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Metaphysik (Aristoteles)

Die Metaphysik (Originaltitel τᜰ ΌΔτᜰ τᜰ φυσÎčÎșÎŹ – ta meta ta physika – „Das hinter der Physik“) ist ein aus mehreren TeilstĂŒcken zusammengefasstes Werk des griechischen Philosophen Aristoteles aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., das einem Teilgebiet der Philosophie, der Metaphysik, seinen Namen gegeben hat. Aristoteles bestimmte den Gegenstand wie folgt:

„Es gibt eine Wissenschaft, welche das Seiende als Seiendes untersucht und das demselben an sich Zukommende. Diese Wissenschaft ist mit keiner der einzelnen Wissenschaften identisch; denn keine der ĂŒbrigen Wissenschaften handelt allgemein vom Seienden als Seienden, sondern sie grenzen sich einen Teil des Seienden ab und untersuchen die fĂŒr diesen sich ergebenden Bestimmungen, wie z. B. die mathematischen Wissenschaften. Indem wir nun die Prinzipien und höchsten Ursachen suchen, ist offenbar, dass diese notwendig Ursachen einer gewissen Natur an sich sein mĂŒssen.“ (Met. IV 1, 1003 a 21 – 28)[1]

WĂ€hrend die Einzelwissenschaften sich mit den ihnen je eigenen GegenstĂ€nden befassen, ist es Aufgabe der Grundlagenwissenschaft, nach den ersten Prinzipien und Ursachen zu fragen und hierzu KlĂ€rungen zur VerfĂŒgung zu stellen.

„Denn wie die Zahl als Zahl besondere Eigenschaften hat, z. B. Ungeradheit und Geradheit, VerhĂ€ltnis und Gleichheit, Übermaß und Mangel, was den Zahlen sowohl an sich als in Beziehung auf einander zukommt; und ebenso das Solide, das Unbewegte und das Bewegte, das Schwerelose und das Schwere andere Eigenschaften hat: ebenso hat auch das Seiende als solches gewisse eigentĂŒmliche Merkmale, und sie sind es, hinsichtlich deren der Philosoph die Wahrheit zu erforschen hat.“ (IV 2, 1004 b 12 – 16)
Erste Seite von Aristoteles' Metaphysik in der Ausgabe von Immanuel Bekker, 1837

Inhaltsverzeichnis

Entstehung und Bedeutung des Titels des Werks

Unter der Sammelbezeichnung Metaphysik haben Aristoteles' SchĂŒler, vermutlich der Peripatetiker Andronikos von Rhodos im 1. Jahrhundert v. Chr., unterschiedliche, zum Teil unabhĂ€ngige Schriften in 14 BĂŒchern zusammengefasst. Der Titel, so eine verbreitete, jedoch veraltete Theorie, bezeichne daher schlicht die Position in dieser Edition: Die BĂŒcher, die der Physik nachgeordnet sind. Aristoteles selbst nannte den Gegenstand seiner Wissenschaft „Erste Philosophie“ (πρώτη φÎčÎ»ÎżÏƒÎżÏ†ÎŻÎ± – protē philosophia) oder auch „Theologische Wissenschaft“ (ጐπÎčÏƒÏ„ÎźÎŒÎ· epistēmē theologikē). Neuere Forschungen vertreten die Auffassung, dass der Name schon vor Andronikos, möglicherweise bereits im frĂŒhen Peripatos inhaltlich verwendet wurde[2], weil der Gegenstand sich auf das bezieht, was hinter den Dingen steht, auf den ersten Urgrund. Diese Auffassung findet sich schon bei Alexander von Aphrodisias, einem frĂŒhen Aristoteles-Kommentator.[3]

Übersicht ĂŒber den Inhalt

Die in der Metaphysik zusammengefassten Texte haben zum Teil einen sehr unterschiedlichen Charakter und sind nur in geringem Umfang miteinander verknĂŒpft. Dennoch ist ihre Zusammenfassung zu einem Gesamtwerk sinnvoll, weil sie alle das gemeinsame Thema, die Untersuchung des Seienden als Seiendes, in einer Ersten Philosophie zum Gegenstand haben. Die verschiedenen Lehrtexte des Aristoteles, die selbst keine Titel haben, sind ĂŒber einen langen Zeitraum entstanden und befassen sich mit dem einheitlichen Thema aus verschiedenen Blickwinkeln.

Die ersten sechs BĂŒcher haben einen einleitenden Charakter und dienen als HinfĂŒhrung zum Thema, in der

  • die Frage aus philosophiehistorischer Sicht betrachtet wird (Buch I und II),
  • grundsĂ€tzlich zu behandelnde Fragen aufgeworfen werden (Buch III),
  • erkenntnistheoretische VorĂŒberlegungen abgehandelt werden (Buch IV),
  • die grundlegenden Begriffe inhaltlich bestimmt werden (Buch V),
  • eine Abgrenzung zu anderen Wissenschaften getroffen wird (Buch VI).

Die BĂŒcher VII bis IX bilden den ersten Hauptteil. Sie werden ĂŒblicherweise als SubstanzbĂŒcher bezeichnet. In diesen untersucht Aristoteles die Substanz als Seins- und ErklĂ€rungsgrund alles Seienden. Nach der erst in der Neuzeit von Christian Wolff eingefĂŒhrten Strukturierung der Metaphysik wird in diesen Texten die Ontologie des Aristoteles als allgemeine Metaphysik behandelt. Dabei spielt die Unterscheidung von Materie und Form einer Substanz eine wesentliche Rolle. Des Weiteren wird das VerhĂ€ltnis von Wirklichkeit und Möglichkeit (Akt und Potenz) einer Substanz einer gesonderten Betrachtung unterzogen.

Das X. Buch ĂŒber das „Eine“ kann man als Vertiefung und ErgĂ€nzung der Ontologie betrachten. DemgegenĂŒber ist das XI. Buch in der Gliederung ein Fremdkörper, der in kĂŒrzerer Form bereits Abgehandeltes und teils auch erst Folgendes beinhaltet. Es ist daher als eine Art Kurzskript der gesamten Thematik, möglicherweise von einem SchĂŒler als Mitschrift verfasst, aufgefasst worden.

Das zweite große HauptstĂŒck ist das XII. Buch. Hier untersuchte Aristoteles das Seiende vor allem in Hinblick auf seinen Ursprung und weniger auf seine Seinsweisen. Das Ergebnis ist eine Kosmologie und natĂŒrliche Theologie, in der Einteilung von Christian Wolff also eine spezielle Metaphysik, in der Gott als unbewegter Beweger der Grund alles Seienden ist. Das dritte Thema der speziellen Metaphysik nach Wolff, die Seele, findet sich bei Aristoteles nicht in den Schriften zur Metaphysik, sondern in dem gesonderten Werk De anima.

Die beiden letzten BĂŒcher XIII und XIV kann man wieder als Vertiefung des Gesamtthemas ansehen, in der abstrakte EntitĂ€ten, also Ideen und vor allem die Mathematik ontologisch betrachtet werden, wobei Aristoteles dort auch seine Kritik an Platon und den Pythagoreern wiederholte.

