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Als Arbeitslosigkeit wird im Zusammenhang mit Lohnarbeit das Fehlen bezahlter BeschĂ€ftigungsmöglichkeiten fĂŒr potenzielle Erwerbspersonen bezeichnet. Im weiteren Sinne ist damit auch das Fehlen anderer hauptsĂ€chlich menschlicher Arbeit gemeint.
Im Deutschen kam der Begriff Arbeitslosigkeit mit dem Beginn der Wirtschaftskrise in den 1890er-Jahren auf.[1]
Seit der Hartz-IV-Reform, am 1. Januar 2005, gilt in Deutschland â im rechtlichen Sinne nach § 16 SGB III ein Arbeitnehmer als arbeitslos, wenn er zwar arbeitsfĂ€hig und arbeitswillig ist, aber dennoch kein BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnis findet. In der offiziellen Arbeitslosenstatistik werden daher nur diejenigen erfasst, die beim Arbeitsamt als âarbeitslosâ gemeldet sind. Um die volkswirtschaftliche Arbeitslosigkeit zu erfassen, wird neben der absoluten Zahl aller arbeitslosen Personen ĂŒblicherweise die sogenannte Arbeitslosenquote verwendet, die das VerhĂ€ltnis der Arbeitslosen zur Summe aller Erwerbspersonen (und der abhĂ€ngigen Erwerbspersonen) beschreibt.
Wer mindestens 58 Jahre alt ist und wenigstens zwölf Monate Hartz IV bezieht, ohne ein Jobangebot bekommen zu haben, gilt gemÀà der statistischen Erhebungsweise der Bundesagentur fĂŒr Arbeit, die ab 2008 eingefĂŒhrt wurde, nicht als arbeitslos.[2]
Folgende Arten von Arbeitslosigkeit werden unterschieden:
Als Sockelarbeitslosigkeit, auch genannt Bodensatzarbeitslosigkeit, wird der Anteil der Arbeitslosigkeit bezeichnet, der selbst unter gĂŒnstigsten konjunkturellen Bedingungen nicht abgebaut werden kann. Dieser besteht aus friktioneller und struktureller Arbeitslosigkeit. Konkret umfasst diese Gruppe von Arbeitslosen also solche, die aufgrund von Qualifikation, Alter, Gesundheitszustand, Wohnort oder mangelndem Arbeitswillen nicht oder zumindest nicht sofort einen Arbeitsplatz finden und annehmen.
Seit 2008 hat sich der Umfang der verfestigten Arbeitslosigkeit in Deutschland gesenkt. Die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit im Hartz-IV-System betrug im August 2011 71,6 Wochen gegenĂŒber 81,4 Wochen im August 2008.[4] Zeichnete sich Deutschland im internationalen Vergleich bis 2007 durch einen sehr hohen Anteil der Sockel- bzw. Langzeitarbeitslosigkeit an der gesamten Arbeitslosigkeit aus (ĂŒber 50 %), so ist es eines der wenigen IndustrielĂ€nder, in denen dieser Anteil bis 2011 gesunken ist. Allerdings liegt er immer noch bei ĂŒber 45 % und wird damit nur von Irland ĂŒbertroffen. In den USA ist er in diesem Zeitraum von ca. 10 % auf ca. 30 % angestiegen.[5] Regional konzentriert sich die verfestigte Arbeitslosigkeit in Deutschland auf sieben Regionen von Nordrhein-Westfalen (von zehn Regionen insgesamt).[6] Niedrig ist die Sockelarbeitslosigkeit vor allem in SchwellenlĂ€ndern.
Der Begriff versteckte oder verdeckte Arbeitslosigkeit bezeichnet den Anteil der Arbeitslosigkeit, der nicht in Statistiken ĂŒber Arbeitslosigkeit erfasst wird. Darunter wird vor allem die stille Reserve verstanden, nĂ€mlich Arbeitslose, die nicht bei den Behörden als arbeitslos registriert sind. Der Grund dafĂŒr kann beispielsweise darin liegen, dass von den Betroffenen eine Meldung bei den Behörden als arbeitslos fĂŒr ĂŒberflĂŒssig gehalten wird, etwa weil sie ohnehin keinen Anspruch auf Leistungen hĂ€tten und weil sie die Vermittlung eines Arbeitsplatzes durch die Behörden als unwahrscheinlich ansehen. HĂ€ufig werden auch Arbeitssuchende in ArbeitsbeschaffungsmaĂnahmen oder in behördlich angeordneten UmschulungsmaĂnahmen, die meist ebenfalls nicht in der Arbeitslosenstatistik erfasst sind, zur versteckten Arbeitslosigkeit gezĂ€hlt. DarĂŒber hinaus kann sich versteckte Arbeitslosigkeit auch darin Ă€uĂern, dass ArbeitskrĂ€fte zwar einen Arbeitsplatz haben, jedoch nicht ausgelastet sind (Siehe auch unten ArbeitsverhĂ€ltnisse in der DDR).[7]
Die rechtliche Definition des Begriffs Arbeitslosigkeit ergibt sich fĂŒr Deutschland aus dem SGB III. Neben der vorĂŒbergehenden BeschĂ€ftigungslosigkeit (also dem Fehlen einer mindestens 15 Wochenstunden umfassenden BeschĂ€ftigung oder selbstĂ€ndigen TĂ€tigkeit) umfasst der Begriff auch noch die Arbeitslosmeldung bei einer Agentur fĂŒr Arbeit. Dritte Voraussetzung ist die aktive Suche nach einer versicherungspflichtigen BeschĂ€ftigung einschlieĂlich der VerfĂŒgbarkeit fĂŒr die VermittlungsbemĂŒhungen der Arbeitsverwaltung.[8]
Da insbesondere die BeschĂ€ftigungslosigkeit in vielen LĂ€ndern anders definiert wird, sind nationale Arbeitslosenstatistiken nur eingeschrĂ€nkt miteinander vergleichbar. Wer beispielsweise in den Niederlanden nur 1 Stunde in der Woche beschĂ€ftigt ist, gilt nicht mehr als arbeitslos. In den meisten europĂ€ischen LĂ€ndern existieren daher zwei Arbeitslosenstatistiken: Eine nach nationaler und eine nach internationaler Definition. (Siehe auch den Artikel Erwerbslose bezĂŒglich des Unterschieds zwischen Erwerbslosenzahl und Arbeitslosenzahl).
