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Matthias Küntzel (* 1955) ist ein deutscher Politikwissenschaftler und Publizist. Er ist assoziiertes Mitglied („research associate“) des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA) der Hebräischen Universität Jerusalem und Mitglied im deutschen Vorstand der Wissenschaftlervereinigung "Scholars for Peace in the Middle East". [1]
Inhaltsverzeichnis |
Von 1984 bis 1988 war Küntzel als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der Grünen zuständig für die Bereiche Atomenergie und nukleare Proliferation. 1991 promovierte er summa cum laude an der Universität Hamburg mit einer Arbeit über die Entstehungsgeschichte des Atomwaffensperrvertrags und die deutsche nukleare Option.
Küntzel war Mitglied des Kommunistischen Bundes (KB) und gehörte nach dessen Spaltung 1991[2] der „antideutschen“ Redaktionsminderheit an, die sich fortan „Gruppe K“ nannte und die Zeitschrift Bahamas herausgab. Küntzel war von 1991 bis 1995 Mitglied der Redaktion der Bahamas, von 1988 bis 2001 schrieb er zudem für die Zeitschrift konkret. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Küntzel mit seinem Buch Goldhagen und die deutsche Linke oder: Die Gegenwart des Holocaust bekannt.[3] 1999 organisierte er im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung die Konferenz „Die Goldhagen-Debatte: Bilanz und Perspektiven“ mit Daniel Goldhagen, Andrei S. Markovits und anderen.
Seit 2001 sind seine vorrangigen Arbeitsgebiete der Nahostkonflikt, der Antisemitismus, der Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland sowie die deutsch-iranischen Beziehungen. 2002 veröffentlichte Küntzel sein Buch „Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg“, das 2007 auch auf Englisch und Hebräisch sowie 2009 auf Französisch erschien. Dieser Veröffentlichung folgte eine ausgedehnte Vortragstätigkeit an amerikanischen Universitäten, darunter Stanford University (Kalifornien), Yale University (Connecticut), Brown University (Rhode Island) und Columbia University (New York). Seit 2004 ist Küntzel assoziiertes Mitglied am Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA) der Hebräischen Universität Jerusalem. 2005 machte er die Existenz antisemitischer Schriften an den Iran-Ständen der Frankfurter Buchmesse publik und schrieb darüber im Wall Street Journal. In der Folgezeit verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Aufsätze und Vorträge auf die Rolle Irans und die deutsch-iranischen Beziehungen.
Von 2006 bis 2010 war Küntzel Mitglied im internationalen Vorstand der Wissenschaftlervereinigung Scholars for Peace in the Middle East (SPME). 2007 war er Mitbegründer und ist seitdem Vorstandsmitglied der deutschen Sektion dieser Organisation. [4] Die SPME-Organisation hat nach eigenen Angaben das Ziel, durch "Überzeugungsarbeit dem Antisemitismus, Antizionismus und Antiisraelismus entgegenzuwirken"[5]. Küntzel fordert in dem Zusammenhang ein hartes Vorgehen gegen die Atompolitik Irans und kritisiert die Bundesregierung, weil sie ihre engen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontakte zum Iran aufrechterhält. Außerdem analysiert Küntzel den gegenwärtigen Islamismus. Für den Nahostkonflikt fordert er in der Auseinandersetzung mit islamistischen Bewegungen wie Hisbollah und Hamas eine Unterstützung der israelischen Politik und sieht Pazifismus als nicht zweckdienlich an.
Im Jahre 2007 wurde von der University of Leeds ein geplanter öffentlicher Vortrag von Küntzel mit dem Titel Hitler’s Legacy: Islamic Antisemitism in the Middle East kurzfristig abgesagt, nachdem sich muslimische Studenten über das Thema des ankündigten Vortrags empört hatten. Als Grund für die Absage wurden offiziell Sicherheitsbedenken angegeben, Küntzel und das Deutsche Institut der Universität sprachen hingegen von Zensur und Ausverkauf akademischer Freiheit.[6][7]
In 2008 war Küntzel Referent beim Global Forum For Combating Antisemitism im israelischen Auswärtigen Amt und nahm auf Einladung des Center For Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. an einem zweiwöchigen Summer Research Workshop über den gegenwärtigen Antisemitismus teil. Im Dezember löste er mit seiner Kritik am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung eine Kontroverse über die Gleichsetzung von Judenfeindschaft und Muslimfeindschaft aus.