Nr. Buch Spalten Gegenstand/(Abschnitte) Themen
I A 980 a 21 - 993 a 27 Philosophiegeschichte
(1-3) EinfĂŒhrung, darin das Staunen
(4-10) Zur Geschichte der Philosophie, Lehre von den vier Ursachen
(9) Kritik an Platons Ideenlehre</br>
II α 993 a 30 - 995 a 20 EinfĂŒhrung in das Studium der Philosophie
(Fragment eines gesonderten Textes)</br>
III B 995 a 24 - 1003 a 16 Das Aporienbuch
Aporien als Ausgangspunkt der Philosophie</br>
IV Γ 1003 a 21 - 1012 b 30 Über das Seiende
(1) Philosophie als Wissenschaft vom Seienden
(2) Die mehrfache Bedeutung des Seienden
(3-8) Der Satz vom Widerspruch</br>
V Δ 1012 b 34 - 1025 a 34 Lexikon philosophischer Begriffe
(UnabhĂ€ngig vom ĂŒbrigen Text)</br>
VI E 1025 b 3 - 1028 a 5 Wissenschaften
(1) Einteilung der Wissenschaften
(2-4) Die Akzidenzien</br>
VII Z 1028 a 10 - 1041 b 33 Über die Substanz (ousia) (erstes Substanz-Buch)
VIII H 1042 a 3 - 1045 b 24 Die sinnlich erfassbare Substanz (zweites Substanz-Buch)
IX Θ 1045 b 27 - 1052 a 12 ModalitÀten der Substanz (drittes Substanz-Buch)
(1-5) Möglichkeit (dynamis)
(6-9) Wirklichkeit (energeia)
(10) Wahrheit</br>
X I 1052 a 15 - 1059 a 15 Über das Eine (to hen)
XI K 1059 a 18 - 1069 a 10 Probleme der Philosophie
(1-7) Erste Philosophie
(8-12) Naturphilosophie</br>
XII Λ 1069 a 18 - 1076 a 4 Philosophische Theologie
(1-5) Sinnlich wahrnehmbare/vergÀngliche Substanz
(6-10) UnvergÀngliche Substanz (unbewegter Beweger)</br>
XIII M 1076 a 8 - 1087 a 25 Mathematik (1)
Über Ideen und Zahlen</br>
XIV N 1087 a 29 - 1093 b 29 Mathematik (2)
Über die Pythagoreer und Platon</br>
</table>

Das Programm der Metaphysik

Historischer Zugang

Die BegrĂŒndung des Programmes der ersten Philosophie findet sich in den beiden ersten Abschnitten des ersten Buches der Metaphysik, das wie eine Einleitung zu einem grĂ¶ĂŸeren Werk geschrieben ist. ZunĂ€chst stellte Aristoteles fest:

„Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen.“ (I 1, 980 a 21)

Die ersten Erkenntnisse zieht der Mensch aus der Wahrnehmung, wobei das Sehen eine herausragende Rolle spielt. DarĂŒber hinaus hat der Mensch aus Sicht von Aristoteles im Gegensatz zu anderen Lebewesen die FĂ€higkeit, aus der Erfahrung zu lernen und diese sogar zu einer Kunst zu entwickeln. Handwerker arbeiten aus Erfahrung und Gewohnheit. Kunst entsteht durch Überlegen, wenn man die Ursachen angeben kann, wodurch etwas hervorgebracht wird. Wissenschaft ist die Anwendung von Kunst auf Fragen, die nicht auf notwendige BedĂŒrfnisse gerichtet sind. So meinte Aristoteles, dass die großen Fortschritte der Ägypter in der Mathematik auf Muße zurĂŒckzufĂŒhren seien. Weisheit ist „Wissen von gewissen Prinzipien und Ursachen.“ (I 1, 982 a 2 – 3)

Wissenschaft befasst sich grundsĂ€tzlich mit dem Allgemeinen, ohne besonderes Wissen vom jeweils Einzelnen. Besonders genau sind Wissenschaften, die sich auf Prinzipien beziehen wie die Geometrie und noch mehr die Arithmetik. Die höchste Wissenschaft jedoch „ist die, welche den Zweck erkennt, weshalb jedes zu tun ist; dies ist aber das Gute fĂŒr jedes Einzelne und im ganzen das Beste in der gesamten Natur.“ (I 2, 982 b 6 – 10)

Die Philosophiegeschichte zeigt nach Aristoteles, dass diese höchste Wissenschaft eine theoretische Wissenschaft ist.

„Denn Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens, indem sie sich anfangs ĂŒber das nĂ€chstliegende ungeklĂ€rte verwunderten, dann allmĂ€hlich fortschritten und auch ĂŒber GrĂ¶ĂŸeres Fragen aufwarfen, z. B. ĂŒber die Erscheinungen an dem Mond und der Sonne und den Gestirnen und ĂŒber die Entstehung des Alls.“ (I 2, 982 b 17 – 22)

Gegenstand dieser Wissenschaft ist das in höchstem Maß Wissbare und dies ist das Göttliche,

„denn Gott gilt allen fĂŒr eine Ursache und Prinzip, und diese Wissenschaft möchte wohl allein oder doch am meisten Gott besitzen.“ (I 2, 983, 12 – 17)

Auch wenn dies die erste Wissenschaft ist, so ist jedoch der Erkenntnisweg umgekehrt. Er reicht vom Praktischen ĂŒber die Kunst und die Mathematik zu den ersten Prinzipien. Das Allgemeine ist der Grund des Einzelnen. Es wird jedoch erkannt durch eine schrittweise zunehmende Abstraktion von der Erfahrung. Das höchste Allgemeine ist damit das am weitesten Entfernte von dem Wahrgenommenen.

Als anfĂ€ngliche Ursachen eines jeden Seienden kamen fĂŒr Aristoteles vier Aspekte in Betracht

  • das Wesen und das Sosein
  • der Stoff und das Substrat
  • die Ursache fĂŒr den Anfang der Bewegung
  • das Weswegen und das Gute als Ziel aller Entstehung und Bewegung.

Bei der Untersuchung dieser Themen kann nach Aristoteles das Studium der Philosophiegeschichte hilfreich sein. Er gab daher im folgenden einen Abriss ĂŒber die Lehren der Vorsokratiker und eine Skizze der Philosophie Platons. Es folgt darauf eine eingehende Kritik. Den Vorsokratikern hielt er vor, dass sie bei der Wahl von konkreten empirischen GegenstĂ€nden als Urgrund aufgrund von Beobachtungen in WidersprĂŒche geraten. Vor allem hatten sie nach dem Wesen und Sosein ebenso wenig gefragt wie nach der Ursache aller Bewegung. An der Ideenlehre Platons kritisierte er, dass die Annahme einer eigenstĂ€ndigen Existenz der Ideen mindestens zu einer Verdopplung der Dinge fĂŒhrt, „denn fĂŒr jedes Einzelne gibt es etwas Gleichnamiges.“ (I 9, 990 b 10 – 11) Aristoteles nannte eine Reihe anderer Argumente gegen die Vorstellung, Ideen könnten Ursache des Seienden sein, unter anderem:

„Ferner ergeben die schĂ€rferen Beweise teils Ideen des Relativen, wovon es doch nach unserer Lehre keine Gattung an sich gibt, teils sprechen sie von „dem dritten Menschen“ “(I 9, 990 b 26 – 29)(siehe Universalienproblem).
„Am meisten aber mĂŒsste man wohl in Verlegenheit kommen, wenn man angeben sollte, was denn die Ideen fĂŒr das Ewige unter dem sinnlich Wahrnehmbaren oder fĂŒr das Entstehende und Vergehende beitragen;“ (I 9, 991 a 15 – 18)
„Überhaupt ist es unmöglich die Elemente des Seienden zu finden, wenn man nicht die verschiedenen Bedeutungen, die das Seiende hat, unterscheidet, zumal wenn die Untersuchung auf die Frage geht, aus welcherlei Elementen das Seiende bestehe.“ (I 9, 992 b 28 – 32)

Mit der Analyse und Kritik seiner VorgĂ€nger hatte Aristoteles den Rahmen und den Anspruch gezeichnet, die er in der ersten Philosophie ausfĂŒllen wollte.

Das zweite Buch der Metaphysik ist eine kurze Motivation fĂŒr das Studium der Philosophie. Hierzu gehören nach Aristoteles

  1. die Anregungen, die aus dem Studium frĂŒherer Philosophen gezogen werden und dass Philosophie eine Theorie der Wahrheit ist,
  2. dass es ein oberstes Prinzip, das Gute, gibt und deshalb ein Fortschreiten der Ursachen des Seienden ins Unendliche unmöglich ist,
  3. dass Wissenschaft methodisches Vorgehen bedeutet und eine sachgerechte Anpassung der Methoden an der Untersuchungsgegenstand erfordert.