Die Messung von Arbeitslosigkeit setzt eine bestimmte Theorie des Arbeitsmarktes voraus. Die dabei gebildeten Messkategorien mĂŒssen auf die Zwecke bezogen gesehen werden, die durch die betreffende statistische Erhebung erfĂŒllt werden soll.[9]
Durch die insbesondere ab dem Jahr 2005 verĂ€nderten ZĂ€hlweisen herrscht bis heute keine völlige Klarheit darĂŒber, wer in Deutschland â nach § 16 SGB III â tatsĂ€chlich als âarbeitslosâ in der Statistik gezĂ€hlt wird und wer nicht. So werden Arbeitslose, die sich gegenwĂ€rtig in einer subventionierten ABM, Arbeitsgelegenheit (z.B. "1-Euro-Job"), Umschulung oder in einem Sprachkurs befinden, nicht mehr als âarbeitslosâ gezĂ€hlt, ebenso wenig wie Altersteilrenter, ĂbergangsgeldempfĂ€nger, ArbeitsunfĂ€hige und Kurzarbeiter sowie nicht registrierte Arbeitslose und Arbeitslose, die nach Sanktionen z. B. keine Leistungen mehr von der BA erhalten. Auch Arbeitslose, die sich als SelbststĂ€ndige nur mit finanzieller UnterstĂŒtzung der BA ĂŒber Wasser halten, fallen heute nicht mehr in die Statistik. Zeitweise wurden auch Menschen aus der sogenannten 58er-Regelung (§ 428 SGB III) nicht mehr erfasst.[10][11]
Eine Studie der Arbeiterkammer vom Mai 2008 kommt zu dem Ergebnis, dass âPersonen mit geringer Qualifikation (d. h. mit maximal Pflichtschulabschluss) ein 2,5-mal höheres Risiko haben, arbeitslos zu werden, als Personen mit weiterfĂŒhrender Ausbildung. Bei Jugendlichen ist dieses Risiko sogar dreimal so groĂ.â[12]
Analysen des SOEP bezĂŒglich der Big Five zeigen, dass Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus in einem starken Zusammenhang mit der Dauer der Arbeitslosigkeit stehen. Gewissenhaftigkeit korreliert negativ mit der Dauer der Arbeitslosigkeit, verkĂŒrzt sie also, Neurotizismus verlĂ€ngert die Dauer der Arbeitslosigkeit. Die Dauer der BeschĂ€ftigung ist wiederum positiv korreliert mit Gewissenhaftigkeit und negativ mit Neurotizismus. FĂŒr Extraversion und VertrĂ€glichkeit konnte kein Zusammenhang festgestellt werden. Offenheit erleichtert die erfolgreiche Jobsuche nur fĂŒr weibliche arbeitslose Arbeiter und Arbeiter mit Migrationshintergrund.[13]
GemÀà neoklassischer Wirtschaftstheorie ist dauerhafte, unfreiwillige Arbeitslosigkeit in einer freien Gesellschaft nicht möglich. Real existierende Arbeitslosigkeit hat ihre Ursache daher in staatlichen MarktbeschrĂ€nkungen. Diese steigern durch Zwangsabgaben fĂŒr staatliche Arbeitslosenkassen, durch Mindestlöhne oder andere gesetzliche Vorschriften die Arbeitskosten und senken so die zahlungsbereite Nachfrage nach ArbeitskrĂ€ften.
Da Arbeitslosigkeit gesamtwirtschaftlich letztlich ein Marktungleichgewicht darstellt, kann nach (neo)klassischer Ansicht dieses idealtypisch nur abgebaut werden, wenn es zu Preissenkungen auf dem Arbeitsmarkt kommt (sich also die Arbeitskosten reduzieren, d. h. Lohn, Lohnnebenkosten, Fixkosten, etc.) oder wenn sich das Arbeitskraftangebot verringert. Vergleiche man verschiedene Zukunftsszenarien, so habe ein Prozent weniger Lohn zwischen 0,5 und 2 Prozent mehr BeschÀftigung zur Folge. Diesen Wert bezeichnet man als die ElastizitÀt der Arbeitsnachfrage.
| BeschÀftigungsgruppe | ElastizitÀt der Arbeitsnachfrage |
|---|---|
| Verarbeitendes Gewerbe in Deutschland | 0,96[14] |
| Verarbeitendes Gewerbe in GroĂbritannien | 1,85[15] |
| Industrie in den USA | 1,92[16] |
So erhöhten sich zum Beispiel die Industriearbeiterlöhne (reale Arbeitskosten je Stunde) von 1982 bis 2002 in den USA um 4 %, in den Niederlanden um 20 % und in Westdeutschland einschlieĂlich Westberlin um 38 %. Entsprechend stieg das geleistete Arbeitsvolumen im gleichen Zeitraum in den USA um 36 % und in den Niederlanden um 24 %, wĂ€hrend es in Westdeutschland nicht stieg. Hierbei sind jedoch die Auswirkungen des in den USA sehr hohen und in Deutschland recht niedrigen Bevölkerungswachstums nicht herausgerechnet. Auch die infolge der deutschen Einheit deutlich gestiegenen Lohnnebenkosten spielen eine Rolle.
