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Liberale Theologie ist eine im 19. Jahrhundert beginnende, breite (aber in sich nicht einheitliche) theologische Strömung vor allem im evangelischen Christentum.
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Liberale Theologie verfolgt das Ziel, die Theologie auf der Grundlage von humanistischen und geisteswissenschaftlichen Grundlagen zu betreiben, und dadurch unabhängiger von Dogmen, kirchlichen Traditionen und Glaubensinhalten zu sein. Die Säkularisierung ursprünglich religiöser Inhalte und die Auflösung von „Kirche“ in die Kultur der „Welt“ hinein wird von vielen liberalen Theologen als Jesus gemäß bezeichnet und begrüßt. Allerdings fühlen sich viele liberale Christen nicht an die liberale Theologie gebunden, sondern vertreten eine eher individualistische Auslegung der Bibel. Wilhelm Gräb definiert Liberale Theologie als Glaubensform, in der jeder die Freiheit hat, wie er seinen Glauben ausdrückt und welche Konsequenzen er daraus in seiner Lebenspraxis zieht[1].
Die Bezeichnung liberale Theologie geht zurück auf Johann Salomo Semlers „Institutio ad doctrinam Christianam liberaliter discendam“ und wurde schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich. Der Katholizismus hat liberalen Tendenzen bis in die 1950er Jahre hinein heftigen Widerstand entgegengesetzt. In abgeschwächter Form hat jedoch auch eine Strömung katholischer Theologie eine liberal-theologische Deutung der Ergebnisse des II. Vatikanum unternommen, die jedoch im Papsttum keinen Rückhalt fand (Credo des Gottesvolkes, 1968). Innerhalb des Protestantismus sind die Anhänger der liberalen Theologie vornehmlich in westeuropäischen Landeskirchen und in Mainline Churches zu finden.
Die liberale Theologie ist vielgestaltig und lässt sich auf unterschiedliche philosophische Strömungen wie Aufklärung und Idealismus zurückführen, wo bereits einige ihrer Positionen vertreten wurden, z.B. von Jean-Jacques Rousseau, Gotthold Ephraim Lessing, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Hermann Samuel Reimarus.
Wesentliche Forschungsgebiete der liberalen Theologie sind Exegese (Literarkritik, historisch-kritische Exegese) und Kirchengeschichte, insbesondere die geschichtliche Erforschung des Lebens Jesu, wobei Jesus weniger im Sinne der traditionellen kirchlichen Christologie als Gottmensch Christus und Weltenrichter gesehen wurde, der mit seinem Tod am Kreuz die Sünden der Welt gesühnt hat, sondern eher als "Lehrer des Reiches Gottes, der Moral und Religiosität". Die verschiedenen Versuche liberaler Theologen des 19. Jahrhunderts, mit Hilfe von philologisch-textkritischen und historischen Methoden den wirklichen "historischen Jesus" anhand der Evangelien zu rekonstruieren, erbrachten jedoch sehr uneinheitliche Resultate, wie der liberale Theologe Albert Schweitzer in seiner berühmt gewordenen Habilitationsschrift über die Leben-Jesu-Forschung feststellte. Gemeinsame Basis heutiger liberaler Theologie bleibt jedoch weiterhin, dass Jesus selbstverständlich keine Kirche gegründet habe.
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Häufig berufen sich liberale Theologen auf die Erkenntnisse der Aufklärung bzw. andere gegenwärtige Weltanschauungen. So wird unter anderem dem Zitat von Immanuel Kant axiomatische Funktion beigemessen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Kritiker halten dagegen, dass die Evangelien ein gänzlich anderes Konzept von Schuld und Erlösung formulieren. Kritikern zufolge wird der Glaube in liberalem Verständnis nur noch als Mittel der Selbstvervollkommnung gedeutet. Jedes theistische Konzept von Religion beruht demgegenüber aber auf der Überzeugung, dass es Gott zustehe, Gehorsam zu verlangen. Der Begriff des "Gehorsams" ist jedoch bereits innerhalb der traditionellen christlichen Konfessionen umstritten: So deutet z.B. das traditionelle Luthertum die "guten Werke" des Gläubigen als unreflektierte Früchte des rechten Glaubens, die sich ohne bewussten Willen im Sinne eines zielgerichteten "Gehorsams" bei wahrhaftem Glauben an das christliche Credo von selbst einstellten, während die Idee eines bewusst-reflektierenden Gehorsams im Sinne zielgerichteter Gesetzeserfüllung eher eine Glaubensvariante calvinistischer und freikirchlicher Gruppen darstellt, die vom Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts beeinflusst sind. Das "Einstellen guter Früchte" bei rechtem Glauben wird auch von der Mehrheit der liberalen Theologen aber nicht in Abrede gestellt.
Der größte protestantische Kritiker des theologischen Liberalismus war im 20. Jahrhundert Karl Barth. Im 19. Jahrhundert sind der englische Konvertit John Henry Newman und der deutsche Lutheraner Wilhelm Löhe als weitere Gegner zu nennen. Ihnen gemeinsam ist die Überzeugung, es gebe kein Christentum ohne sichtbar sakramentale Kirche und keine Kirche ohne verbindende Bekenntnisgrundlage. Der Verzicht darauf sei nur Schwärmerei. Dieser Vorwurf entbehrt jedoch nicht der Polemik, da er indirekt voraussetzt, die Mehrheit der liberalen Theologen verträte eine Lehre, die angeblich auf das christliche Credo (Nicäno-Konstantinopolitanum) sowie auf liturgische Sakramente (z.B. Taufe und Abendmahl) gänzlich oder doch wenigstens zum Teil verzichten wolle. Dies ist aber bei den meisten liberalen Theologen des 19. und 20. Jahrhunderts keineswegs der Fall.