Grundfragen der Ersten Philosophie

Nach dem historischen Zugang zur Ersten Philosophie formulierte Aristoteles im sogenannten Aporienbuch fĂŒnfzehn grundsĂ€tzliche Fragen, die den Inhalt der ersten Philosophie systematisch abgrenzen. ErgĂ€nzend diskutierte Aristoteles jeweils auch die mit den Fragen verbundenen philosophischen Schwierigkeiten. Die Antworten bleiben zunĂ€chst offen. Dennoch sind diese Fragen keine Aporien im strengen Sinn, denn in den folgenden Texten gibt Aristoteles teilweise und ohne direkte Bezugnahme eindeutige Antworten auf die aufgeworfenen Probleme. Die reinen Fragen lauten (nicht wörtlich):

  • Gehört die Betrachtung der Gattungen der Ursache einer Wissenschaft oder mehreren an?
  • Sollen die Beweisprinzipien als Gegenstand in der Ersten Philosophie behandelt werden?
  • Ist die Substanz Gegenstand einer besonderen Wissenschaft oder von mehreren?
  • Sind die Akzidenzien ein besonderer Gegenstand?
  • Sind die Ideen selbstĂ€ndig, sind sie in den Dingen enthalten oder existiert nur Wahrnehmbares?
  • Sind Gattungen Elemente und Prinzipien des Seienden oder sind sie immanente Bestandteile eines Dings?
  • Kann man das Eine und das Seiende zur Bestimmung von Artunterschieden verwenden?
  • Kann man aus einem Individuellen den Begriff des Unendlichen ableiten?
  • Sind Prinzipien der Art nach Eines? Wie können sie dann aber zugleich Teil eines einzelnen Seienden sein?
  • Gelten die Prinzipien fĂŒr das VergĂ€ngliche und das UnvergĂ€ngliche in gleicher Weise?
  • Gehören das Eine und das Seiende zum Wesen des einzelnen Dings oder haben sie ein eigenstĂ€ndiges Wesen?
  • Sind Zahlen, Körper, FlĂ€chen oder Punkte Substanzen?
  • Warum ist es ĂŒberhaupt notwendig von Ideen zu reden?
  • Haben die Elemente der Möglichkeit eine eigene Existenz?
  • Sind die Prinzipien allgemein oder in der Weise der Einzeldinge?

Gegenstand und Prinzipien der ersten Philosophie (Buch IV)

Substanz als Untersuchungsgegenstand

Auch das IV. Buch der Metaphysik hat noch einleitenden Charakter. Nach der allgemeinen Bestimmung der ersten Philosophie als Wissenschaft vom Seienden als Seienden und dem was demselben zukommt, stellte Aristoteles fest:

„Das Seiende wird in mehrfacher Bedeutung ausgesagt, aber immer in Beziehung auf Eines und auf eine einzige Natur und nicht nach bloßer Namensgleichheit (homonym).“ (1003 a, 33 – 35)
„Denn einiges wird als seiend bezeichnet, weil es Wesen (Substanzen), anderes, weil es Eigenschaften eines Wesens sind, anderes weil’s es der Weg zu einem Wesen oder Untergang oder Beraubung oder QualitĂ€t oder das Schaffende und Erzeugende ist fĂŒr ein Wesen oder fĂŒr etwas zu ihm Seiendes, oder Negation von etwas unter diesem oder von einem Wesen (deshalb sagen wir ja auch, das Nichtseiende sei nicht-seiend).“ (1003 b, 8 – 12)

Aristoteles untersuchte hier nochmals die Frage, welche Inhalte zur ersten Philosophie gehören und wie diese von anderen Wissenschaften abzugrenzen ist. Auch unterschiedliche Weisen ĂŒber das Seiende zu sprechen fĂŒhren zu dem einen hin, zur Substanz an sich. Die ontologischen Grundlagen zu dieser Betrachtungsweise hatte Aristoteles schon frĂŒher in der Kategorienschrift beschrieben, wo er zwischen Substanz und Akzidenzien unterschied. Mit Substanz ist das gemeint, was an einem Gegenstand (Person oder Sache) gleich bleibt, auch wenn dieser sich verĂ€ndert. Zur Substanz gehören auch solche Eigenschaften, die ihr Wesen ausmachen. Zur Substanz Sokrates gehört beispielsweise, ein Lebewesen zu sein. Solche Wesensmerkmale nannte Aristoteles in der Kategorienschrift zweite Substanz im ‚Gegensatz zu den Akzidenzien, die dem einzelnen Individuum, der ersten Substanz, mehr oder weniger zufĂ€llig (kontingent) zukommen. Dass Sokrates eine Höckernase hatte oder weiß war, sind unverĂ€nderliche Merkmale eines Individuums. Diese gehören aber nur als Möglichkeit zum Wesen eines Menschen an sich. DarĂŒber hinaus gibt es Eigenschaften, die auch dem Individuum nur als Möglichkeit zukommen wie sitzt, ist in Athen, ist kleiner als oder schlĂ€gt oder wird geschlagen. In seiner Metaphysik interessierte sich Aristoteles weniger fĂŒr die Akzidenzien und deren VerhĂ€ltnis zur Substanz, sondern dafĂŒr, was die Substanz ausmacht, wodurch ihre IdentitĂ€t bestimmt ist. Entsprechend wird im 2. Kapitel des IV. Buchs nochmals der Gegenstand der ersten Wissenschaft charakterisiert:

„Nun sind das Eine und das Seiende identisch und eine Natur, indem sie einander folgen wie Prinzip und Ursache, nicht insofern als sie durch einen Begriff bestimmt wĂŒrden.“ (1003 b, 32 – 34)
„da also dem Einen die Vielheit entgegengesetzt ist, so ist auch die Erkenntnis dessen, was den erwĂ€hnten GegenstĂ€nden entgegengesetzt ist, (nĂ€mlich) des Anderen, des Verschiedenen, des Ungleichen und was sonst noch nach diesen oder der Menge und dem Einen genannt wird, Aufgabe der genannten Wissenschaft. Hierzu gehört auch der (kontrĂ€re) Gegensatz; denn der Gegensatz ist ein Unterschied, der Unterschied eine Verschiedenheit.“ (1004 a, 24 – 31)

Prinzipien des Denkens

Der ĂŒberwiegende Teil des IV. Buches befasst sich mit erkenntnistheoretischen VorĂŒberlegungen. PhĂ€nomene sind Gegenstand der Einzelwissenschaften. Insofern aber Prinzipien dahinter stehen, durch die aus der Vielheit eine Einheit erst entsteht, ist deren Untersuchung Aufgabe der ersten Philosophie. Bereits bei Aristoteles klingt die Frage des Naturalismus an, wie sie im 20. Jahrhundert durch Quine oder Rorty diskutiert wurde, nach denen die Grundlagenfragen Sache der Fachwissenschaften selbst seien. Aristoteles hat hierzu eine klar ablehnende Antwort formuliert:

„Deshalb unternimmt denn auch keiner von denen, die sich einer speziellen Wissenschaft widmen, ĂŒber diese zu sprechen, ob sie wahr sind oder nicht, weder der Geometer noch der Arithmetiker, ausgenommen einige Physiker. Dass diese es taten, hat seinen guten Grund; denn sie allein glaubten ĂŒber die ganze Natur und ĂŒber das Seiende Untersuchungen anzustellen. Da es aber einen Wissenschaftler gibt, der noch ĂŒber den Physikern steht (denn die Natur ist ja nur eine Gattung des Seienden), so wird diesem, welcher (das Seiende) allgemein und das erste Wesen betrachtet hat, auch die Untersuchung der Axiome zufallen.“ (1005 a, 40 – 50)

Aristoteles reklamierte im dritten Kapitel also im Rahmen der Untersuchung des Seienden als Seienden auch die Untersuchung der Axiome der Einzelwissenschaften inklusive der Axiome der Mathematik als Aufgabe der ersten Philosophie. Ausgangspunkt soll nach Aristoteles ein Prinzip sein, das jeder notwendig anerkennt, der sich mit Erkenntnis befasst. So formulierte er den Satz vom Widerspruch: „Es ist nĂ€mlich unmöglich, dass jemand annehme, dasselbe sei und sei nicht.“ (1005 b, 31) Dieses Prinzip ist fĂŒr ihn so grundlegend, dass es allen anderen Axiomen vorausgeht. Aristoteles wehrte sich gegen die Forderung, ein solches Prinzip zu beweisen. Ein solcher Versuch muss in einen unendlichen Regress fĂŒhren. Als Beweis kann höchstens gelten, dass jeder, der eine Aussage macht, dieses Prinzip bereits verwendet. (Vgl. 1006 a)

Ein zweites grundlegendes, aus dem ersten abgeleitetes Prinzip lautet: „Denn man kann nichts denken, wenn man nichts Eins denkt;“ (1006 b, 15) Jedes Wort bezeichnet ursprĂŒnglich Eines. Wenn man Allgemeinbegriffe zur Bezeichnung von Arten wie „Mensch“ verwendet, so ist es immer möglich, auf die Ebene des Individuums zu kommen, indem man das einzelne Element mit einem Namen bezeichnet. NĂ€hme man an, dass eine Art unendlich viele Elemente enthĂ€lt, so gĂ€be es ĂŒberhaupt keine sinnvolle Rede. Diese Feststellung erlĂ€uterte Aristoteles an der Frage, welche Eigenschaft einem Ding zukommt. Eine solche Frage muss man eindeutig beantworten können.

