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Das Massaker von Srebrenica war ein Kriegsverbrechen wĂ€hrend des Bosnienkriegs, das durch UN-Gerichte gemÀà der 1951 in Kraft getretenen Konvention ĂŒber die VerhĂŒtung und Bestrafung des Völkermordes als Völkermord klassifiziert worden ist.[1]
In der Gegend von Srebrenica wurden im Juli 1995 ungefĂ€hr 8000 Bosniaken â vor allem MĂ€nner und Jungen zwischen 12 und 77 Jahren â getötet.[2] Das Massaker wurde unter der FĂŒhrung von Ratko MladiÄ von der Armee der Republika Srpska (Vojska Republike Srpske, VRS), der Polizei und serbischen ParamilitĂ€rs trotz Anwesenheit von Blauhelmsoldaten verĂŒbt. Es zog sich ĂŒber mehrere Tage hin und verteilte sich auf eine Vielzahl von Tatorten in der NĂ€he von Srebrenica. Die TĂ€ter vergruben tausende Leichen in MassengrĂ€bern. Mehrfache Umbettungen in den darauf folgenden Wochen sollten die Taten verschleiern.
Das Massaker vom Juli 1995 gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.[3][4] Bereits abgeschlossene Prozesse vor internationalen Gerichten haben gezeigt, dass die Verbrechen nicht spontan erfolgten, sondern systematisch geplant und durchgefĂŒhrt wurden. Der Internationale Strafgerichtshof fĂŒr das ehemalige Jugoslawien (UN-Kriegsverbrechertribunal) in Den Haag bezeichnete das Massaker in den Urteilen gegen Radislav KrstiÄ,[5][6][7] Vidoje BlagojeviÄ, Dragan JokiÄ,[8][9][10] LjubiĆĄa Beara und Vujadin PopoviÄ als Völkermord. Ende Februar 2007 bewertete der Internationale Gerichtshof das Massaker ebenfalls als Genozid.[11]
Inhaltsverzeichnis |
Lage von Srebrenica in Bosnien und Herzegowina |
Im Bosnienkrieg fanden in der Region Ostbosnien, zu der auch die Stadt Srebrenica gehört, militĂ€rische Auseinandersetzungen zwischen den bewaffneten Einheiten der bosnischen Serben und der Bosniaken statt. Zusammen mit ParamilitĂ€rs gelang es dem bosnisch-serbischen MilitĂ€r im FrĂŒhjahr 1992 erstmals, die Kontrolle ĂŒber Srebrenica zu gewinnen, deren Bevölkerung sich zu fast drei Vierteln aus Bosniaken zusammensetzte. Die Herrschaft der bosnischen Serben dauerte nur einige Wochen. Bosniakische MilitĂ€reinheiten unter der FĂŒhrung von Naser OriÄ eroberten die Stadt Anfang Mai 1992 zurĂŒck.
Die umliegenden Regionen blieben in der Hand der bosnischen Serben, die Srebrenica erneut belagerten. Die bosniakischen Einheiten starteten aus der Stadt heraus Gegenoffensiven und ĂberfĂ€lle auf umliegende serbische Dörfer, die als StĂŒtzpunkte der Belagerer dienten. Es gelang den Bosniaken hierbei bis Januar 1993, das bosniakisch kontrollierte Gebiet um Srebrenica herum auf ein Maximum von ca. 900 Quadratkilometern auszudehnen. Die Belagerung konnten sie dadurch jedoch nicht durchbrechen. Insbesondere Truppen unter Naser OriÄ werden mit Bezug auf die ĂberfĂ€lle und Gegenoffensiven fĂŒr KriegsgrĂ€uel gegen bosnische Serben verantwortlich gemacht. Die Angaben ĂŒber die Opferzahlen von 1992 bis 1995 schwanken dabei. In den letzten Jahren wurde in serbischen Medien von 1000 bis 3000 Opfern gesprochen. Die Dokumentation des niederlĂ€ndischen Instituts fĂŒr Kriegsdokumentation geht von mindestens 1000 serbischen Zivilisten aus. Das Research and Documentation Center in Sarajevo nennt eine Zahl von 424 bzw. 446 serbischen Soldaten und 119 serbischen Zivilisten.[12]
Im FrĂŒhjahr 1993 reorganisierte sich das bosnisch-serbische MilitĂ€r unter Ratko MladiÄ. Seine erfolgreichen Offensiven reduzierten den Einflussbereich der Bosniaken bis MĂ€rz 1993 wieder auf ca. 150 Quadratkilometer. Bosniaken aus der Region um Srebrenica flĂŒchteten im Zuge dieser Kampfhandlungen in die Stadt, deren Einwohnerzahl dadurch auf 50.000 bis 60.000 anstieg â 1991 hatte diese Zahl bei zirka 6000 gelegen. General Philippe Morillon, Kommandant der UNPROFOR in Bosnien, besuchte die von FlĂŒchtlingen ĂŒberfĂŒllte Stadt vom 11. bis 13. MĂ€rz 1993. Die Lebensbedingungen in Srebrenica waren zu diesem Zeitpunkt kritisch: Die Trinkwasser- und Stromversorgung war weitgehend zusammengebrochen, VorrĂ€te an Nahrung und Medikamenten waren sehr knapp, genauso wie Wohnraum. Vor seiner Abreise versprach Morillon den Einwohnern öffentlich, Srebrenica werde unter den Schutz der Vereinten Nationen gestellt; die UNO werde Srebrenica und seine Einwohner nicht im Stich lassen.
Im MĂ€rz und April 1993 wurden unter der Aufsicht des UNHCR Tausende Bosniaken aus Srebrenica evakuiert. Die bosnische Regierung in Sarajevo protestierte gegen diese Evakuierungen, weil diese MaĂnahmen aus ihrer Sicht die Politik der ethnischen SĂ€uberungen in Ostbosnien begĂŒnstigte.
Am 13. April 1993 teilten die bosnisch-serbischen MilitĂ€rs Vertretern des UNHCR mit, sie wĂŒrden Srebrenica angreifen, falls sich die Bosniaken nicht innerhalb von zwei Tagen ergeben wĂŒrden.
Als Reaktion auf diese Bedrohungslage verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 16. April 1993 die Resolution 819. Sie forderte von allen Parteien, Srebrenica und die umliegende Region als safe area, als Schutzzone, zu betrachten. Jeder Angriff auf Srebrenica und jeder andere âunfreundliche Aktâ gegenĂŒber dieser Schutzzone mĂŒsse unterbleiben. Am 18. April rĂŒckten die ersten 170 UNPROFOR-Soldaten, hauptsĂ€chlich Kanadier, in Srebrenica ein. Der Sicherheitsrat unterstrich den Status Srebrenicas als Sicherheitszone am 6. Mai 1993 durch Resolution 824 und am 4. Juni 1993 durch Resolution 836. Letztere gestattete dabei die Anwendung von Waffengewalt durch UNPROFOR-Soldaten fĂŒr Zwecke der Selbstverteidigung. Das erste niederlĂ€ndische Bataillon, Dutchbat I, erreichte die Schutzzone Srebrenica im MĂ€rz 1994. Im Juli desselben Jahres wurde es von Dutchbat II abgelöst, dem im Januar 1995 Dutchbat III folgte.