2009 veröffentlichte Küntzel bei Wolf Jobst Siedler jr. sein Buch „Die Deutschen und der Iran. Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft“ und nimmt als einziger deutscher Experte an der vom britischen Außenministerium veranstalteten London Conference on Combating Antisemitism teil.[8] 2010 war er Referent der von der kanadischen Regierung veranstalteten Ottawa Conference on Combating Antisemitism [9] und begann sein Engagement für Deutschlandradio Kultur in der Reihe Politisches Feuilleton.[10] In 2011 verlieh ihm die amerikanische Anti-Defamation-League (ADL) den Paul Ehrlich-Günther K. Schwerin Menschenrechtspreis.[11]
Küntzel veröffentlicht in erster Linie in den USA und dort u.a. in The Wall Street Journal, The Weekly Standard, The New Republic, Policy Review und Telos. In Deutschland veröffentlicht Küntzel vor allem in den Medien Der Tagesspiegel, Spiegel Online, Internationale Politik und Jungle World. Seine Texte werden international von Wissenschaftlern und Autoren wie Henryk M. Broder, Jeffrey Herf, Robert Wistrich, Walter Laqueur, Bassam Tibi und Pierre-André Taguieff rezipiert und gelobt.[12] Das Buch Jihad and Jew-Hatred wurde unter anderem in der von Sun Myung Moon gegründeten The Washington Times positiv rezensiert. In der The New York Times lobt Jeffrey Goldberg die englische Ausgabe des Buches als „anregend und alarmierend.“ J. Peter Pham bezeichnet sie in American Foreign Policy Interest als eine „heilsame Mahnung“, während Amnon Lord das Buch „Jihad and Jew-Hatred“ in der Zeitschrift Jewish Policy Studies Review als das „vielleicht wichtigste Werk, das in der Folge des 11. September geschrieben wurde“, rühmt.[13] Im Deutschlandfunk bezeichnete Ralph Gerstenberg Küntzels Buch „Die Deutschen und der Iran. Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft“ als „lesenswert und erhellend“.[14] Es sei „aufregend und spannend von der ersten bis zur letzten Seite“, betonte Henryk M. Broder in der Weltwoche.[15] Seine Faktenfülle werde „jeden interessierten Leser nicht nur beeindrucken, sondern auch beunruhigen“, betont das Handelsblatt[16], während Wolfgang G. Schwanitz das Buch in der Süddeutschen Zeitung als „spannungsreich“ und „aufwühlend“ lobt.[17]
Alexander Flores (Hochschule Bremen) sieht in Küntzels Buch Djihad und Judenhass hingegen groteske Verzerrungen der Wirklichkeit.[18] In der Zeitung analyse & kritik bemängelt Bernhard Schmid an Küntzels Islamismusanalyse, sie bestehe „vor allem darin, Züge des deutschen Nationalsozialismus in den Islamismus hineinzulesen. Der Mühe, den Islamismus mitsamt seinem gesellschaftlichen Kontext zu analysieren, unterzieht er sich erst gar nicht“.[19] Eine andere Einschätzung vertritt Katajun Amirpur im Deutschlandradio. Küntzel, so Amirpur, liege in einigen Fällen nachweislich so falsch, dass es dem Leser schwer falle, ihm da Glauben zu schenken, wo er Recht haben könnte.[20] Der Gegendarstellung von Küntzel[21] erfolgte eine Antwort von Amirpur auf NEFAIS (Netzwerk Fachjournalisten islamische Welt)[22] sowie eine Erwiderung Küntzels.[23] Fahimeh Farsaie im Freitag spricht noch deutlicher von „Verzerrung der Tatsachen“, der Autor wolle im Islamismus „partout die Fratze der Nazis“ erkennen.[24] Der deutsche Islamwissenschaftler Michael Kiefer kritisiert den oftmals „alarmistischen Ton“ und die „terminologischen Fehlgriffe“ sowie falsche NS-Vergleiche und Übertreibungen, die Küntzel anschlägt.[25]
Im Dezember 2007 gewann Küntzel den Großen Preis des von dem Unternehmen JM Northern Media LLC organisierten London Book Festivals für sein kurz zuvor erschienenes Buch "Jihad and Jew-Hatred: Islamism, Nazism, and the Roots of 9/11".[26] Im Mai 2008 erhielt "Jihad and Jew-Hatred" vom amerikanischen “Independent Publisher Book Award” die Goldmedaille als bestes Buch im Bereich Religion. Im Februar 2011 wurde Küntzel mit dem „Paul Ehrlich-Günther Schwerin Menschenrechtspreis“ der Anti-Defamation League (ADL) ausgezeichnet. Er habe „sich seit langem und in besonderer Weise gegen den Antisemitismus engagiert und seine Leser in seinem Herkunftsland Deutschland und anderswo vor den Gefahren dieses jahrhundertealten Virus gewarnt, gegen den keine Abhilfe bekannt ist“, erklärte Abraham H. Foxman, der Direktor von ADL, anlässlich der Preisverleihung. [27][28]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Küntzel, Matthias |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politikwissenschaftler und Journalist |
| GEBURTSDATUM | 1955 |