„Denn es ist allerdings ganz gut möglich, dass dasselbe zugleich Mensch und weiß sei, aber dennoch muss man auf die Frage, ob man dies mit Wahrheit Mensch nennen kann oder nicht, nur das antworten, was Eines bezeichnet, und nicht hinzufĂŒgen, dass es auch weiß und groß ist. Denn es ist unmöglich, die Akzidenzien alle anzufĂŒhren, da ihrer unendlich viele sind;“ (1007 a 13 – 19)

Ohne dass man annimmt, dass es eine Substanz gibt, von der etwas ausgesagt werden kann, gĂ€be es keinen Bezug und damit auch kein Sein, ĂŒber das man reden kann. „Etwas als Wesen eines Dinges bezeichnen heißt aussagen, dass es sein eigentĂŒmliches Sein in nichts anderem habe.“ (1007 a 35 – 37)

In den folgenden Kapiteln wandte sich Aristoteles gegen die traditionellen Denkrichtungen, die zu einer Relativierung der Grundprinzipien fĂŒhren. So etwa gegen Protagoras und Anaxagoras, die gelehrt haben sollen, dass einem Ding zugleich sein Gegenteil zukommt. Wahrheit kann fĂŒr Aristoteles nicht an subjektive MaßstĂ€be gebunden werden. FĂŒr ihn gilt das Prinzip der Zweiwertigkeit von Aussagen.

„Denn wenn alles, was jemand meint oder was ihm scheint, wahr ist, so muss alles zugleich wahr und falsch sein; denn viele haben einander entgegengesetzte Meinungen und glauben, dass die, welche nicht dasselbe meinen, im Irrtum seien.“ (1009 a, 8 – 11)

Der Satz vom Widerspruch gilt nur, wenn er von demselben Ding zu derselben Zeit ausgesagt wird. „Denn dem Vermögen nach kann dasselbe zugleich Entgegengesetztes sein, der Wirklichkeit (Vollendung) nach aber nicht.“ (1009 a, 44–46) Eine Straße kann nicht zugleich nass und trocken sein. Es besteht aber jederzeit die Möglichkeit, dass sie dass eine oder das andere ist. Aristoteles wandte sich in diesem Rahmen auch gegen einen naiven Realismus. Den er bei Demokrit, Empedokles, Parmenides und auch Anaxagoras sah. Ihr Irrtum lĂ€ge darin, dass sie Sinneswahrnehmung gleich wahr setzten.

„Die Ursache dieser Ansicht nun lag fĂŒr sie darin, dass sie bei der Forschung nach der Wahrheit des Seienden nur das Sinnliche fĂŒr Seiendes hielten; in diesem aber ist die Natur des Unbestimmten und dessen, was auf die bezeichnete Weise ist, vorherrschend. Daher sprechen sie zwar begreiflicherweise so, aber Wahres sprechen sie nicht.“ (1010 a 1 – 6)

Auch gegen die Schule Heraklits und gegen Kratylos, die im Gegensatz zu den Vorgenannten alles als nicht fassbare VerĂ€nderung auffassten, richtete sich Aristoteles mit dem Argument, dass in jedem Werden ein Seiendes eine gewisse StabilitĂ€t hat, dadurch dass die VerĂ€nderungen nicht sĂ€mtliche Eigenschaften betreffen. Etwas das entsteht, entsteht aus etwas und wird zu etwas. Als zusĂ€tzliche BegrĂŒndung verwies Aristoteles auf die UnverĂ€nderlichkeit des Alls. Gegen die einfache Auffassung, dass Sinneswahrnehmung ein wahres Bild der Welt liefert, verwies Aristoteles auf den Unterschied von Erscheinung und Vorstellung. (Vgl. 1010 b) Auch antirealistische Auffassungen wie, dass etwas zu sein aufhört, wenn es nicht mehr wahrgenommen wird, wies er zurĂŒck.

„Denn die Sinneswahrnehmung ist ja doch nicht Wahrnehmung ihrer selbst; sondern es muss etwas davon Verschiedenes außer der Sinneswahrnehmung existieren (sc. die Dinge), was dieser selbst notwendig vorausgehen muss.“ (1010 b, 50 – 53)

Die kritisierten Ansichten resultieren nach Aristoteles aus der falschen Vorstellung, man könne die Prinzipien des menschlichen Denkens beweisen. „Solche Schwierigkeiten kommen der Frage gleich, ob wir jetzt schlafen oder wachen.“ (1011 a, 8 – 9) Wer eine solche Frage stellt, fĂŒr den ist die Antwort schon evident. Wer den Beweis der Existenz des Gegenteils fordert, unterstellt bereits, dass das Gegenteil existiert.

Am Ende des Buches IV (Kapitel 7 – 8) befasste sich Aristoteles noch mit dem Satz vom ausgeschlossenen Dritten:

„Ebenso wenig kann es zwischen den beiden Gliedern des Widerspruchs etwas geben, sondern man muss notwendig jeweils Eines von einem entweder bejahen oder verneinen.“ (1011 b, 40 – 42)

Der oft entstehende Irrtum besteht darin, dass man Grau als Mittleres zwischen Schwarz und Weiß betrachtet. Aber das KontrĂ€re zu Weiß ist nicht Schwarz, sondern Nicht-Weiß. Zwischen Gerade und Ungerade bei den Zahlen gibt es kein Mittleres. Der Grund dieses Prinzips ist, dass die Wahrheit einer Aussage an den Begriff und dessen Bedeutung gebunden ist.

Die Lehre von der Substanz (Buch VII bis IX)

In den BĂŒchern VII, VIII, IX (Ζ, Η, Θ) entwickelt Aristoteles seine Theorie der Substanz, die eine zentrale Stellung in seinem Werk einnimmt. Diese Substanztheorie ist elaborierter als seine frĂŒher entstandene Lehre von den ersten und zweiten Substanzen in der Kategorien-Schrift.

Grundlage der Substanztheorie ist die Lehre des Hylemorphismus, die besagt, dass Dinge aus zwei Komponenten zusammengesetzt sind:

  • Stoff bzw. Materie (hylĂȘ) und
  • Form (morphĂȘ oder eidos).

Zur Veranschaulichung nennt Aristoteles das Beispiel einer BildsĂ€ule: Sie ist zusammengesetzt aus der Gestalt (z. B. einer dargestellten Götterfigur) und dem vom Bildhauer bearbeiteten Material (z. B. Erz). Die Form gibt der Materie eine Bestimmung, und beide zusammen ergeben die BildsĂ€ule als Gegenstand (synholon).

Was ist nun unter Substanz zu verstehen? Substanz ist etwas, das als Bestandteil von Dingen seinsbestimmend ist, also ein Prinzip oder eine Ursache fĂŒr das Sein der Dinge. Was dieses seinsbestimmende Prinzip nun inhaltlich sein kann, dafĂŒr kommen verschiedene Möglichkeiten in Betracht. In Buch VII, Kapitel 3 nennt Aristoteles vier mögliche Kandidaten:

  • das Zugrundeliegende (substratum, hypokeimenon),
  • das „Was-es-war-zu-Sein“ (to ti ĂȘn einai),
  • das Allgemeine (katholou),
  • die Gattung (genos).

In Kapitel 3 diskutiert er das Zugrundeliegende, in den Kapiteln 4 bis 6 das „Was-es-war-zu-Sein“ und in den Kapiteln 13 bis 16 das Allgemeine einschl. der Gattung hinsichtlich ihrer Eignung als Substanz im oben genannten Sinne.