Das Mandat und damit auch die Bewaffnung der Blauhelme blieben grundsĂ€tzlich umstritten. Staaten, die UNO-Truppen fĂŒr Bosnien und fĂŒr die Schutzzonen stellten, lehnten die Anwendung von militĂ€rischer Gewalt gegen die bosnischen Serben ab. Sie fĂŒrchteten um die Sicherheit ihrer Soldaten. Staaten, die keine Truppen vor Ort hatten, favorisierten zunehmend eine Erweiterung des Mandats; auch die Anwendung von militĂ€rischer Gewalt gegen die VRS sollte aus ihrer Sicht erwogen werden.[13] Das Mandat und die nur leichte Bewaffnung der UNPROFOR-Soldaten orientierten sich schlieĂlich an klassischen friedenserhaltenden Missionen, nicht an EinsĂ€tzen, die den Frieden auch gegen eine Partei erzwingen.
Auf die Einrichtung der Schutzzone Srebrenica folgte eine Phase der relativen StabilitĂ€t. Anzahl und Schwere der Gefechte gingen zurĂŒck. Dennoch wurden die Befriedung der Schutzzone und ein Schutz ihrer Bewohner nicht vollstĂ€ndig erreicht. Nach Blauhelm-Angaben gelang die geforderte Demilitarisierung der bosniakischen Einheiten innerhalb der Enklave weitgehend. Die Bosniaken widersetzten sich aber einer vollstĂ€ndigen Entwaffnung. WĂ€hrend schweres MilitĂ€rgerĂ€t bis auf einige Hubschrauber und wenige Minenwerfer abgeliefert wurde, weigerten sich viele Bosniaken, leichte Waffen herauszugeben. Die bosnisch-serbischen Einheiten verblieben ihrerseits in ihren Stellungen, von denen sie die Schutzzone fortgesetzt mit schweren Waffen bedrohten; sie verweigerten die Demilitarisierungsbestimmungen vollstĂ€ndig. Immer wieder beschwerten sich Bosniaken ĂŒber Angriffe der bosnischen Serben. Die bosnisch-serbische Armee erschwerte und blockierte auĂerdem Hilfskonvois, die fĂŒr Srebrenica vorgesehen waren. Die Lage der Bevölkerung in der Schutzzone blieb trotz der relativen StabilitĂ€t kritisch.
Am 14. Juni 1993 forderte UNO-GeneralsekretĂ€r Boutros Boutros-Ghali 34.000 UNO-Soldaten fĂŒr die Sicherung der Schutzzonen. Der Sicherheitsrat bewilligte vier Tage spĂ€ter allerdings nur eine Erweiterung der Truppen um 7600 Mann. Diese Aufstockung der Truppen war erst im Sommer 1994 abgeschlossen.[14] Widerstand gegen die Bereitstellung weiterer Truppenkontingente resultierte aus spezifischen Sorgen um die Sicherheit der UNO-Blauhelme und aus allgemeinen Ăberlegungen zur EindĂ€mmung von Kosten fĂŒr solche Friedensmissionen.
Im FrĂŒhjahr 1995 verschlechterte sich die prekĂ€re Lage fĂŒr die FlĂŒchtlinge und die Blauhelmsoldaten erneut deutlich. Immer mehr Hilfskonvois fĂŒr Srebrenica wurden durch bosnisch-serbische VerbĂ€nde blockiert. Davon waren sowohl die eingeschlossenen FlĂŒchtlinge als auch die UN-Soldaten betroffen, deren VorrĂ€te sich ebenfalls stark reduzierten. Wenn Angehörige der UNPROFOR die Schutzzone Srebrenica verlieĂen, um Material- und Lebensmittelnachschub fĂŒr ihre Truppe zu organisieren, wurde ihnen anschlieĂend die RĂŒckkehr in die Schutzzone durch bosnisch-serbische Einheiten verweigert. Auf diese Weise sank die Zahl der niederlĂ€ndischen Blauhelme in der Schutzzone von anfĂ€nglich 600 auf ca. 450 bis 400.
Die Bereitschaft der Entsendestaaten, weitere Truppen fĂŒr den Einsatz in Bosnien und den Schutzzonen zu stellen, war in Anbetracht dieser Situation gering. Auch Luftangriffe auf Stellungen der VRS erschienen der UNO und den Truppen stellenden Staaten nicht opportun. Die UNO-FĂŒhrung ging davon aus, dass die bosnisch-serbischen Einheiten NATO-Luftangriffe als Kriegshandlung der UNO gegen die VRS deuten wĂŒrden. Man fĂŒrchtete eine Eskalation, aus der es fĂŒr die Weltorganisation keinen einfachen Ausweg gĂ€be. FĂŒr jede Friedensmission sei solch eine Situation fatal. Auch humanitĂ€re Hilfslieferungen fĂŒr die Zivilbevölkerung seien dann kaum mehr durchfĂŒhrbar. Die UNO-Spitze befĂŒrchtete ĂŒberdies weitere Angriffe auf die UNPROFOR-Einheiten, deren Sicherheit fĂŒr die UNO und die Truppen stellenden Staaten von entscheidender Bedeutung war.[15]
Radovan KaradĆŸiÄ erlieĂ Anfang MĂ€rz 1995 an die bosnisch-serbische Armee die âDirektive 7â. In ihr forderte der PrĂ€sident der Republika Srpska, durch gut geplante und durchdachte MilitĂ€roperationen eine unertrĂ€gliche Lage völliger Unsicherheit in der Schutzzone Srebrenica herbeizufĂŒhren. Den Eingeschlossenen sollte keine Hoffnung auf Ăberleben oder Leben in der Schutzzone gelassen werden. Mehrere drĂ€ngende Appelle der Eingeschlossenen, einen Korridor fĂŒr Hilfslieferungen zu öffnen, blieben erfolglos. Anfang Juli starben Einwohner Srebrenicas an Hunger und EntkrĂ€ftung. Bereits seit MĂ€rz 1995 registrierten Blauhelme Vorbereitungen der bosnisch-serbischen Armee fĂŒr Angriffe auf UN-Beobachtungsposten am Rand der Schutzzone.
