|
|
Lexikon auf Ihrer Homepage |
|
Lexikon als Lesezeichen hinzufügen |
Jorge Mario Pedro Vargas Llosa (* 28. MĂ€rz 1936 in Arequipa, Peru), seit 2011: MarquĂ©s (Markgraf) de Vargas Llosa[1], ist ein peruanisch-spanischer Schriftsteller und Politiker. Er ist einer der fĂŒhrenden lateinamerikanischen Romanciers und Essayisten. Vargas Llosa bezeichnete sich im Jahr 2001 als âliberalen Demokratenâ.[2] Im Dezember 2010 wurde er mit dem Nobelpreis fĂŒr Literatur ausgezeichnet.[3]
Inhaltsverzeichnis |
Die Eltern von Mario Vargas Llosa, die sich schon vor seiner Geburt trennten, sind Ernesto Vargas Maldonado, Telegraphist und Flugplatzfunker der Panagra-Gesellschaft in Tacna, sowie Dora Llosa Ureta. Seine Mutter entstammt einer aus Spanien stammenden Mittelschichtfamilie. Nicht zuletzt wegen ihrer schwierigen Situation als Alleinerziehende ĂŒbersiedelte sie mit ihren Eltern und ihrem damals einjĂ€hrigen Sohn nach Cochabamba in Bolivien. Dort verbrachte Vargas Llosa seine Kindheit, absolvierte die Grundschule am katholischen Colegio La Salle. Unter der Regierung von JosĂ© Luis Bustamante y Rivero wurde sein GroĂvater mĂŒtterlicherseits PrĂ€fekt in der nordperuanischen Stadt Piura, weshalb sich die gesamte Familie dort niederlieĂ. 1946 lernte er seinen Vater kennen, worauf er zusammen mit seiner Mutter zu ihm nach Lima zog.
In Piura und Lima besuchte Vargas Llosa weiterhin Schulen der Salesianer Don Boscos,[4] bevor er auf Betreiben seines Vaters fĂŒr zwei Jahre an eine MilitĂ€rschule in Callao wechselte. Das letzte Jahr seiner Schulausbildung verbrachte er wieder in Piura, wo er, wie bereits zuvor in Lima, nebenbei in der Redaktion einer Lokalzeitung mitarbeitete und sein erstes TheaterstĂŒck Die Flucht des Inka zur AuffĂŒhrung brachte.
Nach dem Schulabschluss begann Vargas Llosa in Lima gleichzeitig ein Jura- und Literaturstudium an der HauptnationaluniversitĂ€t San Marcos; letzteres schloss er ab. Seine schriftstellerische BetĂ€tigung nahm in dem MaĂe zu, wie seine TĂ€tigkeit als Journalist nachlieĂ.
In Lima heiratete er mit 19 Jahren Julia Urquidi Illanes, die Schwester einer SchwĂ€gerin der Mutter. Die Ehe blieb kinderlos und wurde 1964 wieder geschieden. Mit dem Stipendium Javier Prado promovierte er in Philosophie und Literatur ab 1959 an der UniversitĂ€t Complutense Madrid. Im selben Jahr erhielt er fĂŒr die ErzĂ€hlungen Die AnfĂŒhrer den Leopoldo-Alas-Preis, lieĂ sich in Paris nieder und arbeitete zusammen mit seiner damaligen Frau fĂŒr die französische Rundfunk- und Fernsehanstalt sowie als Journalist fĂŒr die Nachrichtenagentur Agence France-Presse.
Erstes Aufsehen als Schriftsteller erregte Vargas Llosa mit dem Roman Die Stadt und die Hunde (La ciudad y los perros).
1965 heiratete er in Lima seine Cousine Patricia Llosa, die er an der Pariser Sorbonne kennengelernt hatte und mit der er drei Kinder hat: Ălvaro Vargas Llosa, Schriftsteller, Gonzalo und Morgana, Fotografin. Kurz nach der Heirat zog er mit seiner Frau nach Europa, wo er in Paris, London und Barcelona lebte. 1974 kehrte er nach Peru zurĂŒck und wurde im Fernsehen Leiter und Moderator eines politischen Programms.