Das Zugrundeliegende

Vor dem Hintergrund der Zusammensetzung der Dinge aus Materie und Form kommt die Materie als Zugrundeliegendes in Betracht, da die Form von der Materie ausgesagt werden kann bzw. die Form der Materie zukommt. Abstrahiert man jedoch von materiellen Dingen alle Eigenschaften, so bleibt nur noch etwas völlig Bestimmungsloses ĂŒbrig. Eine solche unbestimmte Materie erfĂŒllt nicht mehr das Kriterium der selbstĂ€ndigen Existenz, der UnabhĂ€ngigkeit von Anderem (choriston), was fĂŒr Zugrundeliegendes aber vorausgesetzt werden muss. Daher kann Materie allein nicht Substanz von etwas sein. -

Das „Was-es-war-zu-Sein“

Das „Was-es-war-zu-Sein“, ein von Aristoteles gebildetes Kunstwort, bedeutet inhaltlich dasjenige, was das Wesen von Dingen ausmacht. Es ist also das, was ein Ding an sich oder eigentlich ist bzw. seine Was-Bestimmtheit. HierfĂŒr kommt nur das eidos in Frage. eidos hat zwei Bedeutungen: Art und Form.

Als Art (species) bestimmt das eidos, was ein Ding dem Wesen nach ist. Es bestimmt so das eigentliche Was eines Dinges. Bsp. „Sokrates ist ein Mensch.“ Vom Einzelwesen Sokrates wird die Art „Mensch“ ausgesagt. Das Menschsein gibt das Was-Sein von Sokrates an.

Als Form bestimmt das eidos das Was-Sein von Materie. Anders ausgedrĂŒckt, das eidos gibt der Materie erst seine Bestimmung. Bsp. „Der Körper von Sokrates hat Menschengestalt.“ Die bestimmungslose Körpermaterie (Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Sauerstoffatome u. a.) erhĂ€lt erst durch Angabe der Form, nĂ€mlich Menschengestalt, seine Was-Bestimmung.

Damit erfĂŒllt das eidos als „Was-es-war-zu-Sein“ die Anforderung, Substanz von etwas zu sein, und zwar wie gezeigt auf zwei Ebenen: als Art auf der Ebene der zusammengesetzten Einzeldinge, als Form auf der Ebene der Komponenten von Einzeldingen.

Das Allgemeine und die Gattung

Aristoteles vor der BĂŒste des Homer

Das Allgemeine hat nach Auffassung Platons und der Akademiker die Kraft, Ursache von etwas zu sein. Da das Ursache-Sein ein wichtiges Kriterium fĂŒr die Substanz ist (Buch V, Kapitel 8), muss es nĂ€her untersucht werden. Das Allgemeine, so Platon, ist ein Gemeinsames fĂŒr Vieles. Aristoteles stimmt dem zu. DarĂŒber hinaus ist das Allgemeine (bei Platon „Ideen“ genannt) verschieden vom Einzelnen. Hier aber setzt Aristoteles’ Kritik an der platonischen Lehre an: Die ewigen und unverĂ€nderlichen Ideen sind nicht nur verschieden von den Einzeldingen, sondern auch getrennt; sie sind in getrennten SeinssphĂ€ren oder Welten angesiedelt (Chorismos-Vorwurf).

Um die Getrenntheit von Einzelnem und Allgemeinem zu umgehen, muss die IdentitĂ€t beider angenommen werden. Das ist so zu verstehen, dass das Allgemeine in den Einzeldingen vorhanden und somit untrennbar mit ihnen verbunden ist. Mittels Abstraktion, also einer geistigen Leistung, die unwesentliche Eigenschaften der Einzeldinge herausfiltert, gelangt man zur Erkenntnis des Allgemeinen als der wesentlichen Eigenschaften der Dinge. Das Allgemeine ist aber in den Dingen innewohnend, kann also nicht unabhĂ€ngig von ihnen existieren. Damit erfĂŒllt es nicht die Anforderung, selbstĂ€ndig existieren zu können, kann also nicht Zugrundeliegendes sein und kommt daher auch nicht als Substanz in Frage.

Die skizzierte Argumentation begrĂŒndet die Aristotelische Auffassung zum Universalienproblem, die als gemĂ€ĂŸigter Realismus bezeichnet wird, im Gegensatz zur Auffassung des Platonismus, die eine unabhĂ€ngige Existenz des Allgemeinen vor allem Einzeldinglichen postuliert.

VergĂ€ngliches, Kosmologie und NatĂŒrliche Theologie (Buch XII)

Das XII. Buch stellt im gesamten Zusammenhang der Metaphysik erneut einen Bruch dar. Es ist eine völlig eigenstĂ€ndige Abhandlung ĂŒber die Metaphysik. Dennoch ist seine Einordnung an dieser Stelle der Metaphysik sinnvoll.[4] Es befasst sich nicht mehr mit der Untersuchung des Seienden als Seienden, sondern wechselt die Blickrichtung. Nunmehr sind die letzten Prinzipien (arche) und Ursachen (aition) der Substanzen Gegenstand der Untersuchung von Aristoteles. Die Substanz an sich (ousia) ist die Grundlage aller Untersuchungen, denn

  • ob bei einem Ganzen oder einer Reihenfolge ist die Substanz immer vorrangig vor QualitĂ€t und QuantitĂ€t
  • das ĂŒbrige Seiende (Eigenschaften) ist abhĂ€ngig von der Substanz
  • nur die Substanz ist selbstĂ€ndig abtrennbar
  • alle Philosophen, die erste Prinzipien gesucht haben, haben die Substanz zum Gegenstand gemacht.

Aristoteles unterschied eingangs zu Buch XII drei Arten der Substanz (vgl. 1069 a 30 – 35)

  • sinnlich wahrnehmbar und vergĂ€nglich = konkrete Einzeldinge
  • sinnlich wahrnehmbar und ewig = Himmelskörper
  • nicht sinnlich wahrnehmbar und ewig = Unbewegter Beweger

Um die Prinzipien von Substanz zu verstehen, ist es ein erster Schritt, sich mit den Prinzipien der wahrnehmbaren Substanz zu befassen. Daher untersuchte Aristoteles zunĂ€chst in den Kapiteln (2) bis (5) die sinnlich wahrnehmbaren Substanzen in einer Art phĂ€nomenologischen Betrachtung. Insofern hier Dopplungen zu den SubstanzbĂŒchern entstehen, zeigt sich der eigenstĂ€ndige Charakter des XII. Buches. Die Kapitel (6) bis (10) befassen sich dann mit dem unbewegten Beweger selbst, einer Betrachtung, die in den SubstanzbĂŒchern fehlt. Der Zusammenhang zu den wahrnehmbaren Substanzen bleibt aber auch in diesen Kapiteln erhalten.

Ein grundsĂ€tzliches Prinzip der wahrnehmbaren Substanzen ist, dass sie der VerĂ€nderung unterliegen. VerĂ€nderung kann nach Aristoteles bedeuten, dass die Materie (hyle) selbst sich verĂ€ndert (Holz statt Stein) oder dass die vorhandene Materie sich in Hinblick auf QualitĂ€t, QuantitĂ€t oder den Ort verĂ€ndert. VerĂ€nderung beinhaltet einen Gegensatz, zum Beispiel von weiß zu nicht-weiß. Dieser Gegensatz ist aber nicht beliebig. Ein Ton ist auch nicht-weiß, kann aber keinen Gegensatz zu weiß bilden. VerĂ€nderung ist also an die der Substanz zugrunde liegenden Materie gebunden. Wenn die Materie selbst sich verĂ€ndert, ist dies ein Vorgang (Prozess) des Werdens und Vergehens einer Substanz, eines Einzelgegenstandes als solchem. VerĂ€nderung bedeutet einen Übergang von Möglichkeit zu Wirklichkeit. Nichtseiendes der Möglichkeit nach sind aber nur Akzidenzien. Denn eine Substanz entsteht nicht aus Nichts, sondern nur aus zugrunde liegenden Substanzen. Der Unterschied der ewigen Himmelskörper zu den verĂ€nderlichen Substanzen besteht darin, dass sie nur rĂ€umlichen VerĂ€nderungen unterliegen.