Die bosnisch-serbische Armee und die ParamilitĂ€rs marschierten im Juli 1995 aus sĂŒdlicher Richtung in die Schutzzone ein. Am 9. Juli waren sie nur noch einen Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Widerstand von bosniakischen Truppen oder UNPROFOR-Einheiten blieb fast völlig aus. Das ermunterte KaradĆŸiÄ, den bosnisch-serbischen VerbĂ€nden die Erlaubnis zur Einnahme der Stadt zu erteilen.
In Anbetracht dieser Eskalation forderte der Kommandant der Blauhelme, Thomas Karremans, mehrfach NATO-LuftunterstĂŒtzung an. Umfassende LuftunterstĂŒtzung blieb jedoch aus. Zwei NiederlĂ€ndische Flugzeuge der NATO bombardierten einen Panzer der bosnischen Serben und setzten diesen auĂer Gefecht. Sofort darauf drohten die bosnischen Serben, bei Fortsetzung von NATO-Luftangriffen wĂŒrden sie die UNPROFOR-Soldaten, die sie bereits als Geiseln interniert hatten, ermorden. Ferner wĂŒrden sie die zusammengedrĂ€ngten FlĂŒchtlingsmassen gezielt unter Beschuss nehmen. Daraufhin wurden alle BemĂŒhungen eingestellt, die eindringenden bosnisch-serbischen Truppen durch Luftangriffe zu stoppen.
Nachdem die bosnisch-serbischen Einheiten die Kontrolle in Srebrenica ĂŒbernommen hatten, flohen tausende der bosniakischen Einwohner nach PotoÄari, einen nördlichen Nachbarort noch innerhalb der Schutzzone, um dort auf dem GelĂ€nde der Blauhelme Schutz zu suchen. Am Abend des 11. Juli 1995 befanden sich in PotoÄari ca. 20.000 bis 25.000 bosniakische FlĂŒchtlinge. Mehrere Tausend drĂ€ngten sich auf dem Blauhelm-GelĂ€nde, wĂ€hrend der Rest sich auf benachbarte Fabriken und umliegende Felder verteilte. Obwohl die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit Frauen, Kinder, Behinderte oder Ă€ltere Personen waren, schĂ€tzten Augenzeugen im Prozess gegen KrstiÄ, dass auch ca. 300 MĂ€nner auf dem UN-GelĂ€nde und ca. 600 bis 900 weitere MĂ€nner in seiner unmittelbaren Nachbarschaft Schutz gesucht hatten.[16]
Die Bedingungen in PotoÄari waren chaotisch. Am 12. Juli herrschte eine stickige Juli-Hitze. Nahrung und Wasser waren kaum vorhanden. Bosnisch-serbische Einheiten schossen auf HĂ€user in Sicht- und Hörweite der FlĂŒchtlinge, sie feuerten ebenfalls gezielt auf die Menschenmenge in PotoÄari. Unter den FlĂŒchtlingen breitete sich Angst, Entsetzen und Panik aus. In der DĂ€mmerung spitzte sich diese Lage zu, weil bosnisch-serbische Soldaten HĂ€user und Felder in Brand setzten.
Bereits am Nachmittag hatten sich einzelne bosnisch-serbische Soldaten unter die FlĂŒchtlinge gemischt, um diese mit massiven Drohungen und Gewalt unter Druck zu setzen. Zeugen im Verfahren gegen KrstiÄ berichteten von vereinzelten Morden, die bereits am 12. Juli verĂŒbt wurden.
In den Abendstunden und in der Nacht intensivierte sich der Terror. SchĂŒsse, Schreie und unheimliche GerĂ€usche machten Schlaf unmöglich. Eine Reihe von Frauen und MĂ€dchen wurde vergewaltigt. Bosnische Serben griffen einzelne FlĂŒchtlinge aus der Menge heraus und fĂŒhrten sie ab. Manche tauchten danach nie wieder auf. Einige FlĂŒchtlinge begingen angesichts dieser Situation Selbstmord. In der Nacht vom 12. auf den 13. Juli sowie am nĂ€chsten Morgen breiteten sich die Schreckensnachrichten ĂŒber Vergewaltigungen und Morde in der Menge der FlĂŒchtlinge aus.
Am 12. und 13. Juli wurden die Frauen, Kinder und Alten in zum Teil völlig ĂŒberfĂŒllten und ĂŒberhitzten Bussen, die von bosnisch-serbischen Soldaten kontrolliert wurden, von PotoÄari auf bosniakisch kontrolliertes Gebiet in der NĂ€he von Kladanj verbracht. Obwohl viele nicht wussten, wohin die Busse fuhren, waren sie froh, den ZustĂ€nden in PotoÄari entkommen zu können. Nach dem Ende der Busfahrt mussten die FlĂŒchtlinge zu FuĂ noch einige Kilometer durch das Niemandsland zwischen den Linien gehen, bis sie Kladanj schlieĂlich erreichten.
Die niederlÀndischen Blauhelm-Soldaten versuchten, die Busse zu eskortieren, was ihnen nur beim ersten Konvoi gelang. Bosnisch-serbische Einheiten hinderten sie bei den nachfolgenden Konvois daran. Die Fahrzeuge wurden den UN-Soldaten mit Waffengewalt abgenommen.
Am Abend des 13. Juli befand sich kein Bosniake mehr in PotoÄari. Am 14. Juli entdeckten die UN-Soldaten auf ihren ErkundungsgĂ€ngen in der Stadt Srebrenica nicht einen lebenden Bosniaken.
Seit den Morgenstunden des 12. Juli begannen die bosnisch-serbischen KrĂ€fte damit, MĂ€nner aus der Masse der FlĂŒchtlinge auszusondern und an separaten PlĂ€tzen â eine Zink-Fabrik und ein GebĂ€ude mit dem Namen âWeiĂes Hausâ â festzuhalten. SpĂ€ter wurden diese MĂ€nner mit Lastwagen und gesonderten Bussen von dort abtransportiert. Bosnisch-serbische Soldaten verwehrten mĂ€nnlichen FlĂŒchtlingen im wehrfĂ€higen Alter, gelegentlich auch JĂŒngeren und Ălteren, das Besteigen der Busse. Die Art und Weise, wie die Selektionen durchgefĂŒhrt wurden, war fĂŒr die betroffenen Familien traumatisch, wie Zeugen im KrstiÄ-Prozess in Den Haag berichteten. Die Busse, die die Frauen, Kinder und Ălteren nach Kladanj transportierten, wurden auf dem Weg dorthin von bosnisch-serbischem MilitĂ€r gestoppt und nach MĂ€nnern durchsucht. Wurden dabei welche entdeckt, wurden diese abgefĂŒhrt.