Nach den klassischen und neoklassischen Theorien gilt der Preismechanismus als Ausgleich auch auf dem Arbeitsmarkt. Laut den ArbeitgeberverbĂ€nden, die dieser Theorie folgen, mĂŒsste bei einem Ăberangebot an ArbeitskrĂ€ften der Lohn so lange sinken, bis die Nachfrage nach ArbeitskrĂ€ften zugenommen hat, das heiĂt bis Angebot und Nachfrage ĂŒbereinstimmen. Eine ĂberprĂŒfung der These ist nur durch Vergleich von Lohnniveau und Arbeitslosigkeit im Binnenmarkt der EU (also den EU-Staaten ohne den BeitrittslĂ€ndern) bei Eliminierung des Einflusses der Binnenkaufkraft und der Arbeitszeit möglich. Diese Zahlen sind dann allerdings noch vor dem Hintergrund der Migration zu bewerten (d. h. in den EU-Staaten, in denen das Lohnniveau niedrig ist besteht Abwanderung, was die Arbeitslosigkeit scheinbar senkt).
Allerdings werden aus angebotsorientierter Sicht nicht nur allein die Löhne bzw. die Lohnkosten fĂŒr die Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht. Auch staatlichen Marktregulierungen sagt man nach, sie können einen Ausgleich auf dem Arbeitsmarkt verhindern, indem sie z. B. das Entstehen neuer Unternehmen â etwa im Dienstleistungssektor â an Stelle schrumpfender Branchen, also den Strukturwandel behindern. Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt können auch unmittelbar die Schaffung von ArbeitsplĂ€tzen behindern.
Neoklassische Empfehlungen zur BekÀmpfung von Arbeitslosigkeit sind:
Dagegen fĂŒhrt die keynesianische Wirtschaftstheorie die Arbeitslosigkeit bzw. einen Teil der Arbeitslosigkeit auf mangelnde Nachfrage (nach GĂŒtern und Dienstleistungen) zurĂŒck. Als BegrĂŒndung wird gesagt, dass die Löhne und GehĂ€lter der BeschĂ€ftigten nicht nur als Kosten der Einzelunternehmer zu sehen sind sondern auch als Kaufkraft wirken. Damit ignoriert die keynesianischer Auffassung nicht die Einkommenshöhe als Wirkung auf die Kaufkraft. Darum weisen keynesianische Theoretiker (anders als die neoklassische Sichtweise) darauf hin, dass die Forderung nach geringeren Löhnen eine Reduzierung der realen Kaufkraft der Massenkaufkraft darstellt.[17] Deshalb bedĂŒrfte die Realisierung einer solchen Forderung eines Ausgleichs des Massenkaufkraftschwundes durch eine Zunahme des Konsums der privaten Haushalte der Unternehmer oder eine Ausweitung des Exports.
Die im Einzelfall zutreffende stillschweigende Annahme, dass die Gesamtnachfrage unverĂ€ndert bleibt, ist nicht mehr gĂŒltig, wenn alle Arbeiter einen niedrigeren Lohn akzeptieren; denn dann sinkt als erstes die Lohn- und die Gehaltssumme und die KonsumgĂŒternachfrage der Arbeitnehmerhaushalte dĂŒrfte (in einem ersten Schritt) zurĂŒckgehen. Allein die Senkung der Löhne ergibt also noch keine Neuanstellung. Je nach Reduktion des Preisniveaus und des Zinssatzes wird auĂerdem die InvestitionsgĂŒternachfrage beeinflusst. Auch eine Deflation ist bei einem Absinken des allgemeinen Preisniveaus nicht auszuschlieĂen.
Daneben fĂŒhren keynesianische Wirtschaftswissenschaftler eine Reihe weiterer Argumente an:
Die Gewerkschaften haben lange Zeit das Ziel verfolgt, auf dem Arbeitsmarkt den Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage durch eine Umverteilung der vorhandenen Arbeit (mittels ArbeitszeitverkĂŒrzung, Förderung von Teilzeitarbeit etc.) zu erreichen. Auch die Politik versuchte in den 1990er Jahren, ĂŒber FrĂŒhverrentung der Jugendarbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Allerdings wurden die frĂŒhverrenteten Arbeitnehmer teilweise nicht ersetzt, wodurch die Sozialversicherungen in eine problematische Situation gerieten.