Die VerĂ€nderung ist ein Prozess, dessen Elemente Materie und Form sowie die Formberaubung (Privation) sind. Formberaubung ist beispielsweise das Nasswerden einer trockenen Straße. Materie und Form, die ein Gegenstand am Ende einer VerĂ€nderung erreicht, sind nicht etwas, was durch die VerĂ€nderung entsteht. VerĂ€nderung entsteht durch einen Anstoß von außen, ein „erstes Bewegendes“. Materie ist das, was sich verĂ€ndert, und Form ist das, worin es sich verĂ€ndert. Beides ist selbst nicht Ursache. Die Ursache fĂŒr die Entstehung einer Substanz kann nach Aristoteles sein

  • ein Drittes – dann entsteht etwas durch Kunst Geschaffenes
  • das Ding selbst – dann ist es durch die Natur geschaffen
  • Zufall (bezogen auf etwas Hergestelltes)
  • SpontaneitĂ€t (ein von ungefĂ€hr: bezogen auf die Natur)

Jede Substanz entsteht aus etwas Synonymen. Synonym heißt fĂŒr Aristoteles hier nicht begrifflich identisch, sondern aus derselben Art; also entstehen Rosen aus Rosen und Menschen aus Menschen. Bei Artefakten ist die Ursache der Plan wie bei einem Haus der Plan des Architekten oder bei einer Skulptur die Vorstellung des KĂŒnstlers. Substanz ist zum einen das Einzelding, zum anderen aber auch jeweils die Materie und die Form, wenn man letztere als Prinzip auffasst, also ihrem Wesen (ihrer Substanz) nach. Materie ist das Zugrundeliegende (hypokeimenon). In der Materie steckt die Möglichkeit fĂŒr ein Einzelding. Die Form macht die Materie zu einem Einzelding, einem „Dies da“ (tode ti). Durch die Form wird aus dem Artbegriff „Mensch“ der einzelne Mensch, „dieser Mensch da“. WĂ€hrend die Bewegungsursache zeitlich vor der Substanz bestehen muss, existiert die Formursache immer zugleich und in dem jeweiligen Einzelding.

Der nĂ€chste Schritt der Substanzanalyse (Kapitel 4) fĂŒhrte Aristoteles zu den Arten und Gattungen und der Frage der IdentitĂ€t.

„Die Ursachen und die Prinzipien sind in einem Sinne bei Verschiedenem verschieden, in anderem Sinne dagegen, wenn man nĂ€mlich im Allgemeinen und der Analogie nach von ihm spricht, bei allen dieselben.“ (1070 a 31 – 32)

Es gibt fĂŒr Substanzen verschiedene Ebenen der IdentitĂ€t. Numerisch identisch sind Individuen. Arten und Gattungen sind mehrstufige Prinzipien. Menschen sind der Art nach untereinander identisch wie sie auf einer höheren Ebene als Gattung der Lebewesen Identisches beinhalten. Schließlich gibt es noch Arten und Gattungen ĂŒbergreifende IdentitĂ€ten, zum Beispiel Farben. Hierzu zĂ€hlt auch die Tatsache, dass jede vergĂ€ngliche Substanz Materie, Formberaubung und Form beinhaltet. Im Beispiel von Aristoteles ist das Ding eine Farbe, die Materie eine FlĂ€che (als TrĂ€ger), die Form weiß und die Formberaubung schwarz.

Die Formursache ist etwas im Einzelding Enthaltenes. Die Bewegungsursache ist hingegen fĂŒr einen Gegenstand etwas Externes, das nicht Element des Bewegten ist. Die Materie eines Körpers kann die Form des Krankseins haben. Durch die Bewegungsursache der Heilkunst wird die Gesundheit zur Formberaubung der Krankheit.

Die Prinzipien, die fĂŒr Substanzen gĂŒltig sind, gelten in gleicher Weise fĂŒr Akzidenzien und VerĂ€nderungen, da diese unselbstĂ€ndig und von Substanzen abhĂ€ngig sind. Diese Überlegung kann man auch auf das Allgemeine, also Arten und Gattungen, ĂŒbertragen. Dabei muss man allerdings beachten, dass das Einzelne das Prinzip des Einzelnen ist.

„Der Mensch im allgemeinen ist zwar Prinzip des Menschen, aber es gibt keinen Menschen im allgemeinen, sondern Peleus ist das Prinzip des Achilles, dein Prinzip ist dein Vater, und dieses bestimmte B ist Prinzip des BA schlechthin.“ (1071 a 20 – 23)

Man kann zwar in allgemeiner Form sagen, dass ein Vater Kinder hat, aber die tatsĂ€chliche Beziehung Vater-Kind besteht nur zwischen konkreten Einzelpersonen. Ähnliches gilt auch fĂŒr Relativa und qualitative Eigenschaften.

„In gewissem Sinne nĂ€mlich, der Analogie nach, sind es dieselben: Stoff, Form, Formberaubung, Bewegendes, und in gewissem Sinne sind auch die Ursachen der Wesen [Substanzen] Ursachen von allem, weil mit ihrer Aufhebung das ĂŒbrige [die Eigenschaften] mit aufgehoben wird. In anderem Sinne aber sind die ersten Ursachen andere, nĂ€mlich die GegensĂ€tze, welche weder als allgemeine Gattungen ausgesagt, noch in verschiedenen Bedeutungen gebraucht werden, und ferner die Stoffe [Materie].“ (1071 a 33 – 36)

Nach der Erörterung der Prinzipien der wahrnehmbaren Substanzen wandte sich Aristoteles ab dem 6. Kapitel der Betrachtung der ewigen unbewegten Substanz(en) zu. Gleich zu Beginn stellte er das zu lösende Problem vor: Es muss notwendig eine ewige, unbewegte erste Substanz geben. GĂ€be es diese nicht, so wĂ€re alles vergĂ€nglich. Dies wĂŒrde aber bedeuten, dass es eine Substanz ĂŒberhaupt nicht geben könnte.

„Unmöglich aber kann die Bewegung entstehen oder vergehen; denn sie war immer. Ebensowenig die Zeit; denn das FrĂŒher und SpĂ€ter ist selbst nicht möglich, wenn es keine Zeit gibt.“ (1071 b 6 – 8)

Eine Bewegung ohne Entstehen oder Vergehen, ohne Anfang und Ende, ist die Kreisbewegung (Vgl. Physik, VIII, 8) Sie ist ewig und kontinuierlich. Als Urgrund muss sie auch stets wirklich sein. Denn wenn sie nur der Möglichkeit nach bestĂŒnde, wĂŒrde alles Werden unterbrochen, und das ist unmöglich.

Mit dem 7. Kapitel wechselte Aristoteles von der rein begrifflichen Analyse zur Betrachtung der physikalischen PhĂ€nomene. Die wahrnehmbare Kreisbewegung ist am Himmel zu finden, der demnach fĂŒr ihn ewig sein dĂŒrfte. Da der Himmel aber selbst bewegt ist, bedarf auch dieser einer Ursache, durch die er bewegt wird. Diese erste Ursache muss unbewegt sein, weil man sonst in einen unendlichen Regress der Ursachen gerĂ€t. Sie muss nach den vorhergehenden Überlegungen ewig, eine Substanz und wirklich sein.

Aristoteles sah in der Kreisbewegung der Fixsterne ein Streben nach Ewigkeit und KontinuitĂ€t. Indem der unbewegte Beweger Auslöser dieses Strebens ist, verursacht er die Kreisbewegung. Danach ist die Verursachung kein materieller, sondern ein geistiger Vorgang.[5] Die ursprĂŒngliche Substanz löst Bewegungen dadurch aus, dass sie Zielursache (causa finalis) ist. Dass so etwas denkbar ist, zeigt sich fĂŒr Aristoteles am VerhĂ€ltnis von Vernunft und menschlichem Handeln.