Durch die Selektion, die Internierung und den spĂ€teren Abtransport wurden die Ausgesonderten jedem Schutz durch UNPROFOR entzogen. Auf Fragen von Blauhelm-Soldaten nach dem Grund fĂŒr die Selektionen antworteten bosnisch-serbische Soldaten mit dem Vorwand, man suche nach Personen, die Kriegsverbrechen begangen haben.[17]
Am 12. und 13. Juli wurden UN-Soldaten in PotoÄari Zeugen von Morden an Bosniaken. Diese Morde verĂŒbten bosnische Serben in und hinter dem âWeiĂen Hausâ.
Bereits angesichts der FlĂŒchtlingskrise in PotoÄari vom Abend des 11. Juli kamen unter den Bosniaken Ăberlegungen auf, einen gemeinsamen Fluchtversuch zu unternehmen. Dazu sollten sich die körperlich geeigneten MĂ€nner sammeln und zusammen mit Mitgliedern der 28. Division der Armee Bosnien-Herzegowinas (ABiH) eine Kolonne formen. Diese sollte versuchen, nordwestlich durch die WĂ€lder in Richtung Tuzla bzw. bosniakisch kontrolliertes Gebiet durchzubrechen. Insbesondere die jĂŒngeren MĂ€nner fĂŒrchteten ihre Ermordung, wĂŒrden sie den bosnisch-serbischen KrĂ€ften in PotoÄari in die HĂ€nde fallen.
Der Zug formierte sich in der NĂ€he der Ortschaften Jaglici und Ć uĆĄnjari. Zeugen schĂ€tzten seine GröĂe auf 10.000 bis 15.000 Mann. Rund ein Drittel bestand aus Mitgliedern der 28. Division. Nicht alle dieser Mitglieder waren bewaffnet. Waffen, militĂ€rische Disziplin und militĂ€risches Training dieser Division waren ungenĂŒgend.[18] Einheiten der 28. Division bildeten die Spitze der Kolonne. Daran schlossen sich Zivilisten an, durchmischt mit Soldaten. Den Schluss bildete das UnabhĂ€ngige Bataillon der 28. Division.
Wenige Frauen, Kinder und Alte gehörten ebenfalls zum Treck. Wenn sie spĂ€ter von bosnisch-serbischen KrĂ€ften gefangen wurden, wurden sie ebenfalls den Bussen zugefĂŒhrt, die von PotoÄari in Richtung Kladanj unterwegs waren.
In der Nacht vom 11. auf den 12. Juli, gegen Mitternacht, setzte sich die Kolonne in Marsch. Am 12. Juli starteten bosnisch-serbische MilitĂ€reinheiten einen schweren Artillerie-Angriff auf die FlĂŒchtenden, als diese versuchten, eine AsphaltstraĂe in der NĂ€he von Nova Kasaba zu ĂŒberqueren. Die Kolonne wurde dadurch gespalten. Nur ca. einem Drittel gelang die Ăberquerung. WĂ€hrend des ganzen Tages und in der Nacht nahmen bosnisch-serbische Einheiten den blockierten Teil des Zuges unter Feuer. Ăberlebende aus diesem hinteren Teil bezeichneten diese Attacken als âMenschenjagdâ.
Am Nachmittag und FrĂŒhabend des 12. Juli machten die bosnisch-serbischen Einheiten eine groĂe Anzahl von Gefangenen unter denjenigen, die zum hinteren Teil des FlĂŒchtlingszuges gehörten. Dazu nutzten sie unterschiedliche Taktiken. Zum Teil errichteten sie Hinterhalte. Oft feuerten die bosnisch-serbischen Einheiten mit Luftabwehr-Waffen und anderem schweren GerĂ€t in die WĂ€lder. In anderen FĂ€llen riefen sie in den Wald und drĂ€ngten die Bosniaken zur Kapitulation; als Gefangene wĂŒrden diese gemÀà der Genfer Konventionen behandelt werden. Auch wurden gestohlene UNPROFOR-Materialien und -GerĂ€tschaften (Fahrzeuge, Helme, Westen etc.) verwendet, um den Bosniaken zu suggerieren, UN-Soldaten oder das Rote Kreuz seien vor Ort, um die adĂ€quate Behandlung von Gefangenen zu ĂŒberwachen. TatsĂ€chlich stahlen die bosnischen Serben die persönlichen Habseligkeiten ihrer bosniakischen Gefangenen, in einigen FĂ€llen wurden Gefangene an Ort und Stelle ermordet.
Die meisten Gefangenen machten die bosnisch-serbischen Einheiten am 13. Juli. Mehrere Tausend wurden auf einem Feld in der NĂ€he von Sandici sowie auf dem FuĂballplatz von Nova Kasaba festgehalten.
Die Spitze der Marschkolonne, die die StraĂe ĂŒberqueren konnte, wartete zunĂ€chst, was mit dem Rest des Trecks passieren wĂŒrde. Der schwere Beschuss der blockierten zweiten Gruppe dauerte am 12. Juli bis in die Nacht, so dass in der Kolonnenspitze die Hoffnung sank, der Rest könne aufschlieĂen. Am 13. Juli setzte die Spitze des FlĂŒchtlingstrecks ihren Marsch in nordwestlicher Richtung fort. Auch sie geriet dabei in Hinterhalte und erlitt schwere Verluste. Am 15. Juli scheiterte der erste Versuch, auf bosniakisch kontrolliertes Gebiet durchzubrechen. Dies gelang erst am darauf folgenden Tag und mit UnterstĂŒtzung von Einheiten der ABiH, die aus Richtung Tuzla herangefĂŒhrt wurden, um einen Korridor fĂŒr die auftauchenden FlĂŒchtlinge freizukĂ€mpfen.
Die bosniakischen MĂ€nner, die in PotoÄari von den Frauen, Kindern und Ălteren getrennt worden waren, wurden nach Bratunac transportiert. SpĂ€ter kamen zu dieser Gruppe auch MĂ€nner, die mit der Kolonne den kollektiven Fluchtversuch durch die WĂ€lder unternommen hatten, von den bosnischen Serben jedoch gefangen genommen worden waren. Bei der Internierung in Bratunac gab es keine Versuche, diese beiden Personengruppen voneinander getrennt zu halten.
Die bosnisch-serbischen SicherheitskrĂ€fte nutzten fĂŒr die Internierung verschiedene GebĂ€ude, zum Beispiel ein verlassenes Warenhaus und eine alte Schule, aber auch die Busse und Lastwagen, mit denen sie die Gefangenen nach Bratunac beförderten. In der Nacht wurden einzelne Gefangene herausgerufen. Zeugen hörten Schmerzensschreie und Gewehrfeuer. Nach einem Zwischenaufenthalt in Bratunac von ein bis drei Tagen wurden die Bosniaken an andere Orte gebracht, als die Busse zur VerfĂŒgung standen, mit denen zuvor die Frauen, Kinder und Alten in Richtung des bosniakisch kontrollierten Gebiets gefahren worden waren.