Kritiker aus dem arbeitgebernahen Lager halten dieser Politik vor, dass sie Arbeit wie ein hedonistisches Gut behandeln, mit der Folge einer Aushöhlung der Arbeitsethik und der Arbeitsmotivation. FĂŒr die Arbeitsethik sei konstitutiv, dass ihr eine sinnvolle Aufgabe zugrunde liege und dass die Lösung dieser Aufgabe mit der Ăberwindung innerer wie Ă€uĂerer WiderstĂ€nde verbunden sei, sprich Anstrengung und MĂŒhe koste. Erwerbsarbeit habe klassischerweise eine Berechtigung zum Konsum von GĂŒtern verschafft. Wenn nun die Erwerbsarbeit selbst wie ein hedonistisches Gut behandelt werde, das folglich gerecht zu verteilen sei, dann könne der ErwerbstĂ€tige nicht mehr stolz auf seine Arbeitsleistung sein und daraus sein SelbstwertgefĂŒhl beziehen, sondern mĂŒsse nun umgekehrt fĂŒr die Tatsache dankbar sein, dass er arbeiten darf. Bei einer Politik der Umverteilung der Arbeit wĂŒrde darĂŒber hinaus, so die Kritiker, die Arbeitszeit nicht davon abhĂ€ngig gemacht, was einer zu lösenden Aufgabe und demjenigen, der sie zu lösen hat, entspricht, sondern starr eine niedrige Arbeitszeit durchgesetzt.
Arbeitslosigkeit entsteht durch einen Mangel (temporĂ€re, konjunkturell usw.) an effektiver Nachfrage, weshalb z. B. der Keynesianismus eine antizyklische Fiskalpolitik zur Verhinderung temporĂ€ren Nachfragemangels empfiehlt, wĂ€hrend im Gegensatz dazu die Ăsterreichische Schule die Nachfrage durch Steuersenkungen ankurbeln will. Verschiedentlich wird fehlende Nachfrage auch langfristig, z. B. aufgrund von SĂ€ttigung, fĂŒr Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht. Allerdings lĂ€sst sich eine generelle, gesamtwirtschaftliche SĂ€ttigung nicht ĂŒberzeugend begrĂŒnden, weil ja gerade unfreiwillige Arbeitslosigkeit mit nicht befriedigten KonsumwĂŒnschen einhergeht, die dazu fĂŒhrt, dass das gesamtwirtschaftliche Produktionspotential nicht voll ausgelastet ist. Deswegen wird von einer Falle gesprochen, da einerseits die Bezieher hoher Einkommen ihren Konsum kaum steigern (d. h. erheblich sparen) und andererseits die Bezieher niedriger Einkommen ihre KonsumwĂŒnsche nicht befriedigen können (und sich deshalb oft verschulden)[17][18]
Konjunkturelle Arbeitslosigkeit wird durch einen temporĂ€ren Nachfragemangel wĂ€hrend Rezessionen hervorgerufen. Um solche Situationen zu vermeiden, versuchte die Politik durch staatliche Ausgabenprogramme im Rahmen einer keynesianischen antizyklischen Fiskalpolitik den Nachfrageausfall auszugleichen. Dieser Ansatz scheiterte nach Meinung einiger Ăkonomen in den siebziger Jahren aber u. a. daran, dass die Politiker nicht in der Lage waren, die Ausgabenprogramme zu beenden, wenn sich die konjunkturelle Lage wieder besserte. LĂ€ge das Grundproblem in dem zu hohen Lohnniveau oder in der zu geringen FlexibilitĂ€t des Arbeitsmarktes, so wĂ€ren Ausgabenprogramme auch nicht ursachenadĂ€quat.
Zudem muss nach Auffassung vieler Wirtschaftswissenschaftler berĂŒcksichtigt werden, dass der Keynesianismus in Situationen mit Nachfrageausfall, wie er etwa beim schwarzen Freitag im Jahr 1929 auftrat, durchaus seine Berechtigung hat. Sei jedoch eher die Angebotsseite fĂŒr die Arbeitslosigkeit verantwortlich, wie bei zu hohen Steuern und Löhnen, so wĂ€re die Ausweitung der staatlichen Nachfragen kontraproduktiv.
Weiteren Aufschluss ĂŒber die Ursachen von Arbeitslosigkeit gibt die Beveridge-Kurve.
MaĂnahmen zur BekĂ€mpfung der Arbeitslosigkeit sollen an deren Ursachen ansetzen. Soweit Löhne rigide sind, fand seit den fĂŒnfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Idee groĂe Verbreitung, dass eine höhere Inflation helfen könne, die Arbeitslosigkeit zu senken. Steigen die Löhne langsamer als die Inflationsrate, kĂ€me es zwar weiter zu NominallohnzuwĂ€chsen, aber zu einem ReallohnrĂŒckgang, womit die LohnrigiditĂ€t aufgelöst wĂŒrde (sog. Phillips-Kurve). (Zitat von Helmut Schmidt und von Bruno Kreisky Mitte der siebziger Jahre: âLieber fĂŒnf Prozent Inflation als fĂŒnf Prozent Arbeitslosigkeitâ).
Lange Zeit versuchte man, Arbeitslosigkeit zu bekĂ€mpfen, indem man das Potenzial an ArbeitskrĂ€ften (das Erwerbspersonenpotenzial) verringerte, z. B. durch eine VerlĂ€ngerung der Schulzeit (so geschehen in Deutschland in den siebziger Jahren), FrĂŒhverrentung und Vorruhestand, sowie â z. B. in den Niederlanden â einer groĂzĂŒgigen Regelung bei der InvaliditĂ€t. Auf Dauer erwiesen sich diese MaĂnahmen aber als zu teuer, da FrĂŒhrentner und Invaliden aus den Sozialkassen bezahlt werden, die sich durch BeitrĂ€ge der Arbeitnehmer finanzieren. Ein weiterer Ansatzpunkt war die Förderung der TeilzeitbeschĂ€ftigung.
