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Der soziologische Begriff der Modernisierung beschreibt und erklärt sozialen Wandel als Übergang von einer traditionalen Form von Gesellschaft bzw. Kultur hin zu moderneren Formen, etwa der Industriegesellschaft. Modernisierungsprozesse werden von der Modernisierungstheorie ursächlich erklärt.
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Der Begriff der Modernisierung versucht, bislang gebräuchliche Wörter wie „Entwicklung“ (mit negativem Vorzeichen: Unterentwicklung, Rückständigkeit[1]) oder Fortschritt durch einen wertneutralen Ausdruck zu ersetzen, wird aber dennoch oft selber weiterhin insgeheim mit Wertakzenten oder mit teleologischer Zuspitzung verwendet. Deutlich wird dies insbesondere in Fällen, in denen das Konzept explizit auf historische Vorbilder Bezug nimmt, für das Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts war das England [2] und für das 20. Jahrhundert bis heute die USA (Amerikanisierung, Verwestlichung bzw. „Westernization“ (amerikan.)), worin sich der Ethnozentrismus der betreffenden Theoretiker oft unbewusst auswirkt. Die Fokussierung auf ein bestimmtes historisches Vorbild wird oft verknüpft mit einer Konvergenztheorie. Problematisch ist dabei auch die These der gleichlaufenden Entwicklung von Industrialisierung (bzw. Wirtschaftswachstum) und Demokratisierung (bzw. der Teilhabe der Bürger an der politischen Macht).
Tonangebend für die neuere Begriffsverwendung in der Soziologie wurde Daniel Lerner, The passing of traditional society: Modernizing the Middle East (1958).
Die historische Erfahrung eines epochalen Wandels wurde auch schon von den soziologischen Klassikern in unterschiedlichen Begrifflichkeiten problematisiert, etwa von Auguste Comte in seinem Drei-Stadien-Gesetz, von Karl Marx im Historischen Materialismus, von Herbert Spencer im Evolutionismus, von Ferdinand Tönnies in der Entgegensetzung von Gemeinschaft und Gesellschaft, von Émile Durkheim im Typusvergleich zwischen mechanischer und organischer Solidarität.[3] Diese polaren, symmetrischen Dichotomien beschreiben mit dem Idealtyp der "Tradition" den Ausgangspunkt und mit dem Idealtyp der "Moderne" das Ziel eines gerichteten Evolutionsprozesses.
Die Ausbreitung modernisierungstheoretischer Ansätze in der Wissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ist vor seinem geschichtlichen Hintergrund als Reaktion auf den Ost-West-Konflikt und die Entlassung ehemaliger Kolonien in die Unabhängigkeit zu verstehen. Als Modell für die inhaltliche Bestimmung der Modernität galt den Modernisierungsforschern das Nordamerika der 1950er Jahre, das durch wirtschaftliche und politische Leistungsfähigkeit gekennzeichnet war. Freie Marktwirtschaft und demokratische Verfassung werden zum erstrebenswerten Entwicklungsziel deklariert und in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander verstanden.
Stärker als andere sozialwissenschaftliche Felder haben Modernisierungstheorien eine Doppelfunktion: Zum einen sollen sie wissenschaftliche Erklärungen für (Unter-)Entwicklung liefern, zum anderen Handlungsstrategien zur Überwindung von Unterentwicklung entwerfen.
Modernisierung wird hierbei als ein Prozess der zunehmenden Verwirklichung von Eigenschaften einer Gesellschaft verstanden, wie zum Beispiel als Prozess wachsender Empathie, d.h. zunehmender Wahrnehmungsoffenheit und Reaktionselastizität durch wachsende Kommunikation und Information (Daniel Lerner); oder als soziale Differenzierung und Reintegration auf höherer Systemebene (Shmuel N. Eisenstadt).
Als Indikatoren von Modernisierung dienen: Bevölkerungsentwicklung, Urbanisierung, Überwindung des Analphabetismus, allgemeine Schulpflicht, Wirtschaftswachstum, soziale Sicherheit, bürokratische Organisationen, technische Kommunikationsformen und hohe Kommunikationsfrequenz, politische Beteiligung der Bürger, demokratische Regierungsform, Partei- und Verbandsstrukturen und kulturelle Orientierungsmuster.[4]
Seit der Aufklärung und ihrem dem Fortschritt verpflichteten Denken hat die Moderne oft positive Konnotationen, nicht unähnlich dem jüngeren Schlagwort Globalisierung. Bereits aber das durchaus moderne Denken der Romantik hat im frühen 19. Jahrhundert kritisch die Folgen der Rationalisierung behandelt (typisch dafür: die romantische Ironie). Die Kehrseite der Modernisierung (z.B. Pauperismus) wird ab der Mitte desselben Jahrhunderts auch vielfach in den gesellschaftlichen Diskurs einbezogen, wodurch der Ausdruck ambivalente Züge gewann.
Da Modernisierung im alltäglichen Sprachgebrauch oft positiv besetzt ist, wird der Begriff gerne von verschiedenen Verbänden zu Zwecken des Lobbyismus eingesetzt.
Ursprünglich orientierte sich der Begriff Modernisierung an der europäischen Geschichte seit der frühen Neuzeit und stellte dabei insbesondere auf die Prozesse der Individualisierung, Säkularisierung und Rationalisierung ab. Im wirtschaftlichen Bereich drückt sich Modernisierung am stärksten und plötzlichsten in Form der Industrialisierung aus. (Siehe auch den Eintrag zur Moderne.)
Zahlreiche Einzelgeschehnisse werden dabei als „Schlüsselereignisse“ („Sternstunden“) aufgeführt, so die Erfindung des Drucks mit versetzbaren Lettern durch Johannes Gutenberg u. v. a. m. Doch ist deren Wert eher im Didaktischen als im Analytischen zu sehen.