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Louis âDavidâ Riel (luËi ÊiËËÉl; * 22. Oktober 1844 in der Red-River-Kolonie; â 16. November 1885 in Regina) war ein kanadischer Rebell und Politiker. Er war MitbegrĂŒnder der Provinz Manitoba und eine FĂŒhrungspersönlichkeit der MĂ©tis. Riel fĂŒhrte in der kanadischen PrĂ€rie zwei AufstĂ€nde gegen die Bundesregierung unter Premierminister John Macdonald an. Er strebte danach, Rechte und Kultur seines Volkes, der MĂ©tis, zu bewahren, deren Heimat, die zuvor von der Hudsonâs Bay Company verwaltet worden war, 1869 vom kanadischen Bundesstaat gekauft wurde und zunehmend unter anglo-kanadischen Siedlungsdruck geriet.
WĂ€hrend der Red-River-Rebellion von 1869/70 fĂŒhrte Riel in der Red-River-Kolonie eine provisorische Regierung. Diese handelte die Bedingungen des Manitoba Act aus, unter denen die heutige Provinz Manitoba innerhalb der Kanadischen Konföderation auf dem Gebiet der damaligen Nordwest-Territorien gegrĂŒndet wurde. Als Folge der wĂ€hrend des Aufstands von ihm angeordneten Hinrichtung des militanten Oraniers Thomas Scott musste Riel in die Vereinigten Staaten ins Exil gehen. Dreimal wurde er in Abwesenheit zum Abgeordneten des kanadischen Unterhauses gewĂ€hlt, konnte sein Mandat aber nie wahrnehmen, da ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt war. WĂ€hrend seiner Verbannung hatte er religiöse Visionen. Er war davon ĂŒberzeugt, ein von Gott auserwĂ€hlter Prophet der MĂ©tis und BegrĂŒnder eines neuen Christentums zu sein.
Riel begab sich 1884 in die heutige Provinz Saskatchewan, um der kanadischen Regierung die MissstĂ€nde aufzuzeigen, unter denen die MĂ©tis litten. Der schwelende Konflikt eskalierte 1885 in der Nordwest-Rebellion. Nach der Schlacht von Batoche wurde Riel verhaftet, wegen Hochverrats vor Gericht gestellt und schlieĂlich hingerichtet. An seiner Person spaltete sich die kanadische Bevölkerung in zwei Lager. In den frankophonen Regionen des Landes, insbesondere in QuĂ©bec, galt Riel als Volksheld und seine Hinrichtung wurde ĂŒberwiegend als politischer Mord empfunden. Die englischsprachige Bevölkerungsmehrheit betrachtete ihn hingegen als AufrĂŒhrer und Verbrecher. Diese EinschĂ€tzungen haben einer differenzierteren Haltung Platz gemacht, in der das religiöse Weltbild und die Familienstruktur Riels sowie die grenzĂŒbergreifende Kultur der MĂ©tis stĂ€rker BerĂŒcksichtigung finden. Heute gilt er als eine der wichtigsten historischen Figuren Kanadas und als âVater Manitobasâ.
Inhaltsverzeichnis |
Die Red-River-Kolonie lag in Ruperts Land, einem riesigen Gebiet unter nomineller Verwaltung der Hudsonâs Bay Company (HBC). Sie wurde hauptsĂ€chlich von Völkern der First Nations (Indianer) und von MĂ©tis bewohnt. Letztere sind eine durch Vermischung von Frankokanadiern, EnglĂ€ndern, Schotten, Cree, Anishinabe und Saulteaux entstandene Ethnie.[1] Louis Riel wurde 1844 in der NĂ€he der heutigen Provinzhauptstadt Winnipeg geboren, als Sohn von Louis Riel senior (1817â1864) und Julie LagimoniĂšre. Seine GroĂmutter mĂŒtterlicherseits, Marie-Anne Gaboury, war vier Jahrzehnte zuvor nachweislich die erste Frau europĂ€ischer Herkunft gewesen, die sich in Westkanada niedergelassen hatte.[2] Seine GroĂmutter vĂ€terlicherseits, Marguerite Boucher, war eine MĂ©tis mit französischen und Chipewyan-Eltern, die Jean-Baptiste Riel geheiratet hatte. Louis Riel junior beherrschte Cree; ob er die Sprache seiner GroĂmutter lernte, ist nicht klar.
Louis Riel war das Ă€lteste von elf Kindern einer hoch angesehenen frankokanadischen MĂ©tis-Familie. Sein einflussreicher Vater gelangte unter seinesgleichen zu Prominenz, als er 1849 eine Gruppe zur UnterstĂŒtzung von Pierre-Guillaume Sayer organisierte. Der MĂ©tis Sayer hatte das Pelzhandelsmonopol der HBC missachtet, woraufhin er inhaftiert und angeklagt worden war. Sayer erklĂ€rte, nach indianischer Sitte nur Geschenke ausgetauscht zu haben. Das HBC-Gericht sprach ihn zwar schuldig, doch begnadigte es ihn aufgrund der Agitation von Riel und der BefĂŒrworter des freien Pelzhandels. Sayers Freilassung hatte das Ende des Monopols zur Folge.[3] Nach diesem Ereignis war die Familie Riel in der Red-River-Kolonie allgemein bekannt. Riel setzte sich zudem erfolgreich fĂŒr die angemessene Vertretung der MĂ©tis im Rat von Assiniboia ein, und er vertrat den Gebrauch des Französischen neben dem Englischen an den Gerichten von Assiniboia. Wirtschaftlich scheiterte er allerdings beim Aufbau von MĂŒhlen zum Walken und KĂ€mmen sowie zum Mahlen von Getreide, die er seit 1847 bzw. 1854 betrieb. 1852 wurde das Haus der Familie durch eine FrĂŒhjahrsĂŒberschwemmung zerstört.[4]
Riels Eltern waren wie die meisten MĂ©tis streng glĂ€ubige Katholiken. Sein Vater war 1822 getauft und 1842 sogar kurzzeitig Novize bei den Oblaten in Mont-Saint-Hilaire in QuĂ©bec geworden. Seine Mutter hatte ebenfalls vor ihrer Ehe PlĂ€ne, ihrer religiösen Berufung zu folgen, doch ihre Eltern drĂ€ngten sie zur Ehe mit Louis senior. Aus diesem Grund unterrichteten römisch-katholische Priester in Saint-Boniface den Ă€ltesten Sohn, seine Eltern beeinflussten seine mystische Vorstellungskraft erheblich. Louis junior wird in den Ăberlieferungen der Familie als sehr groĂzĂŒgiges Kind mit einer starken Zuneigung zu seinen Eltern beschrieben.[5] Seine Ă€lteste Schwester Sara wurde eine der âGrauen Nonnenâ, wie man die SĆurs de la CharitĂ© de MontrĂ©al (Schwestern der Barmherzigkeit von Montreal) nannte. Sie war die erste MĂ©tis, die der Orden aufnahm und wurde, nachdem sie bereits die letzte Ălung erhalten hatte, 1872 ins Leben zurĂŒckgeholt, was man als Wunder deutete. In Erinnerung an ihre GroĂmutter Ă€nderte sie ihren Namen in Schwester Marguerite Marie.[6]
Als Louis Riel 13 Jahre alt war, wurde Alexandre-Antonin TachĂ©, der Suffraganbischof von Saint-Boniface, auf ihn aufmerksam. TachĂ© war bestrebt, talentierte junge MĂ©tis zu Priestern auszubilden, da kein Mitglied des ortsansĂ€ssigen Klerus aus der Region selbst stammte.[7] 1858 ermöglichte er Riel den Besuch des Petit SĂ©minaire am CollĂšge de MontrĂ©al, einer vom Sulpizianerorden gefĂŒhrten weiterfĂŒhrenden Schule in der Stadt Montreal. Der Lehrplan war auf FĂ€cher wie alte Sprachen, Philosophie, Literatur und Theologie ausgerichtet, enthielt aber nur wenig Naturwissenschaften; im Wesentlichen entsprach er französischen LehrplĂ€nen des spĂ€ten 17. Jahrhunderts.[8] Riel wird als guter SchĂŒler beschrieben, jedoch fiel er wiederholt als unvorhersehbar launisch auf.
