polac, Ternavc, Morine, Vojnik und Mikushnice mit schweren Waffen, darunter Kanonen und Granatwerfer, beschossen. Mindestens sechs Kosovoalbaner starben unter ungeklĂ€rten UmstĂ€nden im nahegelegenen Dorf Lausa.[2][13]

Unterdessen beschlossen die Vereinten Nationen am 31. MĂ€rz 1998 in der Resolution 1160 des Weltsicherheitsrates ein Embargo gegen Jugoslawien, um die jugoslawische StaatsfĂŒhrung zum Einlenken oder zumindest zu GesprĂ€chen zu zwingen. DarĂŒber hinaus verlangte der Weltsicherheitsrat in genannter Resolution unter anderem von Jugoslawien, dass „die Einheiten der Sonderpolizei abgezogen“ werden mĂŒssen und das „Vorgehen gegenĂŒber der Zivilbevölkerung“ einzustellen ist. Die EuropĂ€ische Union verhĂ€ngte entsprechend Sanktionen.

Am 25. Mai sollen durch serbische PolizeikrĂ€fte mindestens neun Albaner in Ljubenic, einem Dorf nahe Peć, hingerichtet worden sein. Am 31. Mai griff eine auf ca. 300 Mann geschĂ€tzte Einsatztruppe der SondereinsatzkrĂ€fte der serbischen Polizei das Dorf Novi Poklek in Drenica an. Zehn MĂ€nner – ethnische Albaner – wurden verschleppt. Der Tod eines Mannes wurde bestĂ€tigt; die anderen werden bis heute vermisst. Berichten zufolge zĂŒndete die Polizei ĂŒber 20 HĂ€user an und ließ sie niederbrennen.[2]

Ab Mitte Juni kam der Krieg in den Zentralkosovo. Im Juli 1998 begann die erste Großoffensive der UÇK, ein Angriff auf die Stadt Orahovac. Am 19. Juli wurden mindestens 42 Menschen wĂ€hrend der KĂ€mpfe getötet, 40 weitere werden noch vermisst. Aufgetauchte GerĂŒchte ĂŒber Exekutionen und MassengrĂ€ber wurden nicht bestĂ€tigt.[2] Die UÇK rief zum allgemeinen Kampf gegen die „serbische Herrschaft“ auf. Mitte Juli verschĂ€rften sich die KĂ€mpfe um Mitrovica und Prizren. Am 14. Juli wurde im SĂŒden in der Region Opoje an der Grenze zu Mazedonien ein serbischer Truppenaufmarsch beobachtet. Ende Juli starteten die serbischen Truppen schließlich eine Großoffensive im Zentralkosovo.[14]

WĂ€hrend dieser Zeit befanden sich innerhalb des Kosovo bereits rund 300.000 Menschen – grĂ¶ĂŸtenteils Kosovoalbaner – auf der Flucht. Mindestens 1000 Menschen wurden getötet und ca. 400 Albaner und ca. 130 Serben wurden vermisst. Die angegriffenen Ortschaften wurden zerstört, ein Augenzeuge berichtete: „Man braucht drei Tage, um ein Dorf zu zerstören. Am ersten Tag feuern sie mit Granaten, so dass die Zivilisten fliehen. Am zweiten Tag umzingeln sie das Dorf mit Panzern und plĂŒndern die HĂ€user. Am dritten Tag brennen sie die HĂ€user nieder.“[15][14]

Am 24. August 1998 erklĂ€rte der Weltsicherheitsrat seine Sorge ĂŒber die „heftigen KĂ€mpfe im Kosovo, die verheerende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung haben“, und forderte eine sofortige Waffenruhe. Er gab der Besorgnis Ausdruck, dass „sich die Situation im Kosovo in Anbetracht der wachsenden Zahl der Vertriebenen und des herannahenden Winters zu einer noch grĂ¶ĂŸeren humanitĂ€ren Katastrophe entwickeln könnte.“[16]

Berichten zufolge wurden am 27. August von Angehörigen der UÇK 22 Zivilisten im Dorf Klecka hingerichtet. FĂŒr den 9. September wurde berichtet, dass die Leichen von 34 Menschen, sowohl Serben als auch Albaner, in einem See nahe dem Dorf Glodjane gefunden wurden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden sie von UÇK-KrĂ€ften getötet.[2]

Unterdessen verurteilte der Weltsicherheitsrat in der Resolution 1199 am 23. September 1998 scharf den „exzessiven Gebrauch von Gewalt“ durch serbisches MilitĂ€r und PolizeikrĂ€fte und bezeichnete ihn als „Bedrohung des Friedens“. DarĂŒber hinaus forderte der UN-Sicherheitsrat „die FĂŒhrung der Kosovo-Albaner auf, alle terroristischen Handlungen zu verurteilen“, und betonte, „daß alle Teile der kosovo-albanischen Volksgruppe ihre Ziele ausschließlich mit friedlichen Mitteln verfolgen mĂŒssen.“ Eine weitere Forderung war, „humanitĂ€ren Organisationen“ sowie „anderen Abgesandten den Zugang zum Kosovo“ zu gestatten. Er verzichtete aber darauf, Gewalt gegen Jugoslawien zur Unterbindung von Menschenrechtsverletzungen anzuordnen.[16]

Datei:Gornje-obrinje-child.jpg
Die Überreste eines 18 Monate alten Kindes, die in einem Massengrab bei Gornje Obrinje gefunden wurden

In Gornje Obrinje töteten am 26. September 1998 serbische Spezialeinheiten 21 Familienmitglieder des Delijaj-Clans, darunter ein 18 Monate altes Kind. SpĂ€ter am gleichen Tag in einem anderen Teil der Stadt wurden drei Dorfbewohner getötet. In Golubovac, einem Dorf unweit Gornje Obrinje, wurden 14 Zivilisten hingerichtet (ein Überlebender).[2] Unter internationaler Vermittlung stimmte im Oktober die serbische StaatsfĂŒhrung einem faktischen Waffenstillstand zu, welcher zur Kosovo Verification Mission fĂŒhrte.[11]

Einrichtung der Kosovo Verification Mission

→ Hauptartikel: Kosovo Verification Mission

Parallel zu den militĂ€rischen Auseinandersetzungen entwickelten sich die diplomatischen BemĂŒhungen zur Lösung des Konfliktes, auch um die Resolutionen des Sicherheitsrates umzusetzen. Die NATO drohte Luftangriffe an und ermĂ€chtigte ihren GeneralsekretĂ€r Javier Solana zu MilitĂ€raktionen gegen Jugoslawien (Activation Order am 1. Oktober 1998).[17] Zugleich forderte die Balkan-Kontaktgruppe, bestehend aus USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien, ultimativ direkte Verhandlungen zwischen der serbischen StaatsfĂŒhrung und Vertretern der Kosovoalbaner.

Unter diesem Druck stimmte am 13. Oktober die serbische StaatsfĂŒhrung einem faktischen Waffenstillstand zu und signalisierte, der UN-Resolution 1199 Folge zu leisten, welche einen RĂŒckzug der schweren Waffen und eines großen Teils der paramilitĂ€rischen PolizeikrĂ€fte vorsah. Weiterhin sollten die FlĂŒchtlinge heimkehren können und der Prozess von einer 2000 Mann starken internationalen Beobachterkommission der OSZE ĂŒberwacht werden.[11] Die Vereinbarung wurde zwischen dem serbischen PrĂ€sidenten Slobodan MiloĆĄević und dem US-amerikanischen Sondergesandten Richard Holbrooke getroffen (Holbrooke-MiloĆĄević-Vereinbarung).[18]

Die Einrichtung und Entsendung der internationalen Beobachterkommission wird als Kosovo Verification Mission (KVM) bezeichnet und wurde am 25. Oktober 1998 vom StÀndigen Rat der OSZE beschlossen.[19] Einzelheiten der Mission wurden vorher im Abkommen zwischen der OSZE und Jugoslawien vom 16. Oktober 1998 geregelt. Die KVM sollte maximal 2000 unbewaffnete Beobachter umfassen.

Die Ziele waren folgende:[19]

  • Überwachung aller Konfliktparteien im Kosovo zur Einhaltung der UN-Resolution 1199
  • Verbesserung der Kommunikation zwischen allen Konfliktparteien und humanitĂ€ren Organisationen
  • Überwachung der Bewegungsfreiheit humanitĂ€rer Organisationen
  • Vorbereitung und Überwachung freier Wahlen
  • Erarbeitung von Berichten an die OSZE und den Weltsicherheitsrat, wie in der Resolution 1199 vorgesehen

Der Deutsche Bundestag stimmte am 16. Oktober 1998 in einer Sondersitzung mit großer Mehrheit dem Vorgehen der NATO gegen Jugoslawien und einer Beteiligung der Bundeswehr an möglichen LuftschlĂ€gen zu. Von den 584 anwesenden Abgeordneten stimmten 503 fĂŒr den Kosovo-Einsatz.[20]

Aus den Erfahrungen der Geiselnahme französischer Blauhelmsoldaten durch bosnische Serben im Bosnienkrieg im Jahr 1995 lag ein Hauptaugenmerk der Entsendestaaten auf der Sicherheit der Beobachter. Daher ordnete der NATO-Rat Planungen fĂŒr eine Eingreiftruppe an, durch welche die KVM-Abgesandten im Notfall schnell aus dem Kosovo evakuiert werden sollten. Am 13. November wurde der Operationsplan beschlossen. Die DurchfĂŒhrung oblag einer Eingreiftruppe, welche als Extraction Force (EXFOR) bezeichnet wurde. Der Deutsche Bundestag stimmte am 19. November der deutschen Beteiligung an der EXFOR zu. DafĂŒr war eine verstĂ€rkte Kompanie der Bundeswehr vorgesehen, welche in Tetovo (Mazedonien) stationiert war. Am 12. Dezember 1998 meldete die gesamte Truppe Einsatzbereitschaft.[21]

Die Holbrooke-MiloĆĄević-Vereinbarung enthielt eine weitere Komponente, in der sich Jugoslawien bereit erklĂ€rte, unbewaffnete Luftfahrzeuge, bemannt oder unbemannt, in seinem Luftraum zuzulassen. In diesem Rahmen stimmte der Deutsche Bundestag im November 1998 der Entsendung einer Drohnenbatterie mit der AufklĂ€rungsdrohne CL-289 zu (ebenfalls in Tetovo stationiert).[18]

Nach dem Scheitern der Verhandlungen von Rambouillet wurde die Kosovo Verification Mission am 20. MĂ€rz 1999 nach Mazedonien evakuiert. Teile der Mission verblieben in Mazedonien und Albanien und wurden zur FlĂŒchtlingsarbeit und zur Ermittlung von MenschenrechtsverstĂ¶ĂŸen eingesetzt. Mit Beschluss vom 8. Juni 1999 wurde die Mission aufgelöst und durch die "OSZE Task Force" ersetzt.

