|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Der Kronstädter Matrosenaufstand war ein Aufstand von Matrosen der russischen Kriegsmarine gegen die Regierung Sowjetrusslands. Er fand im März 1921 im russischen Kronstadt statt. Unter dem Motto „Alle Macht den Sowjets – Keine Macht der Partei“ forderten sie eine Stärkung der lokalen Sowjets und keine Parteibindung bei Sowjetmandaten. Gleichzeitig markierte der Aufstand den Übergang vom Kriegskommunismus zur Neuen Ökonomischen Politik im jungen Sowjetrussland.[1]
Die Aufständigen nutzten die unter Peter I. errichteten Festungsanlagen der Baltischen Flotte auf der Kotlin-Insel, die die Stadt von Norden, Westen und Süden schützt. Die Rote Armee wurde zunächst zurückgeschlagen und 80 Prozent der Angreifer fanden den Tod. Die Matrosen vermochten jedoch einem zweiten Angriff nicht standzuhalten und kapitulierten.
Inhaltsverzeichnis |
Mit dem Ende des Russischen Bürgerkrieges im November 1920 lag Russland nach sieben Jahren Krieg wirtschaftlich am Boden. Die Kronstädter Matrosen hatten zunächst die Kommunistische Partei im Bürgerkrieg gegen die Weiße Armee und ihre westlichen Alliierten unterstützt. Nach der Niederlage der feindlichen Weißen Armee gerieten die Bolschewiki für ihre Nahrungsmittelrequisitionen auf dem Land und die harsche Unterdrückung der Opposition zunehmend in Erklärungsnot. Viele Matrosen erfuhren erst im Zuge der Demobilisierung der Truppen von den schlechten Bedingungen zuhause.[2] Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der bolschewistischen Zentralregierung entlud sich in zahlreichen Aufständen. Auf besonders starken Widerstand stießen die Praktiken der Kommunistischen Partei bei den Bauern: Allein im Februar 1921 berichtete die Tscheka von 118 Bauernaufständen in verschiedenen Teilen des Landes.[3] In der Folge kam es zu Massenaustritten aus der Partei. In Kronstadt, das aufgrund seiner Rolle während der Juli-Tage 1917 und bei der Bekämpfung der Weißen Armee als Hochburg der Revolution galt, traten im Januar 1921 5.000 Matrosen der Baltischen Flotte aus der Partei aus.[4]
Aus Protest gegen die autokratischen Methoden der bolschewistischen Regierung in Petrograd kam es am 24. Februar 1921 zu Arbeiterstreiks in den Patronny-Munitionswerkstätten, den Trubotschny- und Baltiyskiwerken und der Fabrik Laferme. Noch am selben Tage wurden von der Regierung Kursanten zur Wassiljewski-Insel, einem Petrograder Arbeiterdistrikt geschickt, um die dort versammelten Arbeiter zu zerstreuen.
Am 25. Februar schlossen sich Arbeiter der Admiralitätswerkstätten und der Galernaja-Docks dem Protest an. Eine versuchte Straßendemonstration Streikender wurde von bewaffneten Einheiten verhindert.
Die Versammlung des Petrograder Sowjets bestimmte am Tag darauf die Schließung der Trubotschny-Fabrik sowie die Aussperrung der Streikenden. Es folgten zahlreiche Verhaftungen und die Unterdrückung mehrerer Arbeiterorganisationen. Die Bolschewiki begannen große Mengen Militär in Petrograd zusammenzuziehen.
Unter Kronstädter Matrosen hat sich eine Sympathiebewegung mit den Petrograder Streikenden gebildet. Diese beschließt eine Delegation nach Petrograd zu entsenden, sie kommt noch am selben Tag zurück.
Die Besatzung des russischen Kriegsschiffs „Petropawlowsk“ nimmt eine Resolution an, der wenig später auch die Matrosen der „Sewastopol“ zustimmen.
Abhaltung einer öffentlichen Versammlung auf dem Jakornyplatz in Kronstadt (16.000 Anwesende), auf der die am 28. Februar entsandte Kommission einen Bericht zur Lage in Petrograd erstattet.
Verabschiedung einer Resolution, die von der überwiegenden Mehrheit der Versammelten, mit Ausnahme von Wassiljew, dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees des Kronstädter Sowjets sowie Kalinin, dem Präsidenten der Russischen sozialistischen Förderativrepublik angenommen wird.
Beschluss der Entsendung von 30 parteilosen Delegierten nach Petrograd, welche die Kronstädter Forderungen bekannt machen sollen.
Verhaftung der Delegation bei ihrer Ankunft in Petrograd durch die Bolschewiki (über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt)
Abhaltung einer Delegiertenkonferenz mit etwa 300 Teilnehmern, auf der im Wesentlichen die Forderungen des 1. März bekräftigt werden.
Erlass eines von Lenin und Trotzki unterzeichneten Befehls der bolschewistischen Regierung, in dem die Kronstädter Bewegung als Meuterei gegen die kommunistischen Behörden bezeichnet wird.
Beginn der systematischen „Reinigung“ von Petrograd durch das Petrograder Verteidigungskommitee, das von Grigori Jewsejewitsch Sinowjew geleitet wurde.
Verhaftungen zahlreicher verdächtiger Soldaten und Matrosen
Verhängung des Kriegsrechtes über Teile der Stadt, Verbot von Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und Straßen.
Entsendung von als politisch unzuverlässig geltenden Regimentern der Armee an entfernte Orte.
Geiselnahme der in Petersburg lebenden Familien Kronstädter Matrosen durch Bolschewiki.