Nachdem er vom frĂŒhen Tod seines Vaters erfahren hatte, der am 21. Januar 1864 verstorben war und den er seit dem 1. Juni 1858 nicht mehr gesehen hatte, verlor Riel zunehmend das Interesse an der Priesterausbildung und widmete sich vermehrt dem Schreiben von Gedichten und Fabeln. Am 8. MĂ€rz 1865, wenige Monate bevor er abgeschlossen hĂ€tte, trat er aus der Schule aus. Zwar fĂŒhrte Riel sein Studium im Kloster der SĆurs de la CharitĂ© de MontrĂ©al fort, doch wurde er bald wegen disziplinarischer Vergehen zum Verlassen aufgefordert. So war er beispielsweise zwei Wochen lang unentschuldigt dem Unterricht ferngeblieben, da er auf Arbeitssuche war.[9] Er blieb in Montreal und wohnte ein Jahr lang bei seiner Tante Lucie Riel. Der Vater hatte Schulden hinterlassen; um die Familie zu unterstĂŒtzen, arbeitete Riel in Montreal als Assistent des Rechtsanwalts Rodolphe Laflamme. Er hatte eine Liebesbeziehung mit Marie-Julie Guernon und verlobte sich am 12. Juni 1866 mit ihr. Guernons Eltern waren aber gegen eine Heirat mit einem MĂ©tis und die Beziehung wurde eine Woche spĂ€ter aufgelöst.[10]
Die juristische Arbeit langweilte Riel. Am Tag der Auflösung der Verlobung kĂŒndigte er seine Stelle bei Laflamme und verlieĂ Montreal fĂŒr immer. Wie einige seiner Freunde spĂ€ter berichteten, soll er in Chicago verschiedene Gelegenheitsarbeiten verrichtet haben. Dort soll er mit dem Schriftsteller Louis-HonorĂ© FrĂ©chette zusammen gelebt und Gedichte geschrieben haben, die von Lamartine beeinflusst waren.[11] Nach einem kurzen Aufenthalt in Saint Paul (Minnesota) kehrte er am 26. Juli 1868 in die Red-River-Kolonie zurĂŒck.
MĂ©tis und First Nations bildeten ursprĂŒnglich die Bevölkerungsmehrheit in der Red-River-Kolonie. Als Riel dorthin zurĂŒckkehrte, musste er feststellen, dass der Zustrom anglophoner protestantischer Siedler aus Ontario die religiösen, nationalistischen und ethnischen Spannungen verstĂ€rkte. Die politische Situation war ebenfalls unsicher, da bei den laufenden Verhandlungen ĂŒber die Ăbergabe von Ruperts Land von der HBC an den kanadischen Bundesstaat die staatsrechtlichen Bedingungen des Transfers nicht angesprochen worden waren. Dies hatte wiederum seine Ursache darin, dass Premierminister John Macdonald AnnexionsplĂ€ne der Vereinigten Staaten fĂŒrchtete. Deren Sprecher waren hier die Minnesota annexationists, und auch die Vorlage der (nie zur Abstimmung gelangten) Annexation Bill vom 2. Juli 1866, welche die Besetzung Britisch-Nordamerikas verlangte, hatte diese BefĂŒrchtungen bestĂ€rkt. Noch mehr Aufsehen erregten die Angriffe katholischer Iren (Fenian Brotherhood) auf britische Grenzposten in den Jahren 1866 bis 1871, deren Ziel allerdings die EigenstĂ€ndigkeit Irlands war.
Der katholische Bischof TachĂ©[12], der anglikanische Bischof von Ruperts Land Robert Machray und HBC-ReprĂ€sentant William Mactavish warnten in dieser erhitzten politischen AtmosphĂ€re die Bundesregierung davor, vollendete Tatsachen zu schaffen. Trotzdem ordnete William McDougall, der Minister fĂŒr staatliche Bauvorhaben, die Vermessung des Gebiets an. Die Ankunft einer von Oberst John Stoughton Dennis angefĂŒhrten Gruppe von Vermessern am 20. August 1869 löste unter den MĂ©tis Unruhe aus.[13] Sie hatten keinen gesicherten Rechtsanspruch auf das von ihnen bewirtschaftete Land. Die Parzellen in der Red-River-Kolonie waren gemÀà dem Grundherrschaftssystem französischer PrĂ€gung streifenförmig parzelliert (vgl. Wirtschaftsgeschichte Kanadas). Die kanadische Regierung plante nun eine in den britischen Kolonien ĂŒbliche quadratische Parzellierung, die keine RĂŒcksicht auf die bisherigen NutzungsverhĂ€ltnisse nahm. Antikatholische Organisationen wie der Oranier-Orden und Canada First beeinflussten die Entscheidung. Sie sahen darin eine Möglichkeit, den Siedlungsraum der Protestanten auszudehnen.[14]
Als in der Presse Ontarios die BefĂŒrworter der Vermessung und des Baus einer StraĂe nach Fort Garry die MĂ©tis kritisierten, antwortete Louis Riel mit einem Artikel in der Montrealer Zeitung Le Nouveau Monde vom Februar 1869, in dem er Charles Mairs Ansichten kritisierte.[15] Im MĂ€rz ĂŒberlegte sich Riel, nach Minnesota zurĂŒckzukehren, doch im Juli fanden Versammlungen der MĂ©tis statt, in denen er als einer ihrer FĂŒhrer auftrat.
In einer Rede vor der Kathedrale Saint-Boniface Ende August 1869 prangerte Riel die Landvermessungen an. Am 11. Oktober unterbrach eine Gruppe von MĂ©tis die Arbeit der Vermesser. Diese Gruppe organisierte sich fĂŒnf Tage spĂ€ter als âNationalkomitee der MĂ©tisâ, mit Riel als SekretĂ€r und John Bruce als PrĂ€sidenten. Zugleich unterstĂŒtzte sie Bischof TachĂ© sowie den lokalen Pfarrer Joseph-NoĂ«l Ritchot. Der von der HBC kontrollierte Rat von Assiniboia bat Riel zu sich und forderte ihn zu einer Stellungnahme zu den VorfĂ€llen auf. Riel erklĂ€rte, jeglicher Versuch Kanadas zur MachtausĂŒbung wĂŒrde auf Widerstand stoĂen, es sei denn, die Regierung verhandle von sich aus mit den MĂ©tis. Dennoch wurde William McDougall, der kein Französisch sprach, zum designierten Vizegouverneur ernannt und versuchte am 2. November, das Gebiet der Red-River-Kolonie zu betreten. McDougalls Gruppe wurde nahe der amerikanischen Grenze zurĂŒckgewiesen und am selben Tag besetzten die von Riel angefĂŒhrten MĂ©tis Fort Garry.[16]
Am 6. November lud Riel die englischsprachigen Bewohner ein, zwölf Abgesandte zu einer Versammlung von Vertretern der MĂ©tis zu bestimmen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Am 1. Dezember schlug er dieser Versammlung eine Liste von Rechten vor, die als Bedingung fĂŒr einen Anschluss an Kanada gefordert werden mĂŒssten. Zugleich betonte er, die MĂ©tis seien treue Untertanen des Königshauses. Der Sprecher der Anglophonen James Ross kritisierte, dass Vizegouverneur McDougall nicht eingeladen worden war. Der gröĂte Teil der Bevölkerung war mit den Forderungen der MĂ©tis einverstanden, doch eine militante Minderheit begann sich in einer Oppositionsbewegung zu organisieren: Die Ziele dieser Canadian Party waren die Annexion der Red-River-Kolonie durch die kanadische Regierung, die Vertreibung der ansĂ€ssigen Bevölkerung und die Ansiedlung von protestantischen, anglophonen Siedlern aus Ontario.
Am 16. November forderte Gouverneur Mactavish die MĂ©tis auf, ihre Waffen niederzulegen. Riel reagierte, indem er am 23. November vorschlug, den Rat von Assiniboia durch eine eigene Regierung zu ersetzen und sogleich mit Kanada in Unionsverhandlungen einzutreten. Doch die englischsprachigen Gruppen stellten sich nicht hinter seine Bewegung und bestĂ€tigten auch nicht die von ihm am 1. Dezember vorgelegte List of Rights (Liste der Rechte). Diese Liste enthielt 14 wohl von Riel verfasste Forderungen, wie die nach einer ReprĂ€sentation im kanadischen Parlament, Garantie der Zweisprachigkeit, einen zweisprachigen obersten Richter sowie Vorbereitungen fĂŒr die Besiedlung und die VertrĂ€ge mit den Indianern (Numbered Treaties). Sie wurde gedruckt und im ganzen Land verteilt, um AnhĂ€nger zu gewinnen.
McDougall forderte Dennis auf, die MĂ©tis zu verhaften, die Fort Garry besetzt hatten. Doch die Anglophonen wollten seiner Aufforderung nicht Folge leisten. So musste er in Lower Fort Garry bleiben. John Christian Schultz, einer der Hauptakteure der Canadian Party, brachte rund fĂŒnfzig MĂ€nner auf seine Seite und forderte Dennis auf, gemeinsam Riel zu verhaften. Neben Schultz waren Charles Mair, Oberst John Stoughton Dennis und Major Charles Arkoll Boulton die Hauptakteure der Canadian Party. Schultz, der sich mit den Landvermessern angefreundet hatte und sich skrupellos weitrĂ€umige Landrechte hatte ĂŒbertragen lassen, konnte rund fĂŒnfzig Personen um sich scharen. Er verschanzte sich mit ihnen in seinem Haus und gab vor, LebensmittelvorrĂ€te der Regierung zu beschĂŒtzen. Riel ordnete am 7. Dezember die Umzingelung von Schultzâ Haus an; die zahlenmĂ€Ăig unterlegenen âKanadierâ ergaben sich rasch und wurden in Fort Garry gefangen gehalten.