Fast alle bosniakischen Gefangenen wurden getötet. Manche wurden einzeln ermordet, andere in kleinen Gruppen bei ihrer Gefangennahme, wieder andere wurden an den Orten ihrer Internierung umgebracht. Die meisten wurden in sorgfĂ€ltig geplanten und durchgefĂŒhrten Massenexekutionen getötet, die am 13. Juli in der Region nördlich von Srebrenica begannen. Gefangene, die am 13. Juli nicht getötet wurden, wurden an ExekutionsstĂ€tten nördlich von Bratunac transportiert. Die umfangreichen Massenexekutionen im Norden fanden zwischen dem 14. und 17. Juli statt.
Die meisten Massenexekutionen folgten einem einheitlichen Muster. ZunĂ€chst wurden die Opfer in leerstehenden SchulgebĂ€uden oder LagerhĂ€usern interniert. Dort wurden ihnen Nahrung und GetrĂ€nke verweigert. Nach einigen Stunden fuhren Busse oder Lastwagen vor und beförderten die Gefangenen an einen zur Exekution bestimmten, ĂŒblicherweise abgelegenen Platz. In einigen FĂ€llen wurden zusĂ€tzlich MaĂnahmen ergriffen, um mögliche WiderstĂ€nde zu minimieren. Dazu gehörten das Verbinden der Augen und das Fesseln der Handgelenke hinter dem RĂŒcken. Als die Busse oder Lastwagen an den ExekutionsstĂ€tten ankamen, mussten die Gefangenen sich aufreihen und wurden erschossen. Diejenigen, die die Salven ĂŒberlebten, wurden mit weiteren SchĂŒssen getötet. Schweres ErdrĂ€umgerĂ€t zum Vergraben der Leichen fuhr sofort im Anschluss an die Exekutionen auf, manchmal sogar schon wĂ€hrend der ErschieĂungen. Die MassengrĂ€ber wurden entweder direkt dort ausgehoben, wo die Erschossenen lagen oder in unmittelbarer NĂ€he.
Bis 2001 identifizierten forensische Experten insgesamt 21 MassengrĂ€ber, in denen sich nachweislich Opfer des Massakers von Srebrenica befanden. 14 von diesen MassengrĂ€bern sind so genannte primĂ€re MassengrĂ€ber, in denen die Getöteten direkt nach der Exekution vergraben wurden. Von diesen 14 wurden acht spĂ€ter zerstört. Die Leichen wurden dabei entfernt und an anderer Stelle erneut vergraben. Oft lagen diese so genannten sekundĂ€ren MassengrĂ€ber â bis 2001 wurden sieben entdeckt â in weiter entfernten Gegenden. Die Umbettungen erfolgten, weil die bosnisch-serbischen TĂ€ter die Massenmorde vertuschen wollten. Im Urteil gegen KrstiÄ werden 18 weitere MassengrĂ€ber erwĂ€hnt, die mit dem Massaker in Verbindung stehen, bis zum Ende des Prozesses gegen KrstiÄ jedoch noch nicht untersucht werden konnten.
Die Ăberreste von zirka 8000 Opfern wurden seit Ende des Bosnienkrieges exhumiert. Etwa 6200 Leichen konnten bislang namentlich zugeordnet werden.[19]
Unmittelbar nach dem Fall der Schutzzone Srebrenica kritisierte die TĂŒrkei mit scharfen Worten die UNO und ihren Sicherheitsrat. Der Einmarsch sei ein Schlag ins Gesicht des Sicherheitsrats, die UNO habe durch dieses Ereignis ihr Prestige verloren.[20] In den Wochen nach dem Einmarsch der bosnisch-serbischen Truppen gab es auch in der tĂŒrkischen Ăffentlichkeit Proteste: Demonstrationen, Geldsammlungen fĂŒr FlĂŒchtlinge und kritische Zeitungsberichte gehörten zu dieser Reaktion.
Wenige Tage nachdem die bosnisch-serbischen Einheiten Srebrenica eingenommen hatten, forderte Jacques Chirac die Wiedereroberung der Schutzzone. International wurde diese Forderung jedoch nur als eine symbolische Geste nachtrĂ€glicher Entschlossenheit eingestuft, VerbĂŒndete fĂŒr diese Idee fand der neu gewĂ€hlte französische PrĂ€sident nicht.
Am 24. Juli 1995 schloss der UN-Menschenrechtsbeauftragte Tadeusz Mazowiecki eine einwöchige Untersuchung zum Fall Srebrenica ab. Er erklĂ€rte, von 40.000 Einwohnern der Enklave seien 7.000 offenbar âverschwundenâ. Nachdem auch die Schutzzone Ćœepa gefallen war, trat er am 27. Juli von seinem Amt zurĂŒck.
In der zweiten Juli-HĂ€lfte kamen erste GerĂŒchte ĂŒber das Massaker auf. Diese Nachrichten verdichteten sich, als die wenigen Ăberlebenden des Massakers erste Zeugenaussagen machten, nachdem sie bosniakisch kontrolliertes Territorium erreicht hatten. Aussagen niederlĂ€ndischer Blauhelm-Soldaten wirkten in die gleiche Richtung.
Am 10. August legte die amerikanische UN-Botschafterin Madeleine Albright dem UNO-Sicherheitsrat Satellitenaufnahmen vor, die auf GrĂ€ueltaten bosnischer Serben in der Umgegend von Srebrenica schlieĂen lieĂen. Zirka drei Monate spĂ€ter, am 18. November 1995, wurde am UN-Kriegsverbrechertribunal Anklage gegen MladiÄ und KaradĆŸiÄ wegen der Verbrechen von Srebrenica erhoben. Diese Klage war die zweite gegen die beiden, am 25. Juli 1995 waren sie bereits wegen Verbrechen angeklagt worden, die zeitlich vor dem Massaker von Srebrenica stattgefunden hatten.
Im Dezember 1995 verurteilte die AuĂenministerkonferenz der islamischen Staaten die Handlungen der bosnischen Serben und sprach von Völkermord.[21]
Im April 1996 untersuchte eine gröĂere Ermittlungskommission des Haager Gerichts erstmals vor Ort Exekutionsorte und MassengrĂ€ber. Die erste Ăffnung eines Massengrabs erfolgte im Juli 1996. Die forensischen Untersuchungen ziehen sich aufgrund der Vielzahl der Ermordeten, der Tatorte und der MassengrĂ€ber bis heute hin. Ăberdies erschweren die 1995 durchgefĂŒhrten, groĂ angelegten Vertuschungsversuche die Arbeit der Kriminalisten und Gerichtsmediziner.[22]
Am 15. November 1999 legte Kofi Annan als amtierender UNO-GeneralsekretÀr einen Bericht zum Fall der Schutzzone Srebrenica vor. Dieser Bericht kritisierte unter anderem die Fehlleistungen der UN-Institutionen deutlich. Zusammen mit den selbstkritischen Bewertungen zum Agieren der UNO im Angesicht des Völkermords in Ruanda (April bis Juli 1994) sollte dieser Bericht mit zu einer Neuausrichtung von UN-Friedensmissionen beitragen.