Von anfÀnglich linken Positionen distanzierte sich Vargas Llosa ab den 1960er Jahren.[5]
In den 1980er Jahren wandte sich Vargas Llosa der Politik zu. Im Unterschied zu den meist linksgerichteten anderen sĂŒdamerikanischen Intellektuellen jener Zeit vertrat Vargas Llosa, selbst ursprĂŒnglich links, ĂŒberzeugt liberale Positionen.[6] In seiner autobiographischen Schrift Der Fisch im Wasser â Erinnerungen schildert er diese Entwicklung vom Linken zum ĂŒberzeugten âNeoliberalenâ, wie es Dieter Plehwe ausdrĂŒckt.[7] Den Ausdruck Neoliberalismus bewertet Vargas Llosa allerdings als eine âvon Feinden des Liberalismus kreierte Karikaturâ.[8] Vargas Llosa sieht sich selbst, so sein Biograf Juan JosĂ© Armas Marcelo, als âliberal ohne weitere ZusĂ€tze, mit allem, was der Begriff traditionell bedeutet, politisch und intellektuell.â[9] 1986 kritisierte er in Bezug auf Gabriel GarcĂa MĂĄrquez die seiner Ansicht nach einseitige und kritiklose Ăberbewertung des sozialistischen Modells durch einige lateinamerikanische Intellektuelle[10] mit folgenden Worten:
Im Fall Uchuraccay, der irrtĂŒmlichen Ermordung von acht Journalisten durch indianische Bauern, ĂŒbertrug ihm der peruanische PrĂ€sident Fernando Belaunde den Vorsitz der Untersuchungskommission. Als die von der linksgerichteten Partei APRA gebildete Regierung unter Alan GarcĂa PĂ©rez 1987 das peruanische Bankenwesen verstaatlichen wollte, fĂŒhrte er den Protest dagegen an. 1987 war Vargas Llosa MitbegrĂŒnder und bald darauf Vorsitzender des liberalen Movimiento Libertad. 1988 bildete die Partei mit den zwei groĂen peruanischen konservativen Parteien eine Allianz, die Frente DemocrĂĄtico (FREDEMO). 1990 bewarb sich Vargas Llosa fĂŒr die FREDEMO um das peruanische PrĂ€sidentenamt. Er trat fĂŒr die Privatisierung von Staatseigentum und eine freie Marktwirtschaft ein. WĂ€hrend des Wahlkampfes galt er als Favorit und erhielt im ersten Wahlgang mit 34 Prozent die meisten Stimmen. In der Stichwahl siegte allerdings der AuĂenseiter Alberto Fujimori mit 56,5 Prozent.
Nach der verlorenen Wahl wandte sich Vargas Llosa wieder der Literatur zu und wurde Dozent fĂŒr lateinamerikanische Literatur an mehreren US-amerikanischen UniversitĂ€ten. Er schrieb Essays fĂŒr die spanische Tageszeitung El PaĂs. SpĂ€ter verlieĂ er Peru und wechselte nach Madrid, wo er 1993 die spanische StaatsbĂŒrgerschaft erhielt und 1995 Mitglied der Real Academia Española (Königlich Spanische Akademie [fĂŒr Sprache]) wurde. Zur Zeit lebt er in London.
Am 7. Oktober 2010 wurde bekanntgegeben, dass Vargas Llosa den Nobelpreis fĂŒr Literatur 2010 âfĂŒr seine Kartographie der Machtstrukturen und scharfkantigen Bilder individuellen Widerstands, des Aufruhrs und der Niederlageâ erhĂ€lt.[12] Die Preisverleihung erfolgte am 10. Dezember 2010 in Stockholm.
Im Zusammenhang mit den peruanischen PrĂ€sidentschaftswahlen 2011 sorgte Vargas Llosa fĂŒr nationales und internationales Aufsehen, da er die sich abzeichnende Entscheidung zwischen den Kandidaten Ollanta Humala und Keiko Fujimori mit der Wahl zwischen âAids und Krebs im Endstadiumâ verglich.[13][14] Als es nach dem ersten Wahlgang vom 10. April 2011 tatsĂ€chlich zur Stichwahl zwischen diesen beiden Politikern kam, sprach er aber gegen Ende Mai Ollanta Humala öffentlich seine UnterstĂŒtzung aus und bat alle âperuanischen Demokratenâ (Zitat) fĂŒr diesen Kandidaten zu stimmen.
Seine Nichte ist die peruanische Filmregisseurin Claudia Llosa, sein Cousin der peruanische Filmregisseur Luis Llosa.
Im Januar 2012 lehnte der 75-JĂ€hrige das Angebot des neu ins Amt gekommenen spanischen Regierungschefs Rajoy ab, die Leitung des dem Goetheinstitut vergleichbaren spanischen Cervantes-Instituts zu ĂŒbernehmen. Die Tageszeitung El PaĂs gab an, dass Vargas Llosa den angebotenen Posten als âunvereinbarâ mit seiner Schriftsteller-TĂ€tigkeit ansehe.[15]
Viele von Vargas Llosas Werken spielen in Peru und thematisieren dessen Gesellschaft. Er kritisiert hĂ€ufig undemokratische und korrupte links- oder rechtsgerichtete Systeme, die niedrige Schwelle zur Gewaltbereitschaft, und die teilweise rassistische Klassenordnung in Peru und allgemein in Lateinamerika. SpĂ€tere Werke spielen â da er nun durch vermehrte ReisetĂ€tigkeit als anerkannter Autor auch verstĂ€rkt Auslandserfahrungen sammelte â auch in anderen LĂ€ndern Lateinamerikas wie Brasilien oder der Dominikanischen Republik. Vargas Llosas Werk greift aber auch davon ausgehend universelle, ĂŒber Lateinamerika hinausgehende Themen auf.
Sein Schaffen umfasst neben dem âStandardromanâ auch die Genres der Kriminalgeschichte, des Politischen Thrillers, des Historischen Romans, der Komödie, sowie TheaterstĂŒcke, Essays, politische Schriften und literaturwissenschaftliche Abhandlungen. Viele seiner Schriften haben autobiographischen Charakter.
Aufgrund der seinen Werken inhĂ€renten, ideologieunabhĂ€ngigen Kritik gegenĂŒber allen antidemokratischen und die Menschenrechte missachtenden Regierungen setzte sich Vargas Llosa âzwischen alle StĂŒhleâ und wurde sowohl von links- wie rechtsgerichteten Vertretern und Staaten seines Heimatlandes, in anderen lateinamerikanischen Staaten sowie zum Teil in der westlichen Ăffentlichkeit scharf angegriffen. Dem stehen zahlreiche Ehrungen fĂŒr sein Schaffen durch Organisationen gegenĂŒber, die der Demokratie und dem Humanismus verpflichtet sind.
Die BĂŒcher Vargas Llosas werden in deutscher Ăbersetzung vom Suhrkamp Verlag herausgegeben. Ein von der spanischen Agentur des Autors organisierter und im November 2010 angekĂŒndigter Verlagswechsel zu Rowohlt fĂŒr das neue Buch El sueño del celta wurde nach einer Intervention des Autors rĂŒckgĂ€ngig gemacht. Die deutsche Ăbersetzung mit dem Titel Der Traum des Kelten ist am 12. September 2011 bei Suhrkamp erschienen.[16] Das Buch zeichnet die Lebensgeschichte des irischen FreiheitskĂ€mpfers Roger Casement nach.
Einige seiner Werke und die in ihnen verwendeten Motive und literarischen Techniken werden im Folgenden exemplarisch behandelt.
In der ErzĂ€hlsammlung (Die AnfĂŒhrer) Los jefes von 1959 und im Roman Die Stadt und die Hunde (La ciudad y los perros) von 1963, durch den er erstmals einem breiteren Publikum bekannt wurde, verarbeitet Vargas Llosa autobiographische Erfahrungen aus der Kadettenanstalt. In diesem Roman wird gezeigt, wie eine von einem AnfĂŒhrer, genannt Jaguar, autoritĂ€r angefĂŒhrte Clique die MachtverhĂ€ltnisse innerhalb der Kadettenanstalt regelt. Ein MitschĂŒler, der den Diebstahl eines Examenstextes aufdeckt, wird erschossen, und andere an der AufklĂ€rung interessierte Personen werden durch Druck zum Schweigen gebracht. Die Welt der Kadettenanstalt erweist sich als paradigmatisch fĂŒr durch Machismo, MachtkĂ€mpfe und GroĂspurigkeit geprĂ€gte Gesellschaftsstrukturen, in der der StĂ€rkere sich mittels mafiaĂ€hnlicher Strukturen durchsetzt. Das Buch wurde 1964 in Lima öffentlich verbrannt.
In Die jungen Hunde. Schwanz Cuellar (Los cachorros. Pichula Cuellar) von 1967 beschreibt Vargas Llosa Frustration als Resultat eines sozialen Determinismus, dessen Kompensation durch waghalsiges Machogehabe und den letztendlich scheiternden Versuch sozialer Integration.[17]
Die Werke von La ciudad y los perros bis Conversaciones en La Catedral von 1969 sind geprĂ€gt von Vargas Llosas eigener Literaturtheorie des totalen Romans (novela total oder totalizante), nach welcher dieser das nicht bescheidene Ziel verfolgen solle, ein möglichst vollstĂ€ndiges, mimetisches Abbild der RealitĂ€t zu schaffen, das alle Facetten der Wirklichkeit abbilde und damit eine autonome und selbststĂ€ndige Welt bilde. Vargas Llosa sieht dies in Tolstois Krieg und Frieden, Thomas Manns Der Zauberberg, sowie im von ihm bewunderten Ritterroman Tirant lo Blanc von Joanot Martorell verwirklicht.[18] Als wesentliches Kriterium des Totalen Romans kann dabei die Darstellung der Zersplitterung der frĂŒher vorgeblich einheitlich wahrgenommenen Welt und die Erarbeitung einer kĂŒnstlerischen, einheitsstiftenden Synthese gesehen werden. Lateinamerikanische VorlĂ€ufer von Vargas Llosas Konzept des Totalen Romans waren Ciro AlegrĂa und JosĂ© MarĂa Arguedas.[19]
Sein 1965 erschienener Roman Das grĂŒne Haus (La casa verde) gewann 1967 den Literaturpreis Premio Internacional de Novela RĂłmulo Gallegos. Einige Kritiker, wie zum Beispiel der auf lateinamerikanische Literatur spezialisierte Gerald Martin, sieht ihn als Vargas Llosas wichtigstes Werk und einen der bedeutendsten lateinamerikanischen Romane ĂŒberhaupt.[20] Das grĂŒne Haus kann als âVargas Llosas komplexestes Werk gesehen werden, in dem die spezifisch lateinamerikanische Lebenserfahrung des Autors am reichsten Gestalten und Geschichten hervorgetrieben hatâ.[21]In diesem Roman werden fĂŒnf kunstvoll parallel gefĂŒhrte HandlungsstrĂ€nge, in denen Personen und Motive zum Teil aufeinander bezogen sind, zu einem Ganzen zusammengefĂŒhrt. Fragmente der fĂŒnf HandlungsstrĂ€nge werden in den einzelnen Kapiteln zunĂ€chst systematisch und spĂ€ter sporadisch aneinandergefĂŒgt, so dass sich der Eindruck einer SimultanbĂŒhne mit fĂŒnf StĂŒcken ergibt. Der Schauplatz einer vom Urwald geprĂ€gten, steinzeitlich wirkenden und dĂŒnn besiedelten Amazonasregion mit Missionsstation und einer Garnison kontrastiert mit einer europĂ€isch beeinflussten Kleinstadt an der KĂŒste mit Oberschicht, KleinbĂŒrgertum, Elendsvierteln und dem auĂerhalb liegenden Bordell namens casa verde. Die HandlungsstrĂ€nge umfassen einen Zeitraum vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre:
Anhand der Entstehung von La casa verde beschrieb Vargas Llosa 1971 in Historia secreta de una novela seine Techniken und Vorstellungen in Bezug auf die Form des Romans. Er ziele darauf ab, beim Leser dieselbe Desorientierung hervorzurufen, die auch die Sinnsuche der Romanfiguren charakterisiere. DafĂŒr setze er Techniken ein wie die Fragmentierung der Handlung, die bewusste Verwendung von HandlungslĂŒcken, die plötzliche und unvorbereitete EinfĂŒhrung neuer Situationen, das EinfĂŒgen von Fragmenten anderer ErzĂ€hlungen,[22] die Ineinanderschachtelung bzw. VerschrĂ€nkung von RahmenerzĂ€hlungen, mythische Elemente, sowie die Verschiebung, Ăberblendung und Vermischung von ErzĂ€hlperspektiven.[23]
Das 1969 erschienene GesprĂ€ch in der âKathedraleâ (ConversaciĂłn en la catedral) ist Vargas Llosas wohl komplexester Roman. Anhand eines GesprĂ€chs von Santiago Zavala, des Sohnes eines Ministers, mit Ambrosio, dem ehemaligen Chauffeur seines Vaters, in der Bar La catedral werden mehr als 70 Einzelschicksale ĂŒber einen Zeitraum von 14 Jahren beschrieben. Dabei reprĂ€sentiert Santiago, der die Wahrheit ĂŒber die Verstrickungen seines Vaters in Machenschaften des diktatorischen Regimes von Manuel Apolinario OdrĂa Amoretti herausfinden möchte, die Ohnmacht der lateinamerikanischen Intellektuellen. Der aus dem kriminellen Milieu stammende ehemalige Diener Ambrosio mit seiner gemischtrassigen Herkunft (seine Mutter ist indigen indianisch und sein Vater ein Schwarzer) steht fĂŒr das âeinfache Volkâ. Vargas Llosa gelingt hier eine relativ umfassende Darstellung der peruanischen Gesellschaft, und er entwirft das Bild einer korrupten und unfĂ€higen einheimischen Bourgeoisie.[24]
Vargas Llosa folgt in diesem wie auch anderen Romanen einer Tendenz der lateinamerikanischen Literatur â beispielsweise bei Cabrera Infante oder JosĂ© Donoso -, die Protagonisten in der im jeweiligen Land gesprochenen SprachvarietĂ€t und nicht der Hochsprache (hier Spanisch) direkt zu Wort kommen zu lassen. Hierdurch soll dem Leser ohne Intervention des ErzĂ€hlers ein direkterer und authentischerer Eindruck der Personen und deren Lebenswirklichkeit, der SpontaneitĂ€t und ExpressivitĂ€t der wirklichen Sprache des Landes vermittelt werden.[25] Die hispanische Literaturwissenschaft diskutiert diese Tendenz auch in Bezug auf Vargas Llosa oft unter dem Terminus oralidad.
Nach ConversaciĂłn en la catedral rĂŒckt Vargas Llosa von seinem Konzept des Totalen Romans und teilweise auch von seinen bisherigen Themenschwerpunkten ab. Der Hauptmann und sein Frauenbataillon (PantaleĂłn y las visitadoras) von 1973 und das auch als Julia und ihre Liebhaber 1990 verfilmte Tante Julia und der Kunstschreiber (La tĂa Julia y el escribidor) von 1977 sind eher humoristisch und erotisch geprĂ€gte, leichter lesbare Texte.
Dennoch tauchen gesellschaftlich-politische Themen in Vargas Llosas Schaffen wieder auf. Die Schwierigkeit, in der modernen medialen Welt zwischen subjektiver Perspektive und objektiver RealitĂ€t oder Fiktion und FĂ€lschung zu unterscheiden, bilden ein neues, zentrales Thema seiner folgenden Werke. Im historischen Roman Der Krieg am Ende der Welt (La guerra del fin del mundo) von 1981 geht es um die Zerschlagung einer von Staat und gelenkter Presse zur nationalen Bedrohung hochstilisierten religiösen Sekte. Vargas Llosas durch die Zerschlagung des Prager FrĂŒhlings endgĂŒltig bedingte Abkehr vom Sozialismus hat eine verstĂ€rkte Kritik der Praktiken sozialistischer, lateinamerikanischer Regime und Terrororganisationen in seinen Werken zur Folge. Maytas Geschichte (Historia de Mayta) von 1984 beschĂ€ftigt sich zum Beispiel mit einem aus einer kommunistischen Gruppierung (wohl Sendero Luminoso) ausgeschlossenen RevolutionĂ€r, der danach als Eisdieleninhaber seinen Lebensunterhalt verdient. Auch hier ist die Schwierigkeit und FragwĂŒrdigkeit der Rekonstruktion von Wahrheit durch aufwĂ€ndige Reisen und Recherchen ein zentraler Topos.[26]
In dem Roman Der GeschichtenerzĂ€hler (El hablador) berichtet ein Ich-ErzĂ€hler, der deutliche ZĂŒge des Autors Vargas Llosa trĂ€gt, die Geschichte eines Freundes, des jĂŒdischstĂ€mmigen SaĂșl Zuratas, der von den peruanischen Urwaldindianern der Machiguenga fasziniert seine IdentitĂ€t aufgibt und sich in das Nomadenvolk integriert. SaĂșl wird zu einem GeschichtenerzĂ€hler, einer Institution dieses Volkes und gibt die Mythen des Volkes weiter, indem er durch den Urwald zieht und die versprengten Gruppen und Familien der Machiguenga aufsucht, um sie mit Geschichten zu unterhalten. Auf diesem Weg bewahren sie ihre Traditionen, die sie vor der westlichen Zivilisation abschotten und ihre NĂ€he zur Natur erhalten. In dieser Dialektik von NaturnĂ€he und Zerstörung durch die Industriegesellschaft ist die erzĂ€hlerische Absicht des Buches zu finden: âDie Vorstellung des Gleichgewichts zwischen Mensch und Natur, das Bewusstsein der Umweltzerstörung durch die Industriegesellschaft und die moderne Technologie, die Aufwertung des Wissens des Primitiven, der gezwungen ist, seinen Lebensraum zu respektieren, wenn er nicht untergehen will, ist eine Anschauung, die in jenen Jahren zwar noch keine intellektuelle Mode darstellte, aber doch schon allenthalben, selbst in Peru, Wurzeln zu schlagen begann.â[27]
Je 100.000 Taschenbuchausgaben des Buches wurden im Rahmen der Aktion âEine Stadt. Ein Buch.â im Oktober 2011 in Wien und Berlin verschenkt.[28]
In seinen beiden an das Genre des Kriminalromans angelehnten Werken Wer hat Palomino Molero umgebracht? (¿Quién mató a Palomino Molero?) von 1986 und Tod in den Anden (Lituma en los Andes) von 1993 eliminiert Vargas Llosa viele inhaltlich und sprachlich entbehrliche Elemente.
In Wer hat Palomino Molero umgebracht? ist die Hauptfigur ein ermordeter mestizischer Soldat. Die geschilderten Nachforschungen ergeben nur, dass er nach seiner Flucht mit der Tochter eines Oberst von diesem anscheinend zu Tode gefoltert wurde. Auch hier bleibt, wie in vielen Werken Vargas Llosas ab den 1970er Jahren, die wirkliche Beziehung zwischen dem Oberst, der Tochter und dem Soldaten letztlich ungeklÀrt.
In Tod in den Anden von 1993 versuchen die beiden Polizisten einer abgelegenen StraĂenbausiedlung, Korporal Lituma und sein Gehilfe Tomasito, das rĂ€tselhafte Verschwinden dreier Menschen aufzuklĂ€ren. Der Roman ist von einer allgegenwĂ€rtigen Gewalt und BrutalitĂ€t geprĂ€gt, ob von Seiten der Terroristen des Leuchtenden Pfades, der diese bekĂ€mpfenden Polizei, der Unterwelt einer KĂŒstenstadt, den animistischen Vorstellungen und Riten der Indios und Bauarbeiter, oder der mit ihren Unwettern und BergstĂŒrzen bedrohlichen Natur selbst. Dem Autor gelingt es, die aktuelle peruanische Gewaltbereitschaft und gesellschaftliche Verrohung mit vorkolumbianischen Opferriten zu verbinden und einen (zum Beispiel in den Figuren des Kantinenwirts Dionisio und seiner Frau personifizierten) dionysischen, ĂŒber Peru und die heutige Zeit hinausweisenden Urgrund von Gewalt und InhumanitĂ€t anzudeuten. Vargas Llosa selbst interpretiert seinen Roman in einem Interview mit der Zeitschrift Der Spiegel von 1996 fast identisch.[29] Der Literaturkritiker Gustav Seibt rezensierte in der FAZ:
Prudhomme (1901) | Mommsen (1902) | BjĂžrnson (1903) | F. Mistral/Echegaray (1904) | Sienkiewicz (1905) | Carducci (1906) | Kipling (1907) | Eucken (1908) | Lagerlöf (1909) | Heyse (1910) | Maeterlinck (1911) | Hauptmann (1912) | Thakur (1913) | nicht verliehen (1914) | Rolland (1915) | Heidenstam (1916) | Gjellerup/Pontoppidan (1917) | nicht verliehen (1918) | Spitteler (1919) | Hamsun (1920) | France (1921) | Benavente (1922) | Yeats (1923) | Reymont (1924) | Shaw (1925) | Deledda (1926) | Bergson (1927) | Undset (1928) | Mann (1929) | Lewis (1930) | Karlfeldt (1931) | Galsworthy (1932) | Bunin (1933) | Pirandello (1934) | nicht verliehen (1935) | OâNeill (1936) | Martin du Gard (1937) | Buck (1938) | SillanpÀÀ (1939) | nicht verliehen (1940â1943) | Jensen (1944) | G. Mistral (1945) | Hesse (1946) | Gide (1947) | Eliot (1948) | Faulkner (1949) | Russell (1950) | Lagerkvist (1951) | Mauriac (1952) | Churchill (1953) | Hemingway (1954) | Laxness (1955) | JimĂ©nez (1956) | Camus (1957) | Pasternak (1958) | Quasimodo (1959) | Perse (1960) | AndriÄ (1961) | Steinbeck (1962) | Seferis (1963) | Sartre (1964) | Scholochow (1965) | Agnon/Sachs (1966) | Asturias (1967) | Kawabata (1968) | Beckett (1969) | Solschenizyn (1970) | Neruda (1971) | Böll (1972) | White (1973) | Johnson/Martinson (1974) | Montale (1975) | Bellow (1976) | Aleixandre (1977) | Singer (1978) | Elytis (1979) | MiĆosz (1980) | Canetti (1981) | GarcĂa-MĂĄrquez (1982) | Golding (1983) | Seifert (1984) | Simon (1985) | Soyinka (1986) | Brodsky (1987) | Mahfuz (1988) | Cela (1989) | Paz (1990) | Gordimer (1991) | Walcott (1992) | Morrison (1993) | Će (1994) | Heaney (1995) | Szymborska (1996) | Fo (1997) | Saramago (1998) | Grass (1999) | Gao (2000) | Naipaul (2001) | KertĂ©sz (2002) | Coetzee (2003) | Jelinek (2004) | Pinter (2005) | Pamuk (2006) | Lessing (2007) | Le ClĂ©zio (2008) | MĂŒller (2009) | Vargas Llosa (2010) | Tranströmer (2011)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Vargas Llosa, Mario |
| ALTERNATIVNAMEN | Vargas Llosa, Jorge Mario Pedro (vollstÀndiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | peruanischer Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 28. MĂ€rz 1936 |
| GEBURTSORT | Arequipa, SĂŒdperu |