Gründung des Provisorischen Revolutionären Komitees von Kronstadt mit folgender Zusammensetzung:
Kronstädter Matrosen beschließen die freiwillige Kürzung ihrer Verpflegungsrationen zu Gunsten des Durchschnittsarbeiters.
Zahlreiche Kronstädter Kommunisten erklären aus Protest gegen Despotismus und bürokratische Korruption der Bolschewiki ihren Austritt aus der Partei.
Herausgabe der Tageszeitung Iswestija
Versammlung des Petrograder Sowjet und Verabschiedung einer Resolution, die Kronstadt einer gegenrevolutionären Erhebung gegen die Sowjetregierung beschuldigt.
Trotzki fordert in einem Ultimatum an Kronstadt die sofortige Unterwerfung unter die Autorität der Sowjetregierung, Erlass von Befehlen, die gewaltsame Niederschlagung vorzubereiten.
Protestschreiben einer damals in Petrograd befindlichen Gruppe von Anarchisten (der unter anderem Alexander Berkman und Emma Goldman angehören) an den Vorsitzenden des Petrograder Sowjet Grigori Jewsejewitsch Sinowjew.
Die bolschewistische Regierung startet um 18:45 Uhr das Artilleriebombardement auf Kronstadt durch Batterien von Sestroretsk und Lissy Nos.
In Kronstadt befinden sich etwa 14.000 Menschen, davon 10.000 Matrosen.
Ganztägiger bolschewistischer Artilleriebeschuss Kronstadts von der Süd- und Nordküste.
Bolschewistische Angreifer greifen von Süden an, mehrere Hundert von ihnen finden den Tod.
Konzentrischer Angriff der Roten Armee von drei Seiten – Norden, Süden und Osten.
Einnahme einer Anzahl von Forts, Einbruch und Vorrücken bolschewistischer Truppen in Kronstadt bis zum Ankerplatz
Straßenkämpfe
Dybenko, Kommandant von Kronstadt auf bolschewistischer Seite, erhält die absolute Vollmacht, die meuterische Stadt zu reinigen.
Nächtliche Massenerschießungen durch Tscheka.
Kämpfe in einigen Teilen der Stadt.
In den folgenden Wochen fanden Erschießungen hunderter Kronstädter Insassen in Petrograder Gefängnissen statt.
Bei diesem Aufstand im Frühjahr 1921 vom 7. März bis 18. März, an dem etwa 50.000 Rotarmisten und 10.000 Kronstädter Matrosen beteiligt waren, gab es auf beiden Seiten mehrere Tausend Opfer. Die Bolschewiki unterstellten der Führung der Kronstädter Matrosen, sie würde „Sowjets ohne Kommunisten“ fordern.
Als kleinbürgerlich kritisierten die Führer der Bolschewiki Lenin und Trotzki außerdem die Kronstädter Forderungen wie jene nach Dezentralisierung der Macht, Selbstverwaltung von Kronstadt, sofortiger Neuwahl der Sowjets, Wiedereinführung des „Kleinhandwerks“ und völliger Verfügungsgewalt der Bauern über ihr Land und Vieh, was nach Ansicht der Staatsführung (obwohl es sich auf die Landsituation nach der Bodenreform bezog und ausdrücklich nur von Verfügungsgewalt für eigene Arbeit die Rede war) die reichen Großbauern (Kulaken) gestärkt und zur Stärkung und Wiedereinführung des Kapitalismus und des weißen Terrors geführt hätte. Sie sahen in einer angeblich veränderten sozialen Zusammensetzung der Kronstädter Matrosen den Grund für den Aufstand – eine Aussage, die mittlerweile durch genaue Auswertung der Rekrutierungs- und Mannschaftslisten widerlegt wurde.[5] Tatsächlich waren die Matrosen – auch nachdem eine Anzahl der trotzkistisch-leninistisch politisch aktivsten Matrosen an verschiedenen Fronten im Bürgerkrieg eingesetzt oder zur Agitation verwendet worden war – in ihrer sozialen Zusammensetzung weitestgehend unverändert geblieben.[6]
Leo Trotzki über die unterstellte Forderung der Kronstädter Matrosen „Sowjets ohne Kommunisten“:
„Genau das war der Sinn der Kronstädter Losung – Sowjets ohne Kommunisten – die sofort nicht nur von den Sozialrevolutionären, sondern auch von den bürgerlichen Liberalen aufgegriffen wurde. So hat auch ein relativ weitsichtiger Repräsentant des Kapitals, Professor Miljukow, verstanden, dass die Befreiung der Sowjets von der Führung durch die Bolschewiki in kurzer Zeit die Zerstörung der Sowjets selbst bedeutet haben würde. Die Erfahrung der russischen Sowjets unter menschewistischer und sozialrevolutionärer Herrschaft, und noch deutlicher, die Erfahrung der deutschen und österreichischen Räte unter den Sozialdemokraten, hat dies bewiesen. Sozialrevolutionär-anarchistische Sowjets konnten nur als eine Brücke von der proletarischen Diktatur zur kapitalistischen Restauration dienen. Sie konnten keine andere Rolle spielen, ohne Rücksicht auf die Ideen der daran Beteiligten. Deshalb hatte der Kronstädter Aufstand einen konterrevolutionären Charakter.“
Der Historiker Manfred Hildermeier schrieb 1989, dass „kein anderes Ereignis […] so sehr zum Symbol der Deformation des Sowjetsystems geworden sei, wie der brutal niedergeschlagene Aufstand.“[7]