Im Juni 2004 rĂ€umten Vertreter der Republika Srpska erstmals offiziell die Verantwortung bosnisch-serbischer SicherheitskrĂ€fte fĂŒr das Massaker von Srebrenica ein.[23] Dabei offenbarten sie weitere, bis dahin unbekannte MassengrĂ€ber, die in Zusammenhang mit dem Massaker stehen.[24] Im November 2004 folgte erstmals eine offizielle Entschuldigung durch die Regierung der Republika Srpska bei den Hinterbliebenen der Opfer.[25] Ende MĂ€rz 2005 ĂŒbergab eine bosnisch-serbische Untersuchungskommission der Staatsanwaltschaft eine Liste mit 892 Namen von mutmaĂlichen TĂ€tern.[26]
Am 2. Juni 2005 zeigte der Anklagevertreter im Prozess gegen den frĂŒheren jugoslawischen StaatsprĂ€sidenten Slobodan MiloĆĄeviÄ ein Videoband, das die ErschieĂung von vier mĂ€nnlichen Jugendlichen und zwei jungen MĂ€nnern zeigt.[27] Sie sollen aus Srebrenica stammen, die TĂ€ter sind offenbar Angehörige der serbischen Sondereinheit âSkorpioneâ. Kurz darauf strahlten verschiedene serbische Fernsehsender diese Aufnahmen aus. Sie fĂŒhrten in der serbischen Ăffentlichkeit zu einer intensiven Diskussion ĂŒber das Verbrechen, das zuvor kaum thematisiert wurde. Der serbische Premierminister Vojislav KoĆĄtunica sprach von einem âbrutalen, gnadenlosen und beschĂ€menden Verbrechenâ an Zivilisten.[28] Rasch nach der Ausstrahlung verhaftete die Polizei einige der mutmaĂlichen TĂ€ter.[29] Auch in westlichen Medien wurde ĂŒber dieses Video und die Reaktionen in Serbien berichtet.[30] Am 10. April 2007 verhĂ€ngte ein serbisches Gericht gegen vier Tatbeteiligte langjĂ€hrige Haftstrafen, ein fĂŒnfter Angeklagter wurde freigesprochen.[31] In gegenteiligen Darstellungen werden die ErschieĂung und der Zusammenhang der Filmszenen mit dem Massaker bestritten.
Anfang Oktober 2005 legte eine Sonderarbeitsgruppe der bosnisch-serbischen Regierung dem UN-Kriegsverbrechertribunal eine Liste von etwa 19.500 Personen vor, die sich an dem Massaker auf die eine oder andere Art direkt beteiligt haben sollen.[32]
Ende MĂ€rz 2010 entschuldigte sich das Parlament Serbiens fĂŒr das Massaker von Srebrenica, den Begriff âVölkermordâ vermied es in seiner Resolution jedoch.[33]
Das Agieren der Blauhelme ist international eingehend erörtert worden. Beispielsweise findet sich im UN-Bericht zu den Ereignissen von Srebrenica ein Abschnitt zu diesem Thema.[34] Auch das französische Parlament richtete fĂŒnfeinhalb Jahre nach dem Fall der Enklave einen Untersuchungsausschuss ein, der im November 2001 seinen Abschlussbericht zu diesen VorgĂ€ngen vorlegte.[35]
Vor allem wird in den Niederlanden eine bis heute nicht abgeschlossene Diskussion darĂŒber gefĂŒhrt, ob die UN-Soldaten vor Ort Handlungsalternativen gehabt haben. Diese Debatte stĂŒtzt sich inzwischen auf die Erkenntnisse einer Reihe gröĂerer Untersuchungen, die zum Fall der Schutzzone und zum Verhalten von Dutchbat entstanden sind.
Die EinschÀtzungen sind sehr unterschiedlich. Kritiker werfen den niederlÀndischen Blauhelmen vor, sie hÀtten Teile des Massakers mitbekommen und durch Nicht-Einschreiten geduldet. In diesem Zusammenhang wird auch von Beihilfe zu einem Kriegsverbrechen gesprochen. Diese Kritiker konstatieren ein Versagen des niederlÀndischen Bataillons, dem sich gezielte Vertuschungsversuche niederlÀndischer MilitÀrs und Politiker anschlossen.[36]
Andere Stellungnahmen betonen dagegen, dass die Soldaten vor Ort kaum Kenntnis von den GrĂ€ueln gehabt haben, weil sie an entsprechenden Beobachtungen von den Einheiten der bosnischen Serben systematisch gehindert wurden. AuĂerdem seien sie im Stich gelassen worden, obwohl sie mehrfach eindringlich LuftunterstĂŒtzung zum Schutz der Enklave und zu ihrer eigenen Sicherheit angefordert hatten. Dutchbat sei ferner durch die niederlĂ€ndische und internationale Politik mit dem Schutz der Bosniaken betraut worden, ohne dass ihnen dazu jemals adĂ€quate Mittel zur VerfĂŒgung gestanden hĂ€tten. Die Aufgabe sei eine âmission impossibleâ gewesen.[37]
Die Lage fĂŒr die UNO-Soldaten vor Ort wurde auch dadurch verschĂ€rft, dass der kommandierende französische General Bernard Janvier jegliche LuftunterstĂŒtzung verweigerte. In einem Brief des damaligen UN-Sonderbeauftragten fĂŒr Bosnien, Yasushi Akashi, an das UN-Hauptquartier in New York schrieb Akashi, dass ihn der serbische PrĂ€sident MiloĆĄeviÄ bereits am 17. Juni 1995 in einem GesprĂ€ch mitgeteilt habe, dass der französische StaatsprĂ€sident Jacques Chirac MiloĆĄeviÄ zugesagt habe, es werde ohne Zustimmung aus Paris keine NATO-Luftangriffe geben.[38] Die Franzosen fĂŒrchteten die Ermordung von UNPROFOR-Geiseln, zu denen viele Franzosen zĂ€hlten.