Nach marxistischer Auffassung ist gesellschaftliche Arbeitslosigkeit fĂŒr den Kapitalismus notwendig und stellt eine seiner notwendigen Begleiterscheinungen dar. Sie entsteht durch den Zwang der Erzielung von Maximalen Mehrwert. Aus diesem Grund wird bei Lohnsenkung keine zusĂ€tzliche Arbeit gekauft, wenn die vorhandene fĂŒr die Produktion ausreicht. Das Arbeitsvolumen ist dabei abhĂ€ngig von verschiedenen Faktoren wie der Zahl der ArbeitskrĂ€fte und der Arbeitszeit. Nach Marx erhĂ€lt ein Arbeiter lediglich die fĂŒr seine Reproduktion notwendige VergĂŒtung. Deshalb kann es sinnvoll sein, einen Teil der Arbeiter sehr viel arbeiten zu lassen und einen anderen Teil aus dem Produktionsprozess auszustoĂen. Aus einer ungleichmĂ€Ăigen Verteilung der Senkung des Arbeitsvolumens folgt also eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit.
Sie bilden die âindustrielle Reservearmeeâ[19] , auf die das Kapital jederzeit zugreifen kann, wenn sie sie benötigt: âEs ist daher ebenso sehr Tendenz des Kapitals die arbeitende Bevölkerung zu vermehren, wie einen Teil derselben bestĂ€ndig als Ăberschussbevölkerung â Bevölkerung, die zunĂ€chst nutzlos ist, bis das Kapital sie verwerten kannâ[20]. Allerdings lĂ€sst sich aus dieser Theorie keine Aussage ĂŒber die notwendige oder tatsĂ€chliche Höhe der Arbeitslosigkeit herleiten oder ob VollbeschĂ€ftigung möglich wĂ€re, wenn man dies zulieĂe.
Die Konkurrenz der Einzelkapitalien untereinander zwingt die Einzelkapitale, ihre Produktivkraft zu steigern: âDie gröĂere ProduktivitĂ€t der Arbeit drĂŒckt sich darin aus, dass das Kapital weniger notwendige Arbeit zu kaufen hat, um denselben Wert und gröĂere Mengen von Gebrauchswerten zu schaffen, oder dass geringere notwendige Arbeit denselben Tauschwert schafft, mehr Material verwertet, und eine gröĂere Masse Gebrauchswerte. ... Es erscheint dies zugleich so, dass eine geringere Menge Arbeit eine gröĂere Menge Kapital in Bewegung setzt.â[21] Rationalisierung bzw. Disziplinierung im Arbeitssektor[22] und technischer Fortschritt ermöglichen das: âDie im Lauf der normalen Akkumulation gebildeten Zusatzkapitale dienen vorzugsweise als Vehikel zur Ausbeutung neuer Erfindungen und Entdeckungen, ĂŒberhaupt industrieller Vervollkommnungen. Aber auch das alte Kapital erreicht mit der Zeit den Moment, wo es sich eine technisch modernisierte Form gibt, worin eine geringere Masse Arbeit genĂŒgte, eine gröĂere Masse Maschinerie und Rohstoffe in Bewegung zu setzen. Die hieraus notwendig folgende absolute Abnahme der Nachfrage nach Arbeit wird selbstredend umso gröĂer, je mehr die diesen Erneuerungsprozess durchmachenden Kapitale bereits zu Massen angehĂ€uft sind ... Einerseits zieht also das im Fortgang der Akkumulation gebildete Zuschusskapital, verhĂ€ltnismĂ€Ăig zu seiner GröĂe, weniger und weniger Arbeiter an. Andererseits stöĂt das periodisch in neuer Zusammensetzung reproduzierte alte Kapital mehr und mehr frĂŒher von ihm beschĂ€ftigte Arbeiter aus.â[23] âIm selben VerhĂ€ltnis daher, wie sich die kapitalistische Produktion entwickelt, entwickelt sich die Möglichkeit einer relativ ĂberzĂ€hligen Arbeiterbevölkerung, nicht weil die Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit abnimmt, sondern weil sie zunimmt, also nicht aus einem absoluten MissverhĂ€ltnis zwischen Arbeit und Existenzmitteln oder Mitteln zur Produktion dieser Existenzmittel, sondern aus einem MissverhĂ€ltnis, entspringend aus der kapitalistischen Ausbeutung der Arbeit, dem MissverhĂ€ltnis zwischen dem steigenden Wachstum des Kapitals und seinem relativ abnehmenden BedĂŒrfnis nach wachsender Bevölkerung.â[24]
Im Kapitalismus ist also eine âpermanente scheinbare ArbeiterĂŒbervölkerung.â[25] systemimmanent, denn der Widerspruch im Kapitalismus, dass das Kapital möglichst viel Arbeit braucht, um möglichst viel zu produzieren (also einen stĂ€ndigen Zugriff auf Arbeit haben muss) und zugleich möglichst wenig Arbeit kaufen muss. Die industrielle Reservearmee stellt bei Marx - im Unterschied zu Malthus, gegen den Marx heftig polemisiert - keine âabsoluteâ, d.h. demographisch begrĂŒndete Ăberbevölkerung dar; es handle sich bei ihr vielmehr um eine Ăberbevölkerung relativ zu den momentanen BedĂŒrfnissen der kapitalistischen Ausbeutung. In der Periode des Aufschwungs nehme die industrielle Reservearmee ab, in Krisenzeiten oder Flauten steige sie dagegen stark an. Auf lange Sicht wachse jedoch âdie Arbeiterbevölkerung stets rascher [...] als das VerwertungsbedĂŒrfnis des Kapitalsâ[26], was Marx auch als das âGesetz der progressiven Abnahme der relativer GröĂe des variablen Kapitalsâ[27] bezeichnet.