„Denn Gegenstand des Begehrens ist dasjenige, was als schön erscheint, Gegenstand des Willens ist an sich das, was schön ist. Wir erstreben aber etwas vielmehr, weil wir es fĂŒr gut halten, als dass wir es fĂŒr gut hielten, weil wir es erstreben. Prinzip ist die VernĂŒnftigkeit. Die Vernunft wird vom Intelligiblen bewegt, intelligibel aber an sich ist die eine Reihe der Zusammenstellung (der GegensĂ€tze); in ihr nimmt das Wesen [die Substanz] die erste Stelle ein, und unter diese die einfache, der wirklichen TĂ€tigkeit [energeia] nach existierende (Eines aber und Einfachheit ist nicht dasselbe; denn das Eine bezeichnet ein Maß, das Einfache aber ein bestimmtes Verhalten), aber auch das Schöne und das um seiner selbst willen Erstrebbare findet sich in derselben Reihe, und das erste (als Prinzip) ist entweder das beste oder dem analog.“ (1072 a 27 – 36)

Das erste Prinzip enthĂ€lt also nach Aristoteles die obersten einfachen Begriffe wie das Gute, das Schöne, das erste Erstrebbare. Das Gute, Schöne usw. wird nicht erst gut, schön usw. durch das Streben. Es sind objektive Eigenschaften, nach denen die Vernunft strebt. Die Vernunft als etwas nicht Materielles bewegt das Handeln und damit konkrete GegenstĂ€nde. Entsprechend bewegt die ursprĂŒngliche Substanz nicht nur die Fixsterne, sondern mittelbar auch alle anderen Dinge (die ganze Natur), indem diese sich nach der Zielursache richten. Die erste Substanz ist reines Denken; da sie ewig und kontinuierlich ist, ist sie eine immer aktive VernunfttĂ€tigkeit. FĂŒr den Philosophen Aristoteles ist reine VernunfttĂ€tigkeit das höchste anzustrebende Prinzip, das was im höchsten Maße Lust vermittelt. Als das Oberste und Beste ist die VernunfttĂ€tigkeit auch zugleich die Vernunft selbst, die sich selbst zum Gegenstand hat. Dem Menschen ist die bestĂ€ndige Dauer des höchsten Prinzips unmöglich, in der ersten Substanz hingegen ist die Vernunft immerwĂ€hrend. Diese ewige VernunfttĂ€tigkeit ist das beste Leben ĂŒberhaupt und dieses beste Leben bezeichnete Aristoteles als Gott. Gott ist die Form des Lebens, in der das Streben nach dem Höchsten, nach der reinen VernunfttĂ€tigkeit, ewig und kontinuierlich verwirklicht ist. Gott war fĂŒr Aristoteles etwas, das sich aus der Bestimmung der ersten Substanz ergibt, etwas, das seine Entsprechung in der VernunfttĂ€tigkeit hat. Die erste Substanz weist nach Aristoteles folgende Merkmale auf:

„Dass es also ein ewiges, unbewegtes, von der Sinnlichkeit getrennt, selbstĂ€ndig existierendes Wesen gibt, ist aus dem Gesagten klar. Es ist aber auch erwiesen, dass dieses Wesen [diese Substanz] keine GrĂ¶ĂŸe haben kann, sondern unteilbar ist. [
] Aber es ist auch ferner erwiesen, dass es keiner Affektion und keiner QualitĂ€tsverĂ€nderung unterworfen ist.“ (1073 a 2 – 12)

Der Status des 8. Kapitels ist unter den Aristoteles – Forschern umstritten.[6] In diesem Kapitel wird von Aristoteles untersucht, ob mehrere und wie viele nicht-wahrnehmbare erste Substanzen existieren. Dabei setzte er sich mit der Struktur der HimmelssphĂ€ren auseinander und stĂŒtzte sich auf Ergebnisse des Astronomen Kallippos, dem er erst wĂ€hrend seiner zweiten Athener Periode (nach 330 v. Chr.) begegnet sein konnte. Andererseits wurde das Buch XII aufgrund anderer Hinweise als relativ frĂŒhe Schrift im Vergleich zu den ĂŒbrigen BĂŒchern der Metaphysik eingestuft. Daher schlossen einige Interpreten, dass das achte Kapitel nachtrĂ€glich eingefĂŒgt wurde. HierfĂŒr spricht auch, dass man zwischen dem siebten und dem neunten Kapitel unmittelbare AnknĂŒpfungspunkte finden kann. Andere Interpreten sehen keinen großen inhaltlichen Bruch und auch schon in den vorhergehenden BĂŒchern Hinweise auf mehrere erste Substanzen.

Dass die Himmelskörper nicht einfachen Kreisbahnen folgen, erklĂ€rte die antike Astronomie mit unterschiedlichen, sich gegenseitig ĂŒberlagernden SphĂ€ren, die sich wechselseitig beeinflussen. Mit 26 SphĂ€ren war in der Platonischen Akademie von Eudoxos ein entsprechendes Modell entworfen worden. Kallippos hatte das Modell erweitert und Aristoteles hatte selbst zusĂ€tzliche SphĂ€ren eingefĂŒhrt, um die Himmelsbewegungen genauer beschreiben zu können, und kam so auf insgesamt 55 SphĂ€ren.

Die Anzahl erster Substanzen ergibt sich aus der Anzahl der (angenommenen) SphĂ€ren, die fĂŒr die Bewegung der Himmelskörper verantwortlich sind. Dabei unterstellte Aristoteles nicht, dass die gefundene Anzahl der SphĂ€ren die notwendig richtige Anzahl war. Entscheidend ist nur der prinzipielle Zusammenhang. Trotz der verschiedenen SphĂ€ren anerkannte Aristoteles nur ein Universum, der es gibt nur einen ersten unbewegten Beweger. Die die jeweiligen HimmelssphĂ€ren beeinflussenden unbewegten Beweger sind von diesem ersten, der die SphĂ€re der Fixsterne bestimmt, abhĂ€ngig. Über die Art des Zusammenhangs findet sich allerdings bei Aristoteles keine Aussage.

In einem abschließenden Abschnitt des 8. Kapitels versuchte Aristoteles die Theorie von den unbewegten Bewegern mit der traditionellen Religion zu versöhnen.

„Von den alten und den VĂ€tern aus uralter Zeit ist in mythischer Form den SpĂ€teren ĂŒberliefert, dass die Gestirne Götter sind und das Göttliche die ganze Natur umfasst. Das ĂŒbrige ist dann in sagenhafter Weise hinzugefĂŒgt zur Überredung der Menge und zur Anwendung fĂŒr die Gesetze und das allgemeine Beste. Sie schrieben ihnen nĂ€mlich Ähnlichkeit mit den Menschen oder anderen lebendigen Wesen zu und anderes dem Ähnlichen und damit ZusammenhĂ€ngendes. Wenn man hiervon absehend nur das erste selbst nimmt, dass sie nĂ€mlich die ersten Wesen [Substanzen] fĂŒr Götter hielten, so wird man darin einen göttlichen Ausspruch finden, 
“ (1074 a 38 – b 12)

Aristoteles sah das Göttliche im Prinzip des unbewegten Bewegenden. Alle positive Religion ist vom Menschen hinzugefĂŒgt und hat den Zweck ein Regelwerk zum Wohl der Gemeinschaft zu machen.

Im 9. Kapitel wandte sich Aristoteles dann wieder der Vernunft als dem Prinzip der ersten Substanz zu. Diese ist unter den PhĂ€nomenen zwar die Göttlichste, aber man muss begrĂŒnden, warum das so ist. Indem Aristoteles von einem PhĂ€nomen sprach, wird erkennbar, dass er keinen Unterschied zwischen göttlicher und menschlicher Vernunft machte. Bereits im 7. Kapitel hatte er darauf hingewiesen, dass der Unterschied zum Menschen darin besteht, dass Gott ewig, kontinuierlich und immer wirklich ĂŒber die Vernunft verfĂŒgt. Aristoteles sprach also de facto ĂŒber die menschliche Vernunft und ĂŒbertrug seine Überlegungen in Analogie auf die göttliche Vernunft.[7]

Das Sein der Vernunft ist eine DenktĂ€tigkeit. Denken ist immer auf etwas gerichtet. Damit aber die erste Substanz mit der Vernunft gleichgesetzt werden kann, darf das Denken nichts enthalten, was nicht das Höchste und Beste ist. Also kann die Vernunft nur sich selbst zum Gegenstand haben. Aristoteles beschrieb das mit der berĂŒhmten Formel „das Denken des Denkens ist Denken“ (noesis noeseos noesis – 1074 b 34). Da das Denken eigentlich „to noein“ heißt und die Bedeutung von „noesis“ auch VernunfttĂ€tigkeit beinhaltet, kann man zur Erhöhung der VerstĂ€ndlichkeit auch sagen: VernunfttĂ€tigkeit ist Denken des Denkens. Und in der ersten Substanz befasst sich die Vernunft nur mit dem Höchsten und Besten.