Handlungen, Unterlassungen und Schlussfolgerungen sind in symboltrĂ€chtigen Bildern verdichtet. Dazu gehört das bekannte Foto, das Ratko MladiÄ und Thomas Karremans am Abend des 12. Juli 1995 bei einem gemeinsamen Trinkspruch festhĂ€lt. Dazu zĂ€hlen die Videoaufnahmen von feiernden und tanzenden Dutchbat-Soldaten in Zagreb, unmittelbar nach ihrem Abzug aus Srebrenica. Auch der RĂŒcktritt der niederlĂ€ndischen Regierung unter Wim Kok am 16. April 2002, wenige Tage nach Veröffentlichung der umfangreichen Srebrenica-Studie des NiederlĂ€ndischen Instituts fĂŒr Kriegsdokumentation (NIOD), wurde als Symbol interpretiert, sieben Jahre nach den Ereignissen politische Verantwortung zu ĂŒbernehmen.
Begleitet von Protesten von Srebrenica-Ăberlebenden ehrte am 4. Dezember 2006 die niederlĂ€ndische Regierung demonstrativ ungefĂ€hr 500 Soldaten. Sie hĂ€tten seinerzeit einen âauĂerordentlich schwierigen Auftragâ gehabt, so der niederlĂ€ndische Verteidigungsminister Henk Kamp. Nach 1995 seien sie jahrelang falschen Anschuldigungen ausgesetzt gewesen, jedoch mittlerweile durch offizielle Untersuchungen entlastet. Bosnien und Herzegowina protestierte auf diplomatischer Ebene gegen diese Ehrung. Angehörige von Massaker-Opfern und Ăberlebende aus Srebrenica sprachen bei Protestkundgebungen von einem âGenozid-Ordenâ. An der Demonstration in Sarajevo gegen die Auszeichnung der Soldaten beteiligte sich die Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker (GfbV) und forderte in einem offenen Brief an Kamp und MinisterprĂ€sident Jan Peter Balkenende eine Entschuldigung bei den Ăberlebenden von Srebrenica.[39][40][41]
Eine Reihe von Personen ist vor dem kurz UN-Kriegsverbrechertribunal genannten internationalen Strafgerichtshof wegen des Massakers von Srebrenica angeklagt worden. Die Verfahren gegen DraĆŸen ErdemoviÄ, Radislav KrstiÄ, Dragan ObrenoviÄ, Vidoje BlagojeviÄ und Dragan JokiÄ sind abgeschlossen. Die Angeklagten wurden verurteilt. In vielen Urteilen, unter anderem in gegen KrstiÄ sowie gegen BlagojeviÄ und JokiÄ, wird das Geschehen als Völkermord klassifiziert. Am 10. Juni 2010 wurden Vujadin PopoviÄ und LjubiĆĄa Beara ebenfalls wegen Völkermordes zu jeweils lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Drago NikoliÄ erhielt wegen Beihilfe hierzu eine Freiheitsstrafe von 35 Jahren. Vier weitere Angeklagte erhielten Freiheitsstrafen zwischen fĂŒnf und 19 Jahren.[42]
KaradĆŸiÄ wurde nach jahrelanger Flucht am 18. Juli 2008 gefasst und anschlieĂend nach Den Haag ĂŒberstellt.[43] Der als Hauptverantwortlicher fĂŒr das Massaker geltende Ratko MladiÄ wurde am 26. Mai 2011 verhaftet und sitzt gegenwĂ€rtig in Den Haag in Untersuchungshaft.[44] Auch der Prozess gegen Zdravko Tolimir, einen von sieben Stellvertretern MladiÄs, ist derzeit noch im Gange und soll bis Oktober 2012 abgeschlossen werden.[45]
Bereits im Jahr 1993 reichte Bosnien-Herzegowina beim Internationalen Gerichtshof (IGH) eine Klage gegen die Bundesrepublik Jugoslawien ein. Die Organe der Republik Serbien seien fĂŒr Völkermord in Bosnien-Herzegowina verantwortlich und mĂŒssten deshalb EntschĂ€digungszahlungen leisten. Der IGH erklĂ€rte 1996 die Klage fĂŒr zulĂ€ssig. Das Urteil des IGH Ende Februar 2007 bezog sich auf Serbien als Rechtsnachfolger Jugoslawiens: dabei kam der Gerichtshof zu dem Ergebnis, dass Serbien keine direkte Verantwortung trage fĂŒr die Verbrechen, die im Bosnienkrieg begangen wurden. Aus diesem Grund könne es nicht zu EntschĂ€digungszahlungen herangezogen werden.
In seinem Urteil bewertete der Gerichtshof das Massaker von Srebrenica jedoch als Völkermord und bestĂ€tigte in dieser Hinsicht die Urteile des Kriegsverbrechertribunals. Serbien mĂŒsse sich nach dem Urteil des Gerichtshofs zudem eine indirekte Mitverantwortung fĂŒr die Geschehnisse zurechnen lassen, denn es habe nicht alle seine Möglichkeiten genutzt, um Kriegsverbrechen und Völkermord zu unterbinden. Auf dem Balkan fiel die Reaktion auf das Urteil unterschiedlich aus, insbesondere auf die Entscheidung, mit Ausnahme des Massakers von Srebrenica liege kein Fall von Völkermord vor.[46][47][48]
Beinahe 8.000 Hinterbliebene der Opfer des Massakers haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die unter dem Namen MĂŒtter von Srebrenica bekannt ist. Dieser Opferverband reichte am 4. Juni 2007 beim Landgericht in Den Haag eine Klage[49] gegen den niederlĂ€ndischen Staat und die Vereinten Nationen ein.[50] Nach Auffassung der Hinterbliebenen hatten die Vereinten Nationen keine ausreichende MaĂnahmen fĂŒr den Schutz der Menschen in der UN-Schutzzone ergriffen.[51] In seinem Urteil am 10. Juli 2008 billigte das Gericht den Vereinten Nationen jedoch ImmunitĂ€t zu. Dieser Schutz vor jeder gerichtlichen Verfolgung ergebe sich aus völkerrechtlichen Bestimmungen. Staatliche Gerichte könnten sich daher nicht mit Klagen gegen die UN befassen. Die AnwĂ€lte der MĂŒtter von Srebrenica kĂŒndigten Berufung gegen die Entscheidung an.[52] Im September 2008 lehnte das Gericht eine weitere Klage von Hinterbliebenen gegen den niederlĂ€ndischen Staat ab. Dieser könne nicht fĂŒr Taten verklagt werden, die niederlĂ€ndische Soldaten begangen oder unterlassen hĂ€tten, als diese unter UN-Befehlen standen. Die Hinterbliebenen haben auch gegen dieses Urteil Revision angekĂŒndigt.[53]
Im Juli 2010 haben der ĂŒberlebende Dolmetscher Hasan Nuhanovic und Verwandte des ermordeten Elektrikers Rizo Mustafic erneut Anzeige wegen âVölkermord und Kriegsverbrechenâ gegen Thomas Karremans, seinen Stellvertreter Major Rob Franken und Offizier Berend Oosterveen erstattet. Angehörige â darunter auch der Vater Nuhanovics sowie der Bruder Mustafics â waren wĂ€hrend des Bosnienkrieges bei Dutchbat angestellt, und die niederlĂ€ndischen Befehlshaber seien fĂŒr die Auslieferung der einheimischen muslimischen Angestellten an die Serben verantwortlich gewesen.[54] Am 5. Juli 2011 urteilte ein Berufungsgericht in Den Haag, dass die Niederlande fĂŒr den Tod der drei MĂ€nner verantwortlich ist. Nach Ansicht der Richter mĂŒssen die Kommandeure von der Gefahr gewusst haben, der die vier MĂ€nner durch die Ausweisung aus dem Lager ausgesetzt wurden.[55][56]
2005 begannen in Griechenland staatsanwaltschaftliche Untersuchungen zur Frage, welche griechischen Söldner am Einmarsch der bosnisch-serbischen Truppen in Srebrenica teilnahmen und ob sie an den Massakern beteiligt waren. Es besteht der Verdacht, dass sie Teil des Drina-Korps gewesen sind. Greifbare Ergebnisse dazu liegen bislang jedoch nicht vor.[57]
Lange Zeit wurde in vielen serbischen Medien das Massaker von Srebrenica geleugnet. Auch in westlichen Print- oder Onlinepublikationen wurde gelegentlich die Behauptung aufgestellt, die Ereignisse hÀtten nicht stattgefunden oder seien in den Medien grob falsch und verzerrt dargestellt worden.