Die Arbeitslosen bilden auĂerdem ein Druckmittel gegen die Arbeitenden, indem sie zur Konkurrenz fĂŒr die arbeitende Bevölkerung werden. Sie können beispielsweise an Stelle von Streikenden eingestellt werden. [28]
Im Kapitalismus gilt nach Marx: Je gröĂer der Reichtum, je höher die Produktivkraft, desto höher die Arbeitslosigkeit:âJe gröĂer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute GröĂe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto gröĂer die Arbeitslosenarmee. Die ĂŒberall einsetzbare Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhĂ€ltnismĂ€Ăige GröĂe der industriellen Reservearmee wĂ€chst also mit den Potenzen des Reichtums. Je gröĂer aber diese Arbeitslosenarmee im VerhĂ€ltnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die chronische Arbeiter-Ăbervölkerung, deren Elend im umgekehrten VerhĂ€ltnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je gröĂer endlich die Armen-schicht in der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto gröĂer die offizielle Zahl der Armen. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.â[29]
âEs liegt in der Natur des Kapitals, einen Teil der Arbeiterbevölkerung zu ĂŒberarbeiten und einen anderen zu verarmen.â[30]
HĂ€ufig als Ursachen der Arbeitslosigkeit genannt werden der weltweite Wettbewerb zwischen ArbeitskrĂ€ften, das Outsourcing oder die Globalisierung im Allgemeinen, bzw. der technische Fortschritt. Einige Reformer vertreten die These, dass ein wesentlicher struktureller Grund fĂŒr die Massenarbeitslosigkeit im technischen Fortschritt liege, der den Bedarf nach lebendiger menschlicher Arbeitskraft drastisch gesenkt habe und weiter senken werde. Die Zeiten, in denen die Zahl der bei einem Konjunkturaufschwung neugeschaffenen ArbeitsplĂ€tze gröĂer war als die Zahl der zuvor durch Rationalisierungen vernichteten ArbeitsplĂ€tze (oder zumindest gleich groĂ), sei seit Mitte der siebziger Jahre bzw. seit dem Ende des klassischen Industriezeitalters, das von arbeitsintensiven Industrien geprĂ€gt war, endgĂŒltig vorbei. NaturwĂŒchsig wĂŒrde die Zahl der ArbeitsplĂ€tze seit dieser Zeit unter dem Strich sinken. Zugunsten dieser These lĂ€sst sich unter anderem der statistische Indikator anfĂŒhren, dass das Arbeitsvolumen seit Mitte der 1970er Jahre, in denen die Automatisierung und die Informationstechnologie groĂe Fortschritte machten[31] (sogenannte Digitale Revolution), trotz parallel deutlich steigender Wertschöpfung tatsĂ€chlich kontinuierlich gefallen ist. Das Arbeitsvolumen pro Kopf in Deutschland ist zwischen 1960 und 2010 um 30 Prozent gefallen.[32]
Insbesondere aber der Umstand, dass Erwerbsarbeit gesellschaftlich zunehmend als ein Selbstzweck behandelt wird, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Arbeitsgesellschaft grundlegend in die Krise geraten ist und dass die Krise vor allem darin besteht, sich von Erwerbsarbeit als Normalmodell der gesellschaftlichen Existenz in der Moderne nicht verabschieden zu können. In der Tat wird der Erwerbsarbeit politisch auf verschiedene Weise unter die Arme gegriffen, etwa durch Absenkung der Lohnnebenkosten, was auf eine Subventionierung der Erwerbsarbeit bzw. lebendiger menschlicher Arbeitskraft gegenĂŒber Maschinenlösungen hinauslĂ€uft. In zahlreichen Branchen (auch im Dienstleistungssektor) schlummern zudem groĂe Rationalisierungspotentiale, die von den Unternehmern deswegen nicht voll ausgeschöpft werden können, weil sie zugleich immer noch an die Rolle des Arbeitgebers gebunden seien. Sie mĂŒssen mit der Nutzung von Rationalisierungspotentialen defensiv warten, bis sie der Ăffentlichkeit plausibel machen können, dass ohne Rationalisierungen die Unternehmensexistenz auf dem Spiel steht.
Nach Auffassung des US-Ăkonomen Jeremy Rifkin wird durch die digitale Revolution langfristig die Arbeit verschwinden[33]:
âLangfristig wird die Arbeit verschwinden. [âŠ] Wir sind mitten in einer UmwĂ€lzung, die die industrielle Revolution noch ĂŒbertrifft. [âŠ] die Computer und Informationstechnik von heute machen immer mehr Menschen ganz ĂŒberflĂŒssig. Selbst die billigste menschliche Arbeitskraft ist teurer als die Maschine.â
Richard Buckminster Fuller stellte in seinem Buch Critical Path (1981) fest: Arbeitslosigkeit beruhe unmittelbar auf der technischen Möglichkeit einer Ephemerisierung. Ăhnlich Ă€uĂert sich Norbert Wiener, ein MitbegrĂŒnder der Kybernetik, der 1947 darauf hinwies, dass der Fortschritt in der Computertechnik Massenarbeitslosigkeit auslösen werde.
Der französische Sozialphilosoph AndrĂ© Gorz meint ebenfalls, dass seit Jahrhunderten immer mehr Arbeiten durch Maschinen ĂŒbernommen werden. Der dadurch bewirkte Anstieg der ProduktivitĂ€t fĂŒhre dazu, dass selbst bei zunehmender Produktion weniger menschliche Arbeitskraft benötigt wird. Die Vorstellung von VollbeschĂ€ftigung werde zur Illusion. Deshalb befĂŒrwortet Gorz ein Grundeinkommen, welches ermöglicht, zu leben, ohne zu arbeiten. Jeder Mensch erhalte eine monetĂ€re Grundlage, sich selbst zu verwirklichen.