Konfliktverlauf 1999

Im Januar 1999 flammten die KĂ€mpfe im Kosovo erneut auf. Am 8. Januar verĂŒbte die UÇK in Dulje bei Shtime einen Überfall, bei dem drei serbische Polizisten getötet und einer verwundet wurde. Am 10. Januar ĂŒberfiel die UÇK eine Polizeistreife in Slivovo, wobei ein Polizist getötet wurde. Besondere Beachtung in den Medien fand das sogenannte Massaker von Račak vom 15. Januar 1999. Unter bis heute ungeklĂ€rten UmstĂ€nden wurden in dem Dorf ĂŒber 40 Albaner getötet.[22]

FlĂŒchtlinge berichteten, dass am 25. MĂ€rz 1999 in Bela Crkva von serbischen SicherheitskrĂ€ften mehr als 60 Kosovoalbaner getötet wurden, inklusive 20 Angehörige des Popaj-Clans und 25 Mitglieder des Zhuniqi-Clans. Berichten zufolge sollen einen Tag spĂ€ter 40 Albaner in Velika Krusa getötet worden sein. Zwischen 1. und 4. April hĂ€tten SicherheitskrĂ€fte zudem mindestens 47 Menschen wĂ€hrend einer gewaltsamen Vertreibungsaktion in Djakovica getötet.[2]

Verhandlungen von Rambouillet

Die seit 6. Februar 1999 in Rambouillet unter NATO-Vermittlung laufenden FriedensgesprĂ€che zwischen der jugoslawischen FĂŒhrung und den FĂŒhrern der Kosovo-Albaner wurden am 19. MĂ€rz 1999 unterbrochen. WĂ€hrend die Delegation der Kosovo-Albaner das ihr vorgelegte Papier – wonach der Kosovo innerhalb von Serbien eine umfassende Autonomie erhalten, aber unter serbischer Hoheit bleiben sollte, die UÇK entwaffnet und NATO-Truppen im Kosovo stationiert werden sollten – am 18. MĂ€rz 1999 unterzeichnet, wird dies von der jugoslawischen Delegation verweigert, weil sie eine Stationierung auslĂ€ndischer Truppen sowohl im Kosovo als auch in der gesamten BR Jugoslawien, unter Zuerkennung vollstĂ€ndiger zivilrechtlicher und strafrechtlicher ImmunitĂ€t von NATO und NATO-Personal, sowie kostenlose und uneingeschrĂ€nkte Nutzung der gesamten jugoslawischen Infrastruktur durch die NATO ablehnt.

„Tendenzen zu ethnischen SĂ€uberungen sind weiterhin nicht zu erkennen.“ stand am 22. MĂ€rz 1999 in der Tagesmeldung des Amtes fĂŒr Nachrichtenwesen der Bundeswehr.[23] Laut OSZE-Beobachtern gab es im MĂ€rz 1999, vor den NATO-Angriffen, im gesamten Kosovo 39 Todesopfer auf beiden Seiten. Am 22. MĂ€rz 1999 wurden die OSZE-Beobachter wegen erwarteter NATO-Angriffe aus dem Kosovo abgezogen.

Am 23. MĂ€rz wurde von jugoslawischer Seite nach Unterredung mit dem Sondergesandten Richard Holbrooke ein Teil des Rambouillet-Papiers akzeptiert, der Anhang B wurde aber weiterhin abgelehnt. Dieser sah die Stationierung einer NATO-Friedenstruppe im Kosovo vor, ferner die Versorgung dieser Truppe ĂŒber jugoslawisches Hoheitsgebiet, dies unkontrolliert und ohne Mitwirkungsrecht der jugoslawischen Regierung, inklusive Nachschublieferungen auf jugoslawischem Staatsgebiet, oft als „Manöver“ missverstanden. Der entsprechende Anhang B sprach folgerichtig von „manövrieren“ (to maneuver).[24] Sowohl die NATO als auch die albanische Delegation bestanden auf einer PrĂ€senz von NATO-Truppen im Kosovo, da sie den Zusicherungen der jugoslawischen Regierung nicht trauten.

Mit der Veröffentlichung eines angeblichen Hufeisenplans der Jugoslawischen Armee durch westliche Politiker sollte ein militĂ€rstrategischer Plan der jugoslawischen Regierung zur systematischen Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo aufgezeigt werden. Er wurde im FrĂŒhjahr 1999, unter anderem durch die damaligen Minister Joschka Fischer[25] und Rudolf Scharping, zur BegrĂŒndung des Kosovokriegs gegen das damalige Rest-Jugoslawien angefĂŒhrt. Die Existenz eines solchen Planes wird bis heute angezweifelt und konnte auch in Den Haag nicht bewiesen werden.

Beginn der Operation Allied Force am 24. MĂ€rz 1999

Wesley Clark, Oberbefehlshaber der NATO im Kosovo-Krieg, auf einer Besprechung am 9. Mai 1999 in der Luftwaffenbasis Aviano
→ Hauptartikel: Operation Allied Force

Die Option, im Kosovo militĂ€risch einzugreifen, verfolgte die NATO seit 1998. Vorbereitend wurden schon im Juni 1998 militĂ€rische LuftĂŒbungen ĂŒber Albanien und Mazedonien abgehalten und Einheiten der Marines zu Übungen nach Albanien gebracht.[26] Die Planungen fĂŒr die Luftangriffe waren im September 1998 unter den NATO-Mitgliedern abgeschlossen.[27] Am 13. Oktober 1998 autorisierte der Nordatlantikrat NATO-GeneralsekretĂ€r Javier Solana, den Aktivierungsbefehl fĂŒr LuftschlĂ€ge zu geben. Sie waren fĂŒr ein Scheitern der GesprĂ€che zwischen MiloĆĄević und Holbrooke vorgesehen. Die schon in der Luft auf den Angriffsbefehl wartenden B-52-Bomber der US-Air Force wurden noch am 13. Oktober 1998 in letzter Sekunde zurĂŒckbeordert.[28]

Im Verlauf des MĂ€rz 1999 verdichteten sich neuerlich Informationen zu einem bevorstehenden Luftschlag der NATO. Die Luft- und SeestreitkrĂ€fte der NATO hatten ihre Positionen eingenommen, der von der USS Theodore Roosevelt angefĂŒhrte amerikanische FlottentrĂ€gerverband wurde aus dem Persischen Golf in die Adria beordert und die Beobachter der OSZE an der KVM-Mission am 20. MĂ€rz aus dem Kosovo abgezogen. Ein Angriff auf die Bundesrepublik Jugoslawien war damit jetzt imminent.[29] Russland, das bis zuletzt an einer friedlichen Beilegung gearbeitet hatte und wichtigster VerbĂŒndeter Serbiens war, wurde ĂŒber die bevorstehenden LuftschlĂ€ge noch am 24. MĂ€rz informiert. Der amerikanische PrĂ€sident Bill Clinton benachrichtigte Boris Jelzin dabei in einem Brief und einem lĂ€ngeren TelefongesprĂ€ch ĂŒber den Beginn und die Ziele des Krieges.[30] In einem in der Diplomatie einzigartigen Vorfall ließ der am 24. MĂ€rz gerade auf dem Weg nach Washington befindliche Außenminister Russlands, Jewgeni Primakow, nach einer telefonischen Auseinandersetzung mit dem US-amerikanischen VizeprĂ€sidenten Al Gore, der ihm mitteilte, dass die LuftschlĂ€ge nicht mehr aufzuhalten seien, sein Flugzeug ĂŒber dem Atlantik wenden und kehrte nach Moskau zurĂŒck.[31]

Am Abend des 24. MĂ€rz 1999 gaben NATO-GeneralsekretĂ€r Javier Solana und NATO-Oberbefehlshaber US-General Wesley Clark Luftangriffe gegen die Bundesrepublik Jugoslawien bekannt. Die NATO-LuftstreitkrĂ€fte begannen ab ca. 20 Uhr mit Angriffen auf Ziele der serbischen Luftverteidigung in Pančevo, Belgrad, PriĆĄtina, Novi Sad und Podgorica.[32] An diesem Angriff waren von U-Booten in der Adria sowie von B-52-Bombern abgefeuerte Marschflugkörper und von verschiedenen Basen gestartete Kampfflugzeuge beteiligt.[33]

Auch die Bundeswehr beteiligte sich vom ersten Tag an an den LuftschlĂ€gen. FĂŒr sie stellte der Kosovokrieg den ersten Kampfeinsatz seit der GrĂŒndung 1955 dar. Die deutsche Luftwaffe beteiligte sich mit 14 AufklĂ€rungs- und Elektronischen KampfaufklĂ€rungsflugzeugen vom Typ Tornado ECR (10 StĂŒck) und Tornado Recce (4 StĂŒck) des Einsatzgeschwaders 1 von den italienischen LuftwaffenstĂŒtzpunkten Piacenza und Aviano. Die ECR-Tornados flogen 428 SEAD-EinsĂ€tze. Unter anderem wurden ĂŒber 200 Raketen des Typs AGM-88 HARM gegen feindliche Radarstellungen eingesetzt. Die Luftwaffe hatte dabei keine eigenen Verluste hinzunehmen. Vermutlich durch Beschuss feindlicher Flak gingen allerdings einige zu AufklĂ€rungszwecken eingesetzte Drohnen des Typs CL 289 verloren. In der Adria wurde die Fregatte „Rheinland-Pfalz (F 209)“ stationiert und spĂ€ter durch den Zerstörer „LĂŒtjens (D 185)“ abgelöst.

Russland kritisierte die NATO-Luftangriffe sofort scharf und drohte bei einer Eskalation des Konfliktes mit militĂ€rischen Gegenmaßnahmen. Eine schon laufende militĂ€rische UnterstĂŒtzung Russlands an Serbien durch mehrere Transportflugzeuge mit schwerem KriegsgerĂ€t wurde durch die entzogenen Überflugrechte ĂŒber RumĂ€nien und Bulgarien sowie einen Eingriff der Behörden in Aserbaidschan vereitelt.[34]

Der GeneralsekretĂ€r der Vereinten Nationen Kofi Annan erklĂ€rte am 24. MĂ€rz, dass der Weltsicherheitsrat „die erste Verantwortung“ fĂŒr die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit habe. „Dies ist ausdrĂŒcklich anerkannt im Nordatlantischen Vertrag (NATO-Vertrag)“. Ohne die NATO-Luftangriffe auf Ziele im Kosovo und im ĂŒbrigen Jugoslawien zu kritisieren, Ă€ußerte Annan sein „tiefes Bedauern“, dass trotz aller BemĂŒhungen die jugoslawische Regierung auf der Ablehnung einer politischen Lösung bestanden habe. „Es ist in der Tat tragisch, dass die Diplomatie versagt hat. Aber es gibt Zeiten, in denen die Anwendung von Gewalt fĂŒr die BemĂŒhungen um den Frieden legitim sein könnte.“

Mobilisierung der Jugoslawischen Armee (VJ)

Aufgrund der Angriffe wurde die Jugoslawische Armee (Vojska Jugoslavije) am 24. MĂ€rz teilmobilisiert und der Ausnahmezustand noch am Abend ausgerufen. Insbesondere wurde die Luftverteidigung (RV - Ratno Vazduhoplovstvo und PVO - Protiv VazduĆŸna Odbrana) auf eine Gegenwehr eingerichtet und die einzige relevante Jagdstaffel, das 127. LAE (Jagdfliegerstaffel) mit seinen zehn modernen AbfangjĂ€gern vom Typ MiG-29 „Fulcrum“ der praktisch obsoleten Luftwaffe in Einsatz gerufen und zu je einem Tandem auf die MilitĂ€rflugplĂ€tze in Batajnica (Belgrad), Golubinci, Lađevci (Kraljevo), NiĆĄ, Ponikve und die Flugzeugkaverne in Slatina-PriĆĄtina verteilt. Alle Einheiten der Jugoslawischen Armee und die militĂ€rische AusrĂŒstung wurden in sichere MilitĂ€robjekte verlegt oder auf das Territorium des Landes verteilt.[35] Nachdem Tito wĂ€hrend des Kalten Krieges ĂŒberall im ehemaligen Jugoslawien befestigte MilitĂ€robjekte hatte errichten lassen, verfĂŒgte die Jugoslawische Armee ĂŒber zahlreiche bombensichere unterirdische Kavernen, Bunker und Depots. Die meisten der militĂ€rischen Basen, die im Verlauf der LuftschlĂ€ge der NATO zerstört wurden, waren demnach schon lange von der VJ evakuiert, was das strategische Potential eines alleinigen Luftkrieges nachhaltig in Zweifel zog. Dennoch blieb dieser im Kosovo-Krieg die dominierende militĂ€rische Doktrin des westlichen MilitĂ€rbĂŒndnisses, auch wenn insbesondere Tony Blair Ende April die Option zu einer Bodenoffensive gegen die VJ nicht mehr ausschloss.[36]

Um gegen die NATO und die verbĂŒndeten UÇK-Rebellen in dieser Situation eine strategische VerstĂ€rkung der Position im Kosovo zu erreichen und einen möglichen Bodenangriff abzuwehren, beschloss der Generalstab und der Kommandant der 3. Armee NebojĆĄa Pavković am spĂ€ten Abend des 28. MĂ€rz 1999, eine der stĂ€rksten Einheiten der 1. Armee, die 252. motorisierte Brigade, unter völliger Geheimhaltung aus Kraljevo in den Kosovo zu verlegen und die dortigen Einheiten des PriĆĄtina Korpus unter Vladimir Lazarević zu unterstĂŒtzen. Die Kolonne des Großkonvois von 60 km LĂ€nge bestand aus schwerer Artillerie, Panzern und Truppentransportern. Die Brigade konnte von der LuftaufklĂ€rung der NATO unbemerkt ĂŒber die Eisenbahnlinie (die EisenbahnbrĂŒcken wurden erst Anfang April bombardiert) innerhalb von vier Tagen nach Kosovska Mitrovica und Lipljan verlegt werden. Die Tarnung des Konvois, der tagsĂŒber in den zahlreichen Tunneln der Eisenbahnlinie versteckt lag, sowie schlechtes Wetter verhinderten seine Entdeckung. Damit gelang es der VJ, eine fĂŒr sie strategisch gĂŒnstige Ausgangslage am Boden einzunehmen und die NATO in einen nicht geplanten und unvorhergesehenen lĂ€ngeren Konflikt zu ziehen.[37]

FlĂŒchtlingslager in Albanien im Juni 1999 östlich von KukĂ«s.

