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Ludwig Dehio (* 25. August 1888 in Königsberg (PreuĂen); â 24. November 1963 in Marburg) war ein deutscher Historiker und Archivar.
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Ludwig Dehio wurde 1888 als Sohn des Kunsthistorikers Georg Dehio in Königsberg geboren und besuchte dort auch das Gymnasium, bis er nach dem Abitur 1906 in StraĂburg Geschichte, Kunstgeschichte und Nationalökonomie, auĂerdem Philosophie und Philologie, studierte. 1913 promovierte er bei Harry Bresslau ĂŒber Innozenz IV. und England zum Dr. phil., bevor er am Ersten Weltkrieg als Reserveoffizier an der Westfront teilnahm.
In der Zeit der Arbeit an seiner Dissertation begann Dehio, beeinflusst von Friedrich Meinecke und Oswald Spengler, âsich mehr und mehr fĂŒr ĂŒbernationale kulturelle Gebilde und deren Entwicklung zu interessierenâ, wodurch er spĂ€ter weniger das PreuĂentum und den scharfen Nationalismus pflegte, die er in seinem Elternhaus kennen gelernt hatte.[1]
Nach Kriegsende trat er, anstatt eine akademische Karriere zu verfolgen, aus gesundheitlichen und finanziellen GrĂŒnden in den preuĂischen Archivdienst ein. Nach seiner Assistentenzeit arbeitete er am Staatsarchiv Berlin und spĂ€ter als Staatsarchivrat am PreuĂischen Geheimen Staatsarchiv in Berlin. Mit der Weimarer Republik begannen so âdrei Jahrzehnte relativer und wĂ€hrend der Hitler-Zeit schlieĂlich völliger ZurĂŒckgezogenheit im PreuĂischen Archivdienst.â[1]
Unter nationalsozialistischer Herrschaft ab 1933 galt Dehio, der Enkel Ludwig FriedlĂ€nders,[2] als âVierteljudeâ und konnte daher nicht mehr publizieren. Seine TĂ€tigkeit im Brandenburg-PreuĂischen Hausarchiv in Charlottenburg wurde ihm dadurch nicht verwehrt, weshalb er sich auf sie konzentrierte. 1946 wurde Dehio Direktor des Staatsarchivs Marburg (bis 1954), wohin er noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs versetzt worden war.
Ab diesem Zeitpunkt gewann Dehios Karriere als Historiker gröĂere Bedeutung: Obwohl er stets als âAuĂenseiter der Zunftâ (Winfried Schulze) galt, stand er plötzlich im Zentrum der deutschen Historiker, als er noch 1946 die Herausgeberschaft der Historischen Zeitschrift (bis 1956)[3] ĂŒbernehmen konnte, da sich der frĂŒhere Herausgeber Friedrich Meinecke fĂŒr ihn eingesetzt hatte. Mit der Aufgabe, die Historische Zeitschrift, deren erste Nachkriegs-Ausgabe 1949 erschien, zu leiten, hatte er eine SchlĂŒsselposition der deutschen Geschichtswissenschaft inne. Er erhielt sogar einen Ruf an die UniversitĂ€t Marburg auf den Lehrstuhl des durch sein Entnazifizierungs-Verfahren belasteten Wilhelm Mommsen, den er jedoch mit dem Hinweis ablehnte, nicht als ânichtarischer Konjunkturritterâ gelten zu wollen. Stattdessen wurde er Honorarprofessor fĂŒr mittlere und neuere Geschichte in Marburg und betrieb dort die GrĂŒndung der Archivschule, deren erster Direktor er von 1950 bis 1954 war.
Ludwig Dehio starb nach langer Krankheit im Alter von 75 Jahren am 24. November 1963 in Marburg. Sein Nachlass liegt im Marburger Staatsarchiv.
Ludwig Dehio gehörte in den 1920er und 1930er Jahren mit seiner gemĂ€Ăigt national-konservativen Orientierung zum Mainstream der deutschen Geschichtsschreibung dieser Zeit. Er befasste sich vornehmlich mit preuĂisch-deutscher Geschichte im 19. Jahrhundert.
Die Stigmatisierung als âVierteljudeâ zur Zeit der NS-Herrschaft, die weitere Veröffentlichungen verhinderte, stellt einen Bruch in seinem wissenschaftlichen Werk dar. Mit seinem vielbeachteten Hauptwerk âGleichgewicht und Hegemonie. Betrachtungen ĂŒber ein Grundproblem der neueren Staatengeschichteâ (1948) prĂ€gte er seine Position im Nachkriegsdeutschland. Seine wichtigsten AufsĂ€tze dieser Ăra veröffentlichte er gesammelt 1955 unter dem Titel âDeutschland und die Weltpolitik im 20. Jahrhundertâ. Die Zeitschrift Der Spiegel reagierte 1956 mit einer Kontroverse ĂŒber die Frage der deutschen Wiedervereinigung auf dieses Buch.[4]
Doch auch nach Ende des Nationalsozialismus behielt Dehio eine Art AuĂenseiterposition bei, die auf seiner Interpretation deutscher Geschichte grĂŒndete. WĂ€hrend seine Zeitgenossen weithin das âDritte Reichâ als einen âBetriebsunfallâ der Geschichte betrachten wollten, betonte Dehio in seinen Arbeiten die KontinuitĂ€t zwischen preuĂisch-deutschem und nationalsozialistischem Streben nach Hegemonie in Europa. Diese Hegemoniebestrebungen wiederum stellte er in eine Reihe mit den neuzeitlichen kontinentaleuropĂ€ischen Hegemoniebestrebungen, die alle auch an den erfolgreichen EindĂ€mmungsversuchen der âFlĂŒgelmĂ€chteâ scheiterten: âKarl V., Philipp II., Ludwig XIV., Napoleon I., Wilhelm II. und Hitlerâ verkörperten diese Versuche, die Vorherrschaft ĂŒber Europa zu erlangen.[5] Daraus leitete er ab, es sei âein Grundgesetz, daĂ die AuĂenrĂ€ume im Westen wie Osten, direkt oder indirekt als Gegengewichte gegen die Zusammenfassung der Mitte wirkenâ.[6] Dabei verĂ€ndere sich das Zentrum der Hegemoniebestrebungen (Habsburgerreich, Spanien, Frankreich, Deutschland) und die gemeinsam mit dem technologischen Fortschritt sich wandelnden Mittel. Nach dem Zusammenbruch 1945 habe sich das Grundprinzip aber zugunsten eines Kampfes zweier SupermĂ€chte auĂerhalb Europas aufgehoben.[5]
âUnd da ihn die beiden deutschen âKatastrophenâ immer am meisten beschĂ€ftigten, gehören die Interpretationen, die er ĂŒber Deutschlands AnlĂ€ufe zur Hegemonie und deren Blockierung durch die FlĂŒgelmĂ€chte geliefert hat, zu den besten, die wir bis heute besitzen.â
Dehios Kritik an der vergangenen deutschen Weltmachtpolitik machte auch vor dem Anteil der Eliten daran nicht Halt. Er forderte eine universalgeschichtliche und ĂŒbernationale Betrachtung der Geschichte anstelle der traditionellen auf den Nationalstaat orientierten Herangehensweise. Die groĂe Mehrheit der Historiker-Zunft stand in scharfem Gegensatz zu diesen Positionen, so dass ein erbitterter Streit mit dem zweiten prĂ€genden Kopf der westdeutschen Nachkriegs-Geschichtswissenschaft, Gerhard Ritter, entbrannte.[7]
âMit seiner kritischen Sicht auf den deutschen Imperialismus und Militarismus im 20. Jahrhundert nahm er Thesen vorweg, die spĂ€ter von Fritz Fischer empirisch untermauert und weiter verschĂ€rft wurden und in die sogenannte Fischer-Kontroverse Anfang der sechziger Jahre mĂŒndeten.â
â Thomas Beckers[8]
Dehios Rezeption im Ausland verlief deutlich wohlwollender, als unter den ĂŒberwiegend national-konservativen Historikern im Nachkriegsdeutschland. Das beeintrĂ€chtigte nicht Einfluss und Ansehen, das er jenseits der Fachhistoriker genoss. So schrieb etwa Hans Kudszus 1958 im Tagesspiegel:
âEs gehört zu den gröĂten Verdiensten Dehios als Historiker, daĂ er jene Frage mit ungewöhnlicher gedanklicher IntensitĂ€t in einer neuen und kĂŒhnen Geschichtsauffassung behandelte, die Rankes zeitgebundenes und in kontinentalem Denken befangenes Geschichtsbild zwar als Ausgangspunkt ĂŒbernahm, es aber durch den neuen Sinn fĂŒr die Bedeutung RuĂlands und der wachsenden angelsĂ€chsischen Seeherrschaft erweiterte und korrigierte; und das mit den Hilfsmitteln nĂŒchterner historischer Forschung, die vielleicht geistreiche, aber sachlich nicht ausweisbare Aperçus und phantasievolle Konstruktionen ausschlieĂt.â
â Hans Kudszus[9]
Auf methodischem Gebiet blieb Dehio dem Historismus allerdings ebenso verbunden wie der traditionellen Diplomatie- und Politikgeschichte. âDenn letztlich reduziert er diese [Macht-]Politik auf ein mit einer dĂ€monischen QualitĂ€t behaftetes Machtstreben.â[10] So sei das âDritte Reichâ die âhöchstdĂ€monisierte Hegemonialmachtâ, Hitler der dazugehörige âleibliche DĂ€monâ und das âsatanische Genieâ.[11] FĂŒr die Ursachen, mit denen man die von ihm beschriebenen PhĂ€nomene erklĂ€ren kann, hat er jedoch höchstens AnsĂ€tze gefunden.[12] Dennoch konnte er durch sein Werk die Reform der deutschen Geschichtswissenschaft vorbereiten, die in den 1960er und 1970er Jahren von der nachwachsenden Historikergeneration betrieben wurde. Dazu gehörte auch seine Auffassung von der Aufgabe der Geschichtswissenschaft: âDa der Mensch auf die Vergangenheit zurĂŒckblicke, um sich auf das Kommende vorzubereiten, forderte er selber eine Historia activa, eine Geschichtswissenschaft mit politischem Engagement.â[10]
Als Herausgeber der Historischen Zeitschrift war Dehio fĂŒr den Aufsatzteil zustĂ€ndig, den Besprechungsteil ĂŒbernahm bald der bereits frĂŒher fĂŒr die HZ tĂ€tige Walther Kienast. Dehio bemĂŒhte sich, das in der Zeit des Nationalsozialismus gesunkene Ansehen der HZ im In- und Ausland wieder herzustellen, und legte dazu Wert darauf, BeitrĂ€ge von namhaften Historikern in der HZ zu platzieren.
Die Ausrichtung der Dehioâschen politisch aktiven Geschichtswissenschaft deutete sich in seinen KontinuitĂ€tsvorstellungen des europĂ€ischen Hegemonialkampfes bereits an. Die Freiheit beschreibt er stets als auf der Seite der Seite der FlĂŒgelmĂ€chte stehend, die sich âgegen die alle Kultur tötenden Vernichtungs- und Nivellierungstendenzen der kontinentalen HegemonialmĂ€chteâ[13] lediglich zur Wehr setzen mussten. Mit Dehios Bruch von 1945 habe Amerika, das schon zuvor die abendlĂ€ndische Kultur mit verteidigt habe, die Aufgabe angenommen, nun die Hegemonialbestrebungen der zur Supermacht aufgestiegenen Sowjetunion einzudĂ€mmen. Das gelĂ€uterte Deutschland, so die politische Forderung seiner gesammelten AufsĂ€tze, mĂŒsse auf der Seite des Westens unter der FĂŒhrung der USA gegen die ârote Sintflutâ antreten.[14] Damit ist Dehio âmehr als der verdiente Historiker [âŠ]; er ist der Historiker des Kalten Krieges ĂŒberhaupt.â[15] Zwar wollte Dehio nicht, wie sein Opponent Gerhard Ritter, die patriotischen GefĂŒhle der Deutschen wiedererwecken: âVielmehr galt es ihm, die KrĂ€fte einer supranational verstandenen abendlĂ€ndischen Kultur zum Abwehrkampf gegen den Kommunismus zu sammeln.â[16]
Diese Haltung Dehios stieĂ von Seiten der an der Historischen Sozialwissenschaft orientierten Historikern auf die Kritik, dass es ihm â wie letztlich der amerikanischen Politik â nicht einfach um die Verteidigung der Freiheit ging, sondern âletztlich um die recht kalt kalkulierte Konservierung und Stabilisierung einer bestimmten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungâ, bei deren Freiheit âes sich um die Freiheit einer MinoritĂ€t handelte. Es spricht manches dafĂŒr, daĂ diese Freiheit der wenigen auch die war, die Ludwig Dehio meinte, und daĂ er daher wahrscheinlich auch die heutige Kritik an den USA gar nicht verstanden hĂ€tte.â[17]
âKein Zweifel, Dehio, der humanistische BildungsbĂŒrger und Kenner klassizistischer Baukunst, der eurozentrische Weltgeschichte mit pĂ€dagogischer Absicht schrieb, gehörte zu den groĂen Advokaten des gesellschaftlichen Status quo. [âŠ] Von diesem Blickwinkel her wird es nun auch verstĂ€ndlicher, warum er Geschichte so stark unter dem Primat der AuĂenpolitik sah, wĂ€hrend er deren innenpolitische Wurzeln durch seine These von der DĂ€monie der Macht irrationalisierte und damit letztlich verschleierte.â
â Volker R. Berghahn.[18]
Ganz anders waren die Anfeindungen orientiert, denen Dehio von Seiten des einflussreichen Historikers Gerhard Ritter ausgesetzt war, und die seit Anfang der 1950er Jahre die Vorgeschichte zur Fischer-Kontroverse bildeten. Ritter schrieb 1962 zum Auftakt des Streits mit Fritz Fischer in einer Rezension von dessen Griff nach der Weltmacht:[19]
âZusammenfassend lĂ€Ăt sich sagen, daĂ in diesem Werk sich zum ersten Male die ebenso glĂ€nzende wie gefĂ€hrliche (weil zuletzt doch nur halbwahre) These Ludwig Dehiosâ von dem âHegemonialkampfâ als Wesen beider Weltkriege in einer groĂen, aus den Quellen schöpfenden Darstellung ausgewirkt hat. Zugleich wird in ihm ein erster Gipfel erreicht in der politisch-historischen Modeströmung unserer Tage: in der Selbstverdunkelung deutschen GeschichtsbewuĂtseins.â
â Gerhard Ritter
Der Nachlass von Ludwig Dehio ist Teil des Familienarchivs Dehio-FriedlÀnder und wird im Hessischen Staatsarchiv Marburg (Bestand 340 Dehio-FriedlÀnder) aufbewahrt.[20]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dehio, Ludwig |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Historiker |
| GEBURTSDATUM | 25. August 1888 |
| GEBURTSORT | Königsberg |
| STERBEDATUM | 24. November 1963 |
| STERBEORT | Marburg |