Als die kanadische Regierung vom Aufruhr erfuhr, bot sie am 6. Dezember eine Amnestie an und entsandte drei UnterhĂ€ndler an den Red River, unter ihnen den HBC-Vertreter Donald Smith. WĂ€hrend sie noch unterwegs waren, rief das Nationalkomitee der MĂ©tis am 8. Dezember eine provisorische Regierung aus. ZunĂ€chst war John Bruce deren PrĂ€sident, bis Riel am 27. Dezember selbst dieses Amt ĂŒbernahm. Treffen zwischen Riel und der Delegation aus Ottawa fanden am 5. und 6. Januar 1870 statt. Doch als diese ergebnislos blieben, beschloss Smith, seine Sicht der Dinge einer breiten Ăffentlichkeit bekanntzugeben. Er konnte bei Versammlungen am 19. und 20. Januar in Fort Garry eine groĂe Menschenmenge von den guten Absichten der Regierung ĂŒberzeugen. Auch konnte er Riel dazu bewegen, die Bildung einer neuen 40-köpfigen Versammlung vorzuschlagen, die je zur HĂ€lfte aus englisch- und französischsprachigen Siedlern zusammengesetzt sein und sich detailliert mit Smiths Anordnungen auseinandersetzen sollte. Am 7. Februar prĂ€sentierte die Versammlung der Regierungsdelegation eine neue Liste von Rechten, so wie es Riel zugesagt hatte. Smith und Riel vereinbarten die Entsendung von ReprĂ€sentanten nach Ottawa, um auf dieser Basis direkte Verhandlungen aufzunehmen. Die Forderung nach sofortiger GrĂŒndung einer Provinz wurde allerdings abgelehnt, da man sie fĂŒr zu frĂŒh hielt. Die provisorische Regierung veröffentlichte eine eigene Zeitung namens âNew Nationâ und setzte eine gesetzgebende Versammlung ein.[17]
Trotz des offensichtlichen Fortschritts auf politischer Ebene versuchte die Canadian Party weiterhin, die provisorische Regierung zu Fall zu bringen. Schultz und einige seiner Gefolgsleute, darunter Boulton und der fanatische Oranier Thomas Scott, konnten im Januar 1870 aus der Gefangenschaft fliehen. WĂ€hrend Schultz sich in Richtung Ontario absetzte, wurden die anderen am 17. Februar erneut gefangen genommen, nachdem sie vergeblich versucht hatten, Fort Garry zu ĂŒberfallen. Ein von der provisorischen Regierung eingesetztes und von ihrem MilitĂ€rkommandanten Ambroise-Dydime LĂ©pine geleitetes Tribunal verurteilte Boulton wegen Aufruhrs zum Tode.[18] Er wurde spĂ€ter begnadigt, doch Scott interpretierte dies als Zeichen der SchwĂ€che der MĂ©tis, die er zutiefst verachtete. Er pöbelte hemmungslos gegen seine Wachen und drohte, Riel nach seiner Befreiung umzubringen. Nach mehreren Verwarnungen verurteilte ihn eine vierköpfige Jury wegen fortwĂ€hrender Gehorsamsverweigerung erneut zum Tode. Riel wurde mehrmals dringend darum gebeten, das Urteil aufzuheben. Laut Donald Smith soll er aber gesagt haben:
âI have done three good things since I have commenced: I have spared Boulton's life at your instance, I pardoned Gaddy, and now I shall shoot Scott.â
âIch habe drei gute Dinge getan, seitdem ich angefangen habe: Ich habe auf euer DrĂ€ngen hin Boultons Leben verschont, ich habe Gaddy begnadigt, und jetzt werde ich Scott erschieĂen lassen.â[19]
Scotts ErschieĂung wurde am 4. MĂ€rz in Fort Garry vollzogen.[20] Riels Motivation, die Hinrichtung geschehen zu lassen, war Gegenstand mancher Spekulationen. Er selbst begrĂŒndete sein Handeln damit, es sei notwendig gewesen, der Canadian Party aufzuzeigen, dass die MĂ©tis ernst genommen werden mĂŒssten. Die Nachricht von Scotts Hinrichtung fĂŒhrte in Ontario nicht zuletzt aufgrund von Schultzâ Agitation zu einem Aufruhr in der Bevölkerung.
Die Delegierten, welche die provisorische Regierung vertraten, verlieĂen im MĂ€rz die Red-River-Kolonie in Richtung Ottawa. Obwohl sie anfĂ€nglich mit juristischen Problemen konfrontiert wurden, die sich aus Scotts Hinrichtung ergeben hatten, war es ihnen, nachdem sie zweimal verhaftet worden waren, bald möglich, direkte Verhandlungen mit Premierminister John Macdonald und Verteidigungsminister George-Ătienne Cartier zu fĂŒhren.[21] Diese Verhandlungen begannen am 26. April und wurden hauptsĂ€chlich von Pater Joseph-NoĂ«l Ritchot gefĂŒhrt. Rasch konnte eine Vereinbarung getroffen werden, welche die Forderungen auf der Liste der Rechte einschloss. Diese Vereinbarung bildete die Grundlage fĂŒr den Manitoba Act, der am 15. Mai 1870 zur formellen Aufnahme der neuen Provinz Manitoba in die Kanadische Konföderation fĂŒhrte.[22] Allerdings gelang es der Delegation nicht, fĂŒr die provisorische Regierung eine allgemeine Amnestie auszuhandeln, obwohl, wie Ritchot notierte, der Vertreter der Königin Sir John Young und Cartier die Zusage gegeben hatten, die Königin plane, eine baldige Amnestie zu erlassen.
Um die kanadische AutoritĂ€t in der neuen Provinz geltend zu machen und um mögliche amerikanische Expansionisten abzuschrecken, entsandte die Regierung ein aus britischen Soldaten und MilizionĂ€ren aus Ontario bestehendes Expeditionskorps unter dem Kommando von Oberst Garnet Wolseley, das am 20. August am Red River eintraf (siehe Red-River-Expedition).[23] Dies bedeutete das Ende der Rebellion. Die Regierung bezeichnete die Expedition als âBotengang des Friedensâ (errand of peace), doch radikalisierte MilizionĂ€re in den Reihen der Expedition hatten vor, Riel zu lynchen. Riel erfuhr am 24. August davon und suchte zunĂ€chst bei Bischof TachĂ© in Saint-Boniface Zuflucht. Danach begab er sich zur St.-Joseph-Missionsstation sĂŒdlich der Grenze im Dakota-Territorium, wo mittlerweile sein ehemaliger Lateinlehrer, Pater Lefloch, lebte.[24]
Adams George Archibald, der neue Vizegouverneur, traf am 2. September 1870 ein und begann mit dem Aufbau einer zivilen Verwaltung.[25] Seine Aufgabe wurde durch die freiwilligen Milizen aus Ontario erschwert, die MĂ©tis und andere politische Gegner mit Gewalt einschĂŒchterten und dabei in zwei FĂ€llen auch nicht vor Mord zurĂŒckschreckten. Die Ergebnisse der ersten Wahlen zur Legislativversammlung von Manitoba waren fĂŒr Riel aber ermutigend, da zahlreiche seiner AnhĂ€nger gewĂ€hlt wurden und in der Regierung saĂen. Im Februar 1871 fĂŒhrten Stress und finanzielle Probleme zu einer ernsthaften Krankheit, möglicherweise ein Vorzeichen seiner kĂŒnftigen geistigen Beschwerden. Erst im Mai kehrte er zu seiner Familie nach St. Vital (heute ein Stadtteil von Winnipeg) zurĂŒck.
Manitoba war nun mit einer neuen Bedrohung konfrontiert: Ein Ăberfall der Fenian Brotherhood von Minnesota aus, der von Riels frĂŒherem WeggefĂ€hrten William Bernard OâDonoghue, dem Schatzmeister der provisorischen Regierung, angefĂŒhrt wurde.[26] Die Bedrohung erwies sich letztlich als ĂŒbertrieben, doch Vizegouverneur Archibald rief am 4. Oktober zu den Waffen. Mehrere Kompanien bewaffneter Reiter wurden rekrutiert, wobei Riel eine davon selbst anfĂŒhrte. Als Archibald in Saint-Boniface die Truppen inspizierte, schĂŒttelte er Riel öffentlich die Hand und signalisierte damit, dass eine AnnĂ€herung stattgefunden hatte. Als die Nachricht von diesem Ereignis Ontario erreichte, schĂŒrten Charles Mair und Mitglieder von Canada First den Hass der dortigen Bevölkerung auf Riel und Archibald. Ein Jahr vor den Unterhauswahlen 1872 konnte sich Premierminister Macdonald eine weitere Verschlechterung der angespannten Beziehungen zwischen Ontario und der französischsprachigen Provinz QuĂ©bec kaum erlauben. Ăber Bischof TachĂ© bot er Riel 1000 Dollar an, wenn dieser freiwillig ins Exil gehe und dadurch zur Beruhigung der Lage beitrage. Auf Betreiben TachĂ©s steuerte Donald Smith weitere 600 Pfund Sterling zur UnterstĂŒtzung der Familie bei. Riel nahm das Angebot an und traf am 2. MĂ€rz 1872 in Saint Paul in Minnesota ein.