â Hauptartikel: Arbeitsmarktpolitik
WĂ€hrend Marktwirtschaften mal niedrigere, mal höhere Arbeitslosigkeit aufweisen, herrschte in den zentralen Verwaltungswirtschaften vor der Wende VollbeschĂ€ftigung. Diese VollbeschĂ€ftigung wurde von verschiedenen Wissenschaftlern angezweifelt mit dem Hinweis, dass einige der BeschĂ€ftigten âeigentlichâ volkswirtschaftlich nicht benötigt waren bzw. die Arbeitszeit nicht voll ausgefĂŒllt wĂŒrde. Dabei muss berĂŒcksichtigt werden, dass VollbeschĂ€ftigung politische PrioritĂ€t genoss und das Recht auf Arbeit in der Verfassung zugesichert wurde (Artikel 24). Damit lĂ€sst sich eine reine marktwirtschaftliche Betrachtung der VerhĂ€ltnisse nur beschrĂ€nkt realisieren, gibt aber Hinweise fĂŒr die Beseitigung der Arbeitslosigkeit: Da bei marktwirtschaftlicher Betrachtung vorausgesetzt wurde, dass die Arbeitszeit nicht vollstĂ€ndig mit Produktionsverrichtung ausgefĂŒllt wurde, hĂ€tte die Arbeitszeit kĂŒrzer sein können, wenn die Arbeitszeit um die ungenutzte Zeit verkĂŒrzt worden wĂ€re. An den Kosten, Preisen und Löhnen hĂ€tte sich dadurch nichts geĂ€ndert.
Im FrĂŒhjahr 1990 â vor der Wiedervereinigung â befasste sich das Ifo Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung e.V. mit der ProduktivitĂ€t in der DDR und veröffentlichte seine Untersuchungen unter dem Titel âVerdeckte Arbeitslosigkeit in der DDRâ. In der Studie werden die erhobenen Daten als statistisch nicht gesichert bezeichnet (Seite 1). Aus den verwendeten Daten wurde geschlussfolgert, dass die Arbeitszeit nicht voll ausgenutzt wurde (zu 15 % bis 30 %). Dieses wurde so gedeutet, dass in der DDR bei unverĂ€nderter Arbeitszeit gemessen an den MaĂstĂ€ben einer Marktwirtschaft âeigentlichâ eine Arbeitslosenquote von eben diesen 15 % bis 30 % geherrscht hĂ€tte. Nach 1990 fortbestehende GroĂbetriebe reduzierten ihre Belegschaft nicht selten um 90 %, was aber vor allem dem Nachfrageeinbruch zuzuschreiben war, den der Wegfall ihrer bisherigen Handelspartner in den sozialistischen LĂ€ndern verursachte.
Ein weiterer Aspekt sind die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Arbeitslosigkeit. Die Gesamtaufwendung fĂŒr die UnterstĂŒtzung von Arbeitslosen durch die Bundesagentur fĂŒr Arbeit, deren UnterstĂŒtzung durch den Bundeshaushalt sowie die Ausgaben fĂŒr die Grundsicherung sollen 2010 (Stand:13. November 2009) etwa 95.18 Mrd. ⏠betragen. Dieser Betrag setzt sich aus den Leistungen der Bundesagentur fĂŒr Arbeit (54.08 Mrd. âŹ) sowie den Aufwendungen aus dem Bundeshaushalt zur Grundsicherung (41.1 Mrd. âŹ) zusammen. ZusĂ€tzlich muss die Bundesagentur fĂŒr Arbeit mit 16 Mrd. ⏠durch den Bundeshaushalt bezuschusst werden.[34][35] Die oben genannten Zahlen sind PlanungsentwĂŒrfe der zustĂ€ndigen Stellen aus dem Jahre 2009, aufgrund des sehr positiven ersten Halbjahres 2010 ist von einer Senkung der tatsĂ€chlichen Kosten auszugehen, da verbesserte Konjunkturaussichten und sinkende Arbeitslosenzahlen den Finanzbedarf schrumpfen lassen.
Auch die OpportunitĂ€tskosten des entgangenen Nutzens, welche durch Arbeitslosigkeit entstehen, mĂŒssen berĂŒcksichtigt werden. Denn jeder Erwerbslose könnte â ArbeitsplĂ€tze vorausgesetzt â mit seiner Arbeitskraft zur Erhöhung der volkswirtschaftlichen Einnahmen beitragen. Das Produktionspotenzial, als auch das Bruttoinlandsprodukt könnte also wesentlich höher sein. Somit ist jeder weitere Erwerbslose eine doppelte Belastung, einerseits trĂ€gt dieser nicht mehr zur Finanzierung der SozialbeitrĂ€ge (Pflegeversicherung, Rentenkasse, etc.) bei, andererseits bezieht er diese Leistungen ab dem Zeitpunkt der Erwerbslosigkeit.
Hohe Arbeitslosigkeit kann die politische StabilitĂ€t eines Landes und seiner Gesellschaft vermindern. Negative EinflĂŒsse sind u.a. zunehmende Sozialkosten und dadurch höherer Steuerdruck, teilweise abnehmende SolidaritĂ€t der Gesellschafts- und Bildungsschichten und gewisser Zuwachs fĂŒr politischen Extremismus.