Im deutschsprachigen Raum relativierte vor allem JĂŒrgen ElsĂ€sser in der Tageszeitung Junge Welt das Massaker, unter anderem durch Berufung auf serbische Kriegsopfer.[58] Die Klassifizierung des Geschehens als Völkermord nennt ElsĂ€sser eine âLĂŒgeâ[59] und einen âMythosâ.[60] Er behauptet, eine Reihe von muslimischen Toten seien im Sommer 1995 Opfer von Liquidationen geworden, die andere Muslime um Naser OriÄ verĂŒbt hĂ€tten.[61] Dem Haager Kriegsverbrechertribunal wirft ElsĂ€sser unter Bezugnahme auf dessen Urteil gegen OriÄ vor, es urteile einseitig zuungunsten serbischer Angeklagter.[62] George Pumphrey leugnet in der Zeitschrift konkret das Geschehen.[63] In der Wochenzeitung Junge Freiheit zweifelt der serbische Schriftsteller und Journalist Nikola ĆœivkoviÄ die Zahl der Todesopfer an.[64] In der Schweiz erstatteten TRIAL und die Schweizer Sektion der Gesellschaft fĂŒr bedrohte Völker Strafanzeige wegen Verletzung der Rassismus-Strafnorm gegen zwei Autoren der La Nation, einem Organ der Ligue vaudoise, da diese das Massaker geleugnet hatten. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt.[65] Auch im englischsprachigen Raum werden die Geschehnisse gelegentlich sowohl von einigen Publizisten der Linken[66] als auch von Autoren aus dem konservativen Lager relativiert.[67]
Der Begriff Völkermord zur Bezeichnung des Geschehens wird abgelehnt, denn nur mĂ€nnliche Personen seien dem Massaker zum Opfer gefallen, keinesfalls alle bosniakischen FlĂŒchtlinge. Im Gerichtsurteil gegen Radislav KrstiÄ wird allerdings betont, dass die systematischen Morde an der mĂ€nnlichen Bevölkerung einen katastrophalen Einfluss auf die stark patriarchalisch strukturierten Familien der Bosniaken Srebrenicas hatten und damit diese ethnische Gruppe zerstörten.[68]
HĂ€ufig wird die Gesamtzahl der ermordeten Bosniaken relativiert. Die Zweifler betonen, die hohen offiziellen Opferzahlen hĂ€tten den Zweck, die serbische Seite zu dĂ€monisieren und von Verbrechen gegen Serben abzulenken, in der Region Srebrenica selbst oder zu anderen Gelegenheiten, wie etwa wĂ€hrend der âOperation Sturmâ. Statt von 7000 bis 8000 Opfern des Massakers von Srebrenica sei von einer deutlich niedrigeren Zahl auszugehen. GestĂŒtzt wird dies unter anderem mit der Behauptung, 1996 seien in WĂ€hlerverzeichnissen zu Wahlen in Bosnien-Herzegowina 3000 Vermisste und angeblich Tote wieder aufgetaucht.[69] Im Gerichtsverfahren gegen Radislav KrstiÄ wies der norwegische Bevölkerungswissenschaftler Helge Brunborg nach, dass diese Behauptung, die im Jahr 1997 bereits von Radovan KaradĆŸiÄ gebraucht wurde,[70] nicht den Tatsachen entspricht.[71] In einer Studie zur Zahl der Vermissten und Toten zeigte ein Team um Brunborg ferner, dass nicht 3000, sondern bestenfalls neun Ăberlebende in diesen Listen eingetragen waren. Es habe keine groĂangelegte Kampagne gegeben, Lebende als vermisst zu registrieren oder IdentitĂ€ten von Toten und Vermissten bei Wahlen zu missbrauchen.[72]
Einige der zweifelnden Autoren streiten vereinzelte Massaker nicht ab, betonen jedoch, dass diese nicht gezielt und systematisch vorgenommen worden seien. Die Taten seien allein âvon marodierenden serbischen Einheiten zu verantworten. Viele der Soldaten kamen aus der Region um Srebrenica und wollten den Tod von Angehörigen rĂ€chen, die zuvor bei moslemischen ĂberfĂ€llen getötet worden waren.â[73] Die Beweise fĂŒr die systematische Planung und DurchfĂŒhrung der Verbrechen sind jedoch in den Prozessen vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal aktenkundig.
Zweifel an der etablierten Darstellung der Ereignisse werden auch vorgebracht, weil seit Juli 1995 Tausende von Leichen nicht gefunden bzw. exhumiert wurden. Von den Exhumierten wiederum sind bislang viele nicht identifiziert. Entgegen gehalten werden muss solchen Zweifeln die bewusste Vertuschung der Tat durch mehrfache Umbettungen von Leichen. Die forensischen Untersuchungen sind dadurch komplex und zeitraubend.[74]
In vielen FĂ€llen gehen Zweifel, Relativierung und Bestreiten des Massakers von Srebrenica mit Annahmen ĂŒber eine groĂ angelegte politische und mediale Kampagne gegen Serben einher.
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Dieser Artikel wurde am 28. Dezember 2006 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. |