Bereits Ende Juni kehrte Riel wieder nach Manitoba zurĂŒck und lieĂ sich dazu ĂŒberreden, im Wahlkreis Provencher als Abgeordneter des kanadischen Unterhauses zu kandidieren. Dazu trug bei, dass ihm im Mai ein Schreiben seines verstorbenen Vaters durch eine Ordensschwester zugetragen wurde, in dem er seinen Sohn segnete. Riel deutete das Schreiben als Ermutigung, seine politische TĂ€tigkeit wieder aufzunehmen. George-Ătienne Cartier, der eine Amnestie Riels befĂŒrwortete, verlor Anfang September in seinem Wahlkreis in Montreal. Riel verzichtete daraufhin auf seine Kandidatur, um Cartier doch noch zur Wahl zu verhelfen (die Wahlen fanden an mehreren Terminen in einem Zeitraum von knapp drei Monaten statt). Cartier wurde per Akklamation gewĂ€hlt, doch Riels Hoffnung auf eine rasche Lösung in der Amnestiefrage zerschlug sich nach Cartiers Tod am 20. Mai 1873. Zu der daraufhin angesetzten Nachwahl im Oktober 1873 trat Riel ohne Gegenkandidaten als UnabhĂ€ngiger an und wurde gewĂ€hlt, obschon er erneut hatte fliehen mĂŒssen. Im September waren gegen Riel und Ambroise-Dydime LĂ©pine wegen der Anordnung von Scotts Hinrichtung Haftbefehle erlassen worden. LĂ©pine wurde gefangen genommen und vor Gericht gestellt.
Riel genoss in QuĂ©bec weit reichende politische UnterstĂŒtzung und begab sich nach Montreal zum Unterhausabgeordneten HonorĂ© Mercier. Er hatte vor, mit ihm nach Ottawa zu reisen und sein Parlamentsmandat anzutreten. Kurz vor der Ankunft entschied sich Riel anders, da er seine Verhaftung oder gar seine Ermordung fĂŒrchtete â Edward Blake, der Premierminister Ontarios, hatte ein Kopfgeld von 5000 Dollar auf ihn ausgesetzt.[27] Riel war der einzige Parlamentsabgeordnete, der an der Debatte zum Pacific-Skandal, die im November 1873 zum RĂŒcktritt von Macdonalds konservativer Regierung fĂŒhrte, nicht teilnahm. Alexander Mackenzie, der Vorsitzende der Liberalen Partei, ĂŒbernahm das Amt des kanadischen Premierministers. Bei den vorgezogenen Neuwahlen im Januar 1874 trat Riel erneut im Wahlkreis Provencher an und verteidigte seinen Sitz erfolgreich gegen den liberalen Herausforderer. Er musste sich in ein Register eintragen lassen, um seine Wahl zu bestĂ€tigen und tat dies Ende Januar im Geheimen. Nach einem Antrag von Mackenzie Bowell und John Christian Schultz, der im Wahlkreis Lisgar gewĂ€hlt worden war, wurde Riels Wahl annulliert. Davon unbeeindruckt, trat Riel im September 1874 bei der notwendig gewordenen Nachwahl an und wurde erneut gewĂ€hlt. Wiederum folgte sein Ausschluss aus dem Parlament, woraufhin die öffentliche Meinung in QuĂ©bec stark zu seinen Gunsten neigte, da er nun als unterdrĂŒckter Verteidiger der Rechte von Frankophonen und Katholiken in Manitoba und den Nordwest-Territorien galt.
Riels Entscheidung, sich politisch zu betĂ€tigen, wurde durch mehrere Ereignisse erschĂŒttert, die in seinem religiös geprĂ€gten Weltbild von gröĂter Bedeutung waren. So gesundete er nach einem Besuch bei Bischof Ignace Bourget in Montreal, nachdem dieser ihn gesegnet hatte. Riel fasste dies als ein Wunder auf.
Mittlerweile lebte Riel bei Priestern des Oblatenordens in Plattsburgh im Ă€uĂersten Nordosten des US-Bundesstaates New York. Er lernte Pater Fabien Martin dit BarnabĂ© im benachbarten Dorf Keeseville kennen und erfuhr, dass LĂ©pine am 4. November 1874 des Mordes an Scott fĂŒr schuldig befunden und zum Tode verurteilt worden war. Das Urteil löste in der QuĂ©becer Presse heftige Proteste aus, das Parlament von QuĂ©bec forderte einstimmig LĂ©pines und Riels Amnestierung.[28] Alexander Mackenzie sah sich mit einer schweren politischen Krise konfrontiert, da die Forderungen der bevölkerungsreichsten Provinzen Ontario und QuĂ©bec völlig gegensĂ€tzlich waren. Im Januar 1875 zeichnete sich jedoch eine Lösung ab, als Generalgouverneur Lord Dufferin aus eigener Initiative LĂ©pines Urteil auf zwei Jahre Haft reduzierte. Mackenzie konnte daraufhin im Parlament Riels Amnestie erwirken, unter der Bedingung, dass er wĂ€hrend fĂŒnf Jahren verbannt blieb.
WĂ€hrend seines Exils beschĂ€ftigte sich Riel hauptsĂ€chlich mit Religion statt mit Politik. Er hatte mehrmals Visionen und war zunehmend davon ĂŒberzeugt, ein von Gott auserwĂ€hlter FĂŒhrer der MĂ©tis zu sein. VerstĂ€rkt wurde diese Ăberzeugung durch einen Brief von Ignace Bourget vom 14. Juli 1875. Darin schrieb er, Riel werde bald fĂŒr seine geistigen Opfer belohnt werden und habe von Gott eine Mission erhalten, die er erfĂŒllen mĂŒsse. Riel reiste verbotswidrig im September nach Montreal. Im Oktober 1875 traf er sich in Indianapolis mehrmals mit dem amerikanischen Senator Oliver Morton und stellte ihm einen Plan vor, der die Invasion Manitobas durch die Vereinigten Staaten zum Ziel hatte. Morton wollte jedoch keine Zusicherung geben.[29] Am 4. November starb sein Bruder Charles. Riel besuchte im Dezember Washington, D.C. und unternahm dort einen erneuten Versuch, UnterstĂŒtzung fĂŒr eine Invasion zu finden. Auch diesmal war er erfolglos, doch am 8. Dezember hatte er eine erste Vision, die er spĂ€ter als den Ausgangspunkt seiner Mission betrachtete.
In diesen Monaten zeigte Riel, folgt man den zeitgenössischen Deutungen, Zeichen des GröĂenwahns. Bisweilen wird auch die Meinung vertreten, dass er einen Nervenzusammenbruch hatte und spĂ€ter der Ăberzeugung war, er tĂ€usche wie einst David den Wahnsinn nur vor.[30]
Sein Zustand verschlechterte sich, er hielt sich bei verschiedenen Geistlichen auf, und nach einem besonders heftigen Ausbruch wurde er nach Montreal zu seinem Onkel John Lee gebracht, wo er einige Monate blieb. Doch nachdem Riel einen Gottesdienst gestört hatte, lieĂ Lee ihn am 6. MĂ€rz 1876 unter dem falschen Namen âLouis R. Davidâ in die Irrenanstalt Longue-Pointe einweisen. Die Ărzte fĂŒrchteten seine Entdeckung durch politische Feinde und ĂŒberfĂŒhrten ihn als âLouis Larochelleâ in die Anstalt Beauport nahe der Stadt QuĂ©bec. Dabei wurde er von den einflussreichen Politikern Joseph-Adolphe Chapleau und Joseph-Alfred Mousseau begleitet, die seine neuen IdentitĂ€ten erst möglich gemacht hatten.[31] Riel zeigte laut den Ărzten sporadisch irrationale und gewalttĂ€tige SchĂŒbe. Er verfasste religiöse Texte und theologische Abhandlungen, die eine Mischung christlicher und jĂŒdischer Elemente enthielten. In der Folge nannte er sich selbst âDavid Riel, Prophet der Neuen Weltâ und betete wĂ€hrend Stunden stehend, wobei Gehilfen seine Arme in Form eines Kreuzes hochhielten. Am 23. Januar 1878 wurde er aus der Anstalt entlassen, mit der Ermahnung, kĂŒnftig ein unauffĂ€lliges Leben zu fĂŒhren.[32] Er kehrte fĂŒr einige Zeit nach Keeseville zurĂŒck, wo er eine leidenschaftliche Romanze mit Evelina Martin dit BarnabĂ©, der Schwester seines Freundes Fabien, begann. Riel hatte nicht genĂŒgend finanzielle Mittel, um ihr einen Heiratsantrag zu stellen. Er zog nach Westen und hoffte, dass sie ihm folgen werde. Doch sie entschied, dass das Leben in der PrĂ€rie nichts fĂŒr sie sei, und die Korrespondenz endete bald.
Im Herbst 1878 begab sich Riel wieder nach Saint Paul und besuchte kurz Freunde und Verwandte. Die Lebensgrundlagen fĂŒr die MĂ©tis am Red River Ă€nderten sich damals rapide. Die Bisons, von denen sie abhĂ€ngig waren, wurden durch die intensive Bejagung immer seltener, die Zahl der Siedler stieg immer stĂ€rker an und skrupellose Spekulanten kauften weite Landstriche auf. Wie andere MĂ©tis, die Manitoba verlassen hatten, zog Riel weiter nach Westen, um eine neue Existenz aufzubauen. In der Gegend um Fort Benton im Montana-Territorium war er als HĂ€ndler und Ăbersetzer tĂ€tig. Dort wurde er auf den Ăberhand nehmenden Alkoholismus und seinen schĂ€dlichen Einfluss auf MĂ©tis und Indianer aufmerksam. Erfolglos versuchte er, den Handel mit Whisky einzuschrĂ€nken. Im Januar 1879 schrieb er auf der Farm von Norman Gingras bei St. Joseph ein langes, bitteres Gedicht gegen Premierminister John Macdonald. Im August 1879 traf er sich möglicherweise mit den Sioux, die ĂŒber die Grenze nach Kanada geflohen waren. Von Januar bis Mai 1880 versuchte er MĂ©tis und indianische Gruppen am Milk River zu einer Invasion zu bewegen, doch auch dieser Plan zerschlug sich. Am 6. August 1880 forderten MĂ©tis am Musselshell River die Einrichtung eines Reservats. Riel persönlich ĂŒbergab diese Forderung zwei Wochen spĂ€ter Colonel Nelson A. Miles in Fort Keogh. Bis 1883 lebte er mit den MĂ©tis Montanas zusammen. Am 9. MĂ€rz 1882 heiratete er Marguerite Monet dit Bellehumeur (1861â1886), eine junge MĂ©tis.[33] Das Paar hatte drei Kinder: Jean-Louis (1882â1908), Marie-AngĂ©lique (1883â1897) und ein Junge, der im Oktober 1885 nach nur einem Tag starb.
Riel mischte sich bald in die Politik Montanas ein und betrieb 1882 aktiv Wahlkampf fĂŒr die Republikanische Partei. Er klagte einen Demokraten wegen WahlfĂ€lschung an, wurde dann aber selbst beschuldigt, in betrĂŒgerischer Absicht britische Untertanen zur Stimmabgabe bewogen zu haben. Als Reaktion darauf stellte Riel einen Antrag auf die US-amerikanische StaatsbĂŒrgerschaft und wurde am 16. MĂ€rz 1883 eingebĂŒrgert.[34] Mitte Mai wurde er unter dem Vorwurf des Wahlbetrugs kurzzeitig verhaftet und nach Fort Benton gebracht. Am 27. und 28. September sprach er dort in seinem Verfahren vor, ein Rechtsstreit, der sich ohne Ergebnis bis zum 16. April 1884 hinzog. 1884 nahm er ein Angebot der Jesuiten an und erteilte Unterricht in der Mission St. Peter am Sun River, einem Quellfluss des Missouri. DarĂŒber hinaus ging er gegen AlkoholhĂ€ndler wie Simon Pepin vor. Als seine Schwester Henriette am 10. Juli 1883 heiratete, reiste er nach Winnipeg.
In den Jahren nach der Red-River-Rebellion waren die MĂ©tis westwĂ€rts gezogen und lieĂen sich hauptsĂ€chlich im Tal des South Saskatchewan River um die Missionsstation St. Laurent nieder. Bei den einheimischen First Nations der Cree und Blackfoot fĂŒhrte der rasche Zusammenbruch der BisonbestĂ€nde zu Hungersnöten. Diese verschlimmerten sich durch die Reduzierung der staatlichen Nahrungsmittellieferungen im Jahr 1883 und das allgemein fehlende Interesse der Bundesregierung, ihre in den Numbered Treaties festgelegten Vereinbarungen zu erfĂŒllen. Auch die MĂ©tis waren gezwungen, die Jagd aufzugeben und sich der Landwirtschaft zuzuwenden. Doch dieser Ăbergang zog dieselben komplexen Problemen mit sich, mit denen sie bereits in Manitoba konfrontiert gewesen waren. Dazu kam, dass sich auch die zahlreichen Neusiedler aus Europa und den östlichen Provinzen ĂŒber die mangelhafte staatliche Verwaltung beschwerten.
Praktisch alle Bevölkerungsgruppen hatten MissstĂ€nde zu beklagen. Ab 1884 trafen sich englischsprachige Siedler, Anglo-MĂ©tis und MĂ©tis zu Versammlungen und versuchten, mit Petitionen die gröĂtenteils unempfĂ€ngliche Regierung zum Handeln zu bewegen. Eine Versammlung von 30 Vertretern der MĂ©tis am 24. MĂ€rz in Batoche entschied, Riel zur RĂŒckkehr zu bewegen, da sie nur ihm zutrauten, die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu einem gemeinsamen Vorgehen zu einen. Am 6. Mai nahmen MĂ©tis und Siedler aus Prince Albert an einer weiteren Versammlung teil. Zu letzteren gehörte der ursprĂŒnglich aus Ontario stammende HonorĂ© Jackson, der mit den MĂ©tis sympathisierte. Die Versammlung beschloss die Entsendung einer Delegation nach Montana, um Riel um UnterstĂŒtzung zu bitten.
Delegationsleiter war Gabriel Dumont, ein angesehener BisonjĂ€ger und AnfĂŒhrer der MĂ©tis von St. Laurent, der Riel in Manitoba kennengelernt hatte. Die Anglo-MĂ©tis hatten nur einen Vertreter entsandt. Riel lieĂ sich rasch davon ĂŒberzeugen, ihr Anliegen zu unterstĂŒtzen â was angesichts seiner Ăberzeugung, ein von Gott auserwĂ€hlter FĂŒhrer der MĂ©tis und Prophet einer neuen Form des Christentums zu sein, kaum ĂŒberraschend war. Er beabsichtigte auch, die neue einflussreiche Position zur Durchsetzung seiner eigenen GrundstĂŒcksansprĂŒche in Manitoba zu nutzen. Die Gruppe brach am 4. Juni auf und erreichte Batoche am 5. Juli. Nach einer Reihe von Ansprachen, in denen er fĂŒr MĂ€Ăigung und eine vernĂŒnftige Herangehensweise plĂ€dierte, hatten MĂ©tis und englischsprachige Siedler zunĂ€chst einen guten Eindruck von Riel. Im Juni 1884 trafen sich auch die Cree-StammesfĂŒhrer Big Bear[35] und Poundmaker[36] zu Verhandlungen mit Riel. Die Probleme der Indianer unterschieden sich jedoch erheblich von jenen der Siedler und es kam zu keiner Ăbereinkunft.
Inspiriert durch Riel, gingen HonorĂ© Jackson und ReprĂ€sentanten anderer Gemeinschaften daran, eine Petition auszuarbeiten.[37][38] Am 28. Juli veröffentlichte Jackson ein Manifest, das die MissstĂ€nde und die Forderungen der Siedler detailliert festhielt. Ein gemeinsames Komitee von MĂ©tis und Siedlern mit Jackson als SekretĂ€r arbeitete daran, die Forderungen der verschiedenen Gruppen miteinander in Einklang zu bringen. In der Zwischenzeit begann die UnterstĂŒtzung fĂŒr Riel zu schwinden. Als seine religiösen ĂuĂerungen sich immer mehr vom Katholizismus entfernten, distanzierte sich der Klerus zunehmend von ihm. Pater Alexis AndrĂ© ermahnte ihn, nicht weiter Religion und Politik zu vermischen. Riel seinerseits Ă€uĂerte am 5. September gegenĂŒber Bischof Vital Grandin seine EnttĂ€uschung ĂŒber die mangelhafte UnterstĂŒtzung durch die Kirche. Umso mehr legte er Wert auf die Feier zu Ehren des MĂ©tis-Heiligen St. Joseph am 24. September.
Als Folge von Bestechungen durch Vizegouverneur und Indianerkommissar Edgar Dewdney fiel die Berichterstattung ĂŒber Riel in den englischsprachigen Lokalzeitungen kritisch aus. Die Petition, deren Hauptforderungen die Garantie von Landrechten und die Umwandlung der Nordwest-Territorien in eine Provinz waren, wurde am 16. Dezember an die Bundesregierung gesandt. StaatssekretĂ€r Joseph-Adolphe Chapleau bestĂ€tigte den Empfang und Premierminister Macdonald leitete sie an Innenminister David Lewis Macpherson weiter.
WĂ€hrend Riel auf Nachricht aus Ottawa wartete, zog er die RĂŒckkehr nach Montana in ErwĂ€gung, entschied sich aber im Februar 1885, zu bleiben. Als die Angelegenheit im Sande zu verlaufen schien, fing Riel zwanghaft zu beten an und erlitt einen heftigen RĂŒckfall zu seinen religiösen Wahnvorstellungen. Sein VerhĂ€ltnis zur katholischen Hierarchie verschlechterte sich, als er öffentlich eine zunehmend hĂ€retische Haltung einnahm. Am 11. Februar 1885 traf die Antwort der Regierung ein. Sie schlug vor, in den Nordwest-Territorien eine VolkszĂ€hlung durchzufĂŒhren und eine Kommission zur Untersuchung der MissstĂ€nde zu bilden. Diese Antwort verĂ€rgerte die MĂ©tis, die sie als Verzögerungstaktik der Regierung interpretierte. Eine Minderheit trat dafĂŒr ein, sofort zu den Waffen zu rufen. Die Kirche, die Mehrheit der englischsprachigen Siedler und auch die Mehrheit der MĂ©tis, die sich hinter Riels Cousin Charles Nolin stellte, lehnten ein gewaltsames Vorgehen ab. Doch Riel, beeinflusst durch seinen messianischen Wahn, war zunehmend von dieser Vorgehensweise ĂŒberzeugt.[39] Am 15. MĂ€rz unterbrach er in der Kirche von St. Laurent die Predigt, um fĂŒr seine Position zu werben, woraufhin der Pfarrer ihm die Sakramente verweigerte. Riel predigte unter seinen AnhĂ€ngern seine eigene Theologie, sprach mit ihnen ĂŒber seine âgöttlichen Offenbarungenâ und erklĂ€rte Bischof Ignace Bourget zum neuen Papst. Der Bruch mit der katholischen Kirche war nun offensichtlich; dennoch hielten zahlreiche MĂ©tis zum charismatischen Riel, da er rhetorisch sehr begabt war.[30]
Am 18. MĂ€rz 1885 wurde bekannt, dass die Garnison der North-West Mounted Police in Battleford VerstĂ€rkung erhielt. Obschon aufgrund der Warnungen von Pater Alexis AndrĂ© und Superintendent Leif Newry Fitzroy Crozier nur 100 Mann entsandt worden waren, verbreitete sich bald das GerĂŒcht, dass sich eine 500-köpfige schwer bewaffnete Truppe der Gegend nĂ€here. Die Geduld von Riels AnhĂ€ngern war erschöpft; sie bewaffneten sich, nahmen Geiseln und zerschnitten die Telegrafenleitungen zwischen Batoche und Battleford. Am 19. MĂ€rz konstituierte sich in Batoche die âProvisorische Regierung von Saskatchewanâ mit Riel als politischen und spirituellen FĂŒhrer, wĂ€hrend Gabriel Dumont die Verantwortung fĂŒr die militĂ€rischen Angelegenheiten ĂŒbernahm. Riel bildete im selben Monat einen religiös motivierten Rat von etwa 20 MĂ€nnern, den er âExovedatâ[40] nannte, ein Neologismus aus ex (heraus) und ovis (Schaf) mit der Bedeutung âjene, welche die Herde (gemeint ist die katholische Gemeinde) verlassen habenâ. Die in Batoche gefangenen Priester exkommunizierten ihn am 30. April. Bereits im MĂ€rz ersuchte Riel um die UnterstĂŒtzung durch Poundmaker und Big Bear. Am 21. MĂ€rz forderten Riels Abgesandte Crozier auf, Fort Carlton aufzugeben, doch dieser lehnte ab. Die Situation wurde zunehmend kritisch und am 23. MĂ€rz schickte Edgar Dewdney ein Telegramm an Macdonald, in dem er anmerkte, dass ein militĂ€risches Vorgehen notwendig sein könnte. Als eine Gruppe um Gabriel Dumont am 26. MĂ€rz die Gegend um Duck Lake auskundschaftete, stieĂen sie unverhofft auf eine Patrouille aus Fort Carlton. In der darauf folgenden Schlacht von Duck Lake wurden die berittenen Polizisten zurĂŒckgetrieben. Sobald die Indianer davon erfuhren, griffen sie ebenfalls zu den Waffen. Die Nordwest-Rebellion hatte endgĂŒltig begonnen.
Riel war davon ausgegangen, dass die kanadische Bundesregierung nicht in der Lage sein werde, effektiv auf einen weiteren Aufstand in den weit entfernten Nordwest-Territorien zu reagieren und er sie dadurch zu politischen Verhandlungen zwingen könne. Es war dieselbe Strategie, die 1870 wĂ€hrend der Red-River-Rebellion funktioniert hatte. Damals waren die Truppen erst drei Monate nach der MachtĂŒbernahme der Provisorischen Regierung in Manitoba angekommen. Diesmal jedoch hatte Riel die Bedeutung der sich im Bau befindlichen Canadian Pacific Railway unterschĂ€tzt. Obwohl die Eisenbahnlinie noch groĂe LĂŒcken aufwies, trafen die ersten Truppen- und Milizeinheiten unter dem Kommando von Generalmajor Frederick Dobson Middleton bereits zwei Wochen spĂ€ter in Duck Lake ein.
Dumont war sich bewusst, dass er die kanadischen Truppen nicht in offener Schlacht bezwingen konnte und hoffte, sie durch eine langwierige Guerillakampagne zu Verhandlungen zu zwingen. Er konnte am 24. April mit dieser Taktik einen bescheidenen Erfolg in der Schlacht am Fish Creek erzielen. Riel bestand jedoch darauf, die KrĂ€fte in Batoche zu bĂŒndeln, um seine âStadt Gottesâ zu verteidigen. Die Schlacht von Batoche vom 9. bis 12. Mai endete mit der Niederlage der AufstĂ€ndischen. WĂ€hrend Dumont in die Vereinigten Staaten flĂŒchtete, ergab sich Riel am 15. Mai den Regierungstruppen. Zwar hielten Big Bears Truppen bis zur Schlacht am Loon Lake am 3. Juni durch, doch ergaben sie sich schlieĂlich im Laufe eines Monats.[41]
Nach seiner Verhaftung wurde Riel zunĂ€chst in einem MilitĂ€rlager bei Batoche festgehalten. Am 16. Mai 1885 ordnete Verteidigungsminister Adolphe-Philippe Caron seine Ăberstellung nach Winnipeg an, wo ĂŒber ihn geurteilt werden sollte. Der Gefangenentransport begab sich per Eisenbahn dorthin, erhielt aber unterwegs in Moose Jaw direkt von Premierminister Macdonald die Anweisung, Riel nach Regina zu bringen. WĂ€re Riel in der Provinz Manitoba vor Gericht gestellt worden, hĂ€tte eine zwölfköpfige Jury ĂŒber ihn geurteilt, der mehrere französischsprachige Geschworene angehört hĂ€tten. Das in den Nordwest-Territorien geltende Bundesrecht verlangte hingegen nur sechs Geschworene und enthielt keine Vorschriften bezĂŒglich ihrer Zweisprachigkeit. DarĂŒber hinaus hĂ€tte in Manitoba ein unabhĂ€ngiger Laienrichter den Prozess gefĂŒhrt, wĂ€hrend in den Nordwest-Territorien ein von der Bundesregierung eingesetzter und entlohnter Magistrat dafĂŒr verantwortlich war. Der Gefangenentransport kam am 23. Mai in Regina an; Riel wurde in der Kaserne der North-West Mounted Police in einer kaum drei Quadratmeter groĂen Zelle, an eine Eisenkugel gekettet, gefangen gehalten. Er schrieb am 24. Juni an Edgar Dewdney und Richard Burton Deane, den Kommandanten des GefĂ€ngnisses[42], und forderte eine Verhandlung vor dem Obersten Gerichtshof.
Die StaatsanwĂ€lte nahmen ihre Arbeit am 1. Juli auf und sechs Tage spĂ€ter teilten sie Riel mit, dass er wegen Hochverrats angeklagt werde. Am 14. Juli traf Riel erstmals drei seiner AnwĂ€lte: Es waren dies François-Xavier Lemieux[43] und Charles Fitzpatrick[44], zwei Juristen aus QuĂ©bec, die der Association Nationale pour la DĂ©fense des Prisonniers MĂ©tis (âNationale Gesellschaft fĂŒr die Verteidigung von MĂ©tis-Gefangenenâ) angehörten, sowie Thomas Cooke Johnstone[45] aus Ontario, der sich vor kurzem in Regina niedergelassen hatte.
Der Prozess war derart einseitig gegen Riel ausgerichtet, dass dieser praktisch nur verlieren konnte. Von den 36 Personen, die sich als Geschworene zur VerfĂŒgung stellen mussten, sprach nur einer Französisch â und konnte nicht dem Prozess beiwohnen. DarĂŒber hinaus wies die Anklage den einzigen Katholiken â einen Iren â zurĂŒck, weil er nicht britischer Abstammung war. So kam es, dass der Jury ausschlieĂlich englische und schottische Protestanten angehörten, die alle aus der unmittelbaren Gegend um Regina kamen. Auf der Seite der Anklage standen einige der herausragendsten Juristen des Landes. Unter ihnen war ein Frankophoner, der spĂ€tere Postminister Thomas Chase-Casgrain, der spĂ€ter deswegen in seiner Heimatprovinz angefeindet wurde.
Magistrat Hugh Richardson verlas am 20. Juli die Anklageschrift und eröffnete damit den Prozess. Riel wurde in sechs Punkten angeklagt. Man warf ihm vor, die Gefechte von Duck Lake, Fish Creek und Batoche angezettelt und damit Verrat gegen die britische Königin Victoria begangen zu haben. Diese drei Verbrechen wurden doppelt mit fast identischem Wortlaut aufgefĂŒhrt, da Riel sowohl britischer Untertan als auch BĂŒrger der Vereinigten Staaten war.[46] Er plĂ€dierte in allen Punkten auf ânicht schuldigâ. Seine AnwĂ€lte verlangten einen Aufschub, da sie nicht genĂŒgend Zeit fĂŒr ihre Vorbereitung gehabt hĂ€tten und noch nicht alle Zeugen eingetroffen seien. Richardson gewĂ€hrte den Aufschub und vertagte die Verhandlung bis zum 28. Juli.
Die Anklage prĂ€sentierte neun Zeugen, darunter Charles Nolin, der wĂ€hrend der Schlacht von Batoche geflohen, spĂ€ter in Gefangenschaft geraten war und nun als Gegenleistung fĂŒr seine Freilassung gegen seinen Cousin Louis Riel als Kronzeuge aussagte.[47] Im Kreuzverhör versuchte die Verteidigung vergeblich, die geistige InstabilitĂ€t des Angeklagten zu beweisen und dadurch seine Freilassung wegen SchuldunfĂ€higkeit zu erwirken. Die Verteidigung konnte nur am 30. Juli ihre eigenen Zeugen aufrufen. Sie sagten ĂŒbereinstimmend aus, dass Riel geisteskrank sei. Die Anklage wiederum versuchte, die Zeugen der Verteidigung zu diskreditieren. Riel selbst wollte nicht als geisteskrank hingestellt werden und durchkreuzte die Strategie seiner Verteidiger. Er hielt ein lĂ€ngeres SchlussplĂ€doyer, in dem er seine eigenen Taten rechtfertigte und fĂŒr die Rechte der MĂ©tis eintrat.[48]
Nach nur halbstĂŒndiger Beratung sprachen die Geschworenen Riel am 31. Juli schuldig, empfahlen aber seine Begnadigung. Magistrat Hugh Richardson ging nicht auf diese Empfehlung ein, verurteilte den Angeklagten zum Tode und bestimmte den 18. September 1885 als Tag der Hinrichtung. Riels AnwĂ€lte zogen das Urteil an das Appellationsgericht von Manitoba (das auch fĂŒr die Nordwest-Territorien zustĂ€ndig war). SchlieĂlich lehnte am 22. Oktober die höchste richterliche Instanz im Britischen Empire, das Justizkomitee des Privy Council, die Behandlung des Falles ab.
Nach Bekanntwerden des Urteils kam es in QuĂ©bec und anderen französischsprachigen Regionen des Landes zu heftigen Protesten. Premierminister Macdonald gab dem Druck frankophoner Kabinettsmitglieder scheinbar nach und ordnete am 31. Oktober unter höchster Geheimhaltung eine Ă€rztliche Neubeurteilung von Riels Geisteszustand an. Zwei Fachleute hielten ihn fĂŒr geistig gesund, wĂ€hrend ein dritter ihn als geisteskrank betrachtete. Die Regierung Ă€nderte die Aussage des letzteren nachtrĂ€glich ab, um im folgenden Jahr dem Parlament bei der abschlieĂenden Beratung des Falles eine einheitliche Meinung prĂ€sentieren zu können. Macdonald wird wie folgt zitiert:
âHe shall hang though every dog in Quebec bark in his favourâ
âEr wird hĂ€ngen, selbst wenn jeder Hund in QuĂ©bec zu seinen Gunsten bellt.â[49]
Kurz vor seiner Hinrichtung söhnte sich Riel mit der katholischen Kirche aus und bestimmte Pater Alexis AndrĂ© zu seinem spirituellen Berater. Am 16. November 1885 wurde er um acht Uhr morgens aus seiner Zelle zum Richtplatz im Hof der Polizeikaserne gefĂŒhrt. Er betete mit dem Priester, schwor seiner HĂ€resie ab und erhielt die Absolution. Daraufhin vollzog der Henker nach einem letzten Vaterunser die Hinrichtung durch den Strang.[50]
Der Leichnam wurde nach der Hinrichtung zum Haus von Riels Mutter in St. Vital ĂŒberfĂŒhrt und dort aufgebahrt. Nach einem Requiem erfolgte am 12. Dezember im Friedhof der Kathedrale Saint-Boniface die Beisetzung.
Die Bundesregierung erkannte 1887 sĂ€mtliche LandansprĂŒche der MĂ©tis in Saskatchewan an und fĂŒhrte in Ăbereinstimmung mit ihren WĂŒnschen eine Neuvermessung ihrer Flussparzellen durch. Die MĂ©tis schĂ€tzten den langfristigen Wert ihres neuen Besitzes jedoch zum gröĂten Teil falsch ein. Bald kauften Spekulanten das Land zu gĂŒnstigen Konditionen auf und erwirtschafteten groĂe Profite. Riels BefĂŒrchtungen bewahrheiteten sich: Nach der gescheiterten Rebellion wurden die französische Sprache und die römisch-katholische Konfession in Saskatchewan und Manitoba zunehmend marginalisiert. Dies kam insbesondere in der Manitoba-Schulfrage von 1890 zum Ausdruck, als die Provinzregierung die finanzielle UnterstĂŒtzung katholischer Schulen einstellte und dem Französischen den Status als Amtssprache entzog. Die MĂ©tis waren zunehmend dazu gezwungen, auf ertragsarmem Land zu leben oder sich in der NĂ€he von Indianerreservaten niederzulassen (da sie im Gegensatz zu den First Nations keinen Vertragsstatus hatten).
Die Empörung ĂŒber Riels Hinrichtung hatte in QuĂ©bec eine dauerhafte fundamentale VerĂ€nderung der politischen VerhĂ€ltnisse zur Folge. HonorĂ© Mercier entfachte den frankokanadischen Nationalismus und gewann im Januar 1887 auf Kosten der Konservativen die Provinzwahlen. Im selben Jahr ĂŒbernahm Wilfrid Laurier den Vorsitz der Liberalen Partei, er wurde 1896 erster französischsprachiger Premierminister Kanadas. Auf Bundesebene wandten sich die Quebecer von Macdonalds Konservativer Partei ab, die in den folgenden Jahrzehnten ihren Ruf als parti des anglais (âPartei der EnglĂ€nderâ) nicht abschĂŒtteln konnte und als praktisch unwĂ€hlbar galt.[18] Mit Ausnahme Ende der 1950er und Mitte der 1980er Jahre war sie nie mehr stĂ€rkste Kraft in QuĂ©bec.
Unter den katholischen Frankokanadiern herrschte zunehmend die Meinung vor, auĂerhalb QuĂ©becs seien sie im kanadischen Staat lediglich eine rechtlose Minderheit, die von den protestantischen Briten unterdrĂŒckt werde. Weitere Konflikte wie die Manitoba-Schulfrage, die starke EinschrĂ€nkung des französischsprachigen Schulunterrichts in Ontario (siehe Reglement 17) oder die Wehrpflichtkrise wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs verstĂ€rkten in den folgenden Jahrzehnten diesen Eindruck.[18] Dass Riels Name auch in neuerer Zeit politischen Widerhall findet, zeigte sich im November 1994, als Suzanne Tremblay, eine Unterhausabgeordnete des separatistischen Bloc QuĂ©bĂ©cois, eine Gesetzesvorlage einbrachte, welche die Aufhebung von Riels Verurteilung zum Ziel hatte. Die erfolglose Vorlage wurde von englischsprachigen Abgeordneten als Versuch gewertet, kurz vor dem UnabhĂ€ngigkeitsreferendum 1995 in QuĂ©bec die Aufmerksamkeit der Ăffentlichkeit auf die Ziele der Separatisten zu lenken.[51]
Bei den MĂ©tis fĂŒhrte die Niederlage Riels zur Flucht vieler seiner VerbĂŒndeten, wobei sich zahlreiche Familien in die Vereinigten Staaten flĂŒchteten. Diese meist katholischen FlĂŒchtlinge waren so zahlreich, dass die protestantischen MĂštis sĂŒdlich der Grenze bald in die Minderheit gerieten. Dies ging so weit, dass MĂ©tis generell als âkanadischeâ MĂ©tis galten, und damit als Abkömmlinge von Franzosen und Cree, nicht von Franzosen und Ojibwa. 1896 wurden daher 600 aufgegriffene Menschen, die aus ihrem Reservat vertrieben worden waren, auf Befehl von John J. Pershing einfach auf Autos verladen und ins kanadische Lethbridge gebracht, obwohl sie nicht zur kanadischen Gruppe gehörten. Hingegen hatten die so genannten Riel-MĂ©tis keine Probleme, als âIndianerâ anerkannt zu werden, und ein Reservat zu erhalten. Die Nachkommen der Landlosen gehören inzwischen dem Little Shell Tribe an, der erst 1991 von Montana anerkannt wurde, von der Bundesregierung bis heute nicht.[52]
Die ursprĂŒnglich insbesondere bei Anglokanadiern weit verbreitete Ansicht, Louis Riel sei ein geisteskranker VerrĂ€ter gewesen, fand in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts zunehmend weniger Zuspruch. Viele Kanadier betrachten ihn mittlerweile als heldenhaften FreiheitskĂ€mpfer, der gegen eine rassistische Regierung fĂŒr die Rechte seines Volkes eintrat. Selbst jene, die nicht an seiner Geisteskrankheit zweifeln, halten ihn ĂŒberwiegend fĂŒr eine ehrenwerte Person. Dennoch stellt Riel eine rĂ€tselhafte Persönlichkeit dar und Historiker wie J. M. S. Careless lassen die Möglichkeit offen, dass er sowohl Mörder als auch Held war.[53]
Es ist denkbar, dass Riels ĂŒbereilte Entscheidung, Thomas Scott hinzurichten, der Geschichte der MĂ©tis eine entscheidende Wende gab. So lieĂ es die kanadische Regierung kurz nach der Red-River-Rebellion zu, dass Spekulanten weitgehend unbehelligt den Landbesitz der MĂ©tis an sich rissen. WĂ€re Scott nicht hingerichtet worden, hĂ€tte die Regierung angesichts der frĂŒheren guten Beziehungen zu den MĂ©tis die Landvermessungen wohl weitaus rigoroser ĂŒberwacht. Mehrere Politikwissenschaftler, darunter Thomas Flanagan, weisen darauf hin, dass es einige Gemeinsamkeiten zwischen den AnhĂ€ngern Riels wĂ€hrend der Nordwest-Rebellion und millenaristischen Kulten gibt, die in derselben Epoche in Erscheinung traten. Andere Gruppierungen nutzten Riels Image als RevolutionĂ€r: In den 1960er Jahren trug eine der terroristischen Zellen der marxistisch-nationalistischen Front de libĂ©ration du QuĂ©bec den Namen âLouis Rielâ.
Generalgouverneurin Adrienne Clarkson betonte in ihrer Antrittsrede am 16. November 1999, Louis Riels Handlungen seien die Grundlage fĂŒr die Entwicklung der Rechte von Minderheiten und die Kooperation verschiedener Kulturen in Kanada gewesen.[54]
Zwei Statuen in der Stadt Winnipeg erinnern an Louis Riel. Die Ă€ltere, ein Werk des Architekten Ătienne Gaboury (ein Nachkomme Riels) und des Bildhauers Marcien Lemay, zeigt ihn als verzerrte, nackte und gefolterte Figur. Sie wurde 1970 enthĂŒllt und stand zunĂ€chst wĂ€hrend 23 Jahren auf dem GelĂ€nde der Legislativversammlung von Manitoba. Nach zahlreichen Protesten (insbesondere der MĂ©tis), wonach die Statue eine unwĂŒrdige Falschdarstellung sei, wurde sie entfernt und beim CollĂšge universitaire de Saint-Boniface aufgestellt. Als Ersatz schuf Miguel Joyal eine neue Bronzestatue, die Riel als wĂŒrdevollen Staatsmann darstellt. Die EnthĂŒllung erfolgte am 16. Mai 1996.[55]
In zahlreichen Orten in Manitoba, Saskatchewan und anderen Provinzen wurden StraĂen, Schulen und andere GebĂ€ude nach Louis Riel benannt, beispielsweise das Studentenzentrum der University of Saskatchewan in Saskatoon.[56]
Unter Denkmalschutz steht das Louis Riel House in Winnipeg. Das Wohnhaus von Louis Riels Mutter entstand 1880/81; er selbst lebte nie dort, doch wurde dort sein Leichnam vor der Beisetzung aufgebahrt. Das Haus an der River Road 330 im Stadtteil St. Vital blieb bis 1968 in Familienbesitz. Es wurde im April 1968 von der Manitoba Historical Society erworben und ging 1970 an Parks Canada ĂŒber.[57] Seit 1980 ist es ein National Historic Site und fĂŒr die Ăffentlichkeit zugĂ€nglich.[58]
Die wichtigste Nord-SĂŒd-StraĂenverbindung der Provinz Saskatchewan, der Highway 11 von Regina ĂŒber Saskatoon nach Prince Albert, trĂ€gt seit 2001 den Namen Louis Riel Trail. Die StraĂe fĂŒhrt an verschiedenen SchauplĂ€tzen der Nordwest-Rebellion vorbei.[59]
Am 26. September 2007 verabschiedete die Legislativversammlung von Manitoba ein Gesetz, das die EinfĂŒhrung eines gesetzlichen Feiertages auf Provinzebene vorsieht, den Louis Riel Day. Er fĂ€llt jeweils auf den dritten Montag im Februar und entspricht in mehreren anderen Provinzen dem Familientag.[60] Erstmals wurde er am 18. Februar 2008 gefeiert. Riel wird inzwischen hĂ€ufig als âVater von Manitobaâ bezeichnet.[61]
1925 veröffentlichte der französische Schriftsteller Maurice Constantin-Weyer, der wĂ€hrend zehn Jahren in Manitoba gelebt hatte, eine fiktionalisierte Biografie Riels mit dem Titel La Bourrasque. Eine englische Ăbersetzung (A Martyrâs Folly) erschien 1930, eine neue Version (The Half-Breed) im Jahr 1954.[62] Riels Rolle in der Red-River-Rebellion wird unter anderem im CBC-Fernsehfilm Riel aus dem Jahr 1979 und in dem 2003 von Drawn and Quarterly veröffentlichten und von Chester Brown gezeichneten Graphic Novel Louis Riel: A Comic-Strip Biography thematisiert.[63][64] Eine Folge der Fernsehserie Durch die Hölle nach Westen (How the West Was Won) aus dem Jahr 1979 hieĂ LâAffaire Riel und handelte von Louis Riels Aufenthalt in den USA.[65]
Aus Anlass der Hundertjahrfeiern der Kanadischen Konföderation im Jahr 1967 gab die Floyd S. Chalmers Foundation die Oper Louis Riel in Auftrag. Die Oper in drei Akten wurde von Harry Somers geschrieben, mit einem englisch- und französischsprachigen Libretto von Mavor Moore und Jacques Languirand. Die UrauffĂŒhrung durch die Canadian Opera Company fand am 23. September 1967 im OâKeefe Centre in Toronto statt.[66] Der britische SĂ€nger Billy Childish schrieb das Lied Louis Riel und veröffentlichte es 1992 mit seiner Garagenrock-Band Thee Headcoats. Ein gleichnamiges Lied aus dem Jahr 1998 stammt vom Texaner Doug Sahm und ist auf dessen Album S.D.Q. â98 zu finden.
Am 22. Oktober 2003 stellten die kanadischen Nachrichtensender CBC Newsworld und RĂ©seau de lâinformation in Zusammenarbeit mit dem Dominion Institute die Gerichtsverhandlung von Louis Riel nach. Parallel dazu erschienen die PlĂ€doyers von Anklage und Verteidigung sowie Riels Aussage in der Zeitung National Post. Die Zuschauer wurden anschlieĂend gebeten, ihr Urteil ĂŒber Internet abzugeben. Von den ĂŒber 10.000 Teilnehmern plĂ€dierten 87 % âunschuldigâ.[67] Das Ergebnis dieser nicht reprĂ€sentativen Umfrage fĂŒhrte zu Forderungen nach einer posthumen Begnadigung Riels. In der CBC-Fernsehsendung The Greatest Canadian vom 5. April 2004, in der nach dem bedeutendsten Kanadier gesucht wurde, wĂ€hlten die Zuschauer Louis Riel auf Platz 11.[68]
Den am Konflikt beteiligten Personen und Institutionen entsprechend sind die Quellen zu Riel zwischen Manitoba und Saskatchewan, Ottawa und London verstreut. Dabei wurden schon kurz nach seinem Tod erste Werke Riels publiziert, Umfassende Quelleneditionen kamen vor allem zum 100. Todestag zustande. Neben staatlichen Forschungsstellen, wie denen der UniversitÀten von Alberta, Manitoba und Saskatchewan tat sich dabei das Louis Riel Institute of the Manitoba Métis Federation hervor. Die UniversitÀt von Saskatchewan bietet eine Datenbank zur Suche nach Archivalien auf ihrer Website The Northwest Resistance
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Dieser Artikel wurde am 11. Oktober 2009 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. |
| Personendaten | |
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| NAME | Riel, Louis |
| ALTERNATIVNAMEN | Riel, Louis David (vollstÀndiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | kanadischer Rebell und Politiker |
| GEBURTSDATUM | 22. Oktober 1844 |
| GEBURTSORT | Red-River-Kolonie |
| STERBEDATUM | 16. November 1885 |
| STERBEORT | Regina |