Mögliche individuelle Folgen der Arbeitslosigkeit, insbesondere der Langzeitarbeitslosigkeit, sind psychische und gesundheitliche Probleme, Entqualifizierung (Entwertung der bisher erlangten Qualifizierung), gesellschaftlich-kulturelle Isolation und Verarmung. In vielen FÀllen wirkt sich das auch auf die folgenden Generationen aus, denn die Kinder von Arbeitslosen haben schlechtere Chancen geistig und körperlich gesund aufzuwachsen.[36]
Arbeit ist fĂŒr viele Menschen ein psychosozialer Stabilisierungsfaktor und regelt Tagesstruktur und das soziale Umfeld. WĂ€hrend in Ă€rmeren LĂ€ndern bei Arbeitslosigkeit auch heute noch die materielle Not im Vordergrund steht, sind es nach Meinung von Politikern in der Bundesrepublik Deutschland heute vor allem die psychosozialen Auswirkungen der Arbeitslosigkeit. Allerdings wird beklagt, dass sich die materielle Situation in Deutschland in jĂŒngster Zeit wieder verschlechtert habe.[37][38]
Zu den potenziellen psychischen Folgen zĂ€hlen Hoffnungslosigkeit, Selbstzweifel und Resignation. Da der persönliche Erfolg und die soziale Anerkennung stark von beruflichen Leistungen abhĂ€ngen, fehlt dem Arbeitslosen die BestĂ€tigung seiner Umwelt. DarĂŒber hinaus wird kritisiert, dass infolge von Seiten der Politik in den Medien ausgetragenen âFaulheitsdebattenâ ein Klima entstanden sei, das die Diskriminierung von Arbeitslosen begĂŒnstige.
StÀrker betroffen sind Àltere Arbeitslose, die jahrelang an eine feste Arbeitsstruktur gewöhnt waren und alleinstehende MÀnner, die zu vermehrter Isolation neigen. Folgen können Depressionen, Suchterkrankungen und eine durch Hoffnungslosigkeit und Lebensunlust erhöhte Suizidneigung sein. So kann es zum Abbruch von sozialen Kontakten kommen. Gerade bei Jugendlichen ist Arbeitslosigkeit bedenklich, da ihnen so ein Mittel zur IdentitÀtsentwicklung fehlt.
Hohe Arbeitslosigkeit kann sich auch auf die ArbeitskrÀfte auswirken, die Arbeit haben. Die Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes erzeugt einen starken psychischen Druck. Daher werden ArbeitsplÀtze wegen des damit verbundenen Risikos auch seltener gewechselt und man verharrt in einer sicheren TÀtigkeit, selbst wenn diese einen (z. B. infolge Mobbing) krank und depressiv macht.[39]
Das Robert-Koch-Institut stellte fest, dass arbeitslose Menschen einen schlechteren Gesundheitszustand haben als BerufstÀtige:
Auch das gesundheitsbewusste Verhalten ist geringer, wobei sich hier ein geschlechtsspezifischer Unterschied zeigt, wie das Beispiel Rauchen verdeutlicht:
Die Auswertung aktueller Krankenkassendaten zeigt:
Allerdings ist in Studien dieser Art die KausalitÀt oft unsicher. So wurde von Befragten auch angegeben, dass die Arbeitslosigkeit durch ihre bereits eingeschrÀnkte Gesundheit hervorgerufen wurde[41] oder dass die GesundheitsschÀden bereits durch Erwerbsarbeit entstanden.
Bei Personen mit mehr als 2 Jahren Arbeitslosigkeit steigt das Sterblichkeitsrisiko auf das 3,8 fache gegenĂŒber in BeschĂ€ftigung stehenden Menschen. Unter Arbeitslosigkeit leidet die Psyche oft stĂ€rker als der Körper.[42]
Andere Studien zeigen, dass Frauen unter gesundheitlichen Aspekten Folgen von Arbeitslosigkeit besser bewĂ€ltigen als MĂ€nner.[43] So zeigt sich auch in Westdeutschland die höchste Lebenserwartung bei Frauen, die mindestens einen Monat Anrechnungszeit fĂŒr Arbeitslosigkeit oder Krankheit hatten. FĂŒr Frauen gibt es neben der ErwerbstĂ€tigkeit andere positive Alternativen zur Lebensgestaltung, sodass Zeiten der Arbeitslosigkeit sich nicht negativ auf die Gesundheit und somit auf die Lebenserwartung auswirken mĂŒssen. Weiterhin fallen Phasen der Arbeitslosigkeit bei Frauen oft zeitnah mit Schwangerschafts- und Erziehungszeiten zusammen, sodass die Zeiten der Arbeitslosigkeit in einen âpositivenâ Kontext fallen.[44]
Kinder arbeitsloser Eltern sind in ihrer Intelligenzentwicklung und ihrer sprachlichen Entwicklung benachteiligt[45] Sie reagieren auf die Arbeitslosigkeit hÀufig mit Entmutigung und Resignation, Verschlechterung der Konzentration[46], VerhaltenauffÀlligkeiten und emotionaler InstabilitÀt.[47]
Siehe auch: Soziale Ungleichheit der Gesundheitschancen
Arbeitslosigkeit der Eltern verschlechtert die Bildungschancen der Kinder. Allerdings hat Arbeitslosigkeit fast nur bei wenig gebildeten Eltern negative Konsequenzen. Wichtiger ist das kulturelle Kapital. Gebildetere Eltern sind offensichtlich besser in der Lage, die damit einhergehenden Probleme zu kompensieren.[48]
Untersuchungen: