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Marlene Dietrich (* 27. Dezember 1901 in Schöneberg (jetzt Ortsteil von Berlin); â 6. Mai 1992 in Paris; eigentlich Marie Magdalene Dietrich)[1] war eine gebĂŒrtige deutsche Schauspielerin und SĂ€ngerin, die 1939 die US-amerikanische StaatsbĂŒrgerschaft annahm.[2][3]
Sie zĂ€hlt neben Hildegard Knef und Romy Schneider zu den gröĂten weiblichen Leinwandlegenden, die der deutsche Film hervorgebracht hat und die auch international zu Ruhm und Erfolg gelangten. Zu ihren Markenzeichen wurden ihre langen Beine, ihre tiefe, rauchig-erotische Stimme und die von ihr getragenen HosenanzĂŒge, wodurch diese in den 1930ern fĂŒr Frauen salonfĂ€hig wurden.
Marlene Dietrich begann ihre Karriere als Schauspielerin am Theater und in Stummfilmen in den âgoldenen Zwanzigernâ in Berlin. Der Aufstieg zur international berĂŒhmten KĂŒnstlerin gelang ihr 1930 durch die Hauptrolle in Regisseur Josef von Sternbergs Film Der Blaue Engel. Gemeinsam mit von Sternberg ging sie Anfang der 1930er in die USA, wo sie unter seiner Regie und an der Seite von Gary Cooper das Drama Marokko (1930) drehte, fĂŒr das sie eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin erhielt. Mit Filmen wie Shanghai-Express (1932) und Der groĂe Bluff (1939) etablierte sie sich als erster deutscher Filmstar in Hollywood.
WĂ€hrend des Nationalsozialismus in Deutschland weigerte sich die Schauspielerin, die NS-Propaganda zu unterstĂŒtzen. Stattdessen engagierte sie sich wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs bei der US-Truppenbetreuung, indem sie fĂŒr die amerikanischen Soldaten sang und Verwundete in Lazaretten besuchte. Nach Kriegsende wurde ihr fĂŒr ihren Einsatz u. a. die Freiheitsmedaille durch den PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten verliehen.
Ab den 1950er Jahren stand sie ĂŒberwiegend als SĂ€ngerin auf der BĂŒhne und feierte weltweit Erfolge. Zu ihren berĂŒhmtesten Liedern zĂ€hlen Ich bin von Kopf bis FuĂ auf Liebe eingestellt, Lili Marleen, Ich habâ noch einen Koffer in Berlin und Sag mir, wo die Blumen sind.
Anerkennung fĂŒr ihre schauspielerischen Leistungen erhielt sie in diesen Jahren fĂŒr Zeugin der Anklage (1957) unter der Regie von Billy Wilder und fĂŒr Das Urteil von NĂŒrnberg (1961) an der Seite von Spencer Tracy. Nach den Dreharbeiten zu ihrem letzten Film Schöner Gigolo, armer Gigolo (1978) beendete die KĂŒnstlerin ihre Karriere aus gesundheitlichen GrĂŒnden. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1992 lebte sie zurĂŒckgezogen in ihrer Pariser Wohnung.
Marie Magdalene Dietrich, die sich mit etwa elf Jahren den Namen Marlene gab, kam am 27. Dezember 1901 in der SedanstraĂe (ab 1938 LeberstraĂe 65) in Schöneberg im heutigen Berlin zur Welt. Ihre Eltern waren Louis Erich Otto Dietrich (* 1868), ein Polizeileutnant der kaiserlichen Elitetruppe[4] und Wilhelmine Elisabeth Josephine (* 1876; geb. Felsing), die Tochter eines Berliner Juweliers.[5] Marlene und ihre zwei Jahre Ă€ltere Schwester Elisabeth[6] verbrachten ihre ersten Lebensjahre in einem als âgutbĂŒrgerlichâ zu bezeichnenden Elternhaus auf der so genannten Roten Insel, zeitweise wohnte die Familie auch in der Kaiserallee (der heutigen Bundesallee) in Berlin.
Schon frĂŒh nahm Marlene Geigen- und Klavierstunden und lernte Französisch sowie Englisch.[7] Ăber ihre Kindheit schrieb sie spĂ€ter in ihren Memoiren: âMeine Eltern waren wohlhabend, ich habe die denkbar beste Erziehung genossen.â[8] In einer psychiatrischen Heilanstalt erlag Marlenes Vater 1908 einem Nervenleiden, wahrscheinlich der Syphilis, die er sich durch seinen promiskuitiven Lebenswandel eingefangen hatte. [9] Ihre Mutter heiratete 1914 den Leutnant Eduard von Losch, der 1917 an einer Kriegsverletzung verstarb. Zu einer Adoption der beiden Töchter war es nicht gekommen.
Dietrich besuchte die Auguste-Viktoria-Schule in der NĂŒrnberger StraĂe und vom 13. April 1917 bis Ostern 1918 die Victoria-Luisen-Schule (heute Goethe-Gymnasium). 1918 begann sie an der Musikhochschule Weimar eine Ausbildung zur Konzertgeigerin. Die hier erworbenen Fertigkeiten ermöglichten Marlene spĂ€ter â lĂ€ngst zum Filmstar avanciert â das virtuose Spiel auf der âSingenden SĂ€geâ, mit dem sie wĂ€hrend Drehpausen ihre Kollegen zu unterhalten pflegte.[10] 1921 setzte sie ihr Studium in Berlin fort, musste es aber im Jahr darauf wegen einer SehnenentzĂŒndung abbrechen, woraufhin sie beschloss, Schauspielerin zu werden.
ZunĂ€chst schloss sie sich einer Girl-Truppe an und tingelte mit ihr singend und tanzend durch die VarietĂ©s Deutschland.[11] Ihre ersten BĂŒhnenerfahrungen stellten Marlene jedoch nicht zufrieden, sie wollte ans Theater: âDas Theater war der einzige Ort, wo man schöne Texte und schöne Verse vortragen konnte wie die von Rilke, die mir das Herz brachen und doch zugleich auch wieder Mut machten.â[12]
Ihr Onkel Willi Felsing vermittelt Marlene den ersten Kontakt zu einem Filmregisseur und sie wird zu Probeaufnahmen geladen. Ihr LeinwanddebĂŒt gab Dietrich bald darauf in der Rolle einer Zofe in So sind die MĂ€nner (1922) unter der Regie von Georg Jacoby. SpĂ€ter bezeichnete sie sich selbst in dem Film als âeine Kartoffel mit Haarenâ.[16]
Bei den Arbeiten an ihrem dritten Film, Tragödie der Liebe (1923) unter der Regie von Joe May, lernte Marlene ihren kĂŒnftigen Ehemann Rudolf Sieber (* 1897; â 1976) kennen, einen Produktionsassistenten, mit dem sie ĂŒber 50 Jahre verheiratet blieb. 1924 kam am 13. Dezember das einzige gemeinsame Kind Maria Elisabeth zur Welt.
Nach mittleren bis groĂen BĂŒhnenparts und tragenden Filmnebenrollen,[17] wurde Dietrich ab 1927 auch mit Hauptrollen in Filmprojekten betraut. So engagierte sie der Wiener Filmproduzent Sascha Kolowrat-Krakowsky als Erni Göttlinger in Gustav Ucickys CafĂ© Elektric, in dem sie neben dem Publikumsliebling Willi Forst spielen durfte. 1928 bekam Marlene eine weitere Hauptrolle in dem Harry-Liedtke-Film Ich kĂŒsse Ihre Hand, Madame von Regisseur Robert Land. Trotzdem verleugnete sie ihre frĂŒhen Rollen in spĂ€teren Jahren hĂ€ufig und stufte ihr deutsches BĂŒhnen- und Filmschaffen auf reine Komparserie zurĂŒck. âFragen sie mich nicht ĂŒber die Zwanziger Jahre. Ich war in den Zwanziger Jahren ĂŒberhaupt nichts,â sagte Marlene Dietrich in einem Interview mit Maximilian Schell in Die Zeit vom 25. MĂ€rz 1984. Gesichert ist jedoch ihre Mitwirkung bei immerhin 16 Stummfilmen in den âGoldenen Zwanzigernâ.
1929 erhielt Marlene Dietrich dann die Rolle, die ihr zum internationalen Durchbruch verhalf: Die âfemme fataleâ Lola Lola in Der blaue Engel (1930) nach der Romanvorlage Professor Unrat von Heinrich Mann. Der Ufa-Filmproduzent Erich Pommer hatte den österreichisch-US-amerikanischen Regisseur Josef von Sternberg fĂŒr die Produktion engagiert und es sollte nach Melodie des Herzens (1929) mit Willy Fritsch der zweite deutsche Tonfilm werden.[18]
Drehbuchautor Karl Vollmoeller machte von Sternberg, der auf der Suche nach einer geeigneten Hauptdarstellerin fĂŒr die Romanverfilmung war, auf Marlene Dietrich aufmerksam, die zu diesem Zeitpunkt in der Spoliansky-Kaiser-Revue Zwei Krawatten auftrat. Da von Sternberg nach dem Besuch der Revue skeptisch blieb, setzte Vollmoeller einen Probeaufnahmetermin fĂŒr Dietrich durch. âI urged Mr. von Sternberg to cast for the starring role Miss Marlene Dietrich, a young actress who was as yet unknown, but who, I believed, had all potentialities of a great star. Mr. von Sternberg respected my opinion about such matters âŠâ, erinnerte sich Vollmoeller in seinen autobiographischen Notizen. (s. Weblink) Die Probeaufnahmen ĂŒberzeugten von Sternberg schlieĂlich, so dass er sich fĂŒr Dietrich und gegen die von Pommer favorisierte Lucie Mannheim oder weit bekanntere Schauspielerinnen wie Blandine Ebinger, Brigitte Helm und KĂ€te Haack entschied.[17] Auch Hans Albers, Marlenes Revue-Partner in Zwei Krawatten wurde fĂŒr den Film engagiert.
Am 9. Oktober 1929 unterzeichnete Marlene Dietrich den Vertrag, der ihr pauschal 20.000 Reichsmark zusicherte, zuzĂŒglich 5.000 RM fĂŒr die parallel gedrehte englischsprachige Fassung. Zum Vergleich: ihr Filmpartner Emil Jannings, als internationaler Star, erhielt eine Gage von 200.000 RM.[17][19] Mit der Rolle der Lola Lola initiierte Josef von Sternberg jedoch Marlene Dietrichs Aufstieg zu einem neuen Weltstar binnen weniger Jahre; sein starkes Interesse an der jungen Darstellerin fiel Jannings auf und missfiel ihm sehr. Die Dreharbeiten liefen daher unter Spannungen zwischen Altstar und Newcomerin; gut 30 Jahre spĂ€ter beschrieb Marlene Dietrich in einem Interview ihre Stellung im Produktionsteam so: âAlbers war immer nett zu mir, Jannings dagegen lehnte mich bis zum letzten Drehtag (âŠ) ab, wie viele, die den Regisseur Sternberg fĂŒr verrĂŒckt hielten, weil er mich engagierte. Sehen Sie, man fragt mich immer nach meinen Schauspieler-Kollegen von damals, aber schlieĂlich war ich doch ein Nichts. Eine kleine Komparsin, die in Reinhardts verschiedenen Theatern â mit dem Bus von einem zum anderen eilend â je einen Satz in verschiedenen StĂŒcken am selben Abend sprechen durfte, die Komparserie in ein paar Filmen machte. Und an die niemand glaubte, als Sternberg mir die Rolle im Blauen Engel gab âŠâ.[20]
Der blaue Engel feierte seine Weltpremiere am 1. April 1930 in Berlin; die US-Premiere fand am 5. Dezember 1930 statt.[21] Das im Film von Marlene Dietrich gesungene Lied Ich bin von Kopf bis FuĂ auf Liebe eingestellt (engl: Falling In Love Again)[22] wurde ein Welthit.
Nach Dietrichs groĂem Erfolg als Lola Lola folgte sie Regisseur Josef von Sternberg nach Hollywood, wo sie sich dem Starsystem unterwarf: sie unterschrieb einen Siebenjahresvertrag bei Paramount Pictures, der ihr ein Anfangsgehalt von 1.750 US-Dollar pro Woche zusicherte.[23] Gleichzeitig begann ihre Inszenierung als Sexsymbol und Hollywood-Diva: sie nahm 30 Pfund ab,[24] trug die feinste Garderobe und achtete bei Dreharbeiten stets auf das richtige Licht und Make-up.
Ihren ersten Hollywood-Film mit dem Titel Marokko (1930) drehte sie an der Seite von Gary Cooper und unter der Anweisung von Sternberg. Dietrich spielt darin eine NachtclubsĂ€ngerin, die sich zwischen zwei MĂ€nnern entscheiden muss. In der berĂŒhmtesten Szene des Films kĂŒsst Marlene Dietrich als Mann gekleidet eine andere Frau. Die Szene, die auf Vorschlag der Schauspielerin ins Drehbuch geschrieben wurde, wĂ€re wegen der strengen US-Zensur jedoch beinahe der Schere zum Opfer gefallen. Um dies zu verhindern, kam Dietrich auf die Idee, in der Szene eine Blume der gekĂŒssten Frau anzunehmen, die sie dann ihrem Filmpartner Gary Cooper ĂŒberreichte. Mit diesem âTrickâ konnte sie die Zensoren von der Notwendigkeit des Filmkusses ĂŒberzeugen, da die Blume in der Hand der Hauptdarstellerin sonst keinen Sinn mehr gehabt hĂ€tte.[25] FĂŒr ihre Rolle in dem Liebesdrama erhielt sie eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin. Es blieb ihre einzige Nominierung fĂŒr den Preis.
In dem Kriegsdrama Entehrt (1931) spielte Dietrich zum dritten Mal unter der Regie Sternbergs eine Spionin. Ein Jahr spÀter folgte die vierte und kommerziell erfolgreichste Zusammenarbeit des Regisseurs und der Schauspielerin: Shanghai-Express. Nach dem Drama Blonde Venus (1932) mit Cary Grant und dem Historienfilm Die scharlachrote Kaiserin (1934) war Der Teufel ist eine Frau (1935) der letzte gemeinsame Film von Dietrich und Sternberg.
1936 lehnte sie ein Angebot Goebbelsâ ab, der ihr hohe Gagen und freie Wahl bei Drehbuch und Mitarbeitern fĂŒr in Deutschland gedrehte Filme zusicherte. Dietrich drehte weiterhin in den USA, unter anderem unter Hitchcock, Lubitsch, Welles und Wilder.
Mitte der 1930er Jahre wurde sie neben Greta Garbo oder Katharine Hepburn von der Filmpresse zum âKassengiftâ erklĂ€rt. Ihre Filme erfĂŒllten nicht die Erwartungen bei den Einspielergebnissen. Aus der Sackgasse verhalf ihr ein Imagewandel, den sie im Film Der groĂe Bluff (1939) vollzog. Von der unnahbaren Göttin wurde sie zur sich prĂŒgelnden Barfrau, die schlĂŒpfrige Lieder mit rauchiger Stimme zum Besten gibt.
Ein Jahr vor Kriegsausbruch verlegte Marlene Dietrich ihren europĂ€ischen Hauptwohnsitz nach Paris,[26] von wo aus sie begann, FlĂŒchtlinge aus Deutschland und emigrierende KĂŒnstler aktiv und finanziell zu unterstĂŒtzen. Am 9. Juni 1939 legte Marlene Dietrich die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft ab und nahm die US-amerikanische an.[27]
Nachdem sich ihr Geliebter Jean Gabin in Amerika freiwillig zu den französischen BefreiungsstreitkrĂ€ften gemeldet hatte, brannte Marlene Dietrich ebenfalls darauf, ihren Anteil fĂŒr den Kampf gegen den Hitlerfaschismus zu leisten. Sie entschloss sich, wenn sie schon nicht wie ein Mann kĂ€mpfen durfte, dann doch als SĂ€ngerin fĂŒr die GIs möglichst nahe der Front aufzutreten. Beim Vormarsch nach Deutschland wollte sie möglichst frĂŒh in Deutschland sein. WĂ€hrend der Ardennenoffensive entkam sie knapp einer Gefangennahme. Wegen ihrer bedingungslosen SolidaritĂ€t fĂŒr die kĂ€mpfenden âBoysâ wurde sie eine der beliebtesten und begehrtesten Akteurinnen der amerikanischen Truppenbetreuung in Afrika und Europa. SpĂ€ter resĂŒmierte sie, nie wieder solch einen intensiven Kontakt zu ihrem Publikum gehabt zu haben.
In Stolberg hinter der deutsch-belgischen Grenze bei Aachen wurde sie von einer Deutschen erkannt und zu ihrer groĂen Ăberraschung mit Freude begrĂŒĂt. Diese unerwartete Reaktion sollte kein Einzelfall bleiben, andere Frauen des Ortes sammelten Zutaten fĂŒr einen Willkommenskuchen, der nach ihren Angaben die köstlichste Speise ihres Lebens war.
Bei der Durchquerung SĂŒddeutschlands mit den amerikanischen Truppen erhielt sie nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen durch die Briten am 15. MĂ€rz 1945 Nachricht von ihrer Schwester Elisabeth. Diese hatte gemeinsam mit ihrem Mann Georg Will wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs in einer Kaserne in Bergen in der LĂŒneburger Heide nahe dem KZ Bergen-Belsen ein hauptsĂ€chlich von SS-Mannschaften besuchtes Kasino und Kino betrieben. Marlene Dietrich besuchte ihre Schwester noch vor Kriegsende und unterstĂŒtzte sie, indem sie sich bei der Besatzungsmacht fĂŒr sie verwandte. Auch in spĂ€teren Jahren wurde Elisabeth von Marlene finanziell unterstĂŒtzt, allerdings stets verleugnet, um sie aus den Schlagzeilen zu halten. Der einzige Sohn der Wills, Hans Georg, arbeitete spĂ€ter fĂŒr die UFA in der BRD.
Das Kriegsende erlebte sie mit den amerikanischen Truppen im tschechischen Pilsen. In den nachfolgenden Maitagen gelang es ihr, die Verwandten ihres Mannes in Aussig im sowjetisch besetzten Teil Böhmens aufzusuchen, die allerdings kurze Zeit spÀter vertrieben wurden.
WĂ€hrend Marlene im FrĂŒhsommer 1945 nach New York zurĂŒckkehrte, konnte Marlenes Mutter von den sowjetischen Truppen im besetzten Berlin ausfindig gemacht werden, die ihre amerikanischen Alliierten hiervon unterrichteten. Als die Amerikaner im Juli 1945 in Berlin einrĂŒckten, konnte Marlene per MilitĂ€rfunk kurz mit ihrer Mutter sprechen und sie einige Wochen spĂ€ter, Ende September, anlĂ€sslich einer weiteren USO-Konzertreise in Berlin wiedersehen. Ihre Mutter, die sich geschworen hatte, Adolf Hitler zu ĂŒberleben, starb im November 1945. Marlene gelang es, zu der Beisetzung auf dem Friedhof an der StubenrauchstraĂe in Berlin-Friedenau rechtzeitig einzufliegen.
Ihr politisches und soziales Engagement gegen das NS-Regime fand international deutlich frĂŒher eine WĂŒrdigung als in ihrem Heimatland Deutschland, wo ihr Handeln bei vielen auf UnverstĂ€ndnis stieĂ. Durch ihr Handeln sei sie nicht nur gegen Hitler aufgetreten, sondern auch gegen viele Millionen einfacher deutscher Soldaten. Der Begriff der âVerrĂ€terinâ wurde (auch heute noch) vielfach publiziert und diskutiert.[28] Schon 1947 erhielt Marlene Dietrich die Medal of Freedom, den höchsten Orden der USA fĂŒr Zivilisten. 1950 folgte die Verleihung des Titels »Chevalier de la Legion d'Honneur« (Ritter der Ehrenlegion) durch die französische Regierung. Die französischen PrĂ€sidenten Pompidou und Mitterrand beförderten sie fĂŒr ihre Verdienste spĂ€ter zum âOfficierâ und schlieĂlich zum âCommandeurâ der Ehrenlegion.
Mit dem Beginn des Kalten Krieges wurde ihr Engagement zunehmend pazifistisch. Am deutlichsten machte sie dies mit dem Lied Sag mir, wo die Blumen sind von Pete Seeger.
Ab 1953 stand sie fast ausschlieĂlich als SĂ€ngerin auf der BĂŒhne und feierte mit ihrem âsprechenden Gesangâ und Liedern wie Lili Marleen, das jedoch vor allem durch Lale Andersen bekannt wurde, weltweit Erfolge. Von 1953 bis 1954 gab sie BĂŒhnenshows in Las Vegas im Sahara Hotel und in London im CafĂ© de Paris. Ihr musikalischer Begleiter wurde ab 1955 fĂŒr ca. zehn Jahre Burt Bacharach, der ihr half, ihr Image von der Nachtclub-SĂ€ngerin in das einer ausdrucksstarken KĂŒnstlerin zu wandeln; sie trat nun nicht mehr in Clubs, sondern nur noch in Theatern auf. Sie entwickelte in den ersten zehn Jahren ihrer Auftritte ihre berĂŒhmte âOne-Woman-Showâ. Bis zu ihrem 75. Lebensjahr tourte sie durch die ganze Welt. Sie war die erste deutsche KĂŒnstlerin, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Russland auftrat.
FĂŒr groĂes Aufsehen haben ihre BĂŒhnenkleider gesorgt, die die Londoner Presse als âdie höchste Errungenschaft der Theaterwelt seit der Erfindung der FalltĂŒrâ feierte. Mit dem begabten und von ihr geschĂ€tzten KostĂŒmdesigner der Columbia, Jean Louis, kreierte sie beeindruckende KostĂŒme fĂŒr ihre Shows. Aus einem eigens fĂŒr sie in Italien gefertigten Gewebe namens âSouffleâ, das in ihrem Hautton eingefĂ€rbt wurde, wurde in gleichem Schnitt wie ihr geheimes Mieder, ein enges, bodenlanges Kleid genĂ€ht, in dem sie nur noch trippeln konnte. In diesem Kleid stand sie dann stundenlang vor einem Spiegel und lieĂ sich von Stickerinnen aus amerikanischen Filmstudios Pailletten, Perlen, Tasseln oder Kristallsteine auf das Kleid applizieren, die nicht selten bis zu fĂŒnfzig mal versetzt wurden, damit Dietrich mit der optischen Wirkung zufrieden war. Mit winzigen roten FĂ€dchen wurden die Steine, Tasseln und Perlen auf dem Kleid markiert und Dietrich arbeitete mit den Stickerinnen dann oft mehrere Monate an der Umsetzung. Eine bekannte amerikanische KostĂŒmdesignerin sagte: âMan macht keine Kleider fĂŒr âdie Dietrichâ, man macht sie mit ihr.â In diesen Kleidern, von denen Dietrich mehrere Dutzend hat anfertigen lassen, war sie elegant angezogen, aber wirkte doch nackt und wie mit âSternen ĂŒbersĂ€tâ. Sie sagte ĂŒber sich selbst: âIch kann nicht singen. Also muĂ das, was ich trage, eine Sensation sein.â
Sehr kunstvoll war die Fertigung ihres BĂŒhnenmantels. Mit einer drei Meter langen, runden Schleppe, spiralförmigen Ărmeln und einem rundem Kragen. der ihr oft auf der BĂŒhne ĂŒber die Schultern rutschte, aus Brustdaunen von SchwĂ€nen, die in konzentrischen, engen Kreisen auf einem Grundmantel aus Souffle aufgenĂ€ht wurden und kostbarerer als weiĂer Pelz wirkte. Manche Zeitungen verstiegen sich in die Annahme, er wĂŒrde aus auĂerirdischem Material bestehen. Dietrich reiste immer mit zwei solcher MĂ€nteln, die vor dem Auftritt mehrere Minuten lang aufgeschĂŒttelt werden mussten, um ihr volles Volumen zu entfalten. Es sollen 3000 SchwĂ€ne fĂŒr diese MĂ€ntel ihr Leben gelassen haben. Ein anderes Prinzip ihrer âNacktkleiderâ wandte sie bei ihren âWindkleidernâ an, bei dem der Souffle an ihr Mieder, auch aus Souffle, drapiert und vernĂ€ht wurde und in langen Schleiern durch eine Windmaschine gegen und von ihrem Körper weggeweht wurde, fest vernĂ€ht und scheinbar nur von einem SchmuckstĂŒck in Höhe der HĂŒfte gehalten, damit ihre Beine zur Geltung kamen.
In einem Film ĂŒber das Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit[29] geiĂelte sie unter anderem mit dem Lied Black Market das damalige Schwarzmarktwesen.
Bei Konzerten in Polen, in Russland und in Israel wurde sie begeistert empfangen. In Israel verbot ihr Manager ausdrĂŒcklich, auf der BĂŒhne Lieder mit deutschen Texten vorzutragen, was nach dem Zweiten Weltkrieg verboten war. Gleichwohl widersetzte sie sich spontan seiner Anordnung: âIch singe nicht ein Lied auf Deutsch â sondern neun!â. ZunĂ€chst war das Publikum schockiert, doch dann brach das Eis und man applaudierte ihr bewegt, beeindruckt von ihrem Mut und ihrer Ehrlichkeit. Damit war sie auch die erste SĂ€ngerin, die in Israel deutsche Texte auf der BĂŒhne singen durfte. Dietrich hatte auf dem Flug nach Israel von einer Stewardess ein israelisches Volkslied gelernt, das sie als Zugabe sang, wofĂŒr das israelische Publikum sie liebte.[30]
Auf einer Europatournee kehrte sie 1960 nach Deutschland und Berlin zurĂŒck. Wie sie selbst betonte, war ihr Publikum in Deutschland begeistert von ihrer Show. Allerdings traf sie in Deutschland nicht nur auf ein freundliches Publikum, sondern sah sich als angebliche âVaterlandsverrĂ€terinâ auch Anfeindungen von Teilen der Bevölkerung und der Presse ausgesetzt.
In DĂŒsseldorf wurde sie von einem jungen MĂ€dchen angespuckt und auf einer BĂŒhne warf jemand mit einem Ei und traf sie am Kopf. Sie weigerte sich allerdings energisch, âsich von einem blonden Nazi von der BĂŒhne vertreiben zu lassenâ, der âWerferâ wurde vom Theater-Publikum fast gelyncht und musste unter Schutz aus dem Theater gebracht werden. Bei einem Interview nach diesem Vorfall antwortete sie auf die Frage, ob sie Angst vor einem Anschlag hĂ€tte, lakonisch: âAngst? Nein, ich habe keine Angst. Nicht vor den Deutschen, nur um meinen Schwanenmantel, aus dem ich Eier oder Tomatenflecken kaum herausbekommen wĂŒrde, um den habe ich etwas Angst.â Ihre Verletzung ob dieser Anfeindungen verbarg sie sorgfĂ€ltig, war danach allerdings nicht mehr zu einer Reise nach Deutschland, geschweige denn zu Auftritten zu bewegen. 1961 drehte sie ihren letzten groĂen Film, Das Urteil von NĂŒrnberg, in dem es um die NĂŒrnberger Prozesse und eine der Kernfragen der Nachkriegszeit geht: Was habt ihr gewusst? Dabei spricht sie als Schauspielerin Texte, von deren Wahrheit sie nicht ĂŒberzeugt war. In ihren letzten Rollen widerlegte Dietrich die Meinung, dass sie als Schauspielerin nur mĂ€Ăig begabt war, keine GefĂŒhlsausbrĂŒche spielen konnte und erntete groĂen Beifall fĂŒr ihre Darstellung, die ihr beinahe den Oscar fĂŒr ihre Rolle in Zeugin der Anklage einbrachte.
1962 trat Marlene Dietrich in DĂŒsseldorf bei der UNICEF-Gala auf. 1963 folgte in Baden-Baden ein Auftritt beim Deutschen Schlager-Festival.
Als Marlene im Jahr 1964 in der Warschauer Kongresshalle auftrat, begleitete sie dabei der polnische Musiker CzesĆaw Niemen mit der Gruppe Niebiesko-Czarni. Marlene hörte dabei sein Lied Czy mnie jeszcze pamiÄtasz, was ihr so gut gefiel, dass sie schon bald eine eigene Version aufnahm (Mutter, hast du mir vergeben).[31]
Mit Hildegard Knef verband sie ĂŒber Jahrzehnte eine fast mĂŒtterliche Freundschaft. Marlene Dietrich bekam zunehmend Alkoholprobleme und beendete ihre BĂŒhnenkarriere nach einem Oberschenkelhalsbruch bei einem Auftritt in Australien im Jahr 1975. Drei Jahre spĂ€ter trat sie letztmals fĂŒr den Film Schöner Gigolo, armer Gigolo (1979) â u. a. neben David Bowie â vor die Kamera. Nach den Dreharbeiten zog sie sich vollstĂ€ndig aus der Ăffentlichkeit zurĂŒck und lebte abgeschieden in ihrem Pariser Appartement in der Avenue Montaigne 12, dessen Bett sie in den letzten elf Jahren bis zu ihrem Tod nicht mehr verlieĂ. Ihre Tochter Maria kĂŒmmerte sich hier um ihre mittlerweile tablettensĂŒchtige und alkoholkranke Mutter, welche sich mittels eines speziell angefertigten Greifarmes alle Dinge zu sich holte, die sie um ihr Bett aufgestellt hatte. Sie beschĂ€ftigte eine SekretĂ€rin und eine Hausangestellte und lieĂ sich hĂ€ufig fĂŒr sie gekochte Speisen von einem deutschen SpezialitĂ€ten-Restaurant liefern. Bis auf die Angestellten und ihre enge Familie durfte niemand ihre Wohnung betreten. Sie hielt mit den âGroĂen der Weltâ telefonisch Kontakt sowie mit Freunden und ihrer Familie, die sie bis zu dreiĂig mal am Tag anrief, vor allem ihre Tochter. Das Telefon war die einzige Verbindung von Marlene Dietrich zur AuĂenwelt, die ĂŒber dieses Medium aber immer noch groĂen Einfluss auf ihre Umwelt nahm.
Jahre spĂ€ter willigte sie ein, an einem Dokumentarfilm ĂŒber sich mitzuwirken. Der Regisseur Maximilian Schell erhielt die Zustimmung Marlene Dietrichs, sie zu filmen. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten zog sie diese Einwilligung jedoch zurĂŒck und gestattete lediglich Tonbandaufnahmen. Als Schell sie wĂ€hrend des Interviews darauf ansprach, Ă€uĂerte sie: âIâve been photographed to deathâŠâ (Ich bin zu Tode fotografiert worden âŠ). Schell, mit dem Scheitern seiner Vorstellung des Projektes konfrontiert, entschloss sich, den Film als Collage zu gestalten und unterlegte die Tonbandaufnahmen mit Fotos und Ausschnitten aus Dietrichs Filmen. Der Film endet mit der Rezitation des Gedichts âO Lieb, solang du lieben kannstâ von Ferdinand Freiligrath, die die Dietrich zu TrĂ€nen rĂŒhrte. Der Film Marlene (1984) wurde als bester Dokumentarfilm fĂŒr einen Oscar nominiert und hat mehrere europĂ€ische Preise gewonnen.
Nachdem 1963 ihr erstes Buch mit dem Titel ABC meines Lebens erschien, wurde 1979 ihre Autobiografie veröffentlicht: Nehmt nur mein Leben. 1987 erschien eine etwas abgewandelte Version dieser Autobiografie mit dem Titel Ich bin, Gott sei Dank, Berlinerin. Die Dietrich bat ihre Tochter Maria Riva: âSchreib ein Buch ĂŒber mich. Nur Du kannst es. Die ganze Wahrheit. Aber erst nach meinem Tod.â
Ehrengrab in Berlin-Friedenau mit der Inschrift: Hier steh ich an den Marken meiner Tage (Theodor Körner) |
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1992 starb Marlene Dietrich in Paris â offiziell â an Herz- und Nierenversagen. Marlene Dietrichs SekretĂ€rin und Freundin Norma Bosquet, die sie in den letzten Wochen ihres Lebens fast tĂ€glich in ihrer Pariser Wohnung besuchte, erklĂ€rte, dass sich die Schauspielerin wahrscheinlich mit einer Ăberdosis Schlaftabletten das Leben genommen habe, nachdem sie zwei Tage zuvor einen zweiten Schlaganfall erlitten hatte. Marlene Dietrich wurde nach einer groĂen Trauerfeier in Paris in Berlin mit hoher Anteilnahme der Bevölkerung auf dem III. StĂ€dtischen Friedhof StubenrauchstraĂe in einem schlichten Grab nahe der GrabstĂ€tte ihrer Mutter beigesetzt. Die GrabstĂ€tte gehört zu den EhrengrĂ€bern des Landes Berlin.
In den Tagen nach ihrem Tod war sie nur noch bei wenigen als âVaterlandsverrĂ€terinâ umstritten. Leserbriefschreiber und die Schauspielerin Evelyn KĂŒnneke kritisieren sie, eine geplante Gedenkveranstaltung wird â offiziell aus organisatorischen GrĂŒnden â abgesagt. Noch 1996 gab es in Berlin Kontroversen um die Benennung einer StraĂe nach ihr.
Der damalige Berliner Bezirk Tiergarten gab 1997 dem zentralen Platz zwischen den neu erbauten Potsdamer-Platz-Arkaden, Hotel Grand Hyatt und Musicaltheater/Casino den Namen Marlene-Dietrich-Platz.[32] Die Widmung lautet: âBerliner Weltstar des Films und des Chansons. Einsatz fĂŒr Freiheit und Demokratie, fĂŒr Berlin und Deutschlandâ. Zu ihrem 100. Geburtstag im Jahr 2001 entschuldigte sich das Land Berlin offiziell fĂŒr die Anfeindungen. Postum erhielt sie am 16. Mai 2002 die EhrenbĂŒrgerschaft Berlins (unter nach wie vor heftiger Kritik von Teilen der Berliner Bevölkerung).
Dietrich hatte eine androgyne Ausstrahlung, von der sich Frauen und MĂ€nner gleichermaĂen angezogen fĂŒhlten. Sie trat oft in Herrenkleidung auf, was fĂŒr die damalige Zeit revolutionĂ€r war. Im Paris der 1930er Jahre sollte ihr das Betreten der Innenstadt in MĂ€nnerkleidung verwehrt werden, was natĂŒrlich nicht durchgehalten werden konnte. So wurde sie auch zu einem Idol der Frauenbewegung zwischen den beiden Weltkriegen und zu einer Schwulenikone. Kenneth Tynan, einer ihrer Freunde, schrieb ĂŒber sie: âSie hat Sex, aber kein Geschlecht.â (She has sex but no positive gender.)[33]
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| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Dietrich, Marlene |
| ALTERNATIVNAMEN | Dietrich, Marie Magdalene verehelichte Sieber |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-amerikanische Schauspielerin und SĂ€ngerin |
| GEBURTSDATUM | 27. Dezember 1901 |
| GEBURTSORT | Berlin-Schöneberg |
| STERBEDATUM | 6. Mai 1992 |
| STERBEORT | Paris |