Nach dem Beginn des Bombardements wurden mehrere hunderttausend Menschen (460.000 allein nach Albanien)[38], meist Kosovo-Albaner, von jugoslawischen MilitĂ€r- und Polizeieinheiten aus dem Kosovo vertrieben oder flĂŒchteten vor den Kriegseinwirkungen.[39] Sie suchten zumeist in den NachbarlĂ€ndern Albanien und Mazedonien Zuflucht.[40] Die vom damaligen deutschen Verteidigungsminister Rudolf Scharping vorgebrachte BegrĂŒndung fĂŒr die Bombardierung, dass ein serbischer Plan existiere, der darauf abziele, die Albaner zu vertreiben (sogenannter Hufeisenplan (Potkovica)), ist umstritten und rief anhaltende Kontroversen ĂŒber Aussagen zum Krieg innerhalb der NATO hervor.[41] Bis heute wird die Vertreibung der Albaner wĂ€hrend des Krieges kontrovers diskutiert, doch sind die Auswirkungen der durch die Bombardierung hervorgerufenen FlĂŒchtlingsströme nicht zu leugnen.[42]

Am 31. MĂ€rz gerieten im Grenzgebiet zwischen dem Kosovo und Mazedonien drei US-Soldaten (Cpt. Peter Lamp, Airman Miles, AFC MC Grom) in die Gewalt der jugoslawischen Armee. Sie wurden wenige Tage spĂ€ter wieder freigelassen. Am 7. April schloss Jugoslawien seine Grenzen zu Albanien und Mazedonien und trieb die soeben vertriebenen Kosovaren zurĂŒck ins Landesinnere.

Bodengefechte an den Grenzposten Morina und KoĆĄare

Ruinen im Tal des Weißen Drin bei Morina, 2001

Die UÇK war durch die VJ aus ihren Stellungen in die NachbarlĂ€nder vertrieben worden und plante ab dem 9. April aus Albanien kommend in den Kosovo einzudringen. KĂ€mpfe zwischen der UÇK und der VJ fanden insbesondere an den in unĂŒbersichtlichem Bergland gelegenen Grenzposten Morina und KoĆĄare im Gebirgsgebiet der Prokletije statt. Die zwischen April und insbesondere im Mai gefĂŒhrten KĂ€mpfe bildeten die schwersten BodenkĂ€mpfe im Kosovo.

Eine zahlenmĂ€ĂŸig bedeutende Einheit der Infanterie der UÇK, SchĂ€tzungen gehen von ca. 9000 KĂ€mpfern aus, nahmen an den KĂ€mpfen teil, die dadurch ca. maximal 500 Meter in das Territorium des Kosovo eindringen konnten und den Grenzposten KoĆĄare (Karaula KoĆĄare) (⊙42.323320.2587700) einnahmen. Die NATO unterstĂŒtzte die UÇK durch Bombardierung der VJ und nahm am 10. und 11. Mai insbesondere FlĂ€chenbombardierungen gegen Truppenmassierungen der VJ mit Clusterbomben auf.

Die Planung der UÇK-KoĆĄare-Offensive war eng mit NATO-StĂ€ben abgesprochen und hatte sowohl die logistische als auch taktische UnterstĂŒtzung der in Albanien stationierten amerikanischen Einheiten sowie der Luftwaffe der NATO. Durch die Eröffnung, dass ein versehentlicher NATO-Angriff auf vermeintlich noch von der VJ gehaltene Positionen bei KoĆĄare hohe Verluste der UÇK verursachte,[43] wurde die Koordinierung der Offensive durch die NATO weitlĂ€ufig bekannt.[44]

Die VJ hatte bei den Gefechten ihre schwersten Verluste des Krieges zu beklagen,[45] erlaubte der UÇK aber durch eine fortlaufende VerstĂ€rkung, mehrere Gegenoffensiven und schwerste Abwehrgefechte nicht, tiefer ĂŒber die Grenzlinie in den Kosovo einzudringen. Da die Bergregion nicht mit schwerem GerĂ€t erreichbar war, wurden die KĂ€mpfe ĂŒberwiegend von der Infanterie gefĂŒhrt. Ein Versuch der VJ, mit Panzern in den dichten BergwĂ€ldern zu operieren, sollte vor allem demoralisierende Wirkung haben, blieb aber militĂ€risch weitgehend wirkungslos.

Insgesamt wehrte die VJ ein weiteres Vordringen als ĂŒber die eigentlichen Grenzposten hinaus erfolgreich ab und kontrollierte damit bis zum 10. Juni auch das komplette Territorium des Kosovo.

Strategischer Luftkrieg der NATO

Der Luftkrieg der NATO war ursprĂŒnglich nur fĂŒr wenige Tage vorgesehen und die Ziele fĂŒr die Angriffe waren nach einem bestimmten Schema organisiert. Es gab erste, zweite und dritte Kategorien je nach Zieltyp und geplantem Eskalationsverlauf der LuftschlĂ€ge. Dabei entsprachen die Typen eins und zwei den militĂ€rischen Zielen, die dritte Kategorie den Zielen der zivilen Infrastruktur. Anfangs zielten die Luftangriffe der NATO nur auf Ziele der ersten und zweiten Kategorie. Da MiloĆĄević aber frĂŒh zu verstehen gab, dass er sich der Gewalt der Luftstreitmacht nicht ohne weiteres beugen wĂŒrde und seine Armee vorzeitig in Deckung beordert wurde, entschied die NATO relativ bald, eine Eskalation herbeizufĂŒhren und auch Ziele der zivilen Infrastruktur anzugreifen.

Innerhalb der NATO-Befehlskette gab es von Anfang an große Differenzen, die nicht nur unter den einzelnen NATO-Mitgliedern betrĂ€chtlich waren, sondern auch innerhalb der militĂ€rischen Strukturen und auch auf persönlicher Ebene zu schweren ZerwĂŒrfnissen fĂŒhrten. So war die Kommunikation zwischen dem Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten William Cohen und dem Oberkommandierenden der Operation, Wesley Clark, durch ein schlechtes persönliches VerhĂ€ltnis geprĂ€gt, und Clark hatte innerhalb seiner eigenen Befehlskette in seinem Luftwaffenchef Michael Short sowie dem britischen Kommandanten Sir Mike Jackson erhebliche Widersacher ĂŒber Strategie und Taktik, was sogar zu Befehlsverweigerungen fĂŒhrte und in den kritischsten Situationen des Krieges nur durch wiederholte Intervention auf höchster politischer Ebene zu lösen war.[46]

Integrierte Luftverteidigung der VJ

Flugabwehrrakete SA-3 Neva (S-125) der serbischen Armee

Die integrierte Luftverteidigung (PVO) der Vojska Jugoslavije bestand aus der 250. Raketenbrigade sowie dem Jagdgeschwader der Jugoslawischen Luftwaffe. Der VJ standen nur militĂ€rtechnisch veraltete GerĂ€te zur VerfĂŒgung, diese aber in großer Zahl. Darunter waren 24 SA-2-, 16 SA-3- und 60–80 SA-6-Einheiten.[47] Die operativ bedeutendsten Raketendivisionen bestanden aus sechs mobilen Divisionen mit SA-6-Lafetten sowie den als Ring um Belgrad (Batajnica, Jakovo, Mala Vrbica (Mladenovac), Zuce und Pančevo) angeordneten fĂŒnf Divisionen mit SA-3-Batterien (S-125 Neva).

Die Luftverteidigung der VJ operierte nach den Lehren, die man aus den taktischen Fehlern bei der schlagartigen Eliminierung der Luftverteidigung der irakischen Armee im ersten Golfkrieg gezogen hatte. Diese waren mit Ă€hnlichen Waffensystemen ausgestattet gewesen. Um die Radaranlagen und Raketenbatterien nicht wie bei Desert Storm durch spezielle HARM-Raketen schon nach sechs Tagen zu verlieren, wurden alle Luftverteidigungsbatterien aus den bekannten Garnisonen evakuiert und ĂŒber das Land verteilt.[48] Zudem vermied die VJ, die Radaranlagen lĂ€nger als nötig einzuschalten und die Boden-Luft-Raketen in Reaktionszeiten von unter einer Minute zu aktivieren. Dank einer konzentrierten Kommandostruktur, die ĂŒber gehĂ€rtete unterirdische Objekte vernetzt war und ĂŒber mehrere verteilte FrĂŒhwarnsysteme verfĂŒgte, gelang dies auch. Der begrenzte Einsatz der Radaranlagen fĂŒhrte zu einem stĂ€ndigen Wettlauf bei der Aktivierung der eigenen Waffensysteme zwischen der PVO und den SEAD-Missionen der NATO und damit zu einer sehr hohen Belastung der Besatzungen.

Die Aufgabe, die divers verteilten Raketenbatterien und die selektiv agierende Luftverteidigung der VJ auszuschalten, kam, wie Admiral Leighton W. Smith betonte, dem Versuch gleich, "Kartoffeln einzeln nacheinander auszugraben,"[49] Dass dies nicht gelang, bestĂ€tigte auch der Vizeadmiral der 6. Flotte, Daniel Murphy: "Wir haben nie ihre integrierte Luftverteidigung (IADS) neutralisiert. Wir waren am 78. Tag nicht sicherer als am ersten."[50] Andererseits konnten die Verteidiger infolge dieser Taktik nur zwei NATO-Flugzeuge abschießen.

Am ersten Tag der LuftschlĂ€ge blieb die Luftverteidigung der VJ praktisch inaktiv, am zweiten Tag wurden nur zehn SA-6-Raketen abgefeuert, doch in spĂ€teren Phasen wurden auch dutzende Salven von SA-6 ĂŒber dem ganzen Territorium abgefeuert, was die NATO-Flugzeuge zu schwierigen Manövern und zur Meidung von Flugrouten, die nĂ€her als 5 km von Straßen lagen, zwang. Vorrangig wurden zudem konventionelle Flugabwehrkanonen als Sperrfeuer eingesetzt.