Im 10. Kapitel betonte Aristoteles noch einmal, dass die erste Substanz das Ziel ist, auf das alles ausgerichtet ist, Ă€hnlich wie Menschen, Tiere und selbst Pflanzen ein Streben in sich haben. Dann wandte er sich anderen philosophischen Auffassungen zu, um zu ĂŒberprĂŒfen, inwieweit deren Lösungen mit seiner Ableitung des unbewegten Bewegers gleichwertig sind. Dabei lehnte er Entwicklungsprinzipien ab, die auf GegensĂ€tzen beruhen, weil man damit auch das Schlechte zu einem obersten Prinzip macht. Platon hatte wie Empedokles und Anaximander das Gute als oberstes Prinzip genannt. Bei Platon findet sich jedoch keine BegrĂŒndung fĂŒr die Bewegung. Diese ist bei Empedokles Freundschaft. Aristoteles kritisierte hieran, dass Freundschaft auch an Materie gebunden ist. Weiter lehnte er bei Empedokles ab, dass dieser vom Streit als Gegenprinzip ausging. Anaximander hatte das Gute sogar als Bewegungsursache angenommen, aber keine Zielursache genannt. Aristoteles vermisste weiterhin an anderen Lösungen, dass sie keine ErklĂ€rungen fĂŒr die Unterscheidung von VergĂ€nglichem und UnvergĂ€nglichem böten. Er betonte schließlich, dass nur mit seiner Lösung die Einheit der Dinge begrĂŒndet werde und unterstrich dieses mit einem Zitat aus der Ilias als Schlusswort des XII. Buches: „Nimmer ist gut eine Vielherrschaft; nur Einer sei Herrscher.“ (Ilias 2.204)

Siehe auch

Literatur

Ausgaben

  • Aristoteles: Metaphysik. Griechisch–deutsch. Neubearbeitung der Übersetzung von Hermann Bonitz. Mit Einleitung und Kommentar herausgegeben von Horst Seidl. Griechischer Text in der Edition von Wilhelm Christ, Erster Halbband (BĂŒcher I–VI), 3. verbesserte Auflage, Meiner, Hamburg 1989, ISBN 978-3-7873-0932-0 , Zweiter Halbband (BĂŒcher VII–XIV), 3. verbesserte Auflage, Meiner, Hamburg 1991, ISBN 978-3-7873-1021-0 EinfĂŒhrender Kommentar
  • Aristoteles: Metaphysik. Neubearbeitung der Übersetzung von Hermann Bonitz durch Horst Seidl, Band 5 der Aristoteles Studienausgabe „Philosophische Schriften“, Meiner, Hamburg 1995, ISBN 978-3-7873-1243-6
  • Aristoteles: Metaphysik. Schriften zur Ersten Philosophie. Hrsg. und ĂŒbersetzt von Franz Schwarz, Reclam, Stuttgart 1970 u. ö., ISBN 978-3-15-007913-3
  • Aristoteles: Metaphysik. Übersetzt von Thomas A. SzlezĂĄk, Akademie Verlag, Berlin 2003, ISBN 978-3-05-003879-7
  • Aristoteles: Metaphysik, ĂŒbersetzt und kommentiert von Hans G. Zekl, Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 2003, ISBN 978-3-8260-2555-6
  • Aristoteles: Metaphysik. BĂŒcher VII und VIII. Griechisch - Deutsch. Aus dem Griechischen von Wolfgang Detel unter Mitarbeit von Julia Wildberger. Kommentar von Wolfgang Detel. [Suhrkamp Studienbibiliothek 17], Frankfurt / Main 2009, ISBN 978-3-518-27017-2
  • W. D. Ross: Aristotle’s Metaphysics. Oxford: Clarendon Press, 2. A. 1953. Mit umfangreichem Kommentar

Lexika

  • Christoph Horn / Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie, MĂŒnchen 2002 (ErlĂ€uterungen zahlreicher Termini der antiken und auch der aristotelischen Philosophie) (ISBN 3-406-47623-6 )
  • Otfried Höffe: (Hrsg.): Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, ISBN 3-520-45901-9

SekundÀrliteratur

Zur EinfĂŒhrung
  • Emil Angehrn: Aristoteles: Metaphysik, in Gerhard Gamm/Eva SchĂŒrmann (Hrsg.): Von Platon bis Derrida. 20 Hauptwerke der Philosophie, Primus, Darmstadt 2005, 28–43
  • Otfried Höffe: Aristoteles. Beck, 3. ĂŒberarbeitete Auflage, MĂŒnchen 2006, ISBN 3-406-54125-9
  • JĂŒrgen Mittelstraß: Die Aristotelische Metaphysik, in: Reinhard Brandt/Thomas Sturm (Hrsg.): Klassische Werke der Philosophie. Von Aristoteles bis Habermas, Reclam, Leipzig 2002, 14 – 37
  • Christof Rapp: Aristoteles zur EinfĂŒhrung. Junius, Hamburg 2004, ISBN 3-88506-398-0 (sehr klare und kompakte EinfĂŒhrung zu Aristoteles mit sehr guter thematisch gegliederter Bibliografie fĂŒr Einsteiger)
Zur Vertiefung
  • Michael Bordt: Aristoteles’ „Metaphysik XII“ (Werkinterpretationen), WBG, Darmstadt 2006, ISBN 978-3-534-15578-1
  • Hector Carvallo / Ernesto Grassi: Aristoteles – Metaphysik, Rowohlt, Reinbek 1968
  • Michael Frede/GĂŒnter Patzig: Aristoteles 'Metaphysik Z'. Text, Übersetzung und Kommentar, 2 BĂ€nde (Sondereinband), Beck, MĂŒnchen 1996, ISBN 978-3-406-31918-1
  • Fritz Peter Hager (Hrsg.): Metaphysik und Theologie des Aristoteles, WBG, Darmstadt 1969
  • Werner Jaeger: Studien zur entstehungsgeschichte der Metaphysik des Aristoteles, Berlin 1912.
  • Christof Rapp (Hrsg.): Aristoteles. Metaphysik. Die SubstanzbĂŒcher (Ζ, E, Θ), Berlin 1996. (EinfĂŒhrung in und Artikel zu den wichtigsten Textabschnitten zu der aristotelischen Substanzlehre)
  • Horst Seidl: BeitrĂ€ge zu Aristoteles’ Erkenntnislehre und Metaphysik, Rodopi, Amsterdam 1984
  • Karl-Heinz Volkmann-Schluck: Die Metaphysik des Aristoteles, Klostermann, Frankfurt 1979

Weblinks

Anmerkungen

  1. ↑ Die Zitate erfolgen nach der Übersetzung von Hermann Bonitz/Horst Seidl (Meiner Verlag); die Seitenangaben folgen der Bekker-ZĂ€hlung: Die römische Ziffer nennt das Buch (IV), die arabische den Abschnitt (1), danach die Seitenangabe nach Bekker (1003 a) sowie ergĂ€nzend die Zeilen (21 – 28).
  2. ↑ Hans Reiner: Die Entstehung und ursprĂŒngliche Bedeutung des Namens Metaphysik, in: Zeitschrift fĂŒr philosophische Forschung, 8 (1954), 210–237, abgedruckt in: F. P. Hager (Hrsg.): Metaphysik und Theologie des Aristoteles, WBG, Darmstadt 1969, 137–174, hier 140; Hans Reiner: Die Entstehung der Lehre vom bibliothekarischen Ursprung des Namens Metaphysik. Geschichte einer Wissenschaftslegende, in: Zeitschrift fĂŒr philosophische Forschung 9 (1955), 77-99; Stephen Menn: The Editors of the Metaphysics, in Phronesis 40,2 (1995), 202-208
  3. ↑ Vgl. Aristoteles. Metaphysik. Die SubstanzbĂŒcher, Kommentar hrsg. von Christof Rapp, Akademie, Belin 1996, 4
  4. ↑ Michael Bordt: Aristoteles’ >Metaphysik XII<, Darmstadt 2006, 11
  5. ↑ vgl. hierzu: Michael Bordt: Aristoteles’ >Metaphysik XII<, Darmstadt 2006, 106–113
  6. ↑ Vgl. Michael Bordt: Aristoteles’ >Metaphysik XII<, Darmstadt 2006, 128 und die dort dargestellten Auffassungen von Jaeger und Ross, sowie Fritz-Peter Hager (Hrsg.): Metaphysik und Theologie des Aristoteles, Darmstadt 1979 mit den darin enthaltenen AufsĂ€tzen von Hans von Arnim (Die Entwicklung der aristotelischen Gotteslehre, 1931, 1–74) und W.K.C. Guthrie (Die Entwicklung der Theologie des Aristoteles I und II, 75–113)
  7. ↑ Michael Brodt: Aristoteles’ >Metaphysik XII<, Darmstadt 2006, 143
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