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Die Kunta, auch Kuntah; sind ein maurischer Stammesverband, der im 17. Jahrhundert aus dem heutigen Mauretanien in den Norden von Mali einwanderte und heute zum großen Teil in der Umgebung von Timbuktu bis hinauf zum Adrar-n-Ifoghas lebt. Weitere Kunta leben vereinzelt in Algerien.
Inhaltsverzeichnis |
Die Kunta gehören zu den mauretanischen Bidhan, obwohl sie sich in deren Klassengesellschaft nicht recht einordnen lassen. Heute sind sie weit in der westlichen Sahara und ihren Randgebieten im Norden und Süden verbreitet. Neben Mali und Mauretanien leben sie im südwestlichen Algerien um Tindouf und anderen Gebieten in Algerien wie Ahaggar und Saoura und Twat im Nordwesten, sowie in Saguia el Hamra in der Westsahara und im Niger.[1]
Die beiden ersten schriftlichen Erwähnungen der Kunta finden sich in einem Brief, den der Herrscher von Bornu 1140 oder 1478 an die Kunta von Twat sandte und einem weiteren Schriftstück aus Twat von 1460. Im 16. Jahrhundert übernahmen Kunta einen großen Teil des Saharahandels.
Die Gesellschaftsordnung der Kunta ist geringer als bei anderen maurischen Volksgruppen in Klassen eingeteilt, so dass ihre Zuordnung weniger in die Kriegerkaste, sondern eher zu den Ulama (arabisch: zawaya), also Korangelehrten erfolgen könnte. Diese werden in ganz Westafrika als M'rabatin (sing. Marabut) bezeichnet. Die Kunta gehören überwiegend der Sufi-Bruderschaft (tariqa) der Qadiriyya an. Traditionell leiten sich die Kunta von dem arabischen Feldherrn Uqba ibn Nafi (683), dem Eroberer Nordafrikas, ab. Sie sprechen zwar den arabischen Dialekt Nordwestafrikas, das Hassania, gehören aber ihrer Herkunft nach zum Zanaga- oder Sanhadscha-Zweig der Berbervölker an, wobei im Lauf der Jahrhunderte eine nicht unbeträchtliche Beimischung durch arabische Zuwanderer aus dem nordafrikanischen Raum stattgefunden haben dürfte. Die Genealogien bringen die Kunta auch gern in Zusammenhang mit den Almoraviden.
Als deutlich eigenständige Ethnie unter den Mauren formten sich die Kunta bis spätestens zum 16. Jahrhundert heraus. Zu dieser Zeit fanden sich Kunta-Clans zwischen dem Hodh im heutigen Mauretanien, der Sakiya al-Hamra im Norden und östlich bis zu den Tuat-Oasen. Die Handelsstadt Walata in Mauretanien war ein Zentrum der Kunta-Gelehrten. Im 17. oder 18. Jahrhundert spaltete sich das Kunta-Volk. Ein Teil, die so genannten Kunta al-Kibla, verbreitete sich bis an den Senegal, während die andere Stammesgruppe, die Awlad Sidi-l Wafi, in Richtung Nigerbogen und Azawad (im heutigen Mali), teilweise sogar bis nach Gobir (im heutigen Niger) und Katsina (im heutigen Nigeria) abwanderte.
Der bedeutendste Clan unter den in Richtung Timbuktu gewanderten Kunta waren die Angehörigen der Familie al-Baqqai, deren Gründer Sidi Ahmad al-Baqqai al-Kunti im 16. Jahrhundert lebte. Die Oberhäupter des Clans dominierten als herausragende Theologen und Juristen zwischen 1811 und 1864 die Stadt Timbuktu und konnten ihren religiösen Einfluss auch über die Tuareg bis in die zentrale Sahara hinein ausdehnen. Viele Nomaden pilgerten nach al-Hilla, nur um Sidi Mukhtar zu sehen und hierdurch Anteil an seinem baraka, seinem Charisma, zu erlangen.
Der von dem Kunta-Gelehrten Sidi al-Mukhtar al-Kunti († 1811) gegründete Zweig der Qadiriyya (Mukhtariyya oder Baqqa`iyya) zeichnete sich durch Offenheit gegenüber anderen Religionen und eine weniger strenge Auslegung der heiligen Schriften aus. Der britische Islamforscher John Hunwick schreibt, dass diese Bruderschaft großen Wert auf Tugenden wie Barmherzigkeit, Vergebung der Sünden und den „Djihad der Worte, nicht des Schwerts“ legte, d. h. auf die Bekehrung durch Überredung und durch das Vorbild eines gottgefälligen Lebens. Dies führte einerseits dazu, dass die Baqqa'iyya bei den teilweise nur oberflächlich islamisierten Konföderationen der Tuareg in der mittleren Sahara rasch Anhänger fand. Gleichzeitig gerieten sie durch diese Haltung in schroffen Gegensatz zu den fundamentalistischen Fulbe, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts im gesamten Westsudan einen Djihad mit dem Ziel, eine besonders strenge Form des Islam durchzusetzen, führten. Hierbei darf nicht übersehen werden, dass die Forderung nach einer Wiederbelebung und Reinigung des Islam, wie sie von Teilen der Mukhtariyya vertreten wurde, zum Fulbe-Djihad mit beigetragen hatte und einige Fulbe-Führer aus dem Umfeld des Reformators Usman dan Fodio vor dem Ausbruch des Djihad Schüler von Sidi Mukhtar in al-Hilla gewesen waren.
Der bedeutendste Gelehrte des al-Baqqai-Clans in der zweiten Jahrhunderthälfte war Sidi Ahmad al-Baqqai (1803–1865), dessen Rat in theologischen und juristischen Fragen im gesamten Sudan und in der Westsahara gefragt war. Sein Einfluss war so groß, dass er dem Fulbe-Emir von Massina die Stirn bieten und die Auslieferung des deutschen Afrikaforschers Heinrich Barth, der 1853 nach Timbuktu kam, verweigern konnte.
Während der Kolonialzeit (1893–1960) gelang es den Franzosen, die latenten Zwistigkeiten zwischen Kunta und Tuareg, die durch Sidi Ahmad al-Baqqai nur zeitweise hatten beigelegt werden können, geschickt auszunutzen. Angesichts der fortschreitenden Dürre im Azawad und im Adrar-n-Ifoghas (Grenzgebiet zwischen Mali und Algerien) und der Knappheit von Weiden und Wasservorräten kam es in den 1950er Jahren mehrfach zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen, über die der deutsche Völkerkundler und Schriftsteller Herbert Kaufmann in mehreren seiner Büchern berichtet hat.