Das integrierte Luftverteidigungssystem der Vojska Jugoslavije (VJ) konnte so die 78 Tage des Luftkrieges trotz der tĂ€glichen Angriffe gut ĂŒberstehen. Von 25 SA-6-Batterien waren bis zum Schluss der Kampfhandlungen nur drei ausgeschaltet worden. Dadurch behinderte die andauernde Gefahr von Boden-Luft-Raketen der VJ die Operationen der NATO, auch wenn die veralteten Raketensysteme aus den 1970er Jahren keine ernsthafte Bedrohung fĂŒr die modernen Jagdflugzeuge darstellten.[51] Insgesamt wurden bis zum 2. Juni 1999 266 SA-6 sowie 175 SA-3 von der PVO der VJ abgefeuert.[47] Letztlich wurde fast ein Drittel aller Missionen der NATO zur UnterdrĂŒckung der Luftverteidigung aufgebracht. Von insgesamt 38.000 AngriffsflĂŒgen galten 12.200 der PVO.[47]

Belgrad als Hauptangriffsziel der NATO wurde hauptsĂ€chlich auch von mit S-125 Neva-M bestĂŒckten Divisionen verteidigt. Dabei konnten die fĂŒr mittlere Strecken geeigneten Raketen auch noch 15 km entfernte sowie hoch fliegende Flugzeuge der NATO bedrohen. Durch eine Modifikation am sowjetischen P-12-Radar wurden auch erstmals die Flugrouten der Tarnkappenbomber ausgespĂ€ht.[52] Aufgrund der wĂ€hrend der gesamten Operation intakt gebliebenen Luftverteidigung um Belgrad war die NATO gezwungen, die SEAD-Missionen stĂ€ndig aufrechtzuerhalten und einen Abstand von 15 km zu S-125-Newa-Batterien einzuhalten.

Als am 27. MĂ€rz ĂŒber dem Dorf Buđanovci 50 km nordwestlich von Belgrad – zum ersten Mal ĂŒberhaupt – ein Tarnkappenbomber vom Typ F-117 „Nighthawk“ von der dritten Division der 250. Raketenbrigade in Jakovo mit einer sowjetischen Boden-Luft Rakete S-125 Newa abgeschossen wurde, gelang der Luftverteidigung der VJ damit ein weitreichender taktischer Erfolg, der das operative Vorgehen der NATO-Luftwaffe nachhaltig Ă€nderte und die Sicherheitsregeln fĂŒr die Angriffe dauerhaft verschĂ€rfte. Tarnkappenbomber konnten von nun an nur noch mit Begleitschutz fliegen, und die SEAD-EinsĂ€tze zum Zerstören gegnerischer Raketen- und Radarstellungen machten fortan einen großen Teil der gesamten Luftoperation aus, was die Flugzeuge daran hinderte, ihre eigentlichen Ziele zu bekĂ€mpfen. Der Pilot der abgeschossenen F-117 A wurde noch in der Abschussnacht von Spezialeinheiten der US Air Force gerettet. Das Flugzeugwrack steht heute im Flugmuseum der Stadt Belgrad.[53] Die F-117 A wurde nach Analysen der Luftgefechte in Jugoslawien letztlich eingemottet, was nicht zuletzt darauf zurĂŒckzufĂŒhren ist, dass sie keine GPS-gesteuerten Waffensysteme nutzen kann.

Der höchstrangige Offizier der VJ, der im Krieg starb, war LjubiĆĄa Veličković, ehemaliger Kommandant der LuftstreitkrĂ€fte der VJ. Er starb bei einem Angriff auf eine Stellung der PVO am 30. Mai 1999.[54] GerĂŒchte, dies sei im Zusammenhang mit einer Aufstellung der mutmaßlich modernen Batterie der russischen S-300P (SA-10 Grumble) passiert, wurden offiziell nie bestĂ€tigt.[55]

Diplomatische BemĂŒhungen

Am 27. MĂ€rz endeten die VermittlungsbemĂŒhungen des ukrainischen Außenministers Borys Tarasjuk und seines Amtskollegen, Verteidigungsminister Olexandr Kusmuk in Belgrad. Am 22. April fĂŒhrte der russische Sondergesandte Wiktor Stepanowitsch Tschernomyrdin ergebnislose GesprĂ€che mit Slobodan MiloĆĄević. Am 6. Mai legten die Außenminister der G-8-Staaten einen Friedensplan vor. Am 14. Mai beginnt der finnische PrĂ€sident Martti Ahtisaari im Auftrag der EuropĂ€ischen Union mit Verhandlungen.

LuftschlÀge auf zivile Infrastruktureinrichtungen

Zerstörter Fernsehturm bei Novi Sad

WĂ€hrend zu Anfang der NATO-Luft-Kampagne die Luftverteidigung sowie die Kommando-, Kontroll- und Kommunikationszentren der VJ vorrangig Ziel der LuftschlĂ€ge waren,[56] Ă€nderte die NATO auch durch den politischen Druck innerhalb des gespannten BĂŒndnisses, ein schnelles Ende herbeizufĂŒhren, die Taktik und griff auch innerhalb der Zentren der GroßstĂ€dte an, obwohl es den Flugzeugen nicht gelungen war, die serbischen Kommando- und Kontrollzentren auszuschalten, und die Luftverteidigung bis Ende des Krieges aktiv blieb. Dies zwang die Bomber der NATO zum paradoxen Vorgehen, nicht unter 5000 Meter zu operieren und damit einen Großteil der PrĂ€zision der eingesetzten Waffensysteme einzubĂŒĂŸen.[57] Ein besonderes Problem stellte zudem das notorisch schlechte Wetter im FrĂŒhjahr dar, was den Erfolg vieler Missionen verhinderte.[58] Die VJ setzte zur TĂ€uschung der NATO zudem Attrappen von ArtilleriegeschĂŒtzen und Panzern ein und hatte aus Holz „Potemkinsche BrĂŒcken“ errichtet, um die echten ÜbergĂ€nge zu verschleiern.

Die NATO bombardierte in der ersten Kriegsnacht mehrere serbische Chemie- und Petrochemiewerke im Chemie-Großkombinat Pancevo, einem Vorort von Belgrad. Große Mengen an giftigen und krebserregenden Stoffen traten dabei in Wasser und Luft aus. Die Schwaden aus den brennenden Fabriken hĂŒllten Pancevo in eine Giftwolke. Sie bestand aus einer Ă€tzenden und giftigen Mischung von Chlorwasserstoff, Vinylchlorid, Schwefeldioxid und Phosgen, das vor allem fĂŒr seinen Einsatz als Lungenkampfstoff im Ersten Weltkrieg bekannt ist (siehe auch GrĂŒnkreuz). Schwangeren Frauen sollen Ärzte zur Abtreibung und fĂŒr zwei Jahre zur Vermeidung von Schwangerschaften geraten haben, weil jene missgebildete Kinder befĂŒrchteten. WĂ€hrend der BombennĂ€chte waren die Giftkonzentrationen teilweise derart hoch, dass Ursula Stephan (damalige Störfallexpertin der deutschen Bundesregierung) von „chemischer KriegfĂŒhrung mit konventionellen Waffen“ sprach.[59][60]

Der erste große Angriff auf ein bedeutendes innerstĂ€dtisches Objekt galt in der Nacht vom 22. zum 23. April dem GebĂ€ude des Serbischen Rundfunks (RTS) in der Aberdareva-Straße in Belgrad. Durch den Angriff wurden 16 Zivilisten getötet und der Sendebetrieb des Fernsehens fĂŒr wenige Stunden unterbrochen. Der nĂ€chste große Angriff in Belgrad erfolgte in der Nacht vom 29. zum 30. April auf die GebĂ€ude des Generalstabs der StreitkrĂ€fte Jugoslawiens und das bereits beschĂ€digte GebĂ€ude der Bundespolizei. Bei diesem Angriff wurde auch der Belgrader Fernsehturm zerstört.

Im Mai und Juni eskalierten die Angriffe der NATO, die durch bessere Witterungsbedingungen begĂŒnstigt wurden.[61] Die NATO zielte mittlerweile auch vorrangig auf die Stromversorgung in Serbien. In der Nacht vom 2. zum 3. Mai setzten US-Kampfflugzeuge erstmals auch lasergelenkte Graphitbomben vom Typ BLU-144/B gegen die Kondensatoren der Umspannwerke in Serbien ein, die im Hochspannungsnetz einen Kurzschluss hervorriefen. Weitere EinsĂ€tze erfolgten gegen die WĂ€rmekraftwerke Nikola Tesla in Obrenovac sowie in Kostolac. Der Angriff in Kostolac verursachte den Zusammenbruch des elektroenergetischen Systems Serbiens. Ohne Strom blieben Belgrad, die ganze Vojvodina, alle StĂ€dte der Morava-Region, NiĆĄ, Kragujevac, Smederevo, Valjevo und andere StĂ€dte sowie Teile der Republika Srpska. Wegen Havarien hatten viele StĂ€dte auch kein Wasser.

BeschÀdigtes Verteidigungsministerium in Belgrad

In der Nacht vom 7. zum 8. Mai erfolgte ein heftiger Angriff auf Belgrad. Die GebĂ€ude des Generalstabs der StreitkrĂ€fte Jugoslawiens und das Bundesinnenministerium wurden erneut bombardiert. Vier GPS-gesteuerte Bomben eines B2-Bombers trafen die Botschaft Chinas in Neu-Belgrad. Dabei wurden vier Botschaftsangehörige getötet und vier schwer verletzt, was zu einer schweren Krise im VerhĂ€ltnis der USA und China fĂŒhrte. Das Hotel „Jugoslavija“ wurde stark in Mitleidenschaft gezogen, ein Gast kam ums Leben. Beim abermaligen Angriff mit Graphitbomben auf das WĂ€rmekraftwerk in Obrenovac und mehrere Umschaltstationen wurde das Stromversorgungsystem beschĂ€digt und die ganze Stadt blieb ohne Strom.

Arrow-Offensive der UÇK

Zudem Ă€nderte die NATO ihre Waffentaktik beim eigentlichen Ziel, dem Kampf gegen die VJ im Kosovo, da schon Anfang MĂ€rz die Zahl der Marschflugkörper am unteren Limit angekommen war und daher die F-117 A vermehrt EinsĂ€tze ĂŒbernehmen mussten.[62] Als absehbar war, dass die VorrĂ€te an PrĂ€zisionswaffen und Marschflugkörpern Ende Mai zu Ende gehen wĂŒrden,[63] nahmen die schweren Einheiten der NATO im Mai und Juni auch konventionelle FlĂ€chenbombardierungen mit strategischen B-52-Bombern im Kosovo auf, die durch die Öffentlichkeitsarbeit des NATO-Sprechers Jamie Shea ĂŒber angebliche erhebliche Verluste der Jugoslawischen Armee, wĂ€hrend des konzentrierten Angriffes einer B-52-Staffel auf Positionen der serbischen SicherheitskrĂ€fte am Berg PaĆĄtrik bei Prizren, erstmals der Presse prĂ€sentiert wurden.[64]

Zu schweren Bombardements am PaĆĄtrik entschloss sich die NATO, als sie die Arrow-Offensive der UCK vor dem Scheitern bewahren wollte. Die UCK versuchte am 26. Mai den Durchbruch ĂŒber die Grenze Albaniens nach Prizren. Schwere Artilleriegefechte, die ĂŒber die Grenze von Albanien und Kosovo gefĂŒhrt wurden, begleiteten die Gefechte.[65] Die UCK-Offensive stand am 2. Juni vor dem Scheitern und man wandte sich direkt an die NATO mit der Bitte um LuftunterstĂŒtzung.[66]

Die anfÀnglich mitgeteilten hohen Opferzahlen vom 7. Juni 1999 bei der Bombardierung der VJ durch B-52- und B-1-Bomber konnten nach dem Krieg nicht mehr bestÀtigt werden,[67] Nachkriegsanalysen konnten die geschÀtzten Opferzahlen der VJ von 400-800 nicht belegen.[68] Das MissverhÀltnis zwischen der Propaganda und den Nachkriegsanalysen wurde dabei mehrfach bestÀtigt, die FlÀchenbombardierung blieb militÀrisch ohne Wirkung, hatte aber diplomatischen Nutzen.[69]

Die notwendig gewordene Konzentration der VJ an den GrenzĂŒbergĂ€ngen nach Albanien bei den Gefechten gegen die UCK machte es der NATO leichter, die Truppen der Serben zu treffen. Gefechtsanalysen ergaben, dass Serbien 60 Prozent seiner Verluste im Kosovo in den letzten zwei Wochen hinnehmen musste.

Bis Ende Mai 1999 waren ĂŒber 750.000 Kosovaren auf der Flucht, davon 570.000 innerhalb der Provinz. Systematisch nutzte die VJ die Vertreibung dazu, die NachbarlĂ€nder Mazedonien und Albanien zu destabilisieren. Bis Ende Mai waren ĂŒber 230.000 Menschen nach Mazedonien geflohen, und das ethnische GefĂŒge des Landes geriet in Gefahr. Zahlreiche HilfsflĂŒge nach Tirana und Skopje und die Errichtung von FlĂŒchtlingslagern verhinderten eine Störung des Gleichgewichts.

Planungen einer Nato-Bodenoffensive

In Albanien stationierte US-amerikanische Kampfhubschrauber vom Typ AH-64 Apache und Transporthubschrauber vom Typ UH-60 Black Hawk im April 1999.

Die zunehmende Kritik an der IneffektivitĂ€t, die serbischen Truppen durch beschrĂ€nkte LuftschlĂ€ge aus dem Kosovo zu drĂ€ngen, ließen Ende Mai Überlegungen einer Bodenoffensive erneut aufkommen. Am 28. Mai flog deshalb Tony Blair zu Beratungen mit Bill Clinton nach Washington. GrĂ¶ĂŸtes Hindernis fĂŒr eine Bodenoffensive war aber, dass es Monate gebraucht hĂ€tte, um eine zahlenmĂ€ĂŸig ĂŒberlegene Armee aufzustellen.[70] Nach dem Krieg wurde bekannt, dass der britische Premierminister Anfang Juni mit dem US-amerikanischen PrĂ€sidenten ĂŒbereingekommen war, eine zum Sieg ĂŒber die VJ tatsĂ€chlich notwendige Bodenoffensive am 10. Juni 1999 auszurufen; sie hĂ€tte frĂŒhestens im September 1999 begonnen werden können.[71]

Ende der Kampfhandlungen und RĂŒckzug der VJ aus dem Kosovo

Am 3. Juni billigte das serbische Parlament den von den G-8-Staaten am 6. Mai vorgelegten Friedensplan und auch PrĂ€sident MiloĆĄević stimmte diesem zu. Die nachfolgenden Verhandlungen ĂŒber die militĂ€rische Umsetzung gestalteten sich durch neue Forderungen der serbischen Seite zunĂ€chst schwierig.

Am 9. Juni einigten sich die NATO und Jugoslawien bei MilitĂ€rverhandlungen in Kumanovo auf einen Abzug der serbischen Truppen aus dem Kosovo und die Stationierung einer NATO-gefĂŒhrten Friedenstruppe (KFOR) unter UN-Mandat.[72] Die NATO beendete daraufhin das Bombardement. Ein großer Teil der serbischen Bevölkerung verließ den Kosovo aus Angst vor Racheakten von albanischer Seite.

Am 10. Juni billigte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in der UN-Resolution 1244 sowohl den Friedensplan als auch das militÀrische Abkommen.

Am 12. Juni rĂŒckte die KFOR im Rahmen der Operation Joint Guardian in den Kosovo ein. Dabei stießen sie am Flughafen PriĆĄtina auf knapp 200 russische FallschirmjĂ€ger, die ihn in einer handstreichartigen Aktion von Bosnien aus in den frĂŒhen Morgenstunden eingenommen hatten und durch sechs in einer Geheimoperation aufgestellte Iljuschin-Il-76-Transportflugzeuge mit 2000 regulĂ€ren FallschirmjĂ€gern VerstĂ€rkung erwarteten, die jedoch durch die Blockade der Überflugrechte ĂŒber Ungarn am 11. Juni aufgehalten wurden.[73] Auf die Nachricht, dass die Russen vor den NATO-Truppen eintreffen wĂŒrden, reagierte der Oberbefehlshaber der NATO Wesley Clark ungewöhnlich scharf und befahl dem britischen Truppenkommandanten Mike Jackson, diese um jeden erdenklichen Preis – auch mit militĂ€rischen Mitteln – zu stoppen. Jackson verweigerte den Befehl mit den Worten Ich werde Ihretwegen nicht den Dritten Weltkrieg auslösen mehrmals.[74] Erst eine Demarche der obersten Befehlshaber in Washington stoppte Clark, der nach dem Krieg wegen seiner Eigenwilligkeit und seiner auch auf privaten Motiven basierenden Entscheidung zum Krieg in Bosnien und Kosovo im Pentagon schnell in Ungnade fiel und trotz seines militĂ€rischen Erfolges als NATO-Oberkommandierender SĂŒdost zwei Jahre frĂŒher als geplant von seinem Posten abberufen wurde. Die NATO-Truppen interpretierten die russische Einheit als Vorhut grĂ¶ĂŸerer Kontingente, was zu Spannungen zwischen beiden Parteien fĂŒhrte, da die NATO-VerbĂ€nde den Flughafen Slatina bei Pristina hermetisch abriegelten und zu verstehen gaben, dass die russischen Truppen völlig isoliert sind. In Verhandlungen billigte die NATO Russland die Teilnahme an der KFOR in vier von fĂŒnf Sektoren schließlich zu, verweigerte ihnen jedoch einen eigenen Sektor.[75]

UnverzĂŒglich zogen die NATO-Truppen nach. Als erste Einheit des Gepanzerten Einsatzverbandes der Bundeswehr unter FĂŒhrung von Brigadegeneral Fritz von Korff und der von ihr gefĂŒhrten Multinationalen Brigade SĂŒd (MNB-S) rĂŒckte am 12. Juni eine verstĂ€rkte Panzerkompanie im Gefolge britischer Truppen von Mazedonien in den Kosovo ein.

Am 21. Juni erklĂ€rte NATO-GeneralsekretĂ€r Javier Solana die NATO-Luftangriffe fĂŒr beendet und am 24. Juni beschloss das serbische Parlament die Aufhebung des Kriegszustandes.

Spionagevorfall in der NATO

Am 13. Dezember 2001 befand ein MilitĂ€rgericht in Paris den französischen Commandant Pierre-Henri Bunel des Verrats fĂŒr schuldig und verurteilte ihn zu einer von fĂŒnf auf zwei Jahre verkĂŒrzten Haftstrafe. Bunel war der Weitergabe streng geheimer Zielkoordinaten und operativer Daten der NATO an den serbischen Agenten und Obersten Jovan Milanovic[76] in BrĂŒssel im Jahre 1998 angeklagt. Als Motiv fĂŒr die Tat, deren er gestĂ€ndig war, gab er an, Serbien von der AuthentizitĂ€t der Drohungen der NATO ĂŒberzeugen und damit eine humanitĂ€re Katastrophe im Land abwenden zu wollen.[77][78] Der Guardian sah Bunels Antrieb in seiner schleppend verlaufenden MilitĂ€rkarriere.[76] Der BBC zufolge beschuldigten andere NATO-Mitglieder Frankreich aufgrund seiner historisch bedingten Sympathien fĂŒr Serbien, die im französischen Offizierskorps besonders stark anzutreffen gewesen seien, die Luftangriffe zu erschweren.[79][80]

Das tatsĂ€chlich von Bunel verursachte Risiko fĂŒr Soldaten des NordatlantikbĂŒndnisses stellte sich als gering heraus, da die von ihm herausgegebenen Informationen vorlĂ€ufiger Natur waren.[81] DemgegenĂŒber bezichtigte der Independent Bunel des „Antiamerikanismus“[82] anstelle bestimmter Sympathien.

Folgen des Krieges

Serbien und Kosovo

Am 17. Februar 2008 erklĂ€rte das Parlament des Kosovo die UnabhĂ€ngigkeit der Republik Kosovo. 85 der 193 UN-Mitgliedstaaten erkennen den Kosovo bisher als unabhĂ€ngigen Staat an, darunter die Mehrzahl der EU-Staaten und die USA. Nicht anerkannt wird die Loslösung von Serbien, Russland und der Mehrzahl der sĂŒdamerikanischen und asiatischen LĂ€nder.

FĂŒnf hohe serbische Beamte wurden im Februar 2009 vor dem internationalen Tribunal in Den Haag wegen ihrer Beteiligung an Kriegsverbrechen gegen die albanische Zivilbevölkerung zu langjĂ€hrigen Haftstrafen verurteilt.[83]

NATO-Einsatz: Krise, Folgen und Bewertung

Die Intervention der NATO erfolgte ohne UN-Mandat, als Reaktion auf Menschenrechtsverletzungen der jugoslawischen SicherheitskrĂ€fte gegen die Zivilbevölkerung in der mehrheitlich von Albanern besiedelten serbischen Provinz Kosovo. Jugoslawien beklagte anderseits sezessionistische Tendenzen bei großen Teilen der albanischen Bevölkerung des Kosovo und berief sich auf das Recht, die seit 1997 mit Guerilla-Methoden operierende UÇK zu bekĂ€mpfen.

An dem von NATO-LuftstreitkrĂ€ften ohne Einsatz von Bodentruppen gefĂŒhrten Luftkrieg (Operation Allied Force) waren anfĂ€nglich 430 Flugzeuge beteiligt. Wegen der unvorhergesehen langen Kriegsdauer mussten aber bis Kriegsende insgesamt 1200 Kampfflugzeuge von 14 NATO-Mitgliedstaaten mobilisiert werden.

Eine ĂŒber die operationelle Strategie und humanitĂ€re GrĂŒnde ausgebrochene politische Krise innerhalb der NATO, die in die Lager der ParteigĂ€nger einer militĂ€rischen Eskalation in der Gruppierung um die USA und Großbritannien sowie der gegen die Ausweitung des Krieges bemĂŒhten LĂ€nder um Deutschland, Frankreich, Italien und Griechenland zerfiel, verschĂ€rfte mit der fortwĂ€hrenden internen strategischen Auseinandersetzung innerhalb der amerikanischen MilitĂ€rfĂŒhrungsebene die BrĂŒchigkeit des NATO-Konsenses wĂ€hrend der Operation.[84]

Der Streit der MilitĂ€rfĂŒhrungsebene ĂŒber die strategische Linie zwischen Wesley Clark, SACEUR der NATO-StreitkrĂ€fte in Europa, der den vornehmlichen Einsatz und die Eskalation der KriegsfĂŒhrung gegen die VJ im Kosovo befĂŒrwortete, und Michael C. Short, Luftwaffenchef der NATO (Joint Air Force Component Commander) und damit Planer der Luftangriffe, der fĂŒr eine Ausweitung oberhalb des 44. Breitengrades auf die zivile Infrastruktur Serbiens optierte,[85][86], beschĂ€digte die FĂŒhrungsposition Clarks nachhaltig. Der Widerstand der operativen militĂ€rischen Leitung gegen politische Vorgaben zur KriegsfĂŒhrung trug zu einer Neubewertung militĂ€rischer Operationen der US-Armee innerhalb von KoalitionsbĂŒndnissen bei, die wesentliche Teile wie die strategische B2-Bomberflotte außerhalb des NATO-Kontrollgremiums operieren ließ.[87]

Die wĂ€hrend der Feier anlĂ€sslich des 50-jĂ€hrigen Bestehens der NATO am 23. und 24. April in Washington D.C. ausgerufene Devise We will prevail (Wir werden die Oberhand behalten), die fĂŒr einen Sieg der NATO letztlich alle militĂ€rischen Optionen offen hielt, stellte einen Strategiewechsel dar.[88] Nachdem Shorts Konzept unter dem Generalstabschef der US-Armee angenommen wurde, nahm die NATO ab Ende April 1999 ĂŒberwiegend die ökonomische und infrastrukturelle Basis der Bundesrepublik Jugoslawien ins Visier.[89][90] Wichtigste Konsequenz war die nachhaltige Zerstörung der Infrastruktur Serbiens, die auch die Anzahl ziviler Opfer ĂŒber die unter den SicherheitskrĂ€ften steigen ließ.[91] Dagegen fĂŒhrte die weitgehende IneffektivitĂ€t bei der BekĂ€mpfung der Bodentruppen der VJ zu vernachlĂ€ssigbaren Verlusten von 9 von 1025 Panzern sowie 36 von 1246 Artilleriewaffen[92]

Im Ergebnis des Krieges wurde, basierend auf der Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrates, eine UN-Verwaltung in der Provinz eingerichtet, gleichzeitig aber auch die Zugehörigkeit des Gebietes zur Bundesrepublik Jugoslawien bestÀtigt.[93]

NATO

Erst nach Ende des Konfliktes erhellte sich das Bild ĂŒber die Opferzahlen bei den Angriffen auf die serbischen Truppen und die VJ. Diese hatten wesentlich geringere Verluste erlitten, als es die tĂ€glichen NATO-Briefings nahelegten, was dem NATO-Oberbefehlshaber fĂŒr Europa ernste VorwĂŒrfe einbrachte und die FĂ€higkeit der NATO, in der Kampagne militĂ€rische Ziele auszuschalten, in Zweifel zog.[94] Die jugoslawische 3. Armee unter FĂŒhrung von NebojĆĄa Pavković blieb trotz der erheblichen LuftĂŒberlegenheit der NATO intakt und war zu keinem Zeitpunkt ernsthaft bedroht.[95]

GrĂŒndliche militĂ€rische Analysen nach Ende der Kampfhandlungen in den Zielgebieten der LuftschlĂ€ge und die ZĂ€hlung des zerstörten militĂ€rischen GerĂ€tes der VJ erhĂ€rteten die Kritik an der US Air Force und General Wesley Clark, der militĂ€rische Erfolgsmeldungen und die Zahl zerstörter serbischer Panzer schöngeredet hatte, wĂ€hrend die Einheiten der serbischen Armee den Kosovo praktisch unbeschadet verlassen konnten.[96] Die Luftkampagne des Kosovokrieges wurde insbesondere auf den tĂ€glichen NATO-Briefings als erfolgreichste MilitĂ€raktion der Geschichte gepriesen, in der die NATO nicht einen einzigen Toten zu beklagen hatte. Dennoch wurde im Nachhinein fraglich, ob dies nicht nur prinzipielle MilitĂ€rpropaganda war, da auch die offiziellen Analysen der Royal Air Force ein vernichtendes Bild der Erfolge des Luftkrieges zeichneten.[97] Insbesondere wurde dabei die bekannte geringe PrĂ€zision beim Einsatz von Streumunition kritisiert und wurden die starken BegleitschĂ€den bei den BombenabwĂŒrfen beklagt.

Zum weiteren Imageschaden der NATO trug zudem auch der Angriff auf den Personenzug bei Grdelica bei, der durch die Zielkamera erfasst wurde. Ein bei einer Pressekonferenz dreimal schneller als normal abgespieltes Band des Zielvideos ließ Zweifel an der Unabsichtlichkeit des Angriffs eines F-15-E-Piloten aufkommen.[98]

Auf einer Pressekonferenz am 14. September 1999 zog Wesley Clark eine erste Bilanz des Luftkriegs und gab bekannt, dass die NATO im Kosovo in 78 Tagen 112 Panzer, 179 gepanzerte Fahrzeuge, 376 sonstige MilitĂ€rfahrzeuge und 435 ArtilleriegeschĂŒtze der VJ zerstörte.

WĂ€hrend des Krieges wurden von der NATO mindestens 35.000 Geschosse (etwa zehn Tonnen) mit abgereichertem Uran verschossen. Auch Streu- und Splitterbomben wurden eingesetzt. Im Kosovo blieben zahlreiche Landminen sowie nicht explodierte Munition von Streubomben der NATO zurĂŒck.[99] Der Europarat hat die Bombardierung wegen der ökologischen Konsequenzen als Verletzung der Genfer Konvention gerĂŒgt.[100]

Verluste

Grabstein fĂŒr vier junge Kosovo-Albaner

Sowohl zu den Opfern auf albanischer als auch auf serbischer Seite gibt es bis heute nur unterschiedliche und widersprĂŒchliche Angaben. In einem Bericht fĂŒr das UN-Kriegsverbrechertribunal von 2002 wurde die Zahl der albanischen Kriegsopfer auf ĂŒber 10.000 geschĂ€tzt.[101] Bis Ende 2001 wurden im Kosovo 4.211 Leichen exhumiert.[101] Im gleichen Jahr schĂ€tzte die serbische Regierung die Zahl der serbischen und anderen nicht-albanischen Opfer auf 2.000 bis 3.000.[102]

Die VJ hatte im Konflikt 514 Tote, bei NATO-Luftangriffen starben 164, in Gefechten mit der UCK 291 und durch UnglĂŒcksfĂ€lle ohne Kampfeinwirkung 59 Soldaten. Dazu kommen noch Opfer unter den Einheiten des MUP (Polizei) sowie FreischĂ€rler und zivile Opfer. Die NATO hatte nach offiziellen Darstellungen keine Opfer. Informationen legen aber nahe, dass bei verdeckten Operationen durch Delta Forces und weitere Spezialeinheiten, die wĂ€hrend des Krieges im Kosovo operierten (so die britische SAS)[103], und insbesondere bei den schweren und mehrere Wochen dauernden Gefechten am Grenzposten KoĆĄare, auch Soldaten aus Spezialeinheiten des westlichen BĂŒndnisses umgekommen sind.[104]

Die NATO-Bombenangriffe töteten auch viele Zivilisten, unter anderem durch versehentliche Bombardements von FlĂŒchtlingstrecks. Die Bombardierung mehrerer Chemieanlagen fĂŒhrte zu einer teilweise starken SchĂ€digung der Umwelt. Große Mengen von giftigen Chemikalien verschmutzten FlĂŒsse und das Erdreich. Durch einen IrrlĂ€ufer wurde ein Wohnviertel auf dem Hoheitsgebiet Bulgariens durch die Bundeswehr bombardiert.[105] Bei einem weiteren Vorfall am 29. April 1999 um 21:45 wurde ein zweistöckiges Wohnhaus im Sofioter Viertel Gorna Banja von einer Rakete der NATO zerstört, allerdings ohne Todesopfer. Die Regierung versuchte unmittelbar nach dem Geschehnis die Rakete auf ein angebliches serbisches Flugzeug zurĂŒckzufĂŒhren. In einem darauffolgenden Interview erklĂ€rte der Vorsitzende der Eurolinken Alexandar Tomow, die NATO verwende Bulgarien als einen MĂŒlleimer.[106]

Nach einem Bericht des IKRK waren Ende 2000 2900 Personen als vermisst gemeldet, davon 2400 Kosovo-Albaner, 400 Serben, 100 anderer NationalitÀt.[107]

Carla Del Ponte, ehemalige ChefanklĂ€gerin am Internationalen Strafgerichtshof fĂŒr das ehemalige Jugoslawien in Den Haag, warf im April 2008 der UÇK vor, wĂ€hrend des Kriegs serbische Zivilisten und Gefangene getötet zu haben, um deren Organe zu verkaufen.[108] Da aber nur schwache Indizien vorlagen, fanden keine weiteren Ermittlungen in diese Richtung statt. Neue Nahrung erhielten diese GerĂŒchte jedoch im Dezember 2010 durch einen Bericht des Schweizer Europaratsabgeordneten Dick Marty, in dem der kosovarischen Befreiungsarmee UÇK Verwicklungen in illegale OrganhandelsgeschĂ€fte vorgeworfen werden. In einem Krankenhaus seien Gefangenen Organe entnommen und anschließend auf dem internationalen Schwarzmarkt an auslĂ€ndische Kliniken verkauft worden.[109][110] Der Bericht stĂŒtzt sich auf nachrichtendienstliche Erkenntnisse und wurde vom kosovarischen Kabinett zurĂŒckgewiesen.[111] Bislang wurde weder im Kosovo noch von Seiten internationaler Jurisdiktion ein Ermittlungs- oder Gerichtsverfahren angestrengt.

SchÀden und KollateralschÀden der Bombardierung in Jugoslawien

Straßenszene in Belgrad 1999

Durch die Bombardierung der offenen StÀdte von Belgrad, Niƥ und Novi Sad [5] wurden von NATO-Bombern und Marschflugkörpern insgesamt neben 54 Objekten der Verkehrsinfrastruktur 148 GebÀude, 300 Schulen, KrankenhÀuser und Verwaltungseinrichtungen sowie 176 KulturdenkmÀler, darunter 23 mittelalterliche Klöster, beschÀdigt.

Zu den grĂ¶ĂŸten kulturellen Verlusten zĂ€hlt die Vernichtung eines Teils des Depots der weltweit einzigartigen und zu den fĂŒnf grĂ¶ĂŸten Filmarchiven zĂ€hlenden Sammlung der Jugoslawischen Kinemathek (Jugoslovenska kinoteka) im Belgrader Vorort Bubanj potok, bei der 80.000 BĂ€nder verloren gingen.[112]

Zu den beschĂ€digten, kunsthistorisch bedeutenden architektonischen DenkmĂ€lern gehören reprĂ€sentative GebĂ€ude im Stadtzentrum von Belgrad, wie das GebĂ€ude der Regierung Serbiens (Architekt Nikola Krasnov, 1936) und die denkmalgeschĂŒtzten GebĂ€ude des neuen und alten Generalstabs in der Nemanjina Ulica, fĂŒr die nach wie vor keine stĂ€dtebauliche Lösung gefunden wurde.[113] Das aus dem 15. Jahrhundert stammende Kloster von Rakovica, das auf dem HĂŒgel des speziellen MilitĂ€robjektes 909 StraĆŸevica bei KneĆŸevac liegt,[114] wurde wĂ€hrend des Krieges 36 Mal von NATO-Flugzeugen, die hier bis 3000 kg schwere bunkerbrechende Bomben einsetzten, stark beschĂ€digt.[115]

Auch die fĂŒr die moderne Architektur Serbiens herausragenden GebĂ€ude wie das erste Hochhaus in Novi Beograd, das ehemalige GebĂ€ude des Zentralkomitees, der Palata Usče (Mihailo Janković, 1959) und das erste Luxus-Hotel der Hauptstadt, Jugoslavija, waren Ziele der Bombardierung und wurden beschĂ€digt.[116]

Sowohl ein Teil des Museumskomplexes 25. Mai in Belgrad, das aus dem Mausoleum und den Residenzen Titos auf dem Dedinje besteht, als auch die historisch Ă€ußerst bedeutende Villa in der UĆŸička 15 (Alexander Acović, 1933), in der der ehemalige PrĂ€sident Jugoslawiens wie auch der Wehrmachtskommandierende fĂŒr SĂŒdosteuropa Alexander Löhr im Zweiten Weltkrieg und spĂ€ter auch Slobodan MiloĆĄević wohnten, wurden am 23. April 1999 mit mehreren Projektilen ausgebombt.[117]

Auch die versehentliche Bombardierung der chinesischen Botschaft ist zu den KollateralschÀden der Bombardierung Jugoslawiens zu rechnen.

Als Erinnerung an die BombennĂ€chte entstanden in vielen Gemeinden in Serbien ErinnerungsstĂ€tten fĂŒr die zivilen und militĂ€rischen Opfer.[118]

Rechtliche Beurteilung des Krieges

Abgeschossene MiG-29 der JNA

Nach den Regelungen der Charta der Vereinten Nationen ist ausschließlich der Sicherheitsrat befugt, militĂ€rische Zwangsmaßnahmen gegen einen Staat zu verhĂ€ngen. Allerdings lag fĂŒr den NATO-Einsatz kein Beschluss der Vereinten Nationen vor, da Russland einer militĂ€rischen Intervention nicht zustimmte. Viele Völkerrechtler sind der Ansicht, dass die NATO dem in Artikel 2 Abs. 4 der UN-Charta formulierten Gewaltverbot zuwidergehandelt habe und der Angriffskrieg gegen Jugoslawien völkerrechtswidrig gewesen sei.[119]

DemgegenĂŒber sehen BefĂŒrworter der Luftoperationen der NATO den Tatbestand der Vorbereitung eines Angriffskrieges nicht erfĂŒllt und gehen ferner davon aus, dass auch der 2+4-Vertrag nicht verletzt wurde, u. a. auch deswegen, weil bereits vor Beginn der Angriffe von einem „friedlichen Zusammenleben der Völker“ im Kosovo nicht die Rede habe sein können. Die NATO-Aktion sei sowohl völkerrechtlich als auch verfassungsrechtlich zulĂ€ssig gewesen. Das ergebe sich aus einem notstandsĂ€hnlichen Recht auf humanitĂ€re Intervention, das es gestatte, zur Abwendung einer humanitĂ€ren Katastrophe nach Ausschöpfung aller anderen Mittel militĂ€rische Gewalt anzuwenden. Dieses Nothilferecht steht damit im direkten Gegensatz zur Ausschließlichkeit der Entscheidungen des Sicherheitsrats ĂŒber Krieg und Frieden – seine Herleitung ist ungeklĂ€rt und Ă€ußerst umstritten, wobei allerdings teilweise auf Ableitungen aus dem humanitĂ€ren Kriegsvölkerrecht der Genfer Konventionen und der allgemein gestiegenen Bedeutung der Menschenrechte im Völkergewohnheitsrecht seit 1945 verwiesen wurde. Der militĂ€rische Einsatz der NATO habe zur Schaffung des Friedens und zur Abwendung einer humanitĂ€ren Katastrophe stattgefunden und sei notwendig und gerechtfertigt gewesen, weil der Weltsicherheitsrat – obwohl er am 23. September 1998 in der Resolution 1199 das serbische Vorgehen als „exzessiven Einsatz von Gewalt“ und ausdrĂŒcklich auch als „Bedrohung des Friedens“ verurteilt hatte – nicht wirksam handeln konnte oder wollte. Dagegen sind viele Völkerrechtler bis heute der Meinung, dass der unscharfe Begriff einer „humanitĂ€ren Katastrophe“ das Gewaltverbot der UN-Charta nicht außer Kraft setzen konnte (Hilpold S. 448–454, Simma S. 5).

Nachdem alle politischen BemĂŒhungen fĂŒr eine Friedensregelung zwischen den Konfliktparteien erfolglos geblieben waren, beruhte die faktische Entscheidung zum Krieg auf dem Beschluss des NATO-Rats vom 8. Oktober 1998 ĂŒber begrenzte und in Phasen durchzufĂŒhrende Luftoperationen zur Abwendung einer humanitĂ€ren Katastrophe im Kosovo.

Laut der parlamentarischen Versammlung der NATO – ein von der Allianz unabhĂ€ngiges Gremium, das als Bindeglied zwischen dem BĂŒndnis und den nationalen Parlamenten fungiert – habe die UÇK mit Provokationen auf eine Eskalation der Lage im Kosovo hingearbeitet und einen akuten Handlungsbedarf der NATO inszeniert.

Am 29. April 1999 reichte Jugoslawien beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag Klage gegen zehn NATO-Mitgliedstaaten (Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Kanada, die Niederlande, Portugal, Spanien und die USA) ein. Nicht beklagt wurden DĂ€nemark, Griechenland, Island, Luxemburg, Norwegen, Polen, Tschechien, TĂŒrkei und Ungarn. Die Anklagepunkte der zehn Einzelverfahren beziehen sich in erster Linie auf VerstĂ¶ĂŸe gegen völkerrechtliche GrundsĂ€tze wie das Gewaltverbot, Völkermord, das Interventionsverbot sowie die Missachtung des SouverĂ€nitĂ€tsprinzips. Da Jugoslawien wĂ€hrend des Krieges kein Mitglied der UN war, wurde das Verfahren jedoch ohne Entscheidung in der Sache wegen NichtzustĂ€ndigkeit des Gerichtes wieder eingestellt.

Deutschland

Der deutsche Bundestag stimmte der Beteiligung von StreitkrÀften der Bundeswehr am 16. Oktober 1998 zu. Der damals amtierende Justizminister als das fachlich zustÀndige Kabinettsmitglied, Prof. Dr. Schmidt-Jortzig, beteiligte sich nicht an der Abstimmung. Er hatte seinen Protest gegen die seiner Auffassung nach völkerrechtswidrige Kabinettsvorlage zu den Kabinettsakten gegeben.

Aus heutiger deutscher verfassungs- und völkerrechtlicher Sicht wird die Beteiligung der Bundeswehr an den LuftschlĂ€gen ĂŒberwiegend kritisch gesehen.[120]

Die Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland wurde u. a. als Verstoß gegen den 2+4-Vertrag gesehen. Der Vertragstext lautet:

Nach der Verfassung des vereinten Deutschlands sind Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die FĂŒhrung eines Angriffskrieges vorzubereiten, verfassungswidrig und strafbar. Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik erklĂ€ren, daß das vereinte Deutschland keine seiner Waffen jemals einsetzen wird, es sei denn in Übereinstimmung mit seiner Verfassung und der Charta der Vereinten Nationen.

Trotz zahlreicher beim Generalbundesanwalt eingereichter Strafanzeigen wegen Verstoß gegen den § 80 StGB (Vorbereitung eines Angriffskrieges) wurden keine Ermittlungen aufgenommen. Laut Generalbundesanwalt sei von den Anzeigenden ĂŒbersehen worden, dass § 80 StGB sich von Art. 26 des Grundgesetzes herleitet, der ausdrĂŒcklich nur „Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören“ unter Strafe zu stellen anordne. Angesichts der bereits vorhandenen Störung des friedlichen Zusammenlebens im Kosovo und des friedenserzwingenden Motivs fĂŒr ihr Handeln im SelbstverstĂ€ndnis der Bundesregierung fehle eine Absicht im Sinne des Art. 26 I GG und § 80 StGB laufe ins Leere.

Rezeption

Deutschland

Zu Beginn der Bombardierung Serbiens am 24. MĂ€rz 1999 war die Opposition gegen den Krieg und gegen die Beteiligung der Bundeswehr marginal.[121] Der Fernsehansprache Bundeskanzler Gerhard Schröders kommt an dieser Stelle eine SchlĂŒsselrolle zu, weil er erreichen konnte, das deutsche Volk auf den Einsatz der Bundeswehr einzustimmen, und pazifistisch motivierte Proteste in grĂ¶ĂŸerem Umfang danach ausblieben.[122] Medienberichte und Aussagen von Politikern wie dem Bundesminister fĂŒr AuswĂ€rtige Angelegenheiten Joschka Fischer und Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, die die Handlungsweise der serbischen Truppen im Rahmen des so genannten Hufeisenplans als Teil eines Völkermordes bezeichneten, waren vor allem im öffentlichen Bewusstsein prĂ€sent. So hatte Bundesaußenminister Joschka Fischer insbesondere an seine Partei Die GrĂŒnen appelliert: „Wir haben immer gesagt: ‚Nie wieder Krieg!‘ Aber wir haben auch immer gesagt: ‚Nie wieder Auschwitz!‘“[123]

Gleichwohl gab es deutliche Proteste gegen die „Instrumentalisierung deutscher Geschichte“ fĂŒr einen Krieg unter deutscher Beteiligung. Es wurde an den letzten Krieg Deutschlands und die alte, aus dem Ersten Weltkrieg stammende Parole „Serbien muss sterbien“ erinnert und gefordert, dass vor diesem Hintergrund die Bundesrepublik sich aus dem kriegerischen Konflikt herauszuhalten habe. Der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein warf bereits am 3. Mai den USA vor, sie hĂ€tten in Rambouillet militĂ€rische Bedingungen gestellt, die „kein Serbe mit Schulbildung“ hĂ€tte unterschreiben können.[124]

Zu den prominenten deutschen Politikern, die gegen die Bombardierung Serbiens opponierten, zĂ€hlten der damalige SPD-Politiker Oskar Lafontaine, der PDS-Vorsitzende Gregor Gysi, die ehemalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sowie der ehemalige OSZE-VizeprĂ€sident und Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer (CDU), der von einem „ordinĂ€ren Angriffskrieg“ sprach und der damaligen Bundesregierung, insbesondere Außenminister Joschka Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping, „Manipulationen“ vorwarf. Auch Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt gehörte zu den Kriegsgegnern. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler zog 2004 Parallelen zum Irak-Krieg: „Sowohl die Intervention der USA im Irak als auch die Bombardierung Jugoslawiens und seiner Hauptstadt Belgrad durch die NATO geschah ohne Mandat der Vereinten Nationen. Dies ist von der deutschen Völkerrechtslehre zutreffend und mit Nachdruck als völkerrechtswidrig bewertet worden“. Gregor Gysi reiste auf dem Höhepunkt des Konfliktes zu GesprĂ€chen mit Milosević nach Serbien. Wenig spĂ€ter bat er Milosević erneut, nach persönlichen GesprĂ€chen mit FlĂŒchtlingen, die Zustimmung zu einer UN-Friedenstruppe zu erteilen, und kritisierte gegenĂŒber Milosević – ohne von seiner Kritik am NATO-Einsatz abzurĂŒcken – , dass dieser Menschenrechtsverletzungen durch die serbische Armee kleinrede.[125]

Der Philosoph JĂŒrgen Habermas fĂŒhrte in Verteidigung des Vorgehens der NATO aus, dass eingriffslegitimierende MĂ€ngel im Völkerrecht nicht zur Tatenlosigkeit gegenĂŒber Völkermorden fĂŒhren dĂŒrften: „Aus dem Dilemma, so handeln zu mĂŒssen, als gĂ€be es schon den voll institutionalisierten weltbĂŒrgerlichen Zustand, den zu befördern die Absicht ist, folgt jedoch nicht etwa die Maxime, die Opfer ihren Schergen zu ĂŒberlassen. Die terroristische Zweckentfremdung staatlicher Gewalt verwandelt den klassischen BĂŒrgerkrieg in ein Massenverbrechen. Wenn es gar nicht anders geht, mĂŒssen demokratische Nachbarn zur völkerrechtlich legitimierten Nothilfe eilen dĂŒrfen.“[126]

In den Medien wurde der Kosovokrieg auch nach Ende der Kampfhandlungen heftig diskutiert. In Deutschland spielte dabei die am 8. Februar 2001 gezeigte WDR-Dokumentation Es begann mit einer LĂŒge eine prominente Rolle, deren Inhalt darauf abzielte, nachzuweisen, die BegrĂŒndung, mit den NATO-LuftschlĂ€gen „eine humanitĂ€re Katastrophe im Kosovo verhindern“ zu wollen (Gerhard Schröder, 24. MĂ€rz 1999), habe auf LĂŒgen beruht.[127] Dieser Bericht wurde wiederum von der FAZ[128] und dem Magazin Der Spiegel[129] massiv wegen selektiver Wiedergabe von Zeugenaussagen und „unsauberer“ Recherchemethoden kritisiert. Dieser Kritik schlossen sich Rupert Neudeck und Norbert BlĂŒm an, die beide den WDR-Film durch eigene Recherche ĂŒberprĂŒften.[130][131] Der WDR-Redakteur Mathias Werth, Mitautor der Dokumentation erwiderte in einem Interview der "Stattzeitung fĂŒr SĂŒdbaden" auf die Kritik: "Sie sahen die Arbeit ihrer Korrespondenten vor Ort durch diesen Film diskreditiert. DafĂŒr habe ich VerstĂ€ndnis, denn in dem Film mag mancher eine Kritik daran erkennen, wie ĂŒber diesen Krieg berichtet worden ist.[...] Die Frage ist, was bleibt am Ende an sachlichen VorwĂŒrfen gegen den Film stehen. Und da ist bis heute kein einziger Vorwurf stehen geblieben." [132] Der WDR blieb bei seiner Darstellung.

Der Kosovokrieg wurde erneut im FrĂŒhjahr 2010 in der Debatte um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr in die Diskussion eingebracht, da dieser die aktive militĂ€rische PrĂ€senz deutscher Soldaten bei NATO-EinsĂ€tzen einleitete. Dass im Kosovokrieg Propaganda Mittel der Politik wurde, kritisierte Barbara Supp im Spiegel am Beispiel des Fischer'schen Auschwitz-Vergleichs: „Und dann sprach Joschka Fischer von einem neuen Auschwitz, das der Serbe MiloĆĄević plane und das nur durch Krieg zu verhindern sei. Auschwitz - das Ă€ußerste Mittel. Der Kosovo-Krieg, obwohl das Völkerrecht dagegen sprach, sei also gerecht und ohne Alternative. Er hieß „humanitĂ€re Intervention“. Wer dagegen war, wĂŒrde Alliierter der serbischen Mörder sein.[133]

USA

Der Kosovokrieg war in den USA ĂŒberwiegend unpopulĂ€r. Bill Clinton beschwichtigte in seiner Ansprache die amerikanische Bevölkerung mit den Worten: „Habe nicht vor, unsere Truppen im Kosovo einen Krieg fĂŒhren zu lassen.“[134] Es gab erhebliche Meinungsverschiedenheiten ĂŒber die Dringlichkeit der MilitĂ€roperation: Die politischen Falken um Außenministerin Madeleine Albright und ihren MilitĂ€rberater Wesley Clark waren fĂŒr schnelles militĂ€risches Eingreifen, wĂ€hrend der Generalstab im Pentagon unter Henry H. Shelton und Sicherheitsberater Sandy Berger zur Vorsicht mahnten. Noch am 23. MĂ€rz beruhigte Albright die Amerikaner ĂŒber die mögliche Dauer der Kampfhandlungen: „Ich sehe dies nicht als lang andauernde Operation. Ich denke, das ist etwas ... das innerhalb einer kurzen Zeit erreichbar ist. Aber ... ich bin nicht gewillt mich festlegen zu lassen.“[134]

Wegen der maßgeblichen Rolle der Außenministerin galt der Kosovokrieg vielen in den USA als „Madeleines Krieg“.[135][136] Das Time Magazine schrieb zu dieser Sichtweise: „Mehr als jeder andere verkörpert sie die außenpolitische Vision, die die MĂ€nner in den Krieg gefĂŒhrt hat. Und sie ist die am meisten Verantwortliche, um die Alliierten und die Administration geschlossen zum Sieg zusammenzuhalten.“[136] Der Titel des Time Magazines vom 10. Mai 1999 zeigte die Außenministerin mit der Schlagzeile „Albright at war“.[137] Albright Ă€ußerte sich zu diesem Vorwurf spĂ€ter: „Madeleines Krieg war damals, denke ich, abschĂ€tzig gemeint. Und ich bin froh, dass wir beharrlich geblieben sind.“[138] Als Betreiberin des unpopulĂ€ren Krieges verlor sie in der Clinton-Administration nach Beendigung der Kampfhandlungen, trotz des Sieges gegen MiloĆĄević, rapide an politischem Einfluss. Kritiker, darunter ihr ehemaliger Mentor Peter F. Krogh, bezweifelten ihre FĂ€higkeiten in außenpolitischen Angelegenheiten.[134][139]

In der kritischen Nachbearbeitung der Balkanpolitik der Bush- und der Clinton-Administration nimmt der Kosovokrieg neben dem Bosnienkrieg eine wesentliche Rolle ein. Die Auseinandersetzung ist dabei nach wie vor nicht beendet. Kritiker verweisen auf den dramatischen ökonomischen und gesellschaftlichen Verfall des Westbalkans in der Interventionsperiode[140] oder werfen den Politikern und Medienvertretern vor, vor allem kurzsichtige, egoistische Interessen verfolgt zu haben. Timothy Garton Ash sprach von einer „Man-muss-was-unternehmen-Brigade“ („something-must-be-done brigade“), die die Unruhen auf dem Balkan so lange fĂŒr ihre Zwecke missbraucht habe, bis ein neuer regionaler Unruheherd in den Fokus rĂŒckte.[141]

Literatur

  • Behrens, Kai, "Transatlantische Beziehungen: Europas strategische Emanzipation im Zerrspiegel," in Thomas Meyer, Johanna Eisenberg (Hg.) EuropĂ€ische IdentitĂ€t als Projekt. Wiesbaden: VS Verlag, 2008, S.221-245
  • Daalder, Ivo H. / Michael E. O’Hanlon, Winning Ugly: NATO’s War to Save Kosovo, Washington, DC: Brookings Institute, 2000.
  • Edelbauer, Gisela: Rechtsgrundlagen der humanitĂ€ren Intervention unter besonderer BerĂŒcksichtigung des Kosovo-Konflikts, Diss. an der UniversitĂ€t der Bundeswehr, Neubiberg 2005.
  • Forschungsgesellschaft Flucht und Migration, Dietrich, Glöde (Hrsg.): FFM-Heft 7: Kosovo. Der Krieg gegen die FlĂŒchtlinge, ISBN 3-922611-79-6
  • König, Jan C. L.: "Wir sind im Krieg: Rhetorische Diskursanalyse der Fernsehansprache Gerhard Schröders vom 24. MĂ€rz 1999". In: Jan C. L. König: Über die Wirkungsmacht der Rede. Strategien politischer Eloquenz in Literatur und Alltag. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress 2011, S. 298-321, ISBN 3-8997-1862-3
  • Loquai, Heinz, Der Kosovo-Konflikt - Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis MĂ€rz 1999, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8
  • Mertus, Julie A., Kosovo: How Myths and Truths Started a War, Berkeley: University of California Press, 1999.
  • Minear, Larry / van Baarda, Ted / Sommers, Marc, NATO and Humanitarian Action in the Kosovo Crisis. Providence: Brown University, 2000.
  • Olschewski, Malte, Der Krieg um den Kosovo. Serbiens neue Schlacht am Amselfeld. Nidda-Verlag 1999. ISBN 3-9806814-1-6
  • Papasotiriou, Harry. 2002. “The Kosovo War: Kosovar Insurrection, Serbian Retribution and NATO Intervention.” The Journal of Strategic Studies 25(1):39-62
  • Erich Rathfelder: Kosovo. Geschichte eines Konflikts, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011 ISBN 978-3-518-12574-8
  • Reuter, Jens / Clewing, Konrad, Der Kosovo-Konflikt. Klagenfurt 2000 ISBN 3-85129-329-0
  • SchĂŒtz, Cathrin, Die NATO-Intervention in Jugoslawien. HintergrĂŒnde, Nebenwirkungen und Folgen. WILHELM BRAUMÜLLER UniversitĂ€ts- und Verlagsbuchhandlung 2003. ISBN 3-7003-1440-X.
  • Daniel H. Joyner: The Kosovo Intervention: Legal Analysis and a More Persuasive Paradigm. In: European Journal of International Law. 13, Nr. 3, 2002, S. 597-619.

Weblinks

 Commons: Kosovokrieg â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ International Crisis Group: An Army for Kosovo? Europe Report N°174, 28. Juli 2006, S.3
  2. ↑ a b c d e f g h KOSOVO WAR CRIMES CHRONOLOGY. Human Rights Watch, abgerufen am 1. MĂ€rz 2011 (englisch).
  3. ↑ http://www.nato.int/kosovo/all-frce.htm
  4. ↑ Genozid im Kosovo. Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker, Juli 1999, abgerufen am 8. April 2011.
  5. ↑ a b Helmut Schmidt: Was uns wirklich angeht – und was nicht. Afghanistan, Balkan, Afrika: Die militĂ€rischen Interventionen des Westens sind fragwĂŒrdig. In: Die Zeit. 4. November 2008, abgerufen am 30. MĂ€rz 2011.
  6. ↑  dtv-Atlas zur Weltgeschichte Band 2. 23 Auflage. Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co KG, MĂŒnchen 1989, ISBN 3-423-03002-X, S. 120 ff.</span>
  7. ↑ Minorities Leaving Yugoslav Province Dominated by Albanians. The Associated Press, 17. Oktober 1981
  8. ↑ Alexander Neu: Die Zukunft des Kosovo. Ein völker- und verfassungsrechtlicher Blick. Berlin Information-center for Transatlantic Security, September 2005
  9. ↑ Serbian Academy of Arts and Sciences (SANU) Memorandum 1986. Haverford College, abgerufen am 26. April 2011.
  10. ↑  Wie Jugoslawien verspielt wurde. C.H Beck'sche Verlagsbuchhandlung, MĂŒnchen 1995, ISBN 3-406-39241-5, S. 132-180.</span>
  11. ↑ a b c  R. Craig Nation: War in the Balkans 1991–2002. Strategic Studies Institute, 2003, ISBN 1584871342, S. 223ff (Online in der Google Buchsuche).</span>
  12. ↑ Die UÇK wurde im deutschen Verfassungsschutzbericht 1998 als in „ihrer Heimat terroristisch operierend“ eingestuft; Verfassungsschutzbericht 1998 des Bundesamtes fĂŒr Verfassungsschutz, S. 141.
  13. ↑ a b Kosovo - Eskalation der Gewalt. Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker, MĂ€rz 1998, abgerufen am 1. MĂ€rz 2011.
  14. ↑ a b Kosovo: Krieg, Vertreibung, Massaker. Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker, August 1998, abgerufen am 1. MĂ€rz 2011.
  15. ↑ Kosovo ruft um Hilfe. Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker, Juli 1998, abgerufen am 1. MĂ€rz 2011.
  16. ↑ a b UN-Bericht
  17. ↑  R. Craig Nation: War in the Balkans 1991–2002. Strategic Studies Institute, 2003, ISBN 1584871342, S. 237ff (Online in der Google Buchsuche).</span>
  18. ↑ a b  Roland Friedrich: Die deutsche Außenpolitik im Kosovo-Konflikt. VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften Wiesbaden, 2005, ISBN 3-531-14317-4, S. 61 (Online in der Google Buchsuche).</span>
  19. ↑ a b [1] − ErlĂ€uterung der OSZE Oktober 1998
  20. ↑  Roland Friedrich: Die deutsche Außenpolitik im Kosovo-Konflikt. VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften Wiesbaden, 2005, ISBN 3-531-14317-4, S. 55ff (Online in der Google Buchsuche).</span>
  21. ↑  Roland Friedrich: Die deutsche Außenpolitik im Kosovo-Konflikt. VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften Wiesbaden, 2005, ISBN 3-531-14317-4, S. 63ff (Online in der Google Buchsuche).</span>
  22. ↑ Federal Republic of Yugoslavia (Kosovo). After tragedy, justice?. In: Library. Amnesty International, Mai 1999, abgerufen am 13. April 2011 (englisch).
  23. ↑ Heinz Loquai, Der Kosovo-Konflikt - Wege in einen vermeidbaren Krieg: die Zeit von Ende November 1997 bis MĂ€rz 1999, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000, ISBN 3-7890-6681-8
  24. ↑ Rambouillet Accord - Interim Agreement for Peace and Self-Government in Kosovo
  25. ↑ Tino Moritz: Einsame Zweifler. In: taz.de. 6. April 2001, abgerufen am 19. Januar 2011.
  26. ↑ CNN, 11. Juni 1998 NATO making plans for military action in Kosovo - Air exercises to start soon in Albania, Macedonia
  27. ↑ New York Times, 25. September 1998 Allies Inch Toward Action Against Serbs
  28. ↑ BBC, 13. Oktober 1998 Countdown begins to Kosovo strikes
  29. ↑ BBC, 24. MĂ€rz 1999 B-52 bombers head off
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